Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gewiegt, participiales adjectiv

gewiegt, participiales adjectiv
zu wiegen (s. d.), dem von wiege abgeleiteten verbum. das particip sondert sich in zwei richtungen vom allgemeinen verbalgebrauche ab: älter und weit abgerückt ist die bedeutung gewiegt, erfahren, kundig; jünger und in den ersten anfängen erscheint eine andere entwicklung, vgl. Venedigs meergewiegter glanz P. Heyse Rafael (Münchener dichterbuch 343).
1)
die bedeutung kundig, erfahren überrascht bei einem particip, das von wiegen, wiege abgeleitet wird; näher läge es, an das stammverbum wegen (bewegen) zu denken, das durch die analogie von gewandt (s. d.) gestützt werden könnte. dem stehen zunächst lautliche schwierigkeiten entgegen, die freilich bei den mannigfachen verschiebungen eben in dieser sippe (vgl. gewiegen, gewigen für gewegen, gewogen) nicht unüberwindlich wären. aber gerade der bedeutungskreis, in dessen mittelpunkt die wiege steht, bietet eine reihe so sicherer anknüpfungspunkte, dasz die anlehnung von gewiegt an wiegen nicht von der hand zu weisen ist.
a)
das verbum wiegen selbst ist erst spät belegt, bei Gottfried v. Neifen und im jüngeren Titurel, vgl. mhd. wb. 641ᵃ; Lexer 3, 880; aber die ihm zustehende bedeutung war vorher durch verwandte verba vertreten, so durch wagen (vgl. mhd. wb. 3, 641ᵇ) und sogar durch wegen selbst (mhd. wb. 3, 642ᵇ). ein beleg für dieses zweite verbum zeigt nun deutlich, welches gewicht eine frühere lebensauffassung auf die wiege als den anfang aller entwicklung und erziehung des menschen legte, vgl.: in grôʒem vollen geweget und erzogen sîn. Kolocz. cod. 146. das stimmt mit der beobachtung überein, die oben (sp. 5784) bei gewickelt an die verbindung gut gewieget und gewickelt zu knüpfen war. dazu stimmt auch die bedeutungsentwicklung des franz. bercer, die in ähnliche übertragung ausläuft, vgl.: je sui bercé de cela, dieses ist mir sehr wohl bekannt. neues dict. (Genf 1638) s. 146ᵇ. dadurch werden andere erklärungen (1. aus gewift, vgl. achter aus after; 2. aus wîgen, kriegsbereit, vertheidigungsfähig machen) unwahrscheinlich (vgl.: ein torm, der mit erkern wol gewîget ist. hohe lied Bruns v. Schonebeck 3700, s. Lexer nachtr. 402). der älteste beleg für den einschlägigen gebrauch des participiums liesze sich aus der einen wie aus der andern auffassung leicht erklären und ableiten: gewieget in gerichtshendlen, homo fori alumnus. Maaler 179ᵃ. die verbindung als solche wird jedenfalls dadurch sicher gestellt und weit früher datiert als der litterarische gebrauch dies zuläszt; die deutung selbst könnte auch erst aus nachträglicher anlehnung an wiegen, wiege erwachsen sein. das gleiche läszt sich später wieder beobachten:
China's kaiser, so jung: als staatsmann preist, als gewiegten,
ihr ihn — o saget doch, ist's lange schon, dasz er gewiegt?
Glassbrenner u. Sanders xenien der gegenwart (66: bescheidene frage) (1850) 169.
b)
die litterarischen belege (in den mundarten sind andere bildungen bevorzugt, vgl. gewichst, gewift u. a.; vgl. auch Lenz Handschuhsheimer wb. 28ᵃ) fallen mit vereinzelten ausnahmen erst in den ausgang des 18. jahrh., sie weisen einige verbindungen auf, in denen noch die formen erkennbar sind, mit denen das particip sich zuerst isolierte.
α)
das particip mit adverbialen bestimmungen und ähnlichen verbindungen giebt in einigen älteren gebrauchsformen anhaltspunkte für die ableitung von wiegen, wiege.
1))
gut gewiegt (s. o.); dieser (Floretto) ist noch gar einfältig und noch nicht recht gewieget. wir wollen doch Amandus noch einmal herein kommen lassen, ob wir noch was aus ihm bringen könten. Schoch komödie v. studentenleben 87, 33; anders schon: jedem einwurfe zeigte er sich nachgiebig; der vielgewiegte mann war sogleich bereit zur abänderung eines ausdrucks, der miszdeutet und den politisch - kirchlichen zwecken der partei nachtheilig werden konnte. C. F. Neumann (Joseph Görres) in Oppenheims deutsch. jahrb. f. pol. u. lit. 11, 158.
2))
zu fügungen von gewandt stimmen präpositionalverbindungen: so leicht der junge mann aussieht, so gewiegt ist er in seinem fache. Gotter (der schöne geist oder das poet. schlosz 2, 6) 3, 216; ich habe etwas vor, sagte herr Stark, wozu ich einen mann brauche, auf den ich mich verlassen kann, und der zugleich um sich weisz, und in handlungsgeschäften gewiegt ist. J. J. Engel (herr Lorenz Stark 26) schr. 12, 279; in allen sachen gewiegt, d. i. erfahren sein, eine ziemlich dunkle figur, wenn sie nicht von dem vorigen verbo wiegen oder wägen entlehnet ist. Adelung 4, 1538; denn Rizzio war ein fähiger in den neueren sprachen gewiegter mann, die königin erhob ihn zu ihrem secretär, war oft mit ihm geheim zusammen, doch nach allen umständen in schuldlosem verkehr. F. C. Dahlmann gesch. der engl. revolution 106; nun also schon wieder in dem gewohnten tone einer vor nichts erstaunenden ruhe und kälte sagte der in seinem amte gewiegte, in seinen unternehmungen von guten erfolgen begleitete beamte. Gutzkow der zauberer von Rom 3, 24.
β)
das absolut gebrauchte particip: gewandt, gewiegt, geschickt, versato, habile, addirizzato, scozzonato, versé, habile, adroit, adressé. Rädlein 1, 381ᵇ; gewiegt, adj. u. adv., bercé. Schwan 1 (1783), 745ᵇ; gewiegt für geübt, wohlbeschlagen, kömmt nur im gemeinen leben vor. Heynatz Antibarbarus 2, 56; gewiegt, adj. u. adv., geübt, erfahren. Campe 2, 363ᵃ u. a.; ja, es war im verkehr gleich alles hier so sicher, so fest, so unbeschreiblich gediegen, solid, leidenschaftslos, gewiegt, so ganz in ihr neuer art und unendlich imponirend. Gutzkow der zauberer von Rom 1, 239.
1))
und er beschlosz den augenblick, dem grünen genie gar stattlich das obstat zu halten, die meinung desselben mögte nun sein, welche sie wolle, und vor der gesellschaft ehre einzulegen. zu diesem tapfern entschlusse trug das nicht wenig bei, dasz er schon lange weg hatte, sein gegner sei kein sehr gewiegter mann. Joh. Gottw. Müller Siegfried v. Lindenberg (cap. 12) (1779) 74; sie, tiefer denker, menschenkenner, prüfer der leidenschaften, der sie provinzen und länder mit nutzen durchreiset sind, sie gewiegter, und gleich dem Odysseus vielgewandter mann, oder vielverschlagner ... Tieck (die vogelscheuche 5, 1) novellenkranz 4, 372; indem er ganz unverhohlen sein erstaunen, ja seine entrüstung äuszerte, dasz ein so gewiegter, weltläufiger mann wie herr Horváth seine einzige tochter und erbin mit einem von der strasze aufgelesenen ... menschen ... stundenlang in einer sprache verkehren lasse, die den übrigen hausgenossen mehr oder weniger unverständlich sei. Friedr. Halm (die Marzipanliese) 4, 10 Schlossar; wozu sollte er sonst ein so verständiger, sanftmütiger und gewiegter mensch sein, wenn er nicht irgend etwas heimliches, sehr vorteilhaftes vorhatte? Gottfr. Keller (die drei gerechten kammmacher) 4, 224.
2))
und Cajus Cäsar sandte mir befehl
zum kampfspiel, das bevorsteht, meine fechter,
die tüchtigen, gewiegten bursche nämlich,
nach Rom zu bringen, und ich bracht' sie denn
wie früher in die gärten Mark Antons.
Friedr. Halm (der fechter v. Ravenna 1) 3, 81 Schlossar;
Uli hatte den karrer fortgejagt, den melker einmal geprügelt; er hatte die ruhe eines alt aristokratischen gewiegten bauern noch lange nicht. J. Gotthelf Uli der pächter cap. 9; der kirchenfürst unserer provinz selbst, sagte er, nimmt den lebhaftesten antheil an einer entscheidung, für welche sogar mein gewiegter principal, der procurator Dominicus Mück, keine andere hülfe hat als die des aufschubs. Gutzkow der zauberer von Rom 2, 91; wie hätte ich wohl hoffen dürfen, den gewiegten praktiker zu unsrer 'ideologischen' auffassung zu bekehren. R. Haym aus meinem leben 187; denn bei allem ungestüm war er (Blücher) von grund aus klug, nicht blos im kriege so verschlagen und aller listen kundig, dasz ihn Napoleon ärgerlich le vieux renard nannte, sondern auch ein gewiegter menschenkenner, der jeden an der rechten stelle zu packen wuszte. Treitschke deutsche gesch. (1, 4) 1⁵, 454; die frage, wie der degen beschaffen sein musz und wie viel er kosten darf ... darüber mögen sie einer so gewiegten und anerkannten autorität wie der preuszischen militärverwaltung ... doch auch ein gewisses urtheil beilegen. Bismarck (im reichstag des norddeutschen bundes 22. 5. 1869) 4, 252 Kohl.
3))
der gewiegte (der arzt) fand das ganz in der ordnung, gab zum vollzug die befehle und liesz nun anstalt zum zeitgemäszen frühstück treffen. F. L. Jahn (denknisse eines Deutschen: der geleiter 11) 1, 471 Euler; dritter holzschnitt. hier ist ein gewiegter kommentator von nöthen. Bonaventura 4. nachtwache s. 26 Michel; als gewiegter kenner der geschichte gab der minister unbefangen zu, dasz die staatsgewalt weder sittlichkeit erzwingen noch unsittlichkeit verhüten könne. Treitschke deutsche gesch. (5, 3) 5, 251; so grosz freilich der antheil ist, den glück und zufall an gallerien haben, soviel auch auf den geschmack ihres besitzers ankommt, es muszte auch einen gewiegten kunstkenner und thätigen geschäftsmann geben, in dessen hand die fäden des ganzen netzes zusammenliefen. Carl Justi Winckelmann 1², 267; das sind die ansichten eines gewiegten und erfahrenen diplomaten. Bismarck (im preusz. landtag 6. 3. 1872) 5, 299 Kohl; ich glaube aber, aus der debatte ... hat sich herausgestellt, dasz eine verschiedene auffassung und deutung der älteren ständischen gesetzgebung möglich und factisch vorhanden war, nicht blosz unter laien, sondern auch unter gewiegten juristen. (im vereinigten landtag 1. 6. 1847) 1, 11; in wenigen tagen lieferte der gewiegte rechtsgelehrte (freiherr v. d. Pfordten), welcher zur zeit durch sein keckes auftreten ... die mehrheit der versammlung beherrschte, eine ausführliche darlegung der beiden sätze. Sybel die begründung des deutschen reiches (10, 4) 3², 104; aber du hast dich als gewiegter jurist natürlich erst erkundigt? Rudolph Braune reinheit (1895) s. 15.
γ)
für die überführung des particips in die kategorie der adjectiva zeugen vor allem die steigerungsformen: das weibliche ... geht mir jetzt in dem schönen dufte der blume, in den geregelteren wallungen des herzschlages, in meinen plötzlich gewiegter und voller werdenden begriffen und gedanken auf. Gutzkow Richard Savage 1, 1; ich erinnere sie an die worte eines mannes, der weit gewiegter in staatsrechtlichen dingen ist, als ich: Jordan's von Marburg, wenn er gestern sagte, dasz unter dem begriffe bund ebensowohl der staatenbund, als der bundesstaat verstanden wird. Vincke in der deutschen nationalvers., s. stenogr. ber. (3) 2101ᵇ; selbst ein gewiegterer mädchenkenner, als unser liebender Römer, wäre sicherlich in verlegenheit gewesen, wie er diesen bescheid zu deuten, welche verschwiegenen hintergedanken günstiger oder unliebsamer art er hinter den scheinbar so zutraulichen worten zu suchen gehabt hätte. Paul Heyse ital. nov. 2: Romulusenkel; wenn ich ein junger lieutenant wäre, wollte ich den ältesten und gewiegtesten grenadier aus seiner fassung bringen, und ihn durch beständiges mäkeln und unvernünftiges tadeln in vier wochen confus und zum unordentlichen und schlechten soldaten machen. Tieck (der geheimniszvolle) 14, 264.
2)
verwendungen des particips, welche die an die wiege anknüpfende bewegung auf andere ähnliche erscheinungen übertragen und die den begriff verallgemeinern. die sonderstellung des particips beruht hier darauf, dasz es an dieser entwicklung in höherem masze theilnimmt, als andere verbalformen:
a)
gliederung nach bedeutungsgruppen.
α)
schon beim engsten anschlusz an die grundbedeutung erweitert sich der gebrauch. bald entfernen sich die begleitenden umstände von den herkömmlichen formen, bald treten subjecte zum particip, die das ursprüngliche bild verschieben:
du warst die feuͤrig khol, so des for-sagers lippen
durch flammenbotten-hand beruͤhrt hatt', der die kruͤppen
des maͤnnsch-gotts for gewiegt wol achthalb-hundert jar
eh er, der jungfrau-sohn zumm hail gebohren war.
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch seiner reimged. (1647) 4;
ihr helle sternlein stehet still
und horcht wasz eüer schöpffer wil,
der schwach und ungewieget
in einem kriplein lieget.
Joh. Rist (1, 1 weihenachtgesang) himml. lieder (1652) 6;
doch es schaukelt mit der puppe,
dass gewieget sie entschlummre,
singt ein lied, sie einzulullen,
jetzt das klare geisterweib.
Clemens Brentano romanzen vom rosenkranz (17, 84) 302 Morris;
wer auf den wogen schliefe
ein sanft gewiegtes kind,
kennt nicht des lebens tiefe,
vor süszem träumen blind.
Eichendorff (der freund) 1³, 107;
(Friederike.) nicht doch, dein Ali war mir lieb.
(Lucinde.) der mäuse wegen,
(Friederike.) oft wenn er, sanft gewiegt, auf meinem schoosz geschnurrt,
war er — (Lucinde.) erträglicher, als ein gemahl, der murrt.
Müllner (der Angolische kater 1) 5, 15;
die minn' ist ein gefangner falk,
vom jägersmann gewiegt im ringe,
damit der freie als ein schalk
dienstbar auf das gewilde springe.
K. Immermann (Tristan u. Isolde 1: Cornwall) 13, 237;
götter! sie wird die welt zum Eden zaubern,
wird die fluren in gärten gottes wandeln,
wird, auf meinem schose gewiegt, den frühlingsabend beflügeln!
Hölty (die künftige geliebte) 76 Halm;
o, lasz im traume mich sterben,
gewieget an seiner brust,
den seligsten tod mich schlürfen
in thränen unendlicher lust.
Chamisso (frauen-liebe u. leben 3) 12 Walzel.
β)
so verblaszt die vorstellung zu dem umfassenderen begriffe schaukelnde bewegung:
die pilgerfahrt ist nicht die fahrt bei tag und in der nacht,
gewiegt vom rücken des kameels und von der sänft umdacht,
die pilgerfahrt ist, dasz sein geist sei auf das heil'ge haus
allein gerichtet ...
Rückert (25. makame) poet. werke 11, 417;
Cap Misen ragt mitten im abendlicht als
nackende felsbrust,
die im kahn sonst schaukelgewiegt umschifft wir.
Platen (oden: einladung nach Sorrent) 1, 204 Redlich;
du ruhst in der barke, wie süsz gewiegt.
(eklogen u. idyllen: bilder Neapels) 1, 265;
nun hatte, gewiegt auf dem blauen wasser, Robert die beste zeit und gelegenheit, über sich und seine schicksale nachzusinnen. W. Raabe leute aus dem waldes. 283.
γ)
wie das schaukeln des kahns auf dem wasser, so geben auch die bewegungen in der atmosphäre gern den anknüpfungspunkt zur übertragung:
sie war wie von der nachtigall geboren,
die um den tempel der Diana wohnt.
gewiegt in eichenwipfel sasz sie da,
und flötete ...
H. v. Kleist (Penthesilea 23, 2685) 2, 147 E. Schmidt;
wie dort, gewiegt von westen,
des mohnes blüthe glänzt!
Uhland (der mohn) 1, 43 E. Schmidt;
nur der kleine pfiff zuweilen leise vor sich hin, nicht eine bestimmte melodie, sondern wie ein vogel, der auf einem sacht vom winde gewiegten baume sitzt. Paul Heyse buch der freundschaft: grenzen der menschheit;
lehre der gott
ruhige fassung
mich und geduld,
dasz vom ebenen
boden ich
nicht hinauf
zürne zu denen,
die gewiegt und geschaukelt,
weiter kommen,
als ich mit meines
schreitenden fuszes kraftanstrengungen.
Fri. Rückert (haus- u. jahr 5. reihe: der fuszwanderer) 2, 399;
löse, himmel, meine seele
aus des staubes engen schranken!
wandle sie zum flügelboten
liebesehnender gedanken!
wandle sie zu blumenodem,
zart gewiegt im hauch des windes!
Peter Cornelius 4, 22 Stern.
δ)
erweiterung des kreises der übertragungen: ein so herrlicher kraftstamm auch der Deutsch-Österreicher ist, ein so ausgezeichnetes, in glück und unglück gewiegtes fürstenhaus auch die länder und staaten zusammen hält. Jahn (deutsches volkstum [erklärung]) 1, 146 Euler;
zogst du, dem augenblick als sklavin unterthan,
mit jedem neuen kleid auch neue liebe an,
und schwärmtest, sanft gewiegt in deiner schönheit ruhme,
von sieg zu sieg dahin, von blume hin zu blume.
Geibel juniuslieder (auf eine einsame) 199;
und viele, im wahn, dasz die feinde besiegt,
mit liebreiz umgürtet, in anmuth gewiegt
umschwärmten den kranz
der Ilischen zinnen mit reigen und tanz.
Heinr. Leuthold (Penthesileia 8) ged.⁴ 285.
b)
syntaktische besonderheiten bietet dieser gebrauch des particips noch wenig. als beleg für substantivierung vgl.:
pferde keuchend, räder knirrend,
kutscher fluchend, achsen krachend,
... wenn mir unsanft so gewiegtem
so gerütteltem, der faden
der geduld zerreiszen wollte.
Fr. Rückert (liebesfrühl. 2, 37) 1, 249.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1907), Bd. IV,I,III (1911), Sp. 5790, Z. 72.

