Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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gewusst

gewusst,
jüngere form des neugebildeten schwachen part. prät. zum präteritopräsens weiss (vgl.het er gewest, daʒ Walther 10, 30 u. a. s. mhd. wb. 3, 785ᵇ; du hast nicht drumb gewist Waldis Esopus s. Kurz 1, 315; vgl. auch gewisst oben sp. 6376).
1)
der dunkleunter dem einflusz des labialen anlauts stehendevocal ist zuerst an andern formen des prät. beobachtet: woste Herbort 8421 u. andere mitteldeutsche denkm.; wuste Konrad v. Würzburg troj. krieg.; vgl. Lexer 3, 961; erst später folgt das part. in der mitteldeutschen Griseldis: das ich mich in dime husze nie anders erkant unde wust habe, wen alze ... dinerinne 16, 26 C. Schroeder.
2)
adjectivische verwendungen des particips setzen spät und spärlich an.
a)
auffällig erscheint jetzt der attributive gebrauch; doch ist er am frühesten belegt: ward den jünglingen erlaubt, den oberen theil des nackenden leibs jhrer bräut ... zu besehen, damit sie also nit ... nach der hochzeit, die alsdann verspürte und zuvor nicht gewuste mängel ... zurupffen Aeg. Albertinus landstörtzer Gusman 381. zu der besonders fremdartigen beziehung auf personen, die bei geglaubt ganz geläufig ist, giebt schon die stelle aus der Griseldis einen anhaltspunkt: und stand die gestern noch halbtodt gewusste frau denn nicht in wahrheit frisch und gesund vor ihnen W. v. Kügelgen jugenderinnerungen (4, 5) 280.
b)
vertrauter dagegen ist das substantivierte neutrum: den elephanten hab' ich auch besucht ... da hat es denn sehr schöne bemerkungen gegeben und das gewusste kam nicht zum bewusstsein Göthe br. 28, 150; bewundern muss man auf alle fälle wie hier (in A. v. Humboldts 'Cuba') das erfahrenswerthe, wissenswürdige und gewusste zusammengestellt ist br. 42, 64; man hatte den weg der älteren schule, von der praxis zur theorie ... verlassen und experimentirte nun zur abwechselung von der verkehrten seite ... so hatte ich denn nun damit zu beginnen, vorerst das schon gewusste zu vergessen, und es mir unter der zucht der neuen methode von neuem anzueignen W. v. Kügelgen jugenderinnerungen s. 72 (2, 2).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1913), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 6872, Z. 74.

gewüst, gewüste, n.

gewüst, gewüste, n.
collectivbildung zu wuost (Lexer 3, 1004), wust (s. d.) aus österreichischem gebiet belegt; zuerst als var. der Straszburger handschr. zu Heinrichs v. Neustadt Apollonius für gemöss:
ausserhalb der stat leit
ain gemöss und ain gehag
das niemant zu der statt mag.
8912 (A: gewüst).
dazu vgl. aus neuerer zeit: von den wirtschaftsgebäuden standen teile, aber sie waren halb ... verschlammt, stellenweise begraben ... in das angeschwemmte gewüst von baumstämmen, sträuchern, gewurzel Rosegger weltgeist 1903; vgl.gewus, ↗gewirre Unger-Khull 291ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 2 (1913), Bd. IV,I,IV (1949), Sp. 6873, Z. 37.

verwissen1, vb.

¹verwissen, vb.,
wissen, verstehen; vergeben. ahd. firwizzan, mhd. verwizzen; as. *farwitan (in farwistis, s. u.), mnd. vorweten, mnl. verweten. schriftsprachlich bis ins 17. jh. bezeugt; in neuerer zeit nur noch in mundart und umgangssprache gebräuchlich, bes. im bayr.-österr. und angrenzenden gebieten.
1)
selten verwissen wie wissen:
entriuwen daz verweiz ich wol
Gottfried v. Straszburg Tristan v. 5857 Ranke;
in annäherung an 4 (s. u.): drei tag lag er als wer er todt, das er nichts um sich selbs verwiszt S. Franck chron. zeytbuch (1531) 471ᵃ. reflexiv:
des vreute sich Sathanas,
das also starc ir zwivel was,
want sie sich nicht verweste
welch ir were daz beste
väterbuch v. 32405 Reissenb.;
die strasse kenn ich auch, vnd ich verweisz mich hin
Opitz teutsche poem. 23 ndr. (var.);
wer seiner unschuld traut und sich gerecht verweisz,
der scheuet keinen gott
Hoffmannswaldau bei Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1061.
2)
klug, vernünftig, einsichtig sein; hier wie in den gruppen 3—5 stets reflexiv. ahd.:
ioh wol er sih firwesti, then lesan iz gilusti
Otfrid I 1, 10;
as.: of thv thi farvvistis than farmunidis thv damnes si sapias (10. jh.) bei Wadstein as. sprachdenkm. 104, 4 (zu Prudentius perist. 6, 40); mhd.:
dvͦ dei chint gewuͦhsen
daz si sich ferwisten
Wiener genesis, v. 1153 D.
3)
bescheid wissen:
got rihtet als er vindet dich,
er frâget nieman, alsô wol verweiz er sich
Marner 130 Strauch;
mit gen. oder präp. ergänzung, 'sich auf etwas verstehen': de witzigesten der stad, de sik rechtes vorwusten (Magdeburg 14. jh.) städtechron. 7, 226; sij erkant, das er des hantwergs sovil sich verwisse, das er sinen tagelone verdienen konne (1476) Frankf. zunfturk. 2, 82 Schmidt; darumb soll ein rhat in vnnser statt Amberg fünff ehrbar redlich frombe man, die sich um eisenbergwerck wohl verwissen vnnd verstehen, annemen (1455) bei Lori bair. bergr. (1764) 46. ähnlich mit infinitiv 'verstehen, können': auch sich nach der welt, die so selten yemant mag grüntlich erkenen vnd gar kumerlich zu richten ist, dest bas verwesten zu richten Marquart v. Stein spiegel d. tugend (1498) a 4ᵇ; ettlich warn gest (fremde), der ertrunckhn vill, wan si sich nicht verwestn zu fliehn J. Unrest chron. Carinth. bei D. S. F. Hahn coll. mon. vet. et rer. dipl. 1 (1724) 508. frühnhd. sich nicht anders verwissen können 'nicht anders glauben können':
von den dreyen hub sich grosz klag,
kundten sich anderst nicht verwissen,
dann der hund het das kind erbissen
Hans Sachs 2, 276 lit. ver.;
vermaint, ein leb het sie zerissen
und kunt sich anderst nit verwissen
ebda 22, 313.
mundartlich: sich verwissen orientiert, seiner sache sicher sein Schmeller-Fr. 2, 1034; sich zurechtfinden, z. b. in unbekannter gegend, bei ausserordentlichen vorfällen u. dgl. Schöpf Tirol 819; sich nicht vawiss'n sich nicht auskennen Hintner Deferegger dial. 242; ih bin da in wald aina ganga, und hiazunda (jetzt) fawas ih mih goar nima Castelli ma. in Österr. 125.
