Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerkommen, wiederkommen, vb.

wi(e)derkommen, vb.,
begegnen; gegen etwas handeln; zurückkommen. ahd. uuiderechomen, mhd. widerkomen, mnd. wedderkomen, mnl. wedercomen Verwijs-Verdam 9, 1933. im ahd. (zufrühest bei Notker) wohl mehr als adverbiale fügung denn als distanzkompositum aufzufassen; Otfrid setzt zweimal uuidorortqueman II 12, 23 und IV 16, 26. das wort ist seit dem frühmhd. in der nhd. allein herrschenden bedeutung 'zurückkommen' (B 3) geläufig und findet in mhd.-frühnhd. zeit mannigfaltige verwendungen mit bes. bedeutungsnuancen ('zuwiderhandeln' A; 'von etwas abstehen' B 1, 'von etwas loskommen' B 2 a, 'gesunden, erstarken' B 2 b), ohne dasz der ursprüngliche wortsinn verlorengeht; wie kommen bezieht sich wiederkommen auf jede art von eigentlicher und vorgestellter bewegung, und zwar auf einen ausgangspunkt hin. es steht synonym neben zurückkommen (teil 16, sp. 695), zurückkehren (ebda), wi(e)derkehren (s. d.); die letzteren gehören in neuerer zeit vorwiegend gehobenerer sprache an. häufig für die maa., bes. des westens und nordens gebucht, vgl. u. a. widᵉrkumᵉn Bauer-Collitz Waldeck 113ᵃ; werəkomən Hofmann niederhess. 264ᵃ; weerkuomen Frederking Hahlen 171ᵇ; wêerkômen Schambach Göttingen 290ᵇ; wedderkommen Damköhler Nordharz 224ᵃ; wedderkamen Mensing schlesw.-holst. 5, 560; widerkommeⁿ Fischer schwäb. 6, 781. lexikalisch für die bed. 'zurückkommen' seit dem anfang des 15. jhs. gebucht, vgl. Diefenbach gl. s. v. reuenire, recursare, remeare; Alberus dict. (1540) V 4ᵃ; Frisius dict. (1556) 257ᵇ; Stieler stammb. (1691) 1007; Steinbach dt. wb. (1734) 1, 907. das part prät. steht in älterer sprache bis ins 16. jh. vorwiegend ohne perfektivpartikel (s. kommen I 6 teil 5, sp. 1628).
A.
widerkommen (wider 'gegen'). vereinzelt 'begegnen, widerfahren':
(sie) machten ire vart
in kunc Loketis rîche
ûf nemende dâ glîche
alliz daz in widir quam,
daz zu nutze in gezam
Nicolaus v. Jeroschin 27 617 Strehlke.
wohl in erster linie rechtssprachlich in zeugnissen älterer zeit 'gegen etwas verstoszen, zuwiderhandeln', gewöhnlich mit dat. der sache, nd. auch durch gegen angeschlossen:
sî sprach ich hân es gesworn;
ez wær mir liep ode leit,
daz ich mîner gwârheit
iht wider komen kunde
Hartmann v. Aue Iwein 8117 Lachmann;
obe dir Lvpfer breke oder widir chome siner glvbide, daz (dann) ælliv div lêhen ... div er von Costinze ... hat, an ansprach vnd widerrede ledich sin (Konstanz 1251) corp. d. altdt. originalurk. 1, 27 Wilhelm; wir sullen auch diser vorgenanten gabe (schenkung) der chirchensatze vnd der gvte ... nimmer widerchomen, noch widersprechen mit dheinerlaye sachen (1333) monum. Zollerana 3, 6; dat wi ieghen desse vorscreuenen stucke ... nenerleye wys wedderkomen willen noch en scholen mit worden noch mit werken (1375) Lübecker urkundenb. 4, 287; die Polen ... furchten sich, er wirde seinem worte widerkomen Grunau pr. chron. 1, 25 Perlbach; dasz er ein so gerechtes gesetz vnd ordnung brechen, vnnd demselben widerkommen wolte Bastel v. d. Sohle junker Harnisch (1648) 189; (noch mundartlich:) wedderkamen entgegen handeln Dähnert plattdt. wb. (1781) 542ᵃ.
B.
wiederkommen (wieder 'zurück').
