wild n
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1, Z. 8
I.
herkunft, form, ableitungen.
A.
herkunft dunkel nach Kluge etym. wb.⁷ 493ᵇ; kaum mit wald zusammenhängend, eher mit wild, adj., neben dem es eine collectivbildung sein könnte: urgerm. wilþiz n., ahd. wild, mhd. wilt, mnd. wilt, seltener welt (Diefenbach gloss. 230ᵇ, 15. jh.); ags. wild, wildor und jünger wildeór; engl. wild (alterthümlich); nl. wild; dän. schwed. vildt (lehnwort); oberdeutsch, namentlich in der volkssprache, meist gewild, s. oben gewild II th. 4, I 3, 5805 ff.
B.
plural ahd. wildir: was her thô mit wildirun Tatian 15, 6; mhd. und nhd. wild und wilde: pedicula fuszangel da mit man die wild vacht Diefenbach gloss. 420ᵇ; wir trieben die wild auf, jagten sie uns entgegen Schaidenreiszer Odyssea (1537) 36ᵇ;
in tiefer wildnis dieser thäler schreckte
des jägers horn die scheuen wilde kaum
Göthe 16, 324 Weim.;
mit der zunehmenden collectivverwendung der singularform wird die pluralform entbehrlich.
C.
ableitungen mit suffixen sind wildenzen, wildzen; von der alten pluralform gehen vielleicht aus wildericht, wildern und wilderer.
II.
bedeutungsentwicklung, synonyme.
A.
wie auch der alte plural zeigt, bezeichnet das wort im ahd. gewöhnlich ein einzelwesen: uuild n. fera cod. s. Gall. 242 Graff 1, 804; im mhd. dagegen tritt die verwendung als collectiv mehr hervor, und diese ist auch im nhd. vorherrschend, ohne aber den individualisierenden gebrauch ganz zu verdrängen, der auch heute, namentlich in der dichterischen sprache, noch möglich ist. doch verlangt der neuere sprachgebrauch gewöhnlich, wenn von einzelnen thieren die rede ist, den zusatz von stück wie bei vieh, worauf schon Adelung aufmerksam macht.
B.
in der alten sprache ist der begriff wild weiter als in der neueren und umfaszt alle wilden thiere, also auch die raubthiere: was vom wilde zerrissen ist 3. Mos. 17, 15; gleichzeitig ist die verwendung noch ziemlich beschränkt, da zur bezeichnung der wildlebenden thiere im gegensatz zu den zahmen, dem vieh, das wort thier allein genügte; vgl. Diefenbach gloss. 230ᵇ dier (14. jh.), tier (fera), sowie engl. deer. von Luther an, der in seiner bibelübersetzung durchgängig wild setzt, wo seine vorgänger noch wilde thiere haben (und die samenung der wilden tier zu dem herrn erste deutsche bibel 119, 24 Kurrelmeyer), wird der gebrauch häufiger und gleichzeitig der begriff enger, besonders wohl unter dem einflusz der weidmannssprache. wild bedeutet im nhd. gewöhnlich mit ausschlusz der raubthiere nur noch die jagdbaren thiere, die wegen ihres fleisches erlegt werden, meist ohne einrechnung des wilden geflügels, oft sogar mit noch weitergehender specialisierung das rothwild allein als die edelste und verbreitetste wildart, und von diesem besonders die hindin oder hirschkuh. die naheliegende übertragung vom lebenden wild auf das fleisch des erlegten, das wildbret, findet sich schon im mhd., wird aber allgemeiner erst, nachdem die ursprünglich üblichere bezeichnung wildbræte ihre grundbedeutung eingebüszt hatte und wildbret auch für lebendes wild in gebrauch gekommen war.
C.
völlig gleichbedeutend mit wild ist trotz der von Campe 2, 363ᵃ versuchten unterscheidung beider wörter die zuerst von Stieler (1691) gemeinsam mit wild gebuchte concurrenzform gewild(e). fernere synonyme ausdrücke sind wildfang, wildstück, wildthier (namentlich zur bezeichnung des einzelnen thieres); wildbahn, wildbret, das wilde, wildnis, wildstand, wildwerk, will veih meckl. vorpomm. Mi (für den collectiven gebrauch). von diesen macht im 16. und 17. jh. besonders wildbret scharfe concurrenz und dringt trotz seiner ganz verschiedenen grundbedeutung allmählich in den ganzen bereich von wild ein, bis dann der neuere sprachgebrauch die beiden wörter wieder scheidet, zum vortheil von wild, das seinen besitzstand bewahrt, während wildbret fast nur noch von dem fleisch des wildes gebraucht wird.
III.
bedeutung und gebrauch.
A.
frei lebendes, jagdbares thier, einzeln und collectiv; nach Dombrowski encykl. der ges. forst- und jagdwiss. 8, 400 alle thiere, die man zur jagd rechnet:
1)
ein einzelnes thier:
darinne (in dem schilde) stuont ein rôteʒ wilt,
alsam ein hirz gestellet
Konr. v. Würzburg trojan. krieg 31340;
dise leut jagen noch ein ander sehr grimmiges einhörniges wild J. Heyden Plinius 133;
darnach die zeit nit lang vergieng,
das man do bald ein wild fieng,
recht als der fürste het begert
pfarrer von Kalenberg 85 neudr.;
denn als sie eins mals auf das gejaid, wild zu fahen ritten und sie auf ein hohen berg oder felsen hetten sich gelassen, einem wild nach zueilen, .. sahe Theseus den fels hinab nach dem wild, wo es hin war gefallen nachtbüchlein 71;
hastus wilt? ei ja du, ei ja ich,
das wilt hab ich geschossen
und habs gar redlich troffen
Forster fr. teutsche liedlein 87;
Antilochus schnell und geschwind
auf ihm darliefe als ein wind,
der einem wild nacheilen thut
Spreng Ilias 212ᵇ;
(Äneas) bracht siben grosze häupt darvon,
damit er jedem schiff konnt geben
ein wild, darüber wol zu leben
Äneis 6ᵃ,
keule ... das viertheil von einem wilde hinterwarts Gueintz deutsche rechtschreibung 89;
... hier schläget mich das schrecken,
dort ängstet mich ein wild
P. Fleming deutsche gedichte 1, 102;
es verlaufe sich ein wild so tief ins finstere holz, als es immer wolle Abr. a St. Clara etwas für alle 2, 10;
wir brauchen unsre waffen,
nur uns zur kost ein wild, im streite recht, zu schaffen
Gottsched deutsche schaubühne 5, 220;
man asz noch, was das land in seiner schosz gebar,
.. ein selbst erlegtes wild
B. Neukirch gedichte 107;
auf sprang ein weiszer hirsch von ferne,
mit sechzehnzackigem gehörne ..
das wild duckt sich in's ährenfeld
und hofft da sichern aufenthalt
Bürger 70ᵃ (der wilde jäger),
mein vater muszt ein wild mit seinem kind erkaufen
Joh. E. Schlegel 1, 433;
sodasz man dein, als eines wilds vergiszt,
das zu der jagd noch spiel'ndem anfang fiel
Fouqué held des nordens 2, 95.
gerne mit zusetzung von stück, vgl. auch wildstück: denselbigen (den Polen) und iederm herrn besondern schenkt landgraf Wilhelm ein wagen mit habern, zwei stück wild und ein wildschwein Kirchhof wendunmuth 2, 276;
und lieszen doch die seiten klingen
durch einen schönen lustwalt grün,
(manch grosz stück wild lief da so kün)
Casp. Scheit frölich heimfart MIᵃ;
ach, dasz fürsten und herrn keine gröszere sünde begiengen, als in erjagung eines .. ermüdeten stück wildes! Harsdörffer frauenzimmer gesprechspiele 3, 109; auch in einem walde hätte keiner von ihnen (den philosophen) das herz, einem auf ihn los rennenden stück wild stand zu halten Wieland Lucian 1, 277;
2)
collectiv:
der wald gienc wildes voll
Iwein 126;
item 2 m. den knechten, dy do wilt brochten von Slochow in den tirgarthen zum Sthume Marienb. treszlerbuch 983, 17;
derselbig ort heiszet die hahr,
da man viel wildes wird gewar
Thym Thedel v. Wallmoden 328 neudr.,
(der hund) .. mocht nicht mehr so hurtig laufen,
derhalb ihm oft das wild entgieng
Hans Sachs 9, 230, 16 Keller;
o lasset euch erbarmen,
grosz schat das wild uns armen
J. v. Schwarzenberg teutsch Cicero 138;
so wöllen wir .. einen thiergarten nahe an der meierei anrichten, darin man allerlei thier, als hasen, gambsen .. und dergleichen wild mehr, eingeschlossen könne halten Sebiz feldbau 556; nun war gleich frau Monymen wildschüz auszgangen, etlichem wilde nachzustellen A. H. Bucholtz Herkuliskus u. Herkuladisla 173; rückte er mit seinem antrage hervor, welcher dahin ging, dasz der jäger täglich ein paar stunden gegen das wild im felde liegen solle Immermann 1, 150.
3)
im weiteren sinne alle wildlebenden thiere einschlieszlich der raubthiere, der raubvögel und des wilden geflügels im gegensatz zu den zahmen thieren, daher gerne in der verbindung zahm und wild:
wilt unde zam
minnesinger (1758) 1, 31ᵇ;
dir dienet zam unde wilt
Parzival 252, 8;
daʒ wilt und daʒ gewürme
Walther 8, 36;
dem wilde und den bienen .. zur narung C. Hennenberger preusz. landtaffel 8; wild heiszet das jagtbare vieh, welches in den wäldern sich aufhält compend. u. nutzb. haushalt.-lex. 1036. als unterabtheilungen erscheinen rothes oder falbes und schwarzes wild (gewöhnlicher rothwild und schwarzwild), hohes und niederes oder groszes und kleines; edles oder eszbares Adelung; gehörntes und gefiedertes Göthe; die heutige weidmannssprache unterscheidet nach dem kleid haar- und federwild, nach dem nutzen nutz- und raubwild, nach der werthschätzung hohe und niedere jagd. vgl. Lorey handb. der forstwiss. I 2, 448 f. und die zusammensetzungen unter E:
nâch dem rôten wilde jagen
Tristan 17254;
insgemein wird es (das wild) eingetheilt in das hohe, als da ist das rothe wildpret, hirschgewild oder schwarz wildpret, als säu, bären, und das kleine, als rehe, hasen, füchse, die beisz mit dem habich, dem sperber Becher jägercabinet (1582) 19;
(er) traf ein öde insel an,
darin vil hohes wild ward gahn
Hans Sachs 21, 133, 6 Keller-Götze;
vom hohen wild die rasche schaar,
die durch diesz dichte buschwerk eilen,
wenn ich den schnellen hirsch, wenn ich das leichte reh
durch büsch und sträucher springen seh'
Brockes 1, 203;
sy wissen von dem edlen gewild nicht, wo es laufe und laufen vast dem wild nach Tauler sermones LVᵇ; die erfreuliche glückliche jagd, sowohl hohen als niedern, gehörnten und gefiederten wildes Göthe IV 33, 291, 14 Weim.; edles wild, vögel und fische Mörike 3, 97 (maler Nolten).
4)
im engeren sinn mit ausschlusz
a)
der vögel, die für sich besonders angeführt werden:
des heldes si da pflâgen
vor vogeln und vor wilde
Wigalois 9962;
dich rührt die schönheit deiner braut,
ihr süszer scherz, ihr holdes lachen,
weit mehr, als alles, was man schaut,
wenn wild und vögel hochzeit machen
Gottsched gedichte 258;
dem herrn gehört das wild und das gefieder
Schiller Tell 3, 3;
ich herrsch' über's wild und vögelheer
Göthe 16, 86 Weim. (Satyros).
b)
der raubthiere, für welche die besondere bezeichnung wilde thiere aufgekommen ist: und was über bleibt, lasz das wild auf dem felde essen 2 Mos. 23, 11; ihr (Dianas) wagen war von allem möglichen wilde bedeckt und dessen köpfe umkränzten ihn mit vergoldetem horn und bunten federn G. Keller 2, 188; in dieser engeren verwendung gerne dem vieh gegenübergestellt:
wie manches vieh und wild in grünen tälern geht,
G. Treuer deutscher Dädalus 1, 123;
das weidevieh und wild verbisz noch die wenigen loden Wimmer geschichte d. deutschen bodens 195.
c)
in der jägersprache mit noch weitergehender specialisierung 'weiblicher hirsch', ebenso wie wildbret, wildthier und wildstück; also mit ähnlicher verwendung des neutrums wie bei weib, huhn, lamm: der Laurenholde poet Petrarcha, wan er seine liebste Laura der ehren gemäsz beschreiben will, kan nicht bessere wort finden oder erdenken, als dasz er dieselbe einem weiszen wild vergleichet Moscherosch gesichte 2, 320; der hindin oder dem weiblein, so von den jägern das wild oder die hirschkuh genennet wird, wachsen kleine hörner Becher jägercabinet 24; die hirsche suchen ihr thier oder wild Döbel jägerpractica² 1, 4ᵃ; beschlagen sagt man, wan der hirsch auf ein stück wilt springet Joh. Täntzer Dianen hoh. u. nied. jagtgeh. 1, 10; d'une biche, von einem thier oder wild Duez nomencl. 26; der männliche hirsch heiszt rothhirsch, der weibliche thier, roththier und stück wild Brehm thierleben² 3, 138.
d)
gerne in stehenden, oft formelhaften verbindungen mit beziehung
α)
auf den aufenthalt des wildes in wald und feld; daher sehr häufig wild und wald: sie wolten sich derhalb wie das wild in wälden der freiheit brauchen Seb. Franck sprichwörter 1, 125ᵃ;
so ist sie (die laute) auch nit ungestümm,
und bringt nicht forcht, sorg oder grimm,
erschreckt die leüt nicht in dem feld,
beid hirt und herd, beid wild und wäld
Fischart ein artliches lob der lauten v. 54 Hauffen;
der bauer lobt die felder,
der jäger wild und wälder
[K. Stieler] geharnschte Venus 16 neudr.;
da sich verhalt
das wild im wald
Spee trutz-nachtigall 36;
das wild geht in den wäldern
Simon Dach 717 Österley;
was raschelt, rief ich erschrocken aus.
es ist das wild im walde häufig
Göthe 4, 328 Weim.;
mit diesem gedanken hab ich ganz Frankreich durchreist, nichts so gesucht als wälder und wild Pückler briefw. u. tageb. 6, 34;
weil das wild lebt in den heiden
Venusgärtlein 4 neudr.;
geh, frage bei dem wild auf jener grünen heide,
wozu sie gott erschuf; sie sagen dir: zur freude
J. F. v. Cronegk 2, 88;
frei dann ich bin
wie wild auf heiden wieder
Kleist 1, 289 (Penthes.);
alles wild des feldes Humboldt kosmos 2, 46;
das wild in den gesträuchen ...
kriegt jedes seines gleichen,
so bald es ihm gefellt
Königsb. dichterkreis 18 neudr.;
(hier soll) kein wild in seinem busch
geschreckt, verwundet, hingeschmettert werden
Göthe 10, 276 Weim. (natürl. tochter);
β)
auf die wilde lebensweise; daher namentlich im 17. jh. gerne das wilde wild:
und dasz das wilde wild Amfion nachgezogen,
ist mancher klügling noch zu glauben ungewisz
P. Fleming poemata (1651) 57;
Diana sucht mit fleisz
des wilden wildes spur,
und bringt nicht ohne schweisz
den groszgeweihten hirsch in die gestellten netze
G. Treuer deutscher Dädalus 1, 348;
γ)
auf das vorkommen des rothwildes in rudeln:
ein rot wildes sie laufen sach
in ein höl und bald darausz wieder
H. Sachs 2, 228, 23 Keller;
sie gegen ir komen sache ein rot wildes Arigo decamerone 92, 26.
δ)
auf besondere eigenschaften des wildes, z. b. die scheuheit:
in den wäldern will ich irren ...
mit verscheuchtem wilde ziehn
J. C. Günther 276;
es kam dahin ein arm, verschüchtert wild,
das von des jägers pfeil beschädigt war,
um auszuschmachten
Shakespeare wie es euch gefällt 2, 1;
das scheue wild weidet noch vertraulich neben dem menschen Göthe 48, 160, 2 Weim.; auf die ruhelosigkeit und schnelligkeit des wildes: ist was aufgestoszen, musz man augenblicks anschlagen, das korn und flüchtige wild zusammen fassen Fleming vollk. teutsche soldat 29; einst erlegte Diana damit das streifende wild auf den bergen Herder 24, 197; einsam und öde starrt alles umher, nur flüchtiges wild deutet auf kümmerlichen zustand Göthe 41, I, 332 Weim.; als läufer überholte er das schnellste wild Mommsen röm. geschichte 2, 266; auf die ungebundenheit und freiheit:
der landmann leichtem sand den samen anvertraut
und seinen kohl dem freien wilde baut
Göthe 2, 141 Weim.;
auf die unvernunft und abwesenheit jeder verfeinerung, wie sie sich namentlich in den naturlauten äuszert:
ein unvernünftig wild,
das sonsten mehr nicht sucht, als wie es sich nur völlt
Logau 1, 222, 15;
in dickichtsschauer
drängt sich das rauhe wild
Göthe 2, 61 Weim.;
dann mische mir zur lust das ... geheule
des wildes ... sich in mein seufzen ein
J. A. Cramer gedichte 3, 354;
aus seiner höhle brüllt das wild ihm seinen dank
R. Z. Becker mildh. liederb. 29.
ε)
auf den schaden des wildes:
darzu das wild den armen leutn
lassn schaden thun in sommerszeiten
Ringwalt die lauter warheit 222;
man hat die reiche ernte von dem wild zertreten lassen Gleim briefwechsel 2, 471;
denn unterm rosz des jägers erstirbt die saat;
und, was der huf des rasenden heers verschont,
zerwühlt das wild
J. M. Miller gedichte 333;
die erwähnung des wildes, das ihm seine saaten zertrampelte Polenz büttnerbauer 1, 62; auf die abwehr des schadens:
hier klatschte nicht des armen landmanns peitsche,
die nachts das wild vom acker scheucht!
Schubart gedichte 2, 69;
dasz sich keiner unterstehen dürfe, das wild, das seinen acker abfresse, zu verjagen M. J. Schmidt gesch. der Deutschen 5, 183.
