Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

widerwenden, wiederwenden, vb.

wi(e)derwenden, vb.,
trans. 'zurück-, um-, abwenden, rückgängig machen', intrans. 'umkehren, zurückgehen, zum stehen kommen'. ahd. uuidaruuenten, uuider(e)wenden; mhd. wider wenden, widerwenden; mnd. wedderwenden; mnl. wederwenden. in intrans. verwendung ahd. noch nicht nachzuweisen.
1)
transitiv: widder wenden (15. jh., md.) Diefenbach gl. 36ᵃ s. v. annihilare; retexere widerwenden ebda 496ᵃ; vgl. damit bes. die belege unter d und e.
a)
'zurück-, umwenden, zur rückkehr, umkehr veranlassen, zurückführen': (iaculata) retorquens uuir:deruuendi (l. uuideruuendendi) (12. jh.) ahd. gl. 2, 34, 33 St.-S.; ne reuoces me in dimidio dierum meorum neuuende mih uuidere in den halben teil mînero tago Notker w. 3, 734, 12 S.;
... in hât
sîn vater dar nâch im gesant.
daz er den grâven widerwant
(anf. d. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 3534 Seemüller;
(er) wedderwendede den hupen unde heyt malken ('jeden') to hus ghan (Braunschw. 1514) städtechron. 16, 375;
(die persischen frauen zu ihren fliehenden männern:)
wölt ir hin fliehen sam die weib?
verberget euch in mutter leyb!
mit dem das volck ward widerwend,
stritten erst mit heldreicher hend
(1557) Hans Sachs 2, 93 lit. ver.
b)
jmd. 'abwenden, zur abkehr veranlassen': brahtut mir thesan man (Christum) samaso uuidaruuententan (avertentem) folc (Luc. 23, 14) Tatian 197, 1 Sievers (als der das volck abwende Luther);
ich doen sy weder wenden
von deme groessen hoemode
Karlmeinet 120 lit. ver.;
... sie mit worten jn behend
vom rechten glauben widder wendn
Dedekind papista conversus (1596) F 8ᵇ.
c)
willen, sinn, gedanken '(ab-, um)wenden, ändern': he wande, dat he goddes willen widerwenden mochte (1230/51) sächs. weltchron. 172, 24 Weiland;
ach waz redestu, edele konigin!
wederwende, vrowe, dinen mut
(hs. d. 14. jhs.) Katharinenspiel 147 Beckers;
nimant mag widerwenden seinen gedanken für: nemo avertere potest cogitationem eius, Hiob 23, 13 (ende d. 14. jhs.) bei Jelinek mhd. wb. 954 (niemands mag verkeren sein gedancken erste dt. bibel 7, 196, 1 lit. ver.).
d)
'etw. rückgängig machen', 'abwenden, verhindern':
daz man wolte versenten
verre in ellende
die junchêrren baide,
si begunden haize wainen.
di sîne vordersten man
di wolten ez gerne widerwendet hân
kaiserchronik 1374 Schr.;
wer kanz widerwenden?
ez ist geschehen unt sî geschehen
Heinrich v. Meissen leiche, sprüche, streitged. u. lieder 115, 4 Ettmüller;
also widerwante die furstynne mit irem clugen weysen rate einen mörtlichen krieg (wohl 14. jh.) pehemische cronica in: fontes rer. Bohem. 3, 273; daz solicher (drohender) schade widerwant und unterstanden werde (Nürnberg 1390) städtechron. 1, 126, 8; (die kleinodien) die sie ir genumen wolten haben ..., das widerwendt er (Nürnberg 1453) ebda 10, 207, 10;
sodan speel to wedderwenden,
se de gildmesters senden
vor den radt in de oldenstadt
(Braunschweig 1492) städtechron. 16, 216;
vnd mags Juppiter
in kainen weg endern noch widerwenden
Hans v. Rüte fasznachtspil (1532) C 3.
e)