wiege, f.

wiege, f.,
cuna.
herkunft und form. spätahd. wîga (s. u.), wiega, mhd. wige (s. u.), wiege, mnd. wêge, mnl. wieghe, nnl. wieg, afrs. widze (s. u.). das wort ist seit dem 11.—12. jh. in spätahd. glossenhss. und seit der mitte des 12. jhs. in literarischen quellen zu belegen. vorher ist das verwandte gleichbed. ahd. waga, mhd. frühnhd. wage allein bezeugt (s. wage II teil 13, sp. 346), das aber landschaftlich begrenzt (vorwiegend alem.-schwäb.) auftritt und schriftsprachlich im nhd. durch wiege verdrängt wird. das lautliche verhältnis der formen wage (wozu an. vagga), wī͏̆ge und wiege, die mit dem st. vb. ahd. wëgan, mhd. wëgen 'bewegen' zu der idg. wurzel *u̯egh- 'bewegen' gehören, ist unklar, vgl. Kluge-Mitzka etym. wb. ¹⁷859; Falk-Torp norw.-dän. etym. wb. 1399 (vugge); Franck-van Wijk etym. wb. d. nl. taal 792ᵇ. es besteht jedoch die möglichkeit, dasz in wī͏̆ge kein ursprüngliches -i- vorliegt, so dasz etymologisch nur mit wiege und wage zu rechnen wäre. hierfür sprechen die folgenden umstände.
1)
wie Lexer mhd. wb. 3, 879 s. v. wige andeutet ('wiege, md. wige'), handelt es sich bei wige um die regulär monophthongierte mitteldeutsche form. die -i-belege der mhd. wörterbücher stammen auch sämtlich aus md. texten (vgl. ferner wige Daniel 3214 Hübner; in einer wigen passional 241, 22 Köpke), mit ausnahme der frühesten stelle aus der Vorauer sündenklage (in der wigen, mitte d. 12. jhs., bei Diemer 306, 17), wo aber mit rücksicht auf die vielerörterten md. spuren dieses denkmals gleichfalls md. herkunft der form zu vermuten ist. sonst findet sich -i- in oberdeutschem text nur sehr vereinzelt und sicher nur als graphische variante: in der wigen Heinrich von Neustadt gottes zukunft 7153 Singer (neben in der wiegen Apollonius 16 754); vgl. noch wigenpant 'wiegenband' Andreas von Regensburg 635, 23 Leidinger.
2)
die belege aus den ahd. glossen können für -i- nichts beweisen, da in drei von vier hss., die wîga, wiga haben, auch bei anderen wörtern -i- für -ie- vorkommt, vgl.: cuna uuîga ahd. gl. 3, 623, 32 St.-S. (11.—12. jh.) neben genuale chnilachan ebda 18 (Em 31); cuna wîga (hs. B), wîege (hs. A) 3, 232, 41 (12. jh.) neben conductus gemitet (hs. B), gemîettˢ (hs. A) ebda 52; cuna wiga 3, 324, 36 (14. jh.) neben priuignus stifsun 327, 17; übrig bleibt: cuna wiga (b = Mon. 2), vvi, ga (a, die korrektur v. anderer hand), wiega (c) 3, 331, 34 (12. jh.); vgl. aber ebda: pobles knierat (a b), knirada (c) 342, 27. lautlich nicht eindeutig ist cuna uuega (11. jh.) ahd. gl. 3, 624, 13.
3)
die formen der obd. und md. mundarten zeigen als stammvokal durchgängig einen laut, der regulär dem mhd. -ie- entspricht. die vertretung von altem -i- läszt sich, soweit sie nicht mit der von -ie- zusammengefallen ist, nirgends nachweisen: wiəgng, oberpfälz. wêigng Schmeller-Fr. bayer. wb. 2, 879; wiagn Jakob Wien 219; wiagə Bacher Lusern 228; biga (wie zigen 'ziehen' usw.) Schmeller cimbr. 173; wiega Bühler Davos 1, 259; wiəge Hotzenköcherle Mutten § 49; wîega Tobler Appenzell 448ᵃ; wīəg Fischer schwäb. 6, 808; wìək (nördl. Oberelsasz), monophthongiert wík, wej (nordöstl. u. nordwestl. Unterels.) Martin-Lienhart 2, 804; wei Schön Saarbrücken 226ᵃ; weⁱ wb. d. luxemb. ma. 479ᵃ (in ält. spr.: weige [Mainz] städtechron. 17, 397; cuna eyn weyge vocab. ex quo [Eltville 1477] E 8ᵇ); weech, jünger wech Wrede Köln 266 (vgl. md. wege im 15. jh. bei Diefenbach gl. 157ᵃ s. v. crepundium und 162ᵇ s. v. cuna, cunabulum); wiik Lenz Handschuhsheim 77ᵇ; wiigə Meisinger Rappenau 231; wije, wich Crecelius Oberhessen 914 (hier vor ch gekürzt wie zich, ziche = zieche 'bettüberzug'); wījə Hofmann Niederhessen 264ᵃ; wiic (westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665ᵃ; wījə (Seifhennersdorf) PBB 15, 57; wieje Brendicke Berlin 193ᵃ. auch im gröszten teile des niederdeutschen macht die rückführung auf mnd. ê⁴ = mhd. ie keine schwierigkeiten: wī'əX Leihener Cronenberg 134ᵇ; weeg Elberf. ma. 173ᵃ; weege Strodtmann Osnabrück 90; Böning Oldenburg 130; wêge Doornkaat Koolman ostfries. 256ᵃ; weeg, weig Mensing schlesw.-holst. 5, 565; wêg Danneil altmärk. 245; wege Dähnert plattdt. 544ᵃ; wö͏̂j Fischer Samland 98; waig ter Laan Groningen 1159ᵃ; weig Tonnar-Evers Eupen 227; waige Woeste-N. westfäl. 314ᵃ; weigᵉ (wie weikᵉ = wieche 'docht') Bauer-Collitz Waldeck 112ᵇ; dafür wēγə Martin Rhoden 283; weige Fromme Hohenbostel 91; weig (-e-) Mi Mecklenburg 106ᵃ. dagegen finden sich in verschiedenen südnd. mundarten abweichende laute. weⁱʒe in der ma. B (Ostbevern nordöstl. Münster i. Westf.) bei Grimme plattdt. maa. 150 stimmt nur mit mnd. ê² (= wg. ai ohne umlautfaktor) überein. derselbe laut kann ganz regulär auch in den folgenden formen vorliegen: wegen Frederking Hahlen 34; weege Flemes Kalenberg 378; wēʒə Bierwirth Meinersen § 138; vēᵉ Block Eilsdorf 100ᵇ; wêje Damköhler Nordharz 224ᵇ; wëge (neben weige) Schambach Göttingen 291ᵃ; weige Deiter Hastenbeck 156. zum teil ist in diesen vokalen u. a. auch altes i (nicht aber mnd. ê⁴) aufgegangen, weshalb Sarauw nd. forsch. 1, 185 zusammenhang mit mhd. wige in betracht zieht. wie bei Grimme läszt sich aber bei Frederking und Deiter altes i ausschlieszen, und übrigens hat wiege in den angeführten mundartdarstellungen (auszer Grimme) stets denselben vokal wie miete, mieten, das gleichfalls die entsprechung von ê⁴ zeigen müszte. es scheint sich bei diesen wörtern um eine ähnliche unregelmäszigkeit zu handeln, wie bei spiegel und ziegel, wo ê³ statt ê⁴ vorkommt (vgl. Dahlberg ma. v. Dorste 116). dagegen läszt sich altes i in wījə bei E. Hoffmann voc. d. lippischen ma. 51 (vgl. Sarauw 1, 423) nicht ausschlieszen, sondern stellt neben e (aus i oder umgelaut. a) den einzigen laut dar, auf den die form organisch zurückgehen könnte. dieser einzelfall kann aber kaum als beweisend angesehen werden (übrigens gibt es -ī- im nd. auch sonst unter hd. einflusz: wieg [vīīx] 'wiegemesser des schlachters' Mensing schlesw.-holst. 5, 625 neben weegmess 566).
4)
eine scheinbare stütze erhält der ansatz von i durch die friesische form widze (vgl. Franck-van Wijk etym. wb., suppl. 194ᵇ); sie kann aber ohne schwierigkeit (als -jô-stamm neben wage) auf *wagjô- zurückgeführt werden (so Th. Siebs in: grdr. d. germ. phil. ²1, 1299). wo sie im fries. auftritt, zeigt auch legen und sagen -i- für umlaut-e (vgl. Siebs 1186 f.): ief da ieldera wrhlit (überführt) werdeth, dat hiare kyndt bi hemmen op hiara bedde ief in da widze ... treesmet (erdrosselt) habbeth (Bolswarder sendrecht von 1404) Richthofen fries. rechtsquellen 487, 1 (lidza ebda 484, 18; dies ist der einzige afries. beleg; an den andern von Richthofen im wb. 1148 f. verzeichneten stellen liegt wigg 'pferd' vor, s. Kern taalk. bijdr. 2, 184; van Helten z. lexicol. d. aofrs. 379); neuwfrs. widze Dijkstra friesch woordenb. 3, 437ᵇ (lizze 2, 126ᵃ; sizze 3, 82ᵇ); im ostfries.: widze (harlingerländ. um 1690) Cadovius mem. ling. Fris. 54 König (lidsen ebda 58); widz (wangeroog.) Stürenburg ostfries. 330; Siebs a. a. o. (lidz ebda). — die nordfriesischen mundarten haben waag (-o-). unter den dargelegten verhältnissen besteht für den ansatz der form wī͏̆ga, wige keine genügend sichere grundlage. sieht man von ihr ab, so bleiben wage, als o-stufige bildung zu *u̯egh- 'bewegen' (dazu *wagjô- in afries. widze) und wiege, das am ehesten als reduplizierende bildung (vielleicht iterativen charakters) vom typus κύκλος aufgefaszt werden kann: idg. *u̯e-u̯gh-, germ. *weug-, woraus mhd. wiege, wie wieche 'docht', ags. wēoce, aus idg. *u̯e-u̯g- 'weben, knüpfen' und ähnlich wie nl. wiel 'rad' (s. u. ³wiel), ags. hwēol, an. hiól aus idg. *kᵘ̯ekᵘ̯lo- (vgl. Franck-van Wijk etym. wb. 792ᵇ und Falk-Torp norw.-dän. etym. wb. 1399). kaum zu wiege gehört preusz. wischle berceau Schrader dt.-frz. 2 (1784) 1642; wische wiege Hennig pr. (1785) 303; wiśche, wischke Frischbier pr. 2, 475, hier mit wišchen 'einschläfern' zu der beschwichtigenden interjektion wisch wisch und schwed. vyssja 'einlullen, einschläfern', vyss (interj.) gestellt. vgl. aber noch wischeln 'schaukeln' Mensing schlesw.-holst. 5, 667, das möglicherweise zu wiegeln (s. d.), wiggeln, wigelwageln 'schaukeln schwanken' gehört (vgl. wischelwaschel name der gans im rätsel Mensing a. a. o.).
bedeutung und gebrauch.
1)
cuna, das zum schaukelnden schwingen eingerichtete kinderbett. zur sache vgl. Müller-Mothes archäol. wb. (1877) 986ᵃ; H. Plosz das kind in brauch und sitte der völker (³1911) 1, 251 ff. Renz. die bauarten sind verschieden; in erster linie kommt die bekannte form mit querkufen in betracht, die auf bildlichen darstellungen für Deutschland seit dem frühen 13. jh. nachzuweisen ist, doch waren noch in der zweiten hälfte des 19. jhs. in verschiedenen landschaften hängewiegen in gebrauch (hierzu wohl: fascium eyn wyege [15. jh., md.] Diefenbach gl. 226ᶜ; vgl. unten Kramer). in längsrichtung schwingende standwiegen, wie in Schweden, scheinen in Deutschland nicht festgestellt zu sein. ob die doppelheit der bezeichnungen wiege — wage (von anderen synonymen abgesehen) in älterer zeit mit sachunterschieden zusammenhängt, ist nicht zu ermitteln. Kramer verzeichnet hang- ò hangende wiege cuna pendente ò a cinghi, roll- ò wagen-wiege cuna a carriuola, schlingen-wiege cuna pendente ò a fascie, waltzen-wiege cuna da curli, cioè ordinaria, t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ:
do ich in der wigen lach
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. 306, 17 Diemer;
daz ein wiege
vor an dînem fuoze iht stê
Neidhart 7, 28 H.-W.;
und ain wiegen mit ainem kind, die schwam ob dem waszer (bei e. überschwemmung) (Augsburg, mitte d. 15. jhs.) städtechron. 5, 68;
id rock dar vaste na der wegen,
ik hadde vyl na den doet ghekregen
Reinke de vos 5969 Leitzmann;
der wiegen und des wagbanckes hab acht,
der wagschnür, stroseke vnd ouch der windel
Straszburger ged. vom hausrat c 4ᵃ Hampe;
von ersten wickelt man sy (die neugeborenen kinder) in windel vnd in fätschen vnd legt sy gebunden in die wiegen Keisersberg granatapfel (1510) C 5ᵃ; wie herr Gotfridt Wernher zu seinem gemahl geen Oberbaden raiset ..., fand er ain jungs dechterle in ainer wiegen ligen Zimmer. chron. (²1881) 2, 519 Barack; dasz die klocken von sich selbst angeschlagen vnd die wiegen in häusern vngerüret gangen sind (vom erdbeben) Daniel Schaller theol. heroldt (1604) 78; andere sonderbahre säl hatten nichts anders in sich, als viel wiegen mit säuglingen Grimmelshausen Simpl. 440 Scholte;
aber zu allem ein nest rothbäckiger wähliger kinder,
wie aus dem teige gewälzt; und immer noch eins in die wiege!
J. H. Voss ged. (1802) 1, 171;
hier hatte Selinde manchen tag ... zugebracht, indem sie ... mit dem einen fusze das spinnrad und mit dem andern die wiege in bewegung erhalten ... hatte J. Möser s. w. (1842) 1, 128; die tante Amalie schickte die wiege, in der ihr vater gelegen hatte und dann sein sohn A. Seghers d. toten bl. jung (1950) 175.
2)
vielfach in sinnbildlichem gebrauch.
a)
als symbol des frühesten kindesalters; allgemein: dan sol die christenheit in yr krafft kommen, so musz man warlich an kindern an heben ... ich möchts wol leyden, das man in der wigen an hüb (1519) Luther 9, 218 W.; die sprache, so du in der wiegen aus dem süssen vorgeschwätze und gesäusel deiner mutter samt der milch eingesogen hast Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) zuschr. 10; man weihte dem mönchsstande kinder in der wiege Zimmermann einsamkeit (1784) 1, 132. vgl. mnd. wêgenprêster und -ridder 'priester und ritter, der es schon in der wiege wird' Schiller-Lübben 5, 652ᵃ. oft in der verbindung noch oder schon in der wiege, wobei noch im älternhd. und schon etwa seit dem 18. jh. bevorzugt wird: der starb ... noch in der wiegen Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 106ᵇ; wie mancher stirbt schon in der wiege Drollinger ged. (1743) 115. — den krönten die vngarischen landtsherren noch in der wiegen zu jrem könig Stumpf Schweizerchron. (1606) 23ᵇ; Christina, die in der wiege schon zu seiner (Gustav Adolfs) nachfolgerin erklärt war Schiller 8, 153 G. — ward Margaretha ... noch also jung in der wiegen ligend dem jungen Carlen ... vermehlet S. Münster cosmogr. (1550) 164; sie sind schon in der wiege von beyderseits ältern an einander versprochen worden Gottsched beob. (1758) 407. sonst aber auch:
der kinder mund, die an den brüsten liegen,
redt schon von dir ohn reden in der wiegen
Opitz bei Fischer-Tümpel ev. kirchenlied 1, 244;
ihr lagt noch in der wieg', als euer vater,
graf Ulrich, starb
Bauernfeld ges. schr. (1871) 5, 38.
α)
gern in wendungen wie das kind in der wiege nicht verschonen non perdonare il bambino nella cuna Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ:
dô sluoc man dar inne   man unde wîp
der kindel in den wiegen   verlôs dâ manegez sînen lîp
Kudrun 1501, 4 S.;
laist uns bizide in wederstain,
of si soilen dat kint in der weigen slain
(Köln, 2. hälfte d. 13. jhs.) städtechron. 12, 184;
da würgt man ... jung und alt ..., ja auch die kinder in der wiegen 2. Makk. 5, 13; solts kinds in der wieg nicht verschonen Rollenhagen froschmeuseler (1595) Ss 7ᵃ; das kriegsvolk hat da weder alt noch jung verschonet ..., nicht der kinder in der wiegen Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 22.
