Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerholung, wiederholung, f.

wi(e)derholung, f.,
das seit dem 17. jh. geläufige abstractum schlieszt sich in seinen verwendungen im wesentlichen an diejenigen des verbs (unter B) an. meist tritt neben wi(e)derholung eine objektbestimmung im genitiv.
1)
zu wi(e)derholen B 1.
a)
das wort bezeichnet (als nomen actionis) die nochmalige oder mehrmalige äuszerung von worten etc.: daher stellte sich die schildwacht mit widerholung ihres geschreys (sc. wer da?) desto hefftiger (1669) Grimmelshausen Simpl. 104 Scholte; treu erzählt die muse ihre worte nach, und ändert kein wort auch in der wiederholung derselben Herder 22, 146 S.; die kleine versammlung ... wünschte die wiederholung dieses liedes A. v. Arnim s. w. 1 (1853) 330; der meister sah nach gravitätischer wiederholung dieses ausspruches starr vor sich hin Brunner ges. erz. (1864) 1, 117. als charakteristikum schlechten stiles, aber auch als bewusztes stilmittel: die verdriesliche wiederholung einerley wörter zuvermeiden, vnd den stylum in etwas zuverendern Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) vorr. 4; so besteht das spiel der worte in einer zierlichen wiederholung Chr. Weise polit. redner (1677) 63; entsprechend auch in der musik: wenn man auch hundert und mehr stimmen dazu componiren wolte, so können sie alle nichts anders, als eine in höhern oder tieffern octaven geschehene wiederholung eben dieser triades seyn Heinichen generalbass (1728) 120; noch vor dreyszig bis vierzig jahren konnte man die wiederhohlung eines (musikalischen) satzes in einer andern tonart gar wohl hören Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 105. vom bloszen nachsprechen unverstandener sätze und begriffe: um sich vor der dumpfen wiederholung unbegriffener lehren zu bewahren Ranke s. w. (1867) 1, 4; das war doch nur eine wiederholung der sinnlosen phrasen, die ihm seine vorgesetzten ... in den mund legten Feuchtwanger Simone (1950) 198. vom übenden aufsagen, nachsprechen: durch widerholung foriger lehr- und unterrichtsreime Zesen verm. Helikon (1656) 1, 75.
b)
von der nochmaligen (mehrmaligen) äuszerung eines sinngehaltes ohne rücksicht auf die wortfolge: mit widerholung, dass dess beklagten anwalt Moyses den krieg rechtens befestige Ayrer hist. processus juris (1600) 236; setze deswegen die sach gleichfalls mit widerholung bevorgethaner bitt zu richterlicher endlicher erkantnuss Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 1, n 2ᵇ; so beschliesst der hr. verfasser seine geschickte arbeit mit einer summarischen wiederhohlung seiner bisher erklärten säze Bodmer slg. crit., poet. schr. (1741) 1, 166; was ihn noch mehr in diesen gesinnungen bestärken musste, war die wiederholung der ausschweifenden forderungen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 528; sie fürchten vielleicht die wiederholung dieses oder eines ähnlichen vorschlages Raupach dram. w. ernster gattg. (1835) 4, 210; aber sie (die allg. d. bibl. Nicolais) war desto wirksamer durch die stete eintönige wiederholung der einfachen wahrheit, dass theologische streitigkeiten nicht religion seien Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 238. prägnanter im sinne von 'erneuerung' eines gesetzes etc.: betreffend aber die repetition und wiederholung desselben (gesetzes) ..., so ist dasselbe geschehen nach der biblischen chronologi ... im jahr ... 2508 Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 45; die geschärfte wiederhohlung der königl. ordre Lessing 18, 490 L.-M.; dagegen ist ... in früher zeit die wiederholung der lex curiata erforderlich erschienen Mommsen röm. staatsrecht (1871) 1, 54.
2)
das wort steht weiterhin zur bezeichnung der mehrmaligkeit (nochmaligkeit) eines geschehens oder einer situation (zu wi(e)derholen B 2): also dasz ich vor diszmal meiner straff, durch widerholung eben desz jenigen, damit ich solche verdient hatte, nicht allein glücklich entgieng, sondern auch ... lob erlangte (1669) Grimmelshausen Simpl. 81 Scholte; nimm einen badschwamm, netze ihn im frischen wasser, lege ihn übers bail ..., netz ihn aber im frischen wasser und leg ihn über, bis er (der wein) nach offt geschehener wiederholung dieses den anzick gäntzlich verlieret Hohberg georg. cur. (1682) 1, 372; ja ein messer ... kan in den damit geschnittenen speisen den menschen böse zufälle und mit wiederholung gar den tod verursachen Ettner v. Eiteritz mediz. maulaffe (1719) 659; weil eine fertigkeit durch übung erlanget wird, eine übung aber in wiederholung der handlungen bestehet Chr. Wolff ged. v. d. menschen thun (1720) 164; häufige widerholung geht in gewohnheit über W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 80; die stete wiederholung dieser einen grossen gefahr und das mögliche eintreffen eines endlichen fehlschusses sagte meinem wesen zu G. Keller ges. w. (1889) 4, 68; der besuch war ein sehr angenehmer, und die bitte um wiederholung wurde zugesagt Stifter s. w. 1 (1904) 49; das einzige mittel, gute minister zu erhalten, liege in häufiger wiederholung des parlaments (d. h. seiner sitzungen) Ranke s. w. 16 (1870) 25.