ζ)
auf das jagen des wildes; siehe auch die unter gewild II sp. 5812, 3 ff. und unter wildbret angeführten belege:
ich bin nachgehengt uberal
dem wild beide durch berg und thal
Hans Sachs 1, 92, 10 Keller;
du magst mit jägern deines gleichen
nach wilde durch die wälder streichen
A. G. Kästner 1, 245;
nun ruft die jagd in's freie; man verfolgt das wild mit eifer Göthe 41 II, 104, 14 Weim.;
er jug das wild wol aus dem holz
Arnim 13, 199;
mit hervorhebung des lauerns und aufspürens: die verordneten ... lausterten auf das wild Joh. Nas das antipap. eins und hundert 2, R VII b;
das schlecken macht die leut zu gecken,
henken gleich nach dem, das sie schmecken.
und werden wie der hund verführt,
der viel zu viel dem wild nachspürt
Fischart Eulenspiegel v. 11254 Hauffen;
da man dem ... aufgetribenen wild aufpasset Grimmelshausen 2, 31, 22 Keller (springinsfeld);
so hat dort der Trojanerheld,
Carthago, durch dein flaches feld,
auf einem schnellen gaul des wildes spur entdecket;
so ward auch Agamemnons pfeil
manch aufgespürtes wild zu theil,
bevor er Troja noch in lichten brand gestecket
Gottsched gedichte 40;
gefunden nun mein wild, hab's ausgestöbert
maler Müller 2, 28;
wie der jagdhund, .. den der instinkt fortreiszt, wenn er das wild wittert Klinger werke 3, 140;
es war kein noch so schlechter jäger,
verstört' er dieses wildes läger
Rückert 1, 110;
ein längst umschlichenes wild Holtei erzähl. schriften 1, 188; wild beschleichen J. A. Naumann naturgesch. d. vögel 2 I 333; mit hervorhebung des hetzens und treibens: das wild behunden feram canibus premendam exponere Stieler (1691); scheuchte mit grausendem getöse das scheue wild vor sich her Musäus volksmärchen 1, 6 Hempel;
du hast mit hunden wild gehetzt
Zach. Werner die söhne des thales 1, 121;
dem .. jäger das wild .. in den schusz treiben Arndt werke 1, 218; da ward das wild von einer menge scharwerker und jäger in die Donau forcirt C. F. Nicolai reise d. Deutschland u. d. Schweiz 2, 493; zum zutreiben des wildes Peschel völkerkunde 354; mit hervorhebung des stellens von netzen und fallen:
heut, da man seine füchs thut kennen,
und will den fuchs ausz der hell brennen,
da wüt er und wehrt sich zu letz
wie ein wild, das schon steckt im netz
Fischart thierbilder v. 429 Hauffen;
ein jäger hat abends spät das netz gestellt und bläst alleweil bei der nacht ... mit seinem horne das wild aus dem korn ins lange holz Herder 5, 186;
... habe nun mein wild auf der spur,
Mathilde, dich mit netz und garn umzogen
maler Müller 3, 107;
mit hervorhebung des erlegens und tödtens:
da man die herrn denn nit wird fragn,
wie viel sie haben wild geschlagn
Ringwalt die lauter warheit 220;
denselbigen (Scamandrius) Diana mächtig
gelernet hett in ihrem wald,
das wild ernider schieszen bald
Joh. Spreng Ilias 52ᵇ;
Diana selbst hatt' ihn die kunst gelehrt,
zu fällen jeglich wild des haingebirgs
Bürger 159;
... gesungen soll der feind
ein siegslied haben von erlegtem wild
Müllner dram. werke (die Albaneserin 1, 4).
B.
fleisch des wildes, wie wildbret und wildfleisch; vgl. mnd. wilt vel wiltbrat Schiller-Lübben 5, 722.
1)
im weiteren sinne das fleisch aller eszbaren wilden thiere, einschlieszlich der vögel, im gegensatz zu dem der zahmen oder zu anderen nahrungsmitteln:
zam, wilt, vische,
clâren weize, unde wîn
ime und deme gesinde sîn
gap man mit vollen mâʒen
Bartsch md. gedichte 4, 18;
essen Sie kein wild? Hippel lebensläufe 1, 435; ihre nahrung besteht aus früchten, wild oder milch Scherer litt.-gesch. ⁷ 4.
2)
im engeren sinne und gewöhnlicher das fleisch nur des vierfüszigen wildes, besonders des roth- und schwarzwildes, im gegensatz zu dem der vögel oder zu andern speisen:
was ihm geflügel, wild, pasteten, welsches hun,
das alles kan mir auch ein guter stockfisch thun
J. Rachel satyr. gedichte 61 neudr.;
speisen sind genug bereit,
vögel, wild und fische
Göthe 1, 137 Weim.
C.
bildlich für menschen, deren eigenschaften oder zustand dem des wildes ähnlich sind (selten für einen abstracten begriff: auch sind öffentliche geschäfte nichts weniger als wild für meine lieblingsjagd Bode Mich. Montaignes ged. u. mein. 5, 18; das unaufhörliche zusammendrängen seiner ideen, die er ... wie in einer klopfjagd, groszes und kleines wild, schmackhaftes und ungenieszbares, auf einen haufen treibt Gerstenberg litteraturbriefe XII [lit. denkm. 29, 83]).
1)
für einzelne menschen: ihr teufel von allen enden dran, hetzt, jagt, treibt getrost, ihr habt das rechte wilt fur euch: wenn der Luther ligt, so seit ihr genesen Luther 23, 36, 12 Weim.; der prack ... kam auf das rechte spor und suchet nach wild (nach Tristan und Isolde) buch der liebe 92ᵇ;
ich habe gestelt auf grüner heide:
mein hündelein sind mir entgangen.
das wild, das ich gejaget hab,
ein andrer hat es gefangen
bergreihen 66, 7 neudr.;
(Richard:) nein, Warwick, lies ein andres wild dir aus,
ich selbst musz diesen wolf (Clifford) zu tode jagen
Shakespeare Heinr. VI 3. th. 2, 4;
hier musz ich auf der lauer liegen.
dorther kommt mir mein wild
Ludwig 3, 273;
auf Tilly's stirn die ader steigt,
denkt seines wildes er vielleicht ...?
Droste-Hülshoff 2, 152;
2)
collectiv: es ist itzt nicht mehr ein welt wie vorzeiten, da ihr die leut wie das wild jagetet und triebet Luther 11, 270 Weim.;
rastlos jagen schwed'sche jäger wild
auf finnischen revieren
Grabbe 1, 32;
kein land, wo dieses jagdbare wild (die sklaven) sich vorfand, blieb ... verschont Mommsen röm. geschichte 2, 76; ein anderer meister in allen kniffen des kunsthandels, der besonders deutsche pinsel als sein wild betrachtete Justi Winckelmann 2 i, 317.
3)
mit ausmalung des bildlichen vorgangs, oder doch mit angabe des tertium comparationis, das zu dem vergleich anlasz gibt:
a)
die menschen haben mit dem wild gemeinsam das gejagt- oder gehetzt werden: der bruder war von seiner blutigen faust nicht so geschwinde erwürget, als das gewissen bei Cain aufwachte, so dasz er als ein verscheucht wild in der irre herum lief Fleming d. vollk. teutsche soldat, vorbericht 2;
(ich) lief nach deinen fährten, edles wild,
und habe dich ergriffen
Uhland Ernst v. Schw. 746 (act 2);
ich weisz nur, dasz ich ... wie ein gejagtes wild durch die straszen dem hause der signora Campoco zulief Hauff 7, 204; plötzlich lief sie davon wie ein gehetztes wild Scheffel Ekkehard 244.
b)
die menschen haben mit dem wilde gemeinsam gewisse eigenschaften, und zwar:
α)
vorzüge, wie muth bei der vertheidigung, schnelligkeit, munterkeit, ungebundenheit oder ähnliche eigenschaften, bei denen hauptsächlich an das rothwild gedacht wird:
snelleclîchen als ein wilt
Konr. von Würzburg Engelhard 4907 Haupt;
sein (Napoleons) stolz verschmähte die offene rückzugsstrasze nach dem Rheine, ... das edle wild war gestellt; das gewaltige kesseltreiben dieses herbstes näherte sich dem ende Treitschke deutsche gesch.³ 1, 499;
du leichtes wild! ihr schüchterne gesellen!
Heräus gedichte und inschriften 197;
was willst du, lockres wild, hier im gehäge?
Droste-Hülshoff 2, 217 (Walther);
β)
mängel, wie unvernunft, roheit, plumpheit, bei denen mehr das bild des schwarzwildes vorschwebt:
pack dich hinweg, du loses wild,
mit deinen tölpischen händen
engl. comedien u. tragedien (1624) A aa Iᵃ;
der kern des menschen ist verheert
und in ein tummes wild verkehrt
Königsb. dichterkreis 59;
die welt ward durch den krieg ein unvernünftig wild
Logau sinngedichte 210, 15 Eitner;
als unser Teutschland noch waldigt, rauh und sumpficht war, war der Teutsche ein jäger, roh wie das wild, dessen fell er um seine schultern schlug Schiller 1, 166 (versuch über den zusammenhang); indesz für das plumpe wild (das volk), das man fangen wollte, war die .. schlinge eben recht Mommsen römische geschichte ³2, 123.
4)
in sprichwörtern und stehenden redensarten (vgl. auch Wander sprichwörter-lex. 5, 233 ff.); z. b. als hieb gegen müsziggänger: du hast auch vom wild gessen Seb. Franck sprichwörter 1, 6ᵃ (mit der erklärung: etwa hat man glaubt, dasz gwild fleisch gessen faulkeit mit sich bring); von dem ködern eines thoren durch einen augenblicklichen vortheil: wenn es (das glück) einschmeichelt, so wil es ihm (dem menschen) den hals abstechen, und das specklin auf die fallen legen, dasz das wild einfalle Schottel sprichwörter 1126 (zur erklärung von: glükk ohne mangel, ist nimmer ohne angel); von der verschiedenheit der neigungen und des geschmackes: meinet ihr, dasz alles wild nach einer witterung geht? Göthe 17, 14 Weim. (triumph der empfindsamkeit).
D.
im rothwelsch, ohne dasz man einen inneren zusammenhang aufdecken könnte, in der bedeutung 'bude', Hempels wahlerey (1687) bei Kluge rothwelsch 1, 167; namentlich in den verbindungen ein bley-sacks-wild eine 'zienbude' (zinnhütte, pochwerk); ein grün-wild eine 'silberbude', ein flader-wild eine 'band- oder zwirn-bude' ebd. 169; vgl. dazu unten wildner silberkrämer.
E.
in zusammensetzungen zur bezeichnung der wildarten: auerwild, beutewild, birkwild, damwild, edelwild, erdwild, falbwild, fallwild, federwild, flugraubwild, forstwild, gemswild, grenzwild, grobwild, haarwild, kahlwild, löffelwild, menschenwild, mittelwild, murmelwild, mutterwild, naschwild, nutzwild, rackelwild, raubwild, rehwild, renwild, rothwild, schallwild, schwarzwild, seewild, standwild, steinwild, stoszwild, streifwild, tannenwild, urwild, vogelwild, wasserwild, wechselwild. die gesperrt gedruckten wörter sind in den früheren bänden nicht behandelt.
wild n
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XIV,II (1960), Sp. 8, Z. 32
wildnis, apokopierte form von das wilde, s. unten wilde, n. unter C.
wild n
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XIV,II (1960), Sp. 8, Z. 34
an der Unterweser für fegkraut, equisetum arvense Pritzel-Jessen.
wild adj
Fundstelle: Lfg. 1 (1913), Bd. XIV,II (1960), Sp. 8, Z. 36
I.
form.
A.
herkunft, verwandtschaft, mundarten. gemeingermanisches adjectiv von unsicherer herkunft, gegensatz vonzahm, mit dem es oft zusammengeht; vgl. daher auch den artikel zahm in th. 15. vorgermanisch wéltjo; vielleicht von derselben wurzel wie wald (vgl. Schade altd. wb. und oben th. 13, 1072) oder wie wollen, wille, wahl (Pott etymolog. forsch. ² 4, 805; Fick indogerm. wb. ³ 3, 296, anders Fick-Torp wb. ⁴ 3, 403; Skeat etymolog. dict. 711; ten Doornkaat Koolman wb. d. ostfries. spr. 3, 551): got. wilþeis, ahd. wildi, mhd. wilde, altsächs. wildi, angels. wilde, altnord. villr (meist 'irregehend, verirrt'), engl. wild, nl. wild, schwed. vill (irre, unstät, unwillig), schwed. - dän. vild (lehnwort); wohl verwandt mit kymr. gwyllt ungezähmt und altbret. gueld-enes insula indomita; nach Falk und Torp norweg.-dän. wb. 2, 1377 f. vielleicht auch mit russ. viljatĭ hin- und herlaufen. weit verbreitet in den mundarten: westf. wild, mecklenb.-vorpomm. wild, will, thüring. wel, weller, oberhess. wëll, wëell, wëall, nass. will, wöll, henneberg well, cronenberg. weilt, luxemb. wel, handschuhsh. wil von pflanzen, sonst wilt, lothr. wilt, wil, wel, elsäss. wilᵈ, wild, österr. wüld, im sonstigen oberdeutschen wild. auffällig ist waldeck. wilt, weil hier die ja-stämme das auslautende e sonst bewahren; doch vgl. auch gött.-grubenh. wild Schambach 298. eine alte und seltene nebenform ist mittel- und ndd. gewilde, s. th. 4, I 3, 5800; ganz vereinzelt steht das ndd. wildern, willern (versuch eines brem.-niedersächs. wb. 2. nachtr. 411), offenbar gebildet mit dem ausgang -īn, der vornehmlich stoffadjective bildet, also entstanden aus wilþiʒ-īn; vgl. obd. kälbernes, schweinernes.
B.
wilde und wild. die verkürzte form ist schon im 16. jh. die allgemeinere (so vor allem bei Luther), mit ähnlicher entwicklung wie bei mild, mit dem wild oft im reim auftritt. doch findet sich die längere form mit abnehmender häufigkeit noch bis gegen das ende des 18. jhs., so bei Spee, Zinkgref, Opitz, Lohenstein, Gottsched, Uz. auffallend ist Herders nur durch thür. einflusz erklärliche und besonders bei adverbialem gebrauch hervortretende und zweckdienliche vorliebe für wilde, womit er unter den classikern wohl allein steht: im lande der riesen geht es wilde zu Herder 18, 494;
wilde verzweifelnd wie Berecynthia's tobender Atys
28, 299.
C.
flexion und comparation sind regelmäszig; vereinzelt findet sich eine erweiterte comparativform wilderer, wohl gebildet zur unterscheidung von der flectierten form des positivs: sind viel unzuchtiger und sicherer, wilderer, geiziger Luther 33, 655, 11 Weim.; wilderer saevior Stieler (1691).
D.
substantivierte formen siehe unter wilde, m., f., n.
E.
ableitungen sind: wilde, wilden, wildeln, wildnen, wildern, wildling, wildnisz, wildung, wildene, wildenei, wildericht, wildelich, wildelicht, wildig; s. die betr. artikel, sowie unten III A und B.
F.
die verwendung im satze ist überwiegend attributiv und adverbial; prädicativ erscheint wild hauptsächlich in der bedeutung 'zornig, wüthend'; in diesem falle gerne mit den präpositionen auf, nach, über, selten mit einem dativobject.
II.
bedeutung und gebrauch im allgemeinen.
A.
über die grundbedeutung läszt sich so wenig sicheres sagen wie über die herkunft des wortes. Adelung hält 'ungestüm' für den vorherrschenden begriff. Pott, Fick, Skeat sind für 'seinem freien ungehinderten willen nachgebend'. Klugenimmt mit rücksicht auf altnord. villr für die grundbedeutung 'wandernd', Kluge⁷ 'verstandlos, unvernünftig'. gegen die annahme, dasz wild ursprünglich nur von lebenden wesen gebraucht wurde, wendet sich v. Bahder oben th. 13, 1072 mit dem hinweis auf got. wilþeis alêwabagms. für die grundbedeutung 'wandernd, irrend' tritt in ztschr. f. dt. wortforsch. 11, 299 Hauschild ein; doch vermag seine erklärung von fuchswild, federwild und hirschwild nicht zu überzeugen, während dagegen sein hinweis auf das altnordische sowie auf mnd. wilden umherstreifen, wiltloper bettler, und schles. wildstreicher landstreicher, denen noch mnd. wildschuren und wilde fruwen fahrende öffentliche frauen Lübben-Walther 582 anzufügen wären, alle beachtung verdient. am meisten wahrscheinlichkeit haben immer noch die aus der zusammenstellung mit wald sich ergebenden grundbedeutungen 'unangebaut, ungepflegt, wüste' (vom lande), 'im walde wachsend oder lebend' (von pflanzen, thieren, dämonen), aus denen sich am leichtesten die reiche sowohl persönliche als sachliche bedeutungsentfaltung des wortes ableiten läszt; vgl. auch die parallele silvaticus, sauvage sowie v. d. Leyen und Spamer die altd. wandteppiche im Regensburger rathhause 18 f.
B.
für den gang der bedeutungsentwicklung haben wir nur wenige anhaltspunkte. von den bei Graff gebuchten ahd. fällen bezieht sich wild zweimal auf personen, achtmal auf thiere, zehnmal auf pflanzen und früchte, einmal auf eine örtlichkeit (thal), nur einmal auf einen abstracten begriff (agresti cultu). rasch mehren sich aber die fälle übertragener verwendung, in denen das wort mehr und mehr eine erstaunliche vielseitigkeit entfaltet. Diefenbach führt wild bereits an als glosse nicht nur zu ferus, agrestis, silvestris, sondern auch zu lascivus, immansuetus, rudis, irritus-irritatus, fluctivagus, erro, girovagus, vagus, sevus, severus, ferner in verbindungen wie wild geschrei (rictus), wilde freiheit (vis rationalis), von des wilden (traurigen) mutes bekumernisse (cogitatio); dem mittelhochdeutschen sind ganz geläufig die bedeutungen 'zornig, unheimlich, dämonisch, sittenlos, ungesetzlich, seltsam, wunderbar, irre, unstät, untreu, fremd, entfremdet, abgestorben, faul' (vom fleisch). auf der höhe seiner entwicklung erscheint das wort im 16. und 17. jh. eine einschränkung des gebrauchsumfangs ist deutlich zu erkennen etwa von der mitte des 18. jhs. an, offenbar zusammenhängend mit dem bestreben, den allzu vieldeutigen ausdruck durch genauere scheidung zu ersetzen. bereits Rädlein (1711) gibt nur die bedeutungen an, die auch unserem heutigen sprachgefühl ganz geläufig sind: 'nicht zahm, unbewohnbar, rauh, tyrannisch, grausam, roh, unerzogen'. nach Adelung, der hier merkwürdig ungenau ist, sind die drei hauptbedeutungen: 'der physischen, der gesellschaftlichen und der moralischen cultur entgegengesetzt'. von einzelnen fällen erwähnt er wilde baumstämme, w. fische und fischerei, w. wasser, w. boden, w. gestein, w. fleisch, w. feuer; auszerdem kennt er die bedeutung 'fremd' aus den 'schwäbischen' dichtern (Burkhart von Hohenfels). doch finden sich in der litteratur des 18. jhs. noch manche, uns fremd anmuthende verwendungen, wie z. b. Henriettens wilde annehmlichkeiten Lessing, die wilde federzeichnung, wilde und geistreiche probedrucke Göthe III 3, 375; IV 42, 25 Weim. an neuen verwendungen schafft das 18. und 19. jh. nur die verbindung wilde ehe mit ihren verschiedenen nachbildungen, sowie den gebrauch von der wilde im eigentlichen sinne sowohl, als bildlich in der sprache der studenten, der parlamentarier und der schüler. im übrigen beschränkt sich nach den wörterbüchern von Heyne, Paul und Weigand das heutige gebrauchsgebiet auf die verwendungen 'nicht gezähmt, nicht veredelt, nicht angebaut, unbewohnt, schwer zu bändigen, roh, ungepflegt, ausgelassen, sittenlos, gegen ordnung und zucht, aufgeregt, zornig'. auszer gebrauch gekommen sind darnach also die bedeutungen 'seltsam, werthlos, unecht, unschön, unehrenhaft, unregelmäszig, unfundiert, heimathlos, fremd, dunkel, spröde, scheu' u. a., auszerdem eine grosze zahl von festen verbindungen, redensarten und ausdrücken aus den fach- und berufssprachen, die unter III C und E zusammengestellt werden. als ein gewisser ersatz für diesen ausfall mögen gelten die der neueren, namentlich der dichterischen sprache eigenthümlichen, nach älteren vorbildern wie wildfremd gebildeten zusammensetzungen wie wildbleich, wildeinheimisch, wildfrech, wildheiter, wildkalt, wildkühn, wildlustig, wildnaiv, wildromantisch, wildschön, wildscheu, wildschroff, wildstark, wildstarr, wildsüsz, wildtoll, wildunruhig, wildverrückt, wildverstört, wildviehisch, wildwüchsig u. a.; s. unten die betr. artikel. von eigenthümlichkeiten des mundartlichen gebrauchs, auf die unten im einzelnen eingegangen wird, seien erwähnt 'häszlich' bair.-österr.; 'schön' schwäb.; 'traurig' ndd.; 'lustig' ndd., elsäss.; 'fremd' ndd.; 'irre' brem.; 'schwindelfrei' schweiz. Stalder 2, 450; 'sehr häszlich, schmutzig' henneberg. (Reinwald); Kaltschmidt gesammtwb. (1851) 1069 erwähnt als süddeutsche eigenthümlichkeiten 'schmutzig, häszlich, struppig, schlottrig'; gemeinsam ist sämtlichen mundarten mit der umgangssprache die vorliebe für wild = 'zornig' in seinen verschiedenen verwendungen. beachtenswerth ist auch die ähnliche, vielseitige entfaltung des wortes im englischen, während das dänische und schwedische, soweit sie nicht durch das deutsche beeinfluszt sind, das wort in der von altnord. villr vorgezeichneten richtung ziemlich einseitig entwickelt haben, vgl. dän. fare vild irre gehen, schwed. gaͦ i villa in der irre gehen u. a.