β)
von der wiege an, auf o. ä., von frühester kindheit an, vielfach hyperbolisch:
wan ir minne gap sie mir
in der ersten stunde,
dô sie reden begunde;
...
unz her von der wiegen
sô pflac ich ir immer sît
Heinrich v. d. Türlin krône 4955 Scholl;
Cymon Miliciades sun von Athen was so tumb und so dol von der wiegen seiner mueter, daz er geacht ward fuer einen offenwaren narren (Heinr. v. Mügeln 1369) in: mitt. d. hist. ver. f. Steiermark 46 (1898) 20; (der weg des herrn) den wir von der wiegen vnd jugend vff gelernet hand S. Hätzer acta oder geschicht (1523) c 2ᵃ;
sein aufgeweckter sinn,
der stund von wiegen an schon allbereit dahin,
wo mehr von künsten ist
Fleming dt. ged. 1, 52 lit. ver.
wären sie (Goethe) als ein Grieche ... gebohren worden, und hätte schon von der wiege an eine auserlesene natur und eine idealisierende kunst sie umgeben, so wäre ihr weg unendlich verkürzt (1794) Schiller br. 3, 473 Jonas; von diesen ... sei er von seiner wiege an verfolgt worden Ranke s. w. 15 (1875) 37. als kuriosität sei vermerkt:
die musen wiegen-auf um dich gewesen sind
S. v. Birken ostländ. lorbeerhayn (1657) 317.
γ)
kaum der wiege entwachsen und ähnliche verbale umschreibungen für eine frühe kindliche altersstufe:
die gwonheyt ist zuͦ disser frist,
das man die kinder zeücht uff kriegen.
sobald sie dann gondt ausz der wiegen,
so muͤssens degen an in han
Wickram w. 5, 7 lit. ver.;
und als es kaum aus der wiegen kommen, hat man es den schulmeistern befohlen S. Feyerabendt ungar. chron. (1581) 95ᵇ; ein vater lacht über die empfindlichkeit, den ehrgeitz, die habsucht eines kindes, das kaum der wiege entwachsen ist Ramler einl. i. d. schönen wissensch. (1758) 1, 114.
δ)
von der wiegen bis in das grab Eyering proverb. copia (1601) 2, 347; von der wiege an bis ins grab Wieland Agathon (1766) vorbericht. jünger: von der wiege bis zum grabe ... ist die physiognomie der grund von allem, was wir thun und lassen Lavater physiogn. fragm. (1775) 1, 49; E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 244; Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 11. auch von der wiege biss zur baare Günther ged. (1735) 288; Körner w. 2, 216 Hempel.
b)
als sinnbild für geburtsort und stätte der kindheit.
α)
öfters in umschreibungen wie wo meine wiege stand:
himmlische auen,
wo meines daseins wiege stand
E. M. Arndt s. w. 5, 9 R.-M.;
Gustav Wasa gehört nach Rundhof in Angeln, denn seiner urgroszmutter ... wiege stand dort Dahlmann gesch. v. Dännemark 3 (1843) 98; (die urgroszeltern) liegen in dem boden, aus welchem wir aufgewachsen sind; wo ihre wiege stand, das weisz niemand mehr zu sagen (1866) Raabe s. w. I 6, 486; zu Hanau ... hat einst ihre (der brüder Grimm) wiege gestanden Scherer kl. schr. (1893) 1, 4.
β)
schon früh, doch unhäufig, in direkter anwendung: die weil Bethleem geweyet was tzu seyner wigen ader kindheit M. Risch paraphrasis Erasmi (1524) E 4ᵃ; die wiege meiner mutter war die schöne, vom bande des Neckars umschlungene felseninsel Laufen Kerner bilderb. (1849) 35.
c)
als metapher für den ursprung einer sache, die stätte ihres aufkommens, erstarkens, gehegtwerdens usw.:
o augen braun und klar,
schwartzlecht und hell, wie plitz und dunder,
der schönheit und lieb wieg und bahr
Weckherlin ged. 1, 479 lit. ver.;
schöne wiege meiner leiden,
schönes grabmal meiner ruh,
schöne stadt, wir müssen scheiden
Heine s. w. 1, 31 Elster.
zufrühest in der wendung etwas liegt noch in der wiege: da die kirch noch in jhrer kindheit war vnnd lag noch inn der wiegen Fischart binenkorb (1588) 18ᵃ; die electricität ist gleichsam noch in der wiege Titius betrachtung üb. d. natur (1783) 1, 204; der griechische kunstsinn war schon völlig entartet, als die theorie noch in der wiege lag Fr. Schlegel s. w. (1846) 5, 147. sonst seit dem ende des 17. jhs. allgemein gebräuchlich: disteln sind der tugend wiegen Lohenstein Arminius (1689) 1, 65ᵇ; daher sie (die poesie) auch der unvergleichliche Lohenstein die erste wiege der weiszheit genennet Neukirch anfangsgründe z. teut. poesie (1724) 2; der staat, die wiege der menschlichkeit, ist ihr sarg geworden Börne ges. schr. (1829) 7, 38; die phantasie ist immer ihre (der theorie) wiege Boltzmanm popul. schr. (1905) 77. meist wird diese ausdrucksweise auf ganz bestimmte gegenstände angewendet, nämlich
α)
die künste und andere güter der geistigen und materiellen kultur: die Ägypter, deren vaterland doch die wiege der schönen künste gewesen anmuth. gelehrsamk. 5, 541 Gottsched; so wird Wien ganz gewisz unsern nachkömmlingen als die wiege des guten deutschen theaters bekannt werden Ayrenhoff w. (1814) 5, 228; dasz Creta die wiege der griechischen bergbaukunde und metallurgie gewesen ist Böttiger kl. schr. (1837) 1, 67 anm.; die wiege des christenthums ist Syrien Mommsen röm. gesch. (1894) 5, 586. auch wie unter b α: hier (in Heidelberg) ... stand die wiege der neuen romantischen schule Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 309; dasz die wiege unseres entriticum-stammes in Zentralasien gestanden habe Hoops waldbäume u. kulturpfl. (1905) 315.
β)
die menschheit: die wiege des menschlichen geschlechtes zu entdecken J. v. Müller s. w. (1810) 1, 25; Asien ..., weil es für ... die wiege des ganzen menschengeschlechtes ... bestimmt ward Ritter erdkde (1822) 2, 58; dass in Nordamerika die wiege der menschheit gestanden haben könnte Peschel völkerkunde (1874) 33; wiege der menschheit Hermann Jettchen Gebert (1954) 110. so auch: die universalgeschichte des ganzen menschlichen geschlechts — von seiner wiege an bis zu seinem männlichen alter Schiller 1, 155 G.; ihre (der völker) geschichten, von ihrer wiege bis auf unsere zeit Ritter erdkde (1822) 1, 4.
γ)
städte und siedlungen: hier ist keiner, dessen ahnen nicht um Genuas wiege standen Schiller 3, 114 G.; die berglehnen sind bis oben bebaut und ihre thäler die wiege freundlicher dörfer Gaudy s. w. (1844) 5, 38; einige kleine inseln, dazu bestimmt, die wiege Venedigs zu werden J. Schlosser präludien (1927) 103.
δ)
flüsse und bäche: da alle hauptströme ... in Asien und in Afrika ... ein hochland zur wiege haben Ritter erdkde (1822) 1, 341; das thal, ... das die wiege des ihnen begegnenden baches war Stifter s. w. 1 (1904) 238; in einem öden, wohnungsleeren thale, an der wiege des Isarflusses Barth Kalkalpen (1874) 284.
ε)
ferner:
bis zu des sturmes wiege,
zum hahnenbalken hoch
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 382;
berge, die er seinem himmel
als die letzten säulen gab,
wiege seiner wetterwolken,
seiner adler einsam grab
Herwegh ged. e. lebendigen (1843) 2, 42.
d)
sonst noch in verschiedenen redewendungen.
α)
jemanden aus der wiege werfen 'ihn brüskieren': gecken lassen sich bald entrüsten, narren wirfft man bald ausz der wiegen S. Franck sprüchw. (1541) 2, 174ᵃ; ich hab in (den andersgläubigen schwäher), yetzt am freytag acht tag, gar ausz der wiegen geworffen Hans Sachs 22, 69 lit. ver.; solchen löblichen ... herrn ... dergestalt zu tractiren, und, wie man zu sagen pflegt, sogar aus der wiege zu werfen (1650) urk. u. aktenst. z. gesch. d. kurf. Friedrich Wilhelm v. Brandenburg 5, 423 Erdm.; den Römern einen dienst zu thun oder zum minsten selbte nicht gar aus der wiege zu werffen Lohenstein Arminius (1689) 1, 71ᵇ; man läszt jedermann seine weise ..., um niemanden aus der wiege zu werfen Schwabe belust. (1741) 2, 7.
β)
ich bin in der wiege auch gewiegt Kinderling reinigk. d. dt. spr. (1795) 38; mit die wieje bin ik schon jewiejt damit betrügt man mich nicht mehr Brendicke Berlin 193ᵃ:
ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen,
es halten nicht den stich sich die unverschemten lügen
Reinicke fuchs (1650) 284.
γ)
in der wiege ersticken, gewöhnlich transitiv, im 17. und 18. jh. für wohl jüngeres im keime ersticken (s. ³keim 5 c, teil 5, sp. 453 und vgl. den ersten beleg): muste der h. reichskantzler ... dahin ... trachten, das ..., wo der sahme einiger dissidentz vnd mistrawens sich ereugte ..., derselbe bey zeiten vnterdrucket, ja in der wiegen gleichsamb ersticket ... würde Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 95; dasz ein solch rühmliches ... fürhaben ... gleichsam in der wiege erstikken und zu grunde gehen solte Neumark neuspross. teutsch. palmbaum (1668) 324; Heinrich, um das übel noch in der wiege zu ersticken, gieng nach Sachsen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 2, 349; im anfang der unruhen, ... wo ein rascher entschlusz und männliche stetigkeit die rebellion noch in der wiege erdrücken konnten Schiller 7, 18 G.
δ)
es ist ihm nicht in der wiege gesungen worden 'schien ihm nicht bestimmt zu sein': es ist ihm, spricht er, in der wiege nicht vorgesungen, dasz es ihm so gehen werde Liscow slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 601;
auch mir wards vor der wiege nicht gesungen,
dasz ich nur darum meinem ehgemahl
nach Palästina folgen würd, um da
ein Judenmädchen zu erziehn
Lessing 3, 37 L.-M.;
diese verwandtschaften ... machen ordentlich eine person aus ihr; so was ist ihr nicht an der wiege gesungen (1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 335 Schulte-K.; es ist dem protestantismus nicht an der wiege gesungen worden, dasz er einst wieder kraftlos hinter dem katholizismus einherschleichen sollte F. J. Schmidt d. niedergang d. protestantism. (1904) 26; der glückspilz! ... es ist ihm nicht an der wiege gesungen worden Th. Mann s. w. (1955) 4, 562.
ε)
es ist ihm in die wiege gelegt, gebunden 'eignet ihm von hause aus': wohlgefälligkeit, diese gabe des himmels, war ihr nicht in die wiege gelegt worden Laube in: Westerm. monatsh. 49 (1881) 555 (Louison); der gedanke der deutschen einheit ... war diesem stolzen reichsfreien herrn in die wiege gebunden Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 271; es war damit der mittelalterlichen grabplastik schon in die wiege ein zwiespalt gelegt, der nie ganz zum austrag kam: gelegte standfigur? oder wirkliche liegefigur? Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 184; der blick nach dem süden ist der Augustusstadt (Augsburg) fast in die wiege gelegt Pinder d. dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 301.
ζ)
nur hin und wieder knüpft die auffassung an die bewegung der wiege an: dasz es uns nicht anders in solchen sturme war, als wenn wir in einer wiege geboyet würden wie die kleinen kinder Chr. Reuter Schelmuffsky (vollst. ausg.) 36 ndr.; etliche (advokaten) seynd wie ein wiegen, die allezeit da bald hin, bald her wanckt A. a s. Clara etw. f. alle (1699) 1, 63;
wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs
in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt
Schiller 14, 370 G.;
dasz (in Florenz) die breiten platten das pflaster ganz verdrängt haben. da fährt sich's wie in einer wiege Gaudy s. w. (1844) 2, 72; du bist ein leidlicher reiter, trotz deinem hohen alter, ... freilich, die mähre geht wie eine wiege A. Sperl d. söhne d. h. Budiwoj (1927) 417.
3)
wiege in übertragenen verwendungen als sachbezeichnung, meist für geräte und technische vorrichtungen, die, in tätigkeit gesetzt, eine schaukelnde bewegung ausführen.
a)
vereinzelte belege aus dem spätmhd. und frühnhd.
α)
der erst sturm. primo zu der grossen pühssen 12 pfert, item zu der wigen 16 pfert (Nürnberg 1388) städtechron. 1, 177 ('name einer büchse oder theil einer geschützausrüstung?' glossar 500ᵇ).
β)
von einem folterinstrument, statt des sonstigen wage (s. d. III 7 n, teil 13, sp. 366 und vgl. ¹wiegen B 2 d 'foltern', statt wägen): der zuchtiger (scharfrichter) sei ewer richter vnd binde euch sprechende vor mir in sein wigen! (la.: in sine wagen) ackermann a. Böhmen 11, 21 B.-B. (nebst anm. s. 217f.).
γ)
'senke': (ein unwetter hat) im Winzerer perg in einer wiegen ... ein guten tail eins weingarten ..., stöck und erd, herab tragen (Regensburg, mitte d. 16. jhs.) städtechron. 15, 15. vgl.: wiege bedeutet in den oberschwäb. flurnamen in der wiege, obere, untere wiege 'senkung im gelände' Miedel oberschwäb. orts- und flurnamen (1906) 12.
b)
granierstahl, gründungseisen, ein bei der sog. schabmanier verwendetes, etwa petschaftförmiges gerät der kupferstecher mit einer länglich-rechteckigen, gebogenen und scharf gezähnten arbeitsfläche. die kupfer- oder stahlplatte wird hiermit vorbereitend körnig aufgerauht, so dasz sie völlig schwarz druckt; danach werden die 'lichter' der zeichnung durch stufenweises glätten mit dem schabeisen herausgearbeitet.gebucht u. a. bei Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 646ᵃ; Voigtel wb. (1793) 3, 638ᵃ; Soltau beitr. (1806) 79ᵇ; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵃ.
c)
soviel wie wiegemesser (s. d.), eine bogenförmige, an beiden enden mit griffen versehene klinge oder doppelklinge zum zerkleinern von fleisch, küchenkräutern usw.; gebucht u. a. bei Soltau beitr. (1806) 79ᵇ; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵃ.
d)
eine vorrichtung beim stapellauf, bestehend in einem drehbar gelagerten abschnitt der stapelung, dessen fläche beim aufschwimmen des hinterschiffes mit dem schiffskörper kontakt hält; vgl. Hoyer u. Kreuter technol. wb. (1902) 1, 849; Eichler vom bug zum heck (1954) 465.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1517, Z. 23.

