Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widersehen, wiedersehen, vb.

wi(e)dersehen, vb.,
ahd. uuidari sehan, and. uuiđarsehan, ags. wiđséon, an. viđrsjá; mhd. widersëhen, mnl. wedersien, ndl. wederzien.
1)
'entgegenblicken, den blick erwidern, ansehen, sehen auf etw.': respectantes, respicientes uuidari sehante (sehanti) (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 290, 1 St.-S. (duos cherubim ... extendentes alas et tegentes propitiatorium seque mutuo et illud respicientes, exod. 37, 9; schauten sich an einander erste dt. bibel 3, 348 lit. ver.; jre andlitz stunden gegen ander, vnd sahen auff den gnadenstuel Luther); suspiciat uui der sehe, uui:thersehe (11. jh.) ahd. gl. 2, 558, 16 (coluber muliebre solum suspicit atque virum mulier);
ir seneliche blicke
die sahen in vil dicke
lang unde minneclichen an.
do daz der minnende man,
ir vriunt, begunde merken,
...
alrerste enbran sin herzegir,
und sach der süezen allez sider
baltlicher unde süezer wider
Gottfried v. Straszburg Tristan 1097 Ranke;
wann dich ich vnwiser (es sy dann das etwas die gött daryn widersechen [nisi quid di respiciunt]) hab verloren Terenz deutsch (1499) 26ᵇ; vgl.: ich hab ... dich vnweiszlich verderbt (gott wöll dann etwas ansehen) Boltz Terenz (1539) 19ᵇ. — als übersetzung von oppositus eine lage bezeichnend: dar nach volget daz die wider sehenden oder die wider krigenden himelzaichen auch geleich aufgeng und nidervelle haben (hs. 2. hälfte d. 14. jhs.) Konrad v. Megenberg dt. sphära 27, 26 Matthaei; vgl. 41, 2.
2)
'sich umsehen, zurückblicken': qui flexerit lumina in tartareum specus ... unde aber uuidere sihet ze dero hello (wie ehedem Orpheus) ... Notker 1, 243, 14 S.;
diu maget (Cundrîe) trûrec, niht gemeit,
ân urloup vome ringe reit.
als weinde se dicke wider sach
Wolfram v. Eschenbach Parzival 318, 27 L.
reflexiv:
Parzivâl der sach sich widr
ebda 247, 24 L.;
'ist daz, daz er sich wider sicht',
sprach er, 'daz ist unser tôt'
livländ. reimchron. 2554 Meyer.
von wappentieren:
allumb an dez schildes rant
sehs lewen ligen rampant ('aufrecht')
und mitten drynne ein guldin
wider sehender lewe fin
(um 1340) minneburg 2930 Pyritz;
vnder vnserm cleinen insigel mit dem vidersehenden adelar (1360) bei L. E. Schmitt urkundenspr. Karls IV. 199. auch von deren gesicht:
silber wizzer lewen dri
da durch (durch das banner) gestrecket warn ...
mit wider sehendem antlütz
zanten si ('verzogen sie das maul') nach grimme
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 16 826 Regel.
neuere, fachsprachliche belege: der kaiser (Ludwig der Bayer, 1314—1347) führte ... auf seinem ... kleineren siegel ... einen rückwärtssehenden, sog. 'wiedersehenden' adler anz. v. kde d. dt. vorzeit, n. f. 15 (1868) 379 (mit abb.); auf dem groszen siegel ... k. Ludwig's sehen wir ... einen (heraldischen, einfachen) adler und ... zwei wiedersehende adler ebda 380; wiedersehend, von wappenthieren: den kopf zurückwendend Bucher kunstgewerbe (1884) 439ᵃ.
3)
meist wiedererblicken; zusammentreffen, -kommen, -sein (mit jmd.) nach einer trennungszeit.
a)
mit sachlichem objekt. die eigentlich-optische bedeutung 'wiedererblicken' tritt hier im allgemeinen reiner zutage als in den belegen, die konstruktion mit persönlichem objekt aufweisen (s. u.b). verschiedene dinge wiedersehen: ich sehe diese (Marwoods) verruchte hand(schrift) wieder, und erstarre nicht vor schrecken? Lessing 2, 280 L.-M.;
eh' will ich nie dein antlitz wiedersehen,
als feig', in diesem augenblick, dir eine
verräterin schmeichlerisch zur seite stehn
(1808) H. v. Kleist w. 2, 55 E. Schmidt;
ich will ... plätze wiedersehen, die mir aus meiner kindheit her teuer sind Fontane ges. w. (1905) I 4, 250. auch abstraktes:
wird unser römisch volk die freyheit wiedersehen?
