Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerhalten, wiederhalten, vb.

wi(e)derhalten, vb.,
zurückhalten; widerstehen; bestand haben. mhd. widerhalten; mnl. wederhouden. seit dem 13. jh. belegt, mundartl. im sinne von 'nachhaltig sättigen' bezeugt (s. 3 b): rehibere widerhalten gemma gemm. (1508) x 3ᵇ; obnitor ich halt wider Alberus dict. (1540) uu 4ᵃ; obnitor widersperren, widerhalten, widerfächten, widertringen Frisius dict. (1556) 893ᵇ; s. v. obfirmo 891ᵃ; obnitor entgegen tringen oder streben, widerhalten, widerstehen Calepinus XI ling. (1598) 969ᵇ; wiederhalten durare, opponere sese, contra niti, objicere Stieler stammb. (1691) 747; widerhalten tenere contro, resistere; widerhalten gegen seine feind Kramer t.-ital. 1 (1700) 612ᵃ; widerhalten résister, tenir bon, tenir ferme Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1043ᵃ; widerhalten Adelung 5 (1786) 201; Campe 5 (1811) 700ᵇ.
1)
zurückhalten, festhalten.
a)
etwas in seiner bewegung auf-, an- oder zurückhalten: da erkante der ritter myn herren Gawan und wiedderhielt sin rosz mit groszer crafft, das ers nehelich uber ruck geworffen hett Lancelot 1, 311 Kluge; alls der sariand nach im slachen wil, so wirfft Lantzilet im den ritter under den schlag. der sariand chund den schlag nicht wider halten und schlueg seinem herren das haupt entzwai pisz auf die schultern U. Füetrer Lanzelot 120 Peter; aber der falk ist im ze behend und ze snel, und dar umb entweicht er dem geir, sô er auf in platzen wil, sô mag sich der geir niht wider gehalten und stoezt sich ze tôd Konrad v. Megenberg buch d. natur 230 Pf.;
(ein rasendes untier mit eiserner kette um den hals)
daran sich hangen thet
ein durchsichtiger geyst,
das er schwitzet und greist,
das thier zu wider-halten,
zu zemen und zu gwalten
(1545) Hans Sachs 3, 455 lit. ver.;
einer der sich von jenem gähen felsen stürtzete, könne sich wann es ihm beliebte im herab fallen besinnen und widerhalten Opitz opera (1628) 2, 255.
b)
etwas zurückbehalten, vorenthalten; widerhalten, hinderhalten, nicht geben wöllen retenir, ne vouloir point rendre Hulsius-Ravellus (1616) 410ᵃ:
hastu sie (die liebe) denn nicht bekommen? nimm sie
noch, und lasz mir ruh.
wer ist der sie widerhält?
Abschatz poet. übersetzungen (1704) 1, 49.
(jmd., etw.) an einem orte festhalten, an der fortbewegung hindern: wenn das von ihnen nicht gehalten wird, so sollen sie zehn marck der stadt verfallig seyn, vnd man soll einen bey 3 marck wiederhalten, so lange bis ers gebüsset (1381) bei Haltaus gl. germ. (1758) 2101;
was macht's dann dasz die schiff' und sie (die Danaer) nicht förder ziehn?
sag' an doch welcher gott sie also sehr hält wider
Opitz opera (1690) 1, 216;
und ein jegliche spitz hat ein widerhäcklein, als die angel, dasz sie wiederhalten mag (ca. 1660) fischbüchlein 162. mit der kraft des körpers, insbesondere der hände festhalten:
daz si (die teufel) sich selber hiengen dran (an die waag-
und wolden zien sô her dan schale)
ir teil in die tiefe nider.
