Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerkauf, wiederkauf, m.

wi(e)derkauf, m.,
was rückkauf, wiedereinlösung (s. d.). mhd. widerkouf, mnd. wedderkop, mnl. wedercoop. auch bezeichnung für ein zinsgeschäft (s. 1 b), bei dem der verkäufer gegen die sog. hauptsumme und bei zahlung von zinsen (s. ³zins A 1, 2, teil 15, sp. 1484) ein besitztum (bes. grundbesitz) mit dem vorbehalt veräuszert, es nach vertraglich festgelegter frist zurückzukaufen. das vorwiegend rechtssprachlich gebrauchte wort ist seit dem 13. jh. bezeugt, kann aber bis in die zeit der ersten wirksamen, sich bes. gegen den geldzins richtenden kanonischen zinsverbote (12. jh.) zurückreichen, die durch die praxis des verkaufs auf wiederkauf umgangen wurden. lexikalisch vereinzelt seit dem 15. jh.: prerogatiuum wyeder kouff (md.) Diefenbach gl. 456ᵃ; reemtio wider kouff (ende 15. jh.) ebda 489ᵃ; den wbb. um 1500 und der 1. hälfte des 16. jhs., die das vb. wiederkaufen fast durchweg verzeichnen, fehlt das substantiv. regelmäszig gebucht seit: redemptura ein wiederkauff Faber thes. (1587) 276ᵃ; fiduciaria venditio est, quae fit sub lege seu pactione redimendi ein kauff mit vorbehaltener macht des widerkauffs oder das verkauffte wiederumb an sich zu loͤsen Decimator thes. (1608) 515; wiederkauff vn rachat, quand on rachat ce qu'on a vendu Duez dict. 2 (1664) 676ᵃ; wiederkauf retroëmtio, retrovenditio Stieler stammb. (1691) 940 (nicht bei Kramer).
1)
eigentlich.
a)
die handlung des wiederkaufens: vnd sol der wieder kǒffe beschehen alz hie nach geschriben staͤt: also swenne der vorgenant von Zolr oder sin erben koment mit also vil hallern az vorgeschriben staͤt ... so sullen ich vnd min erben die phenninge enphahen vnd nêmen, vnd sol danne ... daz dorf ze Offtertingen mit den rehten az ich es gekoͮffet hêtte vmbe in, ledig vnd lôs sîn von mir (1345) monum. Zollerana 1, 165; wer aber, daz wir, oder vnser erben den widerkauff versaumten vnd niht widerkauften in den vorgeschriben acht jaren, so schol der kauff selb ein ewiger ... kauff sein vnd beleiben (1373) ebda 4, 236; und were, daz ein widerkouf nach sinem tode beschehe, so solle der rate zu Nawenburg, der denn ist, dasselbe guͦt wider anelegen (1414) oberrhein. stadtrechte II 3, 163; der Rheingraf fordert, im namen fräulein Kunigundens von Thurneck, den wiederkauf eurer herrschaft Stauffen H. v. Kleist w. 2, 214 E. Schmidt; dem könige (Karl IX. von Frankr.) werde (aus dem verkauf der geistlichen güter) ein vortheil von 72 millionen bleiben, wovon er 42 zur bezahlung seiner schulden, zum wiederkauf seiner domänen brauche Ranke s. w. 8 (1876) 164. sich den wiederkauf (d. h. das recht auf wiederkauf) vorbehalten, 'etwas auf (oder zu) einen wiederkauff verkauffen vendere à condizione di ricompra' Rädlein t.-it.-frz. (1711) 1055ᵃ: ez sol auch dhaine burger kaines gastes guͦt in seiner wagunge fuͤren uber lant, noch auf dhainen widerkauf (13./14. jh.) Nürnb. polizeiordn. 123 Baader; und were sache daz juͤden scholtheizenampte oder andere ampte welde gerichte dorffere ... versast, verpant oder zuͤ widerkauffe verkaufft weren, die sullen wir unser egenanter son und unser yglicher gentzliche abeloesen und widerkeuffen (1376) dt. reichstagsakten 1, 18 Weizsäcker; doch hat er im und seinen leibserben, auch hern Gotfriden, seinem vettern, und desselben erben den widerkof oder die widerlosung ... vorbehalten Zimmer. chron. ²1, 564 Barack; braucht der schuldner ein kapital von 1000 thalern, so verkauft er seinem gläubiger 50 thaler jährlicher renten aus einem benannten grunde und behaͤlt sich den wiederkauf bevor (1769) Möser s. w. 5, 65 Abeken; durch einen kaufcontract über Mömpelgard, in welchem dem herzog das recht des wiederkaufs vorbehalten ward Ranke s. w. (1867) 3, 325; 1372 verkaufte dann kaiser Karl ... den forst ... mit dem vorbehalt des wiederkaufs Schwappach hdb. d. forst- u. jagdgesch. (1886) 1, 115; hat sich der verkäufer in dem kaufvertrag das recht des wiederkaufs vorbehalten, so kommt der wiederkauf mit der erklärung des verkäufers gegenüber dem käufer, dasz er das wiederkaufsrecht ausübe, zustande BGB § 497 abs. 1.
