wiewohl
Fundstelle: Lfg. 10 (1960), Bd. XIV,I,II (1960), Sp. 1636, Z. 31
konzessive konjunktion 'obwohl, obgleich'; 'allein, jedoch, indessen'. literarisch seit dem mhd., lexikalisch seit dem 15. jh. (vor allem für lat. etiamsi, etsi, quamquam, quamvis, tametsi) durchgehend bezeugt.
1)
in der bedeutung 'obwohl, obgleich' seit dem mhd. gebräuchlich. entstanden ist es wahrscheinlich durch zusammenrückung von wie — wohl in sätzen des typus: und ob er nicht ein latinus ist, wie wohl zu wünschen, so hab ich doch ... gelernt (1537) Luther briefw. 8, 117 W., für die noch beide interpretationsmöglichkeiten offenstehen: 'wie es wohl zu wünschen wäre' oder 'obgleich es zu wünschen wäre'. bedeutungs- und funktionsentsprechend sind obgleich (vgl. teil 7, sp. 1056), obschon (vgl. teil 7, sp. 1057f.), obwohl (vgl. teil 7, sp. 1058f.). dazu s. auch Jean Paul: 'man ziehe mit Heynatz schwane schwänen vor, und wie Wieland das wiewol dem obschon', vorschule der ästhetik (²1813) 2, 728. in den mundarten ist wiewohl vom ostfries. bis zum obd. bekannt.
a)
satzeinleitend in konzessiven nebensätzen. häufig folgt der wiewohl-satz dem hauptsatz, geht aber auch voraus oder wird eingeschoben:
do legt er aus dy zaichen
und tet ire hercz waikhen,
wy wol es haiden waren
(vor 1285) Havich d. Kellner St. Stephans leben v. 1723 Mc Clean;
durch würdikeit der stette Rome sich die keyser und künige nennent von Rome, wie wol sü das rich hant in dütsche lant gezogen (Straszburg 1400) städtechron. 8, 276; also hueb an Trebetta mit den seinen zu pawen in den andern landen, ... als: Maintz, Cöln ..., wie wol man sagt, das Julius die stet sol gepawen haben (1478—81) U. Füetrer bayer. chron. 31 Spiller; alhie mercket man, das jr den geyst nicht habt, wiewol jr ein hoch erkentnisz der schrifft habt (1522) Luther 10, 3, 11 W.; wie wohl aber mich ... meine drey hauptkranckheiten allhie ... die grosse eitele forcht desz todts ... verachten lehren (1643) Moscherosch insomnis cura par. 13 ndr.;
gedenk, es ist die vaterhand,
die dennoch liebt, wiewohl sie schläget
Gottsched ged. (1751) 1, 166;
ich will ..., wiewohl ich mich sonst mit solchen kleinigkeiten nicht abgebe, das geld in mein geschäft aufnehmen Nestroy ges. w. (1890) 1, 27; wiewohl er Neapolitaner war, konnte er ansammlungen und dichte, schreiende massen nicht leiden Werfel geschw. v. Neapel (1931) 52. in verkürzten nebensätzen mit ersparung des finiten verbs: denn das ich die heilige kirche entschüldige, wie sie aus unwissenheit gesundigt hat ... (wie wol nicht die gantze christenheit hierin gesundigt), da mit hab ich nicht erleubt ... den frevel (1533) Luther 38, 254 W.; wiewol es nit undienstlich, dasz etliche geschworne aduocaten uff und angenommen wurden ... so lassen wirs geschehen (1573) houegerichtsordn. Friderichen pfalntzgr. bey Rhein (1573) 21;
sie klebet ans gesicht, wiewol es unverletzet,
ein schwartzes pflastermahl
(1664) J. Rachel sat. ged. 28 ndr.
selten in der form wiewohlen (von Heynatz antibarb. [1796] 2, 639 als obd. bezeichnet): wir ... bekennen und thun khundt ..., wiewohln verschiner zeit der hochgeborn furst ... vertrag vfgericht hat, und wir vns versechen, es sollte beym selben ... blieben sein (1531) bei Lori baier. bergrecht (1764) 197; also dasz ich dieses land (Schweiz) vor ein irdisch paradis hielt, wiewoln es von art rauch genug zu seyn schiene (1669) Grimmelshausen Simpl. 376 Scholte; die anrede an die creaturen, sonderlich an das feld und bäume des waldes wird hier fortgesetzt in nächsterklärtem verstand; wiewohlen mir nicht entgegen seyn lasse, wann man es im geistlichen verstand annehmen ... will J. D. Frisch neukling. harpfe Davids (1719) 854; sind in denen zeiten des ... interregni die wüchtigsten staatssachen unseres teutschen reiches ventiliret worden, wiewohlen man sich dabey gemeiniglich auf die observanz gegründet hat Hahn staatshist. (1721) 5, 51; er ... ist gar kein richtiger krüger, wiewohlen er den 'roten krug' hat Fontane ges. w. (1905) I 2, 69.
