Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerbringen, wiederbringen, vb.

wi(e)derbringen, vb.,
'zurückbringen, wiederherstellen, wiedergutmachen, wiederholen'. ahd. uuidarbringan, uuidere bringen, mhd. widerbringen, widere bringen; afries. weerbringa; mnd. wedderbringen; mnl. wederbringen, -brengen, ndl. wederbrengen. die feste komposition, die in älterer sprache neben der trennbaren einherging (also: er wiederbrachte neben er brachte wieder), hat das wort aufgegeben. zu seinen bedeutungen s. die bemerkung unter 3 b β.
1)
'zurückbringen'.
a)
von sachen, auch tieren: (Judas) uuidarbrahta thie drizzug pfenningo then heroston thero heithaftono (retulit xxx argenteos principibus sacerdotum, Mt. 27, 3) Tatian 193, 1 Sievers; s. auch: erste dt. bibel 1, 108, 23 lit. ver.; mac er si (die hunde) niht wider bringen, er sol in nâch volgen landrecht d. Schwabenspiegels 197, 15 Wackernagel;
nicht ist zuͦ loben desz künheit,
welcher viel harnisch an sich leit,
da ern nicht selber widerbringt,
und den ein ander im abdringt
Kirchhof wendunmuth 1, 123 lit. ver.;
einem so guten vater seinen brief ungelesen wieder zu bringen? Lessing 2, 306 L.-M.; ein ducaten bleibt mir; es ist der preis, über den wir einig wurden. das übrige bring' ich wieder Holtei erz. schr. (1861) 24, 43. in bildlicher anwendung z. b. 'rückgängig machen, abschaffen, beseitigen':
derhalb langsam ist gschlichen ein
ein irtumb, welcher zwar nicht klein
von Ptolomaei zeiten her
der wider zubringen ist gantz schwer
Thurneisser erkl. d. archidoxen (1575) 128.
in der rechtssprache vgl. damit: disen kouff widerruoffen, widerbringen ald ze nüt machen qu. v. j. 1391 in: schweiz. id. 5, 734; si ... svln die vrteil wider bringen (um 1275) Schwabenspiegel, lehenrecht 128 Lassberg; appellare die vrtheil widerbringen, vffhalten, hinderziehen, erleichtern (1550) Schöpper synonyma 100 Schulte-K. im einzelnen s. noch:
α)
ohne jede räumliche bewegung eines eigentlichen zurückbringens, überhaupt '(jemandem oder sich selbst) etwas wieder in besitz bringen, wieder verschaffen': flissent úch nu, daz ir ... mit gotte in uwern hertzen zuͦ allen ziten umb gangent, wanne hie mit so múgent ir daz verlorne widerbringen und nuwen hort von gotte erwerben Seuse dt. schr. 439 Bihlm.; (die eroberten städte und schlösser) die wir aber von den gnaden gots zum merern teil widerbracht haben (1491) bei Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 291;
euch andren herren hochgeborn,
mit derer hülf, welchs war verlorn,
das königreich (Böhmen) mir (dem kaiser) widr gebracht,
will ich halten in guter acht
bei Opel-Cohn dreiszigj. krieg (1862) 120;
frühe auf und späte nieder
bringt verlohrne güther wieder
Spanutius lex. (1720) 589.
β)
zustand, verhalten, fähigkeit wiederbringen (mit den antonymen verlieren, hinraffen, entführen, nehmen): es ist viel fugsamer, man wer sich, ee man die freyhait verlies, dann man si mug widerpringen, wenn das sy verloren ist (1428) Andreas v. Regensburg sämtl. w. 604 Leidinger; ehre, so sie verloren, ist nicht wider zubringen Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) o 2ᵇ;
bring, was satan hingeraft,
bring die demuth wieder
Neukirch ged. (1744) 62;
wenn dich des freundes gram nicht rührt,
lasz eines mädchens gram dich zwingen.
du hast ihr einen theil von meiner freud' entführt,
und du muszt ihr ihn wiederbringen
J. A. Ebert episteln u. verm. ged. (1789) 52;
... jetzt findet sie die sprache,
verwund'rung nahm sie — neugier bringt sie wieder
Schnitzler d. grüne kakadu (1899) 25;
vgl. auch unten die belege aus neuerer sprache unter 3 b β.