4)
in hinsicht auf den bewusztseinszustand, 'das bewusztsein erlangen, zu sich kommen': und als er nun sein wider empfandt und sich selbs ein wenig verwiszt, fragt er sein leut, wo er wer H. Haug der Hungern chron. (1534) 55ᵇ. mundartlich: bey verstandeskräften seyn Schmeller-Fr. 2, 1034; Schöpf Tirol 819; etwas von sich wissen, bei bewusstsein sein Fischer schwäb. 2, 1418. gewöhnlich in negativer wendung: sich nicht verwissen ne se plus reconnoître Rädlein teutsch-ital.-frz. (1711) 954ᵇ; nicht recht bei sinnen sein Hintner Deferegger dial. 242; Fischer schwäb. 2, 1418.
a)
bewusztlos sein, den verstand verloren haben: er verwuste sich nicht mehr egli ... haveva perduto li sentimenti Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1371ᵃ; in flaauwte vallen Kramer-Moerbeek dt.-holl. (1768) 393ᶜ. mhd.:
dâ lac er als tôte,   der sich niht verweiz
Ortnit 570, 2 A.
nhd.: sauft sich mit den seinen wol an, het ein gueten muet, fülten sich all so vol weins an, das si da lagen wie die seu, westen nit wo si wärn, verwesten sich gar nichts Aventin s. w. 4, 472 bayer. akad.; ähnlich: Megiser annales Carinthiae (1612) 86; schlagt ihn ... auf den kopff. hernach um die lenden, dasz er sich schier nimmer verwuste, halb todt da lage ollapatrida 293 Wiener ndr.
b)
auszer sich sein, sich nicht fassen können; 'nicht mehr (z. b. wegen des schreckens bey einer gefahr) bey rechten sinnen seyn; er verweisz sich nicht mehr er ist auszer sich' Westenrieder gloss. (1816) 628; von schreck oder überstürzung so verwirrt sein, dasz man nicht mehr im vollen besitze seiner verstandskräfte ist Frischbier 2, 444ᵃ: dann er für seiner (gottes) gerechtigkeit sich hefftig entsetzt, also dass er sich bald nicht wol verwust Ayrer hist. proc. juris (1600) 49; (sie) geriehte nun in ein solches entsetzen über deme, was sich alda ihren augen fürstellte, dass sie sich fast nicht verwuste A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 958. in neuerer zeit nur in mundartlich gefärbter rede: appetit hab ich, dasz ich mich nicht verweis Hafner ges. schr. (1812) 2, 114; der knabe ... erzählt der kaiserin, die sich vor lachen kaum verwuszte, seinen traum Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 225; das blut wird mir kochet, und ich verweisz mich nimmer, was ich sprich und red E. v. Handel-Mazzetti Jesse u. Maria (1911) 1, 221.
5)
sich mit jemandem verwissen 'mit ihm übereinstimmen': S. und F. ... werden sich mit mir verwissen, was massen wir ... die ... quelle ... angetroffen S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 81. nd. 'sich vertragen, verständigen': und wer wol vor de stad, dat se dem bischope huldigeden ... und heilden sik to dem heren und vorwisten sik bat mit om (Magdeburg 15. jh.) städtechron. 7, 316.
6)
einen einer sache verwissen 'ihn daran für unschuldig halten, von etwas lossprechen'; verwissen, vergeben oder nicht wissen ... ignoscere, voc. theut. (1482) kk 1ᵃ:
dô sprâchen si algemeine,
si wolten sis verwizzen
Wernher Maria 3687 W.;
so soll der, der den schaden enpfangen hat, und alle die, die in anveindent, sein guot freund sein, und in der getat gar verwizzen (14. jh.) stadtrecht v. München 95 Auer; er hab auch selbs nicht davon gewisst, weder hilf, rat oder beistand dartzu getan, und ob in ein rat des nicht verwissen woll, so tür (er) dartzu tun, sovil und recht sey (Nürnberg 15. jh.) städtechron. 2, 75; bitte daneben gantz untertheniglich, ... e. k. f. g. wolten vns ia gnediglich des verwissen Luther briefw. 8, 3 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2318, Z. 1.

verwissen2, vb.

²verwissen, vb.,
sicher machen, bürgschaft geben. mhd. verwissen, mnd. verwiss(en)en, mnl. verwissen. verbalbildung zum (nd.) adv. wis(se) 'sicher, fest', vgl. nhd. vergewissen, vergewissern, sp. 429, 430. in der bedeutung ¹verweisen IV A 1 und C 1 nahestehend, das sekundär eingewirkt haben kann, s. o. sp. 2188/9. vor allem im nd. und md. bezeugt, s. Schiller-Lübben 5, 507; Lexer 3, 312; verwissen, verwiszigen assurer, cautionner, pleiger Schrader dt.-frz. (1781) 2, 1541. vereinzelt auch obd.: tuͦn chunt ..., das ... och wir mit eîden verwissot, das wir si nah rehte alder nah minnen scheiden (Freiburg 1265) corp. d. altdt. orig.-urk. 1, 143 Wilhelm; md.; (sie) sollin en das gelt wol verwiszin (1353) hess. urkundenb. 2, 592 W.-R.; so sullen unde wullen wir daz itzund zcu einer sicherheit in daz vorpfenden unde daz gelt vorwissen mit unszerm slosse Grimme (1380) urkundenb. d. st. Arnstadt 135; verwissen und verborgen (Mainz 1446) städtechron. 17, 325; das er ... so er der sachen verlustig erkant, den zehenden teil des krieges dem beclagten uberreichte, welchs er also verbürgen oder mit seinem eide, wo er zu den heiligen schwüre, das er bürgen nicht gehaben möchte, verwissen müste Ch. König procesz (1541) 55ᵃ. obd. den dienst verwissen: der (richter) soll enen (den knecht) dann in die schergenstuben antwurten, und da sol er es als lang innen ligen, hinz daz er seinem herren oder fraun iren dienst verwizzt (14. jh.) stadtrecht v. München 82 Auer. nd. auch den frieden verwissen: (der friede) wart vorwisset in breven und mit borgen (Magdeburg 14. jh.) städtechron. 7, 260; in enem verwisseden vrede (Braunschweig 1380) ebda 6, 38.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2319, Z. 61.

verwissen3, vb.

³verwissen, vb.,
tadeln, zum vorwurf machen; vereinzelt für mhd. verwîzen, nhd. ²verweisen. in texten mit nicht diphthongiertem langem i bleibt die vokalquantität oft unbestimmt, z. b.: insultare verwyssen oder besturmen gemma gemm. (1508) n 2ᵇ (neben schryben, nydisch); eindeutige formen mit gekürztem stammvokal: das si meinen, in nit zu verwissin solt sein (1474) urk.-buch z. belagerung d. st. Neusz 87; denn ich kan die gedancken nicht lassen, kans auch den teuffel nicht verwissen, das er mich und mein heufflin nicht fürnemlich solt meinen zu suchen Luther 30, 2, 225 W.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2320, Z. 18.

verwissigen, vb.

verwissigen, vb.,
nur vereinzelt in unterschiedlichen bedeutungen bezeugt: verwissigen assentire, consentire, voc. inc. teut. (um 1485) ii 6ᵇ; weitere belege s. u. ²verwissen und verwitzigen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2321, Z. 5.

weisz, adj.