C.
hand in hand mit der verengerung des gebrauchsgebietes hat sich in der neueren sprache eine veränderung des gefühlswerthes des wortes vollzogen und zwar mit merklicher umbiegung in malam partem. die vorstellung des feindseligen und gefährlichen, die in der alten sprache weniger im vordergrund stand als die des ungezähmten, uncultivierten (vgl. wilde bäume, wilde blumen, wild von singvögeln, affen), ist für das neuere sprachgefühl die vorherrschende geworden (vgl. wilde thiere raubthiere), auszer in den fällen, wo der gegensatz zu zahm, veredelt die herrschende vorstellung ist, wie bei wilde rosen, w. pferde. deszhalb spricht man jetzt lieber von feld-, wald- oder wiesenblumen, sowie von waldbäumen als von wilden blumen und wilden bäumen. anders zu beurtheilen ist das zurücktreten der alten formelhaften verbindungen der wilde wald, das wilde meer. in diesen fällen haben wohl die begriffe wald und meer ihren gefühlsklang verändert und das furchtbare für uns verloren, wodurch der anlasz zu jenen formelbildungen weggefallen ist; vgl. zu wald oben th. 13, 1082 f. für die sprache der litteratur insbesondere sind auszerdem, je nach dem charakter der betr. zeitspanne, gewisse schwankungen und verschiebungen im klang und gebrauch nicht zu verkennen. in wie eigenartigen verwendungen sich die mhd. dichtungen gefallen, ist schon oben erwähnt worden. auch in den folgenden zeiten finden wir das warmblütige und nach allen möglichen richtungen dehnbare wort als einen liebling besonders der temperamentvollen und gefühlsreichen schriftsteller und redner, die ihm je nach ihrer eigenart einen besonderen stempel aufdrücken. in dem groben und derben, mit dem sprachlichen ausdruck noch schwer ringenden 16. und anfangenden 17. jh. sehen wir das wort selbst einen groben und leidenschaftlichen ton annehmenso ist auch die einzige von Maaler (1561) angegebene bedeutung von wild beüwrisch grobund auszerdem die undankbare rolle eines provisoriums spielen zum ausdruck von vorstellungen, empfindungen und schattierungen, für die dem modernen dichter dutzende von feingeschliffenen und abgetönten sonderausdrücken zur verfügung stehen. ganz anders wie aus dem munde oder der feder eines Luther, Brant, Abraham a St. Clara oder Schupp klingt dann später das wort in der zeit des sturmes und dranges bis in die jahre der Jean Paul schen gefühlsseligkeit, wo es in erster linie als ventil für den inneren überschwang erregter gefühle dienen musz und selbst einen überschwenglichen charakter annimmt. sogar den ruhigen Lessing finden wir nicht frei von solchen uns fremdartig berührenden verwendungen: wilder, guter, edler — wie nenn ich ihn? Nathan 2, 9. weniger wundern wird uns dagegen, wenn bei Jean Paul selbst die tote natur sich übertrieben gebärdet und die vorgebirge wild in das meer dringen und waten Titan 4, 130. die classiker bringen den unserem heutigen sprachgefühl entsprechenden, maszvolleren gebrauch zur herrschaft. die dichter des 19. und 20. jhs. sehen wir dann in ihrem bedürfnis nach möglichst neuen und starken ausdrücken zu verstärkenden neuschöpfungen und verdoppelungen greifen, wie die schon erwähnten wildheiter, wildschön, wildschroff.
D.
vieldeutigkeit und spuren von unklarheit. bei den vielerlei vorstellungen, aus denen das gesammtbild des 'wilden' sich zusammensetzt, sind fälle der mehrdeutigkeit, ja der völligen unklarheit durchaus nicht selten, so namentlich, wenn das adjectiv als contradictio in adjecto durch das ihm beigesellte substantiv in seiner bedeutung völlig aufgehoben oder in sein gegentheil verkehrt erscheint, wie z. b.: eine wilde (verworrene) ordnung Paracelsus; eine wilde (verstörte) gleichgültigkeit Göthe, Immermann epig. ² 1, 234; einen übertriebenen unkindlich wilden ernst J. E. Schlegel 6, 75; zwischen den schloszmauern und diesem abgrund ist ein wilder (kunstloser, natürlich aussehender) spaziergang angelegt Novalis 2, 56. in anderen fällen zeigt das wort in einem und demselben satz zwei oder mehr ganz verschiedene bedeutungen, theilweise mit bewuszter ausnützung der vieldeutigkeit zum zweck eines wortspiels: die kleineren gemeindewege zumal nehmen sich mit ihren .. hilfsfuszpfaden genau wie das wilde (uneingedämmte) strombett eines vertrockneten flusses aus. diese ungeregelten, überzähligen wilden (nicht vorschriftsmäszigen, überflüssig wuchernden) pfade fressen unglaubliche strecken culturfähigen landes weg Riehl land und leute⁸ 214;
wild (ungezähmt) bist du nicht, du zartes bild,
doch darf ich dich auch nicht zahm nennen:
allein musz jedermann bekennen,
dasz der, der dich nicht liebet, wild (roh, barbarisch)
Weckherlin 1, 451.
in zusammenhang mit dieser vieldeutigkeit des wortes steht das bestreben, es durch synonyme ausdrücke (theilweise in formelhafter verbindung, s. unten III C) oder durch antithese enger zu umgrenzen: diese seelsorger nun sehen die vernunft, eben wie Montaigne, als ein wildes, unbändiges, reiszendes und gefährliches thier an Liscow 461;
nu bistu flüchtig, falsch und wilde
[K. Stieler] geh. Venus 49 neudr.;
bürger von altdeutscher sitte, bider, geschäftig, wild (urwüchsig) und stark wie ihre eichen Schubart leben und gesinn. 1, 9;
und macht die wilden herzen mild
Fischart lob der lauten v. 7 Hauffen;
aprilwetter .., welches bald schön, bald wild .. ist Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 45;
weisen wollens, wilden handelns
Göthe 1 III 13, 97 Weim.;
nicht so wohl wild als verwildert Hehn Italien 67. aber auch das mittel der antithese hilft nicht immer zu einer klaren vorstellung:
er meint, sie (die Wildeisin) wer so wilde,
gleich wie ihr namen laut,
so fand er sie gar milde,
er wolde sie zur braut
Zinkgref gedichte 15 neudr.;
man findt darunter (unter den Briaysern, einem französischen volksstamm) dreierlei arten, verschmitzte, wilde, und thorechte Sebiz feldbau 40;
anmuthig, doch nicht geil, herzhaftig, doch nicht wild
J. Rachel sat. gedichte 28 neudr.
wo ein neuerer schriftsteller eine der älteren vieldeutigen verwendungen nicht umgehen kann, zieht er es vor, einen neueren, eindeutigen ausdruck erklärend neben den alten zu setzen: je nachdem ., unterscheidet man: wilde oder natürliche und zahme oder künstliche fischerei Schwappach forstpolitik 332.
E.
bemerkenswerth ist auch der gebrauch des wortes in allitterierenden verbindungen; so attributiv neben wald, wasser, welt, woge, wurzel, adverbial neben wachsen, aber auch copulativ in wild und wüst, wild und verworren.
III.
bedeutung und gebrauch im einzelnen nach folgender übersicht: A. grundbedeutung: 'ungezähmt, uncultiviert' a) von thieren, b) von pflanzen, c) von sonstigen naturerzeugnissen, d) von menschen, e) von der sonstigen natur; B. abgeleitete bedeutungen: 1) 'heftig, stark', 2) 'unbändig, zügellos', 3) 'erregt, zornig, leidenschaftlich', 4) 'bösartig, gefährlich, furchtbar', 5) 'eindrucksvoll', 6) 'wandernd, heimathlos', 7) 'fremd, seltsam', 8) 'unvernünftig, roh', 9) 'scheu, spröde', 10) 'urwüchsig, derb, natürlich', 11) 'verwildert', 12) 'wirr', 13) 'unschön', 14) 'wuchernd', 15) 'gesetzlos, regellos', 16) 'gehaltlos, unrein, unecht'; C. formelhafte verbindungen; D. zusammensetzungen; E. fach- und berufssprachen.
A.
eigentliche verwendung mit beziehung auf die von der cultur nicht berührte natur, einschlieszlich des im urzustand lebenden menschen. hier bedeutet das wort im naturzustand befindlich, von der menschlichen cultur nicht berührt, in folge dessen 'nicht gezähmt, freilebend' (von thieren), 'unveredelt, nicht angebaut' (von pflanzen), 'unschmackhaft, nicht genieszbar' (von früchten), 'unverfeinert, nicht hergerichtet' (von sonstigen naturerzeugnissen), 'culturlos, primitiv' (vom urmenschen), 'unangebaut, brach' (vom boden), 'unbewohnt, öde' (vom wald und anderen theilen der erdoberfläche), 'ungebändigt' (von naturkräften).
a)
von thieren 'ungezähmt, ungebändigt, freilebend' im gegensatz zu den hausthieren; meist in attributiver verwendung;
α)
in verbindung mit allgemeinen begriffen wie 'fauna, thiere, bestien, vieh, wild' in gegenüberstellung zu zahm, geheuer, heimisch, harmlos, halbwild; ursprünglich 'wildlebende thiere jeder art' umfassend; dann häufig verengt zu dem begriff 'jagdbare thiere, wild', und im neueren sprachgebrauch meist mit ausgesprochener gleichstellung von wilde thiere = raubthiere; vgl. zu letzterem auch B 4, ebenso die artikel wildthier und wildzeug: wildiu tier Graff 1, 804; und die samenung der wilden tier zu dem herrn erste deutsche bibel 119, 24 Kurrelmeyer;
manch fruchtbar baum auch uber das
bschuf ich auf erden zu einr zir,
allerlei wild und zame thier
und auch die vögel in dem luft
Hans Sachs 1, 20 Keller;
auch uberal di thyr geheur uͦnt wild
Schede-Melissus psalmen 32 neudr.;
den wilden, den heimischen thieren Paracelsus opera 2, 325; die vorgefundene animalische welt (wurde) durch theilweise vernichtung der wilden fauna verringert und durch hausthiere bereichert Wimmer gesch. des deutschen bodens 1; wider die wilden bestien zu kämpfen S. v. Birken ostländischer lorbeerhäyn (1657) 19; die nächsten geschöpfe des feldes und waldes an harmlosen und wilden thieren sind auch vorhanden (im osteologischen cabinett) Göthe IV 29, 146 Weim. vereinzelt finden sich die verbindungen das wilde wild (s. oben sp. 4 unten) und das wilde vieh, meckl. vorpomm. will veih 'wild' Mi.
β)
in verbindung mit den namen einzelner thiergattungen, wobei gerne verschmelzung mit dem substantiv eintritt, vgl.wildbär, -beest, -büffel, -eber, -ente, -esel, -falke, -gans, -geisz, -hahn, -huhn, -hund, -katze, -ochse, -pferd, -rind, -sau, -schaf, -schnepfe, -schwan, -schwein, -stier, -taube, -vogel, -ziege.
aa)
thiergattungen, die nur im naturzustand vorkommen, wobei zu beachten ist, dasz in der älteren sprache auch kleinere und harmlose thiere wie affen, singvögel, sowie fische u. a. wild genannt werden: der wilde bêr, luhsa diu wilda Graff 1, 803; die wilden vogel Walther 124, 30;
man hat zwein wilden vischen
den helt gebunden umbe ir kragen
Konr. von Würzburg troj. krieg 27384 f.;
der (Kain) loff da her
und brummet wie ein wilder beer
Hans Sachs 1, 61 Keller;
löwen, beeren, hunde, wölfe und andere wilde thier Moscherosch gesichte 2, 414; von affen:
dann jeder sehen wolt den affen,
der weibern gibt so viel zu schaffen,
und freuten sich seins unglücks all,
das man disz wild thier brächt in stall
Fischart flöhhaz v. 1256 neudr.
von vögeln:
es sang ein nachtigall wilde
von sunnen schein in grönem hag
Hätzlerin 4;
Ägyptens eingestürzte seulen
sind die behausung wilder eulen
Gottsched gedichte 118;
sie schwärmen wie wilde vögel
durch feld und waldrevier
Geibel 1, 54;
auch vom gesang der vögel:
wie die turteltaube girret
und manch wilder vogelsang
mit echo am felsenhang
zärtlich und verliebt sich wirret
Tieck 1, 397;
bb)
thiergattungen, die auch als hausthiere oder wegen ihres nutzens gehalten werden, wie ochsen, hunde, geflügel, bienen: wilda esila, wildiu gans Graff 1, 804; ein wilt bock ibex, ein wilde gaisz rupicapra, ein wilde katz figus Diefenbach nov. gloss.; item 1⁄2 m. eyme manne gegeben, der unserm homeister eyn wilt pferdt brochte Marienb. treszlerbuch 244;
doch seufzt und ächzt er in unmut,
wie ein wilder ochs brüllen thut
Dähnhardt griechische dramen 2, 80;
von einem wilden schwein Ranke 1, 235. vom geflügel, von bienen: zahmes und wildes gefieder Aitinger jagd- u. weidb. (1681) A Iᵇ; wildes geflügel in menge G. Forster 4, 28; eine taube .. ist der bekante hausvogel, wiewohl ihr auch unterschiedener art wild seind Harsdörffer d. teutsche secretarius 1, 74; wilde bienen und andere thiere allgem. haush.-lexicon 3, 729.
cc)
thiergattungen, die andern ähnlich sehen und deshalb uneigentlich nach diesen genannt werden, wie es bei pflanzen noch häufiger ist: wilder rehbock, damhirsch, wilder sperling, sanggrasmücke Campe 5, 718; vgl. auch unten wildelster, wildstör, wildgeisz.
γ)
in der älteren sprache von dem fleisch wildlebender thiere: was wild, unzam fleisch ist, das von leuten nicht geführet und erzogen ist Paracelsus opera 1, 300ᶜ. auch von dem zubereiteten fleisch wilder thiere in der verbindung wilder braten, wildbraten: man legte also den hasen in eine scharfe essigbeize, und liesz ihn nach mühsamer reinigung zu einem wilden sauerbraten werden der Leipziger aventurier (1756) 1, 54; daher auch wildgemacht.
δ)
von der lebensart der thiere: nur das schwein befand sich wenigstens .. noch im wilden zustande Peschel völkerk. 45;
aus der Eneter land, voll wild aufwachsender mäuler
Bürger 205;
bildlich: professor Bergs schüler wachsen alle etwas wild auf Gutzkow ritter v. geiste 1, 45.
b)
von pflanzen 'nicht absichtlich gepflanzt und angebaut, nicht künstlich veredelt, im ursprünglichen zustand freiwachsend', im gegensatz zu culturgewächsen und zu zierpflanzen; daher auch wilder wald, 'sich selbst überlassener' im gegensatz zum regelmäszig bewirthschafteten forst Heinsius (1822) 4, 1631; in der botanik mit leichter verschiebung wilde arten 'einheimische' im gegensatz zu 'fremdländischen' oder 'verwilderten', s. Potonié illustr. flora von N.- u. M. - Dtschl.⁵ 44; siehe auch hinten die zusammengesetzten namen wie wildkraut, -pflanze, -flora, -erbse, -esche u. s. w.
α)
von bäumen und sträuchern, wobei zu beachten ist, dasz die ältere sprache wilde bäume meist in der bedeutung 'waldbäume' gebraucht, während der neuere sprachgebrauch meist nur von 'wilden obstbäumen' im gegensatz zu 'zahmen' spricht (auch z. b. von 'wilden kastanienbäumen') oder unter wilden bäumen und stöcken 'unveredelte, ungepfropfte' versteht, eine verengung, auf die schon Adelung aufmerksam macht.die ältesten belege sind got. wilþeis alêwabagms, ahd. wildiu eih esculus, vicpouma, olepoume sycomoros, mulpoume Graff 1, 803; bei Diefenbach gloss. 394ᵇ wilder olbawm olea.
aa)
wilde flora, wald bäume und -sträucher: zusammentreffen der wilden floren zweier continente .. auf einer oceanischen insel Ritter erdkunde 1, 49;
ihr bäume, beide wild und zahm,
kommt lobet meinen bräutigam
A. Silesius heilige seelenlust 214 neudr.;
ein jägerhaus .. ganz mit birken und andern wilden bäumen verwachsen S. v. Birken der vermehrte Donaustrand 43 f.; ein niedriger hügel, voll brombeerranken und wilder rosenbüsche Storm 1, 99. der gegensatz ist 'zahmer baum': myrtus ist nicht in deutschen landen, ich hab auch sonst keinen gesehen, sie schreiben aber, es sei nicht ein wilder, sondern ein zamer baum Luther 23, 510 Weim.
bb)
wilde obstbäume: ein wilt appel macianum Diefenbach nov. gloss. 242ᵇ; einen .. wilden birnbaum polit. maulaffe (1679) 103;
.. stelle deine streiter dort
zum wilden feigenbaum
Bürger 174.
cc)
sonstige bäume mit ungenieszbaren früchten im gegensatz zu verwandten 'nutzbäumen': die meisten wilden kastanien- und lindenbäume Kerner bilderbuch 37.
dd)
'ungepfropfte' bäume und stöcke im gegensatz zu 'edeln' oder 'veredelten': wie ain zweyl edler natur, so auf ainn wilden stock gepelzt wirt, die wildnatur desselben stocks an sich zeucht und daraus ainn edeln paem macht, der guote frucht bringt Berth. v. Chiemsee teutsche theologey 137; itzo versetzet man die wilden stämme, die übers jahr sollen gepfropfet werden allg. haushalt.-lexicon 1, a, 3ᵇ.
