Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widergebären, wiedergebären, vb.

wi(e)dergebären, vb.,
mhd. wider(ge)bern, mnl. (part.) wedergeboren (-gebaren), ndl. (adj.) wedergeboren. aktiv, gern passiv, seltener reflexiv gebraucht: der geist der freiheit wollte durch ihn sich wiedergebären Bettine dies buch geh. d. könig (1843) 1, 256; seine (des studierenden jünglings) durch fleisz und anstrengung ermatteten gedanken kehren, so wie sie entlassen werden, zum heiligen, groszen, erhabenen zurück, um in ihm auszuruhen, an ihm sich zu erneuern und zu neuen anstrengungen sich wiederzugebären Fichte s. w. (1845) 7, 396. wiederholt bei Herder, z. b.: 'auch ich war in Arkadien!' ist die grabschrift aller lebendigen in der sich immer verwandelnden, wiedergebährenden schöpfung 13, 255 S.
1)
namentlich in älterer sprache ein geistlich-christliches geschehen: durch das krúze súllen wir wider geborn werden in den hohen adel do wir in der ewikeit inne woren Tauler pred. 230, 26 Vetter; wenn mann auch spricht von sterben und von verderben und des gleich, szo meynt man, das der alt mensch soll zu nicht werden. und wenn und wa das geschicht yn eim waren gotlichen liecht, szo wirt der new mensch wider gebornn (2. hälfte d. 14. jhs.) theologia deutsch 33 Mandel; wir werden nicht wiedergebohren durch wercke thun (1522) Luther 10, 3, 103 W.; da er (der mensch) zwar, so er aus gott wiedergeboren wird, nach dem innern menschen im paradeis wohnet, aber nach dem äuszern in dieser welt (1620) J. Böhme s. w. 6, 165 Schiebler; jene (die natürlichen tugenden) sind leichter zu practiciren, diese (die christlichen) aber dem natürlichen menschen schwer, den wiedergebohrnen aber durch die von gott geschenkten gnaden kräffte auch leicht und möglich Fleming d. vollk. soldat (1726) 12; wohl musz man, nach den bildern einer heiligen lehre, der welt erst absterben und wiedergeboren werden, um in das reich gottes eingehen zu können Fichte s. w. (1845) 2, 292. wiederholt neben wörtern, die ein inneres geschehen meinen, wie (auf)erwecken, erleuchten, erneuern (verneuen): der heilige wirdige fronlicham unsers herren Jhesu Christi; das der mensche den zitlichen enphohe und sich do inne zemole vernúwe und do inne wider geborn werde Tauler pred. 266, 23 Vetter; lasz got eingon, er wirt dich gantz widergeberen vnd auferwecken (1523) Eberlin v. Günzburg s. schr. 2, 183 ndr.; das heylige grab der menschlichen seel, darinn Christus geistlicher weisz aufferstehen und uns zum newen leben widergeberen und ernewern will Dannhawer catech.-milch (1657) 2, 239; es (das wort) widergebieret, erleuchtet, erwecket Breckling Christus triumphans (1661) 4; übernatürlich musz das licht seyn, das mich erleuchtet, die gnade, die mich widergebiert und doch soll ich von ihnen rede und antwort geben (1798) Herder 20, 65 S. der mensch wird namentlich in der taufe wiedergeboren:
wir alle widerborn
werden in dem toufe klâr
Konrad v. Würzburg Silvester 4442 in: legenden, hg. Gereke;
in der heiligen tauffe widergeboren (1531) Luther 34, 2, 109 W.; ein christ ..., der durch den heiligen tauff zum ewigen leben wiedergeboren ... worden Grimmelshausen 2, 629 Keller; wo du dich nicht taufen lässt, d. i. wiedergeboren wirst (1775) Herder 7, 411 S. von der wiedergeburt durch Maria, gott, den heiligen geist, die kirche in der taufe:
also versuochest du si gar
diu din (Mariä) tugent widerbar
in des toufes brunnen
Konrad v. Würzburg goldene schmiede 1070 Schröder;
der heilige geist, welcher durch das wasser der seligen taufe den glauben im herzen anzündet und uns also wiedergebieret zum reich gottes Luther tischr. 6, 63 W.;
die heilige mutter die kirch,
soll jetzt sein fro vnd frölich,
weil sie so groszen zahl durchs (tauf-)badt,
jetzt widdergeberet hat
bei Kehrein kathol. kirchenl. 3, 53;
mein gott! ... hie ist der tauffstein, da du mich aus wasser und geist wiedergebohren und zu deinem kind aufgenommen hast Abr. a s. Clara etwas f. alle (1699) 2, 181. die taufe als bad der wiedergeburt, s. sp. 1002:
ach, lasz mich dir (gott) danken mit thränen,
dasz du mir einen sohn gabst,
dasz du ihn beträuftest
mit des wiedergebärenden bades
heiligem wasser
Schubart s. ged. (1825) 2, 220.
