Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widererkennen, wiedererkennen, vb.

wi(e)dererkennen, vb.,
eine person oder sache mit einer früher gesehenen identifizieren; lexik. vereinzelt seit dem 15. jh. bezeugt: resipere wider erkennen Diefenbach nov. gl. 317ᵇ; agnosco wider erkennen Calepinus XI ling. (1598) 57ᵇ; wiedererkennen Campe 5 (1811) 708ᵃ; lit. seit der 2. hälfte des 18. jhs. belegt.
1)
von personen.
a)
eine person bei erneuter begegnung wiedererkennen: wenn man ihnen ihren freund Anselmo jetzt zeigte, würden sie ihn wohl wieder erkennen? Lessing 2, 161 L.-M.; (wir sehen Iphigenie) den Orest wiedererkennen am altar der Diana Herder 17, 385 S.; ich erkannte sie (die geliebte) ungeachtet der groszen veränderung wieder Göthe I 23, 82 W.; er hätte ihn beinah nicht wiedererkannt, denn er hatte einen gestickten modefrack mit steifen schössen angezogen Eichendorff s. w. (1864) 3, 391; (er) sah eine weile scheinbar befremdet auf uns hin. dann ging etwas wie freudiges wiedererkennen durch seine züge. „ha, willkommen!“ rief er H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 238; indes Diederich den major unschwer wiedererkannte, denn er hatte sich garnicht verändert, erläuterte die dichterin ihm ... die vorgänge H. Mann d. untertan (1949) 278; (Amadeus) wollte sie (die bäuerin) nur ansehen, für alle zukunft, nicht etwa, um sie wiederzuerkennen, sondern nur, um zu wissen, wie zwei menschenaugen aussahen E. Wiechert missa sine nomine (1950) 74. jemanden an bestimmten merkmalen wiedererkennen:
doch ja, wenn alles still und finster um uns ist,
erkenn' ich dich an deinen küssen wieder
Göthe I 2, 109 W.;
wer mich ein mal nur flüchtig gesehn, musz mich an diesem fragezeichen (narbe im gesicht) wieder erkennen Holtei erz. schr. (1861) 17, 104; (Sigmund) hätte ihr, heiszt es, einen ring hinterlassen, an dem er sie und ihr kind wiedererkennen wollte Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 2, 218.
b)
in einer person eine andere, aus früherer zeit bekannte erkennen: da wir ... den griechischen virtuosen weder unter den Franzosen noch unter den Spaniern ... wieder erkennen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 113 lit.-denkm.; ich erinnere mich einer solchen person, aber in ihnen hätte ich sie nicht wieder erkannt Göthe I 21, 105 W.; die meinungen der dorfbewohner ... theilten sich bei der ihnen vorgelegten frage: ob sie im unbekannten den jäger Franz wiederzuerkennen vermöchten Holtei erz. schr. (1861) 3, 161; man hatte diesen mann in dem töpfer Terenz wiedererkannt Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 112.
c)
jemandes merkmale oder eigenschaften in oder bei anderen wiederfinden: Saladin: ah! seine hand! auch die erkenn ich wieder (gemeint ist die handschrift des bruders beim neffen) Lessing 3, 176 L.-M.; bemerken sie seine (d. knaben) gaben, seine natur, seine fähigkeiten, und wenn sie nicht nach und nach sich selbst wiedererkennen, so müssen sie schlechte augen haben Göthe I 23, 111 W.; allerdings herrscht einstimmigkeit bei allen Ägyptologen, dass man in den heutigen Fellahin des Nillandes noch scharf und deutlich das volk der Pharaonen wieder erkenne Peschel völkerkde (1874) 13.
d)
jemandes wesen aus einer bestimmten, für ihn typischen äuszerung oder verhaltensweise wiedererkennen: bravo! ... nun erkenn' ich dich wieder! das erstemal seit langer zeit hast du wieder gesprochen, wie einer dem etwas wahrhaft am herzen liegt Göthe I 25, 99 W.; (er) lachte dann wieder über den bruder spaszvogel, in dem man den alten träumer gar nicht wiedererkenne O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 179; (er) konnte reifen spielen wie ein junger marquis; ... aber nun ist er sieben jahre im amte und du würdest den Schönemann, der der gnädigen frau den hof machte, nicht wieder erkennen Fontane ges. w. (1905) I 5, 163; sie verstummte mit verlegener miene, war auf einmal wie verschlossen. frau von Lenkstädt erkannte darin ihre Klara wieder Polenz Grabenhäger (1898) 1, 11. hierher wohl auch: musz denn alles heute wetteifern, mich durch groszmuth zu beschämen? mein sohn, erkenne deinen vater wieder, der eine weile seine menschliche natur ausgezogen, und in ein wildes thier ausgeartet war Lenz ges. schr. 1, 83 Tieck.