wiegen1

¹wiegen,
st. vb.
herkunft und form. die jüngernhd. verben wiegen — wog — gewogen und wägen — wog — gewogen (selten wägte — gewägt) gehen gemeinsam zurück auf mhd. wëgen (wige — wac, wâgen — gewegen) 'bewegen', ahd. wëgan, got. gawigan, an. vëga, ags. wëgan, afrs. wëga, zur idg. wurzel *u̯egh- 'bewegen' (näheres hierzu s. unter wägen teil 13, sp. 422). beide nhd. wörter haben in der hauptsache nur noch die speziellen bedeutungen 'soundso schwer sein' (intrans.) und 'das gewicht eines gegenstandes (mit der waage) bestimmen', auch 'wertend schätzen' (trans.). die heutige allgemeine verbreitung der (landschaftlich bereits mhd. auftretenden) ausgleichspräsentien auf -i(wiegen) und -e- (wägen) ist das ergebnis einer schriftsprachlichen entwicklung im 17. und 18. jh., die sich nur auf schmalen mundartlichen boden stützt. auch die formen wog und gewogen, die hier und da schon im 16. jh. begegnen, sind erst seit dem ausgehenden 17. jh. allgemeingültig geworden, ohne mundartlich überall aufnahme gefunden zu haben. während das part. prät. gewogen (seit dem 15. jh. vorkommend) sich direkt gegen das ursprüngliche gewegen (im 17. jh. versiegend) durchsetzt, geht dem prät. wog, wogen zunächst ein wug, wugen (mhd. -uo-) voraus, das seit dem 13. jh. im md. auftritt, seit dem ende des 15. jhs. gegen wag, wagen ins obd. vorrückt und im ausgehenden 16. und älteren 17. jh. herrschend ist (anstelle des unter wägen sp. 425 für das 17. jh. gebuchten prät. ihr waget Abr. a s. Clara Judas [1687] 1, 20 [druckfehler] steht in anderen ausgaben die sinngerechte konjunktivform ihr wöget [1686] 1, 34; [1702] 1, 22). — zu dem nachstehenden überblick über die wandlungen des flexionsschemas ist die ausführliche darstellung der geschichte der einzelformen unter wägen, teil 13, sp. 424 bis 427, stets mit heranzuziehen; vgl. auch H. Paul dt. gramm. 2, 230 f. und 233 (§ 168 nebst anm. 6). im 16. jh. ist im obd. noch die intakte mhd. vokalreihe wegen, wige — wag, wagen — gewegen sprachüblich, vgl. z. b. bei Wickram: wegen (inf.) w. 2, 263 lit. ver.; wigt (3. sing. präs.) 5, 8; wag (3. sing. prät.) 8, 199; wagen (3. pl. prät.) 3, 177; (du hast) gewegen 4, 75; bei Hans Sachs: wigt (3. sing. präs.) w. 21, 42, 29 lit. ver.; wag (3. sing. prät.) 11, 54, 21; (er hat) gewegen 12, 133 (neben wag auch wuͤg, wugent, s. u.); bei Fischart mit ausgleich des vokalwechsels im präsens: wiegen (inf.) 2, 373 Hauffen; wieget (3. sing. präs.) ebda; wag (3. sing. prät.) Garg. 218 ndr.; wagen (3. pl. prät.) ebda; (ab)gwägen binenkorb (1581) 177ᵃ (neben wag auch wog, s. u.). daneben steht (vom md. auf das obd. übergreifend) die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewegen, z. b. bei Aventin: wegen (3. pl. präs.) s. w. 4, 367, 32 bayer. akad.; wigt (3. sing. präs.) 4, 915, 20; wueg (3. sing. prät.) 4, 323, 19; wuegen (3. pl. prät.) 4, 49, 16; (hat) gewegen 4, 417, 7; bei Mathesius: wegen (inf.) Sarepta (1571) 166ᵃ; wigt (3. sing. präs.) 166ᵇ; wug (3. sing. prät.) 168ᵃ; wugen (3. pl. prät.) ebda; gewegen 166ᵃ (daneben gewogen 166ᵇ); bei Fronsperger: wegen (3. pl. präs.) kriegsbuch (1573) 1, 95ᵃ; wigt (3. sing. präs.) ebda; wug (3. sing. prät.) 3, 199ᵃ; dazu erwegen (part. prät.) 1, 95ᵃ. die geltung dieser im allgemeinen vorherrschenden flexionsweisen wird jedoch durch häufige vokalische schwankungen beeinträchtigt. Luther gebraucht in der regel die reihe wegen, wige — wug, wugen — gewogen, z. b.: wegen (inf.) 1. chron. 23, 3; (3. plur.) ps. 62, 10; wieget (3. sing.) Jes. 40, 12; wigt (3. sing) w. 10, 1, 1, 531 W.; wug (3. sing.) 1. Mos. 23, 16; 2. Sam. 14, 26; tischr. 4, 702 W.; gewogen 2. Sam. 18, 12; Esra 8, 33; tischr. 5, 31 W.; daneben aber -i- für -e-: wiegen (inf.) w. 7, 682 W.; er ... wige (konj. präs.) w. 8, 305 W.; auch -e- für -i-: du wegest (indik. präs.) Sirach 28, 29; als konj. prät. findet sich wöge (3. sing.) Hiob 6, 2. — das part. gewogen tritt sonst im 16. jh. zunächst noch selten auf, zu den wenigen unter wägen sp. 425 angeführten beispielen vgl. noch Planitz berichte 36 Wülcker (1521) und Reutter v. Speir kriegsordn. (1595) 101; bei Mathesius wechselt -o- mit häufigerem -e- (s. o.). stärker machen sich die schwankungen im finiten prät. bemerkbar; so begegnet -u- neben -a- im Teuerdank: wug 85, 30; wag 7, 16 und bei Hans Sachs: wugent 7, 202, 6 lit. ver.; wag 11, 326, 13. -o- findet sich neben -a- in der Zimmer. chron.: wog ²1, 191; wag 274 und bei Fischart: wog w. 1, 160 Hauffen; wag Garg. 335 ndr.; später dann -o- neben -u- bei Rollenhagen: wog froschm. (1621) O 3ᵃ; wug N 6ᵇ; bei Grimmelshausen: wog Simpl. 285 Scholte; wug (la. derselb. stelle) 1, 350, 8 Kurz; (dazu gewogen Simpl. 247 Sch.); bei Zesen: erwoog Ibrahim (1645) 1, 417; wug Simson (1679) 206. im präsens tritt durchgeführtes -i- oder -e- neben dem ungleich häufigeren lautwechsel im 16. jh. nur wenig hervor. wi(e)gen findet sich seit dem 12. jh., zuerst im rheinfränk. und auch später namentlich im westmd., z. b. vielfach bei Diefenbach gl. s. v. appendere, compensare, equipensare, librare, pensare, ponderare, taxare, trutinare (vgl. wägen sp. 424). ausgleichsformen auf -e- begegnen nur ganz sporadisch (s. ebda). im mittelfränk. (s. u.) beheimatetes weigen, z. t. mit sekundärablaut nach der i-reihe, s. unter wägen II 4, sp. 426 (mhd. wigest, wiget scheint hier zu wîst, wît kontrahiert, das -î- auch in die übrigen präsensformen verschleppt und diphthongiert worden zu sein); vgl. noch weich (3. sing. prät. trans. u. intr.) Karlmeinet 447, 49 u. 51 Keller; hait zusammen gewiegen 27 loit silbers bei Heinzerling-Reuter Siegerl. 313; wygen (trans.), weych (prät. intr.) Chr. Wierstrait historij des beleegs von Nuys (1476) 482 u. 486 Meisen. die frühnhd. verhältnisse in der präsensbildung sind, wie der folgende überblick zeigt, mundartlich bis in die neuere zeit bewahrt geblieben. im obd. und im nd. hat sich sehr weitgehend der alte lautwechsel erhalten (einzelne abweichungen s. u.), vgl.: wägeⁿ, wīg (-š, -t) Fischer schwäb. 6, 345; wäge, wig, wigsch, wīgt etc. Seiler Basel 308ᵃ; i wige, mr wäge Hunziker Aargau 285; ich wîk, mər wákə (Oberelsasz) Martin-Lienhart elsäss 2, 796; ich wig, wir wegen Schmeller-Fr. bayer. 2, 871. — im nd. ist in der 1. pers. sing. -e- eingetreten: ik weg, du wiggst etc. Mensing schlesw.-holst. 5, 571; wegen, wigt Richey id. Hamburg. (1743) 347; wäg, wiggst Danneil altmärk. 242ᵇ; wëje, wichst Damköhler Nordharz 224ᵇ; wëge, (wögst und) wegst, wegt (ë ˂ ë, e ˂ i) Schambach Göttingen 291ᵃ. — im westmd. herrscht in einem binnenstreifen, der vom moselfränk. zum hessischen zieht, die form weigen: waiə(n), weiəⁿ (nördl. u. östl. Lothr.) Follmann Lothr. 535; weien wb. d. luxemb. ma. 480; nösn. weigen, moselfrk. weiən Kisch vgl. wb. 244ᵇ; weijen Christa Trier 216ᵇ; weie Autenrieth pfälz. 150; weie Crecelius Oberhessen 914. nördlich hieran grenzt ripuarisches woge (zu wooch, wooge 'waage', s. wagen, vb., III, teil 13, sp. 393): Wrede Köln 293ᵇ; Müller-Weitz Aachen 263; Müller-Schlosser Düsseldorf 269ᵃ. zwischen diesem westmd. -ei- und -o-gebiet und dem obd. und nd. geltungsbereich des e/i-präsens liegen beiderseits mundarten, in denen wiegen durchgeführt ist. der südliche streifen zeichnet sich im rhein-, süd- und ostfränkischen bis ins westerzgebirgische ab: wijə im nördlichsten Elsasz (damit identisch wēje im übrigen Unterelsasz) Martin-Lienhart 2, 804ᵇ; wijə(n), win im südl. Lothringen Follmann a. a. o.; wie Autenrieth a. a. o.; wiige Meisinger Rappenau 231; wiije Lenz Handschuhsheim 77ᵇ; wīche (wenn nicht swv.) Heilig Taubergrund 75; wiicən, wiing (westl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 665. im norden kommt -i- in südniederdeutschen und angrenzenden md. mundarten vor: wîgen Woeste-N. westfäl. 324; wijje Heinzerling-Reuter Siegerland 313ᵇ (in teilen des gebietes; daneben wēje, wie auch im köln. bei Wrede a. a. o.); wᵉīgᵉn Bauer-Collitz Waldeck 112ᵇ; wijən Hofmann Niederhess. 264; wiegen 'statt wägen' Grassow Kassel 87; wijen Lademann Teltow 281ᵃ; vgl. auch wiegeschale 'wageschale' Trachsel Berlin 64. — für die ostmd. mundarten mangelt es an ausreichenden buchungen; vgl. noch wê (part. prät. trans. gewêd, intrans. gewójen) Hertel Thür. 252; wään (östl. Erzgeb.) Müller-Fraureuth a. a. o.; namentlich fehlen angaben für Schlesien, das in der jüngeren schriftsprachlichen entwicklung zuerst mit trans. u. intr. durchgeführtem wiegen hervortritt (s. u.). ausgleichspräsens zugunsten von -ie- oder -ä- findet sich schlieszlich noch neben dem e/i-präsens vereinzelt im ober- und niederdeutschen, vgl. ich weg etc. Schmeller-Fr. a. a. o.; wäg, wäggst, wäggt Mi Mecklenb. 104; wëgen (trans.) neben wigen (intrans.) unter schriftsprachl. einflusz bei Fischer a. a. o.; vgl. ferner: 'wîgn und wègn werden beide für hd. wiegen und wägen verwendet' Lexer Kärnten 257; 'wiegen wird oft mit wägen verwechselt' Hupel Lief- u. Ehstl. (1795) 263. abweichende formen s. noch bei Grimme plattdt. maa. (1922) 92. die entwicklung zu dem jüngernhd. nebeneinander von wägen und wiegen, z. t. mit differenzierung in transitiven und intransitiven gebrauch, ist also ein überwiegend schriftsprachlicher vorgang, der aber infolge der landschaftlichen gegensätze bis heute zu keinem ausgeglichenen ergebnis gekommen ist. die im 17. jh. sich vollziehenden wandlungen des flexionsschemas genauer zu verfolgen, lassen die spärlichen belege dieser zeit nicht zu. jedenfalls verbinden sich mit dem ausgleichspräsens wiegen (für das e-präsens fehlen ausreichende unterlagen) anfangs noch unterschiedliche präteritalformen, vgl. wigen (inf.), gewegen (part. prät.), dazu das nomen agentis wiger (Weinheim 1489) oberrhein. stadtrechte 1, 395; Fischart gebraucht wiegen — wag (wog) — gwägen (s. o.); der zweite Frankfurter druck (1580) von Aventins bair. chron. hat wiegen (inf., statt wegen) s. w. 4, 367, 32; gewogen (statt gewegen) 417, 7; vgl. auch bei Sebiz wigt (imperat. plur. neben koordiniertem nemet) feldbau (1580) 16; wiget (3. sing.) 134 und dazu selten bezeugtes gewagen 197 (vgl. wägen sp. 426). — immerhin läszt sich vermuten, dasz später das part. prät. gewogen (wohl durch Luthers sprachgebrauch nachhaltiger gefördert, z. b.: man hat dich ... gewogen und zu leicht funden Daniel 5, 27) mit dem ausgleichspräsens wiegen in ein festeres verhältnis trat, und dasz diese verbindung es nahelegte, schlieszlich auch wug, wugen durch wog, wogen zu ersetzen, so dasz das zeitweilig irregulär gewordene verb an die ablautreihe fliegen — flog — geflogen angeglichen wurde (zeugnis für deren einflusz scheint auch die form weugt [3. sing. präs.] bei Garzoni schawplatz [Frankf. 1641] 656ᵇ zu sein; daneben wieget ebda). andererseits finden sich aber ähnliche umbildungen auch neben unverändertem e-präsens bei heben (hub — gehaben ˃ hob — gehoben) und weben (wab — geweben ˃ wob — gewoben), und ebenso stellen sich denn die präteritalformen mit -o- zu dem ausgleichspräsens wägen, das, wie weben, zugleich ein schwaches prät. und part. prät. ausbildet. die belege des späteren 17. jhs. erwecken den anschein, dasz sich zunächst Schlesien und Obersachsen-Thüringen als zentren einer konsequenteren regelung gegenüberstehen, und zwar ersteres mit gänzlich durchgeführtem wiegen, letzteres mit differenzierung zwischen trans. wägen und intrans. wiegen. zwar findet sich bei Schlesiern des frühen und mittleren 17. jhs. noch wägen: es würde leichter wägen Gryphius t. ged. (1698) 2, 94; auch, der späteren schriftsprachlichen unterscheidung entgegengesetzt, intrans. wägen (3. plur.) neben trans. wiegen (inf.) Logau 665 und 323 lit. ver.; seit der zweiten hälfte des 17. jhs. hat sich hier aber offenbar wiegen gefestigt, so bei Lohenstein: wiegen (inf. trans.) Arminius (1689) 2, 1427ᵃ; wiegt (3. sing. trans.) türk. trauersp. 154 Just; wigt (3. sing. intr.) ebda 184; wiegen (3. pl. intr.) Arminius 1, 151ᵇ; soviel wiegendes silber 91ᵇ; bei Neukirch: wiegen (inf. trans.) ged. (1744) 669; 808; wiegt (3. sing. intr.) 149. auch wo allein die trans. verwendung bezeugt ist, wird nunmehr in der regel zugleich intrans. wiegen vorauszusetzen sein: wieg (imperat.) Abschatz poet. übers. u. ged. (1701) verm. ged. 152; so auch später: die börse wiegend Holtei erz. schr. (1861) 18, 186. dem schles. gebrauch scheinen auch die nördlich anschlieszenden randgebiete zu folgen: wieget (3. sing.) Knittel poet. sinnenfr. (1677) 120; Warnecke poet. vers. (1704) 133; wiegt (3. sing.) Z. Werner ged. (1789) 3; Gaudy s. w. (1844) 1, 125. für teile des westmd. darf wohl gleichfalls wiegen vorausgesetzt werden, doch mangelt es hier an belegen; vgl. aber oben und unter wägen, sp. 424, frühnhd. wiegen in Frankfurter drucken, ferner in Lehmanns floril. polit. (Frkf. 1662) intrans. wigt 1, 352; wiegen 3, 35 und trans. wiegt 1, 35; 2, 954. — die obersächs.-thür. unterscheidung zwischen intrans. wiegen und trans. wägen ist weniger gut zu belegen. Stieler exemplifiziert: das kalb wiegt dreyszig pfund und sich wägen lassen, wie schweer man sey stammb. (1691) 2521; dazu stimmt bei J. E. Schlegel: wägt (3. sing. trans.) w. (1761) 1, 394; 4, 86. bei Lessing: wägt (imperat. pl.) 1, 137 L.-M.; wägen (inf. trans.) 2, 247; wieget (3. sing. intrans.) 2, 444. bei Thümmel: wägen (inf. trans.) reise 8 (1803) 59. als 'sächsisch' bezeugt wird die genannte unterscheidung durch einen zeitgenössischen schwäbischen grammatiker: 'ist disz wort ein neutrum, und heiszt: auf der wage schwer sein, so conjugirt man es in Sachsen: ich wige, du wigst ... etc. heiszt es, auf der wage untersuchen, wie schwer etwas sei, und ist mithin ein activum, so conjugirt man es: ich wäge, du wägst ... die wahre und kurze lehre disz wortes ist die: wegen, es sei activum oder neutrum, wird nur ... abgewandelt: ich wege (nicht wige oder wiege), du wigst ... das sächsische wigen, oder gar wiegen, wie sie es schreiben, beleidigt unsre ohren, und ist uns obendrein unverständlich' Nast d. teütsche sprachforscher (1777) 1, 135 in: PBB 28, 381; vgl. auch als bair. zeugnis: 'ich wäge, du wiegst, er wiegt ... einige machen den unterschied, und sagen wägen sey das activum, wiegen aber das neutrum' H. Braun orthogr.-gramm. wb. (1793) 305ᵇ. diesen landschaftlichen verhältnissen entspricht öfteres schwanken zwischen trans. -ie- und -ä- bei gebürtigen Oberdeutschen, z. b. bei Schubart: (du) wägst s. ged. (1825) 2, 78; wiegt (3. sing.) ebda 1, 258; 2, 70. bei Rückert: wiegen (3. pl.) ges. poet. w. (1868) 1, 24 neben intrans. (!) wägt (3. sing.) 2, 168 und trans. schw. partiz. prät. gewägt 1, 121 (aber intrans. gewogen 3, 180). vgl. auch bei Wieland: zu boden wägen ges. schr. I 22, 413; II 4, 374 akad.; zu boden wiegt I 10, 1, 15; er wiegt I 13, 236. dasselbe begegnet, infolge ähnlicher voraussetzungen, bei norddeutschen autoren; bei Goekingk: wägt (3. sing.) ged. (1780) 1, 17; wiegt (3. sing.) 2, 211; selbst intrans. wägen (inf.) findet sich bei Möser patriot. phant. (1775) 1, 122 (dafür wiegen [1778] 1, 122); vgl. auch trans. du wiegest Brockes ird. vergnügen (1721) 1, 126 gegen wägt (3. sing.) Hagedorn s. poet. w. (1771) 2, 68. im übrigen wird von gebürtigen Niederdeutschen eher trans. wägen bevorzugt, vgl. bei Klopstock: wägt (3. sing.) w. (1798) 10, 106; dazu wog ebda; bei Kosegarten: wägst rhapsodieen (1790) 2, 7; bei Immermann: wägen (inf.) Münchh. ²1, 141; bei Geibel: wägt (3. sing.) ges. w. (1883) 2, 238; wägend 4, 39; dazu wog 6, 10. indessen scheint bei den Schweizern des 18. jhs. wiegen durchgedrungen zu sein; zwar gebraucht Bodmer wegen (3. plur. intrans.) Noah (1752) 87; (inf. trans.) 89; dazu schwaches prät. sie wegte 305; doch findet sich trans. wiegen bei Haller: wieget ged. 16 Hirzel; wiegt 46; dazu gewogen 54; Zimmermann: wiegt einsamk. (1784) 2, 2; dazu wog 1, 59; Lavater: wigt br. an Philemon 1 (1785) 446; dazu wog physiogn. fragm. (1775) 1, 46 (vgl. aber: 'im schweizerischen schriftdeutsch ist der unterschied [zw. wiegen u. wägen] noch lebendig, und wer hier sagen wollte ich habe mich wiegen lassen würde ausgelacht werden' Blümner z. schweiz. schriftdeutsch [1892] 32). auch spätere Baiern haben trans. -ie-, vgl. wiegen (inf.) Rosegger schr. (1895) I 7, 10; selbst in der mundartdichtung: wiegen (inf.) K. Stieler ged. 3, 25. diese landschaftlichen verhältnisse werden nun aber in der zeit der klassik und später von einer tendenz überlagert, in gehobener stilhaltung die differenzierung zwischen intrans. wiegen und trans. wägen durchzuführen. nach Adelung 5 (1786) 218 ist trans. (und intrans.) wiegen 'so wohl im gemeinen leben, als in der edlern schreibart üblich, wägen aber kommt nur in der letzteren vor'; wägen (wog, gewogen und 'zuweilen' wägte, gewägt) ist ebda 19 nur als trans. angeführt. hierzu stimmt Göthes wortgebrauch; er hat intrans. wiegt (3. sing.) gespr. (1889) 2, 290 Biederm.; dazu wog I 44, 32, 14 W.; gewogen IV 8, 88; trans. wägt (3. sing.) I 13, 1, 177, 22; dazu schwaches prät. (er) wägt' I 2, 188, 36; gewogen I 8, 271, 7; in umgangssprachl. ausdrucksweise jedoch auch trans. wiegt (3. sing.) I 47, 373, 17 (notiz); wiegen (inf.) I 31, 57, 22. (vgl. bei A. v. Humboldt: die wägbaren stoffe kosmos 5, 11, aber brieflich das wiegbare in: Lichtenberg nachlasz 180, 10 Leitzm.). trans. wägen neben intrans. wiegen ist ferner nachzuweisen bei Schiller: wiegt 2, 91 G.; wägt 3, 141; wägen 11, 332; dazu wog 13, 179; gewogen 12, 57; J. G. Forster: wiegen s. schr. (1843) 2, 217; wiegt 8, 82; dazu wog 2, 343; wägt w. 9, 55 akad.; dazu wägte ebda; Klinger: wiegt neues theater (1790) 1, 117; wägen w. 2 (1832) 346; dazu wog 3 (1815) 195; Grillparzer: wiegt s. w. 20, 26 Sauer; wäg (imperat.) 5, 46; dazu gewogen 1, 226; C. F. Meyer: wiegt br. 63 L.; wägen Engelb. (¹⁵1907) 44. — intrans. undtrans. wiegen findet sich noch bei Lichtenberg: wiegt (intr.) (1784) br. 2, 160 L.-Sch.; wiegen (tr.) ebda 330; verm. schr. (1800) 5, 16; Mommsen: wiegt (intr.) röm. gesch. 1 (²1856) 585; wiegen (tr.) 1, 190; A. v. Droste-Hülshoff: wiegt (intr.) ges. schr. (1878) 1, 204; wiegt (imp. plur. trans.) 2, 296. für die umgangssprache darf in jüngster zeit trans. und intrans. wiegen als sehr verbreitet angesehen werden, während wägen sich nur noch landschaftlich hält.
bedeutung und gebrauch.
A.
intransitiv 'soundso schwer sein, ein bestimmtes gewicht haben', wie wägen III 1, sp. 427; s. ebda die herleitung der bedeutung aus dem alten transitiven gebrauch von ahd. wëgan, mhd. wëgen für 'etwas bewegen, zu bewegen vermögen' (nämlich das gegengewicht auf der waage vermöge des eigenen gewichtes); die gewichtsangabe im akkusativ ist also ursprünglich echtes objekt.
1)
in realer verwendung: wundert euch viel meher der schwäntz an den scytischen schafen, welche meher als dreissig pfund wigen Fischart Garg. 228 ndr.; das schwerste musz am meisten wiegen Lehmann floril. polit. (1662) 3, 35; einen diamant ..., welcher roh dreytausend sechshundert pfefferkörner gewogen hätte Lohenstein Arminius (1689) 2, 412ᵇ; seine kleidung wiegt den drittel dessen, was sein gantzer cörper discourse d. mahlern (1721) 2, 175; erdbirnen ... da ein stück etliche pfund wiegt d. Leipziger avanturieur (1756) 2, 165; indem das gold neunzehnmal mehr als das wasser wiegt Hegel w. (1832) 7, 1, 192; sechzehn gefässe von gold, die 150 mark goldes wogen A. v. Arnim s. w. 5, 2 (1857) 41;
