Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wiesbaum, m.

wiesbaum, m.,
s. u. wiesebaum.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1574, Z. 58.

wiesebaum, m.

wiesebaum, m.,
eine über ein fuder heu oder getreide zu legende stange, die an beiden enden festgebunden wird. mhd. wis(e)boum, mnd. wesebôm, mnl. weseboom, nl. weesboom. zufrühest (1. hälfte d. 13. jhs.) beim Stricker, um 1350 bei Konrad v. Megenberg bezeugt und seit dem 15. jh. über das gesamte sprachgebiet (bes. in weistümern) verbreitet. nhd. allgemein in der fachliteratur geläufiger als die synonyma heubaum und bindebaum, nur gelegentlich in der schriftsprache, häufig dagegen in umgangssprachlichen wendungen. die herkunft des wortes ist unklar; es ist nicht zu wiese zu stellen, obwohl es das sprachempfinden seit früher zeit damit verband; noch Stosch 'der baum, welcher auf wiesen über ein aufgeladenes fuder heu gebunden wird' gleichbed. wörter 1 (1777) 128. Adelung 5 (1786) 219, der diese auffassung ablehnt, bringt das wort mit 'slavon. weslo, eine starke stange' zusammen, 'welches durch die form wieselbaum noch mehr bestätiget wird'. Schmeller-Fr. bayer. 2, 1039 erinnert an tschech. pavuz 'heubaum' von vuͦz 'wagen' (nicht zutreffend, s. Machek et. slovník jazyka českého 358) und ankärnt.“ (= sloven.) vesa, vesilo 'band' von vesati 'binden' (l. veza, vezilo, vezati). noch Schatz wb. d. tirol. maa. 709 vermutet zweifelnd: 'zu wiese, oder zu ahd. wîsen leiten?' eher ist wies-, wiss- in wiesebaum mit Jóhannesson isl. etym. wb. 120 zu einer idg. wz. u̯eis- zu stellen, die in aisl. visir 'keim, sprosz', norw. langvise 'latte, die die spantenköpfe verbindet' vorliegt (s. Schmoeckel-Blesken, die F. Holthausen folgen: zu einer idg. wz. u̯eis- 'stange' Soester Börde 333). parallelen zur bedeutungsentwicklung 'schöszling' ˃ 'stange' stellt Foerste in: der raum Westf. 4, 1 (1958) 48, anm. 297 zusammen (rahe, f., 'segelstange'; spiere, f., 'stange, mast' teil 10, 1, sp. 2433). dabei ist nicht zu entscheiden, ob das bestimmungswort bereits die bedeutung 'baum, stange' angenommen hatte, die zs. also von vornherein verdeutlichende tautologie war, oder ob wis-, ursprünglich 'gerte, binderute', erst im kompositum mit baum die den gröszeren gegenstand bezeichnende bed. 'bindebaum, heubaum' gewonnen hat. 'am einleuchtendsten' (Foerste a. a. o.) ist die von Nörrenberg vorgeschlagene herleitung aus einer idg. -ti-ableitung zur wz. u̯edh- 'knüpfen, binden', die sich in got. gawiss 'band, verbindung' (der gelenke), diswiss 'auflösung', uswiss 'losgebunden' wiederfindet. schwierigkeiten bereiten hierbei die völlige isoliertheit des bestimmungswortes im deutschen und das relativ späte auftreten von wort und sache. dasz wiesebaum allgemein in volksetymologischer umdeutung mit wiese zusammengebracht wurde und noch wird, zeigen spätmittellat. wiedergaben mit pratale und bes. die mundarten, in denen es sich eng an die lautung des vermeintlichen bestimmungswortes anschlieszt. kaum belegt sind allerdings nd. wisch-, wisk-, doch haben die nd. maa. die formen wês, wêse neben wesbôm, wesebom: wîsbôm, wêsbôm Frischbier pr. 2, 475; wesbom Mi Mecklenb. 