γ)
den geist wiederbringen (vgl. im gegensatz dazu den geist aufgeben): ein mensch aber, so er jemand tödtet ..., so kan er den ausgefaren geist nicht widerbringen weish. Salomonis 16, 14. ähnlich das leben wiederbringen (vgl. entgegengesetzte wendungen wie das leben nehmen, rauben, verlieren): hastu mir vnd allem meinem volck, da wir das (leben) verloren hetten, errett, erlengert vnnd widerbracht, da du durch dein trew vnsz gestern so tröstliche hilff inn vnsern nöten (während einer schlacht) bewisen hast Carbach Livius (1533) 119ᵃ;
doch hat noch das gelück hier drey in eins gezogen,
das mir als toden nun mein leben wiederbracht
Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 79.
oft 'das den menschen durch den sündenfall verlorengegangene, ihnen von gott entzogene (ewige) leben zurückbringen':
sus wart das leben widerbraht
(vor 1312) Heinrich v. Hesler apokalypse 2517 Helm;
dasz, wie us des einigen Adams versündigen, der tod, sünd und verdammnusz in alle menschen geflossen sye, also auch durch den einigen herren Jesum Christum das leben, gnad und gerechtigheit widerbracht syg Zwingli dt. schr. (1828) 1, 188;
euch menschen ist ein kind gebohren,
das euch das leben wiederbringt
Cramer s. ged. (1781) 3, 186.
δ)
in bes. verwendung wird das wort vom ertrag des bodens oder eines gewässers gebraucht im sinne von 'abwerfen, einbringen', eigentlich '(den aufwand) zurückerstatten': dasz ein (fisch)teich in zwantzig jahren kaum wiederbringet, was man aufs graben gewandt hat d. edle fischbüchlein (Nürnberg ca. 1660) 97; so weit das auge reicht, wird Ägypten zum garten, wo die gütige natur mit der geringsten hülfe dreiszigfach den saamen wiederbringt A. v. Haller Usong (1771) 38; man müszte annehmen, dasz der heideacker jährlich so viel stroh wiederbrächte, als zu seiner düngung ... erfordert wird J. Möser s. w. (1842) 1, 424.
b)
personen 'zurückbringen, -führen' (auch mit sachsubjekt): ê ih in (mînen uuine) uuidere bringon (donec introducam) in mîner mûoter hûs Williram hohes lied 48, 11 Seem.;
ub ich in (Benjamin) dir (Jakob) widere nebringe
(von der fahrt nach Ägypten)
altdt. genesis 4467 Dollmayr;
fuͦr er über meer ... umb Hesionam syn schwester wider zebringen (1473) Steinhöwel de claris mul. 125 lit. ver.; fugitivarius der die flüchtigen oder entloffnen knecht sucht vnd sie den herren wider bringt Calepinus XI ling. (1598) 594ᵇ; sie (haben) auff solche böcke sich des nachts zu ihren buhlen oder huren auff etliche meilweges ... holen und wiederbringen lassen Prätorius blockesberges verrichtung (1668) 60;
und was
bringt dich so unverhoft aus Brüszel wieder?
Schiller 5, 1, 19 G.;
der teufel schwur, dasz er ihn (den ritter) gesund wiederbringen würde J. Grimm dt. sagen (1891) 2, 180. uneigentlich (s. Alemannia unter wi(e)derbringerin): hab ich den poeten widergebracht an sein ort (poetam restitui in locum), der yetzt schier abgewendt was durch vnbilligkeit der widersechern vom fleisz, von der arbeit vnd auch von der kunst des dichtens Boltz Terenz (1539) 111ᵇ; ein in sich erniedrigtes volk kann wie gesagt nur durch langsame geduldige leitungen auf den weg, sich seiner exsistenz zu freuen, wiedergebracht werden Herder 17, 395 S. im besonderen
α)
tote wiederbringen: widerbringestu die muter deiner kinder ackermann a. Böhmen 52 Bernt-B. bisweilen ganz deutlich mit der vorstellung des zurückbringens vom aufenthaltsort nach dem tode:
drumb ist von Orpheo erdacht,
das er sein frauw hab widerbracht
durch dises spiel (der laute) ausz todsgefahr
Fischart w. 1, 358 Hauffen;
diesz grab — schlieszt eine brawt, diesz einen vater ein.