weisz, adj.,
candidus, albus.
herkunft und form. gemeingermanisches wort, got. ƕeits, an. hvítr, norw. kvit, schwed. vit, dän. hvid, ags. hwīt, engl. white, afries. hwīt, saterl. wît, nordfries. (mit lautgesetzlicher kürzung) wit, westfries. wīt (s. Siebs z. gesch. d. engl.-fries. spr. 219), as. hwît, ahd. (h)wîz. germ. grundform * hwīta-, wahrscheinlich aus vorgerm. *ku̯eido- (mit derselben ablautstufe wie in gr. λευκός). daneben steht beschränkt auf das nl. und nd. mit ausstrahlung auf die sprache der Hunsigoer und Fivelgoer handschriften des altostfries. eine form mit kurzem vokal und geminiertem dental in mnl. nl. mnd. wit, nd. witt (vereinzelt daneben auch wīt Mensing 5, 676), afries. hwitt, die meist mit Kluge in Paul und Braunes beitr. 9, 183 nach aind. śvítna- 'hell, licht' (nur einmal im Rigveda belegt) auf *ku̯idnó- zurückgeführt wird. danach wird dann auch *hwīta- aus einer langvokalischen variante (der langvokal tritt jedoch sonst in dieser wurzel nicht auf) *ku̯īdnó- hergeleitet. da aber die assimilation eines n an vorhergehenden verschluszlaut auszerdem höchstens noch in locko zu lit. lùgnas 'biegsam' glaubhaft erscheint, diesen beiden beispielen aber zahlreiche gegenbeispiele mit erhaltenem nasal gegenüberstehen (s. Trautmann germ. lautgesetze 64 ff.) läszt sich Kluges erklärung nicht aufrecht erhalten. *hwīta- kann dann allerdings nicht mehr zur idg. wurzel ku̯eit in aind. aśvait 'erglänzte', sūriaśvít 'sonnenglänzend', śveta-, śvitrá- 'weisz', lit. śvi&?esti 'leuchten, scheinen', aksl. svъtitъ sȩ ds. světъ 'licht, welt' (Walde-Pokorny 1, 470; Trautmann bsl. wb. 310 f.) unmittelbar gehören, sondern zu einer variante kueid, die auszergerm. durch aind. śvindate 'ist weisz' (grammatikerzeugnis) gestützt werden könnte, s. Persson beitr. z. idg. wortforsch. 745. nd. nl. witt läszt sich vielleicht als urspr. kompositionsform (witbrot, witpenning, witkopp u. ä.) deuten, vgl. zu solchen kürzungen vor konsonantengruppen Behaghel gesch. d. dt. spr. ⁵ § 249.
bedeutung und gebrauch. die wz. ku̯ei- mit ihren erweiterungen ku̯eid- und ku̯eit- bezeichnet 'leuchten, glänzen (oft vom licht des anbrechenden tages)', vgl. Persson a. a. o.; diese vorstellung ist bei weisz, wie in ags. hwīt (vgl. Bosworth-Toller 577), bis in das mhd. hinein noch lebendig (s. unten A). bereits in got. ƕeits tritt wie in anord. hvítr die farbqualität eindeutig hervor, die auch westgerm. (ags., ahd., as.) im vordergrunde steht (s. unten B), vgl. ebenso auch in aind. śvindate, śvetá-, śvitrá- (s. oben). in älterer sprachstufe sind wie bei gr. λευκός die vorstellungen 'leuchtend, glänzend, hell, weisz', jedoch nicht streng geschieden, sondern licht- und farbqualität bleiben vielfach eng ineinander verschränkt, vgl. z. b.
diu sunne ist wîzer den der snê
(Traugemundslied) dkm.³ 1, 193 M.-S.;
mit glanzen liljen silberwîz
Konrad v. Würzburg troj. krieg 30 564;
vergleichbar noch im älteren nhd.:
also findt man der tugent schein
ausz widerstandt und groszer pein
recht wi ausz schwartz leucht weyszer glantz
J. v. Schwarzenberg d. deutsche Cicero (1535) 158ᵃ;
auch Salomon an obgedachten orte (cant. 5, 10: mein freund ist weisz und rot) ein solches wort (nämlich weisz) gebraucht, welches nicht allein die weisze farbe, sondern auch einen hellen glantz bedeutet Chr. Weise polit. redner (1679) 684; entsprechendes s. bei blank (teil 2, 65), glanz adj. (teil 4, 1, 4, 7600). im mhd. teilen sich wîz und blanc (s. Lexer 1, 295 f.) in den ausdruck der farbqualität, während sich im nhd. blank auf die bedeutung 'glänzend, blinkend' zurückzieht, weisz dagegen das feld der farbqualität ausschlieszlicher einnimmt. diese selbst sondert sich nach den anwendungsobjekten in zwei bedeutungsgruppen, deren eine den reinen farbwert (s.B 1) umfaszt, deren andere den relativen helligkeitswert der farbe (s.B 2), oft im gegensatz zu anderen farben, in sich schlieszt.
A.
'leuchtend, glänzend, hell schimmernd' vom licht, leuchtenden körpern und vom widerschein des lichts auf blanken gegenständen; die farbqualität ist fast stets mehr oder minder einbegriffen, zumal das helle licht weiszlich erscheint.
1)
weisz als beiwort von licht, selbstleuchtenden und beleuchteten körpern, so von sonne, mond, gestirnen u. ähnl.; nur vereinzelt ausschlieszlich von der lichtwirkung selbst, leuchtend':
thuo te sedla hnêg sunna thiu huuîta
alloro bôkno berahtôst
alts. genesis 268 Beh.;
the sterro liohto skên
huuît ouar them hûse
Heliand 663 S., vgl. 656;
ähnlich noch: secht ein weysz wolcken beschettigt sy erste dt. bibel 1, 65 lit. ver. (nubes lucida Matth. 17, 5) (Luther eine liechte wolcken); das feuer der inflammenden liebe gottes, welches weiszer ist dan die sonne Jac. Böhme weg zu Christo (1682) 152; meist tritt der farbwert des bleichen, weiszen lichtes stärker hervor: candida cum sorore sol sol mit sinero uuizun suester luna Notker 1, 747 P.; der hof der sonne und des mondes: weyszer kraysz umb die sunnen oder mon halo vocab. theut. (1482) n n 4ᵃ. tag (sieh tag B teil 11, 1, 1, 37) und licht sind weisz 'hell', vgl. weisz wie der tag serenus, splendidus Stieler stammb. (1691) 2487; im mhd. zeitraum ist dieser gebrauch nur einmal in der substantivierung zu belegen, vgl. sp. 1205 die weisze 1. gern im gegensatz zu schwarz, der farbe der finsternis: denn zuvor, unter dem könige zu Babylon und Assyrien war es alles schwartz und eitel nacht, aber unter dem könige zu Persen eytel weis und tag Luther 23, 582 W.;
der weisze tag, die schwartze nacht ...
preisen dein (gottes) glantz von fernen
(1690) bei W. Bäumker kath. kirchenl. 1, 624;
der weise tag, der hier mit zittern schwebet,
bringt mir die ruh auf seinen schwanenflügeln
Joh. Nic. Götz ged. 34 dt. lit.-dkm.;
es (das licht) ist weiszer als kein ding Fischart Garg. 192 ndr.; das weise liecht kämpfete noch mit schatten und finsternisz S. v. Birken ostländ. lorbeerhain (1657) 5; der ganze himmel ist rein. das weisze licht ist nur über den äther gehaucht Hölderlin 2, 104 Litzmann; ähnlich:
die schatten wurden weisz bey ankunft der Auroren
Joh. Ulr. v. König ged. (1745) 41;
siehst du sie kommen ...
in dem hellen dufte des schönsten der dezembermorgen? ...
wer sind sie, die daher in dem weiszen dufte schweben?
