Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widertäufer, wiedertäufer, m.

wi(e)dertäufer, m.,
anabaptista. nomen agentis zu wiedertaufen oder kompos. zu täufer. nl. wederdoper; aus dem mnd. wedderdoper entlehnt ist dän. vederdøber, schwed. vederdöpare ordb. over d. danske spr. 26, 751. wiedertäufer bezeichnet den anhänger einer sekte, welche die taufe erwachsener, d. h. bewuszt mitvollziehender vertritt. die bezeichnung wird nur von den gegnern der wiedertäufer gebraucht und enthält den theol. vorwurf der wiederholung eines nur einmal zu spendenden sakraments; sie selbst nennen sich täufer (teil 11, 1, 1, sp. 191) oder taufgesinnte (nl. doopsgezinde v. Dale nieuw gr. wb. ⁷411ᵃ), die allein auch die aus anderen christl. bekenntnissen übertretenden getauften erstmalig gültig taufen, vgl.: eyn newe sect ..., die nennten etlich widertaͤuffer, etlich taͤuffer, die fiengen an ... die so zuͦ jn tratten wider zuͦ taͤuffen, oder vil mehr, wie siesz fürgaben, zuͦtaͤuffen nach dem beuelch Christi, dann sie den kindertauff ... von ketzern gegeben sein sprachen S. Franck chron. d. baͤpst (1536) 193ᵃ. das wort tritt zuerst in schwäb.-alem. quellen (erste anabaptistengemeinde in Zürich 1523) auf, verbreitet sich mit dem umsichgreifen des täufertums sehr schnell über das gesamte sprachgebiet, wird nach der gewaltsamen unterdrückung (bes. sturz des wiedertäuferreiches zu Münster 1535) seltener und später nur noch histor. und archaisierend verwendet. in der polemischen auseinandersetzung der reformationszeit für alle spielarten des anabaptismus gebraucht, wird wiedertäufer mehr und mehr bezeichnung der radikaleren, das reich Christi mit weltlicher gewalt anstrebenden gruppen, vgl. realencycl. f. prot. theol. u. kirche 12 (1903) 595. lexikalisch zuerst bei Alberus: anabaptista widderteuffer dict. (1540) b 2ᵇ; wiedertäuffer Duez nomencl. (1644) 4; wiederteufer anabaptista, dibaphus, libertinus Stieler stammb. (1691) 2262; wiedertäufer rebaptizator Steinbach dt. wb. (1734) 2, 801. im 16. jh., vereinzelt später, steht neben dem am häufigsten bezeugten widerteufer, wiedertäufer die unumgelautete form, so noch: wiedertauffer nomencl. lat.-germ. (1634) 491; wiedertaufer Kramer t.-ital. 2 (1702) 1056ᵇ. nur vereinzelt mundartl. (s. jedoch unt. 3): witɐtoaifɐ Meisinger Rappenau 233. zum folg. vgl. wi(e)dertaufen 2: Donatus ein widertaͤuffer ... leret, man solt die von der rhoͤmischen kirchen getaufft, wider tauffen, dieweil sie nicht christliche kirch were S. Franck chron. d. bäpst (1536) 24ᵇ.
1)
als bezeichnung für den taufgesinnten; die belege entstammen vorwiegend den zur bekämpfung der wiedertaufe erlassenen verordnungen und mandaten und der polemischen literatur der reformationszeit: der wiedertäufer wesen aber stehet in Leiden (1531) bei Luther tischr. 1, 25 W.; also das zu letst auffgestanden ist ein verdampte und vermaledeyte sect der widertauffer ordnung, statuten u. edict keiser Carols V. (1540) b 4ᵃ; den widerteufern soll niemants unterschlaipf zu geben gestatt ... werden (16. jh.) österr. weist. 