Gottsched dt. schaubühne (1741) 2, 183.
im besonderen die heimat, das heim und ähnliches wiedersehen: dem himmel sey dank, dasz ich endlich mein haus, mein liebes haus wieder sehe! (1750) Lessing 2, 152 L.-M.; dass ... sehr viele (kreuzfahrer) auch ihr vaterland nicht wieder gesehen, hat seine vollkommene richtigkeit M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 183; seitdem hab' ich unser dorf nie wiedergesehen Holtei vierzig jahre (1843) 1, 42; jetzt also kam (sie) nach Syrien, um ihre heimat wiederzusehen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 246. etwas im traum wiedersehen: (Wilhelm) fand sich (im traum) in einem garten, den er als knabe öfters besucht hatte, und sah mit vergnügen die bekannten alleen, hecken und blumenbeete wieder Göthe I 23, 10 W. in umschreibender wendung: die speise wiedersehen, id est speyen, rivedere il cibo Kramer t.-ital. 2 (1702) 754ᵇ. überlassenes oder entwendetes wieder zu gesicht bekommen (und zurückerhalten): ich überliesz ihm ... die anlage ('entwurf'), auf weitere bearbeitung hoffend, habe sie aber ... niemals wiedergesehen Göthe I 36, 8 W.; sie haben gut schenken ..., was niemand wiedersehen wird (sc. geraubtes gut) ebda 22, 52; lassen sie ihn (einen dieb) laufen ..., lieber will ich unser armband nie wiedersehen Holtei erz. schr. (1861) 2, 102. vgl. hier auch die redensart (mit substantiviertem infin.): 'wiedersehn macht freede! auch beim wiedersehen vermiszter gegenstände' Müller-Fraureuth obersächs.-erzgeb. wb. 2, 665ᵃ; 'futsch und weg is eens! (zusatz: un wiedersehn macht freide)' Meyer-Mauermann d. richtige Berliner (1921) 57ᵃ (s. v. futsch); 'wiedersehn macht freide sagt man, wenn man etwas verborgt', ebda 190ᵇ.
b)
mit persönlichem objekt. in einigen belegen tritt die eigentlich-optische bedeutung 'wiedererblicken' rein zutage: wer weiss, ob deine augen ihn (den sohn) je wiedersehen (1789) Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 14;
wie die augen froh begnüget
schlieszt der greis von Kanaan,
als der himmel es gefüget,
dasz sie Joseph wiedersahn
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 566.
gewöhnlich aber tritt zur bedeutung wiedererblicken der weitere sinn von zusammentreffen, -kommen, -sein mit jemand nach einer zeit der trennung: das wir yhn (Christum) widder sehen (1531) Luther 34, 1, 408 W. (s. dazu ebda z. 23: eum ... rediturum [vom himmel]);
dem ritter (Peter v. Stauffenberg) lieffen d'augen vber:
'soll ich euch (das feenweib) sehen dann nit wider?'