β)
von unkraut, sowie von gras, heu, stroh, die nicht von wiesen oder feldern herrühren; vgl. auch die artikel wildkraut und wildheu: wild krût Diefenbach nov. gloss. 13; wildes unkraut wird euch ersticken Sal. Geszner (1778) 2, 9;
dem rauschenden wilden grase
auf zerfallnen heldengräbern gleich
Schubart gedichte 2, 287;
die dach sind mit wildem stro oder sträw, die in den welden von ihm selbst wächst, bedecket general chroniken (Frankfurt 1576) 42ᵇ.
γ)
von pflanzen, die nutzpflanzen wie weinrebe, kümmel, kürbis, hopfen, spargel ähnlich oder mit ihnen verwandt sind: Graff 1, 803 nennt als 'wild' winrebun, repa, cresso, haparun, churpiza; Diefenbach gloss. wilde papele alcea 8, wilder sänf eruca 209ᵃ, wild saffran eupatorium 213ᵃ, wild senp eutentilla 213ᵇ, wildiu repa wildreb labrusca 314ᵇ; nov. gloss.: wilde kresse (cardamum), wilde senf (azonium), wildi reb (senecia), wilde ader velt komel (siler), wilder kole (struthium); Emmelius nomenclatura hat w. cucumern (42), senff (74), kümmel (76), saffran (67), wicken (64), feig (53), köl (65), kresz (75), kurbis (66), lauch (66), rübstock (57). bei älteren und volksthümlichen benennungen besteht oft gar keine andere beziehung als die äuszere ähnlichkeit zwischen der als wild bezeichneten und der eigentlichen pflanze; wild bedeutet also hier wie bei manchen thiernamen 'uneigentlich' oder 'unecht': thüring. well' baumwaͦll (eriophorum L.), weller hunf (galeopsis tetrahit. L.), weller waldmeister (galium silvaticum L.) Herzog über volksnamen der pflanzen im hzt. Gotha (mittheilungen der vereinigung für gothaische geschichte 1901) 188; brandenb. wilen tōbak (königskerze) archiv der Brandenburgia 11, 122; wild flass, wille flass, wille wîe Schambach gött. idiot. 271; wille more, w. vitesbohn, w. mandelkrûd Woeste westf. wb. 324.
δ)
von sonstigen kräutern und blumen, die nicht in gärten angepflanzt werden: Steinbach (1734) wilde kräuter herbae erraticae; die gesammelten blumen, die wilden kräuter Bettine tagebuch 198;
wilde ausgeraufte blumen
streuet sie ihm jetzt aufs dunkle haupt
maler Müller werke 1, 75;
in der älteren sprache allgemeiner als in der heutigen, die nur noch die unveredelten verwandten unserer gartenblumen wild nennt, wie die wilden rosen, nelken u. a., während sie sonst die benennung wildwachsend, wald-, feld- oder wiesenblumen vorzieht, sowohl im allgemeinen als von einzelnen gattungen, wie z. b. wiesensalbei, feldquendel, waldminze statt wilder salbei u. s. w.: wildiu minza Graff 1, 804; Diefenbach gloss. nennt so wilt acceley (aquileya agrestis 44), wildiselbin, wilde salben, salbeie (eupatorium 213ᵃ); Emmelius nomencl. w. bolei (68), galgan (65), kerbel (75), basilien (71), ochsenzung (77), rauten (78), schwertel (70); Gersdorff wundarzney (1517) xxxvii 1 a wilder sanickel; allg. haushalt.-lexicon 3, 729 wilde anemone; ebenso noch heute mundartlich wille fillette (nelke), wilen lifekîn, w. melle (melde), w. stockrose (malve) Woeste westf. wb. 324.
ε)
von dem ungepflegten wachsen der pflanzen: der weinstock wird wild vitis sylvescit Steinbach; die tulpe ist in ihrem wilden zustand gelb Göthe II 5, 2, 160 Weim.; Theophrastus bemerkte, dasz in den bergländern hinter dem kaspischen meer die gerste wild wächst J. v. Müller 1, 25;
wo wild die rose um den steinpfad wuchs
Hölderlin 2, 202;
bildlich: ei was! geschnitzte helden hätten wir genug; mir sind die lieber, die wild im walde wachsen Bauernfeld 5, 111; ist's genug, dasz in und um Weinsberg die geister wild wachsen wie wegerich? Immermann Münchhausen ² 2, 146; minister von der begabung Falk's wachsen bei uns nicht wild Bismarck ged. u. erinn. (volksausg.) 2, 157. besonders in der verbindung aus oder von wilder wurzel, eigentlich 'auf neu gerodetem boden': swar gebure en nie dorp besettet van wilder wortelen Sachsensp. 3, 79 Hom.; seit dem 12. jahrhundert kamen die städtegründungen 'von wilder wurzel', wenn auch im anschlusse an schon vorhandene dörfer, auf R. Schröder rechtsgesch. ² 606; ein durchgreifender wille ordnete die dinge gleichsam aus wilder wurzel Treitschke aufs. 2, 19.
c)
von anderen naturerzeugnissen 'wildwachsend', meist mit dem nebensinn 'unschmackhaft, bitter' (von genieszbaren), 'unverfeinert, nicht künstlich hergerichtet, roh' (von sonstigen):
α)
früchte wilder obstbäume und beerensträucher, halmfrüchte, wurzeln; auch in diesen fällen ist, wie für bäume und blumen, das heutige gebrauchsgebiet von wild enger als das frühere, indem bezeichnungen wie holzäpfel, waldbeeren gebräuchlicher geworden sind: wildiu peri, wildi honag Graff 1, 803; wild iohannesbrodt fabago Diefenbach gloss. 221ᵃ; alles wildes obes, als holzbirn, holzepfel oberrhein. stadtrechte (Miltenberg 1379) 1, 315; ich hab gepflanzet ain weingarten, .. so hat er bracht wilde und biter frücht Knebel chronik von Kaisheim 13;
soll man den kranken mund an wilden äpfeln weiden?
B. Neukirch gedichte 109;
wie schmeckt die wilde und unverbildete kastanie? Immermann 1, 10;
und beeren wilder art
Wieland 22, 6 (Oberon I 5, 4);
was sollt' ich auch ..
die wilde kost verzehren?
Platen 153 (an die taube);
und wilde wurzeln waren eure speise
Schiller 13, 311 (jgfr. v. Orl. 5, 2);
die wilde halmfrucht Mommsen röm. gesch. 1, 18; hierher auch zusammensetzungen wie wildobst, wildapfel u. s. w., s. die betr. artikel.
β)
vom honig und wein: sein speis was heischrecken und wild hönig Marc. 1, 6 bei Berthold v. Chiemsee teutsche theologey 609; dann Christus hat nit wöllen wilden wein zu trinken geben, sondern zamen wein Paracelsus opera 2, 413.
γ)
sonstige naturerzeugnisse wie federn, pelz, holz:
er trug ein wams von leder
und einen jägerhut
mit mancher wilden feder
Uhland ged. ² 377;
mit wilden katzenbelzen Garg. 90 neudr.; s. auch hinten wildholz, 'angeschwemmtes holz'.
δ)
bildlich von den sprachen wilder völker, wohl weil sie mit naturerzeugnissen verglichen werden: so ordnen nicht nur alle wilden sprachen, sondern ungeachtet der groszen cultur, die sie erlangt hatten, auch die sprachen der Griechen und Römer ihre bilder Herder 22, 146; vgl. auch W. v. Humboldt briefe an Welcker 52.
d)
von menschen 'im naturzustand lebend, uncultiviert', meist mit dem nebensinn des unvernünftigen, rohen, gefährlichen.
α)
in der älteren sprache mit vorliebe von dämonischen, meist mit übernatürlichen kräften begabten bewohnern des waldes und der berge, vgl. wildemann, wildfrau, wildweib, wildleute: wildaʒ wîp lamia, wildiu wîp ululae Graff 1, 804; die wilden merwîp Nib. 1514, 3; und in dem obgenanten perg, do sein wild leut, die chain wanung haben pei andern menschen .. und laufen als andere thier in dem perg und essen auch laub und gras Schiltberger reisebuch 39 lit. verein; in diesem wald hätten früherhin wilde leute gehaust, deren handgriffe man noch in den steinen sähe Grimm sagen ² 1, 211;
die wilden männer sind s' genannt,
am Harzgebirge wohl bekannt,
natürlich nackt in aller kraft,
sie kommen sämtlich riesenhaft
Göthe 15, 54 Weim. (Faust II).
sonst vgl.B 4 b.
β)
von naturvölkern in fremden erdtheilen, meist in verbindung mit dem volksnamen, erst später mit substantivierung des adjectivs, vgl. unten wilde, m.:
und frage doch einmal das volk der wilden mohren
B. Neukirch gedichte 113;
bei den wildesten wie bei den cultivirtesten nationen K. L. v. Haller restaur. d. staatswiss. 1, 1.
γ)
in der älteren sprache auch für 'halbbarbaren, halbwilde', die nicht culturlos sind, sondern nur auf einer tieferen culturstufe stehen, ein ungenauer gebrauch, der schon von Adelung beanstandet wird: die wilden Indier Sebiz feldbau 229; die wilden Schotten Neumark neuspr. teutsche palmb. (1668) 111; wilde Griechen ebd. 348; vgl. unten Wildschotten.
e)
von der sonstigen natur 'unbewohnt, unangebaut' (länder, gegenden), 'brach, unbearbeitet, unfruchtbar' (erdboden), 'ungebändigt, nicht nutzbar gemacht' (elemente).
α)
von ländern und gegenden, oft mit dem nebenbegriff 'öde, einsam, rauh' und darum auch mit entsprechenden zusätzen: wildaʒ tal Graff 1, 804;
ûf den wilden sant
Gudr. 849, 2;
in eine wilde einöde Boltz Terenz deutsch 160ᵃ; in dem wilden tal Arigo decamerone 148, 21; an diesen wilden unbewohnten orten Grimmelshausen 2, 38 Keller; das wildeste land mediz. maulaffe 106; die gegenden sind meistens wüst und wild Brockes ird. vergnügen in gott 4, 224; er wollte überall die wilde, gemeine und ungesäuberte natur sehen Wackenroder herzenserg. 145; die scene stellte eine wilde gegend vor Klinger werke 3, 28;
wild ist es hier und schauerlich öd'
Schiller 11, 90 (spaziergang);
im wilden, unholden Litthauen G. Forster 8, 24; auch mit bewuszter übertreibung von schwächer bevölkerten und weniger angebauten ländern: morgen geh ich .. nach Waldeck, wilde gegenden und einfache menschen aufzusuchen Göthe IV 3, 6, 8 Weim. in der älteren sprache namentlich in den verbindungen der wilde wald, die wilde heide, an wildem ende:
kam in ain wildes tan
Hätzlerin 143;
und wärest du in einem wilden wald Keisersberg spinnerin a 3ᵃ;
auf wilder heid
such ich mein weid
bergreihen 115, 8 neudr.;
die haide .., die so schwarz und wild zu ihren füszen lag Storm 1, 226; westf. de wille haie (haide) Woeste 324; auszer gebrauch gekommen ist die redensart an wildem ende, in der einsamkeit:
ich bin, die du hast hingefürt
ausz meim köngkreich in das ellend,
die du verliest an wildem end
H. Sachs 2, 259, 34 Keller;
wie pist du so gar alleine an disem wilden ende zu diser zeit der nacht Arigo decamerone 330, 15; weil ihr so gar alleine an diesem wilden ende zu dieser zeit des tages und fast nachtes kommet schausp. engl. comöd. 230, 29 Creizenach. vom gebirge und von felsen:
gên den wilden alben
Barlaam u. Jos. 194, 40 Pfeiffer;
ein wildes rauches gebürge Schaidenraiszer Odyssea (1537) 11ᵇ; es müssen auf den wildesten gebürgen sehr viele grosze herren gelebt ... haben Haller tagebuch s. beobachtungen 1, 15; über diesen (den Innstrom) herüber aber schauen die wilden kaiser Steub drei sommer in Tirol 12;
hier an den felsen, schroff und wild
Lenau gedichte (1857) 1, 197;
s. auch wildalpen, wildberg.
β)
vom erdboden, 'unfruchtbar': der erdpodem ist aller verflucht, was man nit baut, ist wild, und pringt nichts dann distel und dorn S. Franck teutsch. nat. chron. (1539) 3ᵇ; 'unbebaut': 1758 wurden 56 ruthen .. so, wie es noch wild dalag, für 100 thaler angeschlagen Möser Osnabr. gesch. ² 1, 117; besonders in dem fachausdruck wilde erde, wilder boden: denn gesetzt auch, dasz in dieser art (bei tiefem pflügen) wilde erde herauf gebracht würde, so wird doch solche hernach den sommer über mit dampf und frucht aus der luft und sonne geschwängert Chomel öcon. u. phys. lex. 7, 709; der sogenannte wilde boden, der unter der schicht der ackerkrume liegt, musz bedachtsam aufgepflügt werden Auerbach neues leben 2, 5; luxemb. wele buᵉdem unter dem fruchtbaren boden liegende erde (wb. der luxemb. mundart 483); tirol. wild, unangebaut Schöpf; vgl. ferner unten wildboden, -land, -wiese.
γ)
vom wasser 'flieszend' im gegensatz zu stehenden, künstlichen gewässern: des wilden wassers flumen Diefenbach gloss. 240ᶜ; swe so vischet in enes anderen mannes watere an wilder wage (in strömendem wasser) Sachsensp. 2, 28, 1; nicht in bestimmte rinnsale geleitet: vielleicht waren sie (die sümpfe) früher trocken gelegt gewesen und .. nachher den wilden wassern wieder überlassen worden Niebuhr röm. gesch. ³ 1, 147; 'nicht beständig flieszend': wilde flüsse periodische, unstätige Schmeller 2, 899; im gegensatz zu quell- oder wasserleitungswasser: indem wiederholt die fassung derselben (quellen) zur abwendung wilden wassers verändert und verbessert wurde Leipz. tageblatt v. 6. mai 1901; die verachtung .., welche so häufig die alpenbewohner gegen die 'wilden' gletscherwasser bezeugen, und ihre verehrung vor den 'lebendigen' quellen Tschudi thierleben 223; Adelung definiert w. wasser als 'nicht durch kunst geleitet und gehegt'; Heyne 3, 1382 als 'nicht in künstliche rinnsale geleitet'. vgl. auch wildbad 'natürliches heilbad', sowie die artikel wildfluth, -gerinne, -wasser; ferner unten B 16 wild, werthlos.
B.
abgeleitete bedeutungen, wobei ein ursprünglich nebensächliches merkmal der wildheit hauptmerkmal wird, häufig mit übertragung theils von der natur auf die cultur, theils vom körperlichen auf das geistige, vielfach nur von vorübergehenden zuständen.
1)
'stark, heftig, ungestüm'; zunächst noch von den naturgewalten, dann übertragen auf menschliche kräfte, eigenschaften, empfindungen und gefühle, vor allem auf leidenschaften; auch auf thätigkeiten und vorgänge, besonders auf bewegungen; oft nur als gradbestimmung, namentlich in verbalen fügungen wie wild stinken.
a)
von naturerscheinungen, besonders vom wetter:
ihr wilden elemente, werdet herr!
Schiller 14, 370 (Tell 4, 1);
furcht vor den wilden naturkräften Mommsen röm. gesch. 1, 159;
du reisest! seufzte sie, und ach! trotz wilder hitze?
nach Deutschlands wüstenei, nach dummer Gothen sitze?
Uz 283 v. 93 Sauer;
je tiefer der winter sich senkte, je wilderes wetter, je unzugänglicher die wege Göthe 20, 249, 2 Weim. (wahlverw.); wildes wetter, 'eine verbindung von regen, schnee mit starkem und wechselndem wind' Liechtenstern allg. dt. sachwörterbuch (1834) 10, 378; s. auch hinten wildwetter;
regen stürzt in wilden güssen, grauenhafter donner brüllt
Platen 1, 8;
soeben durch ein wildes schneegestöber von einem termin zurückgekehrt Bismarck briefe a. s. braut u. gattin 14; vom wasser:
sein (des baches) flusz was angestlichen wild
Hätzlerin 166, 20;
gleich wie die wilde flut
nicht allezeit sich musz bewegen
Königsb. dichterkreis 59 neudr.;
auch des wilden stromes bette
schlieszt sie in den heilgen raum
Schiller 11, 297 (bürgerlied);
thäler, in die sich wilde bäche hinabstürzen Raumer gesch. d. Hohenst. 4, 66;
so wild das wasser stürmt und rauscht
Droste-Hülshoff 2, 92.
vom feuer, wofür in der älteren sprache die verbindung wildes feuer ganz stehend ist:
daʒ wilde viuwer vor ir ougen glaste
Rabenschlacht 823;
dasz das wilde feuer aus .. helm und schild fuhr volksbuch v. geh. Siegfried 73 neudr.;
das wilde feuer,
das seine rote zunge nach mir streckt
Tieck 1, 91;
von der dörfer, von der städte wildem brande
Schiller 11, 316, 340;
da fangen wälder an zu rauchen
und prasseln wild im sturme auf
Mörike 1, 146;
wildes feuer alterthümlich auch in der bedeutung 'scheiterhaufen, feuertod'; vgl. mhd. wildeʒ viur rogus Diefenbach gloss. 500ᵃ: das die ... frau des wilden feurs wirdig ist, die iren leib ... verkauft Arigo decamerone 467.
b)
von menschlicher körper- und geisteskraft: sein vater hatte in der jugend wilde kräfte, zu deren spiel nur ein schlachtfeld oder königreich geräumig gewesen wäre J. Paul Titan 1, 4; aus überflüssiger, wilder und üppiger kraft Wackenroder herzenserg. 155.
c)
von empfindungen und gefühlen, körperlichen und seelischen:
es wand ihr ein knäbchen sich weinend vom schosz
bei wildem unsäglichem schmerze
Bürger 62 a (des pfarrers tochter von Taubenhain);
plötzlich treibt ein wildes sehnen
nach den bergen mich, zu ihr
Lenau gedichte (1857) 1, 29;
die zehn mohrenritter
hat ein wilder schreck gefaszt
Uhland ged. ² 281;
der alte (im W. Meister) ... ergreift uns mit wilder wehmut Fr. Schlegel Athenäum 1, 12; der wilde zorn 3, 32; unter wilder lustigkeit Zimmermann einsamkeit 1, 18; mit wildem humor gewürzt Mommsen röm. geschichte 3, 39; volksthümlich auch von heftigen krankheitserscheinungen, bairisch wilde vergicht wüthende gicht Höfler krankheitsnamen 192.
d)
von vorgängen, thätigkeiten und ereignissen, namentlich vom kampfe:
er hat so mengen wilden strusz
mit den juden allen gehan
Mone schausp. d. mittelalt. 2, 272;
in meinem kopf entstand ein wildes ringen Ebner-Eschenbach 4, 250; eine wilde revolution Niebuhr röm. gesch. 1, 82;
es braust ..
wild durch die welt der krieg
Arndt werke 4, 7;
hierher auch aus der umgangssprache die häufige mahnung: nicht so wild! 'nicht so ungestüm!' und aus der bierbrauersprache wilde gährung von der ersten, besonders heftigen gährung im gegensatz zur nachgährung und stillen gährung Prechtl technolog. encykl. 21, 444.
e)
von raschen bewegungen: ain wild gestrabal (gestrabel) Garg. 44 neudr.; mit rollenden augen und wilden schritten Langbein 6, 268;
täglich über's meer in wilder eile
fliegen ihre schiffe
Lenau gedichte (1857) 1, 227;
hier war zu sehn Dianas wilde jagd
Heine 2, 47;
zerstob ein theil im wilden lauf
Mörike 1, 239.
f)
mit völlig verblaszter bildlicher vorstellung, nur zu temperamentvoller verstärkung, namentlich in der älteren und volksthümlichen sprache und vorzugsweise als adverb: denn solchs ein gemein werk ist weltlichs schwerts, und viel davon geschrieben und manch wilde scherfe hirinnen gesucht wirt Luther 11, 251, 8 Weim.; da man es (das kraut basilicum) aber stark reibet, stinkt es gar wild Abraham a St. Clara Judas 1, 37; es stinkt wild auch bairisch Schmeller 2, 899; hierher wohl auch: wild närrisch, wild schön sehr schön Schmeller a. a. o.; henneberg. well sehr, gar zu well gar zu sehr Reinwald 1, 190; ähnlich in der norddeutschen umgangssprache wild hübsch 'sehr hübsch' zts. f. dt. wortforsch. 2, 334; auf der kirmes war's gar wild hübsch, es friert mich wild Spiesz Henneb. idiot. 283; vgl. auch thür. e weler schnupfer, raucher Hertel 258; weniger kühn erscheinen uns verwendungen wie: ich sudle heut abend wild, aber es ist besser etwas als nichts Göthe III 1, 224 Weim.; oder von schwerer arbeit: die natur hat sich schwer und wild abgemüht, bis sie die jetzigen typen ... festgestellt hat Vischer auch einer ³2, 116.