1)
mit genitiv der sache 'von etwas lassen, abstehen', nur mhd. und frühnhd. (vgl. resipiscere vnrechtis widder kommen [md., 15. jh.] Diefenbach gl. 494ᵇ):
hie mite kam er des willen wider:
minne unde muot leit er dernider,
den er der megde Isote truoc
Gottfried v. Straszburg Tristan 19 167 Ranke;
der (rosz-)kouf dunket in so gut
daz er sin ungerne widerqueme
kl. mhd. erz., fabeln u. lehrged. 103, 15 Rosenhagen;
er welli des kaufs gern widerkomen (14. jh.) württemb. geschichtsqu. 18, 70.
2)
in seinen vorigen zustand zurückkommen, vgl. mhd. bekomen in gleicher verwendung.
a)
mit genitiv der sache 'von ungemach, schaden, krankheit freikommen':
wie wart frou Cunnewâre
gâlûnet mit ir hâre!
des sint si vaste wider komn:
ir bêder scham hât prîs genomn
Wolfram v. Eschenbach Parzival 337, 21 Lachmann;
damit sy (die bürger) irer schaden und prunst ... dest pas widerkomen (1393) bei O. Stolz d. Deutscht. i. Südtir. 2 (1928) 242; ergetzet meines schadens oder vnderweiset mich, wie ich widerkume meines grossen herzenleides d. ackermann a. Böhmen 43 Bernt-Burdach;
bistu muͤd, sitz da nider,
da mit kumstu der amacht wider
(15. jh.) schausp. d. mittelalters 2, 274 Mone;
wie drey iunge gesellen von grossem reichtum in grosse armuͦt kamen vnd von einem der ir fetter was ... aller irer schäden wider komen Arigo decameron 65 lit. ver.
b)
in absolutem gebrauch 'sich erholen, gesunden, erstarken' (wider chomen i. iterum valere vel de infirmitate surgere [1429] Diefenbach nov. gl. 154ᵇ): im (dem ritter) waren sin augen rot gewesen und geswollen; die waren nu wol wiedder komen, und was nehelich als schön als er ie wart Lancelot 1, 288 Kluge;
do gab man der sichen
guten wein von Kriechen:
...
untz das sy schon widerkam
und an der kraft zu genam
Heinrich v. Neustadt Apollonius 2772 Singer;
so kumpt die leber wider, vnd würt frisch vnd gesunt H. Braunschweig liber de arte distill. (1507) 86ᵃ; wann ein menschen der schlag rhuͤrt, so gib jhm des wassers ein halben loͤffel voll ... so kompt er wider ohn alle sorg vnd gewirt jhm am leben nicht Gäbelkover artzneyb. (1595) 46. vom bedrängten herzen: der mentsche der ietz verzagen wil, (soll) sin hertz werfen in die marter unsers herren, so kumet ez wider St. Georgener pred. 325 Rieder;
do Maria daz vernam
ir herz von vröuden wider kam
schausp. d. mittelalters 1, 243 Mone.
wiederkommen (aus dem zustand der bewusztlosigkeit), zu sich kommen; als vb. absol. nur in älterer zeit: lang wil lag der konig unversunnen. da er da wiedder kam und mechtig wart, da sah er zu hymel Lancelot 1, 12 Kluge; u. ö.; do er widerkom, do stuͦnd er uf Seuse dt. schr. 80 Bihlm. in präpositionaler fügung: von welchs wegen sie dann von der onmacht widerkam Amadis 1, 226 Keller.
3)
in allgemeiner verwendung 'an den ausgangspunkt, zum früheren aufenthaltsort zurückkommen'.
a)
mit persönl. subjekt.
α)
im eigentlichen sinne: fone diu châmen siê uuidere ze diên, diê siê darasanton Notker 57, 7 Piper;
sag im (dem boten) er hâts iemer danc
und daz ez im lange vrumt,
ob er morgen wider kumt
Hartmann v. Aue Iwein 2140 L.;
bisz er wiedder keme von hofe Lancelot 1, 23 Kluge u. ö.;
unde kum morgen wider!