(1588) Fischart w. 1, 339 Hauffen;
ists müglich, dasz es soll geschehen;
dasz ich dich (Melinde) werde wieder sehen,
wie glükklich soll mir sein die zeit
(1660) Stieler geharnschte Venus 81 ndr.;
ihr (fürsten) bekommt viel treue grüsze,
wenn ihr diese wieder seht;
die, seit vier erfüllten jahren,
fremder ufer gäste waren
(1731) Gottsched ged. (1751) 1, 243;
behalte mich lieb. meine hoffnung ist dich (Charlotte v. Stein) wieder zu sehn (1786) Göthe IV 8, 31 W.; gegen mich bewies er (ein Franzose) sich besonders freundschaftlich und ich habe ihn später zu Paris wiedergesehen (1830) J. Grimm kl. schr. (1864) 1, 11; (der vater) benutzt ja gern jede gelegenheit, die kinder mal wiederzusehen (1890) Gerhart Hauptmann ausgew. dramen (1956) 1, 296; zufällig waren zwei alte bekannte in München ..., die ich beide danach nie wiedergesehen habe Mühsam namen u. menschen (1949) 223. im jenseits wiedersehen:
(die gestorbene zu den trauernden:)
ihr solt mich mit der zeit
wieder sehn in herrlichkeit
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 112;
so wein' doch nicht, du siehst mich ja
im himmel wieder
Schubart sämmtl. ged. (1825) 2, 33;
nein! sie (Anna) ist nicht tot, ich werde sie wiedersehen und ich kann doch nicht einen ganzen harem von frauen für die ewigkeit ansammeln G. Keller ges. w. (1889) 2, 86. vom abschiednehmenden besucher gesagt im sinne von 'wieder besuchen': worauf er sich auch bald mit dem versprechen, mich ehestens wiederzusehen, empfahl Mörike ges. schr. (1905) 3, 11 Göschen. s. hierzu die wendung sich wiedersehen lassen lasciarsi rivedere, ritornar' in cospetto del mondo, se laisser revoir Rädlein t.-it.-frz. (1711) 1056ᵇ und: iterum in aspectum lucemque prodire Dentzler clavis ling. lat. (1716) 352ᵃ, die heute der gastgeberetwa in der form: lasz dich bald 'mal wiedersehen — dem abschiednehmenden besucher gegenüber gebrauchen kann. verneint, als drohung:
drum lasz dich nur nicht wiedersehn,
es möcht dir sonst viel schlimmer gehn!
Ditfurth hist. volkslieder d. pr. heeres (1869) 40.
c)
oft in reziproker verwendung:
da (am jüngsten tage) werden die zwey lieblein treu
einander wiedersehen
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 1, 82;
wir werden uns ja, denk' ich, alle froh
und glücklich wiedersehn
Schiller 12, 238 G.;
dann kommen auch schiffe vorbeigefahren, und man grüszt, als ob man sich alle tage wiedersehen könnte H. Heine s. w. 3, 102 Elster; frau Meyenthal wollte aber, dass die jungen leute sich ganz unerwartet und unverhofft wiedersähen G. Keller ges. w. (1889) 5, 263; (die kameraden) hatten sich vor zwei monaten getrennt mit der aussicht, einander kaum mehr wiederzusehen, solange der krieg dauerte A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 75. uneigentlich: schreiben sie (Zelter) mir ... ein wort, damit man sich wenigstens im geiste wiedersehe (1806) Göthe IV 19, 132 W.
d)
im (eben)bilde etwas wiedersehen:
alles was der tod mir raubte,
seh ich hier im bilde wieder
Göthe I 1, 51 W.
sich selbst in seinen nachkommen wiedererkennen:
so kan Augustus nun, den glück und himmel kröhnt,
bey seiner wiederkunfft, wornach sich Sachsen sehnt,
der himmel lasz es bald zu unserm heyl geschehn!
in sohn und enckel sich gedoppelt wieder sehn
(1720) Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 7, 193;
wenn die freuden untergehn,
die dir heute scheinen,
wirst du froh dich wiedersehn
in den lieben kleinen
(1785) Schiller 4, 12 G.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1193, Z. 35.

widersehen, wiedersehen, n.

wi(e)dersehen, n.
(s. unter wi(e)dersehen, vb. 3 a).
1)
nach vereinzelten mhd. belegen (s. Lexer 3, 854) setzt die kontinuierliche bezeugung erst im 17. jh. ein.
a)
die eigentlich-optische bedeutung 'wiederanblick' tritt ziemlich rein zutage, wenn das objekt sachlicher natur ist (s. auch die unter f, abs. 1 angeführten belege): glänzte durch die kronen der pinien uns das rothglühende feuer des Vesuvs entgegen und unsere musik verstummte bei dem wiedersehn Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 152.