umsonst, dasz wir die hände ringen!
kein jammer wird sie wiederbringen.
stumm ist die lange nacht, und taub der orkus, taub!
Falk satiren (1800) 1, 39.
β)
in geistlichem schrifttum 'sünder, verirrte zurückführen': ich (die ewige weisheit) bin doch dur dich und alle súnder in dis welt komen, daz ich dich widerbringe minem himelschen vater Seuse dt. schr. 213 Bihlm.;
damit er (Christus) uns jm machet gleich, machet gleich,
vnd wider brächt zu gottes reich, alleluia
Kehrein kathol. kirchenlied 1, 222.
'erlösen, retten':
da waren drie schuldig an (am sündenfall):
der bósz gaist, ain wip, ain man.
sus wolt ús wider bringen
got
(nach 1298) der sœlden hort 553 Adrian;
s. auch: dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 110 Pf.;
Adam dîn widerbringen daz wart hôste ('kam teuer zu stehen')
do man dich lôst tief ûz der helle rôste,
do muost got sînes bluotes vil verrêren ('vergieszen')
zs. f. dt. altertum 45, 159;
'bekehren': du selbst auch wende allen fleisz an, ... wenn dir gott die gnade zur busze und besserung gegeben hat, auch andere zu gewinnen, und wieder zu bringen Scriver seelenschatz (1737) 1, 81ᵇ. mit deutlichem anschlusz an das biblische gleichnis vom guten hirten (Mt. 18, 12 und Lc. 15, 4; vgl. auch Hes. 34, 12) begegnen belege wie: do er ... daz verlorn schefli (eine geflohene nonne) hate dem milten got under sinen armen wider braht Seuse dt. schr. 74 Bihlm.; Christus hat den obersten bevolhen, das sie die yrrigen ynn barmhertzickeyt suchen und wider brengen, und 99 schaff die weyl gehen lassen sollen, bis sie eyn yrrigs wider zu recht bringen Luther 18, 464 W.; er brachte ... die verirrten schaafe seinem oberhirten Jesu Christo wieder J. M. Miller pred. f. landvolk (1776) 1, 46.
γ)
im mhd. wiederholt '(jemand von einem verhalten, vorhaben [gen. d. s.]) abbringen':
daz wir die gesellen
ir gelphes wider prengen
Rolandslied 216 Wesle;
Joseph im gedahte
des in got wider brahte,
daz er wolte entrinnen
e sin die liute inne
wurden alle gliche
priester Wernher Maria 154 Wesle.
2)
vergangene zeit 'zurückbringen, -rufen': wie lant ir (toren) daz schön, daz edel, daz wunneklich zit da hin gan, daz ir kume oder niemer mugent wider bringen Seuse dt. schr. 220 Bihlm.;
(gott) der vns nach allem kummer
vnd mancher kalten nacht
den freudenreichen sommer
hat frölich widerbracht
Ringwaldt christl. warnung (1588) M 8ᵃ;
der liebreiz, der uns früh verbunden,
beschäfftigt unsre frohen stunden,
und bringt dich wieder, güldne zeit
Gerstenberg schlesw. lit.-br. 201 lit.-denkm.;
du wirst den frühling der völker uns wieder bringen Hölderlin ges. dichtung 2, 89 Litzmann;
es war ein heil'ger tag, und keinen gleichen
wird mir der lauf der sterne wiederbringen
Raupach dram. w. kom. gattung (1829) 1, 322.
