Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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wispel1, f.

¹wispel, f.,
pflanzenname. mhd. bezeugt in der aus den obliquen kasus stammenden form wispeln, vgl. bei 2:
(unter verschiedenen speisen:)
stündige liute kreftet brôt,
von dem ein sûgendez kint lît tôt.
wispeln wilde vogel zemt,
hunde letzet unde lemt
Hugo v. Trimberg renner 22417 E.
1)
mistel, viscum album, durch reziproke assimilation über mispel, s. d. teil 6, 2258, zu wispel weitergebildet, vgl. dazu Walde-Pokorny 1, 313, s. auch wispe oben. pl. wispeln, s. Gottsched dtsche sprachk. (1748) 195. mistel, mištl, mišl, wispel Fischer schwäb. 4, 1695; wäspel (Siebenbg.) Pritzel-Jessen volksn. 442; wispel Woeste westf. 327: unter das truͦg dieser eichbaum wispeln, desz warden die vögler gewar, richteten darmit ire leimruͦten zuͦ ... und fiengen der vögel eine grosze menge Kirchhof wendunmuth 1, 110 lit. ver.; der tannenbaum ... hat am allermeisten die wispeln auf seinen zweigen v. Hohberg georg. cur. 3 (1715) 2, 333ᵇ; uns kommt jede portraitverzierung vor, wie moos und wispeln, die dem baume die kraft aussaugen Göthe 38, 387, 29 W.
2)
mespilus germanica, nebenform zum lehnwort mispel, baum und frucht der mispel: lentiscum wispel voc. theut. (1482) oo 7ᵇ; auch esculum wispeln (15. jh. md.) Diefenbach gl. 210ᵇ; wispel, so viel als gemeine mispel Krünitz öcon. encycl. 239, 432; Holl wb. d. dtschen pflanzenn. 250ᵇ; Metzger pflanzenkde 712; mundartlich: Wegeler Coblenz 95; (Niederlausitz) Pritzel-Jessen volksn. 117; wispel(chen) Müller-Fraureuth obersächs. 2, 240; wispelte Woeste westf. 327; Schambach Göttingen 301ᵃ, vgl. auch wispeltüte mispel Strodtmann id. Osnab. 289: vor wispeln 20 alb (in einem unkostenverzeichnis einer hochzeit v. j. 1625) studien z. gesch. der lebenshaltung zu Frankfurt II 2, 7 Bräuer; eine verrunzelte wispel bei Sanders erg. wb. 644.
3)
prunus avium, vogelkirsche, vgl. wispele holzkirsche, pr. avium Bauer-Collitz waldeck. 114ᵇ, häufiger wispelbeere (Unterweser) Pritzel-Jessen 313; Krünitz öcon. encyc. 239, 432; wisselbeere Schambach Göttingen 301ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 733, Z. 1.

wispel2, m.

²wispel, m.,
schwäb. für wipfel, gipfel der bäume, stauden, vgl. nadel- und laubholzwispel (1807) württembg. gesetze 16, 2, 64 Reyscher, spezieller das dünne teil der floszwiede Moser forstarchiv 13 (1792) 89. mit anderem anlaut auch gispel, s. d. und Fischer schwäb. 6, 894. gelegentlich als fem.: oben in der wispel C. Dieterich kriegstrost (1633) 30: sollen unser vorstmeister ... allen unsern underthonen ... ernstlich verbieten, das sie kein junge stammhöltzer noch wispell, wölcherley geschlechts sie seien ... schneiden (v. j. 1540) württembg. gesetze 16, 1, 11 Reyscher; auch (sollen) der wispel inn thauwälden, da die äst zu hagen gepräuchiger sind, verschont werden Sebiz feldbau (1579) 561; aber die wyspel nicht abdromen, sonder ein tag, drey, vier ligen lassen, bisz das laub daran anfacht dorren (1614) württembg. gesetze 16, 1, 2, 48 Reyscher; ölbaum, an dem noch ... 3 beeren am wispel hangen C. Dieterich kriegstrost (1633) 10; es sollen die wispil und gipffel aber nicht gleich abgehauen, sondern liegen gelassen werden, bisz das laub anfähet zu dörren churfürstl. Pfalz forst- und waldordnung (1711) 38; der jagdzug (des wilden jägers) fährt über die wischbel (tannenwipfel) hinweg Birlinger volksthüml. aus Schwaben 1, 14.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 733, Z. 41.

wispel3, f.

³wispel, f.,
wespe, pl. wispeln. gelegentlich in älterer sprache, vgl. wispel (15. jh. nd.) crecopulus Diefenbach gloss. 156ᵃ; en wyspel vel en bromete (um 1419) bei Schiller-Lübben 5, 743:
wan wenig wispiln (mało sršnou) suchtig
machint vil vligin fluchtig
chron. des Dalimil (14. jh.) in: fontes rerum bohemic. 3, 90.
noch von Campe 5, 745ᵃ geführt und in den mundarten lebendig: wišpl wespe Martin-Lienhart elsäss. 2, 875; wischpel Follmann lothr. 545; wispel Spiesz henneberg. id. 284; Dornkaat-Koolman ostfries. 3, 564; Schumann Lübeck 5. redensartlich he hett 'n wispel in nors ist ein unruhiger mensch Mensing schlesw.-holst. 5, 668. s. noch wispelte Woeste westf. 327.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 733, Z. 64.

wispel4, m.