Klopstock oden 1, 216 M.-P.
während in diesem gebrauch weisz als epitheton ornans allgemein die eigenschaft 'hell' kennzeichnet, wird es im 19. jh. im gleichen bereich auch als epitheton significans verwendet, bestimmt also die farbqualität eines lichtes, das dem beobachter weisz erscheint (vgl.B 1): die berge standen wieder alle da und troffen von dem weiszen nieder rinnenden lichte (des mondes) Stifter s. w. (1904) 1, 143; durch drei blinde weinerliche fenster rieselte das weisze licht des Johannistages in die bläuliche kühle des gotteshauses Burte Wiltfeber (1912) 117; ähnlich die weiszen nächte im hohen norden. alt ist die anwendung auf die milchstrasze, wobei die farbqualität im vordergrunde steht, vielleicht unter einwirkung von lat. orbis oder circulus lacteus, via lactea; in festen formeln die weisze strasze, der weisze weg, kreis, striemen u. ähnl.: uuir sehen uuiza straza uuola breita an demo himele, que lacteus circulus dicitur Notker 1, 403 P., vgl. 1, 709; der weisz weg lacteus circulus Brack (1494) 2ᵇ; weyszer kraysz galaxius vocab. theut. (1482) n n 4ᵃ; galaxia der wisz strym (streifen) md. vocab. v. 1414 bei Diefenbach gl. 255; weysz straimen am hymel oder der milichweg am hymel oder sant Jacobs straszen am hymel galaxia vocab. theut. (1482) n n 6ᵇ; (galaxia) eyn wisser strom in dem hymmel vocab. v. 1440 bei Diefenbach gl. 255; wir sehen oft an dem himel ainen praiten halben kraiz weiz und klâr reht sam ain klâreu strâz ... wenne der luft rain ist vor wolken, sô scheint uns daz widerprehen der gesamten stern sam ain weizeu varb Konrad v. Megenberg buch der natur 78;
die (luft) zierlich ist gewirkt mit lichten sternelein,
die mit der strahlen glantz gehn auff der weiszen straszen
Opitz teutsche poem. 114 ndr.;
hierher auch:
und dasz den weiszen glanz ein heer von sonnen schicket
A. G. Kästner verm. schr. (1755) 1, 103;
die festgewölbte milchstrasze, ein weiszer regenbogen aus sonnen, stand ... über der welt Jean Paul s. w. (1826) 48, 175.
2)
'glänzend, schimmernd' vom widerschein des lichtes; in mhd. zeit verbreitet, im nhd. bis auf wenige reste verschwunden. vom blinkenden metall:
di halsberge wîze,
die helme di da glîzen
Hartmann rede v. glauben 2433 Maszm.;
sô begunden d andern zieren
ir harnasch, daz siz machten wîz
Wolfram Willeh. 305, 6;
bei der anwendung auf silber kann zugleich auch die farbvorstellung (s. unten B 2 a η aa und vanen silberwiz gevar Tirol u. Fridebrant 50 Maync) vorliegen, vgl. silberwîz mhd. wb. 3, 781, Lexer 2, 924 und silberweisz teil 10, 1, 1052:
er hiez ime balde her tragen ...
golt unde silber wîz
Münchener Oswald 1439 Baes.;
manig sydin tuch und trinkfass,
das von wissem silber was
gemainlichen durchschlagen
Göttw. Trojanerkrieg 12 858 Kopp.;
nhd. nur ganz vereinzelt ähnlich, aber mit einschlusz der farbqualität: das vielbedeutende wort nondum ..., welches auf seinem (Karls V.) ganz weisz geschliffenen schild zu sehen war M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 5, 33; vgl. dazu technisches weisz bohren: 'weisz bohren das poliren der inneren höhlung der gewehrläufe' Karmarsch-Heeren techn. wb. (1876) 10, 656.
B.
die von den ältesten denkmälern bis in die gegenwart bezeugte hauptbedeutung bezieht sich auf die farbqualität = lat. albus, vgl. huuiz albus (8. jh.) ahd. gl. 3, 3, 33 St.-S.
1)
für den reinen farbwert: weisz ohne beimischung anderer farbtöne.
a)
seit ahd. zeit wird besonders der schnee als rein weisz empfunden und gilt daher häufig als vergleichswort für den reinen farbwert weisz wie schnee, vgl. auch schneeweisz; s. got. wastjos is waurþun ... ƕeitos swe snaiws got. bibel Mark. 9, 3: sinu giuuatiu uurdun uuizu so sneo Tatian 91, 1; sne uuizer heizet, uuanda er dia uuizi an imo habit Notker 1, 453 P.;
die arâbischen sîden   wîz also der snê
Nibelungen 353, 1 L.;
... zwei händelein
die weiszer als der schnee
Zinkgref auserles. ged. 58 ndr.;
zu hause auf den feldern
da liegt der schnee so weisz
H. Löns kl. rosengarten (1914) 16;
mit immerwehrendem und ohnabgänglichem schnee bedeckte weisze giepffel und spitzen der höchsten gebirg theatrum amoris (1626) 1. von hier aus kommt weisz zu der bedeutung 'mit schnee bedeckt, verschneit':
wie schweigt um uns das weisze gefild!
wie ertönt vom jungen froste die bahn!
Klopstock oden 1, 173 M.-P.;
heut fiel den ganzen tag der schnee sehr emsig, und das land ist wieder weisz, ohne frost Bismarck br. an s. braut (1906) 9; sprichwörtlich:
der aprill der war nie so gut,
er macht dem ackermann ein weiszen hut
M. Neander dt. sprichwörter 8 Lat.;
dann auch prädikativ 'weisz von schnee':
weisz dann wirbelt die flur
J. H. Voss ged. (1802) 3, 7.
poetisch oft substantiviert das weisz 'der schnee':
mitten in dem feuchten weisz, in dem kaltkrystallten eise,
das itzt alles übergläsert, seh ich lorbeerhayne grünen
der unglückselige in: S. v. Birken ostländ. lorbeerhain (1657) XIIᵃ;
frisches weisz bedeckte die sanfte wölbung seines (des Plattachferners) breiten gletschers H. v. Barth Kalkalpen (1874) 386; ein winter, osterfest mit schneefall werden daher weisz genannt; poetisch:
woher der kalte nord auf den befrornen flügeln
der fast erstarrten welt den weiszen winter bringt
Pyra in: freundschaftl. lieder 109 lit.-dkm.;
in sprichwörtlichen formeln: grüne weyhnachten machen weisze ostern M. Kramer t.-ital. 2 (1702) 174; auch mundartlich, z. b. gröune kristdage, wite austeren Bauer-Collitz wald. 7ᵇ; grüne ostern, weisze pfingsten v. Hippel s. w. (1827) 4, 62; wir hatten weisze ostern Holtei erz. schr. (1861) 10, 21; ähnlich: eilte er in den winter hinaus, deckte die entzündete brust den kühlenden flocken auf ... und lief durch die weisze nacht auf den wartthurm hinauf Jean Paul s. w. (1826) 9, 57. andere feste verbindungen: der weisze tod 'tod im schnee': mit dem weiszen tod ist es mir gelungen, die deutsche sprache um ein geflügeltes wort zu bereichern. vielleicht wissen schon manche ... garnicht mehr, dasz der ausdruck aus meinem roman ('der weisze tod', 1897) stammt R. Stratz reisen und streifen (1926) 83; 'weiszer leithund, also wird von den jägern der schnee benennt, weil sie in demselbigen, wenn er noch neue, alles sicherer spühren können, als bey der vorsuche mit dem hund geschieht' Heppe wohlred. jäger (1779) 403.