Daniel 7937 Hübner;
wir wöllen die weil vff den markt geen vnd bald widerkomen Albrecht v. Eyb dt. schr. 2, 73 Herrmann; ja gesund sehen wir uns, kom morgen widder! (1530) Luther 30, 2, 383 W.;
kompt etwan wider nach acht tagen!
der könig hat hewt nit der weil
(1550) Hans Sachs 6, 121 lit. ver.;
Tyridates gegen die nacht in sein zelt wiederkame A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 183; Woldemar ist von der jagd wiedergekommen Sturz schr. (1779) 2, 205; hab jetzt keine zeit. soll nach dem essen wiederkommen Schiller 4, 192 G.;
ja, meiner treu, herr richter Adam!
kahlköpfig wart ihr, als ihr wiederkamt
H. v. Kleist w. 1, 337 E. Schmidt;
die sonne sank schon, als er wiederkam E. Wiechert missa sine nomine (1950) 68. aus der fremde, ins vaterland wiederkommen: (mit akkus. d. inneren objekts)
den hiez ich sîner gulte warten,
unz ich die reise wider kæme
Ottokar österr. reimchron. 25 390 Seemüller;
bettelt von hausz zuͦ hausz, bisz dz er wyder kumpt in sein vatterland Keisersberg pred. teütsch (1508) 44ᵇ;
oftmals schmeichelt er sich, wenn drunten ein einsamer mann gieng,
dass sein vater da gieng' und ins gebirg wiederkäme
Bodmer d. Noah (1752) 5;
alles ist gewiss noch in grosser trauer um meinen verlust, du sollst die freude sehen, wenn ich wiederkomme Brentano ges. schr. (1852) 5, 170. aus krieg (kampf) wiederkommen: welcher ... all tag etliche baͤtlin spraͤch, der werd gesund auss dem krieg wider kummen Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 155 ndr.;
das er vns sighafft wider kumb
Schmeltzl zug i. d. Hungerland (1556) A 2ᵇ;
dasz ich in krieg ziehe vnd auff dem platz bleib, vnd da ich schon wider kaͤm ..., so wer ich doch mein lebtag ein bettler Schweigger reyszbeschr. (1619) 162; sehr viele ... jünglinge ... nicht wiedergekommen waren E. M. Arndt ausg. w. (1892) 1, 43. von zugvögeln: kranich vnd schwalbe mercken jhre zeit, wenn sie widerkommen sollen Heyden Plinius (1565) 437; der einige gott ... lehret die stoͤrche zur füglichen frist ... theils wegziehen, theils wiederkommen Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) vorr. B 6ᵃ; die störche waren nicht wiedergekommen Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 236. in sprichwörtlichen wendungen: wer einen narren aussendet, dem koͤmet ein thor wider Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) G 1ᵈ; es kommet keiner so fromm wieder, als er ausgereiszt ist Lehmann floril. polit. (1662) 2, 708; wêerkômen bedrügt den krâmer Schambach Göttingen 290ᵇ; wedderkamen deit dem kramer schaden: wer wiederkommen will, ist für erst kein kaͤuffer Richey id. Hamburg. 336. komme(n sie) bald wieder u. ä., verbreitet als abschiedsgrusz in umgangssprache und mundart: kommen sie nur bald wieder Ayrenhoff s. w. (1814) 3, 8; vgl. Mensing schlesw.-holst. 5, 560; Möller Sylt 295ᵇ; Fischer schwäb. 6, 781.
β)
aus dem jenseits, aus einer anderen welt (ins leben) zurückkehren; auferstehen. eschatologisch von der wiederkunft Christi (s. sp. 1094): daz gottes sun ... widerkoemen werde zerichten vber all creatur Berthold v. Chiemsee teutsche theol. 85 Reithm.;
von dannen auch wirst widerkommn,
richten die bösen vnd die frommn
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 50;
Jesus, gott, wird wiederkommen
Cramer nord. aufseher (1758) 1, 144;
in freier verwendung von angenommener wiederkehr eines toten: etliche setzen er sey widerkomen Entzelt altmärk. chron. (1579) 188 Bohm; solte S. Elisabeth ... widerkommen Moscherosch gesichte 2 (1650) 87. in der sage:
und (Barbarossa) wird einst wiederkommen,
mit ihr, zu seiner zeit
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 109;
könig Artus, der noch irgendwo lebe und einst wiederkommen werde Scherer litt.-gesch. ⁷161.
b)
in sachlichen und abstrakten bereichen: tiu sunna gât ouh âbendûn uuestert in sedel. sî chumet aber morgenôn tougenero ferte uuidere ze iro ortu Notker 1, 139 Piper; als das wasser, das nit wider kümpt Keisersberg bilgersch. (1512) 101ᶜ;
die nacht ist nun dahin, die sonn ist wieder kommen
Logau sinnged. 7 lit. ver.;
die blaͤtter fallen im herbst ab und kommen im fruͤling wieder Hohberg georg. cur. (1682) 1, 614;
schönstes fest, komm oftmals wieder!