draus hab ich ein paar ochsen angebunden,
recht feist und dick, die wiegen ihren mann
Tieck schr. (1828) 1, 179;
ein pfund holz wiegt ja genau so viel wie ein pfund blei, allein ein kubikzoll blei wiegt über eilfmal mehr wie ein kubikzoll holz Liebig chem. br. (1844) 76; das mischverhältnis beträgt 900 teile silber und 100 teile kupfer, so dasz 90 mark in silbermünzen 1 pfund wiegen (1873) münzgesetz, art. 3, § 1, abs. 2;
am vierten tage endlich gar
der Kaspar wie ein fädchen war,
er wog vielleicht ein halbes loth,
und war am fünften tage todt
H. Hoffmann Struwwelpeter 17;
sie wiegen nur sechzig kilo, sagte er (der arzt), und das ist bei ihrer grösze zu wenig Renn adel im untergang (1947) 250. dazu die seit dem frühnhd. geläufige, doch gegenwärtig wohl veraltende verbindung schwer wiegen 'schwer von gewicht sein' oder auch nur pleonastisch 'soundso schwer sein': welches rosz mehr silbers wehrt ist, dann es schwer wiegen mag buch d. liebe (1587) 22ᵇ;
ja wiegt der beutel nur fein schwer,
so wird der bräut'gam flugs erwehlet
J. Chr. Günther ged. (1735) 560;
und kehrt in einem augenblick
mit einer feisten gans zurück,
die schwerer als er selber wieget
Pfeffel poet. versuche 10 (1810) 130;
wie schwer ein einzelnes atom wiegt, sein absolutes gewicht, ist nicht bestimmbar Liebig chem. br. (1844) 61; das kindchen war bildhübsch ... es wog schon ganz schwer Kahlenberg Eva Sehring (1901) 71.
2)
häufig metaphorisch, namentlich in der wendung schwer wiegen, aber auch in zahlreichen analogen verbindungen und in prägnanter verwendung.
a)
schwer wiegen 'gewichtig, von groszer erheblichkeit sein, stark ins gewicht fallen' (vgl. schwerwichtig teil 9, sp. 2593, wofür heute gewöhnlich die zusammenrückung schwerwiegend gebraucht wird): ist einiges unglück unter der sonnen, dasz so schwer wieget als das meinige? Rist d. friedewünsch. Teutschland (1648) 130;
so steigt die schönheit der person
auf den erhabnen fürstenthron,
und pflegt bey adlichen noch halb so schwer zu wiegen
Stoppe Parnasz (1735) 14;
ich hab in gleicher wage recht gewogen
das leid, das unser krieg schafft, das wir dulden;
und was uns drückt, wiegt schwerer, als der fehl
Shakespeare (1825) 1, 293 Tieck;
ein wort im streite musz so schwer nicht wiegen
Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 8, 212;
diese diplomatischen siege ... wogen schwerer, als die militärischen erfolge Häusser dt. gesch. (1854) 2, 75; dies begriffen und, was schwerer wiegt, dies gethan zu haben, ist die ... unvergängliche ehre des römischen senats Mommsen röm. gesch. 1 (²1856) 585; sagt eure meinung, ihr wiszt, dasz sie schwer bei mir wiegt W. Raabe s. w. I 4, 202; denke immer daran, dasz ein versäumnis im einzelnen jetzt nicht schwer wiegt H. Hesse glasperlenspiel (1943) 1, 316; das dingliche eigentum wiegt schwerer als das geistige, und die versündigung an ihm ist moralisch schwerer N. Hartmann ethik (²1935) 549.
b)
in entsprechender auffassung.
α)
namentlich leicht wiegen (in realer anwendung literarisch nicht bezeugt, aber umgangssprachlich oder landschaftlich zweifellos geläufig):
o himmel, kann ich denn kein leichtes glück empfangen!
sprach der im suchen schon ganz miszvergnügte mann.
was aber klag ich doch! hier treff ich meines an.
es wieget leicht
poesie d. Niedersachsen (1721) 2, 373 Weichmann;
dasz diese einwürfe ... nicht leicht wogen Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 94; ein zerwürfnis zwischen dem vasallen und seinem herrn wiegt nicht leichter als eine tödliche sünde Reinh. Schneider Philipp II. (1931) 19; so leicht wiegt für sie ein menschenleben? L. Frank jünger Jesu (1956) 251.
β)
so auch viel, mehr, wenig, nichts wiegen usw., desgleichen mit interrogativem was:
drauff bleibet zwischen ja vnd nein disz fräwlein stehen,
sie zweiffelt, ob sie sol zurücke wieder gehen,
die ehr vnd die gebühr allhier viel bey jhr wigt
Dietrich v. d. Werder hist. v. ras. Roland (1636) 2, 65;
hatte sie noch eine besondere ursache, es mit ihm zu halten; eine ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in petto behielt Wieland ges. schr. I 10, 193, 5 akad.; auf! sagt der hauptmann, was wiegt ein freund nicht Schiller 2, 91 G.; der eine satz, dass der mensch als solcher rechtssubjekt ist, wiegt mehr als alle triumphe der industrie Jhering geist d. röm. rechts (1852) 100; ein schwert wiegt viel in solchen zeiten W. Hauff s. w. (1890) 1, 61; was wog das wohlwollen des gesandten, da sein herr unerbittlich blieb? Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 352; herr Kortüm hätte nie gedacht, dasz die sachen in dieser welt fast nichts wiegen, aber die nebensachen astronomische gewichte haben Kluge Kortüm (1938) 99; ob mensch oder tier, der unterschied wog gering A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 153. anders: meinst du denn, ich frage die leute, mit denen ich umgehe, wie ein Engländer: wie viel wiegst du? (wie hoch ist dein vermögen) W. Hauff s. w. (1850) 5, 99.
γ)
öfters in mehr bildlicher ausdrucksweise:
der hunger, welcher pfündig wieget,
ist offtermahls damit vergnüget,
wenn er nur qventgen kriegen soll
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 2, 342;
dasz monsieur bey den Deutschen zwey pfund weniger, als herr, und mamsell zwey pfund mehr wiegt, als jungfer! Hippel lebensläufe (1778) 1, 367;
auf! kronen wiegt des flüchtigen augenblicks
mannhafte wahl
Stägemann kriegsgesänge (1812) 9;
bretonisch wort wiegt gold, sagt das sprichwort H. Laube ges. schr. (1875) 4, 110; dies papier, mylords, wiegt eine gewonnene schlacht Brecht stücke 2 (1955) 50.
δ)
mit wiegen (gewöhnlich: auch mit wiegen) 'gleichfalls von gewicht, von bedeutung sein': bei den weibern zählt einer wenigstens mit, wiegt er auch nicht mit. sie schätzen die courmacher nach der zahl, nicht nach dem gewichte Göthe gespr. (1889) 2, 290 Biederm.; ich und mein gefolg' — wir wiegen auch ja mit Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 1, 340; in einer moralischen untersuchung über schuld und unschuld wiegt auch eine absicht mit A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 431.
ε)
prägnant wiegen 'gewicht und geltung haben':
ist der gesang ein feiges spiel geworden?
wiegt fürder nur der degen und die lanze?
Uhland ged. (1898) 1, 115;
der gebildetere stand, der, bei dem nationalgefühl, vaterlandsliebe und hoffnung wiegen Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 138.
c)
dieselben oder ähnliche wendungen begegnen mitunter auch in abgewandelter auffassung (schwer wiegen ist hier gleichfalls am häufigsten).
α)
von persönlichkeiten, auch leistungen o. ä., auf deren gewichtigkeit, bedeutung, inneren gehalt oder äuszere wertschätzung bezogen:
denn grosse leut die feylen auch,
nicht viel besonders wigen
Ringwaldt handbüchlin (1581) B 8ᵃ;
wer dir das sagte, wollte dich nur furchtsam machen. Aristides wiegt nicht schwer Fessler Aristides u. Themistokles (1792) 1, 138; es haben sich männer ihm angeschlossen, die nicht gering wiegen Fr. L. Jahn w. (1884) 1, 460; hofrat Küstner wiegt wohl nicht schwer. ein litterarischer petit-maître Grillparzer s. w. 20, 26 Sauer; minnesang und ritterschaft wiege nun weit unter dem pfennig Gervinus gesch. d. dt. dichtg. (1853) 2, 154; er (Michelangelo) erkannte die anderen unparteiisch an, aber auch sie sollten ihn nicht für leichter nehmen als er in der tat wog Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 223; hätte er nur eine geeignete anrede für diesen mann, der im rang nicht höher steht als er, gesellschaftlich aber und als person soviel mehr wiegt A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 21.
β)
etwa wie 'lasten' (bes. auf dem gemüte jmds): sie können nicht glauben, wie schwer meinem herzen dieses vermeynte opfer wiegt S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 2, 180; alles was noch in mir wog und zog, waren einige schwere gedanken ... über wichtige puncte des vergangenen so wohl als künftigen lebens Lichtenberg verm. schr. (1800) 5, 432;
dem wandrer wiegt
der wicht'ge schlaf
auf dem sonst leichten augenlied
Fouqué held d. nordens (1810) 2, 147;
eine verantwortung, die von hundert schultern getragen, dennoch für jeden einzelnen schwer genug wiegen muss Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 134; wie schwer das rasche, incorrecte vorgehen meiner tochter ... auf meiner seele wiegt W. Raabe d. hungerpastor (1864) 3, 15.
B.
transitiv 'das gewicht eines gegenstandes ermitteln'; sicherlich desselben ursprungs wie A, nur in reziproker auffassung, nämlich 'etwas (durch gegengewichte bekannter schwere) zur bewegung bringen'. vgl. wägen III 2, sp. 430.
1)
in realer verwendung.
a)
den gebrauch der waage voraussetzend: sollen alle linwober ... haben ein rechte gewichte, damit sie dann den luten ire garn wiegen (Miltenberg 1379) oberrhein. stadtrechte 1, 314; rechenmeister sollen allen wesselern und wigern lassen verbieden, nymantisz silber, perlin oder golt zu wigen, sunder solichs sollen die wigen, die der rad darzu beschieden und daruber gesworn han (1444) Bücher Frankf. berufswb. 114ᵃ;
'so wiegets, dasz ich wisz den kauff.'
'nicht sag von wiegen', sprach der wirtt
Fischart w. 2, 373 Hauffen;
wie viel hat ein loth tabac rauch? die asche kanstu wiegen;
was dir mangelt, ist gewiss an dem rauche weg gestiegen
Logau s. sinnged. 323 lit. ver.;
wer oehle wieget, besalbet sich die finger Winckler 2000 gutte gedancken (1685) J 7ᵃ; unter währendem singen und tantzen liesz Meleager das schwein wiegen Lohenstein Arminius (1689) 2, 1427ᵃ; eine alte frau so gold wiegt Göthe I 47, 373 W.; wir erstaunen, metallische und erdige massen, welche der auszenwelt, den himmlischen räumen angehören, betasten, wiegen, chemisch zersetzen zu können A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 594. auch:
er (Newton) wiegt die innre kraft, die sich im körper regt,
den einen sinken macht und den im kreis bewegt
(1729) Haller ged. 46 Hirzel.
dazu gegen etw. wiegen zu einem gegenstand einen anderen des gleichen gewichtes mit der waage ausmitteln: packt den Juden, wiegt ihn gegen ein schwein! A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 296 (wohl verbreiteter, vgl. wägen III 2 b, sp. 432). — sich etwas klingend wiegen lassen (bildlich) 'es sich in barer münze bezahlen lassen' (auf den altertümlichen brauch, geldmengen nach gewicht zu bestimmen, anspielend, vgl. wägen III 2 b, sp. 431 und klingen II 1 d, teil 5, sp. 1183): auch habe er sich die gebete um segen für die lebendigen ... klingend wiegen lassen Rosegger schr. (1895) I 7, 10.
b)
vom abschätzen des gewichtes in der hand (vgl. wägen III 2 c, sp. 432).
α)
prägnant:
er wiegt und wählt aus einem haufen speere
sich den, der ihm die meiste schwere
zu haben scheint
Wieland ges. schr. I 13, 236 akad.;
wiegt einmahl, Wallrod, mein haar ist seit kurzem gewachsen und schwerer maler Müller w. (1811) 3, 141;
er wiegt den stock, und denkt bei sich:
ei lebt ich jetzt, euch wollte ich!
Gaudy s. w. (1844) 1, 125;
Rebekka ... fragte, die börse wiegend, ist das für dich, Oswald? Holtei erz. schr. (1861) 18, 186.
β)
gebräuchlich ist in (mit) der hand wiegen: holdselig lächeltest du, als ich deine langen glänzenden haare bewundernd ... in meinen händen wog maler Müller w. (1811) 1, 90; sie ... wog es (ein paket) in der hand und glaubte ein gewaltiges messer gefunden zu haben Holtei erz. schr. (1861) 3, 150; wog er den vogel mit freier hand und nannte die zahl der pfunde, auf die er ihn schätzte Ganghofer schlosz Hubertus (1917) 469; manche mahlen das korn der vergangenheit und wiegen das mehl in ihrer hand E. Wiechert missa sine nomine (1950) 145.
γ)
hierbei kann sich leicht die schwache flexion einstellen, wenn die redensart auf den bewegungsvorgang bezogen und daher als anwendung von ²wiegen (denominativ zu wiege 'cuna') aufgefaszt wird (s. d. und vgl. weitere bedeutungsmischungen unter 2 b): als herr Ehrenthal das document nachlässig in der hand wiegte G. Freytag ges. w. 4 (1887) 49; er wiegte die tatzen des toten (bären) prüfend im arm; juhuhu, das wird ein festschmaus Scheffel ges. w. (1907) 2, 159.
2)
übertragener gebrauch (a, b) und abweichende verwendungen (c, d).
a)
'wertend abschätzen', seit alters geläufig (gern auch unter dem konkreten bilde der waage), jedoch wird in modernerer sprache hierfür wägen bevorzugt (s. d. III 2 d, insbes. ε, und vgl. erwägen, das jüngernhd. keine bildung mit -ie- neben sich hat):
wer kan nach rehte daz gewigen
Elisabeth 8378 lit. ver.;
drumb lasset dem Luther tzu, das er der concilien gesetz wige nach dem euangelio Luther 8, 305 W.; also wurden auch die tapfersten überstimmet, wie es insgemein zu geschehen pfleget, wo die meynungen gezehlet, nicht gewogen werden Lohenstein Arminius (1689) 1, 59ᵇ;
er (der nachruhm) wieget nicht den werth der dinge,
genug, dasz ein verrath gelinge,
sein meister wird unsterblich sein
Haller ged. 16 Hirzel;
er (d. geschmack) lehret einen geist, was schön ist, schnell empfinden,
...
er giebt ihm ein gesetz, nach dem er alles wiegt,
und niemals in der wahl des schönen sich betriegt
Giseke poet. w. (1767) 62 Gärtner;
habe ich ... das ... gute oder böse talent, mit dunckelem gefühl ihren (einer satire) gehalt fast etwas triebmäszig wiegen zu können (1788) Lichtenberg br. (1901) 2, 330; man musz sie (die menschen) nur mit dem krämergewicht, keineswegs mit der goldwage wiegen Göthe I 31, 57 W.; je sorgfältiger man dieses alles untersuchet und wiegt, desto eher erhellet das wahrhaftig gute der einsamkeit Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 2, 2; er (Scipio) wog Roms schicksale im stillen ebda 1, 59;
wer legt den jammer meiner tage,
wer meine leiden, meine qual,
wer leget sie auf eine wage,
und wiegt die felsenlast einmal?
Schubart sämmtl. ged. (1825) 1, 258;
ich trieb privatpatriotismus und gab eine zeitschrift heraus: die wage. ach himmel! an gewichten fehlte es mir nicht, aber ich hatte nichts zu wiegen Börne ges. schr. (1829) 1, ix.
α)
speziell worte wiegen (vgl. wägen III 2 d ζ): der die wahrheit der worte wiegen konnte, fühlt jetzt blosz ihre glätte Lichtenberg verm. schr. (1800) 5, 16; alle seine thaten und worte wigt er (der christ) vor dem auge des allgegenwärtigen und allerheiligsten Lavater brief an Philemon (1785) 1, 446; wer kann jedes wort wiegen? Kotzebue sämmtl. dram. w. (1827) 1, 209.
β)
in opposition mit wagen, wofür heute wägen und wagen gebräuchlich ist (in den beiden ersten belegen liegt noch der reguläre imperativ zum e/i-präsens wegen vor): nit wigs, wags S. Franck sprüchw. (1545) 1, 22ᵇ; ehe wigs, dann wags sprichw., schöne weise klugreden (1548) 42ᵃ; wagen thuts offt besser als wiegen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 875;
gut ding musz haben gute weil,
ehe wiegs, dann wags, so triffst das ziel
Agyrta grillenvertreiber (1670) 20;
bedenklichkeit und ängstlichkeit, die vor lauter wiegen und wägen nicht zum wagen und handeln kommt realencycl. f. protest. theologie ³12, 529, 58.
γ)
in der koppelung wägen und wiegen: im wägen und wiegen und abschätzen der sünden Fischart binenkorb (1581) 105ᵇ;
o herz, was hilft dein wiegen und dein wägen
Mörike ges. schr. 1, 139 Göschen.
b)
verschiedene anwendungen gehen von der vorstellung der ausgewogenheit oder des pendelnden gleichgewichtes aus. im letzteren falle liegen übergänge zum sinn des schwachen verbums ²wiegen nahe (s. u.α u. γ). im übrigen kann hier neben der transitiven auffassung auch die intransitive eintreten.singulär begegnet noch (an den begriff der quantitierenden metrik angelehnt):
so lang ich meinen vers nach gleicher art gewogen,
(sc. dem niederen geschmack folgend)
...
so war auch ich ein mann von hohen dichtergaben
Neukirch ged. (1744) 143.
α)
auf sehr unterschiedliche zusammenhänge beziehen sich formulierungen wie etwas gleich wiegen, gleich gewogen sein u. ä.:
unz er (Pilatus) dar was gestigen (sc. dem range nach),
dâ erz glîch begunde wigen
mit herren Paynô
Pilatus 466 Weinhold (z. f. d. phil. 8, 284);
die streitkräfte waren einigermaszen gleich gewogen Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 231. mit der bedeutung des schwachen verbs verflieszend: (A.:) lassen wir ... einen geraden körper, ... ein lineal schweben, was suchen wir in ihm? (C.:) seinen schwerpunkt ...; ist der körper regelmäszig ..., so finden wir den schwerpunkt in seiner mitte; zu beiden seiten wiegen sich seine beiden arme gleichförmig Herder 22, 47 S.;
wiege zwischen kälte
und überspannung dich im gleichgewicht
Göthe I 16, 266 W.
β)
gegeneinander wiegen 'miteinander auswiegen, ausgewogen sein', von den teilen eines ganzen; ähnlich auch in prägnantem partizipialen gebrauch: darum hat er (der mensch) diese, nicht mehr und nicht andre sinne — alles wiegt gegen einander! ist ausgespart und ersetzt! mit absicht angelegt und vertheilt Herder 5, 69 S.; wie helle er (Shakespeare) in die seele gesehen, und seelen gemahlt! umstände und gegenumstände zusammen und gegeneinander gewogen, dasz der getäuschte leser gleichsam das gesetz der fatalität empfindet ebda 242; weil in ihm (dem Straszburger münster) so vieler menschen werk so einträchtig und geschlossen und gewogen auf festem grunde steht (1822) Görres ges. br. (1858) 3, 36.
γ)
die verbindung hin und her wiegen neigt in der auffassung mehr zum schwachen verbum ²wiegen (s. d. 7); hier sind nur die verwendungen im sinne von 'erwägen, abwägen' (bedächtig oder unentschlossen) anzuführen (vgl. a):
edel-ernst, ein halbthier liegend,
im beschauen, im besinnen,
hin und her im geiste wiegend,
denkt er (der zentaur) groszes zu gewinnen
Göthe I 3, 124 W.;
die redaction und anordnung ihrer aufsätze macht mir täglich mehr vergnügen, ich wiege sie hin und her, lasse sie schreiben und abschreiben, es wird ein liebenswürdiges ganze ders. IV 32, 74 W.; das unentschiedene wiegen der dinge hin und her, die gleichgültigkeit führt nothwendig zu einer zweifelsucht und unthätigkeit Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 165.
c)
nur ganz selten ist die unter wägen III 3 e angeführte bedeutung 'mit hebelkraft behandeln' auf wiegen übergegangen; sie musz wohl etwas weiter gefaszt werden, etwa 'einen unwiderstehlichen druck oder zug ausüben, wuchten' u. dgl.; hierher gehören:
(der esel des ziegelstreichers klagt:)
die stein mich wiegen vmb vnd vmb,
die ich auff meinem rücken trag
Burkard Waldis Esopus 1, 116 Kurz;
jetzo mit der kraft des stranges
wiegt die glock mir aus der gruft
Schiller 11, 319 G.
Wieland hat neben zu boden wägen (ges. schr. I 22, 413; II 4, 374 akad.), vielleicht auf schwäbischem lautwechsel beruhend, auch: (dasz der verfasser) einem gewährmanne gefolget ist, dessen ansehen alle Aeliane und Athenäen zu boden wiegt (1776) I 10, 1, 15. (vgl. hierzu noch: een mugghe steket my een doetwonde, een kleyne plumeken mach my neder wegen Joh. Veghe wyngaerden der sele 243 Radem.).
d)
vereinzelt findet sich auch wiegen 'foltern', wie wägen III 3 f (s. d. und vgl. wiege 3 a β für ein folterinstrument, statt wage): glich als ob man ein wygt, vntz das er sagen müs was man will (glosse) Terenz (1499) 69ᵃ (als ob er in an die wag füren wolte, die warheit vsz ym zuͦ bringen ebda).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1526, Z. 32.

