Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wier, f., n.

wier, f., n.,
pflanzenname. wohl mit nl. wier, afries. wir 'alge, tang', ags. wīr 'myrte' zur wz. u̯eis- 'drehen', s. Walde-Pokorny 1, 242, Pokorny 1133. mnl. wier Verwijs-Verdam 9, 2452. im dt. (vom nl.-fries. her eingedrungen) häufiger nur verzeichnet für das seegras zostera marina L. (s. Marzell reg. 620): alga wier Junius nomencl. (1577) 88ᵇ; dieser sogenannte wier wächset daselbst (Holland) jaͤhrlich in ausserordentlichen mengen Benzler deichbau (1792) 2, 277; wier Nemnich dt. wb. d. naturgesch. 646; wier Holl wb. dt. pflanzenn. (1833) 413ᵃ; wier eine art seegras Mothes ill. baulex. (1881) 4, 479. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1571, Z. 30.

wiere, f., (m. n.)

wiere, f. (m., n.),
metalldraht. gemeingerm. wort, mit ags. wīr 'gewundener schmuck' (engl. wire 'draht'), fries., nl. wier 'seegras, tang' (s. o.), spätaltn. vīravirki ' arbeit aus metalldraht', nisl. vīrr, norw. vire, dän. vire ordb. over d. danske spr. 27, 168f., schwed. dial. vir 'metalldraht' (vira, vb.), ahd. wiara (aus *u̯ēi-rō-), mhd. wiere, mnd. wîre, zur idg. wz. u̯ei- 'drehen, biegen', s. Walde-Pokorny 1, 226, Pokorny 1112, Jóhannesson isl. etym. wb. 110. im ahd. (glossenbelege seit dem 8. jh.) und mhd. gut bezeugt, fehlt das wort obd. seit dem 13. jh., ist nd. bis ins 16. jh. geläufig und lebt noch heute in nd. maa. fort: ipsi labio coronam demo selbin lefse uuiara (8./9. jh.) ahd. gl. 1, 336, 13 St.-S.; (cristas) wîera (11. jh.) ebda 2, 522, 21; obrizum wiera (12. jh.), vviere (12. jh.) ebda 3, 192, 4; obrizum wiere (12. jh.) ebda 417, 53. mhd. 'feiner golddraht; aus golddraht hergestellter schmuck':
so dede imi got also dir goltsmid düt,
sor wirkin willit eine nuschin güt,
diz golt siudit her in eimi viure,
mit wehim werki düt her si tiure,
mit wierin also cleinin
wole slift her die goltsteine
(um 1110) Annolied 651 Kehrein;
alsô der smit uil guot
die wiere in daz golt tuot,
daz in sigele er furblat
als erz gelernt hat
dt. sprachdenkm. d. 12. jhs. 19 Karajan;
die selben (mägde) hiez er (der könig) zieren
mit wæten joch mit wieren,
daz gevienge ir minne
baz des kindes sinne
(um 1210) Otto II. v. Freising Laubacher Barlaam 12 401 Perdisch.
mnd. und nd. 'draht und drahtgeflecht': 2 β vor 1 krampen unde haken, dar de wyren inne henghen (1448) Schiller-Lübben 5, 737; item 3 mark to den baruoten brodern to eyner viren vor unse venster in der kerken (1451) ebda; X [[undefined:poundsign]] gele wyren (1565) ebda. in den maa. noch verbreitet gebräuchlich für verschiedene drähte oder aus draht verfertigte gegenstände und vorrichtungen: wiehre (nach Hamburgischer redensart, denn nach hiesiger heisst es ein kappen-drat) ist ein hoher rundgebogener drat, welcher mit seide bewunden ist Amaranthes frauenz.-lex. (1715) 2123; 'wire, wier-draad eisen- oder kupferdrath' brem.-nds. wb. 5, 270; wyren dräthe von eisen, kupffer oder messing gezogen Richey id. Hamburg. 341; wiren (wierden), wirdrat dünner draht zum festbinden des rohres und strohes auf dem dache Schumann Lübeck 23; 'wir draht, der um die angelschnúr gelegt wird, damit sie sich nicht verwirrt' ebda 38; vi:r eisendraht Furcht wb. d. spr. d. Alten Landes 31; 'wir, n. draht; zss.: wirtong, f. drahtzange; pikwir, n. stacheldraht' Jensen nordfries. 702; he hett dat lock mit wieren dicht maakt; auch 'stricknadel', wofür meistens strich-wier Mensing schlesw.-holst. 5, 637; wier metalldraht Stürenburg ostfries. 331ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1571, Z. 61.