b)
namentlich beim einander-wiedersehen (doch s. Schubart unter c) tritt der weitere sinn von persönlicher begegnung und beisammensein nach einer trennungszeit in den vordergrund (s. auch die belege unter f, abs. 2):
himlische rosen, von thränen erzogen,
die bey dem wiedersehn einander liebende weinten
(1748) Klopstock oden 1, 60 M.-P.;
während die christen sich trösten mit dem wiedersehen in einer andern welt Schopenhauer w. 2, 593 Gr.; Winckelmann wollte ihn auf seiner letzten fahrt nach Deutschland besuchen, seine ermordung zerstörte dieses wiedersehen Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 4, 492; es hat wenig freude gegeben beim wiedersehen Ina Seidel labyrinth (1922) 151. das wiedersehen feiern:
beide brüder feierten bis in
die nacht das wiedersehen
(1822) Grabbe w. 1, 35 Franz-Zaunert;
wenn sie ein weilchen getrennt gewesen, flogen sie zusammen und feierten ein wiedersehen G. Keller ges. w. (1889) 4, 149. personifiziert:
zwischen leid und freudenthränen
spannt das wiedersehn sein zelt
Brentano ges. schr. (1852) 2, 84.
c)
die geläufigen gegenbegriffe (sich trennen, scheiden, abschied nehmen u. dgl.) gehören daher nicht dem optischen bereich an: die trennung im tode wird ... durch die hofnung des wiedersehens im himmel erleichtert Miller pred. f. landvolk (1776) 2, 343;
einen abschnitt (im buch d. liebe) macht die trennung.
wiedersehn! ein klein capitel,
fragmentarisch
Göthe I 6, 51 W.;
beim wiedersehen nach einer trennung fragen die bekannten, was mit uns ... vorgegangen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 42. — man trennte sich in freundlicher hoffnung morgenden wiedersehens Göthe I 24, 105 W.; man trennte sich mit fröhlichen versprechungen für das wiedersehen Holtei erz. schr. (1861) 5, 82. getrennt sein bei G. Keller ob. unter b. —
das wiedersehn ist froh, das scheiden schwer
Göthe I 3, 20 W.;
scheiden bringt leiden,
wiedersehen freuden
Binder sprichwörterschatz (1873) 170. —
ich hatte mich etwa eine halbe stunde in den schmachtenden süszen gedanken des abscheidens, des wiedersehens geweidet Göthe I 19, 82 W.; abschied von meinem lieben grafen, auf dessen wiedersehen in der ewigkeit ich mich innig freue Schubart leben 1 (1791) 236; wurde rasch abschied genommen, natürlich mit dem vorbehalte dereinstigen wiedersehens G. Keller ges. w. (1889) 2, 268. vom wiedersehen im jenseits (ebenso ob. bei Schubart und Miller): des wiedersehens nach dem tode (1856) A. Stifter briefw. 2 (1918) 309; das wiedersehen nach dem tode Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 325.
d)
adj. bestimmen wiedersehen näher; zeitlich (s. Göthe I 24 und G. Keller ob. unter c): freude, welche bey ehestem wiedersehen unsere hertzen beseligen wird Ziegler asiat. Banise (1689) 323; beym ersten wiedersehen Lavater verm. schr. (1774) 2, 218; hoffnung baldigen wiedersehens (1818) Göthe IV 29, 61 W.; gewiszheit des nahen wiedersehens Ina Seidel labyrinth (1922) 64. modal: trost eines frölichen wiedersehens Chr. Weise d. drey klügsten leute (1675) 10; das überraschende wiedersehen Athenäum (1798) 1, 2, 12; glückseligkeit ... beim unverhofften wiedersehen G. Keller ges. w. (1889) 5, 264; das von dem mädchen so sehr gefürchtete wiedersehen (1878) Storm s. w. (1898) 5, 295; dann gab es ein freudiges wiedersehen mit den übrigen alten freunden Mühsam namen u. menschen (1949) 182.
e)
wiedersehen als genitivattribut. namentlich: freude des wiedersehens (gedichtstitel) Blumauer ged. (1782) 175; die erste freude des wiedersehens Storm s. w. (1898) 2, 253; nach so vielen jahren war die freude des wiedersehens grosz Carossa winterl. Rom (1947) 9; s. auch unten wi(e)dersehensfreude. ferner: trost des wiedersehens, s. Chr. Weise oben unter d; hoffnung des wiedersehens, s. Miller und Göthe I 24 oben unter c und diesen auch unter d; die feierliche scene des wiedersehens Göthe I 24, 163 W.;
wann wird der goldne freudentag erscheinen,
den das geschick mir aufbewahrt,
der tag des wiedersehens bei den meinen,
nach allzulanger fahrt?