wiegen2, sw. vb.

²wiegen, sw. vb.,
'cunare, ein kind wiegen; (sich) schwankend bewegen'. denominativum zu wiege 'cuna', mnl. wiegen, mnd. wêgen (dazu upweighen, s. u. 8), frühnhd. wiegen (zum mhd. s. u.). das wort ist seit dem ende des 15. jhs. ohne erkennbare landschaftliche begrenzung allgemein verbreitet, vgl. lüb. chron. 2, 426 Grautoff; Luther 10, 1, 1, 568 W. und oft; Paracelsus opera (1616) 1, 600ᴮ; Eberlin v. Günzburg 3, 197 ndr.; Hans Sachs 11, 167 lit. ver.; Wickram 3, 136 lit. ver.; Kirchhof wendunmuth 3, 132 lit. ver.; Fischart Garg. 108 ndr. die bedeutung ist in dieser zeit stets 'ein kind in der wiege wiegen' (weigen mit den armen Pauli Keisersbergs narrenschiff [1520] 36ᵇ gehört zu den ei-formen des starken verbums, s. wägen teil 13, sp. 426 und ¹wiegen sp. 1527); die sekundäre bedeutung '(sich) schwankend bewegen' ist erst seit dem 17. jh. zu belegen (s. u. 4—7). ob in der folgenden mhd. stelle (um 1300) schon das denominativum vorliegt, ist unsicher; es kann sich um ein vokalspiel handeln, wie in wigen, wagen bei Gottfried von Neifen 52, 13 H.-Schr. (näheres hierzu s. o. unter wiegeln; vgl. auch unten wegen und wigen Ephes. 4, 14):
du solt es heben und legen,
samft wiegen unde wegen.
sing: ninna, ninna, wægelin
der sœlden hort 1604 Adrian.
sicherlich auszer zusammenhang mit frühnhd. wiegen 'cunare' steht:
siben stein sint si wider legende
gen der planeten loufes wider krigen,
die wak und erd als swebende hant, daz si nach firmamente niht enwiegen ('sich bewegen', zum st. vb.)
Albrecht v. Scharfenberg jüng. Titurel 291, 4 Wolf.
im mhd. wird vielmehr für 'cunare' wagen gebraucht, s. d. II, teil 13, sp. 393, auch neben wiege, s. ebda passional 214, 20 Köpke und Th. Platter 35 Boos. andererseits findet sich frühnhd. wiegen neben wage 'cuna' (s. Diefenbach unter 1 a). jedoch haben sich wiege und wiegen in der älternhd. schriftsprache bald allgemein durchgesetzt. in den mundarten stimmt wiegen nach form und verbreitung mit wiege (s. d.) überein. vereinzelt begegnen formen des starken verbums; wohl durch reimzwang (vgl. aber weigen — gewiegen unter wägen, teil 13, sp. 426 und ¹wiegen sp. 1527):
ich bin zuvor auch schon mit dieser wieg gewigen,
es halten nicht den stich die unverschemten lügen
Reinicke fuchs (1650) 284;
ferner auf grund von bedeutungsmischung: (sie) wogen sich leicht auf der schärfe des stahls (sc. der schlittschuhe) Klopstock oden (1889) 1, 217 (s. u. 6 c und wägen III 3 a); mit welchem anstand sie sich in den hüften wog Lichtenberg verm. schr. (1800) 3, 350 (s. u. 6 f und wägen III 3 a). nicht zum swv. wiegen (obwohl den späteren verwendungen unter 4 c und 5 ähnlich) gehört die in der älteren theol. literatur vielfältig zitierte übersetzung der bibelstelle Ephes. 4, 14: auff das wir nicht mehr kinder seien, vnd vns wegen vnd wigen lassen von allerley wind der lere (κλυδωνιζόμενοι καὶ περιφερόμενοι) Luther bibel 7, 119 Bindseil; wägen und wiegen tischr. 6, 338, 72 W. es handelt sich hier um ein lautspiel (s. o.) der beiden bei Luther möglichen infinitivformen des stv. wegen 'bewegen' (s. ¹wiegen), vgl.: last euch keynen andern wind der lere bewegen 12, 149, 27 W. spätere zitate in der form wegen (-ä-) und wiegen: kirchenordn. f. Braunschw. (1569) 16; F. Wagner evangel. censur (1640) 7; Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 8; Miller pred. f. landvolk (1776) 3, 134. in freierer aufnahme u. a.:
ob schon dein schmertz vnd eigen hertz
dich anders wollen wiegen,
kehr dich nicht dran
Ringwaldt handbüchlin (1586) C 12ᵇ.
das ursprünglich transitive wiegen wird in übertragenen anwendungen vielfach auch reflexiv gebraucht (z. b. sich in träumen, in hoffnungen, in sicherheit wiegen, s. u. 3 c—e); in den verwendungen für '(sich) schwankend bewegen' wechselt die transitive mit der reflexiven und intransitiven fassung bei verschiedenster rollenverteilung der substantivischen satzglieder (s. namentlich 4 und 5).
1)
ein kind durch sanftes schaukeln (der wiege) beruhigen oder einschläfern.
a)
'cunare, ein kind in der wiege wiegen' (auch eine wiege wiegen kommt vor, s. u. Herder); incunis an wage do man kinde in wyeget (15. jh., md.) Diefenbach gl. 293ᵇ; wiegen, die wiege bewegen bercer Hulsius-Ravellus t.-frz.-it. (1616) 413ᵇ; das kind wiegen cunare un bambino Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ: darna nicht langhe ... starff Maumetes de Turke, keyser van lutken Asyen unde Greken ...; he was eyn grymmich louwe unde en strytbaer vorste, men nu weget he deme duvel syne kyndere (ende d. 15. jhs.) Lüb. chron. 2, 426 Grautoff; rumpfft sie die nassen und spricht: ach, solt ich das kind wiegen, die windell wasschen (1522) Luther 10, 2, 295 W.; so das kind geseugt ist vnd man es schlaffen legt, so sol man es gemechlich wiegen Ruoff hebammenb. (1580) 218; denn der augenschein gab es fast, als ob sie in kurtzen was solte zu wiegen bekommen R. v. Dreskau legation (1638) J 2ᵃ;
klapperstorch, langbein,
bring meiner mutter ein kind heim,
leg es in garten,
ich wil es fein warten.
leg es auf die stiegen,
ich wil es fein wiegen
J. Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 225;
der himmel segne sie (d. ehepaar) mit ehre, gut, vergnügen,
und dasz sie übers jahr ein schönes kindchen wiegen
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 186 Weichmann;
eine leere wiege zu wiegen, hält der landmann für unglückbringend Herder 23, 93 S.;
mutter, mutter! meine puppe
hab ich in den schlaf gewiegt
Chamisso w. (1836) 3, 32;
hatte ihn nicht auch einstmals eine mutter gewiegt? Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 2, 250.
b)
auf den knien, auf dem schosze, in den armen wiegen:
der herr der menschen und der götter
...
wiegt, alles wohlstands unbewuszt,
den pagen auf dem knie
Ramler fabellese (1783) 3, 249;
dreyen söhnen gaben wir bräute, wir wiegeten fröhlich
ihr aufblühend geschlecht auf dem verjüng ten schoos
Herder 26, 41 S.;
selig, welchen die götter, die gnädigen vor der geburt schon
liebten, welchen als kind Venus im arme gewiegt
Schiller 11, 269 G.;
der mann, der sie so oft auf seinem schoose wiegte Pfeffel pros. vers. (1810) 6, 3; gern wiegte er das kind in seinen armen, wenn er vom morden ausruhte Kürnberger nov. 3 (1862) 110;
denk nicht an den alten Douglasneid,
der trotzig dich bekriegt,
denk lieber an deine kinderzeit,
wo ich dich auf den knien gewiegt
Fontane ges. w. I 1, 82 jub.-ausg.;
und ihr kennt mich o vater! ihr habt mich ja uff a knieen gewiegt Gerhart Hauptmann Rose Bernd (1904) 149.
2)
in einigen mehr gelegentlichen bildlichen auffassungen.
a)
der himmel wiege dich mit seiner seegenshand
(1714) J. Chr. Günther s. w. 5, 48 Krämer;
wer dem herrn am herzen lieget,
wird nicht allezeit gewieget
Zinzendorf teutsche ged. (1766) 168;
sanft wiegte dich bis heute dein geschick
Schiller 12, 239 G.;
ihr herz, ihr charakter, verdienten es, weich gebettet und gewiegt zu werden; allein das schicksal hat seinen eigenen willen (1864/5) W. Raabe s. w. I 6, 6.
b)
meine phantasie
hier auf den wipfeln dieser bäume
grosz zu wiegen
Schubart s. ged. (1825) 2, 17;
das sind die länder, wo es (das lehnswesen) gross gewiegt worden E. M. Arndt s. w. (1892) 1, 249.
c)
der abend wiegte schon die erde
Göthe I 1, 68 W.;
der magische abend ... nahm endlich alle wesen auf seinen wiegenden schooss Jean Paul w. 1, 340 Hempel.
3)
sehr verbreitet ist ein übertragener gebrauch des typus in den schlaf, in träume wiegen oder sich in träumen, in hoffnungen wiegen.
a)
vorweggenommen sei eine abweichende verwendungsart, bei der eine gemütsregung als subjekt steht; nur vereinzelt in frühen belegen: wen blinder eifer wiegt, dem traumet von unglücke A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 2, 555:
du weiszt, dasz menschen sich nicht recht entmenschen können,
und die begierde sie als alte kinder wiegt
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 1, 3;
den beklommnen mutterbusen wiegen
liebe und — verrätherey
Schiller 1, 228 G.
b)
in den schlaf, zur ruhe wiegen; anfangs öfters in bildlichen auffassungen: vnterdessen wiegten die ausz der schantz manchen Spanier in den ewigen schlaff Zinkgref-Weidner teutscher nation weish. 3 (1653) 50;
Chach ward nach langem wüten
durch Meurabs steten dienst so in den schlaff gewiegt,
dass der betrübte mann platz sich zu rächen kriegt
(1657) Gryphius trauersp. 167 lit. ver.
sonst 'einschläfern' im gewöhnlichen sinne. als subjekt stehen meist bezeichnungen beruhigender geräusche u. a. sinnlicher erscheinungen:
wo grüne dunkelheit uns in den schlummer wiegt
Bodmer vier krit. ged. 68 ndr.;
bis der zauber der musik herrn Western in einen süssen schlummer wiegte Bode Thomas Jones (1786) 2, 58; mich wiegten sanfte winde zur ruhe maler Müller w. (1811) 1, 95;
lispelt leise süssen frieden,
wiegt das herz in kindesruh;
und den augen dieses müden
schliesst des tages pforte zu
Göthe I 15, 1, 4 W.;
die ... übermäszige hitze, das schaukeln der sitzfedern vereinigten sich ..., um mich in holdseligen schlaf zu wiegen Gaudy s. w. (1844) 2, 55; die ferne musik und das eintönige rasseln des regens wiegte ihn in festen schlummer Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 295. gebräuchlich sind auch anwendungen wie die folgenden: (nachrichten, die) alle deine zärtlichen sorgen in sanfte ruhe wiegen werden Wieland I 3, 27 akad.; ihr gewissen in schlaf zu wiegen Hegel w. (1832) 18, 192. selten ist hier, im gegensatz zu c und d, reflexiver gebrauch und in mit dativ: Lisette wiegte sich in süszer morgenruh Zachariä poet. schr. (1763) 2, 8; ein stilles, schon in nächtlicher ruhe sich wiegendes dorf Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 77.
c)
(sich) in träume wiegen 'in träumereien', seltener soviel wie 'in schlummer':
und nun die grimme noth
uns mit entblösztem schwerdt schon anlaufft zu bekriegen,
sind wir bedacht, in traum mit worten sie zu wiegen
Gryphius trauersp. 28 lit. ver.;
die grüne nacht belaubter bäume
lockt uns in anmuthsvolle träume,
worein der geist sich selber wiegt
Haller ged. 81 Hirzel;
wann erst die mitternacht um den tyrannen liegt
und seinen müden geist in süsze träume wiegt,
ja dann soll unser schwerdt im finstern gehn
Göthe I 37, 49 W.;
alle meine empfindungen, frohe und traurige, wiegen mich in einen traum Tieck schr. (1828) 6, 61; den ersten schlaf durchbrach ein gewitter; bald aber wiegte der nachhallende donner den geist in träume zurück Carossa winterl. Rom (1947) 9. ziemlich gebräuchlich auch in der präpositionalen verbindung mit dativ sich in träumen wiegen 'sich angenehmen vorstellungen hingeben', auch 'selig schlummern'; daneben mitunter transitiv; älter öfters mit träumen: du (gott) wirst mich wohl in süssen träumen wiegen Schmolck sämtl. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1162;
wie weit sein hochmuth flieget,
und wie er selber sich mit seinen träumen wieget
Neukirch ged. (1744) 169;
so waren jene träume,
womit man meine kindheit wiegte, doch —
doch mehr als träume
Lessing 3, 177 L.-M.;
wenn du in träumen
die nächte dich wiegtest
Göthe I 11, 202 W.;
menschen, ... welche sich mit bunten träumen einer närrischen zukunft wiegen E. M. Arndt schr. (1845) 3, 209; die anderen wiegten sich in alten ghibellinischen träumen Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 1, 410.
d)
vom vorigen aus mit den verschiedensten beziehungswörtern, die angenehme oder beruhigende vorstellungen bezeichnen; hier überwiegt der dativ des präp. objekts bei meist reflexiver fassung des verbs (häufig besonders sich in [mit] hoffnungen wiegen):
sein irrthum wieget ihn in diesem sichern hoffen,
dass immer sein entschluss das rechte ziel getroffen
Hagedorn vers. einiger ged. 57 ndr.;
Säugling wiegte sich mit dem gedanken, vor der gräfinn ... mit seinen gedichten zu glänzen Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 160; wiegte sich mein herz mit glänzenden hoffnungen für deine ... glückseligkeit (1785) Schiller br. 1, 268 Jonas; und mich wiegst du indess in abgeschmackten zerstreuungen Göthe I 14, 225 W.;
heut abend wieg ich mich im grundbesitz!
Göthe I 15, 1, 67 W.;
mich wiegend in süszen hoffnungen und träumen E. T. A. Hoffmann s. w. 4, 20 Gr.; das behagen, mit dem er sich in dem gedanken: ich hab auch verstand! förmlich wiegt O. Jahn Mozart (1856) 3, 112; als ... Karl von Burgund sich in abenteuerlichen plänen wiegte Burckhardt kultur d. renaiss. (1948) 49; ich miszfiel der fürstin nicht und wiegte mich bereits in süszen hoffnungen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 233; in unseren tagen wiegen sich die privilegirten stände in seligen erinnerungen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 103; der mitwisser (der geschäftsgeheimnisse) konnte sich deshalb in dem glauben wiegen, Pascarella erkenne in ihm eine art stillen gesellschafters an Werfel geschw. v. Neapel (1931) 317. ungewöhnlich:
erst sich in geheimnisz wiegen
dann verplaudern früh und spat
Göthe I 6, 219 W.;
und wiegst dein herz in bitterm weh
Brentano ges. schr. (1852) 2, 270.
der akkusativ tritt, namentlich in jüngster sprache, weit zurück:
das menschliche gemüth in neue lust zu wiegen
Bodmer vier krit. ged. 9 ndr.;
er liebte eine music, welche die leidenschaften besänftigte und die seele in ein angenehmes staunen wiegte Wieland Agathon (1766) 2, 52; das heitere schauspiel des herrlichen abends wiegte ihn in sanfte phantasien Novalis schr. 4, 104 Minor; sylbenmasse, ... deren blosser sylbenfall noch jetzt das ohr in einen unnachahmlichen zauber wiegt W. v. Humboldt ges. schr. 5, 120 akad.; jeder schmerz hat seinen schlummer, der ihn in vergessenheit wiegt Börne ges. schr. (1829) 4, 65.
e)
noch hervorzuheben ist die in neuester zeit häufige wendung sich (jmdn) in sicherheit (meist dat.) wiegen: er solle sich ja nicht in falsche sicherheit wiegen lassen H. Laube ges. schr. (1875) 15, 52; sie waren obenauf gewesen und hatten sich in sicherheit gewiegt H. Mann d. untertan (1949) 495; sie wiegte sich nun in tiefer sicherheit Werfel geschw. v. Neapel (1931) 140; aber jetzt erkannte Nero selber, der sonst in der glücklichen sicherheit des verrückten sich wiegende, dass es aus war Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 341.
4)
wiegen von der beim fahren und reiten entstehenden bewegung, ferner vom wogen des wassers und vom schwanken der wasserfahrzeuge, vgl. in einer kutsche oder schiff gewiegt werden Kramer t.-ital. 2 (1702) 1347ᵃ.
a)
wan sonn sich wider bieget,
vnd auff gesenckter niderkehr
den matten wagen wieget
Spee trutznachtigall 191 ndr.;
man durfte kaum die trense rücken,
so sahst du es (das pferd), von freyen stücken,
den schönsten antritt wiegend gehn
Schwabe belust. (1741) 2, 476;
der flüchtige Pegasus wiegte sie, ohne zu straucheln, auf seinem sanften rücken hinab ins maienthal Musäus volksmärchen 1, 18 Hempel;
in eines streithengsts bügeln möcht
ich wiegen mich zur schlacht
Herwegh ged. e. lebendigen (1841) 114;
wir kamen unter wiegen und ächzen unseres wägleins immer tiefer und tiefer Stifter s. w. 8, 1 (1920) 23; weinte er in die struppige mähne des tieres, das sanft sich wiegend unter ihm dahinging Will Vesper d. harte geschlecht (o. j.) 96. hier am ehesten läszt sich anschlieszen: stolz und herrlich trat er (Fiesko) daher, nicht anders, als wenn das durchlauchtige Genua auf seinen jungen schultern sich wiegte Schiller 3, 11 G.
b)
nicht oft: vermutlich ist, dass das meer von einem strand sich zu dem andern, wiewol weitentfernet, gegen über waltze und wiege Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 8, 501; wenn die rollenden wellen in dem glanze der abendsonne wiegen Klinger w. (1809) 1, 309;
wo zum Rheinstrom hin von Siegen
sich des Siegstroms wellen wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 7, 440.
c)
häufig dagegen:
wie ihn des schicksals hand
in einem schiff gewiegt und schlafend hergesandt
J. E. Schlegel w. (1761) 4, 137;
das steigen und sinken des wiegenden nachens Lavater verm. schr. (1774) 1, 282;
die welle wieget unsern kahn
im rudertackt hinauf
und berge wolcken angethan
entgegnen unserm lauf
(1775) Göthe III 1, 3 W.;
wenn wir uns spät noch in einen nachen sezten und den Rhein hinunter wiegen liessen (1791) Caroline br. 1, 69 Waitz;
wehe dem fahrzeug, das jezt unterwegs
in dieser furchtbarn wiege wird gewiegt
Schiller 14, 370 G.;
und weiszt du was ne gondel ist
und wie sich's drinnen wiegt?
Strachwitz ged. (⁸1891) 370;
in der bucht wiegt ein kahn A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 120; das schiff wiegt fertig sich im haff Leuthold ged. (⁴1894) 357; leise wiegt das schiff hin und her Plüschow segelf. ins wunderland (1926) 15. bildlich in ähnlichem sinne: wiegende wogen trugen ihn auf dem bache der süszen schwärmerei hinauf und hinab, ermüdet schlief er ein Tieck schr. (1828) 8, 50;
