Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wieso, adv.

wieso, adv.,
alleinstehend, stellvertretend für einen vollständigen fragesatz (s. unten 1) oder satzeinleitend in direkten und indirekten fragesätzen (unter 2). entstanden aus sätzen des typus wie ist es so, dasz ... (vgl.: nam cur uersat lubrica fortuna tantas uices? ... uuîo ist taz sô? daz fortuna trîbet sô unrehten uuehsal? Notker 1, 39 P.; s. auch wie I A 2), verlangt wieso eine genauere erklärung oder begründung einer behauptung, eines sachverhalts oder geschehens im sinne von 'wie kommt es, dasz ..., wie kann das sein, wie ist das zu verstehen?' von warum ist es dadurch unterschieden, dasz es zugleich erstaunen und zweifel in bezug auf die vorgetragene behauptung, den sachverhalt u. dgl. ausdrückt, also emotional gefärbt sein kann, während warum in der regel nur sachlich nach dem grund fragt. lexikalisch wird es seit dem 16. jh. regelmäszig verzeichnet, zunächst getrennt geschrieben: qui sic? wie so? Alberus dict. (1540) O 2ᵃ; wie so? per che? per che ragione? Hulsius dict. (1618) 1, 277ᵇ; wie so, warumb quare, quam ob causam vel quâ de causâ? Duez dict. (1664) 681ᵇ; qvid ita, qvâ ratione? Stieler stammb. (1691) 2050; wie so? come? come cosi? come perche? warum? Kramer t.-ital. 2 (1702) 827ᵇ; ebenso 1343ᶜ; 1345ᵇ; wie so? quid ita? qua ratione? Frisch t.-lat. wb. (1741) 2, 283ᵇ; vgl. auch Adelung 4 (1801) 1528 und Campe 5 (1811) 704ᵇ. — literarisch ist wieso ebenfalls seit dem 16. jh. bezeugt. die beiden vereinzelten ahd. belege (utcumque veso ahd. gl. 2, 144, 37 St.-S. und uuie so iudei? Notker 2, 341, 26 P.) erlauben nicht, schon in ahd. zeit von einem sprachgebrauch zu sprechen. mhd. belege lassen sich nicht nachweisen. in den mundarten ist das wort bekannt.vgl. auch so teil 10, 1, sp. 1347.
1)
alleinstehend, stellvertretend für einen vollständigen fragesatz 'wie kann das sein, wie ist das zu verstehen'. die häufigkeit dieser verwendung liegt begründet in der durch ellipse entstandenen kürze der ausdrucksweise.
a)
dem hörer unklare oder unverständliche behauptungen oder sachverhalte rufen bei ihm verwunderung oder befremden hervor, oder er stellt ihre richtigkeit in frage und verlangt eine erklärung: (mönch:) es hat der teufel den Luther in alle lant gefürt. sie haben in mit haut und har gar freszen. (edelmann:) wie so? kunden die pauren denn auch von der schrift sagen? (1525) bei Schade satiren 3, 101; (Nero:) es möchte der teuffel so wol melancolisch werden. (Hypocrita:) wie so herr, was ist euch denn widerfahren? (1593) H. J. v. Braunschweig schausp. 353 lit. ver.; was vernehme ich? sagte er (der pfarrer) ... ich höre wol, der herr ist ein papist ... wie so, wie so herr pfarrer, sagte ich (Simpl.), musz ich darumb ein papist seyn, weil ich nicht nach Genff will? (1669) Grimmelshausen Simpl. 267 Scholte; (Claudia:) (der prinz) hat von ihrer (Emilias) schönheit mit so vielen lobeserhebungen gesprochen — — (Odoardo:) o Claudia! Claudia! eitle, thörichte mutter! (Claudia:) wie so? Lessing 2, 398 L.-M.; (Louise:) sie sind auf dem wege sich etwas entsetzliches zu wünschen. (Wurm:) gesezt, es wäre diese niedliche hand — wie so liebe jungfer? (Louise:) weil ich dich in der brautnacht erdrosselte Schiller 3, 447 G.; 'sind sie auch sicher, dasz dieser erkieser seines weibes nicht ein wenig das spiel des zufalls war, oder am ende selbst eher gewählt wurde, während er zu wählen glaubte?' — 'wie so?' fragte Reinhart G. Keller ges. w. (1889) 7, 175; 'kommst du endlich, Hans?' sagte Tonio Kröger, der lange auf dem fahrdamm gewartet hatte; ... 'wieso?' fragte er und sah Tonio an Th. Mann ges. w. (1955) 9, 203. bei rhetorischem gebrauch wird die erklärung vom sprecher unmittelbar selbst gegeben: ein wanderer kan gen Wittemberg komen und sagen: ich bin zu Wittemberg und bin nicht zu Wittemberg. wie so? also, leiblich und wesentlich bin ich wol hie, aber ich bin hie nicht wittembergisch, das ist, wittembergischer weise, denn ich habe hier kein bürger recht (1528) Luther 26, 425 W.; die hoffnung lesset nicht zuschanden werden. wie so? darumb, dasz die liebe gottes auszgegossen ist in vnsere hertzen durch den heiligen geist J. Gretter erkl. d. ep. Pauli a. d. Römer (1566) 294;
wer treu bey hofe dient, verdient doch lauter hass,
wie so? wem viel man soll, für diesem wird man blasz
Logau s. sinnged. 200 lit. ver.;
ein dichter, den der hof in seine gunst genommen,
schlief einst bey tag im Louvre ein. —
wie so? war er berauscht? das kann wohl möglich sein
