Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widernehmen, wiedernehmen, vb.

wi(e)dernehmen, vb.,
zurücknehmen, -gewinnen, vgl. wi(e)dereinnehmen. mhd. widernemen, mnd. weddernemen, mnl. wedernemen s. Verwijs-Verdam 9, 1945. lexik. seit dem 15. jh. (bes. für resumere, recipere, repetere) durchgehend gebucht. vereinzelt als gerundium im sinne 'wiederholung': sô sôl die sengrin ein mittelstimme, als man dis ampt alles tuͦot sol anvâhen: in monte oliveti mit sînem vers. vnd das sôl der convent vollenden mit widernemenne (14. jh.) A. Birlinger, in: kirchenschmuck 23, 19ᵃ.
1)
etwas hingegebenes wieder an sich nehmen (s. Adelung 4 [1801] 1536):
sehet, nemmet uwer gelt widder!
adder ich werffe es vor uwer fusz her nidder
Alsfelder passionsspiel 115 Grein;
ich sollte die pferde (die blind waren) wiedernehmen, welches mir ungelegen war H. v. Schweinichen denkwürd. 138 Öst. wieder abnehmen: wenn sie (d. landstreicher) schon huͤner vnd wuͤrst mit kriegeten, da hat niemand sie duͤrffen vmb halten vnd solches widernemen Pape bettel- vnd garteteuffel (1586) Y 3ᵃ. geliehenes, geschenktes oder gleichwertiges zurücknehmen: vnd wenn jr leihet, von denen jr hoffet zu nemen, was dancks habt jr dauon? denn die suͤnder leihen den suͤndern auch, auff das sie gleiches widernemen (Luk. 6, 34) Luther; de is de erste an widernemen, de de erste war an der gabe (1572) Graf-Dietherr rechtssprichw. 155. auch in redensarten: einem etwas geben und es ihm wiedernehmen, wiederwegnehmen ist doppelt stelen Kramer t.-it. 2 (1702) 125ᵃ; eenmal ge̹ben un weddernehmen is e̹benso guud as tweemal (teinmal) ste̹hlen Mensing schlesw.-holst. 5, 563. jemanden (in seine frühere stellung) wieder aufnehmen: Pamphilus kompt wider ... yedoch will er daz weib nit wider nemmen (uxorem tamen recipere non vult) Boltz Terenz deutsch (1539) 110ᵇ. dazu ferner: (ausgesöhnte freunde werden dreist) das gleiche gilt von abgeschafften dienern, die man wiedernimmt Schopenhauer w. 4, 507 Gr.; wiedergenommene zofe und aufgewärmte suppe halten nie vor Düringsfeld sprichw. (1875) 1, 264ᵃ.
2)
verlorenes (gewaltsam) wieder in besitz nehmen: aber ich gedacht an das lant das myns vatters was, ich neme es gern wiedder, mocht es syn Lancelot 1, 93 Kluge; da einst noch ganz gewisz Oesterreich Schlesien wiedernimmt, falls er nur kann Cramer Neseggab (1791) 2, 103; wo ist ... ein Franzose, der nicht sagte ... 'was diesseits des Rheins liegt, das ist Frankreich, das musz bei der ersten besten gelegenheit wiedergenommen werden' Arndt ausgew. w. 1, 201 R.-M. in kriegerischem angriff erobern: bei Hastenbeck hatte er mit dem degen in der hand eine batterie wiedergenommen Justi Winckelmann (1866) 2, 2, 327; der hauptgedanke war, das dorf Groszbeeren und den höhenzug westlich davon im frontalangriff wiederzunehmen Meinecke Boyen (1896) 1, 317.
3)
uneigentlich, mit abstraktem objekt. als verb. refl. in frühen belegen (öfter bei Seuse) 'sein ich wieder annehmen': dar umbe hat ein ieklicher mensch ... sich selber ze lassen und wider ze nemen, in dem er tugend und gebresten mage uͤben dt. schr. 162 Bihlm.; wente also du dy over ghevest unde dy nicht wedder nemest, so werdet dy alto hant to ghesicket unde ghegeven grote gnade imitatio Christi 40 Hagen. in biblischer sprache: darumb liebet mich mein vater, das ich mein leben lasse, auff das ichs wider neme (Joh. 10, 17) Luther (erste dt. bibel.: aber nyme ich sy); vallestu under wylen van krancheyt, nym wedder sterker kreffte den de ersten unde vorlat dy uppe groter gnade imitatio Christi 62 H.; sonst: er erholte sich zwar bald, seine seele nahm ihre vorige schnellkraft wieder Lenz ges. schr. 3, 154 Tieck; mir zu gebieten, meine freiheit wiederzunehmen Schroeder dram. w. (1831) 3, 315. eine beschimpfung zurücknehmen: (Tybalt zu Romeo:)
... du bist ein schurke!
nun, Tybalt, nimm den schurken wieder, den du
mir eben gabst!
Göthe I 9, 217 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1130, Z. 55.

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widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„wiedernehmen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedernehmen>.

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