Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wirsing, m.

wirsing, m.,

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name einer aus Oberitalien stammenden kohlsorte mit einem lockeren kopf aus krausen grünen blättern (brassica oleracea var. Sabauda) und deren abarten, vgl. die synonymen welschkohl, Savoyerkohl u. s. w. bei Kretschmer wortgeogr. 579, Seiler lehnw. (1921) 2, 164; lehnwort aus lombard.-ital. verza (˂ verdza ˂ virdia = lat. viridia 'grünzeug', s. Dietz etym. wb. [1887] 340, Meyer-Lübke etym. wb. [1935] 782ᵇ), ladin. versa Lardschneider-Ciampac grödn. ma. 2, 268, vgl. alpendeutsches berza, birza lauch Schmeller cimbr. 111ᵃ, auch ital. verzi köllkraut ital.-dtsch. voc. v. j. 1479 bei Kretschmer a. a. o. zusammenhang mit spätahd., mhd. wirz briseca (11. jh.) ahd. gloss. 3, 495, 8, wirz brasicia ebda 3, 295, 41 'bierwürze' (vgl. ztschr. f. dt. wortf. 6, 197) ist nicht möglich, dagegen ist schweizer. wirtz römisch köl Maaler (1561) 502ᵇ, Frisch (1741) 452ᶜ, mundartlich virz Bacher Lus. 418, werz, wirz Stalder schweiz. id. 2, 447 und Pritzel-Jessen 64 derselben ital. herkunft. wirsing zeigt seit alters zahlreiche formvarianten, in denen vielfach das e der roman. vorstufe erhalten ist oder dialektisch zu a geöffnet wurde; doch ist namentlich für md. maa. auch mit sekundärem übergang von i zu e zu rechnen. die wohl in analogie zu andern pflanzennamen wie etwa wegerich, hederich angefügte suffixsilbe ist seit dem 16. jh. -ich, mit dem 17. jh. tritt -ing (vgl. sellering u. a. Kluge etym. wb.¹¹ 694ᵃ), mit dem frühen 18. jh. -ig hinzu, die sämtlich in mundartlichen formen bewahrt erscheinen; doch deuten die familiennamen Wirsich (v. j. 1324) Fischer schwäb. 6, 1, 720, Wirschinc livländ. reimchron. 7024 Pfeiffer, Wirsing (v. j. 1457) archiv f. österr. gesch. 101, 261 vielleicht auf höheres alter des stammvokals i, der wie in pfirsich ˂ pfersich sekundär entwickelt ist, und der verschiedenen suffixe; palatalisiert mit -sch- sonst erst im 17. jh. bezeugt und so mundartlich verbreitet.
1)
wersich, warsich, wirsich, wersig, wirschig, werschig, vgl. wersichbletter Seutter roszartzney (1588) 324:
ein rebhuhn ist besser als wersich und kohl
L. Tölpels ... baurenmoral (1752) 14;
kappus, warsich, köhl Böckler haus- und feldschule (1678) 112, vgl. weršiΧ Fischer schwäb. 6, 1, 720, wersich Höfer österr. 3, 303, wersich (Schlesien) Pritzel-Jessen 64, wirsich (Regensburg) Kretschmer a. a. o. 576, vgl. wirsichkohl (Berlin) ebda; wersig brassica crispa Stieler 2518, wersig Rumohr geist d. kochkunst (1822) 138; wirschig Loritza idiot. vienn. 144, wärschig Lentilius sauerbrunnen zu Göppingen (1725) 138, vgl. wèrsik, weršik Martin-Lienhart 2, 855ᵇ, werschick (Pfalz) Nieszen rhein. volksbotan. 165.
2)
wirsching, wersching: wirsching brassica crispa Stieler 2518; wirsching und kohlrabi Göthe IV 25, 4 W.; vgl. wirsching Follmann lothr. 544ᵇ, wirsching (südl. Hessen) Pfister nachtr. 242, wirsching Müller-Fraureuth obersächs. 2, 671; wersching Niebergall dram. w. 278 (aus Darmstadt), vgl. we̜ɐšin Meisinger Rappen. 227ᵇ, wersching Askenasy Frankf. 168, wersching Nieszen rhein. volksbotan. 165, wersching Hertel Thür. 259 u. s. w.
3)
wersing: wersing Corvinus fons lat. (1671) 201; der krause köhl oder wersing, so man auch den römischen köhl nennet, giebt ein sehr gutes zwischengericht Böckler haus- u. feldschule (1683) 112; vgl. wersing Fischer schwäb. 6, 1, 720.
4)
wirsing, die schriftsprachlich gewordene form, wird (auszer im oben angeführten eigennamen v. j. 1457) erst im späten 17. jh. greifbar, vgl. wirsing brassica apiana Stieler 1002, wirsing brassica crispa Aler dict. (1727) 2, 2200ᵇ: (der rezensent) erkläret ..., warum er sich ... vom wirsinge ... enthalten müsse allg. dtsche bibl. anh. 25-36 512; in kleine stücke geschnittenen wirsing H. Davidi kochbuch (1873) 51; vgl. wiəsẽn Fischer schwäb. 6, 1, 720, wirsing Loritza idiot. vienn. 144ᵃ, wirsing Dähnert pomm. 553ᵇ.
5)
mundartliche kurzformen, die z. t. wohl die alte suffixlose gestalt fortführen, z. t. auch junge verstümmelungen darstellen: wirtz, wirz (s. oben), in zusammensetzungen wie wersekohl Frisch t.-lat. (1741) 531ᶜ, auch würsekohl ebda, wirschekohl 452ᶜ; wirsekohl Schrader dtsch.-franz. (1784) 1641ᶜ; wörschkohl Thaer grundzüge d. rat. landwirthsch. 4, 240; berschkohl Schmeller-Fr. 1, 280; pörschkohl Leipz. intelligenzblatt v. j. 1767, 358; börse- und Savoyerkohl Reichart gartenschatz (1768) 3, 164; wirschi' Schmeller-Fr. 2, 1003, wirschi Weber öcon. lex. (1838) 663; anders wîrjen lux. ma. 487ᵇ, vgl. wirgekohl Meyer d. richt. Berliner (1925) 194ᵇ.
das simplex gilt umgangssprachlich heute überwiegend im mittel- und süddeutschen, während im norddeutschen besonders die zusammensetzung wirsingkohl üblich ist, vgl. Kretschmer wortgeogr. 576. —
übertragen scherzhaft für kopf;
wirsching kopf
Th. Imme soldatenspr. 102,
vgl. dazu
wirsingkopf
groszer, hohler schädel:
ich schlüge ihm seinen verdammten wirsingkopf in tausend granatstücke
Fr. Chr. Laukhard leb. u. schicksale (1792) 2, 51.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 627, Z. 54.

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„wirsing“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wirsing>, abgerufen am 26.09.2021.

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