Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widervergeltung, wiedervergeltung, f.

wi(e)dervergeltung, f.,
was vergeltung. abstraktbildung zu wi(e)dervergelten (s. d.); seit mitte 17. jhs. neben vergeltung (teil 12, 1, sp. 411) sich ausbreitend und älteres widergelt, widergeltung (s. d.) verdrängend. lexikalisch vereinzelt früher: talio weder vorgheldinge (15. jh. nd.) Diefenbach gl. 572ᵃ; vicissitudines rependere wider vergeltung erzeigen (ende 15. jh.) ebda 618ᵃ; (nicht im 16. jh.); widervergeltung retribution, recompense Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 409ᵇ; wiedervergeltung talio Hayme jur. lex. (1738) 1333; Adelung 5 (1786) 217; wiedervergeltung besser vergeltung Braun dt. orthogr. gramm. wb. (1793) 305ᵇ. vereinzelt 'wiedergutmachung': gleichwie ... hiebey ... darnach zutrachten, wie man vor die grosse vnkosten vnd vnaussprechliche schaͤden ... einige wiedervergeltung erlangete Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 288ᵃ und: gegenvermächtniss ..., vermoͤge dessen der frau von dem manne etwas gewisses, von beweglichen oder unbeweglichen guͤtern zur sicherheit und wiedervergeltung ihrer mitgifft ausgemachet wird Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 640.
1)
gegenleistung für einen dienst, eine wohltat u. ä., gut bezeugt vom 17. bis anfang 19. jhs.: die guten getreuͤen nicht ohne wiedervergeltung, die boͤsen aber nicht ohne harte bestrafung von sich lassen Reinicke Fuchs (1650) 56; wiedervergeltung, welche die kinder denen eltern schuldig seyn, wegen der auferziehung Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 354; diese art von menschen ... fallen dem menschlichen geschlechte so zur last, dasz sie ... der welt eine grosze wiedervergeltung schuldig sind J. E. Schlegel w. (1761) 4, 53; die dankbare liebe des sohns zu seinem vater ist freilich nur eine geringe wiedervergeltung des triebes, mit dem der vater den sohn liebte Herder 13, 330 S.; ich machte ja keine forderung einer wiedervergeltung an sie! ich habe es gut mit ihnen gemeint Ayrenhoff w. (1814) 3, 304;
erfreue die ... männer von Pylos
... mit reicher wiedervergeltung!
J. H. Voss Odyssee 36 Bernays.
der doppelsinn des wortes, das in neuester zeit vorwiegend in bed. 2 gebraucht wird, zeigt sich in folg. belegen: die aufrichtige christenliebe ... erduldet das gröste unrecht, und dencket auf keine andere wiedervergeltung, als diejenige, welche im beten und wohlthun bestehet G. Schuster christerbaul. sendschreiben (1742) 545; so ist hier (in der moralphilosophie) die billigung und das verlangen der wiedervergeltung (jus talionis) allgemeine menschenempfindung. wir gönnen es jedem, dass es ihm ebenso gehe, wie ers anderen gemacht hat (1791) Fichte s. w. (1845) 5, 37; es musz auch auf positive weise die wiedervergeltung eintreten Hegel w. (1832) 18, 45.
2)
vergeltung für ein unrecht, strafe für ein vergehen.
a)
berechtigte oder als rechtlich empfundene gegenhandlung. rechtssprachlich im engeren sinne eine dem begangenen verbrechen angemessene strafe (poena talionis); doch auch auszerhalb der rechtssphäre: Narzissus aber sei hernach aus wiedervergeltung an ihm selbst zum narren worden und habe sich in sich selbst verliebt Zesen verm. Helikon (1656) 2, 90; koͤnte auch wohl eine vernuͤnftige seele glauben, dasz solche gaben (des teufels) ohne wiedervergeltung ertheillet wuͤrden (1712) Wagnervolksb. 16 Fritz; herr hauptpastor, befürchten sie von mir nur nicht, dass ich die gränzen der wiedervergeltung überschreiten werde Lessing 13, 153 L.-M.; eine dem verbrechen angemessene wiedervergeltung Göthe I 48, 113 W.; die strafe ... hat die mannigfaltigen bestimmungen, dasz sie wiedervergeltung, ferner abschreckendes beispiel ... ist Hegel w. (1832) 4, 101; busze (poena, ποινή), wiedervergeltung (talio, ταλάω τλῆναι) sind graecoitalische begriffe Mommsen röm. gesch. 1 (1874) 25. häufig in der stehenden verbindung recht (gesetz) der wiedervergeltung, s. wi(e)dervergeltungsrecht: es hat freylich der herr jus talionis, das recht der widervergeltung mit uns gespielt Dannhawer catech.-milch (1657) 10, 48; des rechts der wiedervergeltung J. D. Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 688; wie manche ... fabel haben wir darüber ..., dasz in der ganzen natur ein gesetz der wiedervergeltung herrsche Herder 15, 559 S.; die Achäer verübeten das recht der wiedervergeltung Winckelmann s. w. (1825) 6, 79; das recht der wiedervergeltung in dem natürlichen zustande, und das recht zu strafen ... sind in der that zwei verschiedene rechte M. Mendelssohn ges. schr. (1843) 2, 205.
b)
mehr im sinne einer affektbestimmten handlung, synonym mit rache: zuweilen auch wohl bluttige rauffhaͤndel daraus (unreines fleisch als wildbret vorzusetzen) zu entstehen pflegen, weil derselbe, der also vexiret worden, mit der widervergeltung selten ausbleibet Butschky Pathmos (1677) 675; sie wird ihn (den gatten) verachten, und er sie zur widervergeltung hassen Cramer nord. aufs. (1758) 3, 489; sag ihnen, mein handwerk ist wiedervergeltung — rache ist mein gewerbe Schiller 2, 105 G.; mord um mord, das ist die wiedervergeltung! Rosegger schr. (1895) I 7, 263. so bes. in der formel rache und wiedervergeltung: nicht blos ... grobe rache und wiedervergeltung sei laster Herder 19, 170 S.; da schrieb ich an meiner reisebeschreibung und gerieth in eine digression von der rache und wiedervergeltung J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 154.
c)
in abgeschwächtem sinne 'entgegnung, revanche': er fragte mich ..., wie alt ich waͤre, und schuͤttelte, da ich ihm antwortete, den kopf. ich fragt' ihn zur wiedervergeltung, wie lange er beym grafen ... gedient haͤtte Hippel lebensläufe (1778) 3, 1, 269; ich siegte hier zuerst in einem reizenden, aber hartnäckigen (schach-) kampfe über seine schöne frau; aber er selbst schlug mich zur wiedervergeltung in einer andern parthie (1781) Heinse s. w. 6, 359 Sch.; jeder raucher, der euch (zeitungen) liest, (übt) das recht der wiedervergeltung, ihr macht ihm, und er macht euch einen blauen dunst vor Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 161; man fand mich ennuyant. zur wiedervergeltung konnt ich nichts besseres thun, als mich gleichfalls ennuyren Bauernfeld ges. schr. (1871) 2, 19. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1357, Z. 26.

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Zitationshilfe
„wiedervergeltung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiedervergeltung>.

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