b)
weisz ist stehendes beiwort der lilie (wie lilia alba candida, bei lat. dichtern, z. b. Vergil Aen. 12, 68; Ovid metam. 4, 355), dann auch von den blüten der bäume:
daz nie kein lilje wart so wîz
Konrad v. Würzburg troj. krieg 20 083;
zur lust wolte ich haben weisze lilien Schupp schr. (1663) 100;
weisze liljen die sind schön,
nun musz ich in die fremde gehn
H. Löns kl. rosengarten (1914) 105;
Pomona giebet umb den saftgefüllten bäumen
den grünen weiszen flor
P. Fleming dt. ged. 1, 60 L.;
weisz heiszt deshalb bei bäumen 'weisz blühend':
in dem weiszen blütenbaume
Becker mildheim. liederb. (1799) 40;
gezweig von weiszen, würzig duftenden fliederbäumen K. Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 14; terminologisch in pflanzennamen s. unten 1187.
c)
von stoffen und kleidungsstücken, vgl. got. biwaibidana wastjai ƕeitai Mark. 16, 5 und Tatian 91, 1 (s. oben 1):
za nahtmuase lambes kauuare
kauuatim uuîzzêm cliz[zante]
Murb. hymnen 49 Sievers;
dar ûffe (auf dem pferd) ein wîziu decke lac,
lieht unde lûter alse der tac
Gottfried v. Straszburg Tristan 6681 B.
Schwitzer puͤrlin in wissen juͤpplinen Platter 31 Boos; er mahlt mich ... in einen weiszen mantel gehüllt Göthe IV 8, 105 W. in fester verbindung: weiszes zeug (s. teil 15, 836), weiszes gerät (s. teil 4, 1, 3566) weisze wäsche, s. auch weiszzeug sp. 1229; vgl. weisz zeug, weisze wäsche, leinen geräthe du linge Rädlein sprachschatz (1711) 10, 43:
sie lassen ...
sich waschen und seifen,
das weise zeug steiffen
G. Voigtländer oden u. lieder (1642) 30;
und nicht einmal lieszen sie mich zufrieden, wenn sie wegen des weiszen zeugs zu mir kamen Stranitzky ollapatrida 6 Wiener ndr.; wenn ich ferner ... (den) heiligen Socrates ... um küche, keller und weisz geräthe sich mühsam bekümmern sehe v. Moser beherzigungen (1762) 140; weisze wäsche als zeichen von eleganz: blieb er nicht immer fein, nicht immer nobel, nicht immer herr seiner weiszen wäsche Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 2, 289. 'leinwand oder wäsche betreffend' in der weiszen schaw (1601) vollst. ... samml. d. Württ. gesetze 12, 544 Reyscher; weisze woche 'weiszwarenspezialverkauf' Schirmer wb. d. kaufmannssprache (1911) 210. weiszes tuch leichentuch: sie spreitete endlich ein weiszes tuch über sie (die folianten) ... es kam mir unterweges, besonders wegen des weiszen tuches, ... so vor, als ob ich eine leiche trug Hippel lebensl. (1778) 1, 48;
o wär ich schon aus dieser welt verschollen,
und läge kalt, vom weiszen tuch umschlagen
Platen 9, 146 Koch-Petzet.
weisz prädikativ, 'mit weiszem tuch': ein gut bet, das was weisz und hübsch bereit und zugerüstet Pauli schimpf u. ernst 51 lit. ver.;
... und (auf den tisch) weisz, von damast, aufgedeckt
H. v. Kleist 1, 399 E. Schmidt.
terminologisch von leinwand u. ähnl. 'gebleicht' gegenüber roh 'ungebleicht': es sol öch nieman kain row lînwât streken (walken) ... wie öch ze Costentz gewönlich ist, umb die wîssen lînwât ze streken, also sol man sie öch streken (14./15. jh.) in: mitt. z. vaterl. gesch. d. hist. ver. in St. Gallen 4, 67, vgl. 68; es ist zu wiszen, dasz man das jar nit plaichet weder parchat noch leinwat ...; doch hett man dannocht weiszen parchant gnueg, die man darvor geplaicht hett ... ob aber weisze oder rohe tuech minder oder mer gelten, das kümmert ainen mer dann den andern (um 1460) städtechron. 5, 285. weisz bei personen 'weisz gekleidet' thie uuîzun man (nach apostelgesch. 1, 11 duo viri in vestibus albis) Otfrid 5, 20, 9;
Môrolf hete gemacht drî schar,
der was eine swarzgevar,
die ander wîz alsam der snê
Salman u. Morolf 503, 1 Vogt;
Evchen Humbrecht weisz mit farbigen bändern H. L. Wagner theaterstücke (1779) Evchen 5; die weisze maske Schiller 3, 13 G.; weisz erscheinen to appear in a white and clean dress Ludwig t.-engl. (1716) 2436; ähnlich sich weisz anlegen mettersi panni-lini bianchi Kramer t.-ital. 2 (1702) 1308; Sabinchen, lasz die kinder weisz anziehen Kotzebue s. dram. w. (1828) 18, 20. seit dem ausgehenden mittelalter finden sich durch ellipse entstandene substantivierungen in (mit) weisz; zunächst noch flektiert: de lude enpleghen sick nicht gherne myt witten to kledene Joh. Veghe 264 Jostes; und sy gent mit mir in weyssem (ambulabunt mecum in albis apokal. 3, 4) erste dt. bibel 2, 478 lit. ver.; ein mansperson in weisem beclaidt (1566) zimmer. chron. ² 4, 113 B.; unflektiert in weisz, vgl. albis vestibus indutus in weisz angetan Calepinus (1598) 64ᵃ: welcher (lies welchen) weisskunig darumb der historicus genent hat, den dein a f hat gebonlich in weyss ... gestriten (eigenhändige bemerkung von Maximilian) in: Weiszkunig XV A. Schultz; zuͦ acht tagen umm (etwa 8 tage später) fuͦhr dahin (nach Straszburg) ein geselschaft von Basel, in weisz bekleidet Stumpf Schweizerchron. (1606) 129; er führt seine töchter aus diesen winter. dort die beiden kleinen in weisz W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 2, 50; dise münch tragen gantz weisz wie die müller Seb. Münster cosmogr. (1550) 108; modern z. b. im sommer trägt sie nur weisz, vgl. hierzu weisztrager. terminologisch für angehörige bestimmter mönchsorden mit weiszer tracht, besonders zisterzienser und prämonstratenser, vgl. premonstratenses weisse monche (1470) Diefenbach ml. hd. böhm. 221, ebenso: wisze m. ader nonne (md., 15. jh.), gloss. 455ᵃ, auch nd. wit monich, ebda: meister Friderich, des ordens der wîzen brüeder mystiker 2, 367 Pf.; das closter zu den weyssen monchen zu Danczik Marienburger treszlerb. 79 Joachim; der torm (turm) gegen den carmeliten oder weiszen mönchen Pomarius Magdeb. stadtchron. (1587) P 2ᵇ; item zu den wizzin frowin eyn malder kornis (v. j. 1379) urkundenb. d. st. Erfurt 2, 611; weisze frauen nonnen vom Magdalenenorden Campe 5, 656; mit seinem beichtkinde, der schönen Klara, einer weiszen nonne Klinger w. (1809) 3, 8.