wir, pron.

wir, pron., nom. plural
des ungeschlechtigen pronomens der 1. person.
herkunft und form. bildung zur idg. wz. u̯e- bzw. durch i erweitert u̯ei- 'wir' (plural, nicht dual), vgl. aind. vayám (erweitert aus *vai); germ. mit nominalem plural-s *wīz, vgl. got. weis, nord- und westgerm. mit r ˂ z, vgl. anord. vēr, vǣr (vīr), ahd. mhd. nhd. wir (Notker wír, also i̮), mit verlust des endkonsonanten im nördl. teil des germ., vgl. ags. wē, we, asächs. wi, we, aschwed. wī (auch wīr), anl. wī (auch wir), afries. wi, engl. we, norw. dän. schwed. vi, nl. wij, mnd. wē, wī (wie). neben der pluralform steht im älteren germ. der dual wit (t ist angehängte zweizahl) 'wir beide', vgl. got. ags. asächs. wit, anord. vit (viþ), der sich auf deutschem boden nur im nordfries. erhalten hat, sonst durch den plural ersetzt und schon ahd. nicht mehr bezeugt ist; vgl. lit. vèd. in mhd. zeit zeigt das obd. wir, das nd. wē (wī); im md. dringt wir als schriftsprachliche form ein und verdrängt vielfach dialektisches wi, vgl. noch wan wi alli naciburi heizin Mühlh. reichsrechtsbuch² 105 Meyer; hete wi tusent marc von golde spiel v. d. zehn jungfr. 174 Beckers; gemischt:
alse wi langer biten,
wir muzen doch mit in striten
graf Rudolf 12, 8 Grimm;
waz wi vormogin, ... daz wollen wir unsreme hern ... gerne meteteile Ködiz v. Saalfeld leb. d. hl. Ludwig 51 Rückert; ebenso im niederrhein.: wie sollen dienen dem coninge Floyris 201 (in: ztschr. f. dtsch. altertum 21, 320ff.) neben tuͦ dat wir dig raten 290; obd. steht neben herrschendem wir in den altalem. psalmen (9. jh.) vereinzeltes wer: wer der lebemes und inti wer erlosta pirumes (in: Germania 2, 103f.), wo assimilation an folgendes -er vorliegt, nicht eine altertümliche form (so Wilmanns gr. 3, 408); md. vokalsenkung ist wer in:
wer suln ingegin in varin
könig Rother 2613 de Vries;
Johannes, kom, gen wer!
Alsfelder passionssp. 5894 Grein;
wer wisten nicht, dasz hie was Crist
ebda 6316;
verdumpfung zeigt obd. wür, vgl.wür von gotts gnaden Johanns abbt ze Rot (v. j. 1306) monum. boica 1, 145, s. auch die belege bei Weinhold mhd. gram. § 451, bair. gramm. § 357, alem. gramm. § 412; mit sproszlaut als wier: wier Ott von gottes gnaden, pfallentzgraf von Rein (v. j. 1291) monum. boica 3, 178; wier Niclas abpt (v. j. 1478) fontes rer. austr. II 37, 523, vgl. reime von wier : tier Freidank 5, 14; : vier Thomasin v. Circlaria welsche gast 2282. wie im anord. wird nach dem verbum stehendes wir an das -n der verbalendung assimiliert zu mir, mer, und dann vielfach zur alleinigen form der mundart erhoben, wofür das 15. jh. die frühesten zeugnisse bietet, vgl.:
cum, mir mengen unse trene
marienlied. in: ztschr. f. dtsch. altert. 10, 29;
wie wol mir mainend, es hab ein end
(v. j. 1494) bei Mone schausp. 2, 141;
... mir gänd nit den rechten weg ..., so gang wir recht Steinhöwel Äsop 204 Österley;
mir wöllent nit verzagen
fastnachtsp. 447 Keller;
umb dasz mer gesundiget hon
Alsfelder passionssp. 35 Grein;