Platen w. 1, 29 Hempel;
gewiszheit des wiedersehens, s. Ina Seidel oben unter d.
f)
ein attribut gibt das objekt des wiedersehens an. das wiedersehen ist als ein einseitiges verhältnis formuliert (s. auch Schubart ob. unter c):
jhre lippen, wangen, mund,
schönste, sol ich auch jetzund,
leyder, endlich meyden;
weil ich reisen musz von jhr:
aber dieser edlen zier
wiedersehn macht frewden
(1654) Venusgärtlein 16 ndr.;
ich beschwöre dich bei deinem leben,
gib mich keinem andern mehr zur frauen,
dasz das wiedersehen meiner lieben
armen kinder mir das herz nicht breche!
Göthe I 2, 51 W.;
woher die freude, die man ... nach langer entbehrung beym bloszen wiedersehen einer menschlichen gestalt empfindet Haller restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 287; das wiedersehen seiner besitzungen, der grabstätte seiner mutter hat ihn erschüttert Gutzkow ritter vom geiste (1850) 3, 333. auch gibt ein attribut an, wer einander wiedersieht. das wiedersehen istwie überhaupt in den meisten fällenals gegenseitiges verhältnis gefaszt:
von der belohnung der tugend, vom wiedersehen der freunde
und der liebenden, singt dann Eloa
Klopstock Messias (1780) 112;
die freude unseres wiedersehens (1785) Schiller br. 1, 263 Jonas; über unser wiedersehn läszt sich noch garnichts genaues sagen (1847) O. v. Bismarck br. an s. braut u. gattin 11 H. v. Bism. ähnlich wiedersehen mit ... (s. ob. Mühsam unter d): das wiedersehen ... mit dir (1847) br. von u. an Herwegh (1896) 52; wiedersehen mit der gräfin Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 14.
2)
der grusz auf wiedersehen. seit dem 18. jh. belegbare, heute ganz gebräuchliche abschiedsformel. in der älteren bezeugung begegnet bis auf(s) wiedersehen wiederholt als organischer bestandteil einer umfassenderen wendung: adieu, bisz auf wieder sehen (1711) Stranitzky ollapatrida 124 ndr.; gott befohlen bis aufs wiedersehen, meine tochter theater d. Deutschen (1768) 1, 270; gehabt euch wohl, bis auf wiedersehn J. H. Voss antisymb. (1824) 1, 167; doch auch als selbständige interjektion: bis aufs wiedersehen fino a rivederci Kramer t.-ital. 2 (1702) 754ᵇ; bis aufs wiedersehen Hippel über d. ehe (1774) 228. öfter, namentlich in belegen aus neuerer sprache, ist die partikel bis abgeworfen. der der präpos. auf angehängte bestimmte artikel begegnet nur mehr vereinzelt: aufs wiedersehn Meisl theatr. quodlibet (1820) 1, 112. wo, wie im folgenden beleg, ein anderer abschiedsgrusz zu der in rede stehenden gruszformel tritt, bleiben doch beide als interjektionen selbständig und unverbunden: leben sie wohl, aufs wiedersehen! J. E. Schlegel w. (1761) 2, 399. diesen zustand macht nebenordnendes und bes. deutlich. der bestimmte artikel ist, wie in den meisten (namentl. jüngeren) belegen, weggefallen: adieu und auf baldiges wiedersehen (1847) Bakunin in: br. von u. an Georg Herwegh (1896) 17; adieu, und auf wiedersehen Holtei erz. schr. (1861) 1, 95; gott befohlen, mein lieber sohn — und auf wiedersehen Ina Seidel d. unverwesl. erbe (1954) 181. neben auf wiedersehen tritt adieu (oder dessen dialektformen), ade, auch deren dt. entsprechung gott befohlen (s. auch d. vorausgehende): adjes denn mitsammen, liebe liebchen, auf baldiges glückliches wiedersehn! maler Müller w. (1811) 3, 14; ade, mein herz! auf fröhlich wiedersehen! Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 5, 90; auf wiedersehn! — adje Rosine Gerhart Hauptmann Rose Bernd (1904) 17 und lebe wohl: lebe er wohl, herr Burlin, auf glückliches wiedersehen! slg. v. schausp. (1764) 2, (Burlin) d 7ᵇ;
... lebt wohl! auf wiedersehn!
Collin Regulus (1802) 23;
lebe wohl auf wiedersehn!