106ᵇ; bäs'bom, wäs'bom Wossidlo-Teuchert meckl. wb. 1, 640 f.; wes-, winn-, binnbom Schumann Lübeck (1907) 26; wäszbomme Tonnar u. Evers Eupen 225; wäsbôm Danneil altmärk. 243. kürze des vokals fällt überall mit einsilbigkeit zusammen, doch steht fast im gesamten md. und obd. wie neben wiss 'wiese' auch hier die form wies- (s. unten): wišbam Gerbet Vogtland 121ᵇ; wissbaum Hotzenköcherle Mutten 153; wissbôm Kisch Nösner ma. 248ᵃ; wispaam Meisinger Rappenau 232ᵇ; wisbaum Hertel Thür. 258; wissbam Christa Trier 218ᵇ; mit ǐ im badischen unterland u. Überlingen, sonst ī im oberland Martin-Lienhart elsäss. 2, 45; wisbôm Kramer Bistritz 140; wîs(e)-, wies(e)-: wīsebām J. Blumer Nordwestböhmen 93; im oberen mundartengebiet wiesbaum (wīsbām, wīsšbam), im unteren miesbaum (miəsbām) Prexl wortgeogr. d. mittl. Böhmerw. 11; w durch fernassimilation ˃ m in mīsbaum neben vīsbaum E. Beck Markgräfler ma. 114; wîspâm Lexer Kärnten 19; wiesbam Follmann Lothringen 541ᵇ; wiesbaam Schön Saarbrücken 229ᵃ; wiesbam Jakob Wien 219ᵇ; wiesbaum Unger-Khull steir. 633ᵃ; wîspâm, wîspoum, wisɛpâm Schatz Tirol 709. diphthongiert: wīəsebôm Woeste westfäl. 323ᵃ; wiësebäom Schmoeckel-Blesken Soester Börde 333. auf die vermeintliche zugehörigkeit zu wiese weist bes. die in neuester zeit häufig zu belegende form wiesenbaum (vor allem als hochsprachl. interpretament in den mundartwbb.): wiesenbaum allg. haush.-lex. (1749) 3, 726; wiesenbaum Jacobsson techn. wb. 1, 210ᵇ; wiesenbaum Schmidt Westerwald 330; wiesenbaum Gangler Luxemburg 483; wiesenbaum Frischbier pr. 2, 468ᵇ. vereinzelt finden sich dissimilierte formen, s. wieselbaum und wieserbaum. wohl nur umgedeutet durch die benutzung des wiesebaumes als mesz- oder leitstange (s. 1 u.), wird das wort in einem frühen beleg mit mhd. wîsen 'leiten' zusammengebracht (Schmidt elsäss. ma. 428ᵃ erklärt 'stange zum weisen, dirigieren'): vnd sol sie (die weidetiere) wisen vroͤne botte der von Widensol, vnd der sol haben einen wisenbǒme funfzehen schuhe lang vnd sol sie wisen, vnd so wils (d. i. wilhs, wilches) vihes hǒbet übertrete die rechtenwege, das sol besseren (1364) weist. 4, 161 Grimm. primär als meszstab aufgefaszt: den wessebaum man nennt der messer meszgeräth oder eine meszruthe Seume kl. teutsches lex. (1733) 277. histor. wbb. verzeichnen das im 14. jh. noch selten bezeugte wort seit dem frühen 15. jh. für das nd., md. und etwas später für das obd., jedoch kaum im 16. und 17. jh.: pratale wezeboem (1420, nd.), wesebaum (15. jh., md.), wyesebauem (15. jh., md.) Diefenbach gl. 451ᵃ; wispaum partica (!) est quoddam lignum longum in curru pro feno, voc. inc. teut. (Speyer um 1485) oo 7ᵃ; wiszbaum cerealis malus Dentzler clavis germ.-lat. (1686) 351ᵃ; Kramer t.-it. 1 (1700) 65ᵃ; wieschbaum, vulg. arbor sive pertica fortior quae foenum in curru tenet Frisch t.-lat. wb. (1741) 2 447ᵃ.