Gellert s. schr. (1839) 1, 159.
mit negation wieso nicht?:
(Hans:) was solten sie vor heiligen sein?
die armen leute vnd erdenklos,
ihr huͤlff beger ich mir nicht gros.
(Magdalena:) wie so nicht?
(1582) Hayneccius Hans Pfriem v. 1224 ndr.;
(Hassenreuter:) und da setzen sie noch hinzu: weiter nichts? und verkünden es (dasz sie eine dame nach hause gebracht haben) offen vor allen leuten? (Spitta, verblüfft:) wieso nicht? es handelte sich um eine gutgekleidete dame, die ich hier im hause ... schon öfters gesehen hatte und die leider auf der strasze verunglückt ist Gerhart Hauptmann ausgew. dramen (1952) 3, 202. in der formel wieso denn: (Edward:) so hat sie den (sic) herrn bruder schon die stube auffgekündiget? (Fidel:) ... ich dencke immer, es wird ihm auch so gehen. (Edward:) wie so denn? (Fidel:) sie sagte: sie wolte gar keine studenten mehr im hause leiden (1695) Chr. Reuter ehrl. fr. Schlampampe 25 ndr.; man ist auf der berg- und talbahn im Lunapark, es ist die schiffsschaukel, wieso denn, es ist in München auf dem oktoberfest (traumvision) Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 203. bei Lessing daneben noch älteres wie denn so (vgl. teil 10, 1, sp. 1347):
(derwisch:) ... denn wahrlich hab'
ich sehr auf euch gerechnet.
(Nathan:) wahrlich? wie
denn so? wie so denn?
Lessing 3, 22 L.-M.
b)
die aufgestellte behauptung wird bezweifelt und als unglaubhaft oder nicht zutreffend zurückgewiesen, besonders durch die dem wieso hinzugefügten gegenäuszerungen: dô sprach daz alte wîp: 'dô müeget mich, alsô schœne alse ir sint und alsô wol gezogen, daz ... iuwer man pfliget mit anderen wîben bœser fuore'. — 'wie sô?' sprach die frowe, 'daz gloube ich gar kûme' predigtmärl. d. 15. jhs. in: Germ. 3, 423; ich (Simpl.) versichere dich, dasz du der allerelendeste mensch in gantz Hanau bist: wie so? wie so? ... sagte mein herr, sag mir doch die ursach, dann ich befinde solches bey mir nicht (1669) Grimmelshausen Simpl. 124 Scholte;
(Recha:) sicher hat
auch Sittah wenig oder nichts gelesen!
(Sittah:) wie so? — ich bin nicht stolz aufs gegentheil
Lessing 3, 161 L.-M.
besonders impulsiv zurückweisend: (Adam:) ihr gebt euch bloss, gevatter. (Licht:) wieso? (Adam:) ihr seid verlegen ... (Licht:) ich, verlegen! (1811) H. v. Kleist w. 1, 336 E. Schmidt; auch schon eine frage kann auf diese weise zurückgewiesen werden: 'was befehlen der herr graf Gockel von Hanau von uns?' — 'wie so', sagte Gockel unwillig, 'was soll ich befehlen?' Brentano ges. schr. (1852) 5, 56; 'wo bist du gewesen?' fragte er in dem feindseligen tone, der jetzt zwischen ihnen herrschte. 'wieso?' entgegnete sie. sie war kampfbereit E. Zahn die da kommen u. gehen (1909) 307; 'warum fahren sie ohne nummernschild?' 'wieso? ich — ohne nummernschild?' St. Andres reise nach Portiuncula (1954) 191. als höfliche verneinung in der formel wieso denn: 'aber ich glaube, ich langweile sie!' — 'o bitte, wieso denn! ich male ja' Dehmel ges. w. (1906) 8, 180.
2)
satzeinleitend (in direktem oder indirektem fragesatz) kann sich wieso bedeutungsmäszig mit der modalfrage 'auf welche weise' (vgl. Rosegger) oder der frage nach dem grund, der ursache 'warum, weshalb' berühren (vgl. Feuchtwanger). belege seit dem 19. jh.: wieder kann kein mensch sagen, wieso es unter der menge ruchbar wurde, dasz ... Hans Hopfen d. alte praktikant (1891) 302; 'ei, Erder, Erder, wieso kommen sie hierher?' diesen ruf der überraschung vermochte ich nicht zu unterdrücken Rosegger schr. (1895) II 14, 125; als er unter dem fenster vorbeikam, ... lüftete er den federhut und begrüszte Piccolomini ... in italienischer sprache. der antwortete ebenso ... wieso der Schlesier italienisch verstehe? fragte Hatzfeld. und polnisch und französisch dazu, antwortete Piccolomini lächelnd Ric. Huch d. gr. krieg (1914) 3, 144; können sie mir erklären, wieso sie überhaupt auf den gedanken eines gemeinsamen selbstmordes gekommen sind? Vicki Baum Helene Willfüer (1928) 187; plötzlich kommt ihm eine idee, wieso ist er nicht sogleich darauf gekommen? Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 175. verstärkt durch ein zweites interrogativum: 'aber du hast trotzdem recht', sagt er. 'ohne zu wissen, wie und wieso, hast du recht' Feuchtwanger Simone (1950) 266.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1628, Z. 68.

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Zitationshilfe
„wieso“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wieso>.

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