Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerkunft, wiederkunft, f.

wi(e)derkunft, f.,
rückkunft, wiederkehr. verbalabstraktum zu wi(e)derkommen (s. d.). mhd. widerkunft, mnd. wedderkomst, -kumst, mnl. wedercomste Verwijs-Verdam 9, 1934, nl. we(d)erkomst. das wort ist seit dem 13. jh. durchgehend gut bezeugt, die masse der belege setzt jedoch erst ende des 16. jhs. ein. wiederkunft tritt in einigen verwendungen an die stelle von zukunft (bes. I 5 teil 16, sp. 478), s. unten 2. gegenüber dem weithin synonymen wi(e)derkehr (s. d.) bezeichnet es (resultativ wie ankunft) zuvörderst das eintreffen am ausgangspunkt. nur in älterer zeit finden sich belege für den umfassenderen wortsinn 'rückreise', vgl. in (d. i. während) der wiederkunft unter 1:
alsus sin wille im do geschach
mit erlicher sigenumft.
do greif er an die widerkumft
passional 282ᵃ Köpke.
kaum mundartlich: 'mod. noch in rel. kreisen von der w. Christi' Fischer schwäb. 6, 782. gegenüber dem jüngeren rückkunft (teil 8, sp. 1372) steht es vorwiegend für die rückkehr nach längerer abwesenheit. in den hist. wbb. seit dem 16. jh. durchgehend, bes. für: reditus, regressus, regressio, reuersio widerkunfft Alberus nov. dict. (1540) x 1ᵃ; reditus widerkunfft Frisius dict. (1556) 1126ᵇ; postliminium widerkunfft eines vermeyndten todten Frischlin nomencl. (1586) 264ᵇ; widerkunfft retour, reuenue, ritorno Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 410ᵇ; wiederkunft Stieler stammb. (1691) 1007 (nicht bei Kramer); Steinbach dt. wb. (1734) 1, 907.
1)
in eigentlichem sinne von der rückkehr des menschen (bes. aus der fremde, verbannung, von einer reise):
urloup nâmens zuo der magt
unt zuo dem gast. ir widerkunft in wart gesagt:
diu wart dô anderweide gelobt in beiden
Lohengrin 1539 Rückert;
als dann er wider in tvschiv lant komt, oder in sin hvs oder als sine wider kvnft erste bevindent, so svln si zvͦ im komen Schwabenspiegel, lehenrecht 128 Laszberg; so uch von ... uwers bruders ... widerkunfft ferner eigintliche botschafft inkompt, ir wullet uns die auch mitzuteylen nicht verhalten (1476) Steinhausen privatbr. d. mittelalters 1, 168; nach seiner widerkunfft (aus Welschland) (1543) Luther br. 10, 306 W.; nach der widerkunfft von meinen wenigen reisen Bastel v. d. Sohle don Kichote (1648) 5; bei Napoleons ausbruch und wiederkunft Fr. L. Jahn w. (1884) 2, 6; als ich ... fort gegangen war, hatte mein gastfreund gesagt, dasz ich meine wiederkunft vorher ... anzeigen möge Stifter s. w. 6 (1921) 226. sehr häufig verbindet sich mit widerkunft die vorstellung von glück und freude über die rückkehr eines lange entfernten oder aus gefahr zurückkehrenden:
deine wiederkunft die macht,
dass mein hertz vor freuden lacht
Neumann fortgepfl. lustwald (1657) 315;
der tag und abend meiner wiederkunft sollen sie gewis vollkommen dafür (für d. abwesenheit) belonen (1783) Schiller br. 1, 139 Jonas; weil er aber diesem so ähnlich sah, hielt sie ihn für ihren rechten mann, freute sich seiner wiederkunft br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 347. bes. in der stehenden verbindung glückliche wiederkunft: was fuͤr ... freude vater und mutter ob dieser gluͤcklichen wiederkunfft hatten volksb. v. geh. Siegfried 87 ndr.; und erfreueten sich meiner guten gesundheit und gluͤcklichen wiederkunfft Chr. Reuter Schelmuffsky 90 ndr.; desto angenehmer wird es mir seyn, sie bey einer glücklichen wiederkunft gesund und fröhlich zu empfangen Göthe IV 30, 28 W.
2)
im bereich des glaubens und der sage.
a)
von der auferstehung Christi:
vnd Crist der gewere got
nach der goteheite gebot
an vrolicher wider kunft
erstunt mit aller sigenunft
passional 90ᵃ Hahn,
von der des menschen:
ir (der toten) widerkünfft hat kayn versehn,
bald würt desgleich dir auch geschehn
Schwarzenberg Cicero (1535) 151;
vordem aber war er (der mensch) eine himmlische bildnisz, und die musz er wieder werden in seiner wiederkunft am juͤngsten tage J. Böhme s. w. 3, 204 Schiebler;
(an die sonne:)
kehre morgen —
rötend wieder,
allen seelen
eine wiederkunft
verbürgend!
Carossa ged. (1912) 33.
b)
sehr häufig eschatologisch vom erscheinen Christi zum jüngsten gericht (in der tradition der bibelübersetzungen hält sich für Matth. 24, 27 adventus filii hominis bis ins 20. jh. das in dieser bed. unverständlich gewordene zukunft [s. teil 16, sp. 478]: die zuͦkunft des suns der megde erste dt. bibel, die zukunfft des menschen sons Luther, noch Leipzig 1707 und Berlin 1920; die wiederkunft des sohnes des menschen Zürcher bibel [1951]): wie er denn thun wirt in seiner wiederkunfft am juͤngsten tag theatrum diab. (1569) 186ᵇ; (die engel) waren zeugen und verkuͤndiger seiner auferstehung von den todten und seiner wiederkunft zum gerichte Lavater verm. schr. (1774) 2, 327; persönliche wiederkunft Jesu zur errichtung dieses reiches Fichte s. w. (1845) 4, 580.
c)
auszerchristlich: Herodot behält recht, dasz die Ägypter die wiederkunft der seelen ... erfunden haben Herder 24, 544 S. in der sage: den Armoricanern war Arthus ihr eigner könig ... sie glaubten an seine unsterblichkeit und wiederkunft Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 252; die wiederkunft Friedrichs II. und nicht Barbarossas war (es), welche die deutsche sage noch jahrhunderte nach seinem tode festhielt Nitzsch dt. studien (1879) 180.
3)
in sachlichem und abstraktem bereich.
a)
rechtssprachlich: postliminium recht oder widerkunfft zu vnserem (durch krieg ['prozesz'] verloren) guͦt Frisius dict. (1556) 1030ᵃ; wiederkunfft, wiederkunfftsrecht reditus, jus postliminii Hayme jur. lex. (1738) 1332.
b)
häufiger nur von der rückkehr der sonne (der jahreszeiten) und der zeit (eines bestimmten gesellschaftlichen zustandes):
mit leide kalt kan uns der winter smahen.
von widerkunft der sunnen muͦz er hin, und kan uns vreude nahen
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel 1655 Wolf;
bei heller wiederkunft der sonne
Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 26;
die wiederkunft des frühlings zu begehen Wieland Agathon (1766) 2, 140; die wiederkunft besserer zeit ... abzuwarten Gaudy s. w. (1844) 15, 49; (in einem gespräch über d. bildniskunst:) sie wissen jedoch, dasz ich ihren ansichten von der ewigen wiederkunft stets skeptisch gegenübergestanden bin J. Schlosser präludien (1927) 240. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1959), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1093, Z. 26.

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Zitationshilfe
„wiederkunft“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederkunft>.

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