die vrouwe hielt sô vaste wider
die schâle an widersâze
daz si in schôner mâze
den sunder vrî machte
(13. jh.) Marienlegenden 134, 190 Pf.;
wenn der eine vorn ans rad greifft vnnd scheubt was er von leibs krefften mag, die ander halten hinden wider vnnd hemmen oder werffen stöck vnd blöck in weg, da gehet das fuhrwerk nicht von stat Petri d. Teutschen weiszh. (1605) Aaa 8ᵃ; und wenn man nur nicht für schmerz schreiet oder seufzet oder keichet oder sich die ribben widerhält Schummel empfinds. reisen (1771) 24. mehr im sinne von 'zusammenhalten': der syrop hât die art, daz er des êrsten entloest oder waichet die gäng, und dar nâch widerhelt er die gäng und ist guot wider des leibes hinlauf und wider daz wüllen und wider die âkraft Konrad v. Megenberg buch d. natur 345 Pf.;
der gründet nur auff sand,
der nicht auff liebe baut, die als ein festes band
auch die natur verknüpfft. was hält den weltkreysz wider?
warumb geht das gestirn in ordnung auff und nider?
Opitz opera (1690) 1, 6.
2)
widerstand leisten. gewöhnlich absolut oder mit dem dat. der person.
a)
einem drucke, einer belastung standhalten, widerstehen:
ich tuon im als der hamer tuot dem herten anebôz.
er halt ze beiden orten doch swaz man ûf in geslât.
sîn widerhalten ist sô grôz
daz ez dem hamer uber ecken gât
meisterlieder d. Kolmarer handschr. 80, 47 Bartsch;
dann die (beim ersten umpflügen entstandenen) schweren schollen widerhalten wie ein starck fundament vnd schlahen (beim späteren pflügen) die pflugschar ausz M. Herr feldbau (1551) 44ᵇ;
als wann im Donauflusz
zum ersten frülings blick, das eis nun brechen musz
vom wasser auffgeschwellt, von lauter wärm erhoben,
zersplittert von dem strom, mit krachen, prausen, toben
schiffmühlen, brücken, aw und wälder reisst und bricht
und kan das ufer selbst schier widerhalten nicht
Hohberg d. habspurg. Ottobert (1664) OO 3ᵃ;
ancker, welche ... mit ... hackischen spitzen am boden des meeres wiederhalten und sich etlicher massen einklammern Abr. a s. Clara etw. f. alle 2 (1711) 39; (der prahm) glich aber mehr einem abgedankten und vermorschten wrack, als einem rüstigen und widerhaltenden fahrzeuge Matthisson erinn. (1817) 4, 14;
das ist, gott steh' mir bei, des teufels wetter!
mich wundert, dasz der dachstuhl widerhält
Müllner dram. w. (1828) 3, 5.
hierher auch: wie ich ... mit der lincken hand ... meines feindes hieb-degen dermassen fassete, er aber ... mit gröster force mir seine klinge durch die hand zog ... gewiszlich wenn die handschuh nicht so wieder gehalten hätten, meine finger wären verlohren gegangen Kuhnau music. quacksalber (1700) 54, 17 ndr.
b)
im kampfe widerstand leisten:
swenne die (kampfrosse) zu sturme gaten,
vorchtliche stimme sie taten
deme daz sich strites wider hielt,
so rumete swaz icht sinnes wielt
Heinrich v. Hesler apokalypse 14 179 Helm;
und wann wir fur uns genomen haben, derselben stat in kurcze unser hilff mitzuteilen, domit si sich solicher ir beschediger entseczen und widergehalten mogen (1430/31) cod. dipl. Lusatiae super. 4, 60; die capitanier, die so koenlich wederhielden, waren her Gerhart Scherfgin vnd her Herman Scherfgin sin neve (1499 Köln) städtechron. 13, 619;
da han ich mich darwider gspert
vnd jm das mit gewalt erwert (den viehraub),
desz landtvogts knecht ich widerhielt
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 3, 76 Bächtold;
ihre alten handfesten kerle hielten lange wider, und wir drängten und schossen Göthe I 8, 177 W. vom streit in geistiger hinsicht: die yhm (dem papst) darynnen (in seinem treiben) widderhalten, die greyfft er frey an, ist keck widder sie, vorbannet und vordampt sie (1522) Luther 8, 713 W.; was glauben und lere antrifft, das hat wider liebe noch gedult, da müs ich mit ernst widderhalten und nicht eyn harbreyt weichen (1525) ebda 17, 2, 113; (als der papst merkte) das im die weltliche oberkeyt wider hielt, und sich nicht also wolt lassen zwingen Sleidanus reden 14 lit. ver. abgeschwächt im sinne von 'entgegnen':
zitternd hub an ein käfer: nie in meinem leben
erlitt ich solch ein katastrophisch grasaufbeben!