5, 682; es waren auff unserm schiffe ... viel von den wiedertäuffern Olearius orient. reisebeschr. (1696) 2; haben wir gerechtest und gnädigst entschlossen, dass, soviel die wiedertaufer und Herrnhuter anbelanget ... ein unterschied gemacht werden sollte (1763) Maria Theresia in: quellen z. gesch. d. st. Brassó 4, 362. in neuerer sprache nur noch in hist. schriften u. erzählungen: von dieser wohlthat ... waren jedoch die wiedertäufer ausgeschlossen Schiller 7, 204 G.; zahlreiche sekten der wiedertäufer und andrer irrlehrer entstanden Herder 17, 87 S.; die wiedertäufer verjagten in Münster den bischof Hegel w. (1832) 9, 420; diese mennoniten sind nicht mehr die alten fanatischen wiedertaͤufer J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 351. lehr- und lebensauffassungen (ablehnung der kindertaufe, des eides, waffentragens usw.) werden hervorgehoben: dy wyderteuffer unnd dy, so nit ... mit dem eyd der statt Basell huldigung thuon unnd nit schweren wöllenn, das man dyselbigen mit wyb unnd kinden usz der statt ... verwysen soll (1527) schweiz. id. 12, 574; ob nicht der teuffel durch die rottengeister und widder teuffer solchs alles im sinn habe, damit das er die kinder tauffe auffhebt, und wil eitel alte grossen teuffen (1530) Luther 30, 2, 595 W.; so hebben die Hollanders, Fresen und alle die rechte wiederdoepers ock mehr frowen genommen tho der irsten frowen Heinrich Gresbeck in: Cornelius berichte d. augenzeugen (1853) 60; ich sihe wol an eüwerem schweren und neidigen nachburschaft, das ir beide kein widerteüffer sind Wickram w. 3, 37 Bolte; die wiedertäufer sind verzweifelte böse buben, tragen keine wehre, und rühmen sich groszer geduld (1566) in: Luther tischr. 2, 406 W. so im vergleich bis in neueste zeit: wer gott dienen will, musz es anders angreiffen, das es jm saur werde und wehe thuͦe. wie die widertauffer, das blinde volck, auch thuͦn, lauffen von weyb und kind weg (1544) Luther 52, 115 W.; sie sind auch etlicher widertaͤuffer art, die, wenn sie durch ein kirch oder rahthausz gehen, die schuch ... auszziehen, damit sie nit die geweihete schuh entheiligen (1575) Fischart Garg. 5 ndr.; sein haar war nach bauern oder wiedertäufer art ganz gerade abgeschnitten Merck ausgew. schr. 172 Stahr; zuletzt predigte er wie ein alter wiedertäufer Auerbach schr. (1892) 16, 100. stark abwertend in der aufzählung mit anderen sekten und nichtanerkannten religions- und sozialgemeinschaften: wenn aber das wort nicht da ist, da wirdt wol auch ein glaub drausz, wie die sacrament schwirmer, widertauffer, Türcken, Juden und papisten einen glauben haben (1544) bei Luther 52, 499 W.; sie ... ruͤmen sich alle der geschrifft, wie auch die Türcken, Juden, Arrianer und widertauffer J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 1, 2ᵃ; zigeuner, Juden, widertauffer vnd andere aͤrgerliche vnd lesterliche leut Schweigger reyszbeschr. (1619) 69; die schwärmer, sectirer, wiedertäufer, ... kommen bei ihm (Alberus) übel weg Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 3, 54; gefahr drohte (der reformation) nicht mehr von den altgläubigen, sondern von den aus ihrem eigenen schosz geborenen revolutionären elementen, den wiedertäufern, schwärmern, sozialisten und atheisten Dehio gesch. d. dt. kunst 3 (1926) 80.
2)
von einem minderwertigen wein: 1529 ist der saur wein ... gewachsen, denn man den widertäufer genent (17. jh.) bei Fischer schwäb. 6, 798; die koch-monate waren kalt und nasz, dasz der wein gar saur, und der widertaͤuffer genaͤnt worden Schwelin Würtemb. kl. chron. (1660) 144.
3)
umgangssprachlich und mundartlich im sinne 'weinfälscher': der wein wird ohne birren (zusatz von birnenmost) zahm, wir sind nicht wiedertaufer (1807) schweiz. id. 12, 575; d' wirteⁿ siⁿ widertäuffer ebda; 'mod. spottname der wirte' Fischer schwäb. 6, 798. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1333, Z. 1.

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Zitationshilfe
„wiedertäufer“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedert%C3%A4ufer>.

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