Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wiegeln1, vb.

¹wiegeln, vb.,
(sich) schwankend bewegen. die neben dem starken verbum ahd. wëgan, mhd. wëgen auftretenden schwachen verben, die sämtlich eine hin- und herbewegung bezeichnen, wechseln im stammvokal zwischen -a- und -i-, im konsonantismus zwischen -g- und intensivierendem -ck- (nd. -gg-) und in der ableitung zwischen einfacher schwachformiger bildung und der mit iterativ-diminutivem l-suffix. da ein verbum wigen fehlt (²wiegen ist mit diphthongischem -ie- zu wiege gebildet; vgl. aber lautspielendes wigen, wagen Gottfried v. Neifen 52, 13 H.-Schr.), ergeben sich neben wagen (s. d. I, teil 13, sp. 289) die reihen wacken, wageln, wackeln und wicken, wigeln, wickeln (s. teil 13, sp. 215, 377 und 209 sowie oben ³wickeln, wo auch das nur mundartl. vorkommende wicken erwähnt ist [dazu nl. wikken van Dale ⁷2114ᵃ ]; vgl. noch nl. waggelen und wiggelen, engl. waggle und wiggle). offenbar gehen alle diese bildungen von wagen aus, die i-formen mit sekundärablaut, vgl. vokalspiele wie wigen, wagen (s. o.), wickeln und wackeln (s. ³wickeln) und wigelwageln 'hin- und herschaukeln' (im nd. verbreitet, vgl. wickelwackel sp. 855f. und wygelwageln Strodtmann Osnabr. 387; wiegelwageln Mensing schlesw.-holst. 5, 625; wig l wageln brem.-ndsächs. wb. 5, 251; Böning Oldenburg 132ᵃ; Schambach Göttingen 297 usw.; in Wien: wiglwaͦgl 'zweifel, unentschlossenheit' Hügel 189; vgl. noch wiegelwagel als namen des pirols unter wiedewal). zu beachten ist aber, dasz wigeln sehr leicht an wiege und wiegen angelehnt oder ein wiegeln hierzu gebildet werden konnte. wie nl. wiegelen zweideutig ist (vgl. Franck-van Wijk etym. wb. d. nl. taal 792ᵇ nebst suppl. 194ᵇ), so ist auch für nhd. wiegeln nicht zu entscheiden, inwieweit es gedehntes -i- oder monophthongiertes -ie- enthält. mundartl. findet sich (mit -ī- aus -i-) wᵉīgᵉlᵉn 'schaukeln' neben weigᵉn 'wiegen, schaukeln', weigᵉ 'wiege' (-ei- aus -ie-) Bauer-Collitz Waldeck 112ᵇ, entsprechend weiγələn (diphthongiert) neben wēγən, wēγə Martin Rhoden 283; der einzige mhd. beleg zeigt -ie- (wiegelônde, s. u. 1); dagegen steht -i- in keuuigilit (11. jh.) ahd. gl. 2, 409, 56 St.-S., das aber vielleicht gar nicht hierhergehört (es übersetzt instruit 'unterrichtet' Prudentius, passio Cypriani 106. der genauere sinn des deutschen wortes ist unklar).
1)
allgemein 'schwankend bewegen' (intrans. u. trans.); swancken, wagen, waglen, wiglen vacillare, titubare, tremere v. d. Schueren Teuth. 388ᵇ; wiegeln in wiegende bewegung versetzen, wiegen Unger-Khull steir. 632ᵇ: wiegelônde gân Steinmar 11, 34 in: schweiz. minnesänger 184 Bartsch; (von vögeln, vgl. ²wiegen 5 c:) in ästen sich zu wiegeln qu. v. j. 1854 bei Sanders wb. 2, 507;
olls niegelts und wiegelts,
staudn, blüeml und bam
stöckan d' köpf zsamm und wispeln
Stelzhamer ausgew. dicht. (1884) 3, 142;
der wellen die des himmels bilder wiegeln
musik in mystisch feierlicher art
sich mächtig tönend mit den farben paart
wie sie beim sonnenuntergange spiegeln
Stefan George Baudelaire (1901) 28.
2)
bei schweiz. autoren ein kind wiegeln: singend speiszt sie den säugling, wieglet ihn sanft, bis er wieder entschläft Pestalozzi s. w. 8 (1927) 185, 31; (seine frau) die in dunkler ecke ein kind wiegelt und ein anderes säugt J. Gotthelf ges. schr. (1855) 5, 93.
3)
nur lexikalisch belegt sind die folgenden auffassungen: wiegeln stampen, stooten van een schip op zee Kramer-Moerbeek dt.-holländ. (1768) 420ᵇ; wiegeln vorn tiefer als hinten im wasser gehen Schrader dt.-frz. wb. 2, 1634; wiegeln etwas durch wiederholten druck aus seiner lage, besonders in die höhe bringen Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24. vgl. noch mundartl. wiegeln mit angestrengter kraft arbeiten Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1524, Z. 70.

wiegeln2, vb.

²wiegeln, vb.,
gleichbedeutend mit aufwiegeln (s. d. teil 1, sp. 779), aber auch intransitiv, statt des nur transitiv verwendbaren kompositums. zum st. v. wëgan in der bedtg. 'permovere'; grundform *wigilon wie quitilon zu quedan? (das viel verbreitetere kompositum aufwiegeln 'aufhetzen' teil 1 sp. 779 erscheint im älternhd. auch oft [oder meist?] in der form aufwickeln, sp. 778). ich wiegle commotiones facio Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1013; wiegeln im geheimen hetzen, eine sache nicht ruhen lassen Müller- Fraureuth obersächs. 2, 665ᵃ: wo jhr aber viel rahtschlagten zum feind zu ziehen, denn sol er (d. heerführer) etliche hauptleut zu gleichen fürnemmen wiglen, dasz sie jene vnterwegen erlegen Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 178ᵇ; und wiegelte das gemeine volck wieder den raht, weszwegen er beim könige verklaget ward Curicke d. st. Dantzig hist. beschr. (1688) 260ᵃ; sie schürten und wiegelten denn auch dergestalt, dasz überall der aufruhr pochte Laube drei königsstädte (1875) 1, 217; tiefen abscheu vor jenen wiegelnden und wühlenden menschen, die eine gute polizei subversive elemente nennt Musil mann ohne eigenschaften (1956) 348. dazu auch wiegler, m.: neulich ist in Erfurt als wühler und wiegler Simoni verurteilt (1849) Jahn br. (1913) 556; wieglerisch, adj.: das demagogische gerede von wieglerischen elementen Musil a. a. o. 102. im älteren 19. jh. scheinen solche verwendungen beliebt gewesen zu sein, s. weiteres bei Sanders wb. 2, 1600ᵇ; erg.-wb. 636ᵃ; vgl. auch frühnhd. wegeler teil 13, sp. 3084. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1525, Z. 67.

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Zitationshilfe
„wiegeln“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiegeln>.

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