3)
'zu einem zustand zurückführen; wiederherstellen, erneuern'.
a)
(etw.) zu einem zustand zurückführen: müssen wir alles wiederbringen auf die rechte form Luther tischr. 4, 260 W.; hat er alles ... zu vorigem alten stand gerichtet und widerbracht Fabricius auszug bewerter hist. (1599) 693. personen in einen zustand zurückversetzen, zu einem verhalten zurückbringen: (Christus) bringet in (den reuigen sünder) uuidere ad innocentiam (ps. 102, 5) Notker 3, 739, 6 S.;
(Christus) den menschen wider brechte
in die ewiclichen genist
(vor 1312) Heinrich v. Hesler apokalypse 18 616 Helm;
jch besorg, daz verkert lewt ditsmal dermassen seinn besessen mit ketzerischen geisten vnnd in fürgenomener aigenwilligen maynung erherttend, daz sy on grosse gnad gots zuo rechtem glawb nit seinn widerzebringen Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 111 Reithm.;
gelt macht die thorn zu grossen herrn,
hurn, buben widerbringt zu ehrn
Eyering proverb. copia (1601) 1, 373.
b)
überhaupt 'wiederherstellen, erneuern'.
α)
konkretes:
dô hete ouch künic Prîamus
die veste (Troja) schône widerbrâht.
sie was mit bûwe alsô bedâht,
daz ir kein stat dô was gelîch
Konrad v. Würzburg d. trojan. krieg 17 335 lit. ver.;
ain richter mag gebieten manigelichen, die darzue gehorent, ob in dem gericht pruggen, weg oder steg abgiengen, die zu widerbringen (1396) österr. weist. 5, 100; das du raǔben vnd plundern mügest vnd deine hand lassen gehen vber die verstoreten (wohnstätten), so widder bracht sind vnd vber das volck (Hes. 38, 12) Luther 30, 2, 228 W. auch das menschengeschlecht nach seiner vernichtung in der sintflut: im hundertesten und ersten jar nachdem das menschlich geschlächt in Armenia widerpracht was worden, tailt der Noah das ertrich ... in drei teil (begonnen 1526) Aventin s. w. 4, 52 bayer. akad.
β)
abstraktes (halbkonkretes): (hierher?) restitue animam meam a malignitate eorum. pring uuidere fone iro arguuilligi mîna sêla. irgib sia irslagena fone in ze lîbe. tûo sia irstân (ps. 34, 17) Notker 3, 199, 3 S.; gotdiz laͦb und dinst da gemerit und wyedir bracht wurde (1323) hess. urkundenb. 2, 345 Wyss-Reimer; (der könig wollte durch krieg) widerbringen dütsches landes ere, die do sere geswechet waz (Straszburg 1362) städtechron. 8, 51; wenn des menschen gemüt verneüt vnd reformirt ist, also dz die beschafen bildung des schöppffers widerpracht ist Keisersberg granatapfel (1510) F 5ᵃ; die sipschaft gêt also nach nit dem pluet sunder dem gesatz Moysi, darinn gepoten ist, das der lebendig brueder dem, so an (ohne) leibserben abgestorben, den nam und stamen widerbringen sol dermassen, das der erstgeporn sun des lebendigen dem gestorben nachgenent und zuegeaigent als sein erb werde (begonnen 1526) Aventin s. w. 4, 727 bayer. akad.;
(gott) bring wieder und erneure
die wolfahrt deiner heerd
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 344ᵃ;
die zerfallene einigkeit unter denen herren brüdern wiederzubringen Leibniz dt. schr. (1838) 1, 335. die belege aus neuerer sprache werden durch ihren textzusammenhang nicht mehr mit sicherheit hierher gewiesen. sind sie daher und in anbetracht der mit dem 18. jh. eintretenden bedeutungsverengung von wiederbringen (auch der unter 4 behandelte gebrauch erlischt) besser nach oben zu den belegen unter 1 a β zu stellen? vgl.:
bis Utrechts friedensschlusz die ruhe wiederbrachte
Gottsched neueste ged. (1750) 22;
der wiedergebrachten gabe der sprachen muszte die reformation bald nachfolgen (1794) Herder 19, 52 S.; Hakon sey ganz das ebenbild seines vaters, nur darin ihm unähnlich, dasz er die alte freiheit wiederbringe Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 2, 90.
c)
im bereich der heilkunde: emendare heilen, geneeren, widerbringen, gesund machen Frisius dict. (1556) 470ᵃ; immedicabilis vnheilsam, das mit artzneyen nicht wider zu bringen ist Calepinus XI ling. (1598) 681ᵃ.
