Der deutsche Wortschatz von 1600 bis heute.

Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wieviel, adv.

wieviel, adv.,
seit dem ahd. literarisch bezeugt, seit dem 16. jh. lexikalisch für lat. quam, quantum (bereits ahd., vgl. ahd. gl. 2, 657, 14; 249, 27 St.-S.), quantus, quot. ebenso ist es in den maa. allgemein üblich. zur form woviel (nd.) vgl. wie 2 a, sp. 1450. selten erscheint wieviel als einleitung konzessiver nebensätze (s. u. 4), und nur vereinzelt steht es mit temporaler bedeutung 'solange': ach es wz aber alles leidig, wie vil ich myn kind bey mir hatte, wann do sy mein tottes kind ... begrubenn, wie kleglich ich mich ... ghub d. ew. wiszh. betbüchlin (1518) 48ᵃ, oder in der bedeutung 'so sehr': eilt wieuil er mag zuhausz zu seinem weib vnnd liebsten kinden (1537) Schaidenreiszer Odyssea 128 Weidling. getrennt geschrieben noch bei Adelung 4 (1801) 1542. heute wird orthographisch unterschieden zwischen wieviel personen und wie viele personen, vgl. wie I A 3 b γ.
1)
wieviel fragt nach der anzahl oder menge.
a)
ursprünglich mit partitivem genitiv, dessen stelle auch eine präpositionale fügung einnehmen kann.
α)
mit abhängigem genitiv:
ni mahtu irzellen thaz in war,   wio filu thu liebes sihist thar:
unsan druhtin thanne   joh sine liebon alle
Otfrid V 22, 13 Erdmann;
man ahte bî den schilden,   wie vil ir möhte sîn,
die der schœnen Hilden   daz edele magedîn
solten helfen bringen   ûz Ormanîerrîche
Kudrun 1104, 1 Martin;
(si ergo lumen quod in te est tenebrae sunt, ipsae tenebrae quantae erunt?) dorumb ob das liecht das in dir ist seint vinster. wieuil werdent denn der selben vinster erste dt. bibel 1, 24 Kurr.; (er musz wissen), wie vil der selben müntz für einen fl. gen sol (1480) mittelalt. hausb. xxx Bossert-St.; wer weis, wie viel solcher pfaffen gewest und noch sind? (1533) Luther 38, 214 W.; fragte derowegen, wie viel sie dann gelds zu dieser ihrer notdurfft haben müsten (1669) Grimmelshausen Simpl. 163 Scholte. noch gelegentlich in neuerer sprache:
wieviel der schwerter könnt ihr aus dem frieden
noch ziehn
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 26; s. auch 1, 28.
mit ausgelassenem hauptsatz in kapitelüberschriften: von der benamsung der wind, wievil jr seyen vnd woher ein jeder wähe M. Herr feldbau (1551) 20ᵃ.
β)
mit präpositionaler fügung: wieuil schickt man nur mir von büchern vnd hystorien zu J. Nas antipap. eins u. hundert (1567) 2, vorr. 7ᵃ; (ich) berichtete darneben, wie viel es an gold, silber und cleinodien seye (1669) Grimmelshausen Simpl. 294 Scholte. auch heute noch in dieser form: wieviel von Meit (bildschnitzer der Dürerzeit) noch darin (in der pietà) steckt, ist dem verfasser nicht bekannt Pinder dt. kunst d. Dürerzeit (1939) 371.
b)
in adjektivischer stellung. das bezugswort folgt gewöhnlich unmittelbar, kann aber auch durch zwischenglieder getrennt oder bereits im vorausgehenden satz genannt sein: tenchest tu danne, uuîo filo uuazer unde fenne unde einote skertent tes selben fîerden teiles, sô ist tes anderes echert ein enge houestat tero menniskôn Notker 1, 112 P.; merck, wie langsam, mit wie vil vorred kumpt sie vff das, das sie in bitt hinweg zü ziehen ein wyl Terenz deutsch (1499) 40ᵇ; nemlich ist hierinn (in gemelter kundtschafft) zu mercken, ... wie vil oder wenig der thätter zur thatt vrsach gehabt hab (1532) Karolina 119ᵇ Zoepfl; ihr glaubet nicht, wie viel ein solch weib einem mann nutzen ... schaffen, auch ... arbeit ersparen könne (1643) Moscherosch insomnis cura par. 64 ndr.; seyn müssen sie (die stammwörter), aber welche und wie viel, können auch andere sprachen, die schon gleichsam von anfang der welt gefasset, für gantz gewis nicht ausgeben Gueintz dt. rechtschrb. (1666) 3; wie viel stunden musz offters ein deutscher fürst ... für dem zimmer auffwarten Lohenstein Arminius (1689) 1, 19ᵇ; ihr (Mozart u. seine mutter) müst also gleich ohne zeit verlust euch erkundigen, was der postwagen nach Strasburg kostet, wieviel bis dahin bagage für die person passiert wird (1778) L. Mozart in: br. W. A. Mozarts 3, 377 Schied.; zuerst von unsern geschäften, theurer freund, weil ich nicht weisz, wieviel zeit ich zum schreiben finde (1795) Schiller br. 4, 253 Jonas; die fremden erstaunten, wieviel ansehn der römische könig bei ihnen genoss Ranke s. w. (1867) 1, 112.