süss lieb, süss lieb und wiege dich fein
auf stillen schlummerwogen
Geibel ges. w. (1883) 1, 88.
5)
vielfach von bäumen und zweigen im winde und von vögeln im fluge oder auf schwankenden zweigen, hiernach auch vom winde.
a)
vom schwanken windbewegter bäume, zweige, halme und blumen:
der leichte zephyr küsste
die pflanzen dieser insel,
und sein gefolge wiegte
die wipfel dieser insel
Hagedorn poet. w. (1769) 3, 85;
wo die ... buche ihre grünen gestreckten äste wiegt Nicolai Seb. Nothanker (1773) 2, 24; schlanke pappeln wiegen sich lispelnd um sein grab Klinger w. (1809) 8, 156;
schwankend wiegen
im morgenwinde sich die jungen zweige
Göthe I 10, 106 W.;
rauschend wiegt
ein kalter wind die starren äste
ebda 5, 1, 35;
wo die ... tannen sich vom sturm hin und her wiegen lieszen J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 232; und disteln wiegen das bärt'ge haupt Kind ged. (1817) 1, 99; da sang es im wiegenden kelch (einer blume) Tieck schr. (1828) 17, 276;
wie dort, gewiegt von westen
des mohnes blüthe glänzt
Uhland ged. (1898) 1, 43;
die blätter des zauberischen baumes wiegten langsam auf und nieder Gaudy s. w. (1844) 13, 30; die grünen bäume wiegten ein meer von glanz und schimmer Stifter s. w. 1 (1904) 29; das ächzen und wiegen der stämme (1869) W. Raabe s. w. I 6, 239; oben auf dem rande der zimmerung wuchs gras, aus welchem etliche grüne kornähren aufstanden und in der luft wiegten Rosegger das zugrunde gegangene dorf (1905) 25; ein still reifendes ackerland ..., das sich im sommerwind wiegte Ric. Huch d. grosze krieg (1920) 2, 231. entsprechend:
golden wiegten sich die locken
auf der hohen götterstirne
Körner w. 2, 36 Hempel;
wie ein sternenpaar
glänzten die augen, die wangen
wiegten das goldene haar
Tieck schr. (1828) 4, 321;
das schwert, die harfe, wiegten
sich an der schärp
Kind ged. (1817) 1, 128;
sie ... schritt rasch dem hause zu, die ... grasbinde auf dem ... kopfe ... wiegend Herm. Schmid ges. schr. 8 (1861) 154; generäle ..., um deren goldbeschlagene helme sich federn wiegten Renn adel im untergang (1947) 119. auch:
wie, vom zephyr gewiegt, der leichte rauch durch die luft schwimmt
Schiller 11, 40 G.;
noch ein glöcklein hat geschwiegen
auf der höhe bis zuletzt.
nun beginnt es sich zu wiegen,
horch, mein Kilchberg läutet jetzt
C. F. Meyer ged. (⁵1892) 67;
(die schmiede), darin sich eine trübe flamme wiegte Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 26. — und bildlich:
und ihr, wachset und blüht, geliebte lieder, und wieget
euch im leisesten hauch lauer und liebender luft
Göthe I 1, 262 W.
reifende früchte werden gewiegt wie kinder:
sanft gewiegt von lauen westen
das gold der äpfel schwoll
J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 4, 193;
ein ast der schaukelnd wallet
wiegt sie (die früchte) geduldiglich
Göthe I 6, 176 W.
b)
vom flug der vögel und schmetterlinge: zuweilen wendet sich der reiger mit seinem gantzen leibe (gegen den angreifenden falken) und schwebet oder wieget mit ausgespannten flügeln, als mit einem segel, in freyer luft Noel Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 8, 233;
nun wiegt sich der raben
geselliger flug
Göthe I 1, 89 W.;
im gefieder wiegender vögel dt. museum 2, 183 F. Schlegel;
der schmetterling wiegt purpurflügel
Tieck schr. (1828) 4, 136;
wie der weih des gebirgs ...
... sein einsam nest unermüdlich umkreist
von der fittige ruderndem schlage gewiegt
Droysen Äschylus werke (1841) 43;
und der habicht, jetzt gewiegt
von gewölk und winden
Freiligrath ges. dicht. (1870) 1, 111;
(schmetterlinge, die) sich schwankend wiegten H. Seidel Leberecht Hühnchen (1899) 186; wie ein falke, der sich im äther wiegt B. Kellermann Ingeborg (1911) 326. — mitunter auch:
hier wiegen sich schmerlen im tosenden fall
(1795) volksthüml. lieder d. Deutschen 167 Böhme.
c)
sich auf zweigen wiegen (o. ä.), von vögeln und vergleichbaren wesen:
wenn ihr (tauben) euch auf schlanken ästen wieget
J. M. Miller ged. (1783) 85.
und Eros,
er wiegte sich auf deinen augenliedern
Herder 27, 359 S.;
von oben herab, auf zweigen sich wiegend, schaut eine dryas Göthe I 49, 1, 143 W.; schöne stunden meiner jugend, wo der geist sich zuerst selbst ahnte und sich auf den ersten blüten, die er trieb, selig wiegte (1842) Hebbel tageb. 2, 139 Werner; ein dunkler schmetterling auf einer noch stolzen, hohen ähre sich wiegend Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 36; auf einem ... ulmenzweige wiegte sich ein ... fink Fontane ges. w. (1905) I 5, 188. so auch:
wenn auf neubelaubten ästen
sich der junge frühling wiegt
Overbeck verm. ged. (1794) 56;
der mondschein wiegte sich auf den leise wogenden kornfeldern Eichendorff s. w. (1864) 3, 374. selten in abweichender formulierung:
kaum erwachet der tag, so erfleucht an des hellen stromes ufer
sie eine pappel, und wieget den gipfel
(die sterbende nachtigall)
Herder 27, 161 S.;
sie war wie von der nachtigall geboren
...
gewiegt im eichenwipfel sasz sie da,
und flötete (Penthesilea)
H. v. Kleist w. 2, 147 E. Schmidt.
d)
von der bewegung des windes, wie von flugwesen (vgl.b und c), gewöhnlich sich wiegen: ein sanfter wind wiegte sich auf den zarten zweigen Heinse s. w. 5, 19 Sch.; geisterwehn von alten sagen wiegt sich durch die ... flur Körner w. 2, 101 Hempel; wenn der mittagswind sich leise wiegt Bettine d. Günderode (1840) 1, 120;
wieget
eure lauen flügel, sommerlüftchen
Hölty ged. 55 Halm;
er hat sich gewiegt,
wo weinen war,
und hat sich geschmiegt
in zerrüttetes haar
(der frühlingswind)
Hofmannsthal ged. u. kl. dramen (1911) 4.
e)
als ungewöhnlich sei hier noch angefügt:
bis von der wunden macht besiegt,
sie (die gefällte esche) ächzend sich herunter wiegt,
und sich zermalmend wälzt von des gebirges gipfel
Schiller 6, 376 G.;
ein zweiter angriff, und der mächtige würfel (ein felsblock) weicht, wiegt sich über die kante, mit krach und schlag verschwindet er in der tiefe Barth Kalkalpen (1874) 494.
6)
von bewegungen des menschlichen körpers, oft in redensartlichen verbindungen; hieraus abgeleitet auch von musikalischen erscheinungen (d).
a)
ähnlich wie unter 5 c vom schaukeln auf schwankender unterlage, namentlich sich auf dem stuhle wiegen: er wiegt sich auf dem stuhl, und läutet mit den füssen Dusch verm. w. (1754) 167; ein paar hielt sich mit den händen fest und ein bauer schlüpfte unten durch, oder wiegte sich darauf Miller Siegwart (1777) 1, 211; dabei wiegte er sich auf dem schemel mit einem gar vergnügten gesicht Alexis hosen d. hrn v. Bredow (1846) 1, 137; indem sie ... ihre leichte gestalt auf den losen brettern wiegte Storm s. w. (1899) 1, 92.
b)
sonst in unterschiedlichen auffassungen: sie verachtet die Pariser theatergrimassen, das tragische schluchzen, das wiegen der arme, und den heldinnentritt Sturz schr. (1779) 1, 93; der marchese ... wiegte sich von einem fuss auf den andern Göthe I 43, 269 W.; erhob er sich vom stuhl, wiegte sich in den neuen schuhen und ging eifrig einige male auf und nieder G. Keller ges. w. (1889) 4, 129; die hände auf dem rücken, wiegte er sich behaglich in den knieen Storm s. w. (1899) 2, 45; Gustav wiegte seinen schlanken oberkörper ersichtlich in dem bewusztsein, ein hübscher kerl zu sein W. v. Polenz Büttnerbauer (1895) 2; (er) wiegte sich lächelnd auf seinen langen beinen Renn adel im untergang (1947) 386.
c)
besonders vom tanz und ähnlichen bewegungen des ganzen leibes:
hand in hand wiegen sie sich
über des throns
aufgepolsterter herrlichkeit
Göthe I 15, 1, 216 W.;
meerfrauen mit gesang und spiel
sich um die kiele wiegen
Uhland ged. (1898) 1, 302;
während des 2/4 taktes führen die paare ein bärenmäsziges wiegen und schwenken aus Böhme gesch. d. tanzes (1886) 194; ich konnte ... mich mit einem jener fremdartigen mädchen im tanze wiegen Storm s. w. (1899) 2, 111; der tanz war schon längst im gang ..., und über die wiegenden paare hin sangen die geigen ihre kantilenen Fendrich Himmelheber (1915) 198; der greis ... wiegte sich im tanze A. Sperl söhne d. hrn Budiwoj (1927) 538.
d)
entsprechend von der bewegungsart musikalischer tonfolgen: (die jetzigen tonkünstler) wiegen sich auf einem seil von tönen in der luft Herder 15, 236 S.; sein strich hat so viel delicatesse und wiegende anmuth Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 144; eine zither war es ..., die töne wiegten sich und schwollen und wurden ein gewimmel, und plötzlich sang eine männerstimme darein Stifter s. w. 1 (1904) 145; insbesondere haben die mädchen eine hohe stimmlage und überlassen sich gerne dem weichen wiegen und trillern des tons (beim sprechen) Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 230; die worte (alter wiegenlieder) fügen sich weniger dem sinn als dem laut und dem wiegenden rhythmus nach zusammen Schweitzer Bach (1948) 5; das rezitativ 'die schlange, so im paradies' wird durch wiegende passagen begleitet ebda 539.
e)
redensartlich den kopf wiegen, gewöhnlich als gebärde der bedenklichkeit; schon mhd. wird diese verbindung mit dem sw. vb. wegen (*wagjan) gebildet:
er wegetez houbet unde sprach
'jâ dû starker t ügenære'
Hartmann v. Aue Gregorius 2786 Paul-L.
die wendung ist besonders in der erzählenden literatur sehr häufig:
ihr macht mich nicht zum schwachen, blinden narrn,
der seinen kopf wiegt, seufzt, bedauert, nachgiebt
den christlichen vermittlern
Shakespeare 4 (1799) 96 (kaufmann v. Venedig 3, 3);
ich habe ... über dem schicksale meines vaterlandes den kopf gewiegt Seume an Schnorr (1801) in: gesch. seines lebens 286 Planer u. Reiszmann;
wenn alle tanzend fliegen,
seh ich mit stetem thränenlauf
das bleiche haupt sich wiegen
Brentano ges. schr. (1852) 2, 417;
Ganna wiegte mit ernstfreundlichem verneinen das schöne haupt Fouqué altsächs. bildersaal (1818) 2, 37; lächelte er gar pfiffig und wiegte das köpfchen recht vergnügt hin und her H. Heine s. w. 3, 225 Elster; mit einem wiegen des kopfes ... berechnet sie (die zimmervermieterin), welcher vortheil aus ihm zu ziehen sei W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 6; ich werde wohl zu tun bekommen, sagte der doktor, indem er auf die süszigkeiten wies und den kindern drohte. dann hob er mit wiegendem kopf ein gediegenes gerät für salz, pfeffer und senf empor Th. Mann Buddenbrooks (1922) 1, 21; den kopf nachdenklich wiegend Cl. Viebig d. schlaf. heer (1904) 1, 70; dann wiegte sie feindselig den kopf. nein, bedeutete das quelle v. j. 1931.
f)
sich in den hüften wiegen:
süss, sirene, auf der hüfte
wiegst du dich am felsenriff,
selig, wer vorüberschiffte,
wen der zauber nicht ergriff!
Brentano ges. schr. (1852) 2, 219;
es setzte nur eine im schlosz so die zehenspitzen, es wiegte sich nur eine so in den hüften W. Alexis Isegrimm (1854) 446; er ... wiegt sich beim gehen ein wenig in den hüften M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 269; (sie) ging mit einem weichen wiegen der hüften, mit einem lässigen schlenkern der arme Cl. Viebig die vor den toren (1949) 187.
g)
partizipial wiegender gang, schritt (vgl. wiegegang, wiegeschritt): solch ein wiegender gang J. H. Voss sämtl. ged. (1802) 2, 213; das pferd ... ging in wiegendem schritte weiter Holtei erz. schr. (1861) 4, 81; obwohl ihr gang noch immer der leichte, wiegende der frauen jener gegend war E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 274; wenn herr Hugo Weinschenk ... wiegenden und selbstbewuszten schrittes über die grosze diele schritt Th. Mann Buddenbrooks (1922) 2, 64; und geht mit seinem breiten, wiegenden schritt Feuchtwanger Simone (1950) 82.
7)
einige verwendungen, die das faktum der unentschiedenheit umschreiben, stützen sich mehr oder minder auf das bild der schwankenden waage (vgl. ¹wiegen B 2 b α und γ):
und wie zwo schalen wiegend wanken,
so zweifelhaft blieb mir dein blick
Schwabe belust. (1741) 2, 21.
a)
warum zwischen tod und schande mich hin und her wiegen? Schiller 3, 445 G.; dasz sein auge auf dem zarten schwebenden punct stehe, wo sich die purpurfarbe zwischen dem blauen und gelben hin und her wiegt Göthe II 5, 2, 32 W.; die sprache ist überhaupt ein bewegliches organ, ein gegenstand musz sehr fest und derb dastehen, wenn ihn die sprache nicht in ihren ausdrücken herüber und hinüber wiegen soll ebda 253.
b)
so auch: lange mit solchen gedanken hin und her gewiegt Pütter selbstbiogr. (1798) 239. sonst aber dem gebrauch unter 5 nahestehend:
gedanken sich wiegen,
die nacht ist verschwiegen,
gedanken sind frei
Eichendorff s. w. (1864) 1, 505;
dies ist die stunde, das gemach,
wo sich gedanken mögen wiegen
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 151;
um seine gedanken über gut und geschäft sich wiegen zu lassen, wie der adler sich wiegt über seinem jagdrevier P. Dörfler notwender (1934) 79.
c)
da wiege ich mich denn in unentschlossenheit Göthe IV 29, 219 W. (vgl. 3 d); dasz ich glauben musz, sie thue mir die kammer auf, wenn ich komme; und es wiegt mir sich, ob ich gehen solle Gotthelf Uli d. knecht (1846) 112.
8)
das adj. part. prät. gewiegt 'beschlagen, gewandt, gewitzigt' ist teil 4, 1, 3, sp. 5790 ausführlich behandelt; vgl. auch gewiegt und gewickelt unter ⁴wickeln C 2, sp. 853. frühe belege, in denen gewiegt noch nicht adj. ist, stellen den ursprung dieses sinnes auszer zweifel: (ein mensch) de myt synen willen upgeweighet unde ghewenet is Joh. Veghe 56, 35 Jostes; das sie von iugend auff do mit ertzogen und gewiget sein Carlstadt von beiden gestaldten d. hl. messze (1521) A 4ᵇ; der die selben (schandpossen) ... von kindts wesen auf getriben, ja damit gewiegt worden seie Montanus schwankb. 467 lit. ver.; verdeutlichend: dann wir sind zuͦ dem dickeren mal ... des artickels halb von M. Ulrichen vnderricht vnd gewyeget worden, das ich daran keynen zweyfel me hab L. Hätzer acta oder geschicht (1523) n 2 ᵃ. auch begegnet: damit (bergbaurecht) gewigt und geerdigt S. Span speculum juris metallici (1698) vorr. b 1ᵇ. statt des älteren gewiegt mit wird später gewiegt in bevorzugt (gewiegt sp. 5791, ziffer 1): ein solcher Teutscher, der in der italiänischen sprache nicht gewieget ist Castelli it.-t. u. t.-it. wb. (1741) vorr. 2ᵇ. öfters begegnet die verbindung klug gewiegt:
ich bin noch klug gewiegt und weis wohl auszuführen,
dasz alle laster nicht von übereilung rühren
J. Chr. Günther s. w. 6, 3 Krämer;
wer sagt mir an, wo Weinsberg liegt?
soll seyn ein wackres städtchen,
soll haben, fromm und klug gewiegt,
viel weiberchen und mädchen
Bürger s. w. 25 Bohtz;
die ältsten (der töchter), schön und klug gewiegt,
...
geputzt mit engeln um die wette
Kind ged. (1817) 1, 202.
in neuerer sprache am geläufigsten ist gewiegt als attribut zu wörtern wie kenner, praktiker, zu berufsbezeichnungen (namentlich: jurist) und zu sonstigen nomina actoris, die eine gewitztheit erfordernde tätigkeit bezeichnen; s. gewiegt sp. 5792, ziffern 2 u. 3 und vgl. noch: ein gewiegter leser Bode Montaigne (1793) 1, 236; (graf W. ...,) gewiegter kunstkenner und freigebiger mäzen H. Riemann musiklex. ⁹1310ᵃ; morgen sollte ich den vergleich mit einem gewiegten (berg-)steiger in aller form erst zu bestehen ... haben Barth Kalkalpen (1874) 339. jünger auch zu entsprechenden abstrakten: Lisbeth brannte also mit gewiegter erfahrung ihre (kaffee-)bohnen Dincklage gesch. a. d. Emslande (²1872) 1, 89; kann man mit gewiegterem gefühl das schöne erzielen? Th. Mann Faustus (1948) 213.
9)
wiegen in verschiedenen technischen bedeutungen.
a)
'ein schiffer wieget das boot, indem er es am winde und deshalb das ruder hinten führet' Jacobsson technol. wb. (1781) 4, 646ᵃ; Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵇ; Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24.
b)
'ein schiff wiegen, holl. een schip wiegen, wenn ein schiff vom stapel laufen soll, so läszt man viele leute oben auf dem verdeck zugleich von einer seite zur andern laufen, um es in schwankung, und dadurch in gang zu bringen' Bobrik seewb. (1850) 438ᵃ.
c)
zu wiege 3 b 'granierstahl, gründungseisen': wiegen beim kupferstecher, die platte mit dem gründungseisen rauh machen Krünitz öcon. encycl. 239 (1857) 24; Bucher kunstgewerbe (1884) 439ᵃ.
d)
zu wiege 3 c 'wiegemesser'; wiegen mit einem gebogenen werkzeuge ... schneiden Hübner zeitungslex. (1824) 4, 932ᵇ: grünkernflocken müssen ... zu brei ausquellen, der erkalten musz, bevor man ... eine kleine, feingewiegte zwiebel ... und einen löffel gewiegte petersilie daran tut daheim (23. 8. 1934) 18ᵃ; zuletzt wird das gericht mit salz und gewiegten feinen kräutern abgeschmeckt ebda 18ᵇ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1536, Z. 54.