2)
in profan-auszerchristlichem gebrauch.
a)
eigentlich 'noch einmal zur welt bringen': goldhörniger stier, nicht sonnenstier, ward Dionysos in der frygischen weihe ..., da ihn Zeus-Sabos aus der lende wiedergebar J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 62. meist steht passive form des verbs, 'noch einmal zur welt gebracht werden, das leben nach dem (ab)sterben wiedererlangen': daz daz (seiden-) würmel sich umb und umb vermacht in ain cleu ('knäuel') vädem, die ez gespunnen hât, dar umb, daz ez widergeporn werd in dem selben cleu (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 297, 11 Pf.; denn da sich Nicodemus verwundert, wie ein geborner mensch zum andern mal sol widergeborn ... werden J. Mathesius Sarepta (1571) 33ᵃ; der phoenix wird von sich auszer und ohne einem phoenix gebohren und wiedergebohren, damit also nur beydes ein phoenix ... sey Treuer dt. Dädalus (1675) 1, 288; (die textstelle) drückt ... der dreimal wiedergebornen Gullveig dreimaliges verbrennen aus, auf jede geburt in die welt folgt zuletzt die bestattung J. Grimm kl. schr. (1864) 2, 268; innerhalb des kurzen lebens musz der Grieche der homerischen zeit sein los und seine verpflichtungen erfüllen; er darf sich nicht auf ein jenseits vertrösten, auch nicht auf ein wiedergeborenwerden Carossa winterl. Rom (1947) 31. in freier anwendung: der du diese blätter liesest ... und mit dem lebendig begrabenen (d. h. in den katakomben verirrten) mitfühlend erstarrst, mit dem wiedergeborenen (er fand schlieszlich doch den ausgang und wurde so dem leben wiedergegeben) froh aufathmend dich freust Gaudy s. w. (1844) 16, 182.
b)
verjüngen, physisch und seelisch erneuern:
sît iuwer (Jasons) vater sîne kraft
von dem alter hât verlorn,
sô wirt er von mir (Medea) widerborn
an kreften und an jugende
Konrad v. Würzburg Trojanerkrieg 10 452 lit. ver.
verinnerlicht: (ich) hoffe wiedergebohren zurückzukommen (aus Italien) (1786) Göthe IV 8, 25 W.;
der durch manch wunniglichen kusz
wiedergeboren werden musz.
wie er den schlanken leib umfaszt,
von aller mühe findet rast,
wie er in's liebe ärmlein sinkt,
neue lebenstag' und kräfte trinkt
ders. I 16, 128 W.;
verjüngt und wiedergebohren stand ich auf (1803) Herder 24, 571 S. zu etwas: weil es ... höchst erwünscht ist einer ... neuen thätigkeit zu genieszen, und durch sie verjüngt und zu früherer thatkraft wiedergeboren zu werden (1814) Göthe IV 25, 93 W.
c)
überhaupt in einen neuen zustand versetzen, umwandeln:
'meinen Hercules führ' ich (Fama) dereinst, o vater der götter',
rief triumphierend sie aus, 'wiedergeboren dir zu.
Hercules ist es nicht mehr, den dir Alkmene geboren;
seine verehrung für mich macht ihn auf erden zum gott'
Göthe I 1, 258 W.;
die pädagogik ist die kunst, die menschen sittlich zu machen: sie betrachtet den menschen als natürlich, und zeigt den weg ihn wiederzugebären Hegel w. (1832) 8, 218. wiedergeboren zu etwas: in diesem jahr ward ein jeder Israelit zu einem freien ... eigenthümer wiedergeboren (1768) Möser s. w. (1842) 1, 222; (Läuffer:) vielleicht könnt' ich itzt (nach selbstkastration) wieder anfangen zu leben und zum Wenzeslaus wiedergeboren werden (1774) Lenz ges. schr. 1, 65 Tieck; wir werden geboren zu menschen, und wiedergeboren zu bürgern Hippel über d. ehe (1792) 121.
d)
gemeinwesen wie welt, staat, volk werden erneuert: die liebe gebar die welt, die freundschaft wird sie wiedergebären (1797) Hölderlin ges. dicht. 2, 118 Litzm.; (E. M. Arndt) hat ... die freie geistige bewegung des wiedergeborenen staats enthusiastisch geschildert Nitzsch dt. studien (1879) 303; die kirche ..., welche unser volk wiedergebiert Lagarde dt. schr. (1886) 518.
e)
von sachlich-dinglichem:
kein tag wird wiedergebohren,
und keine thräne bringt stunden zurück
Dusch verm. w. (1754) 431;
ehstens erhalten sie ein neues opusculum, das sie in frührer gestalt schon kannten, das ich voraus in seiner wiedergebohrnen gestalt empfehle (1794) Göthe IV 10, 223 W.; der geschmack Ayrer's ist hier (in schles. dramen d. 17. jhs.) gleichsam wiedergeboren Gervinus dt. dichtung (1853) 3, 436; dieser rückschritt macht den fortschritt, indem er die philosophie ... wiedergebiert (1878) Ruge briefw. u. tageb. 2, 427 Nerrlich. 'wiederholen': zu meinem erstaunen stammelte er jetzt wenig, da er sonst wachend jedes wort zehnmal wiedergebäret Jean Paul w. 4, 197 Hempel.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 990, Z. 47.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„wiedergebären“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedergeb%C3%A4ren>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)