c)
die erfragte grösze bleibt ungenannt (im gegensatz zu a und b):
wie vil man trinckt sicht yeder vff,
vnd ziehent dann das schutzbret vff (die kehle wird mit
einer schleuse verglichen).
ye einer den andern fürter bitt,
das er es mit küblen ynhin schitt
(1512) Murner schelmenzunft 63 ndr.;
den ... landsleuten ... zu zeigen, wievil sie in jhrer muttersprache ... vermöchten Opitz teutsche poem. 1 ndr.; (ich) fühlte der himmel weisz was und wieviel dabei Göthe I 22, 277 W.; wenn sie (die fürstl. frau) hinweg ist, werden wir erst wissen, wie viel wir verloren haben Tieck schr. (1828) 1, 88; die prinzipielle frage hierbei ist nicht die, wieviel oder wiewenig in seiner (des menschen) macht steht N. Hartmann ethik (²1935) 453. manchmal berührt sich wieviel auch mit wie vieles: was und wievil kanstu, daz sy nye gelernet haben Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) H 4ᵇ;
das wenige verschwindet leicht dem blick,
der vorwärts sieht, wie viel noch übrig bleibt
Göthe I 10, 8 W.;
ihre (der Prager schule) blütezeit reicht von etwa 1370 bis zum ausbruch des Hussitensturms. wieviel durch ihn oder spätere unruhen zugrunde gegangen ist, läszt sich nicht genauer abschätzen Dehio gesch. d. dt. kunst 2 (1921) 97.
α)
bei der frage nach dem geldeswert oder der höhe einer schuld: quantum debes domino meo? uuio filu scalttu minemo herren? Tatian 108, 3 Sievers; als dieser (d. landstreicher) hinweg, gehet die fraw zum goldschmid, leszt die ketten, ob sie gut, und wievil sie wert wehre, besehen (1563) Kirchhof wendunmuth 1, 353 lit. ver.; wieviel die paar harten stücke ... hier zu lande nach thalern und silbergroschen gälten, mochte ich keinen menschen fragen Gaudy s. w. (1844) 2, 39. von ideellen werten: wenn ich ... in worten aussprechen wollte, wieviel mir dergleichen mittheilungen (alter kunstwerke) werth sind (1827) Göthe IV 42, 6 W.
β)
in der frage nach dem preis:
frag nit wieuil dich kost das mol,
der wirth kan dirs morn rechnen wol
(1551) Scheit Grobianus v. 3846 ndr.;
wer die vortreflichkeit eines kunstwerks fühlet, wird nicht fragen: wieviel es koste Herder 22, 96 S.
γ)
in der frage nach der zeit: wieviel ist die uhr? Geibel ges. w. (1883) 5, 169;
der bauch fragt wie viel es geschlagen,
der bauch thut nach dem mittag fragen
Eyering proverb. copia (1601) 1, 432.
auch in übertragener bedeutung: nach der that sihet auch der narr, wie vil es geschlagen hat sprichw., schöne weise klugreden (1548) 148ᵃ; als nun diese zween so wortwechselten, bekamen sie gleich einen umbstand, so unser geitzhals stracks in acht name und hörte, wie viel die glock schlug, winckte derowegen dem unterkäuffer, dasz er den hasen folgen lassen solte Grimmelshausen Simpl. 286 Scholte.