α)
glieder, organe 'wieder zurechtbringen': wirt das gelid gentzlich behüt vnd wider bracht Braunschweig chirurgia (1539) 15ᵇ; widerbringt kräfftig die verfaulte leber Lonicerus kräuterb. (1593) 97ᵃ. eingebüszte fähigkeiten, kräfte, die gesundheit 'wiederherstellen': wenn der kroten ain aug verdirbt, so izt si ain besunder kraut, da mit si daz gesiht widerpringet Konrad v. Megenberg buch d. natur 296 Pf.; so die artzet den krancken jre krefft widerbringen wöllend Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 2, 85; wann die verscherzte gesundhait nicht wider zupringen Fischart w. 3, 14 Hauffen; (wein) vermehrt und widerbringt die blöde gedächtnisz, bekräfftet die nerven Hohberg georg. cur. (1682) 1, 374.
β)
krankheiten, körperschäden 'heilen': aller seuchen widerbringender arzet (gott) ackermann a. Böhmen 34, 27 Bernt-B.; vitium leybsprästen oder vnuollkommenheit desz leybs die nit widerzebringen ist, als stagglen, hincken, der kräbs vnd der gleychen Frisius dict. (1556) 1392ᵇ.
γ)
jmd. 'wieder gesund machen, heilen': stach sy der bruͦder ... auff den tod wund, wurdend doch durch fleysz der artzet widerbracht vnd erhalten Stumpf gemeiner lobl. eydgnoschafft thaaten beschreybung (1548) 196ᵃ (7. buch). im bilde:
(der koch Mäszigkeit) ist ain artzat wyse
vnd kan mit siner spise
die siechen wider bringen
liedersaal 3, 38 Laszberg.
in die geistliche sphäre entlehnt: diu selbe erzenîe, dâ mite uns der almehtige got wider brâhte Berthold v. Regensburg 2, 82 Strobl.
d)
im anschlusz an das vorige, überhaupt lebewesen 'erquicken, stärken': dú hitze der sunnen derret die bluͦmen in dem haissen sumer ... daz towe die schönnen bluͦmen wider bringet unde kuͤlet (ende d. 13. jhs.) St. Georgener pred. 48 Rieder; hye bist du (ein ochse) abgescheiden von aller vorchtsamkeit vnd arbeit by guͦter weid, da du dich selbst widerbringen magst buch d. beisp. 22 lit. ver.; (frauen) die durch vilfaltigs gebären entkrefftiget sind, bringet es wider vnd sterckt sy (ein bad) Stumpf gemeiner lobl. eydgnoschafft thaaten beschreybung (1548) 173ᵃ (6. buch). seelisch-geistig 'wiederherstellen, wiederaufrichten': mit den weinenden weinet ich, mit den trurenden truret ich, unz daz ich sie muͦterlich widerbrahte Seuse dt. schr. 85 Bihlm.; was möchte den trostlosen menschen so sicher widerbringen als das wort sines schöpfers? Zwingli dt. schr. 1, 251 Sch.;
wenn aber sy sich hönlich stallt,
muesst er mit früntlicher einfalt,
mit liebkosen sy widerbringen,
bis sy wider ward gueter dingen
qu. v. j. 1575 in: schweiz. id. 2, 1367 (s. v. hönlich).
'wieder zu sich bringen': do sy in diser beschöw ('gesicht, vision') was, do kam ain schwester und ret mit ir und bracht sy wider (1336 beendet) Elsbet Stagel leben d. schw. zu Tösz 76 Vetter; gabend sy (die vier Berner ketzermönche) jm das tranck eyn, daruon er schaumet vnd mit Christo ausz grosser andacht (als sy fürgabend) mit dem tod rang: vnd so sy zeyt beduͦcht, gabend sy jm das ander tranck eyn, das jn gantz widerbracht Stumpf gemeiner lobl. eydgnoschafft thaaten beschreybung (1548) 457ᵃ (13. buch).
