Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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widerwerfen, wiederwerfen, vb.

wi(e)derwerfen, vb.,
'zurückwerfen, -stoszen, rückgängig machen, anfechten, verwerfen, entgegen-, vorwerfen'. ahd. uui(r)daruuerfan, uui(r)deruuerfen; mhd. widerwërfen; mnd. wedderwerpen; mnl. wederwerpen.
1)
wieder- 'zurück' im ersten wortglied: reicere hd. ab-, widerwerffen, nd. weder warpen (1420), reiectus widder worffen (15. jh., md.) Diefenbach gl. 490ᶜ.
a)
im eigentlich sinnlichen gebrauch; strahlen zurückwerfen: sah sî bî iro ein corpus ... in spîegeles uuîs uuider-uuerfen dîe an sih gescozenen skîmen (adiaculati fulgoris radios reuibrare. i. respergere) Notker 2, 192, 27 S.-St. in zwei Virgil-glossen ein stück der kleidung: (panthera terga) retorquens uuirdar uverfanter (Aen. 8, 460; 11. jh.) ahd. gl. 2, 663, 30 St.-S. (die zurück gewundene hülle des panthers Voss); (ilte) retorto (Paeonium in morem senior succinctus amictu) widerworfenemo, wirderworfenemo (Aen. 12, 400; 11./12. jh.) ebda 674, 67 (aber der greis, sein langes gewand rückwärts nach päonischer weise gegürtet Voss). sniczer ('schnitzmesser') mit wederwurffen ('zurückgeworfenen, aufgebogenen') bertten (um 1440) Freiberger stadtrecht 283 Ermisch. '(hin)setzen': ([das fohlen] mollia crura) reponit vvidarvvirfit (Virgil georg. 3, 76; 11. jh.) ahd. gl. 2, 636, 57 (und sezt die geschmeidigen schenkel Voss). '(etw.) wieder von sich geben, ausspeien' und 'sich erbrechen': wann der habich das asze vnabgetruckt wider würfft. wann der habich ... wider würft, so sol man coriander stoszen (vor 1450) Heinrich Mynsinger v. d. falken 48 lit. ver.; s. auch ebda 12. — im mhd. uneigentlich in reflexiver verwendung, 'sich umwenden, sich ins gegenteil verkehren':
e man die hant gewende,
so widerwirfet sich daz
Gottfried v. Straszburg Tristan 13 787 Ranke.
b)
überwiegend bezeichnet das wort formen persönlicher ablehnung. im gegensatz zu den belegen oben unter a findet sich eigentlich-sinnliches zurückwerfen hier nicht. am nächsten kommen einer solchen auffassung noch die von Schiller-Lübben 5, 640ᵃ verzeichneten mnd. belege: 'gekaufte sachen wegen fehler zurückgeben'. bildliche verwendung im sinne von '(etw.) zurückstoszen, verschmähen' ist bereits frühahd. nachzuweisen: uobis oportebat primum loqui uerbum dei, sed quoniam reppulisti( s) illud huuanta ir daz uuidar uurphut Monseer fragm. 31, 15 Hench. erst die relativ zahlreiche bezeugung im mhd. und frühnhd. im sinne von '(etw.) rückgängig, ungültig machen, anfechten, verwerfen' zeigt gefestigten sprachgebrauch, und zwar die hauptverwendungsweise des wortes:
nû hât iwer iegelîch
gehaizen mir helfe;
nû wil dû daz zewerfen
(var. iz wider werfe)?
kaiserchronik 11 790 Schr.;
vnd de diz dinc (eine schenkung) nieman gelogen mvge noch widerwerfen, dar vmbe gib ich ... dez drvhsessen insigel ... ze ainer vrkvnde, ze henkenne an disen brief (um 1280) corp. d. altdt. originalurk. 1, 368 Fr. Wilhelm; daz (sc. eine meinung) widir wirfet sanctus Beda (hs. um 1300) St. Georgener pred. 237, 1 Rieder; dis betrogen rete ('trügerischen ratschläge') widerwarf dú ewig wisheit Seuse dt. schr. 9, 15 Bihlm.; widerwurfent ir waz man vormols zu rot worden (Straszburg 1362) städtechron. 8, 129; hat er (Christus) ire (der pharisäer) schriften die sie geschriben haben und ir leben widerworffen Matthei 23 Reuchlin augenspiegel 37 Mayerhoff; dar einem der vorg. meisterstücke 1 oder alle 3 wider worpen und nicht vor meisterstücke erkant wurden (1588) in: d. gewerbe d. st. Münster 238 Krumbholtz. im rechtsleben bes. ein urteil verwerfen, anfechten: ist daʒ ein man eine urteil widerwirfet (1275/80) Schwabenspiegel 96, 1 Wackern.; s. auch ebda 97, 8; vgl. spiegel dt. leute 106 Ficker und (ende d. 14. jhs.) d. alte Kulm. recht 5, 66 Leman. ähnlich wird das wort auch mit personen (gremien) bezeichnendem objekt gebraucht: hat er einen freunt der tod man, der fúr in kempffen wil, der widerwúrffet die siben zewgen Schwabenspiegel 40ᵃ Laszberg; redet einr wieder die orteil ader wysunge der scheffen des gerichtez ..., der hede daz gerichte widderworffen (wohl 13. jh.) Carolina 4, 7 Kohler; etlich ... sprachen, er weri unschuldig. die wurden als gremlich widerworfen, daz sú muͦsten swigen Seuse dt. schr. 68 Bihlm.; ist ymant zu Mentze, er sij in dem rade odir uszwendig, der den rad widdertribet odir widderwirfet und sprichet, er sij meyneydig odir eyns unrechten uberkommen (um 1430) in: zs. f. d. gesch. d. Oberrheins 7, 9 Mone; der herre konig hatte uns gestern gegeben heren, uns czu entscheiden mit den Newburgern, aber Kinapel ... und Phonensky und Schaecke von Graudenz di wederworffe uns und wolden sy nicht haben, wen sy frunde sint der Neuweburger (1457) acten d. ständetage Preuszens 4, 553.
2)
im folgenden steckt wohl in allen fällen im ersten wortglied wider- '(ent)gegen': widerwerffen obijcere, voc. incip. teut. ante lat. (Straszb. ca. 1495) D 2ᵃ; vgl. voc. primo ponens dict. theut. (1515) k 2ᵇ; opponere hd. wyederwerffen, -seczen, nd. wederwerpen, -zetten Diefenbach gl. 398ᵃ; precipitare wider werffen (1502) ders., nov. gl. 300ᵇ. worte widerwerfen:
sin antwurte er in widerwarf ...
nach alle irre vrage
wurden si bescheiden gar
(1280/1300) passional 456, 54 Köpke;
antheta (antitheta?) eyn widder worffen redde (1476) Diefenbach nov. gl. 26ᵇ. etw. 'vorwerfen': wye einer sich sol raynigen von einer missetat im verargt oder widerwurfen (a crimine sibi imputato seu objecto) ... die raynigung ist von der widerwurfen missetat oder beschuldigung sein vnschuld erzayung (expurgacio est de objecto crimine vel incusacione sue innocencie ostensio) (15./16. jh.) summa legum d. sog. Raymundus 663 Gál.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1388, Z. 1.