d)
von weiszem farbstoff (oder -material), vielfach adverbial gebraucht: das häuschen war weisz und roth angestrichen Göthe 23, 42 W.; er schmiegte sich an das fenster einer einfachen weisz getünchten stube M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 1, 157; weisz binden tünchen: die mauerarbeith zu dem gantzen baw, einwendig die gebünder gewickelt und die ganze stub einwendig über holtz geschmiert, auch in- und auszwendig allenthalben weisz gebunden ... an kalck werden erfordert 7 ohm (v. j. 1742) in: ztschr. d. dtsch. sprachver. 29, 325, vgl. weiszbënne tünchen Crecelius oberhess. 902 und weiszbinder. daher 'weisz angestrichen': die schöne kirchen s. Stephani zu Langensaltza ... mit dem weiszen thurm Joh. Binhardus neue Thür. chron. (1613) 285; das herrenhaus, weisz mit rothen ziegeln Storm s. w. (1898) 1, 24; 'geschminkt', vgl. fucosus wysz ... fucare i(d est) fuco depingere, colorare wysz machen gemma gemm. (1510) l 2ᵃ;
Albida ist mercklich weisz; schade! wann sie todt wird seyn,
dasz man sie in erde soll, nicht in kreide graben ein
Logau s. sinnged. 384 Eitner.
als fachwort der bausprache 'in gips oder stuck ausgeführt': ein saal, auf welsche manier auch mit einer weiszen arbeith geziert (v. j. 1600) zs. d. hist. ver. f. Schwaben 23, 8 (vgl. opus album Vitruvius 7, 3, 4). als farbstoff oft substantiviert, in komposition schon frühnhd. bezeugt, vgl. bleiweisz teil 2, 103: dieses weisz wird auch gerieben, mit etwas arabischem gummi vermischt, ... zu gedachtem zweck gebraucht Göthe 44, 386 W.; die schatten laviert, die lichter entweder ausgespart oder mit weisz aufgehöht 48, 8 W.; spezifisch: spanisches weisz bismuthum subnitricum Liebig hb. d. chemie (1843) 481.
e)
die substantivierung das weisz gilt schlechthin für die farbe selbst:
des erst aufgeklärten himmels gantz von licht erfüllter kreis
schmückte von bestrahlten wolcken ein so hell und blendend
dasz das allerreinste silber schwartz dagegen weisz,
Brockes ird. vergn. (1744) 4, 19;
und über ihnen (den Alpen) lagerte ein wunderschönes wolkengebirge ... ganz von gleicher farbe wie die berge, ein meer von leuchtendem weisz und tiefem blau G. Keller ges. w. (1907) 1, 403; schmetterlinge (flatterten) lautlos zwischen dem leuchtenden weisz der stämme G. Hauptmann bahnw. Thiel (1892) 43; es (das gehöft) lag am hange, leuchtend vom weisz der tünche Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 292.
f)
in der typischen anwendung auf das greisenhaar und auf die menschliche haut greift der sprachliche ausdruck häufig übertreibend über den tatsächlichen befund hinaus, indem er haar und haut als weisz (wie schnee, wie kreide u. s. w.) bezeichnet, obwohl die reine farbqualität meist nicht vorliegt, s. auch unten 2 b u. c.
α)
vom haar der greise; seit dem späteren mittelalter bezeugt, doch seltener als mhd. grîs; stärker belegt erst seit dem 18. jh., vgl. auch schneeweisz teil 9, 1, 1242:
(gott) ziert (uns) in dem alter gelîch
mit wîzer varwe (der haare) sunderlîch
Hugo v. Trimberg renner 10 418 Ehr.;
absonderlich erzehlete sie immer von einem im weiszen kopffe Chr. Reuter Schelm. 119 ndr.;
mein haupt ist weisz, ich habe viel erfahren
Tieck schr. (1828) 1, 75.
auf die person bezogen 'weiszhaarig, alt':
der (pforte) plac ein kristen dôrwarte,
der was von alder wîz als der snê
Orendel 3439 St.;
canere graw werden, weysz oder alt werden Frisius pict. (1556) 182ᵃ;
hei! wie der weisze jüngling (Blücher) in n sattel sich schwang
E. M. Arndt s. w. 4, 90 R.-M.
β)
von der haut des menschen.
aa)
seit höfischer zeit gehören eine weisze haut und besonders weisze arme und hände zum ideal der frauenschönheit (sieh auch schneeweisz teil 9, 1, 1242 u. vgl. anord.
háls hvítari hreinni miollo
Rígsþula 2, 7):
an ir vil wîze arme   si die ermel want
Nibel. 427, 1 L., vgl. 293,
noch weisser dann ain kraid
ist ir leib
liederb. d. Hätzlerin 220 H.;
ewer (der herzogin) schöne weisze hand Wickram 1, 18 Bolte;
ir weisze brust
wird mich als leids ergetzen
Forster fr. t. liedlein 56 ndr.;
(lasz die mutter) deiner kleinen arme spielen
um die weiszen schultern fühlen
Gottsched ged. (1751) 1, 60;
du hast mein herz gefangen
mit deiner weiszen hand
H. Löns kl. rosengarten (1914) 13.
auf die person bezogen 'weiszhäutig': aine der allerschönsten frawenbild ..., so weisz und so tzart, das sy der schönen Amaley ... vergleicht ward Fortunatus 103 ndr.; sie (die kleine Hus) ist weisz, niedlich, jung, fettlich Göthe 45, 29 W.
Ursel: (ich bin) schön, roth und weisz
Chr. Reuter ehrl. frau 50 ndr.;
hätt ich doch ein kind, so weisz wie schnee, so roth wie blut und so schwarz wie dieser rahmen Grimm kinder- u. hausmärchen 1, 240 Panzer; seltener von jünglingen und knaben, meist als zeichen zarter jugend:
sîn reiner lîp wîz unde glat
Konrad v. Würzburg Pantaleon 1604;
ach mein schöner, weiszer, junger gesell ..., dasz dich gott behüet, mein kind Grimmelshausen 2, 34 Keller;
wenn irgend in dem brief ein arges ist enthalten,
soll er den dolch sofort ergreifen
und in der knaben weisze brüste drücken
H. v. Kleist 2, 356 E. Schmidt.
anders, als zeichen von verweichlichung:
sie (die mönche) werden gott kein nasen drehen
er wird auff ir weisz hend nicht sehen
Fischart s. dicht. 1, 169 Kurz;
lotterbübchen weisz und rot
sind der mädchenunschuld tod
Blumauer ged. (1785) 113.