b)
selten für den zinskauf, das geldgeschäft selbst: zum widerkauff gehoret primo hypotheca, ein vnterpfandt, als acker, haus, stadt landt, auff welchem die zinsz gekaufft werden; denn was nichts treget, das kann nichts zinsen (1543) Luther br. 10, 351 W.; solche n. hufen ... sollen von n. oder seinen erben wideruͤmb ausgangs der n. jar geloͤset ... werden Machholth formular od. schreibeb. (1560) 85ᵃ; wiederköufflich zinsz ist nichts anders als ein jährlich einkommen, so alle jahr aus einem guten zu geben ist ... ein anders aber ist der wiederkauff, wann ein gut also verkaufft wird, dasz, wann der verkauffer den kauffschilling erlegen wil, das verkauffte gut ihme wieder zu geben ist M. Zeiller episteln (1656) 4, 401.
c)
abwertend im sinne 'wucher' bei Luther und vereinzelt später: es stehen aber der kloͤster und stiffte guͤtter zum teyl, und pfruͦnden fast viel auff dem wucher, der sich itzt ynn aller wellt nennet den widderkauff und hatt die gantze wellt ynn kurtzenn iaren verschlungen (1523) Luther 12, 14 W.; zum andernn, vonn denn untreglichenn zinszenn, durch welche wir vornehmenn den widderkauff adder wucher zinse, szo die heubtsum widder heim, auch offt zum uberflusz gefallen ist, welche zinsze man furtan nicht gedenckt mehr zu gebenn ebda 18, 534; man helt es anjetzo vor eine circumventionem licitam, das pfand sub specie eines wiederkauffs annehmen oder verkaufft zu bleiben, vor zeiten ein betrug Lehmann floril. polit. (1662) 1, 111.
2)
in übertragenem gebrauch nur selten bezeugt.
a)
das wiedereinlösen, loskaufen:
ja der brunne bezeichent di touf
und der sele widirkouf,
wan mit der reinen toufe art
die sele widir gekoufet wart
(1275/76) Brun v. Schonebeck d. hohe lied 7608 Fischer;
mit turem wider koufe
kouft her uns alzugater
an dem cruce sinem vater
und opferte sich mit gedult
vor unse menschliche schult
Heinrich v. Hesler apokalypse 12 830 Helm;
ist aber daz wir uns handeln
boslich, so sul wir iz wandeln
mit bitterem wider kouffe
ebda 4761;
nun habe ich mein hertze verkaufft und werde ohne Reinhards willen keinen wiederkauff vornehmen Chr. Weise polit. redner (1677) 374.
b)
nicht eindeutig greifbar im bereich sinnlicher liebe, wohl im sinne 'gegendienst, vergeltung':
dú hast so gär nach wúnsch gestalt,
das ich dir úmer dienen wil.
...
sú lacht und sach mich spoͤttlich än,
glich als ob ich wer her Jacobsz knecht.
mit kúrtzen wortten crüm und schlecht
fand ich an ir den wider koff;
sie danckt mir nach dem núwen loff
und segnet sich mit halben crútz
Hermann v. Sachsenheim in: mhd. minner. 2, 100 Thiele;
wer nit woltat ... mit gleichem widerkauff vergilt vnd bezalt Hartlieb buch Ovidij v. d. liebe (1482) 14ᵃ; ich bin versagt gen einer magt das sie mich nimmer haben wil vnd do er mich so listiglich vertrungen hat ausz disem spil, stet noch darauff mein wider kauff, den ich mit fuͦg vergolten hab dunckt mich nit gnug Forster fr. teutsche liedlein 28 ndr. wohl hierher, jedoch im feindlichen sinne (vgl. zum folgenden beleg Fischer schwäb. 6, 779):
nain lieber frünt, das sag du mir.
du waist gar vil der fremden louff.
ich main, es syen widerkouff
das man ein küngin nent frow Schand
Hermann v. Sachsenheim d. mörin 4476 Martin.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1063, Z. 19.

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Zitationshilfe
„wiederkauf“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederkauf>.

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