2)
in verbindung mit einem gesteigerten adjektiv, das als adverb oder prädikatsnomen steht, weist wieviel auf den grad der steigerung im sinne von 'um wieviel': alde uuîo filo ist taz (unsichere vorauswissen) kuissera, danne daz hûolicha uuizegtûom sybille. dero sacerdotis Apollinis? taz sî chad, uuâr alde lugi ist taz ih sago Notker 1, 320 P.;
denck wieuil du geringer bist,
dann Antonius gwesen ist
(1551) Scheit Grobianus v. 1006 ndr.;
sol man aber ... keinen freund ... beleidigen: wie viel weniger solten wir gottes gnad, gleichsam mit opferung frembes (!) feuers, vorsetzlich entheiligen Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1644) 1, S 2ᵃ;
(Nathan:) begreifst du aber
wie viel andächtig schwärmen leichter, als
gut handeln ist
Lessing 3, 18 L.-M.;
lernt einsehen, wie viel weiter ihn eine stetige bildung ... hätte führen können Göthe I 46, 10 W.; so schnell ich vorhin mich angekleidet hatte — wieviel schneller kleidete ich mich nun aus O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 433; (Emmanuel Bach) macht darauf aufmerksam, wieviel radikaler die reform seines vaters im vergleich zu der Couperins sich ausweist Schweitzer Bach (1948) 190. so auch in der schon ahd. belegten redewendung wieviel mehr für lat. quanto magis: uuîo filo mêr ce̜ lestes substantie̜, dîe allero corporum anatrifte âno sint? Notker 1, 343 P.; wann ob du bist gewesen starck wider gott: wie vil mer gesigstu wider den menschen? erste dt. bibel 3, 154 Kurr.; so man denn von den wercken mus die meinung der kirchen aus dem wort gottes nemen, wie viel mehr mus man von der lere die meinung der kirchen aus dem wort gottes nemen? Luther 38, 203 W. in einzelfällen fragt es nach dem grad mit der bedeutung 'inwieweit': die prinzipielle frage hierbei ist ... wieviel oder wiewenig er die aufgabe, die ihm hier erwächst, erfaszt N. Hartmann ethik (²1935) 453.
3)
in rhetorischen fragen und ausrufen kann es in der bedeutung 'soviel', 'sehr viel' stehen:
der alsô guotes wîbes gert als ich dâ ger,
wie vil der tugende haben solte!
Walther v. d. Vogelweide 59, 11 Kraus;
ich sprach: wie viel hab ich erlitten
von deinet wegen und erstritten
und dir mitteylet all mein hab!
(1556) Hans Sachs 1, 432 lit. ver.;
o wie viel fürtreffliche und weiland ansehnliche leuthe liegen unter diesem erdboden Olearius persian. rosenthal (1696) 2ᵇ; wie viel hundert bücher werden geschrieben, da nichts inne ist! Scriver seelenschatz (1737) 1, 453ᵃ; o brüder, engelherzen, wie viel thörichtes zeug wollen wir mit einander schwatzen! Tieck schr. (1828) 4, 24; und wieviel bedeutete der abschnitt für ihr leben! Polenz Grabenhäger (1898) 1, 14.
4)
satzeinleitend in konzessiven nebensätzen im sinne von 'wieviel auch immer', 'soviel auch immer' (mhd. swie vil):
swie vil ich trôstes ie verlür,
sô hât ich doch ze fröiden wân
Walther v. d. Vogelweide 95, 22 Kraus;
so du gut gest vnd freuͦnde hast geladen mit dir zuessen, was du in gibst, dieselben sein benuͦgig; sein sie aber nit gut geste, wieuil du in gibst, sie verachten vnd schelten das (1472) Albrecht v. Eyb dt. schr. 1, 76 Herrmann; wieuil blagen got über vns verhenget, damitt er vns will warnen vor seinem künftigen zoren, des erschreken wir nit Keisersberg predigen teütsch (1508) 113ᵃ;
vielleicht schaft gott erkentnisz in mir,
die meine kraft, und was sie entflamt,
wie viel es auch ist, und wie grosz,
die ganze schöpfung mir nicht zu geben vermag!
Klopstock oden (1889) 1, 143;
(Scotts romane) sind doch, wieviel thränen man auch dabei vergieszen musz, nichts als Niederländereien, die überall viel talent zeigen, aber ohne poesie (1823) Lachmann in: briefw. 1, 377 Leitzmann.
5)
in sätzen mit korrelativem soviel:
wieuil sy (die geliebte) mich vor zeiten frät,
souil sy mich ietzunden gräwt
liederbuch der Hätzlerin 77 Haltaus;
s. Petrus hat nicht einen bessern Christum, denn ich hab, und wie viel s. Petrus hat, also viel hab ich auch (1525) Luther 16, 311 W.;
wie viel edler des menschen leben
auff erd ist uber andre thier,
so viel mer hat got mit begier
ihn mit hoherem fleisz gemacht
(1548) Hans Sachs 1, 22 lit. ver.;
wieuiel köpff, souiel kröpff Friedrich Wilhelm sprichwörterreg. (1577) c 1ᵃ, nr. 43. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1632, Z. 55.

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Zitationshilfe
„wieviel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wieviel>.

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