ein fabelhaftes vngeheuer, riesengrosz,
stampft mit den fürchterlichen hüften stosz auf stosz.
ihm widerhielt ein winziger mottenschmetterling
...
ich bleib dabei, das ungeheuer zieht mich an.
Spitteler olymp. frühling (1925) 2, 246.
in anwendung auf inneren widerstand:
der mensche muz ouch den slaf haben
daz er den lib muge irlaben.
doch sal er sich virvullen niht,
was uberslaf man des giht
daz er untugende mere.
...
da sal die maze halden wider
väterbuch 14 330 Reissenberger;
man mus widerhalten, das man nicht geil, faul und lass werde, wie denn unser fleisch und blut dazu seine lust hette (1525) Luther 16, 338 W.
3)
bestand haben, dauerhaft sein.
a)
in eigentlicher bedeutung nur vereinzelt bezeugt: leder hält wieder coria sunt durabiliora pannis Stieler stammb. (1691) 747; die lederne hosen, die genagelte schuh, die gedoppelte strümpffe halten wider. ... die dünnen räder, die alamode schühlein etc. halten nicht wider Kramer t.-ital. 1 (1700) 612ᵃ. im sinne von ausreichen, vorrätig sein: denn da bei uns unsere mädchen durch ihr vermögen stillschweigend sich männer kaufen müssen ..., so sind sie auch meist nur wahrhaft frauen, so lange das geld widerhält L. Schefer kl. romane (1839) 5, 206.
b)
von speisen im sinne von 'nachhaltig sättigen, vorhalten': brod vnnd rinderbraten halten im bauch wieder Lehmann floril. polit. (1662) 3, 31; es (das rindfleisch) hält vortrefflich wieder Chr. Weise überfl. gedanken 156 ndr.; brot und rindsbraten halten wieder Steinbach dt. wb. (1734) 1, 685; nein, so etwas, was mehr widerhält. sauern kohl und speck oder so etwas Lichtenberg verm. schr. (1800) 1, 384; a paar brotwürst mit broad a wai zu'n fruahstuck helt besser wider, als das elände caffeeg'schlapp Sartorius Würzburg 151; dəs a̹sən helt net laŋə werə Hofmann niederhess. wb. 263ᵇ.
c)
übertragen von gefühlsregungen, fähigkeiten usw., die andauern oder bestand haben: wenn die kinder-freude, die uns des heilands kinderhaftigkeit erworben hat, nicht recht mehr widerhalten will Zinzendorf kinderreden (1758) 39; und dass ... meine grimmige wut kaum sechs stunden widerhalten würde Rabener s. schr. (1777) 6, 27; die liebe (ist) das einzige ordentliche ding ..., das wir auf der welt davon tragen und das widerhält, wenn die andern lumpereien zu grund gehen (1833) W. Grimm in: briefw. 2, 866 Leitzmann; dasz es seine ehre und freude ist, so lange zu arbeiten als die kraft des leibes und geistes widerhält W. Riehl dt. arbeit (1861) 21.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1033, Z. 65.

Im ¹DWB stöbern

a b c d e f g h i
j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„wiederhalten“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederhalten>.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)