1)
in eigentlicher verwendung als heu- oder bindebaum: so kofte ik II wesebome vnde II waghendystelen (1410) Schiller-Lübben 5, 695; die enten legen, wie man im sprichwort sagt, bis sie den wiesebaum fallen hören (d. h. bis zur heuernte) (ca. 1570) haush. in vorwerken 95 Ermisch-Wuttke; allain wann er dergleichen holz in seinem tail nit hete, so mag er in aines andern panholz ain wispamb, stangenholz, aber nit mer, schlagen (1592) österr. weist. 2, 197; den strick, damit man den wesebaum vber die korngarben binden pfleget Micraelius altes Pommerland (1639) 1, 408; was man ihnen zu geben schuldig ist: ... von ainem ieden fueder, clain und gross, so mit dem wispämb gebunden wirdt, ain prugg-garbe (1643) österr. weist. 4, 16;
ein heupferd, das bey der gefahr
zu oberst auf dem wiesbaum (des heufuders) war,
sprang itzt herab
Schwabe belust. (1741) 5, 553;
hochbeladen in langer reihe kamen die heuwagen heran, auf den wiesenbäumen darüber saszen und ritten die buben des dorfes G. Freytag ges. w. 9 (1887) 41; Mete sah ... die vollen wagen auf den hof schwanken, sah Winrich zuspringen und beim abnehmen des wiesbaums helfen daheim (11. 5. 1933) 7ᵇ. auch: do er ein wispaume fonde den er an die mauern ... leynet ... zu dem fenster ein in die kamern zuͦ ir steyge Arigo decameron 346 Keller; die pauren namen jn (einen Jakobsbruder), bunden jn nackent an einen wiszbaum, legten jn zum fewer wie einen braten Hennenberger erclerung d. pr. landtaffel (1595) 258; im dorffe Renck haben sie drei bauren an einem wiesenbaum gesteckt, und wie wildbret am feuer gebraten J. D. Ernst d. hist. bilderhausz (1691) 627; es fordert aber bedeutende geschicklichkeit und stärke, so einen schwimmenden wiesbaum mit dem rechen correct emporzuschnellen Steub drei sommer in Tirol (1895) 2, 144. der wiesebaum wird häufig zum ausmessen der breite von wegen und straszen benutzt: ainer uf ainem rosz sitzen und ainen wisbom für sich nemen soll; und was den uf dem rosz besites irret, das sol man dannen howen (15. jh.) weist. 6, 338 Grimm; (er) söl vor im haben ein wiszböm überzwergh in dem sattel, vnd sol der wiszböm xxiiii schuͦ lang sin, vnd wz der rüeret zuͦ beden orten, daz söl man abthuͦnd (15. jh.) ebda 1, 415; wer dass der keller seinen wissboum vergässen hett, dass er den wil hollen, so mag er den für sich nëmen entweris, vnd wass in in der straass ihret, dass sol man im abnëmen vnd ab hauwen (1484) ebda 1, 136; der (weg) soll also prait sein zu baiden seiten, als ain wispam lang ist (1548) österr. weist. 3, 293; auch öffent si, das si ein geraumbte strass sollen haben von der achen unten herein in das dorf, die aines zwerchen wispäm weit sei (1653) ebda 359.
2)
bildlich und übertragen.
a)
in verschiedenartig gebrauchten hyperbolischen bildern und vergleichen: ein weile was si (eine schwester) so krank, daz si sich weder gerüeren noch gereden moht, so was si denn ein weil also stark, daz sie wol ein wispaum uz der erden moht haben gebrochen (14. jh.) A. Langmann offenb. 29 Strauch; gleich als wann die narren in einem ... gauckelspil steen vnd sehent bezaubert, einen hanen ein strohalm ziehen, vnd vermeinen ... es wer ein wiszbaum S. Franck chron. zeytb. (1531) 475ᵃ; wann alles wär gelegen an der länge, so hätte der Aaron ein wiszbaum genommen, vnd nit ein ruthen Abr. a s. Clara Judas 2 (1689) 542; aber kaiser Joseph hohlt immer gewaltig aus mit dem wiesbaum und — quetscht mützen Schubart br. in: Strausz w. 9, 248; sind das auch spiesze? so einer wär mir just recht zu einem zahnstuͤrer. meister, nehmt für mich nur gleich einen wiesbaum von sieben mannslängen Aurbacher ein volksbüchl. (1835) 195; geht's geschwind um a wisbam und d' habareitarn zan schwoassrührn (oberösterr.) wenn ein kind etwas blutet und schon heftig weint Wander dt. sprichw.-lex. 5 (1880) 233; du bist eⁱⁿ kerl wie der Euleⁿspiegel, und der hat seiⁿᵉ mutter mit dem wiseⁿbaum zᵘ todᵉ ᵍᵉkitzelet Fischer schwäb. 2, 896.