im bes. auch im rechtsleben etw. 'rückgängig machen, abändern, für ungültig erklären': swaʒ der (dorfrichter) sezet mit der mêrern menge der gebûren, daʒ mac der minner teil niht widerreden (var. widerwenden) Schwabenspiegel 311, 2 Wackern.; dat der rait de nu komen sall, wederwenden seulde die punte, die nu in dat eitboich gesat sint (Köln, hs. v. ende d. 14. jhs.) städtechron. 12, 317; man vindt auch in den alten rechten geschrieben, das sich selber vor gericht niemand zu eigen geben mag binnen weichbild, es widerwenden solchs wol sein erben Zobel sechsisch weichbild- u. lehenrecht (1537) 6ᵇ.
f)
bes. gebrauchsweisen. 'vergelten' (gleichsam den durch die leistung eines andern erhaltenen vorteil in einer gegenleistung zurückwenden, zurückkehren lassen):
ob ich vor iht gedienet hân,
daz hât iuwer küniglîchiu hant
mit triuwen also widerwant,
daz mîn vater und ouch ich
...
iu dienstes iemer sîn gebunden
(1261/69) Ulrich v. d. Türlin Willehalm 311, 26 Singer.
'wegnehmen' (vgl. entwenden):
dô was ouch widerwent ...
Langenmarkt und Poperingen
(anf. d. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 63 784 Seemüller.
2)
intransitiv; vgl. wi(e)derwinden; nicht über das mhd. hinaus bezeugt.
a)
'umkehren, zurückgehen':
mit zorne her (Caesar) dü widir wante
ci diutischimo lante
Annolied 24, 7 Bulst;
ich (Siegfried) kan iuch wol geleiten   in Liudegêres scar.
sô seht ir helme houwen   von guoter helede hant.
ê daz wir wider wenden,   in wirdet sorge bekant
der Nibelunge nôt 195, 4 Bartsch;
dar umme wider wante
sie (die königin von Saba)
(1. hälfte d. 14. jhs.) Daniel 3964 Hübner;
es seust dort her von orient
der wind, levant ist er genent;
durch India er wol erkent,
in Suria ist er behent,
zu Kriechen er nicht widerwent
Oswald v. Wolkenstein ged. 6, 5 Schatz.
auch 'zurücktreten, sich verlaufen' (vom wasser):
wie sît Nôê der guote,
dô die fluot widerwante,
einen raben ûz gesante
Ulrich v. Eschenbach Alexander 11 261 lit. ver
b)
'zum stehen kommen, haften bleiben':
(Tristan schlug den gegner)
durch houbt, durch hirn, durch swarte,
daz im ob dem barte
widerwante der slac
Heinrich v. Freiberg Tristan 6245 Bernt;
und schlueg Gwidonen mit söllicher chrafft auf den helm, das das schwert auf den zenen widerwandt U. Füetrer Lanzelot 157 lit. ver.
3)
in den fügungen ohne (sonder) wiederwenden:
... er in wolde bucken
mit gewapenter hant.
daruf sin mut was enprant
ane widerwenden
passional 271, 25 Köpke;
sunder eynich weder wenden
slogen sy de rosz mit sporen
Karlmeinet 57 lit. ver.;
das ir an wider wenden
sein (Alexanders) als gar gewaltig seitt
als ir mein an diser zeit
(1352) Seifrit Alexander 7366 Gereke.
wi(e)derwender, m.: iren vorleyter und alles guten widerwender (15. jh.) bei Joh. v. Guben jahrb. 62 Haupt. vgl. im mhd.:
(er) gruozte den wider wenden (var. wider wart) sîn
Stricker in: gesammtabenteuer 3, 420 v. d. Hagen
und ahd.: tergiuersatur (gemeint ist: tergiuersator) uuidar uuento (9. jh.) gl. 4, 21, 45 St.-S.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1385, Z. 21.

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Zitationshilfe
„wiederwenden“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederwenden>.

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