wa mir anders den poeten glauben Seb. Franck morie encom. (Ulm o. j.) 11ᵃ; später nur in mundartlicher schreibweise: weil mir doch lügen müssen Ollapatrida Fuchsmundi 125 Wien. ndr.; wie kumen dan mir zu der ehr Schwabe tintenfäszl (1745) a 4ᵇ; mir sein freund Anzengruber ges. w. 6, 214; aber auch sonst nach nasal, vgl. den mir, indem mir u. s. w., belege s. bei Fischer schwäb. 4, 4; dies mir gilt mundartlich heute im gesamten obd. und dem md. neben selteneren w-formen, z. b. Fischer a. a. o., wiɐr Bacher lusern. 228; vgl. dazu Wrede anz. f. dtsch. altert. 18, 300; obd. und md. herrschen mer, mir, mier u. s. w. (nebentonig mər) stark vor, aber überall mit w-formen durchsetzt, die besonders östlich der linie Aschersleben-Würzburg-Lindau zahlreich sind; im östl. Hessen und westl. Thüringen überwiegen formen ohne r wie mi, mei, mē, die kompromiszformen des älteren wi mit neuerem mir darstellen; nd. nördlich der Ürdinger linie gilt hauptsächlich wi neben wei, wē; das östl. schlesische bevorzugt ber, bir u. s. w.; nebentoniges mir, mer reduziert oder verliert obd. oft den endkonsonanten, vgl. z. b. mə', mi' Schmeller-Fr. 1, 1641, mə Fischer schwäb. 4, 2ᵇ.
gebrauch. spätahd., mhd. und frühnhd. ist wie auch heute vielfach dialektisch abfall von -n oder -en der verbalendung vor enklitischem wir (bzw. mir) bezeugt, vgl. wirche wir Williram hohel. 141, 4 Seem.;
leider nu enmuge wir
Hartmann v. Aue arm. Heinrich 504;
daz wer ot wir mit swerten
Nibelungen 149, 1 L.;
dar gâht wir alle balde
Wolfram v. Eschenbach Parzival 525, 26;
auch bring wir etlich guldin schin
Hans Sachs 2, 27 K.;
gee wir Steinhöwel Äsop 264 Österley.
1)
zur bezeichnung der 1. person.
a)
in der mehrzahl, für den engeren oder weiteren kreis, zu dem sich der sprechende oder schreibende rechnet: warumb beschwären wir (Christen) uns muͦtwillig mit verbott der spisz Zwingli v. freiheit d. speisen 6 ndr.; abwechselnd mit man: wie man sich mit der faust an ein ... wand halten mus, auff das wir nicht gleiten Luther 28, 77 W.; (die kinder) sind die andren wir (erwachsenen) Logau sinnged. 183 lit. ver.; mit apposition, die die gemeinte gruppe begrenzt: wir laien Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 10 ndr.; wir Deutschen Luther 19, 631 W.; wir kinder Göthe 21, 104 W.; mir Schwytzer schweiz. schausp. 2, 152; mir bauern Hartmann volksschausp. 24; wir armes publicum Gerstenberg Hamb. n. zeitg. 110 lit.-denkm.; formelhaft besonders von schriftstellern und rednern verwandt, die durch den plural sich mit dem kreis ihrer leser oder zuhörer gleichsetzen: am aschermittwoch, so die heilig kirch ... dich zuͦ hohen dingen ermant, so seind wir am allerverruͦchtesten Geiler v. Keisersberg ameis (1516) 9ᵈ; wer weisz, ob das letztere wort nicht vom ersten den nahmen führe, wie wir weiter hinunterwerts hören sollen Prätorius anthr. plut. (1688) 1, 3; die alte ging murrend beiseite, wir entfernen uns mit ihr Göthe 21, 6 W.; wir sehen (in Ungarn) den katholischen und den griechischen kultus getrennt Moltke ges. schr. 1, 115; meine herren, vor allem wollen wir praktisch sein Polenz Grabenhäger 2, 192; auch vom auftraggeber und auftragnehmer: mit dem transport des hummers wollen wir es nicht wagen Göthe IV 35, 226 W.; gern bei adhortativen wendungen, wenn der sprecher die hörer zum mittun auffordert: doch ghen wyr! Judas Nazarei v. alten u. neuen gott 40 ndr.;
nun wöllen wir hin heym zu hausz
Hans Sachs 2, 19 K.;
aber lassen wir das gut sein Göthe 45, 36 W.; so! nun wollen wir über die drauszen! 8, 8.
b)
für eine einzelne person.
α)
als pluralis majestatis, als zeichen der fürstlichen würde entsprechend älterem brauch in lat. urkundung: wir Ott von gottes genaden pfallentzgraf von Rein (v. j. 1291) monum. boica 3, 178; weir Heynrich von gotis gnaden herzog czum Brige (v. j. 1385) lehns- u. besitzurk. Schlesiens 1, 348;