3)
zu wi(e)derholen B 3.
a)
'vergegenwärtigung, repetition': ich ... alles insgesamt wieder vergessen hatte, welches die unterlassene wiederholung verursachte d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 40; pastor! mit ihrer erlaubnis eine kleine wiederholung, über die farben von gestern abend Hippel lebensläufe (1778) 1, 482; aber plötzlich fiel mir's ein, nach Heidelberg zu gehen, und dort unter den studenten mit wiederholung ihrer vorlesungen und unterricht in der musik, meinen unterhalt zu suchen Schubart leben 1 (1791) 190; täglich soll der arzt ... in der wiederholung dieses wissens ... sich ... üben Göthe I 25, 96 W.
b)
von einer nachahmung, einer zufälligen gleichartigkeit der gestaltung: scheint mir dies ... symbol ... zu denen zu gehören, die wie weit auch die ... wiederholung in erfindung der bilder ... reichen möge, nicht zweimal erfunden werden W. v. Humboldt br. an Welcker 88 Haym; jedem grossen originalkünstler pflegt ... ein zahlloser schwarm der armseligsten kopisten zu folgen, bis durch ihre ewigen wiederholungen ... das grosse urbild selbst so alltäglich ... geworden ist Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 91 Minor; indessen bot das Zürcherische lager während der zeit der unterhandlungen das neuartige bild eines reformierten kriegslagers, wie es später vielleicht nur unter dem Schwedenkönig oder bei den englischen puritanern eine wiederholung fand G. Keller ges. w. (1889) 6, 388.
4)
mehr im hinblick auf ein nebeneinander im raum (vgl. wi(e)derholen B 4): schattige wälder, höhen und thäler mit den angenehmsten freudenplätzen, ein fischreicher, klarer fluss und die wiederholung aller dieser guten dinge in einer weiten, belebten nachbarschaft G. Keller ges. w. (1889) 1, 14; die häufige wiederholung desselben sujets (auf den gemmen) gab anlasz zu vergleichen Justi Winckelmann (1866) 1, 371; die regelmäszigkeit der langen, von west nach ost dahingestreckten bergketten, welche in vierfacher wiederholung den bau des ganzen gebirges weithin beherrscht Barth Kalkalpen (1874) 395.
5)
das nomen acti bezeichnet die resultierenden erscheinungen. vom sinngemäsz wiedergegebenen wort (s. unter 1 b): es ist aber auch dise epistel, ein widerholung oder wideräfferung desz, so zuͦvor gesagt worden Rabener hist. d. martyrer (1571) 153ᵃ. 'erneuerung' (s. unter 1 b): dieser entwurf war nichts anderes als eine wiederholung der regimentsordnung des jahres 1500 Ranke s. w. (1867) 1, 316; die artikel, welche Luther bei dieser zusammenkunft in Schmalkalden abfasste, ... sind ... nichts als eine wiederholung der in confession und apologie aufgestellten lehre ebda 4, 68. nachbildung, kopie (s. auch unter 3 b): er zeichnete von drei wiederholungen die köpfe, wohl auch hände durch, und suchte möglichst in den geist seines groszen vorgängers einzudringen Göthe I 49, 1, 202 W.; es gab schöne wiederholungen des ... Apollo Justi Winckelmann (1866) 1, 273; der Roland von Bremen vom jahre 1404, heute das älteste exemplar, ist die ziemlich genaue wiederholung eines rittergrabmals Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 100; die anderen individuen sind eben nicht wiederholungen des einen, sondern ursprüngliche einzelwesen, ebenso ontologisch wesenhafte singulare Nic. Hartmann ethik (²1935) 291. in freier verwendung, etwa als 'entsprechung, abbild': er erstaunte nicht wenig darüber, dasz Sebaldus, anstatt die apokalypse von der christlichen kirche erklären zu wollen, sie für eine wiederholung der geschichte Frankreichs ausgab Nicolai Seb. Nothanker (1773) 1, 136; das weib ist die wiederholung der erde in der gesellschaft Hebbel w. I 5, 255 Werner.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1053, Z. 19.

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Zitationshilfe
„wiederholung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederholung>.

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