2)
'unbändig', in verschiedenen abstufungen von harmloser ausgelassenheit bis zu völliger zügellosigkeit und zuchtlosigkeit; von ungezähmten thieren zunächst übertragen auf gezähmte, die schwer zu bändigen sind:
je gröszer herr, je wilder beer
Seb. Franck sprichwörter 1, 36ᵇ;
seid nicht so unverständig,
wie gäul' und mäuler sein, die eh' nicht werden bändig,
als wenn ihr wildes maul ein scharfer zügel zwingt
Fleming deutsche gedichte 1, 5;
ins lustgeheul der wilden doggen rauscht
ein gräulich schnauben
Droste-Hülshoff 2, 214;
in der jägersprache von jagdhunden: wild werden heiszet, wenn der leithund auf des jägers zuspruch, lieben und strafen nicht mehr achten, sondern in allem nur seinen eigenen willen haben, und in keine rechte ordnung sich bringen lassen will Heppe lehrprinz 42. dann übertragen auf menschen und menschliche verhältnisse; meist als dauernde eigenschaft; gerne im gegensatz zu milde oder zahm, vgl.je wilder er, je milder sie Wander sprichw.-lexicon 5, 324;
ein wilder mann wird nimmer
als nur von liebe zahm
Rückert ges. gedichte 4, 375.
a)
'unerzogen, ungezogen, ausgelassen, ungebunden, feurig', zunächst von kindern und jungen mädchen, namentlich in stehenden verbindungen wie wilde hummel, wilde brut: man sagt mir, ich soll in meinen kindlichen jahren fast wilt gewest sein Sastrow 1, 61; ir hildenbrandstreichige wilde hummeln (von männern; vgl. th. 4 II, 1903) Garg. 16 neudr.; aber so ein liebes mädchen mit einer wilden zu vertauschen? Stephanie lustspiele (1771) 123; mit der blonden tochter des liederlichen pachters, einer wilden hummel von brünette Göthe 24, 111, 23 Weim. (wanderj. 2, 6);
hast dich mit wilder brut
wieder eins herumgeschlagen?
Müllner 1, 15;
Henriettens wilde annehmlichkeiten, ihre wohl lassende dreustigkeit, ihre fröhlichen entzückungen stechen mit den gründlichen eigenschaften ihrer schwester vortrefflich ab Lessing 2, 59, 16 (freigeist 1, 3);
der ungebundnen freiheit wollen sie
entsagen, nicht dem zügel des gesetzes
entzieht sich ihre brausend wilde jugend
Schiller 14, 95 (br. v. Messina 4, 1);
westf. en willen jungen ein lebhafter junge, dat wille für ein wildes frauenzimmer Woeste 325; gött. de wille düwel der wilde knabe Schambach 298; elsäss. e wilᵈ kind ausgelassen, e wildi hüt ein lustiges mädchen Martin - Lienhart 2, 820; vgl. auch hinten wildfang, wildfisch und wildhammel; auch von erwachsenen, vielfach scherzweise, aber auch tadelnd als 'formlos, rauh':
ein jung gesel, der noch so wild,
kan werden durch ein weib gestilt
B. Krüger Clawerts werckl. hist. 18 ndr.;
der abt Terrason hat irgendwo bemerket, man werfe den Engländern ein gewisses wildes und ungezähmtes wesen vor Zimmermann von dem nationalstolze 73; ein wild leben fera agrestisque vita, immanes et barbari mores Dentzler clavis linguae lat. (1716) 352ᵇ; allein eine (sprache) im wilden freien leben, im reich der groszen weiten schöpfung, noch ohne bücher und buchstaben .. sie musz sich verändern Herder 5, 126 (ursprung der sprache).
b)
die grenzen des erlaubten überschreitend, 'unbändig, zügellos, frech, ausschweifend', schlieszlich 'maszlos'.
α)
von personen: wilde, unsanftmutig immansuetus Diefenbach gloss. 287ᵇ; viertens müsset ihr mit allem fleisz verfügen, dasz eure arme unterthonen nit beschwert werden von dem wild, vil weniger von den wilden und ungeheuren jägern Aeg. Albertinus zeitkürzer 23; der junge ist wild wie der teufel Iffland 2, 18 (die jäger 1, 5); er hat ein gut gesicht; nur zu wild ist er Storm 1, 239; gerne in verbindungen wie w. brüder, w. kunden, w. meyer, w. vogel, w. knabe, und moderner ein w. passagier: das jung wild blut überhub sich des glücks Seb. Franck chron. Germ. 81²;
und kument mir so wilde kunden,
die ich alle sol beschweren!
Murner narr. beschw. nᵃ;
für wilden brüdern hüte dich
Ringwalt die lauter w arheit 41;
Bacche, du bist ein wilder meyer
Scheit Grobianus 66 neudr.;
der jüngste war ein wilder vogel Kirchhof 1, 278; ich war in meinen jüngern jahren ein wilder passagier H. Beck schachmaschine (1798) 15;
und der wilde knabe brach
's röslein auf der heiden
Göthe 1, 16 Weim.;
ferner vgl. unten ndd. wildbrägen und alem. wildhirn.
β)
vom blut selbst als dem sitz des charakters, vom charakter und einzelnen eigenschaften, namentlich von übermuth, ehrgeiz, kampfeslust:
von der kraft, die dir das leben
mit dem wilden blut gegeben,
nimm den tod
Müllner 1, 68;
das milchblut der zinnoberwangen
hat meinen wilden geist gefangen
[K. Stieler] geharnschte Venus 16 neudr.;
mein wilder charakter Schubart leben und gesinnungen 1, 39; sein frommfarbichter mantel bedeckt' ein wildes herz Thümmel Wilhelmine 33, 6 (ndr. der 1. ausg. 1764);
wenn deinen wilden trotz nicht meine güte bricht
Ayrenhoff 1, 91;
der wilde ehrgeiz macht unterdrücker Lenz vertheidigung des herrn W. 38; mit wildem übermuthe hab' ich an den kräftigen stamm hand gelegt Holtei erz. schriften 2, 10; eine wilde rauf- und beutegier Mommsen röm. gesch. 2, 64.
γ)
vom schweren wein: wil der wein im fasz zu wild sein, so schlag ihn mit der wasserstangen Seb. Franck sprichwörter (1541) 1, 148ᵃ; (weine) nit so wild als die Traminer H. Guarinonius grewel der verwüstung 635; vereinzelt auch in der neueren sprache, so bei dem Schweizer H. Federer: ich war berauscht .. wie es nur bei leuten vorkommen mag, die in einem schwächezustand schweren, wilden wein trinken daheim 1909 no. 40, 19.
δ)
von der phantasie, vom stil, von kunstwerken, gedanken:
freund!
du zähmest nie die wilde phantasei!
Z. Werner Martin Luther 123;
die bunten gebilde einer groszartig wilden gothik der phantasie Lange materialismus vorw. 8; die kühne, oft wilde schreibart Schubart leben und gesinnungen 2, 10; das wilde bacchanal des barockstils Justi Winckelmann 1, 413; die wilden einfälle der rasenden Klinger werke 12, 244; die wildesten hypothesen Kant (1867) 2, 579; in wilden schätzungen von fallhöhen Humboldt kosmos 3, 288; wilde speculationen Freytag handschrift 3, 9.
ε)
von sonstigen äuszerungen zügellosen wesens, z. b. dem freiheitsdrang, der ausschweifenden lebensweise, lautem lärm: in diesem wilden wesen, ehescheiden und von einander laufen Franck sprichw. 204ᵇ; die wilde gesetzlosigkeit Herder 23, 8; wilde wollust und unmäszigkeit Kant (1867) 6, 60; in den wildesten gewaltsamkeiten Ranke 1, 141;
er gab der stärkern wahrheit nach,
die seine wilde freiheit brach
Uz 144 v. 68 Sauer;
den briefen .. würden wir es nicht ansehen, dasz eine so wilde studentenzeit in ihrem rücken liegt D. F. Strausz Schubarts leben in s. briefen 1, 5; einige haufen soldaten .. trieben so wildes zeug in Rom, dasz es gefährlich war, in öffentlichen werkstätten zu arbeiten Göthe 43, 98 Weim. (Cellini th. 1); ein wilder lärm lockte mich ans fenster Pfeffel pros. vers. 5, 69;
doch Apoll ...
hemmt der freude wildes dröhnen
mit der leier ernstem masz
Rückert ges. gedichte (1837) 3, 466.
ζ)
adverbial, namentlich in fügungen wie es wild treiben, wild zugehen: wenn sie nur wilde lebten Gottsched vers. e. krit. dichtk. (1751) 46 anm.;
hoch bäumte sich, wild schnob der rapp'
und sprühte feuerfunken
Bürger 15 b (Lenore);
ihrem aus den schranken ihrer umgebung wild hinaus strebenden sinne Holtei erz. schr. 4, 39; in der gefangenschaft betragen sich diese vögel (wachholderdrosseln) anfangs wild und störrig Naumann naturgesch. d. vögel 2¹, 304; indem sie sich so wild gegenseitig überboten Nitzsch deutsche studien 47; es gîng wild zû chron. d. dt. städte 2, 304;
wos wild zuging, was ich inmitz
H. R. Manuel weinspiel 2519 neudr.;
wollt ers noch wilder treiben Ludwig 2, 44 (Heiterethei).
η)
gerne in verbindungen wie toll und wild, wüst und wild, wild und geil, frech und wild, keck und wild, namentlich in der sprache des 16. und 17. jahrhunderts: daher so lebet man auch so wilde und wüste in der welt Luther 28, 558, 22 Weim.; ut corpus dometur, ne fiat wild und geil 27, 754, 30;
es gilt hie nicht mehr blöde sein,
kün, unerschrocken, frech und wild,
sol mir die schanz gewinnen mild
M. Hayneccius Hans Pfriem 27, 567 ndr.
.. hat lust, dasz er demütig,
was hochfertig ist, wild und wütig
Fischart die gelehrten die verkehrten v. 1984 Kurz;
seid gottlos, roh, frech, keck und wilt
Hollonius somnium vitae humanae 95, 36 ndr.;
das sie nit alle solche wilde tolle krieger wie Julius (papst Julius II) gewesen sind J. Sleidanus reden 212 lit. ver.; wilde und schändliche fehler Abraham a St. Clara Judas (1687) 1, 396; zwei königssöhne gingen auf abenteuer aus und geriethen in ein wildes wüstes leben J. u. W. Grimm kinder- und hausmärchen (1812 ff.) 1, 296; lasz mich nicht von dir glauben, dasz du nicht sowohl das metier als die wilde lüderliche lebensart liebtest, die unglücklicher weise damit verbunden ist Lessing 2, 219, 32 (Minna v. Barnh. 3, 7).
3)
'erregt', in verschiedenen abstufungen bis zum zorn, zur wuth (auch bei thieren) und zur höchsten leidenschaft; meist von vorübergehenden zuständen.
a)
'erregt', je nach der ursache auch 'traurig, düster': und mit früntlicher huslicher satzung und underwisung stillet und geschwaigt er die wilden gemüte Niclas von Wyle translationen 135, 33; bis das die mordpropheten kamen und den man (Karlstadt) wild und unrügig machten Luther 18, 94, 22 Weim.; man musz euch männer scharf zeichnen (mit dem dolch), wenn ihr merken sollt, rief sie mit einer wilden heiterkeit aus Göthe 22, 132, 3 Weim. (W. Meisters lehrj. 4, 20); ein heer von wilden träumen A. G. Kästner 1, 82; der wilde akkordwechsel zerflosz in zarte engelsharmonien Fouqué gefühle, bilder 1, 160; bair. wilder schlaf, Höfler krankheitsnamen 192; 'traurig, düster, bedrückt, verstört': tempelherr (aus seiner wilden, stummen zerstreuung auffahrend) Lessing 3, 172 (Nathan 5, 8);
mit wildem und gebrochnen blick schaut ich
zum himmel!
Gerstenberg ged. e. skalden, lit. denkm. 30, 364;
wie ist heut mir doch zu muthe!
so vergnüglich und so klar!
da bei frischem knabenblute
mir so wild, so düster war
Göthe 5, 28 Weim.;
und düster wild an heitern tagen,
unbändig, ohne froh zu sein,
schläft er, an seel' und leib verwundet und zerschlagen,
auf einem harten lager ein
2, 146;
hierher gehört auch das von Schmeller 2, 899 erwähnte henneberg. well tun (wild thun) 'kläglich thun'; vereinzelt und volksthümlich 'durch alkoholgenusz erregt, angetrunken': der steinsetzer war schon so 'wild', dasz er sich mit den ellenbogen bahn brach und mit einem derben faustschlag einen tisch eroberte Gutzkow werke 2, 177.
b)
'zornig', mit vorliebe in verbindungen wie wild sein, w. werden; hauptsächlich der volkssprache und der umgangssprache eigen; gerne in verstärkungen wie fuchswild, teufelswild, fuchsteufelswild s. oben th. 4 I 1, 357, wolfswild, elsässisch füdlewid, kürbsewild Martin-Lienhart 2, 820.
α)
als prädicatsnomen, häufig mit den präpositionen auf, über, seltener mit einem genetiv- oder dativobject: si mögen den nit hören, er straft und sye wild uf der kantsel Riederer spiegel der waren rhetorik a IVᵇ;
sie thet mir auch mein herz gwinnen,
dasz sie sich so demütig macht,
ward gar nicht wilt, noch ungeschlacht,
sonder gab sich so willig drein
Ayrer 200, 22 (Tarquinius 2);
wer sie (die weiber) bei tausenden will auf die probe nehmen, ..
wird drüber wild, und lästert dann
Lessing 1, 12;
hier begann der junker ganz wild auszusehen, und der schaum zeigte sich auf seinen lippen Bode gesch. des Th. Jones 6, 29; unser herr wird wild sein, und ich bin's selbst, dasz er uns entgangen ist Göthe 39, 3, 16 Weim. (Götz); ich bin schlimmer als krank gewesen; miszvergnügt, ärgerlich, wild Lessing 18, 57; ich bin auch nicht schön, wann ich wild werd Hafner 1, 182; sei nicht wild, wenn ich noch immerfort lach Ludwig 2, 150 (Heiterethei); besonders auch mundartlich: korrigiern s' mich net, sonst werd' ich wild Nestroy 1, 35; westf. hai wôr wild Woeste 324; doch auch in der heutigen gewählten schriftsprache: Franz wurde wild, und in der aufgebrachten laune, in der er war, tadelte er rücksichtslos Carlo's zeichnungen Heyse novellen 1, 161 (erkenne dich selbst); vereinzelt auch mit unpersönlichem verbum:
sorg nicht, mir ist in dieser nacht so wild,
dasz ich den eignen unmuth ganz gewisz
recht kräftig ausliesz
Fouqué held des nordens 1, 135;
mit genetiv- oder dativobject:
des slages was er wilde, daʒ sîn sper gar zebrach
U. v. d. Türlin krone 53ᵇ;
solch eiteln streitens ward Walthari endlich wild
Scheffel Ekkehard 414;
wie bin ich der schlange Genovefa immer mehr wild maler Müller 3, 280; mit präpositionen:
Alander, hör' ich, ist auf mich gewaltig wild
Lessing 1, 13;
er ist noch auf die Heitherethei wild Ludwig 2, 109; vater Gleim wird auch über mich wild sein Gleim briefwechsel 2, 134; wild über die gewalt, so sie über mich gewonnen S. v. Laroche frl. v. Sternheim 1, 209;
β)
attributiv:
Maria liebe swester min
gesteme dem wilden mude din
Mone schausp. d. mittelalt. 1, 79;
dasz Sophokles Philoktet .. mit wilden verwünschungen das öde eiland anfülle Herder 3, 13; denn sobald ich zu ihm kam, fuhr er gleich mit wilden worten heraus Göthe 43, 162 Weim. (Cellini 1. th.); Ihr herr machte ein wildes gesicht, als er mich sah Petrasch 2, 194; er sah uns mit wilden verachtenden blicken an Göthe 23, 266 Weim.; nach dem miszlungenen Ingolstädter zug .. war Philipp in eine gereizte, wilde stimmung gerathen Ranke 4, 381; vgl. auch: Mellefont (der mit einer wilden stellung hereintritt) Lessing 2, 283 (Sara Sampson 2, 3);
γ)
in verbalen fügungen wie wild machen, sich wild stellen, wild thun: sehe nur ein iglicher auf sich selbs, wie wir uns so wild und verzagt stellen, wenn wir nur ein groschen sollen umb gottes willen geben Luther 23, 690 Weim.;
wie stelst dich auch so letz und wild,
wirstu denn immer nicht gestilt?