wir sein ein könig und reden das
fastnachtsp. 682 K.;
bringt es in ordnung. wir (Karl) genehmgen alles,
für einen freund ist uns kein preis zu hoch
Schiller 13, 254 G.;
entsprechend von gott gebraucht:
drumb wölln wir im ein ghülffen machen,
ihm gantz gleich in allen sachen
Hans Sachs 1, 27 K.
β)
vom verfasser zur bezeichnung seiner selbst, als eine art bescheidenheitsformel, wohl aus a heraus entwickelt: (von) Africa wöllent wir nit weyter schreyben Stumpf Schweizerchron. (1548) 2ᵃ; die zwo ersten (arten) halten wir für ein geschlecht Bock kreutterbuch (1572) 2; von der rechtschreibung, davon wir anitzo etwas handeln wollen Gueintz rechtschreib. (1666) 7; immer selbstgespräche, hören wir die leser sagen Wieland Agathon (1766) 2, 72; substantiviert ironisch: aus welchen büchern hat denn nun das jenaische wir ... seine mineralogie gelernt Lessing 10, 407 L.-M.; auch sonst als zeichen der bescheidenheit: es gab eine zeit (vor Jean Paul), wo kein deutscher jüngling, wenn er liebte, zu sagen wagte: ich liebe dich. zünftig und bescheiden, wie er war, sagte er: wir lieben dich, mädchen Börne ges. schr. (1840) 2, 204.
2)
zur bezeichnung der 2. person der ein- oder mehrzahl; als ausdruck der rücksicht gegen höherstehende: sihe, wie wir nun stehen? als wenn wir uns bethan hetten H. J. zu Braunschweig schausp. 223 Holland; gegenüber einem untergebenen, dem man keinen förmlichen befehl geben will: nun, Krist, wie wär es? wir müssen wohl einheizen Fontane ges. w. I 1, 5; als zeichen der vertraulichkeit: nun, kleine schwägerin, worüber denken wir so weltentrückt nach? P. Heyse in: dtsche dicht. 9, 12 Franzos; als ausdruck der herablassung, sowohl einer freundlichen als einer herrischen, ähnlich wie man gegen geringere gebraucht, die man mit ihr oder sie nicht anreden kann und mit du oder er nicht anreden will: wie befinden wir uns?, vgl. Adelung 5, 250; was haben wir neues, Marinelli? Lessing 2, 386 L.-M.; namentlich der schulsprache des 18. jhs. angehörig, vgl. Grimm dtsche gramm. 4 (1898) 292; (lehrer:) wir sind ein esel! (schüler:) ich meinerseits protestiere Seume m. leben (1813) 63; früh als lächerlich empfunden, vgl. Campe 5, 738.
3)
substantiviert, für eine gruppe von personen umschreibend verwendet, vgl. entsprechenden gebrauch von das ich: diese wyr werden freilich die gewalt haben eben yn den worten, da sie Christus selbst ynnen hatte am abentmal Luther 18, 2, 2 W.; wie das selbst, die persönlichkeit einer mehrzahl: der leib ist das wohnhaus unsers geistes, welcher unser warhafftes wir ist Chr. v. Ryssel v. d. seelenfrieden (1685) 138; modern im sinne der gemeinschaft einer vielzahl von menschen gebraucht: es ist nicht nur ein starkes gefühl des 'wir', das diese bedeutsamsten aller groszen verbände (die nationen) innerlich zusammenschlieszt O. Spengler unterg. d. abendlandes (1922) 2, 204; damals (bei kriegsbeginn) war alles freigelegt, geschah die ablösung des ichs durch das wir gleichsam selbsttätig Dwinger wir rufen Deutschland 514.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 523, Z. 24.

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Zitationshilfe
„wier“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wier>.

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