widerwerfen, wiederwerfen, n.

wi(e)derwerfen, n.,
ahd. nur vereinzelt: (cum negotiatore [tracta]) de traiectione id funi (l. fona) uuidir uuerfenne (ecclesiasticus 37, 12; 10. jh.) ahd. gl. 1, 562, 12 St.-S.; s. ebda 580, 20 und 22; vgl.: (tracht) mit dem geschefftiger von der vbertragung des gewinsz (var. kaufschacz) erste dt. bibel 8, 305, 57 lit. ver. im mhd. 'das umwenden, umkehren':
der orsse widerwerfen wart so gehe.
sam ders vf einer schiben mit loufe gedret al vmbe sehe
jüng. Titurel 5617 Hahn;
widerwerfens si dô phlâgen
(anf. d. 14. jhs.) Ottokar österr. reimchron. 6823 Seem.
'was im gespräch einer geäuszerten meinung entgegengestellt wird': entwúrt: ... dem menschen, dem hie reht beschiht, der wúrket niemer werk me denne ein werk ... . ein widerwerfen: wie mag daz bestan, daz der mensch nit me wúrke denn ein werk? nu hat doch Cristus zwivalt werk Seuse dt. schr. 348, 5 Bihlm.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1389, Z. 38.

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Zitationshilfe
„wiederwerfen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiederwerfen>.

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