b)
meist (in vergleichen) grosz, lang, dick wie ein wiesebaum:
einen schaft fuorter (der riese) an der hant
grœzer dann ein wiseboum
Stricker Daniel 419 Rosenhagen;
seiner (eines riesen) augen eins ist grösser, dann das kleine stetlein Gent ... und die winbranen als ein zimmlicher wiszbaum langk und dick (1558) Lindener katzipori 181 lit. ver. bes. von feuerschweifen, feurigen schlangen und drachen: in dem andern reich siht man des nahtes mangerlai feur, der etsleichez vert als ein langer wispaum, und haizent ez die laien den trachen (um 1350) Konrad v. Megenberg buch d. natur 74 Pf.; ez wirt auch oft gesehen ain langer rauch in den lüften sam ain wispaum ebda 77; (ein komet) alse ein grôt wesebom chron. d. nordelb. Sachsen 105; umb 9 ist ein grosser langer strom mit feur wie ein lang wiesbaum vom himmel gefallen (1625) quellen z. gesch. d. st. Brassó 4, 49; in gestalt feuriger schlangen, deren groͤste ihn wie ein wiszbaum gedunkte Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 166; um dieselben (schlösser) haben sich lange zeit grausame wuͤrme und schlangen, wiesenbaͤume grosz, sehen lassen Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 614; eine schlange steige aus dem strom grosz wie ein wiesbaum Laistner nebelsagen (1879) 81; es ist eine schlange, wie ein wiesbaum Berndt sles. id. 161.
c)
in redensartlichen wendungen und übertragen.
α)
nach Matth. 7, 3 (was sihestu aber den splitter in deines bruders auge, vnd wirst nicht gewar den balcken in deinem auge? Luther): vnd der, der ainen wisbome trait in sinen ougen? wirt bezügt, daz er nit muge ain ageln nemen vsser dem ouge sins bruͦders Niclas v. Wyle translat. 163 Keller; und es der herr Christus für arg und onleidenlich achtet, wan einer seinem nächsten oder ja einem frömbden ein spreisz ausz dem oug nemen wil und im aber in seinem oug ein wiszboum steket J. v. Watt dt. hist. schr. 1, 125 Götzinger;
nun werdend aber etlich jiehen,
ich soͤl den wiszboum vor uszziehn
usz minem oug, eb dasz ich saͤch,
das dich ein sprysz in din oug stäch
(1548) H. R. Manuel das weinspiel v. 2008 ndr.
β)
gelegentliche übertragungen: feürige wyszbaum, fliegende trachen, cometen Virdung auszlegung u. beteütung d. wunderbarl. zeichen (ca. 1520) A 3ᵃ; vectis, hebebaum und brechstange, für penis (würde) durch ideenassociation auf den in den Leberiana erwähnten wisbam (wiesbaum) geführt haben Hyrtl kunstw. d. anatomie (1884) 170 (vgl. es wer [membrum virile] gewachsen grösser dann ein wiszpaum fastnachtsp. 3, 1454 Keller). öfter, auch noch in heutigen maa., 'groszer, kräftiger kerl': David ... fangt ein streitt an mit dem Goliath: mit dem risen, mit dem fleischturm, mit dem oxenkopf, mit disem wisbaum Abr. a s. Clara 49 lit. ver.; a is a ausgeschuszter wieseboom Rother schles. sprichw. 49ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1589, Z. 29.

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Zitationshilfe
„wiesbaum“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiesbaum>.

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