e)
gelegentlich, seiner selbst wieder bewuszt werden:
sie rissen mich vor den altar und weihten
der göttin dieses haupt. — sie war versöhnt;
sie wollte nicht mein blut, und hüllte rettend
in eine wolke mich; in diesem tempel
erkannt' ich mich zuerst vom tode wieder
Göthe I 10, 19 W.
2)
von gegenständen und sachen:
a)
einen gegenstand oder eine örtlichkeit als bekannt erkennen: St. Peter ... kaum erleuchtet, so dasz man das ungeheure gebäude kaum wieder erkannte (1786) Göthe IV 8, 104 W.;
man flucht mir nicht, man sieht mich gütig an?
— ja jezt erkenn' ich deutlich alles wieder!
das ist mein könig! das sind Frankreichs fahnen!
(worte der aus der ohnmacht erwachenden Johanna)
Schiller 13, 335 G.;
aber, armes heimatland,
habe dich fast nicht wiedererkannt!
Hoffmann v. Fallersleben ges. schr. (1890) 4, 88;
während ich ... an der leicht wiedererkannten übergangsstelle um die felsenecke biege und den eingehauenen pfad betrete Barth Kalkalpen (1874) 412; (Winfried) freut sich innig an dem allgemeinen wiedererkennen, das die mutter mit der gegend austauscht A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 434. hierher auch: der zug der küste ist im lauf der jahrhunderte so verändert worden, dasz man ... die ehemaligen localverhältnisse nur unvollkommen wiedererkennt Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 28 anm.
b)
etwas in oder an etwas anderem wiedererkennen: wer zehen original-genies gesehen hat, wird sich an die unterscheidenden züge gewöhnen und sie an dem eilften wiedererkennen Lichtenberg nachlasz 74 L.-Sch.; auch glaubte er in den einzelnen abgerissenen worten, welche die luft herüber wehte, die stimme der wunderbaren sängerin wieder zu erkennen Eichendorff s. w. (1864) 3, 127. von dargestellten gegenständen: „das (bild) ist schön“, sagte Gordon, während die beständig auf ähnlichkeiten ausgehende Cécile durchaus eine wiese, die man vorher passiert hatte, darin wiedererkennen wollte Fontane ges. w. (1905) I 4, 257; man kann (bei einem gemälde von Florenz) die zahlreichen landhäuser, die kirchen und klöster alle wiedererkennen Göthe I 48, 127 W.
c)
von geistigen prinzipien, lehren u. dgl.: auch erkannte man bald diese principien, den geist der religion ... beynah in allen büchern wieder Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 118; wie vergangenheit und zukunft ... so nichtig als irgend ein traum sind, gegenwart aber nur die ausdehnungs- und bestandlose gränze zwischen beiden ist, eben so werden wir dieselbe nichtigkeit auch in allen andern gestalten des satzes vom grunde wiedererkennen und einsehen Schopenhauer w. 1, 38 Gr.; das recept zu dem text einer opera buffa, welches Arteaga ... einem dichter mittheilen läszt, kann man im wesentlichen in der mehrzahl komischer operntexte wiedererkennen O. Jahn Mozart (1856) 1, 351 anm.; so bleibe nur die dritte (lehre) übrig, in der man Leibniz' eigene lehre der praestabilirten harmonie wiedererkennt du Bois-Reymond grenzen d. naturerkennens 3 (1873) 23. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 950, Z. 15.

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Zitationshilfe
„wiedererkennen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedererkennen>.

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