4)
etw. 'wiedergutmachen, aufwägen'; veraltete, doch in älterer sprache oft belegte bedeutung: wenn er (der adler) ainen tage vast, daz widerpringt er mit vil ezzens an dem andern tag Konrad v. Megenberg buch. d. natur 167 Pf.; widerbringet, was ir ... an mir ... arges habet begangen ackermann a. Böhmen 19, 18 Bernt-B.;
ein Frantzos sin sach vor zü richt
ein Lombard is güt in der gschiht
die Tütschen machen ir anslag
wan mans nit widerbringen mag
(bearb. v. 1494) S. Brant narrenschiff 14 (var.) Zarncke;
die vor geflohen waren, hetten gern jr flucht vnd schand wider bracht Carbach Livius (1533) 119ᵃ. insbesondere einen schaden, ein versäumnis, auch den sündenfall wiedergutmachen:
geschehener schad ist niht zu bringen
wider zwar mit keinen dingen
(um 1340) minneburg 3685 Pyritz;
bedacht Xanthus, wie er die versomnus ... widerbrächte Steinhöwel Äsop 54 lit. ver.;
schawt vom himel die grechtigkeit
zu allem menschlichen geschlecht,
dasz Adams fall sie widerbrecht
Hans Sachs 18, 335 lit. ver.;
sein liecht und heyl
macht alles heil,
der himmelschatz bringt allen schaden wieder
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 3, 328ᵇ.
5)
'wiederholen'.
a)
mit worten. worte, äuszerungen berichtend wiederholen, wiedergeben: (als er) het gehört alle die wort der widerbringenden (referentis; var. von ca. 1475: der widersagenden) dise ding hat der man geret mit mir erste dt. bibel 3, 116 lit. ver.; ich hörte halb wachend, halb träumend zu, doch werd' ich kaum etwas wesentliches geändert haben, wie ich die erzählung aus meinem gedächtnisz objectivirt hier wiederbringe H. Laube ges. schr. (1875) 8, 59. vor gericht: antwvrte wider bringen vmb die rede dar vmb er angesprochen ist (um 1275) Schwabenspiegel, lehenrecht 119 Laszberg. bereits bekanntes oder schon geäuszertes 'wiederholen, erneut vorbringen': so ist auch aller menigclichen kund und wissent und ... jetzo nit zuͦ widerbringen (Augsburg) städtechron. 32, 282; so von einer beyvrtheil oder bescheid appelliert, so nit krafft einer endvrtheil hette ... oder die beschwerung in der endvrtheil nicht mehr widerbracht noch erholt werden möcht, sollen solche appellationes ... nicht angenommen ... werden houegerichtsordn. Friderichen pfalntzgrauen bey Rhein (Heidelb. 1573) 69; was ich ihnen verwichenen herbst zum bescheid gab, bring ich heut wieder Schiller 3, 363 G.; braucht er (der mensch) redensarten, wie wörter, d. h. sie sich als eins denkend, und sie immerfort ungetrennt wiederbringend W. v. Humboldt ges. schr. 5, 446 akad.
b)
überhaupt 'wiederholen, nachahmen': repetere repetieren, widerholen, aefern, wideräfern, widerbringen (1550) Schöpper synonyma 103 Schulte-K.;
wenn itzt das echo manchen triller
aus wollust zweymal wiederbringt
Schwabe belust. (1741) 1, 310;
nachahmung, die blosz in einem identischen wiederbringen und verschlechtern des urbildes besteht (1805) Schiller br. 7, 229 Jonas; experimente, die unter veränderten bedingungen immer das vorige wiederbringen, und sich mit groszem aufwand in einem ganz kleinen kreise herumdrehen Göthe II 2, 5 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 927, Z. 41.

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Zitationshilfe
„wiederbringen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederbringen>.

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