bb)
weisze farbe der haut als anzeichen von schreck, erregung, leblosigkeit; seit dem 18. jh. nachweisbar. meist in prädikativem gebrauch und gewöhnlich mit übertreibenden vergleichen, s.wand teil 13, 1506:
(wie sie) ein blendlaternchen in der hand,
sich einstellt, ward er wie die wand
so weisz und zitterte so schändlich
Wieland s. w. (1794) 21, 153;
(er) hielt ihr das messer vor das gesicht, dasz sie ... so weisz wie ein bettuch wurde H. Löns (1924) 8, 279; schade, antwortete der neuling, weisz vor empörung R. Fischer söhne ohne väter (1937) 199; besonders im vergleich mit der kreide (sieh kreideweisz teil 5, 2143): zwei männer führten die mutter. sie war weisz wie kreide und hatte die augen geschlossen. Friedrich meinte sie sei tot A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 267; so auch mundartlich, vgl. z. b. Martin-Lienhart els. 2, 832, Brendicke Berl. 191.
g)
weisz und schwarz verbinden sich in einer reihe von formeln und wendungen, in denen weniger der farbeindruck als das logische verhältnis des unterschiedes und des gegensatzes gemeint ist; die meisten dieser kontrastverbindungen finden sich schon im klass. latein vorgebildet; vgl. dazu schwarz teil 9, 2302 u. 2313, wo weitere ergänzende belege.
α)
weisz vor schwarz erkennen, schwarz und weisz verstehen 'unterscheidungsvermögen haben' (vgl. alba discernere et atra 'farbunterschiede erkennen' Cicero Tusc. 5 § 144):
frow, wie ich der witz ain kint
von miner dumphait wesen sol,
doch bekenne ich wîz bî swarzen wol
liedersaal 1, 49, 12 Laszb.;
qui nesciunt quid sit inter dextram et sinistram ... ut germanice dicimus sie wissen nicht, was weys oder schwartz ist Luther 13, 257 Weim.; solte ich mit solchen leuten, die weder weisz noch schwartz verstehn, mich so gemein machen? Rist friedew. Teutschl. 22 Schl.
β)
mit stärkerer betonung des gegensätzlichen schwarz und weisz 'das widersprechende', eins von beiden 'das gegenteil':
und spriche ich „swarz“, sî sprichet „wîz“;
spriche ich „wîz“, sî sprichet „swarz“
die böse frau 50 Schr.;
wann ich weisz red, so sagst du schwartz Ferdinand v. Tirol speculum 26 ndr.; hier lernet ainer weis, dort lernet der ander schwartz und stymmen sellten zesammen Berthold v. Chiemsee dt. theol. 114 Reithm.; du muͦst fuchs und hase sein, weisz und schwartz künnen sprichw. (1548) 386; weisz und schwartz ausz einem tigel malen sprichw. (1570) 20ᵇ; das hat der nehmliche mann geschrieben? wie soll die nachwelt ... einen so plötzlichen sprung von weisz auf schwarz sich erklären Lessing 13, 100 M. schwarz und weisz oder weder schwarz noch weisz ist 'das unklare, unentschiedene': (Erasmus) ist in dem ein gelehriger schuler worden, dasz er die wort fein schrauben kann, tunckel und ungewisz reden, dasz man daraus weisz und schwartz verstehen kan Luther tischr. (1576) 294 Aurif.;
warsag denn eim listigerweisz,
dasz es ist weder schwartz noch weisz
H. Sachs 17, 130 K.-G.;
ähnlich:
für euch nicht schwarz, für euch nicht weisz, für euch allein das falbe:
die volle nacktheit ärgert euch, doch kitzelt euch die halbe!
R. Prutz polit. wochenstube (1845) 115.
γ)
schwarz in weisz verkehren, verwandeln u. ähnl. 'lügen, fälschen' (vgl. qui nigrum in candida vertunt Juvenalis 3, 30):
valsch kêrt minn zunminne, unde guot
ze übelen dingen, und daz wîze
ze swarzem mit al sînem vlîze
Thomasin v. Zirklære welscher gast 1378;
er müg verkeren swarz in weiss
Oswald v. Wolkenstein 97, 22 Sch.;
doch ist es war und ist nit recht,
man wöll dann machen krump zu schlecht
und wandeln schwartz in weis gestalt
Hutten 3, 532 Böcking;
also könte man nach gefallen ausz schwarz weisz, aus weisz schwarz machen A. H. Bucholtz Herkuliskus (1665) 1177;
das sind die glossen, herr papa, ...
wodurch sich recht in schuld verkehrt,
dadurch wir (juristen) schwarz in weisz, und weisz in schwarz verwandeln
Lichtwer schr. (1828) 152.
δ)
auf anderer linie liegen formelhafte ausdrücke wie ein weiszer rabe 'ausnahme von der regel, seltenheit' (schon bei Juvenalis 7, 202, sieh auch rabe teil 8, 5): man mag ehe einen weiszen raben bekommen dan einen fleiszigen arbeiter Eberlin v. Günzburg ausgew. schr. 3, 159 ndr.; ich weisz es leider, ich bin ein weiszer rabe in der armee Gutzkow ritter v. geiste (1850) 8, 217; anders gewendet:
'wann denkst du wieder zu kommen?' ...
'wenn der rabe weisz wird, ...
ihr erwartet mich spat oder nimmer.'
E. M. Arndt s. w. 6, 188 R.-M.;
entsprechend: ein senfftige gütige frau sey ein seltzamer vogel auff erttrich und sey geleich einem schwartzen schwannen und einer weyszen kroen A. v. Eyb dt. schr. 1, 8 Herrm.; seltzam ... wie ein weiszer floh Lehman floril. polit. (1662) 2, 737; ein junger lebenslustiger patron, der Deutschland ... durchzogen hat und von einer auszereuropäischen treue schwärmt, das ist ein weiszer spatz Meisl theatral. quodlibet (1820) 1, 110.
ε)
den mohren (raben) weisz baden, waschen 'etwas unmögliches unternehmen' (vgl. teil 13, 2339): den raven kan men nicht wit waschen (1514) Tunnicius sprichw. nr. 530 Hoffmann:
ein krahe sich bad mit gantzem fleisz
und kan doch nimmer werden weisz
Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, x 4ᵇ;
niemand kein mohr weisbaden sol,
ist alls umbsonst und lauter nichts
Hayneccius Pfriem 47 ndr.;
einen moren weisz waschen Lehman floril. polit. (1662) 4, 45; (Juliette:) einen verirrten verlohrnen zurückzuführen, der ihr (anrede) sohn ist. (Stahl:) waschen sie (anrede) den mohren weisz F. M. Klinger theater (1786) 1, 238.