⁴wispel, m.,
sibilus, rückbildung aus ²wispeln, hauptsächlich in älterer sprache, vgl. wispilodi sibilus ahd. gl. 2, 226, 61, s. auch die mhd. wbb.gewöhnlich für das zischen der schlangen und ähnl. noch lexikalisch ins 15. und 16. jh. hereinragend, heute abgelöst durch das kollekt. gewispel: wispel sibilum est quedam fistula vel sonus serpentum aut signum hoim voc. incip. teut. (1471) nn 7ᵃ; wischpel sibilum (1487) bei Fischer schwäb. 6, 3431; voc. (1515) k 4ᵇ Hupfuff; strepitus, quod etiam dicitur der wispel Stieler stammb. 2565. — anders wispel kinderpfeifchen, vereinzelt im tirol.: beim vortrag solcher weihnachtslieder sei erwähnt, dasz der darin häufig vorkommende vogelgesang in manchen gegenden ... mit sogenannten 'wispeln', das sind kleine kinderpfeifchen, mit denen man den gesang der vögel nachahmt, begleitet wird L. v. Hörmann Tiroler volksleben 233.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 734, Z. 3.

wispel5, m.

⁵wispel, m.,
nd. hohl- und getreidemasz: wisspel (1238) mecklenburg. urkb. 1, 483; wispel (1370) ebda 16, 614; wischpel (1314 Magdeburg) dtsche städtechron. 7, 196; wispel eyn mate rochgen (nd.) Diefenbach nov. gl. 116ᵇ. ebenso mndl. wispel Verwijs-Verdam 9, 2, 2698. mundartlich wispel noch bei Damköhler Nordharz. 228; Frischbier preusz. 2, 476; Bernd Posen 353; Mensing schlesw.-holst. 5, 668. der herkunft nach wohl mit recht als verkürzung aus dem älter bezeugten wîk- wîchschepel (seit 1191 als wichskepel, wigskepele, wicschepel) 'stadtscheffel' Schiller-Lübben 5, 704 anzusehen, zu wîch, weich 'dorf, stadt', vgl.borchschepel, borchmate bei Schiller-Lübben 1, 389. als zwischenform: wisscheppel urkb. d. hochstifts Halberstadt 4, 191. aus dem schwinden der urspr. bedeutung erklären sich die zahlreichen formvarianten, z. b. witschepel (14. jh.) seerecht v. Bremen in: coll. de lois maritimes 3, 319 Pardessus; häufig als wynspil, so (1403) Marienburger treszlerb. 222 Joachim; winsbel G. Wicelius annotationes (1536) 110ᵃ; wynschepel berlinisches stadtb. (1883) 10; winspel bei Frisch (1741) 2, 453; Wachter 1917. masz, gewöhnlich für korn und getreide meist von 24 scheffeln, nach den städten jedoch verschieden, vgl. Voigt hwb. (1807) 2, 568, Leopold hwb. (1805) 531ᵃ: de schiphere scal eme ghewen dar he sine vracht nimt ... van Hamburg ... enen wischepel kornes (13. jh.) seerecht v. Hamburg in: coll. de lois maritimes 4, 341 Pardessus, s. auch die weiteren belege bei Schiller-Lübben 5, 704. seit dem 16. jh. in die hochsprache aufgenommen, doch fast ausschlieszlich von md. und nd. schriftstellern und dichtern getragen: das ist zehn Leipziger schöffel gehalten, welches mehr denn ein wispel bei uns tregt J. Pomarius grosze postilla (1590) 2, 143ᵇ;
darzu hast noch zwölff wispel korn
B. Krüger aktion v. d. anfang u. ende d. welt (1580) h 4ᵇ;
ein bauer hatte von seinem acker ausz in der erden gegraben ... und bey die 60 wispel weitzen hinein geschittet gehabt Prätorius d. abentheuerliche glückstopf (1669) 101; vgl. wispel mensura aridarum Schottel haubtspr. (1663) 1444; Stieler (1691) 1015; ein wispel korn M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 1366ᶜ;
Picander saget dir salutem plurimam,
und wünschet deiner braut zehn wispel voll gedeyen
Chr. Fr. Henrici ernst.-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 3, 312;
doch hör ich viele tausend wispel weizenmehl
und mehr denn Agen habe ihnen Harpalus
gesandt
Droysen gesch. Alex. d. Gr. (1833) 499 anm.;
wann sie (die hexe) einen wispel korn verkauft, habe sie nebst dem gelde allemal das korn wieder mitgebracht Grässe sagenbuch des preusz. staates 1, 189; nun habe ich ihm noch einen wispel roggen streichmaasz als zulage versprochen A. v. Arnim w. 10, 286. — seltener als hohlmasz für andere dinge: 1 wisspel saltzes in der sultze (1310 Lüneburg) mecklenbg. urkb. nr. 3403; wispel ist ein hohlmaasz, mit welchem der kalk gemessen wird Helfft wb. d. landbaukunst (1836) 412.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 734, Z. 20.

wispel6, meist m.

⁶wispel, meist m.,
rückbildung aus ³wispeln, nur mundartlich. ohne unmittelbaren zusammenhang mit schwed. visp 'quirl', visp, visper 'unbeständiger, unzuverlässiger mensch' Hellquist 1137.
1)
f., quirl (aus reisig) Hupel Lief- u. Esthland (1795) 266; Sallmann Estland (1880) 132. dazu wispeln querlen Hupel, Sallmann a. a. o.
2)
'unruhiger mensch', vgl. westf., nl. wispelturig 'wetterwendisch' Woeste 327, Dale 2, 1998ᵇ. dtsch-mundartlich allgemein hastige, lebhafte, unruhige auch unordentliche person, bes. von kindern, z. b. Martin-Lienhart elsäss. 2, 875; Follmann lothr. 545; Woeste westf. 327ᵃ; C. Schumann Lüb. 72. als adj. wispel 'schwingend, schwankend, unruhig' Doornkaat-Koolman ostfries. 3, 564.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 735, Z. 1.

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Zitationshilfe
„wispel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wispel>, abgerufen am 30.11.2020.

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