α)
leitet der wiewohl-satz das satzgefüge ein, wird der folgende hauptsatz häufig mit korrelativem so in verbindung mit doch, jedoch als ausdruck des gegensatzes angeschlossen: wiewol nu die stat Babilonie was die gröste und schöneste stat ... und Nynive die witeste, so sint sü doch bede von ire hochfart wegen ... zerstört und undergangen (Straszburg 1400) städtechron. 8, 248; wie wol der (hochmütige) selb herschet über das volck, so herschet doch sein selbs unordenlich begierd über jn Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) A 7ᵇ; wiewol beredt sein eine herliche gabe, so ist doch from sein viel besser Friedrich Wilhelm sprichwörter-reg. (1577) kk 2ᵃ, nr. 233; wiewol ich mich damals auff die beichte nicht gefast gemacht, ... so empfande ich jedoch in selbigem augenblick in mir eine solche reue über meine sünden (1669) Grimmelshausen Simpl. 379 Scholte; denn wiewohl er (Napoleon) dem ganzen Europa vorgaukelte, ganz Spanien von einem ende bis zum anderen werde bald bezwungen seyn, so hatte er doch nur einige festungen und ein paar landstrassen in seiner gewalt E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 238. daneben erscheint auch der typus wiewohl — doch, dennoch ohne anschlieszendes so: wie wol er (Moses) zum merern mal mit got redet, dannoch suͦchet er und verschmaͤhet nit den hailsamen radt den jm gab Jetro Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) B 2ᵃ; wiewol wir mächtig seyn ..., haben wir dennoch vnser gewalt nicht wollen vberheben engl. com. u. traged. (1624) A 5ᵃ; Titus aber, wiewol er gewisz war, dasz der hunger endlich die Jüden in der stadt tilgen und theilen würde, liesz ihm doch die weile lang seyn Liscow satyr. u. ernsth. schr. (1739) 29. vereinzelt wiewohl — noch in gleicher weise wie wiewohl — doch, dennoch gebraucht:
wie wol der narren warn one zal,
noch wolt keiner sein mer vber all
(1494) S. Brant narrenschiff 3 Zarncke;
wiewol jr suchet weg vnd lucken,
die bekantnusz (die augsburg. konfession) vnder zutrucken,
noch steht sie wider gewalt vnd list
Fischart s. dicht. 1, 51 Kurz
β)
in verbindung mit dasz: men sal auer den rechten ind waerachtighe wegewijsonge hye inne vynden, wie wail, gnedichster here, dat dae sijnt vil moytwylliger vnuersoichter kleffer ind eren roubber Arnold v. Harff pilgerf. 2 Groote; wye wol das es mich nit angat, so sag mir doch ... d. buch der zehen gepot (1520) 37ᵃ; s. auch 44ᵃ.
b)
wiewohl steht vor satzteilen wie attributen, adverbialen bestimmungen u. dgl.; seine einschränkende bedeutung kann unterstrichen werden durch nur: dem exempel nach haben auch die stiffte und kloͤster vor zeytten librareyen angericht, wie wol mit wenig gutten buͤchern (1524) Luther 15, 50 W.; dasz ich auch diesen brief (wiewohl fast eilend) geschrieben habe (1537) ders., briefw. 8, 50 W.; di srift, welche gleichsam eine sichtbare, wiwol stumme sprache ist Butschky kanzelley (1659) 7; wobei ... manche pistole wiewohl nur nach väterlicher weise in die freie luft losgeschossen worden Hippel lebensläufe (1778) 1, 12; dasz der kurfürst, wiewol weit entfernt im böhmischen lande, dennoch auf seiner burg seinen geburtstag feire Immermann w. 1, 21 Hempel; was aber dein benehmen in der schule angeht, so finde ich es, wiewohl reichlich ungezogen, doch in den wesentlichen punkten begreiflich St. Andres die hochzeit d. feinde (1953) 89.
2)
wiewohl korrigierend vor dem hauptsatz in der bedeutung 'allein, jedoch, indessen': wiewol es ist nicht gnug, dasz man zwey oder drey exempel wolte auf die bahne bringen Chr. Weise polit. redner (1679) 13;
es haszt und scheut sie (die jesuiten) fürst und staat,
wiewohl, es ist zu spät davon befreyt zu werden
Gottsched ged. (1751) 1, 299;
der Morzenschmied wars, lachte die Heiterethei. der lauscht drauszen. wiewohl, ein wunder wärs nicht, wenn auch die besen anfingen zu lachen O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 93; wiewohl däs hätt mer au net gholfa Fischer schwäb. 6, 806. vor verkürztem satz:
und diese hoffnung (auf ein günstiges geschick) ward ... bestärkt
durch zeichen, die man hier ... bemerkt.
wiewohl, genug hiervon
König ged. (1745) 49.
mit eingeschobenem nebensatz: wiewol, ob du dich schon gegen mir der massen ... nit gehalten, hettest du dannocht ... verthient, ... deinen namen usz dunckelem vergesz in das lyecht der ewigen gedächtnusz setzeten (l. zu setzen) Hutten opera 1, 449 B.; wie wol, was das fur ein tugent sey, einem andern sein buͦch lestern und schenden ... das las ich seinen richter finden (1530) Luther 30, 2, 634 W.; wiewohl als sie erst zu guter letzt in ihr bette schreiten solte, da empfand sie eine solche leidensregung Chr. Weise drey klügsten leute (1675) 10.
Zitationshilfe
„wiewohl“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wiewohl>, abgerufen am 19.10.2019.

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