Fischart von S. Dominici artl. leben v. 3675 Kurz;
er thut wilde ferocit Steinbach dt. wörterb. 2, 994; hüte dich, ihn wieder wild zu machen durch deinen spröden sinn Musäus volksmärchen 1, 27 Hempel; mach mi nit wild! jahrbuch f. Elsasz-Lothr. 11, 111; auch sonst in den dialecten, namentlich Süddeutschlands, sehr gebräuchlich.
c)
'wüthend, scheugeworden', von hausthieren: wo die pferd das feur sehen, werden sie davon wild Sebiz feldbau 32; der elefant wurde von der ihn blendenden weiszen farbe wilde und wütend Lohenstein Arminius 1, 468ᵇ; indessen wurden ein paar pferdchen unter der truppe wild Göthe 43, 94 Weim. (Cellini 1. th.).
d)
'leidenschaftlich, toll, versessen auf, gierig': sie gehörten zu den wildesten parteigängern K. Gutzkow ritter vom geiste 4, 50;
der, nach dem schauspiel, hofft ein kartenspiel,
der eine wilde nacht an einer dirne busen
Göthe 14, 12 Weim.;
süsz war vor allen
die reb' auf Lesbos gipfeln, herb erst ward sie,
da Sappho's wilde thräne drauf gefallen
Geibel 3, 20 (neue gedichte);
ich (Emilie) ward in deinen wilden armen, was ich nie gewesen: rein ... und glücklich A. Schnitzler Anatol 107; zu einem wahrhaft wilden taumel hinreiszen Storm 1, 239; sehr häufig zum ausdruck sinnlicher oder sonstiger begierde: wylde, unkusche lascivus Diefenbach gloss. 319ᶜ; (viele lose klosterleute) leben als die unzaumte ochsen, werden zwifacher gailer, wilder, nach langer zuchtlicher gefänknusz, dann si vorhin gsein seind Eberlin v. Günzburg 2, 123 neudr.; in der älteren sprache kann der gegenstand der begierde auch mit der präposition zu oder nach angefügt werden:
zir gesihte wird ich wild
Walther 47, 28;
wenn ich aber mein ehe nicht hielt
und wer nach fremden weibern wild
Georg Rollenhagen froschmeuseler J 2ᵃ (I 2, 4);
da sind die weiber alle wild auf die herrschaft Musäus phys. reisen (1778) 2, 190;
e)
'unruhig, wild bewegt', von äuszeren umständen, namentlich in verbindungen wie w. läufe, w. zeit, w. leben: umb der kriege und wilden leufe in den landen Janssen Frankfurts reichscorr. 1, 159; mitten im wilden kriegsgetümmel Moritz Ant. Reiser 22, 27 neudr.; das könnte in der letzten wilden zeit sein vergessen worden Göthe IV 28, 69 Weim.;
wohl euch mein könig! früh hat euch das herz,
was mich ein wildes leben spät, gelehrt!
Schiller 13, 256 (jgfr. v. Orl. 3, 3);
wie soll sich seele zu seele finden im wilden getriebe der menschen? Seidel vorstadtgesch. 146.
4)
'bösartig, grausam, gefährlich, furchtbar, unheimlich', von raub und andern thieren, feindlichen naturgeistern, personen oder personificationen und deren aussehen, eigenschaften, von naturgewalten u. s. w.
a)
von raubthieren:
alte hunde und affen,
junge mönche und pfaffen,
wilde lewen und beeren
sol niemand in sein haus begern
Hertzog schiltwache B V;
von bösartigen hausthieren: wird das schlosz von wilden, bösen hunden bewachet v. Birken der vermehrte Donau-strand (1684) 68; auch bildlich von menschen: o du wilde haber gaisz! Hartmann volksschausp. in Bayern u. Österreich (1880) 364, 343; mit übertragung ins pflanzenreich vom dorn der rose:
die rose .. bückt sich mit gefahr
zu ihres dornes wilden ästen
[K. Stieler] geharn. Venus 31 neudr.
b)
von dämonen. geistern, gespenstern: wildaʒ wîp lamia, wildiu wîp ululae Graff 1, 804, Grimm mythol. 1, 403;
als ob in triege ein wilder alp
Konr. v. Würzburg troj. krieg 27401;
ein unterirdisch wesen folgt ihm wild,
der menschenschönheit schauerlichste lüge
Droste-Hülshoff 2, 244 (Walter 5. ges.);
namentlich in den verbindungen der wilde jäger, die w. jagd, das w. heer, der w. zug, die w. fahrt; siehe auch oben th. 4 II, 752, 2205 und 2219:
gespenster zogen überall herum, ...
der wilde jäger machte jagd
R. Z. Becker mildh. liederb. (1799) 77;
ist es der jäger wildes geisterheer?
Göthe 2, 142 Weim.;
der wilde zug macht alles leer
10, 227;
wann dör wild g'joad kâm Hartmann volksschauspiele in Bayern u. Österreich 156, 229 u. ö.; 's wild gjäg Schmeller 2, 899; die wilde fahrt Schöpf tirol. idiot. 816; thue wie die wildi jagd oder wie d's wüetig heer heiszt im Emmenthal 'sich ausgelassen geberden', schw. archiv. f. volkskunde 1, 219;
c)
von personen, gerne in verbindung mit wütherich, feinde, horden, banden u. a.: er (Ismael) wird ein wilder mensch sein; seine hand wider jedermann und jedermanns hand wider ihn 1 Mos. 16, 12;
aber, o herr, du bist mein schild
für mich vor meinen feinden wild
Hans Sachs 18, 31, 24 Keller-Götze;
der wild und grausam wüterich,
so Diomedes ist genannt
J. Spreng Ilias (1610) 73ᵇ;
o lust! es steckt nach wuth und morden
der wilde Mars die schwerter ein
Gottsched gedichte (1751) 4;
nur grosz an glück, am herzen wild als tiger
Lenz gedichte 79 Weinhold;
der gute schein nur ist's, worauf sie warten,
um loszulassen auf dies arme land
die wilden horden ihrer kriegesmacht
Schiller 14, 286 (Tell 1, 2);
dann sie hatten ihn eingebildt,
das heilig müsz auch sehen wild,
Fischart jesuitenhütlein v. 60 Hauffen;
im felde schleich' ich still und wild,
gespannt mein feuerrohr
Göthe 1, 62 Weim. (lieder);
von personificationen wie 'zwietracht, tod, welt':
die wilde zwietracht und den klang der waffen
rufst du in dieses friedgewohnte thal
Schiller 14, 286 (Tell 1, 2);
... wenn im blut'gen streite,
er (der kühne held) starr mit einem blicke sieht
vor sich den wilden tod, und ewigkeit zur seite
Lessing 1, 138, 44;
und ich, die ärmste, stünde ganz allein
auf dieser weiten, fremden, wilden welt
Göthe 10, 276, 640 Weim. (nat. tochter 1, 6);
sich mit der wilden welt herumbalgen IV 28, 51 Weim.;
d)
von bösartigen gesinnungen und ihren äuszerungen: ich bin in Worms fur dem keiser und ganzen reich gestanden, ob ich wol zuvor wuste, das mir das geleit gebrochen war, und wilde seltsame tück und list auf mich gericht waren Luther 15, 214 Weim.;
nie soll ein artig kind (mädchen)
die wilde strenge lieben
Uz 29 v. 26 Sauer;
auf diesem (kriegsschild) webten hadergeist und kraft
und wilde mordbegier
Bürger 167;
der gegensatz zwischen wilder tyrannei und milder herrschaft Scherer litteraturg. 129; ein so wildes destructives beginnen Ranke 2, 10; besonders auch von den hierbei dienenden werkzeugen:
ein königreich, aus dem die sanfteren künste,
scheu vor den wilden waffen, entflohn
Ramler lyr. gedichte (1772) 168;
kommt mit zacken und mit gabeln,
wie der teufel, den sie fabeln,
und mit wilden klapperstöcken
durch die leeren felsenstrecken!
Göthe 1, I, 212, 63 Weim. (balladen);
wilde maulhelden .. ihr ganzes heldenthum eben in der wilden zunge Ludwig 5, 235.
e)
von wunden, sowie volksthümlich und alterthümlich von krankheiten, zum theil wohl auch deshalb, weil man sie von wilden dämonen gebracht glaubte, z. b. w. brand, bräune, geschwulst, kropf, seuche, geblüt, pocken, zitterach, warzen Höfler krankheitsnamen 805; vgl. erwilden sich bösartig entzünden Paracelsus chirurg. schriften 111ᵃ; ein wildes fleck eine schlimme wunde Spiesz henneb. idiot. 283; siehe auch hinten wilden m., wildfeuer und wildsucht: als mich von dem wilden stich einer tödtenden natter eine grausame krankheit verzehrete Steinbryckel Philoctet (1760) 22;
es lag ein wütherich auf goldnen kissen
und schlief; da kamen fürchterliche träume
ihm ins gemüt, gleich wilden schlangenbissen
Platen 1, 80;
f)
von naturkräften wie feuer und wasser:
so stürzen die ströme
im schneeschmelzenden lenz von steilen felsen und machen
ruhige fluren zum wilden see
Lenz gedichte 22 Weinhold;
namentlich von dem meere: (das schiff) die ganzen nacht von dem wilden mere pestriten was Arigo decamerone 107; die Malthäser galeeren lieszen ... ihre barken mit den leuten, so darinnen, alle auf dem wilden meer Heberer Aegyptiaca servitus (1610) 82;
das wilde meer nun brauset
und wütet ungestüm
Spee trutz-nachtigall (1649) 113;
5)
'eindrucksvoll, die sinne gefangennehmend, wildromantisch', nur der gehobenen sprache angehörig, zunächst von der natur, von landschaften, dann auch übertragen, z. b. von der pracht der farben, des schmuckes, auch des sprachlichen ausdrucks: wie jeder tritt in wilde und furchtbar erhabene gegenden die seele entzücket Zimmermann einsamkeit 1, 19;
wie prächtig steht dem golde die wilde pracht,
dem herrscherantlitz drohend hinzugeprägt
Herder 27, 50;
wo sich goldfasanen brüsten
unter wildem rosenglanz
Arnim 22, 48;
wie oft verbirgt in wilder pracht
des ausdrucks unerhellte nacht
gedanken, die im staube kriechen!
Uz 368, 25 Sauer;
von der herrlichkeit und poesie des kriegs: der krieg hat euch in seiner wilden herrlichkeit angeredet Novalis 4, 170; Gneisenau fühlte sich ... wie bezaubert von der wilden poesie des krieges Treitschke dtsch. geschichte³ 1, 756; von starken düften: ein süszer, wilder, berauschender duft stieg von ihr (der pflanze) auf H. v. Kahlenberg Eva Sehring 33.
6)
'wandernd, umherirrend' als vorübergehender und als dauernder zustand; im letzteren falle 'ruhelos, heimathlos'; vielleicht die älteste bedeutung von wild, vgl. oben I und II; dem neueren schriftdeutschen ganz fremd geworden; dagegen für das ältere hochd. und niederd. namentlich aus Diefenbachs glossar reichlich zu belegen: unstede, wilde fluctuosus 240ᵇ, wilde, unstetig, wildfarender mensch girovagus 263ᶜ, wilde landfarer, umbschweifer erro 209ᵃ, land farer, wylt van wesen Numida (nomada) 385ᵃ; mnd. wilde fruwen fahrende, öffentliche frauen Lübben-Walther 582; hierher auch mit der bedeutung 'heimathlos' die alten verbindungen wilder gast s. oben th. IV 1, I 1456 und wildes kind th. 5, 719; ferner wildfang in seinen alten verwendungen.
a)
im eigentlichen sinne: das sind die leut, die den erben aufzihen und bei seines vatters gut behalten, dasz er nit wild und ein landleufer werde Luther 10, 1, 344 Weim.;
nun kum ich ouch ietz off das böst
und bring mit mir vil wilder gest
Gengenbach s. 10 v. 259;
b)
überall, wo ein heimathlos umherwandernder einen aufenthalt macht, wird er von den ansässigen stark verächtlich als 'ortsfremd, hergelaufen' empfunden; weiterhin von den zu einem geschlossenen gemeinwesen gehörigen bürgern, vor allem von den in zünften zusammengefaszten gewerbetreibenden, als 'auszerhalb der ordnung stehend, nicht incorporiert, nicht zur zunft gehörig' betrachtet: die wilden drescher wandernde drescher, gewöhnlich aus Tirol Schmeller 2, 899; noch ist eins, das sind die wilden maulbeerbaum in den wälden, dasselbig sind die wilden arzt, die hin und her apostiren Paracelsus chirurg. bücher 525ᶜ; anjetzo trägt ein jeder mistfink und wilde tändlerbütten (hausierer) taffet und seiden Stranitzky ollapatrida 348, 29 neudr.; in neuerer zeit theilweise scherzhaft gebraucht, zunächst von studenten, politikern und schülern, s. unten wilde m.; dann in bezug auf sonstige personen, die aus einem zufälligen, meist scherzhaften anlasz zu einer zunft oder bevorzugten classe zu gehören scheinen, ohne jedoch echte vertreter derselben zu sein: ich übte mich ein und war bald über und über mit öl, schmirgel und feilenstaub beschmiert als ein wilder büchsenmacher Keller 4, 31; ihr seid kaufherr, das ist auch schön, und eine art wilder rathsherr noch dazu! 8, 99; wer auf der budel (kegelbahn) alle neun scheibt, wird ein wilder millionär Raimund 5, 51 (bauer als millionär); a wilde gräfin Hügel Wiener dial. 189; wilde wandervögel 'auf eigene faust wandernde' Heidelb. zeitung 30. aug. 1912 s. 2 sp. 4; die festnahme des 'wilden' gepäckträgers (kofferdiebs) reichsbote 1911 no. 196 beil. ähnlich auch mundartlich in Heidelberg: die seitherige, sogenannte wilde Heidelberger eismännelin unn eisweiwelin (die nicht von der zuckerbäckervereinigung angestellten verkäufer von gefrorenem) Heidelb. tageblatt vom 1. juni 1912 beiblatt Perkeo; daher auch wilde penne: es war vergeblich, die herberge zur heimat und einige wilde pennen aufzusuchen H. Hesse Peter Camenzind 191; s. auch unten E rinnsteinsprache. hierher in gewissem sinn auch wilde candidatur (Freiburger zeitung 4. mai 1911) und wildes examen, die in der form wohl als nachbildungen von wilde ehe zu betrachten sind; vgl. unten 15 d.
7)
das 'wilde', vor allem 'wilde' länder, erscheinen dem culturmenschen auch als 'fremd',. daher die alte pleonastische bildung wildfremd; vgl. ferner wildern, sich wildern entfremden und den gegensatz zahm 'vertraut' (unter zahm 2).
a)
in diesem eigentlichen sinn erscheint es
α)
attributiv, meist von ländern:
die (salben) bracht ich (der arzt) usz Bohemer land,
.. die usz wilder heidenschaft
Alsfelder passionsspiel 239, 7574;
durch dich (den hlg. geist) kam Moises fort in seinen wilden raisen (durch wilde länder)
Rompler v. Löwenhalt 1. gebüsch 4;
verkauf in die wilde fremde Niebuhr röm. gesch.³ 2, 673.
β)
prädicativ, namentlich in der mhd. dichtersprache häufig, soviel als 'unbekannt' oder von personen 'entfremdet':
aa)
von personen, wobei die sache oder person, der man entfremdet ist, im genetiv, dativ oder mit der präposition von angefügt wird:
des gelouben bin ich wilde
Laszbergs liedersaal 1, 631, 6;
hî wart der furste milde
Duringer landes wilde,
daʒ er iʒ nummer mê gesach
leben der hl. Elisabeth 4323;
swer sich von phaffen bilde
gote gemachet wilde (sich entfremdet)
Hartmann v. Aue Gregorius 1346;
der ungetrûwe man ie was von gote wilde
passional 337, 13;
vereinzelt ist dieser gebrauch noch im 17. jahrhundert zu belegen, aber nur mit dem erklärenden zusatz von fremd:
bin ich mir ganz entworden,
mir wild und fremd gemacht
Dach 218;
bb)
von sachen:
daʒ lant ist mir wilde
Alpharts tod 329, 3;
mir ist sorge wilde
Bodmer minnesinger (1758) 1, 193ᵇ;
diu minne ist den tôren in dem munde zam
und in dem herzen wilde
Walther 102, 4;
wattat wort (caminata) sprekt, dat ys my wylde Lerbeck Schaumbg. chronik (15. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 713.
b)
da man durch die dauernde entfremdung gegenüber gewissen gefühlen, gewohnheiten und dgl. zuletzt diese ganz verlieren wird, so kann wild auch 'abwesend, fehlend, fort', ferner 'selten, arm' bedeuten, im letzteren fall mit der präposition an verbunden: da ward all sein trawren wild cod. germ. Monac. 714, 94 Schmeller 2, 899;
froide ist an mir worden wilde
Bodmer minnesinger (1758) 1, 27ᵃ;
an guoten werken wilde
Karajan sprachdenkm. 81, 20;
hierher auch elsäss.: by Inne stekkt der verstand so wild ass wie .. euch fehlt es an verstand Martin-Lienhart.
γ)
adverbialer gebrauch: sich wild (fremd) umsehen, sich wëll imgugge Crecelius oberhess. wb. 2, 915.
c)
das aus wilden ländern kommende oder an den culturlosen zustand erinnernde ist meist 'auszerge- wöhnlich, seltsam, aufsehenerregend, abentheuerlich'; auf geistigem gebiet ist 'seltsam' auch gleichbedeutend mit 'dunkel, geheimnisvoll'; häufige verbindungen, die aber durchgängig mehr der älteren als der neueren sprache angehören, sind wilde tracht, w. kappen, w. bärte, w. worte, w. mären, w. fabel, w. wunder, w. abentheuer, w. sachen, w. geschichte; von paarungen finden sich seltsam und wild, fremd und wild, wild und wunderlich, wild über wild; von der tracht:
so meinte ich doch, es wärind Türken und heiden
mit den seltsamen kappen und wilden kleiden
N. Manuel 72 Bächtold;
wild kappen, mentel, umblouff dran
Brant narrenschiff 4, 19;
wie's die phantasie erdacht,
umhüllt den welken leib die wilde tracht
Droste-Hülshoff 2, 221;
es musz sein lündsch und mechelsch kleid,
.... mit aller farb wild über wild (grellfarbig, bunt)
Brant narrenschiff 82, 17;
von sonstigen concreten begriffen:
daʒ gewürhte was sô wilde
Lanzelet 4760;
von worten, reden u. ä.: da der herzog Reynharten als wilde sprach (ein schlechtes französisch) reden hort, begundt er zulachen Aymont R IIIᵃ;
vindære wilder (dunkler) mære,
der mære wildenære
Tristan 4663;
und ist der worter brauch seltzam und wild Luther 7, 449, 36 Weim.; der ganz Homerus ist vol haimlicher künsten, die doch mit wilden sinnen und worten uszgesprochen sind Reuchlin augenspiegel XIᵃ;
du sagst mir do ein wild gefört
Gengenbach 87, 389;
bruder, du seist mir da wild schwenk
108, 1184;
auch in der heutigen sprache scheint diese bedeutung noch manchmal durchzuklingen:
der ruhelose, dem die wilde fabel
vorauseilt
A. Schnitzler der grüne kakadu (1899) 20;
von abstracten wie 'fund, wunder, abentheuer, sachen, geschichten' u. a.:
darzuo gehôrte wilder funt
Parzival 4, 5;
reht als ein wunder wilde
wart sîn lîp gekapfet an
Konr. v. Würzburg troj. krieg 29508 Keller;
diu minne gelîchet sich dekeinem bilde.
ir nam ist kunt, si selbe ist aber wilde (unbegreiflich)
Walther 81, 34;
gleich gehört zu seinem gleichen .. es were ein wilde ordnung, so wir wolten im widerspiel unser heil suchen Paracelsus opera 1, 32ᶜ;
mit wunderbaren wilden sachen
woltend si sich gern luter machen
H. R. Manuel weinspiel 3424 neudr.;
botten sie dem khonig von Polen das schlosz an, so er inen ire hinterstellige besoldung wolte entrichten, das sie es ime übergeben wolten. das war dem khonige eine wilde sach, aber er khonte auch zum gelde nich khomen Kantzow chron. v. Pommern letzte bearbtg. 291 Gäbel; wie .. der auch, wölchem man die händ abgeschnitten hätt, gar einer wilden sach (acerbissimae rei) anzeigung gäben Herold Dictys (1554) 44; ob nicht .. hier ein junges mädchen seinen angehörigen verloren gegangen sei? .. das ist eine wilde geschichte! Immermann epigonen² 1, 15; es is a wilde g'schicht! Nestroy 2, 217; vgl. Gerzon die jüdisch-deutsche sprache 125: wilde (ungeheuerliche, ungewöhnliche) sachen. deutlich tritt in der mehrzahl der belege neben der seltsamkeit auch die vorstellung 'peinlich, bedenklich, strafbar' hervor und steht für die neuere sprache sogar entschieden im vordergrund; vgl. die üblicheren wendungen eine schlimme, böse sache oder geschichte. prädicativ oder adverbial: weil denn das so gar ein neuer seltsamer befelh ist, der kein exempel fur sich hat, ists dem propheten Jona auch wilde und wunderlich, das gott so eben ihm ein solchs fur allen andern befilhet Luther 19, 202 Weim.; die krankheit .. die denselbigen gar frembd und wild im kopf umbwirbeln wird Paracelsus chirurg. schrift. 278 B.