wocht, m.

wocht, m.,
schwäb. ein stück vieh, ochse, stier von bestimmter farbe, dann roher, gewalttätiger, auch unbeholfener, dummer, tölpelhafter oder wucherischer, geiziger mensch, s. Fischer 6, 917. unklarer herkunft. dazu wochten, vb., gierig fressen, auch vom menschen; viel und schlappig essen ebda; unermüdlich tätig sein ebda 3433. wochter unermüdlich tätiger ebda. wochtig rötlich, rot, vom stier ebda 917.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1943), Bd. XIV,II (1960), Sp. 964, Z. 20.

wog, m.

wog, m.,
die verdumpfte form von wag, m. (s. teil 13, 331 ff.), auszer in mundarten (s. u. sp. 979, 3) noch in der bergmannsprache erhalten, an die bedeutung von wag II 3 'stehendes wasser' anschlieszend, 'das niveau, bis zu welchem die grundwasser heraufreichen, stehen, auch die gesamtheit der in einer mulde, einem becken vorhandenen grundwasser' Veith bergwb. (1870) 581: ein theil dieses gebirges ... ist durchaus mit wasser gefüllt, welche einen sehr beständigen woog bilden, der über grosze flächen verbreitet ist bei Veith a. a. o. zusammengesetzt gebirgswog und wasserwog, nach Veith 220 u. 562 gleichbedeutend mit dem simplex: die über dem gebirgswog anstehenden kohlen ebda 220; der spiegel des wasserwoogs (liegt) 105 fusz unter tage ebda 562; vgl. auch Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 836 f.wie wag stark flektiert und gelegentlich auch als neutrum bezeugt, s. Hoyer-Kreuter a. a. o. 857. belegbar ist das wort in der technologischen bedeutung erst mit dem 19. jh., vgl. Veith a. a. o.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1943), Bd. XIV,II (1960), Sp. 976, Z. 70.

wog, adj.

wog, adj.,
s. woge, adj.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1943), Bd. XIV,II (1960), Sp. 977, Z. 15.

woge, adj.

woge, adj.,
älter wage, eine nur fürs nd. nachweisbare adjektivableitung von wagen I, vb., 'sich bewegen', s. teil 13, 389 ff., verdumpft ¹wogen, s. u.(kaum als aus wage, f., 'bewegung schlechthin' entwickelt anzusehen, wie teil 13, 346 will, da die bedeutungen mit denen des verbums in engerem zusammenhang stehen als mit der des nomens); zur verdumpfung vgl. Sarauw nd. forsch. 1 (1921) 302. in den jüngeren mundarten begegnet nur die form wog (woog [vōōΧ] Mensing), und zwar im sinne einer ableitung von wesentlich gleichfalls nd. wagen I 5 'sich nach einer richtung hin bewegen', vorwiegend 'sich unruhig bewegen' (s. teil 13, 392, vgl. auch ¹wogen 2) mit den bedeutungen 'unruhig, schlaflos' Richey Hamb. (1755) 343; Schütze holst. (1800) 4, 369; 'unruhig, übermütig' Schumann Lübeck (1907) 85; 'lebhaft, unruhig, rege, aufgeregt, unternehmend, übermütig' Mensing schlesw.-holst. 5, 684 (vgl. wog, woog, f., 'lebhafte tätigkeit, unruhe' ebda). die bedeutung 'unruhig' wird auch für vereinzeltes älteres woge (nahe der nd. grenze) gelten: anno 424 ist es in Deutschland alles wache und woge gewesen, hat eine jede nation die andere drucken wollen Cyr. Spangenberg mansfeld. chron. (1572) 51ᵃ (wache = wach II 1 b α 'lebhaft, rege' s. teil 13, 16); als bald es nue tag ward, trachtet der heubtman (der feindlichen Römer, Caecina), das er sein kriegsvolk aus dem gemöricht (sumpfgelände) an die seiten auff das eben feld brechte. hertzog Herman nam des allen wol war, was Cecinna fürhette, sahe den dingen eine weile zu, bisz so lange das das gantze heer woge war und in einem elenden auffzug ebda 31ᵃ. dagegen ist die bedeutung in dem ältesten beleg ungewisz: de bekerden sundere gat boven (überragen, sind mehr wert als) de waghen rechtverdighen serm. evang. 189ᵈ (wohl mitte des 15. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 573ᵇ, wo als bedeutung 'beweglich, hin- und herschwankend' angegeben wird (nach Borchling mnd. hss. 2, 144 fehlt auf bl. 189 wie den benachbarten blättern der sonst fortlaufende entsprechende lat. text, und auch die gewisz zugrunde liegende bibelstelle Luc. 15, 7 bietet keinen anhalt für die bedeutung des adj.). eine vereinzelte ableitung von woge, f., 'welle' oder ²wogen, vb., 'wellen schlagen' findet sich bei Göthe:
nach jahren stürmts auf wogem wellenmeere
13, 1, 117 W. (prolog zur eröffnung des Berliner theaters 1821).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 7 (1943), Bd. XIV,II (1960), Sp. 992, Z. 15.

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Zitationshilfe
„wiegen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiegen>.

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