Göthe I 4, 61 W.
in den meisten fällen wird auf eine zusätzliche gruszformel verzichtet, so etwa bei Cronegk schr. (1766) 2, 228, Göthe I 8, 63 W., G. Keller ges. w. (1889) 6, 173 und H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 82:
wenn menschen auseinandergehn,
so sagen sie: auf wiedersehn!
bei Arnim s. w. (1853) 21, 199.
mehrfach mit anrede der gegrüszten person: auf wiedersehen, liebe schwester Lessing 2, 20 L.-M.;
nun, alter freund, auf wiedersehn!
Göthe I 16, 12 W.;
auf wiedersehen, fräulein Stine Fontane ges. w. (1905) I 5, 48; auf wiedersehen, mademoiselle Feuchtwanger Simone (1950) 45. wiederholt mit ortsbestimmung:
auf wiedersehn am Anio!
Ayrenhoff w. (1814) 2, 265;
auf wiedersehen auf dem theater Pückler briefw. u. tageb. (1873) 1, 415; auf wiedersehen in Napoli Immermann w. 5, 8 Hempel; mit zeitbestimmung: auf wiedersehen in 8 tagen (1853) Stifter briefw. 2 (1918) 128 oder zeit- und ortsadverb: auf wiedersehen, morgen! oder auf wiedersehen, jenseits! Holtei erz. schr. (1861) 1, 95; s. auch unten Brentano. durch adjektive wird auf wiedersehen wiederholt äuszerlich-zeitlich oder innerlich-seelisch näher bestimmt. auf baldiges wiedersehen: (1818) Gentz schr. 1, 186 Schlesier; (1824) Göthe IV 38, 71 W.; s. auch ob. Bakunin; auf baldiges glückliches wiedersehn! maler Müller w. (1811) 3, 14; auf glückliches wiedersehen! slg. v. schausp. (1764) 2, (Burlin d 7ᵇ; s. auch unten Pfeffel; auf frohes wiedersehn! Göthe I 4, 141 W.; s. auch unten Jacob Grimm; auf fröhlich wiedersehen Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 5, 90. — ohne den charakter einer interjektion als glied vollständiger sätze, wie z. b.:
der abschied, den anitzt wir unter uns genommen (gemeint
ist der tod),
ist nicht auf wiedersehn, und nicht auf wiederkommen
Besser schr. (1732) 2, 379;
namentlich auf nimmerwiedersehen verschwinden u. dgl.:
und stossen sie mich auch hinaus
auf nimmer wiedersehen
Brentano ges. schr. (1852) 2, 378;
während der knecht auf nimmerwiedersehen vom hofe verschwunden sei W. v. Polenz Büttnerbauer (1895) 325; oder: die becher, die wir auf ewige freundschaft und glückliches wiedersehen austranken Pfeffel pros. versuche (1810) 5, 5; freund, ich trinke dirs zu auf frohes wiedersehen Jacob Grimm unter auf II A 4 teil 1, sp. 608. die fürs dt. etwa anzusetzende reihenfolge: adieu bis auf(s) wiedersehen ˃ bis auf(s) wiedersehen ˃ auf(s) wiedersehen findet ihre entsprechung im frz.: adieu jusqu'au revoir (14.—17. jh.) ˃ jusqu'au revoir (seit der mitte d. 17. jhs.) ˃ au revoir (seit d. ende d. 18. jhs.); vgl. M. Senge frz. gruszformeln (1935) 84 f. vermutlich ist bis aufs wiedersehen lehnübersetzung von jusqu'au revoir an der wende zum 18. jh.; s. auch W. Bolhöfer grusz u. abschied in ahd. u. mhd. zeit (1912) 79. entsprechungen im rom., germ. und slav. sind: it. a rivederei (seit dem 16. jh.; vgl. Senge a. a. o. 86), span. hasta la vista, hasta más ver, hasta otra vista, ndl. tot we(d)erziens, russ. до свидания (in Österreich sagt man oft auch auf wiederschauen. auf wiederhören hat erst der [rund]funk hervorgebracht; vgl. dt. wortgesch. 2, 390 Maurer-Stroh). zur form des abschiedsgruszes im nhd. vgl. K. Prause dt. gruszformeln in nhd. zeit (1930) 83—123.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1196, Z. 23.

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j k l m n o p q r
s t u v w x y z -
widerprallen wiedertun
Zitationshilfe
„wiedersehen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedersehen>.

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