8)
'unvernünftig, roh', nur von thieren, besonders auch in vergleichen: warumb wirdestu o mensch von den wilden unvernüfftigen thieren unterscheiden? Ambach vom zusauffen und trunckenheit B IVᵇ;
ein wildes vieh entdeckt mit stummen zeichen
des innern herzens sinn; durch reden herrschen wir!
A. Gryphius 41 Palm;
in vergleichen: ungeniet (unerfahren) kind ist wie ein wild rind Seb. Franck sprichwörter (1541) 1, 121ᵃ;
sie (die metzen) gänd har wie die wilden thier (schamlos),
Brant narrenschiff 4, 122;
er lebt wie ein wild vieh teutsch-engl. lexikon (Leipzig 1716) 2488.
9)
'scheu, spröde, ablehnend', vgl. fr. sauvage, namentlich von mädchen und in verbindungen wie wild thun, sich wild stellen:
gein friunden kürre, gein fremden wilde
Hugo v. Trimberg Renner 12058;
ach weipliches pild,
beleib friunden milt,
gen den schalken wild,
wann anplick verraten dick liebe sach!
Hätzlerin 57;
und sie, die sich ein wenig gegen im wild stellet, deszgleichen thet, als ob sie sein nicht acht hette Lindener rastbüchlein 47; er küste sie zur dankbarkeit etliche mal wieder. weil sie nun nicht wilde gegen ihm that, so fieng er an, seine glückseligkeit deswegen zu rühmen Kuhnau music. quack-salber 127, 10; ich habe solche mädchen mehr vor mir gehabt, die wild gegen mich gethan; aber sie sind bald zahm geworden Gellert 3, 304 (loos in der lotterie 4, 5).
10)
'urwüchsig, derb, rauh', im guten sinn auch 'natürlich, nicht verfeinert, ungekünstelt, ansprechend', im schlimmen sinn 'roh, ungeschlacht'.
a)
im schlimmen sinn 'ungeschliffen, tölpelhaft, roh, grob', häufig in der verbindung grob und wild: grob und wilt an den sitten rudis Diefenbach glossar. 503ᵃ;
es wer denn in der ganzen pfarr
ein mann der allergröst stocknarr,
so dölpisch, grob, wild und ungfüg,
der ein weib unverschuldet schlüg
H. Sachs 17, 140 Keller-Götze;
schämt euch, ihr wilde grobe blöck
J. Spreng Ilias 44ᵃ;
ein anderer (mann) ist so wild, dasz er mit schmutziger goschen sauft und folgsam das glas nicht anders aussiehet, als wie ein flecksiederermel Stranitzky ollapatrida 138, 22 neudr.; gerne vom geschmack, von den sitten: er dachte, so wild und barbarisch auch der geschmack der nation sei, so müsse er doch seine grundsätze haben Lessing 10, 76; als ob die sitten der Engländer überhaupt wild wären Archenholz England u. Italien (1785) 1 i, 19; ein wildes geheul Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 136; als adverb: du hast köstliche sachen, nur gehst du etwas zu wild damit um Göthe IV 21, 121 Weim.
b)
in neutralem sinn, ohne dasz ein lob oder ein tadel ausgesprochen werden soll:
α)
'rauh, derb, herb', besonders von menschen, gefühlen, sitten:
(Nathan) sodann such' ich den wilden, launigen
schutzengel auf
Lessing 3, 10 (Nathan 1, 1);
diese wilden und redlichen menschen (die Lazzaroni) sind wohl zu unterscheiden von der hefe des italienischen volks Justi Winckelmann 2¹, 162;
nichts kannt' ich als der waffen wilde freuden
Schiller 14, 41 (braut v. M. 1, 7);
übertragen auch von sachen, die den verfeinerten culturerzeugnissen gegenübergestellt werden: der schauplatz (im Hamlet) ist ein nordischer hof, halb gekleidet im wilden eisen der alten zeit, halb im tuche unserer tageshelden Börne 2, 176; selbst die wilde eisenerde und der harte fels musz sich dazu (zu salzen und ölen) bequemen Herder 13, 49;
β)
'ungebahnt, ungepflegt' von wegen, 'uneingedämmt, ohne künstliches bett' von gewässern: und furet gott in Araboth, das ist, in ungepaneten wilden wüsten wegen Luther 8, 7 Weim.; dasz er im nachfolgt durch wilde straszen (im gebirge und in der wildnis) Cammerlander Sallust (1534) H 1ᵃ (zusatz); durch wilde ungebähnte straszen und abwege Prätorius Anthropodemus Plutonicus (1666) B I 5;
der weg zum guten ist fast wild,
mit dorn und hecken auszgefüllt
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel, kirchenlied 3, 372;
gleich hinter dem hausgarten führt ein wilder pfad nach einem felsen Göthe IV 3, 10 Weim.; s. auch hinten ²wildbahn und wildsteig, wildweg; von gewässern: man empfand, dasz der wilde wasserfall tiefer bohrte, und selbst in seinen mannichfaltigen strudeln schöner sei, als der in abgemessenen kanälen so einförmig einherschleichende strom Kretschmann 1, 2; das wilde strombett eines vertrockneten flusses Riehl land und leute⁸ 214; vgl. wildbett.
γ)
'kunstlos', von sachen, an denen man sonst seine geschicklichkeit zu zeigen liebt:
so brach ich wohl mit grund in meinem garten
die blumen aller farben, aller arten,
und bring sie dir, zu wildem strausz gereihet
Uhland gedichte² 152;
nun dauert es nicht lange,
so zieht das burschenvolk einmal
aufs schlosz, mit wildem sange
Mörike 1, 72;
'natürlich, nicht künstlich gemacht':
echo, der wilde widerhall,
will sein bei diesem freudenschall
und lässet sich auch hören
Simpl. 22 Kögel;
wild feuerwerk als gegensatz zu lustfeuerwerk, künstlichem feuerwerk Schmeller 2, 899; eine allerliebste wilde naturjagd (im gegensatz zu einem wildpark) Arndt werke 1, 121.
c)
in gutem sinne 'ungekünstelt, frisch, natürlich', mundartlich sogar gesteigert bis zu 'schön'; im schwäbischen wild 'schön, gut aussehend, von angenehmen tönen' Schmid wb. 530:
(Nathan) wilder, guter, edler,
wie nenn' ich ihn?
Lessing 3, 73;
auch Inklen nimmt dies kind (eine wilde)
bei wilder anmuth ein
Gellert 1, 24;
der wilde naturgesang (des vogels) Arnim Isabella v. Ägypten 38; da (in den römischen villen und gärten) entwickelte sich ... erst jene wilde poesie, die sorgsame pflege nicht aufkommen liesz Justi Winckelmann 2¹, 21.
11)
'verwildert, ungepflegt, verwahrlost': du siehst wild aus, Friderike; wie du durchnäszt bist! Göthe 18, 41, 23 Weim. (aufger. 2, 5);
und zeig' ihm dann mein bild,
von tiefer, stummer trauer,
und langem elend wild
Schubart ged. 2, 91;
man sieht nit an dein wilden bart
Gengenbach 8, 551;
laszt uns lieber den wilden bart tragen, ehe wir zugeben, dasz die lehrlinge der barbierstuben an uns lernen Lessing 8, 12; ich nahm meinen stock .. und zerschlug mit demselben alle steinbrechen, .. dasz der ort wild und wüst war Stifter 2, 300; übertragen: wo war eine aussicht, jene productionen (Ardinghello, räuber) von genialem werth und wilder form zu überbieten? Göthe 36, 248, 15 Weim. wegen der bedeutung 'unschön' s. hinten unter 13.
12)
'wirr, ungeordnet, verworren, ziel- und planlos, übertrieben'; gerne in verbindungen wie wild und verwirrt, wild und verworren, wild und wüst, toll und wild; ferner vgl. wildewahl 'verwirrung'.
a)
von sinnlich wahrnehmbarem:
den welken epheukranz um's wilde haar
Uhland ged.² 323;
quer übern raum die wilden schnörkel fahren
Droste-Hülshoff 2, 100;
in verbindung mit chaos, labyrinth, unordnung, gedränge, gewimmel u. a.: wie manche wilde, wüste unordnung und gemenge Luther 15, 38, 27 Weim.; ein wildes chaos Klinger werke 3, 120; sie folgte ihr in die wildesten labyrinthe der natur Pfeffel pros. vers. 6, 16; die trümmer eines ... falschen putzes lagen ... zerstreut in wilder unordnung durcheinander Göthe 21, 88 Weim.
b)
von geistig wahrnehmbarem, namentlich von wirren gedanken und gefühlen: aber im innern (Albertinens) sah es noch wilder, noch wüster aus Göthe 25 I, 208, 4 Weim.; die erfahrenheit der jahre ordnete nachher diesen wilden, üppigen reichthum in seinem geiste Wackenroder herzensergiesz. 68; verzeihen sie mein wildes geschwätz Solger schriften u. briefwechsel 1, 343; der mensch soll an das glauben, was die bibel lehrt, nicht an wildes zeug, das, wie sie im dorfe sagen, durch den wald und in die nacht dahinfährt Freytag handschrift 1, 102; vgl. auch he leewt in's wilde hundert in den tag hinein Dähnert plattd. wb. (1781) 550; wegen des ausdrucks ins wilde 'aufs gerathewohl, ins blaue' s. hinten wilde, n.
13)
'unschön, unsauber', namentlich bayrisch-österreichisch; Campe 5, 718 (mädchen, wetter); Schmeller 2, 899 (gesicht, menschen, wetter); Castelli mundart in Österreich 268; Schöpf tirol. idiot. 816; Reinwald henneberg. idiot. 1, 190, das hemd is well, schwarz, unrein 2, 140; Liechtenstern allg. dt. sach-wb. (1834) 10, 378; von personen: weil er aber ein wilder, garstiger .. pfui teuffel ware, also bekame er bei allen jungen menschern, die er begehrt hat, den korb, eine abschlägige antwort Stranitzky ollapatrida 23, 37 neudr.;
zwar ist er nicht so wild und alt
Mastalier 41, 5;
ein tochter, an dero ein haufen ohnflat zu sehen, dann sie ist wild wie ein misthaufen, schwarz wie ein kohlhaufen Abraham a st. Clara Judas 1, 45; und ihre pupillin, sie mag schön oder wild sein, bekommt einen mann Ph. Hafner 1, 30; vom männlichen geschlecht, im gegensatz zum weiblichen: jetzt weisz ich nicht, gehör' ich zum schönen oder zum wilden geschlecht A. Bäuerle 2, 69 (Staberles hochzeit 3, 2); von kleidungsstücken, tüchern, lumpen: wer wollte ohne seufzen die neugeborene kinder in wilden tüchern eingewickelt ansehen Schupp schriften 694; gott läszt ihm die augen nicht verbinden, sicht nicht allein durch diesen wilden hadern und unreinen lumpen, den ihr (kriegsknechte) ihme um das gesicht gewunden Abraham a St. Clara Judas 1, 254; von krankheitserscheinungen: wilder schleim übel aussehender, häszlicher auswurf (bayrisch) Höfler krankheitsnamen 580; vom wetter: aprilwetter .. welches bald schön, bald wild ... ist Abraham a St. Clara etwas für alle 2, 45.
14)
'unbeschnitten', übertragen 'wuchernd, unerwünscht, uneigentlich, überzählig', meist mit der begleitenden vorstellung des werthlosen; s. deshalb auch unten 16).
a)
im eigentlichen sinn von trieben und zweigen: nu geet der weingertner schir ausz und beschneidet die reben, das ist das wild holz schneidt er ab Tauler 26ᵇ;
wie wusztest du das zarte reis
mit klüglich sanfter hand zu beugen,
die oftmals auch den wilden zweigen
den rechten wuchs zu geben weisz
Gottsched gedichte (1751) 116;
ich will euch wilde äste
zu einem wohlgefugten haus verbauen
Rückert werke 1, 5;
b)
in übertragenem sinne von wucherndem fleisch in wunden s. th. 3, 1753; auch faules oder gailes fleisch th. 4, I 2, 2588: daʒ tôt oder daʒ wild fleisch ausz den wunden Megenberg buch der natur 383, 31; 399, 28; Diefenbach gloss. 239ᵇ flecino; Rädlein 1, 1061ᵃ; Adelung; caro luxurians Nemnich lex. nosolog. 17ᵉ; neubildungen, wie condylome, warzen, das sogenannte wilde fleisch der granulationen Sömmerring vom baue des menschl. körpers 8, 1, 140; granulationes fleischwärzchen Höfler krankheitsnamen 158 und 805; in den meisten mundarten bezeugt: oberhess. w. flâesch Crecelius, luxemb. wel flêsch, lothr. Follmann, els. Martin-Lienhart, aarg. Hunziker, dän. vildt kjød; solche auswüchse sind nach volksthümlicher ansicht durch fleisziges und gesundes leben zu verhüten; daher die redensart: wir wollen euch zu thun geben, dasz euch das wilde fleisch nicht zu den fingern heraus wächst Chr. Weise Jacobs doppelte heirath (1699) 120.
c)
auch von sonstigen, meist unerwünschten nebenerscheinungen, so
α)
von dem nicht bezahlenden publicum: zaungäste und wildes publikum nation. ztg. 33, 283 nach Sanders erg. 636;
β)
von überzähligen nebenwegen: diese ungeregelten, überzähligen wilden pfade Riehl land u. leute⁸ 214;
γ)
von wimperhaaren, die wegen ihrer falschen stellung die augenbindehaut reizen Höfler a. a. O. 211;
δ)
von unbeabsichtigten flammen beim feuerwerk: mitten im feuersprühenden getöse (des feuerwerks) drangen jedoch plötzlich zwischen den kunstgerechten auch wilde flammen hervor Varnhagen denkw. 2, 269; von einer nebenerscheinung beim ziegelbrennen: das sogenannte wilde feuer, das sich durch heftige, aus den zuglöchern strömende, oft 4—6' hochsteigende flammen von silberweiszer farbe zu erkennen gibt Karmarsch-Heeren techn. wörterb. 3, 485.
15)
'unregelmäszig, regelwidrig, regellos, ungehörig, illegitim':
a)
von einrichtungen, die sich von unbeeinfluszten naturvorgängen wenig oder nicht unterscheiden, z. b. wilde wirthschaft, regellose wirthschaft, bei der man einen theil des vorhandenen culturfähigen bodens so lange zum ackerbau benutzt, als derselbe noch befriedigende erträge abwirft, illustr. landwirthsch. lex.³ (1900) 899; wilde feldgraswirthschaft, die ursprünglichste form der feldgraswirthschaft, bei welcher ohne bestimmte regel ein beliebiges stück des gesammten feldareals zum körnerbau benutzt wurde, während der übrige theil als weide diente, ebd. und Wimmer gesch. d. deutschen bodens 206; nach G. Hanssen agrarhist. abhandl. 125 dagegen eine solche, welche auf eine ackercultur von einem jahre oder einigen jahren eine vieljährige grasnutzung folgen läszt; wildes gestüte: in den wilden gestüten Ruszlands werden die herden das ganze jahr hindurch sich selbst überlassen Brehm thierleben² 3, 29; wilde fischerei, in flüssen, bächen, seen, meeren, nicht in teichen Adelung, Campe; im gegensatz zur 'zahmen fischerei' Chomel öcon.-phys. lex. 4, 78; Schwappach forstpolitik, jagd- und fischereipol. 332; wilde fasanerie Döbel jägerpract. 1, 143, Chomel 3, 1409; halbwilde schweinezucht Sanders erg. band 636; wilde paarung, wilder sprung (dem zufall überlassen), wenn alle männlichen thiere frei zwischen den weiblichen gehen, namentlich in der schafzucht, illustr. landw. lex. 899; wilde zucht:
so hat er bäume sich gesucht,
die auch nicht früchte tragen,
sie hergepflanzt ums hügelhaus in wilder zucht
Rückert ges. gedichte (1834-38) 4, 278;
vgl. auch unten wildflöszerei und wildwuchs.
b)
vom erwerbsleben in bezug auf unerlaubten wettbewerb, unlautern erwerb, wie raub, bettel, wucher u. a. (s. auch unten E kaufmännische fachausdrücke): wante dem rike von Denemark grot schade tokomen is van weghen der mennigerleye wilden legheren (lager), de de copman hebben in Denemarkes siden uppe den Schonreisen (1442) Schiller-Lübben 5, 714;
die (christenjuden) triben doch wild koufmanschatz
und schwigt darzuͦ all recht und gsatz
Brant narrenschiff 93, 27;
der bettel ist ein wild gefert
Gengenbach 344, 42;
übertragen auf zweifelhafte politik:
du (Venediger) suͦchst gar manchen wilden fund,
mit den Franzosen hastu gmacht ein bund
18, 219.
c)
von geistigen dingen wie argumenten, einwänden, hilfsmitteln, winkelzügen, der neueren sprache fast ganz fremd: drumb suchen sie manche wilde hulf und ausflucht Luther 11, 327 Weim.; war ists, das die juden .. sich gar engstlich geschutzt haben mit mancher wilden glosze 11, 332, 22; vgl. mnd. wilde wege ungehöriges verfahren Lübben-Walther 582.
d)
im besonderen von geschlechtlichen beziehungen 'auszerehelich, ungesetzmäszig, illegitim':
α)
e wilds ein uneheliches kind Seiler Basler mundart 315 und Spreng idiotikon rauracum 43 Socin, wo sich die wohl kaum zutreffende erklärung findet: 'wild nennen die alten, was ihnen unbekannt war. ein wildes ist also ein kind, dessen vater man nicht weisz oder nicht wissen darf'; das wilde kind für einheimisch und eigen erziehen Guarinonius 354; vgl. auch wildling, wildprinz.
β)
wild leben mit einer frau: er het wild mit seim weib gelebt chron. d. dt. städte 11, 641, 7; sie kam schon so ziemlich bejahrt mit dem ewig betrunkenen Marzahn hier an, mit dem sie anfangs wild gelebt hatte und erst verheirathet wurde, als er den posten bekam Gutzkow ritter vom geiste² 2, 64.