Gottsched ged. (1751) 1, 51;
beim anblick unsrer vom lande wiederkommenden boote J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 287; mensch, mensch, ächzte es in ihm, wenn das nur wiederkommt ... dasz man herr seiner selbst ist A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 54. in verbindung mit substantiven wie geist, besinnung, herz 'wieder zu sich kommen' vgl. den andersartigen, hiermit kaum in verbindung stehenden gebrauch unter 2: (sie) amächtig ... bleyb ligen, doch nach etlicher zeit die verschwunden geiste widerkamen Arigo decameron 285 lit. ver.;
doch nun kam die vernunft allmählich wieder
sie sprach mit sanfter stimm': und doch ist gott!
Lessing 3, 139 L.-M.;
als ihr das herz wiederkam br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, 161; die besinnung kam mir wieder O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 430. von gesundheit, krankheit, physischen anlagen und erscheinungen: jagst die natur schon mit einem stecken us, kummt sy doch wider Zwingli dt. schr. (1828) 1, 46; heut liegt man kranck vnd vngsund niedr, morgen koͤmpt die gesundheit wiedr Eyering proverb. copia (1601) 1, 22; die krankheit kommt, wie ein verirrter wandrer wieder Herder 3, 15 S.; die so übel behandelten anfälle sind es müde geworden, wieder zu kommen A. v. Droste-Hülshoff br. (1893) 188 Th. Schücking. ein bestimmter geistig-seelischer zustand kehrt wieder: in seiner jugend (hat) ihn (Tasso) eine raserey befallen, welche hernach zu gewissen zeiten wiederkommen Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 200; kommen deine feindseligen grillen wieder? Göthe I 11, 95 W.;
der alte zorn kommt wieder
H. Heine s. w. 1, 105 Elster;
ein gefühl von lockerung des herzens, das zwar vorüber ging, jedoch deutlich spüren liesz, dasz es wiederkommen würde Carossa der tag d. j. arztes (1955) 104. von politischen und gesellschaftlichen gegebenheiten und verhältnissen: eine jede wahl ist auch eine gaͤrung, die nicht zu oft wieder kommen musz Albrecht v. Haller Alfred (1773) 210;
nun, Georg, die alte zeit ist wiederkommen
und frägt nach ihren helden
Eichendorff s. w. (1864) 4, 507;
in der auswärtigen politik ... gibt es momente, die nicht wiederkommen Bismarck polit. reden 3, 27 Kohl; dasz die zeit der gewalt vorüber sei, ... und dasz nun die zeit der ordnung wiederkommen würde E. Wiechert missa sine nomine (1950) 551.
4)
wiederholt (d. h. an mehreren stellen) vorkommen, vgl. das in dieser verwendung häufigere wi(e)derkehren C 5: das woͤrtchen 'das', welches sehr oft wiederzukommen pflegt Gottsched dt. sprachkunst (1748) 238; das lehrsystem der illuminaten, wie es ... in so vielen tausend ... büchern wiederkömmt Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 144; dies einmahlige tète (bei Gottfried) sollte es auch nie wiederkommen, ist nicht anzufechten (1820) Lachmann in: briefw. 1, 61 Leitzmann.
5)
wiederkommen, n., substantivierter infinitiv. in allen verwendungen von 3 häufig bezeugt. gegenüber wi(e)derkunft (s. d.) meist umfassender den vorgang des zurückkommens und den augenblick der rückkunft bezeichnend:
gote willekomen, Îsolt.
mîn herze grôzen kumber dolt
umb daz widerkomen dîn
Dietrichs flucht 7303 Martin;
vom wyder kümmen des sunes Terenz deutsch (1499) 69ᵃ; hette gott das widerkommen nicht gegeben, so were das scheiden ein arm leben Lehmann floril. polit. (1662) 2, 149; er ging durch und vergass das wiederkommen Grimmelshausen Simpl. 171 ndr.; zum wiederkommen eingeladen werden Sturz schr. (1779) 1, 85; mit einer solchen heftigkeit des wiederkommens (eines mediums) Rilke br. 1 (1950) 503. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1086, Z. 68.

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Zitationshilfe
„wiederkommen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederkommen>.

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