γ)
nach dieser verbalen redensart sind wohl gebildet die nicht vor dem 18. jahrhundert zu belegenden ausdrücke wilde ehe und wilde liebe, anstelle der älteren kebsehe und unehe; vgl. Ladendorf schlagwörterbuch 343 f.: dann musz wol die wilde ehe etwas sehr unbequemes sein Hermes Sophiens reise (1771) 3, 34; wenn die hurkinder nie ohne eine grosze that fürs vaterland zur ehre .. gelangen könnten, würden viele wilde ehen in bürgerliche .. verwandelt werden J. Möser 2, 70;
die wilde liebe, zwischen ihr, der fremden,
und Octavian, sie soll sich plötzlich wenden
Tieck 1, 63;
ich habe mehr als einen hagestolzen gekannt, der statt des sanften jochs der gesetzmäszigen ehe, das harte joch der leidenschaften und der wilden ehe getragen hatte Metzger med. schriften 1, 19 bei Jahn volksthum 424; dem z'samm'leben in der wilden eh' mit deiner Kathl, dem dürft jetzt a ziel g'setzt sein Anzengruber³ 3, 155 (dorfgänge I); eine freie weiterbildung ist 'wilde' hochzeitsreise bei Bleibtreu gröszenwahn (1888) 2, 173. auch bildlich von bedenklichen und folgenschweren verbindungen auf geistigem gebiet gebraucht:
zwar scheint ein schlechter vers ein kleines wehe,
und doch erzeugt er eine menge sünden;
denn allzuleicht nur wird in wilder ehe
sich eine schlechte that mit ihm verbünden
Platen 292 (Ödipus III);
diese herzensangelegenheit bringt nun der pietismus mit der philosophie in eine wilde ehe, aus welcher schon die ungeschlachtesten bastarde entsprungen sind Ruge² 2, 198.
δ)
ferner finden sich freie weiterbildungen, bei denen die vorstellung des unerlaubten ganz verschwindet und nur die des unregelmäszigen zurückbleibt, wie wilde erziehung: da Jupiter selbst von einer nymphe, wo nicht gar von einer ziege genährt worden, andere götter und heroen gleichfalls eine wilde erziehung im verborgenen genossen Göthe 49 II, 10, 10 Weim.; ganz neuen ursprungs sind wildes examen, wilde candidatur, bei denen auch noch die vorstellung von wild 'hergelaufen, ortsfremd' mitklingt; siehe deshalb oben B 6 b, sowie wilde m.
16)
'gehaltlos, unrein, werthlos, unecht'; der ausgangspunkt dieser verwendung sind fälle wie wilde (d. h. unechte oder uneigentliche) rebe, wildes wasser (im gegensatz zum trinkwasser). sie dehnt sich dann auch auf fälle aus, wo kaum mehr ein zusammenhang mit dem ausgangspunkt gefühlt wird, wo aber stets etwas uneigentliches, minderwerthiges im gegensatz zu dem eigentlichen und werthvolleren bezeichnet werden soll; s. auchwildkegel; ferner vgl. altnord. villubiskup, villukristr, villumeistari, villupostoli (Fritzner) d. h. 'falscher bischof, Christus, lehrer, apostel', wobei jedoch die entwicklung den weg über 'herumirrend, irrend' gegangen ist. so gebraucht man das wort
a)
von erzen im sinne von 'gehaltlos, unrein': wenn nun die blick oder silberkuchen grosz und ungeschmeidig oder die erz wilde sein, so henget sich wildigkeit und unreinigkeit unten an das silber Mathesius Sarepta 149ᵇ;
heten perckhleut vil perckhwerch guet ..
wers hangend vest, das ligend mild
und die arzt im schmelzen nit wild
Rösch v. Geroldshausen wunschspruch 46;
s. auch wilderz und wildigkeit; daneben bedeutet es hier aber auch 'unverarbeitet, im rohen zustand': es haben auch etliche die rohen wilden erz zu probirn, diese weise Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 15ᵃ; s. auch wildzeug.
b)
vom gestein: wilder knauer ist das harte gestein, gebürge oder hornstein, so man mit päuscheln gewinnen musz Minerophilus bergwercks-lexicon 718; Adelung definiert wildes gestein als 'zu hart für die bearbeitung, aber auch taub'; wild, unartig, vest gestein ist ein gestein, so von den übrigen steinarten abweichet und fast garnicht zu gewinnen ist, wegen seiner festigkeit Jacobsson technolog. wörterbuch 4, 646; wilde arten, unarten, unartiges gestein Liechtenstern allg. dt. sachwörterb. (1834) 10, 376; wildes gestein n. (bgb.), fr. roche stérile f., engl. dead rock, barren rock Beil technol. wb. 1, 657.
c)
von weniger werthvollen metallen im gegensatz zu werthvolleren, namentlich vom eisen im gegensatz zu gold:
wie er aus wildem eisen wolt
machen pur lauter rotes gold
geschichtl. lieder u. sprüche Würthembergs (1597) 102, 8;
auch im gegensatz zu besserem, echtem stahl: wilder oder willer stahl eine art weiszen, bei der drahtfabrication verwendeten roheisens Scheuchenstuel idiotikon der öst. berg- und hüttenspr. 265, s. auch wildstahl.
d)
vom gas: wildes gas (mephitisches) Liechtenstern allg. dt. sachwb. 10, 378; wilder dunstschwaden (kohlensaure luft) Pierer realwb. (1829) 8, 681.
e)
vereinzelt von dem irren, ungewissen, wechselnden licht der vom nebel halb verhüllten sonne: de wild' sünn schient Schütze holstein. idiot. 4, 362; oder von dem 'hof' der sonne: wilde sunnen, der sunnen o. des monen hof halo Diefenbach nov. gloss. 200ᵃ.
f)
vereinzelt von den sternen, die kein eigenes licht haben: die stern sein zwar schön, aber ohn der sonnen hülf sein sie wild (kraftlos) Schupp 702 (kunst reich zu werden).
g)
von unreinem, entartetem blut: wird das israelitisch blut gar vermischt, unrein, wässerig und wilde worden sein Luther 8 (1562), 121ᵇ.
h)
von abfallstoffen bei gewerblichen betrieben und chemischen zersetzungen, namentlich vom gehaltlosen wasser u. ähnl.: scheidung des wilden und haltenden wassers .. so viel helt die mensur des wilden, öden, unnutzlichen wassers bei sich Thurneiszer von wassern (1612) 29; aus einer bernsteingräberei führt ein kanal das wilde wasser nach der Ostsee gegenwart 2, 135ᵇ; im gegensatz zur sole: man hat auch geringsweis umb die suln (sole) graben, mit letten verdampt (abgedämmt), dasz das wild wasser nit zu dem guten kan J. Herolt chronica v. Hall 259 Kolb; man kann unsern körper als ein gradierhaus ansehen, wo das wilde wasser von dem guten geschieden werden soll Claudius 7, 179; Jacobsson technol. wb. 4, 647; wilde fluth das von einem poch- oder waschwerk in die frei fortlaufenden bäche oder flüsse abfallende trübe wasser Scheuchenstuel idiot. d. öst. berg- u. hüttenspr. 265; wilde lauge vitriollauge, aus der auslaugung des kupferrauchs erhalten Jacobsson technolog. wb. 4, 647; durch fallenden regen entstehende lauge auf vitriol- und alaunhütten oder wie rotlauge die erste durch infundieren der erze mit wasser erhaltene vitriol-, alaun- und quicksalzlauge Lampadius hdwb. d. hüttenkunde (1817) 218; wilder käs von dem zusammenhängenden labgerinnsel losgelöste einzelne flocken, die auf der abgeschiednen molke schwimmen und darum auch 'schwimmkäs' genannt werden (Schweiz) Martiny wb. der milchwirtsch. (1907) 138; mit wildem abraum ausgefüllt König die klubbisten in Mainz (1847) 1, 128; wilder rauch in hüttenwerken die beim 'rösten' oder schmelzen der erze entwickelten gase, die zwar werthvolle bestandtheile enthalten können, aber doch nicht eigentlich verwerthbar sind: (aus einem urtheil des Freiberger bergschöppenstuhls vom 11. jan. 1697) dasz er den beim rösten der zwitter (zinnhaltiges erz) in die luft steigenden wilden rauch auffangen und daraus arsenicum machen möge Herttwig bergbuch 31ᵇ.
i)
von unausgenützter wasserkraft: das wasser wild laufen lassen, wildes wasser (beim mühlenbetrieb) Sanders 2, 1603ᵇ; vgl. auch wildgraben.
k)
von verdorbenem fleisch: wild, stinkend, verdorben fleisch Luther 32, 345, 37 Weim.; wildes fleisch, wildenzendes fleisch Liechtenstern allg. dt. sach-wb. 10, 378.
l)
von irreführenden pathologischen erscheinungen wie wildes fruchtwasser Höfler krankheitsnamen 785; w. kindswasser Pierer real-wörterb. 8, 681; wilde (auch falsche, blinde) wehen Amaranthes frauenzimmer lex. (1715) 2124; s. auch oben wehen th. 14 I, 40; mundartllich von abarten von krankheiten, die der eigentlichen art in der erscheinung ähnlich sind: wilde blattern Höfler 53, wilde blotere schafblattern Seiler Basler mundart 315; wildi blotere Hunziker aarg. wb.; els. wilde bürwele schafblattern Martin-Lienhart 2, 820; wilde pocken heidepocken, schafblattern bei kindern Höfler 478.
C.
formelhafte verbindungen, meist zur verstärkung dienend (die belege meist oben):
1)
mit vorgesetztem adverb: unmeʒ wildi nimium ferox Graff 1, 804, teufelsmäszig wild, grimmig wild.
2)
mit nachfolgendem vergleich: wilder denn seublut H. Sachs 21, 35, 5; wild wie ein holzbock Wander sprichwörter lex. 5, 235; wild wie der teufel.
3)
mit einem gegentheiligen begriff: w. und zahm s.A sowie zahm 1 i β.
4)
mit einem sinnverwandten adjectiv, theilweise allitterierend: wild und unbändig, wild und störrig, hitzig und wild, wild und toll; wild und keck, wild und frech, wild und lüderlich, gail und wild; wild und rumorisch; wild und unruhig; wild und wüst, wild und grimmig, wild und wüthig; letz und wild; wild und schändlich, wild und grausam; wild und greulich; wild und unvernünftig; wild und roh; wild und grob; wild und barbarisch; wild und ungeschlacht, wild und ungefüg; wild und ungeheuer; wild und gesetzlos; rauh und wild; wild und verworren; wild und düster; trüb und wild; wild und fürchterlich; fremd und wild; wild und öd; wild und seltsam; wild und wunderlich; wild und wunderbar; mit verdoppelung wild über wild S. Brant.
5)
mit substantiven (die fachausdrücke unter E): wilder mann, w. frau, w. weib, w. kopf, w. kunden, w. vogel, w. gast, w. kind, w. hummel, w. jäger, w. rotte, w. jagd, w. heer; w. feuer, w. wasser; w. zeit, w. läufe; w. wesen, w. leben, (in der nacht da fechtet des ritters hausfrau in dem schlaf und weint und schrei, und hett ein wild leben Pauli schimpf u. ernst 186); wilde mette (von einer schlacht Liliencron volkslieder 3, 20); w. wald, w. heide, w. meer, w. wurzel, w. straszen, w. ende, w. elend; mnd. wilde wege ungehöriges verfahren Lübben-Walther 582; w. weite (welcher später .. in die wilde weite der vier winde hat entfliehen müssen Arndt schriften f. u. a. s. l. Dtschen 4, 284); w. fund, w. geschichte, w. sache, w. gewerb, w. schwänke, w. gefährt, w. ehe, w. examen, w. nase. vgl. auch die zusammenrückungen wie wildemann, wildfrau, wildweib, wildfeuer, wildwasser, wildewahl u. s. w.
6)
mit verben: wild werden, w. machen, w. leben, w. zugehen, w. thun, sich w. stellen, w. wachsen, wild stinken; mnd. wild lopen toll hergehen Lübben-Walther 582.
7)
sonstige: ins wilde, s. dieses unten bei wilde n.
D.
zusammensetzungen oder zusammenrückkungen.
1)
endglied ist wild in einer ganzen reihe von fällen, so z. b. in bartwild, blutwild, fuchswild, fuchsteufelswild, elsässisch füdlewild, halbwild, kürbsewild, minnewild, sehnsuchtswild, siegeswild, strauchwild, sturmwild, teufelswild, unwild, urwild, waltwilde, wolfswild, zorneswild. die gesperrt gedruckten sind in den früheren theilen nicht erwähnt.
2)
als anfangsglied ist wild ungemein häufiger; vor allem steht es
a)
noch ziemlich lose neben participien, so beispielsweise in
α)
wild-andringend, -anprallend, -anstürmend, -athmend, -aufbrausend, -auflodernd, -aufrasend, -auftobend, -ausbrechend, -aussehend, -bedrängend, -begeisternd, -blickend, -brausend, -brüllend, -eifernd, -fahrend, -flammend, -flatternd, -fliegend, -fluthend, -funkelnd, -gährend, -gebahrend, -gischtend, -glühend, -hauend, -herabhängend, -heulend, -höhnend, -jagend, -jauchzend, -jubelnd, -kochend, -krächzend, -kreischend, -lachend, -lärmend, -laufend, -lebend, -liebend, -lodernd, -pochend, -quellend, -rankend, -rasend, -rauschend, -reiszend, -rennend, -rollend, -rufend, -schäumend, -scheinend, -schieszend, -schnaubend, -schnaufend, -schwärmend, -schweifend, -sengend, -spielend, -sprechend, -strömend, -stürmend, -stürzend, -taumelnd, -tobend, -tosend, -treibend, -umstarrend, -umwogend, -verheerend, -wachsend, -wechselnd, -widersprechend, -wiehernd, -wogend, -wuchernd, -wüthend, -zürnend;
β)
wild-angelaufen, -aufgekraust, -aufgesetzt, -aufgeschossen, -aufgewachsen, -begeistert, -belebt, -besessen, -bewachsen, -bewegt, -bewuchert, -emporgeschraubt, -empört, -entbrannt, -entflammt, -ergriffen, -erregt, -erschüttert, -erwachsen, -gebildet, -gedrängt, -geharnischt, -gejagt, -gemacht, -gesträubt, -gewachsen, -geworden, -umfurcht, -umflattert, -umhergeworfen, -umufert, -verbraust, -verbunden, -verflochten, -verkehrt, -verschlungen, -verschränkt, -verträumt, -verwachsen, -verworren, -verzerrt, -verzweifelt, -zerfleischt, -zerklüftet, -zerrauft, -zerrissen, -zersplittert, -zerstört, -zerstreut, -zerwühlt, -zerzaust, -zusammengetrieben. wichtig ist wegen seiner form darunter wilde-verwundet Herder 26, 233.
b)
sonst vor adjectiven, so abgesehen von den oben sp. 10 genannten formen in wild-bedrohlich, -behaart, -beherzt, -borstig, -erhaben, -felsig, -feurig, -frei, -froh, -fröhlich, -genial, -gewaltig, -gezackt, -gierig, -grausig, -grosz, -grotesk, -grün, -harmonisch, -heroisch, -herrlich, -kraus, -ländlich, -leidenschaftlich, -locker, -mächtig, -malerisch, -pittoresk, -salzig, -schaffen, -scythisch, -stürmisch, -trotzig, -üppig, -verästet, -wachsen, -zornig.
3)
häufig ist es auch neben substantiven, wobei zusammensetzung mit zusammenrückung wechselt (wildfrau — wildefrau). beispiele dafür sp. 13 (unter β), 14 (unter b). übrigens werden von all diesen verbindungen nur die mit substantiven und die mit adjectiven wegen ihrer engeren verbindung im folgenden als besondere artikel behandelt.
E.
verwendung in den fach- und berufssprachen. ackerbau: 'ungepflügt, brachliegend' (w. boden), 'unrationell' (w. feldgraswirthschaft, w. samen aarg. 'nicht absichtlich gesät' Hunziker); alchimie: 'gehaltlos' (w. wasser), 'unedel' (w. eisen); bergbau und hüttenwesen (vgl. auszer Lampadius und Scheuchenstuel auch Dannenberg-Frantz bergm. wb.): 1) 'taub, gehaltlos, unartig' (w. gestein, w. erz); 2) 'ohne zuthun der menschen hervortretend und sich sammelnd', daher oft 'gefährlich' (w. wasser, w. gas); 3) 'auf natürliche, kunstlose weise hergestellt', im gegensatz zu den erzeugnissen eines vervollkommneten technischen verfahrens (w. vitriol); 4) 'unecht', daher 'minderwerthig' (w. stahl, s. wildstahl); 5) 'werthlos', weil bereits ausgebeutet oder die ausbeutung nicht lohnend, als abfallstoff betrachtet (w. fluth, wie pochfluth und herdfluth, das freigerinne bei der aufbereitung, dessen inhalt von erzen u. s. w. nicht benutzt wird, sondern abflieszt, im gegensatz zu den erzhaltigen trübe). botanik: 'einheimisch' (w. arten); 'uneigentlich, unecht' (w. reben und andere pflanzennamen); brauerei: 'stürmisch' (w. gährung, im gegensatz zur nachgährung); brunnenbau: 'nicht zur gefaszten quelle gehörig' (w. wasser); fischerei: 'unrationell, natürlich, in freien gewässern betrieben'; flöszerei: 'nicht in festverbundenen flöszen bewerkstelligt', vgl. wildflöszerei; forstwesen: 'nicht von menschenhand gefällt' (vgl. wildholz), 'aus lebenden sträuchern gebildet' (wildhecke, wildzaun); fuhrwesen: 'auszerhalb des hauptgeleises liegend', vgl. wildbahn; gärtnerei: 'unveredelt, ungepfropft' (w. obstbäume, w. sträuche); gerberei: 'besonders stark' (vgl. wildhäute); jagd: 'störrisch, ungehorsam' (w. werden, von hunden); ingenieurwesen: 'gieszbachartig' (vgl. wildwasser); kaufmannssprache, vgl. Eitzen wb. der handelsspr. dt.-engl. (1893), Schirmer wb. der dt. kaufmannsspr. (1911): 'ungewöhnlich, unsolid, gewagt' (w. geschäfte, w. speculanten, w. firmen); 'unofficiell, nicht anerkannt, zweifelhaft' (w. marke, w. markt, w. noten, w. scheine); 'heftig, stürmisch' (wilde hausse): in einem der pronunciamentos sagt Lawson, dasz die wildeste hausse, welche die welt jemals gesehen haben wird, zur thatsache werden wird Münch. allg. zeitg. 1908, 714ᵃ; medicin, namentlich volksmedicin: 'wuchernd' (w. fleisch), 'entzündet' (w. feuer), 'von wilden waldgeistern gebracht' (von plötzlich auftretenden krankheiten), 'unecht, täuschend' (w. blattern, w. wehen); mühlenwesen: 'unausgenützt' (w. laufen, vom wasser); politik: 'zu keiner fraction gehörig'; rechts- und staatswissenschaft: 'heimathlos, herrenlos', vgl. wildfang und mnd. wilde fruwen fahrende, öffentliche frauen Lübben-Walther 582; 'ungehörig': wilde wege ebd.; rinnsteinsprache: w. penne freie herberge, schnapsherberge Ostwald; salzgewinnung: 'nicht salzhaltig'; schülersprache: 'zu keiner staatlichen anstalt gehörig'; studentensprache: 'nicht incorporiert'; viehzucht: 'ohne fürsorge für fütterung, ställe, begattung, dem naturzustand nahekommend' (w. gestüte, w. paarung); volkswirthschaft: 'auszerhalb der gemarkung, in der wildnis gelegen', vgl. wildhufe; ziegelbrennerei: 'nicht von der eigentlichen feuerung ausgehend' (w. flammen).
Zitationshilfe
„wild“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wild>, abgerufen am 23.05.2019.

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