ζ)
hierher gehören zahlreiche sprichwörter des typus die schwartze küh werden weisze milch geben Fischart groszm. 24 ndr. im sinne von 'der äuszere gegensatz ist nicht entscheidend, der schein trügt'; ebenso schwartze trauben geben so guten wein als die weisze Lehman floril. polit. (1662) 1, 36; ausz einem weiszen ey schlupft ein schwartz hünlein ebda 194; ähnlich:
in einer weiszen kreyden
liegt oft ein schwartzes kiesz, im schönen marmelstein
kann ein verfaultes aasz gar wol verborgen seyn
J. Rachel sat. ged. 29 ndr.
formelhaftes schwarz auf weisz 'geschrieben oder gedruckt auf papier' s. oben teil 9, 2313.
h)
in geographischen und botanischen namen. der grund der namengebung ist bei den ersteren oft nicht mit sicherheit festzustellen: die Weiszen Reuszen, heute die Weiszrussen; in Weiszen Reuszen, heute in Weiszruszland:
da ritterleich gestürmet wart
Eysenwurth (Isborsk), di guten stat
in Weizzen Reuzzen
Suchenwirt 59, 206 Primisser;
erstlich hat es (Sarmatia) gegen mitnacht ... die landschafft der Weyszen Reuszen Stumpf Schweizerchron. (1606) 4. — die Weisze Tatarei, die Weiszen Tataren in Asien: in die Weyszenn Thatrey und in das Grosz Armenia Schiltberger reisebuch 8 Langmantel; die Weyszen Thattern ebda 21. — der Weisze See, später das Weisze Meer an der russischen nordküste: bey ihren landsleuten, den Biarmern, Scricfinnern und Lappiern, da die ersten zwischen dem Gefrohrnen Meer und dem Weiszen See ... wohnen Thurneisser magna alch. (1583) vorrede * 2ᵇ; dasz die Römer gegen mitternacht bisz ins Weisze Meer ... gesegelt Lohenstein Arminius (1689) 1, 127. — (die quellflüsse des Main,) deren einer der Rothe, der andere der Weisze Mayn heiszet v. Birken verm. Donaustrand (1684) 16. Weiszer Nil neben Blauer Nil: gebiet des Weiszen Nils O. Peschel völkerk. (1874) 500; vgl. ferner die flusznamen Weisze Elster neben Schwarze Elster, Weiszer Regen neben Schwarzer Regen. — das Weisze Vorgebirge nördlichster punkt von Afrika, lat. Promunturium Candidum: bis zum Weiszen Vorgebirge in Afrika Kant s. w. (1838) 10, 50. — zahlreich sind die mit weisz gebildeten ortsnamencomposita wie Weiszenberg, -brunn, -burg, Wittenberg, -moor, -weiler u. s. w. pflanzennamen. die benennung erfolgt nach der weiszen farbe der blüte (vgl. oben B 1 b) oder der wurzel. die zahl der pflanzennamen, in denen weisz als unterscheidendes beiwort auftritt, ist sehr grosz; hier nur einige alt bezeugte beispiele, vgl. auch die reihe der composita: weiszer diptam (dictamnus albus), vgl. weiszer diptam ... wird von der weiszen wurzel also genannt kompend. haush.-lex. (1728) 1024; diptam, dictam, weiszer diptam dictamnus albus Wirsung arzneibuch (1584) reg. b 6ᵃ; nd. verballhornt witten dicken dam radices diptami albi Walbaum synon. Lubecensia (1769) in: arch. d. pharm. 149 (1859) 383. — weiszer dorant (achillea ptarmica): witten dorant antirrhinum Walbaum synon. Lubecensia (1769) in: arch. d. pharm. 149 (1859) 383. — weisze heide (polytrichum): politrichum wis heide (v. 1412) bei Diefenbach nov. gloss. 297, vgl. auch: politricum wiszheyd Gersdorff wundarznei (1526) 104ᵇ. wohl für erica tetralix witte heyde erica Walbaum synon. Lubecensia (1769) in: arch. d. pharm. 149 (1859) 383. — weisze nieswurz (veratrum album) schwartz und weisze nieszwurtz Bock kräuterb. (1539) 119ᵇ. — weiszer orant (achillea ptarmica) item weis, roth, blaw orandt (1579) Chr. Entzelt altmärk. chron. 52 Bohm, vgl. Danneil 249. — weisze veiel, weisze winterveiel (Matthiola): iu (d. i. ἴον, viola alba) wize fiol (14. jh.) ahd. gl. 3, 530, 4 St.-S.; weisz winterveil Chr. Lehmann histor. schauplatz (1699) 477.
2)
seit alters wird weisz als eine farbbezeichnung verwendet, die nicht den reinen farbwert (s.B) widergibt, sondern nur eine relativ weisze farbqualität, meist kennzeichnend im gegensatz zu dunklen farben gebraucht; häufig neuerem 'weiszlich' entsprechend, doch ausgebreiteter als dieses, da noch in heutiger sprache zwischen reinem weisz und weiszlichen, hellen tönen anderer farben oft nicht streng geschieden wird. ähnlich schon ahd., aber als epitheton ornans ohne unterscheidenden beisinn, vom lindenholz:
heuwun harmlicco huitte scilti
unti im iro lintun luttilo wurtun
Hildebrandslied 66.
a)
häufig terminologisch zur unterscheidung einer helleren von einer dunkleren sorte derselben ware und allgemeiner zur unterscheidung einer helleren von einer dunkleren gattung derselben art; die entfernung von der reinen farbqualität geht dabei verschieden weit. von hier aus entwickeln sich zahlreiche compositionen; vgl. z. b. weiszer wein — weiszwein, weiszes brot — weiszbrot, weiszer kohl — weiszkohl. zufrühest, aber einmalig, vom unausgelassenen festen weiszen fett im gegensatz zum ausgelassenen: ende thriuhalf embar smeras, en giscéthan en tue huite (hs. um 1100) kl. alts. sprachdkm. 37 Wadstein, vgl. auchD 1 d.
α)
reich belegt weiszer wein, vgl. aminium wizen win (13. jh.) ahd. gl. 3, 155, 24 St.-S.: auch wie die metzger gewöhnlich gute bisszlein essen und guten weiszen unnd roten wein trincken buch der liebe (1587) 7; der bequemste, gemeineste ... tranck in Österreich ... ist der weisze wein, der hell citronenfarb, ... vom natürlichen guten weingeschmack ... ist v. Hohberg georg. cur. (1682) 1, 366; sende mir Fachinger wasser ... Rehbein quält mich, dasz ich es mit weiszem wein trinken soll Göthe IV 28, 102 W.; weiszen Burgunder Fontane ges. w. (1905) I 5, 159; in substantivierung:
der wirth bracht ihnen vom weiszen frisch ...,
der weisze wollt ihnn nicht mehr munden,
lieszen sich drum vom rothen bringen
Geibel ges. w. (1883) 2, 140;
von den trauben, vgl. teil 11, 1, 1, 1291 und amminium (vinum) wisse truͤbel (anf. d. 15. jhs.) bei Diefenbach nov. gl. 20: darinnen viel dörffer und weinlender befunden, die gar köstliche weisze und schwartze trauben tragen generalchron. (1576) 74ᵇ; schwartze oder weisze, gantze oder getrettene trauben neue reformierte herbstordnung (Stuttgart 1651) 10.
β)
weiszes brot 'weizenbrot' im gegensatz zum schwarzen, roggenbrot: es mag ouch ein ieglich brotbecker backen welre hande brot er wil, es sy wis oder rückin (v. j. 1370) Straszburger zunftordn. 87 Brucker; nym, isse, das ist ein weis brod Luther 19, 485 W.; weisz und schwarz brot ist eigentlich das schibolet, das feldgeschrei zwischen Deutschen und Franzosen Göthe 33, 83 W.; weiszes brot gilt als luxus:
aber gar schöne weisze wecken
mögen uns Grobianern schmecken
K. Scheidt Grobianus 63 ndr.;
als etliche seiner (Rudolfs von Habsburg) kriegsleut bessern wein und weiszer brot haben wolten, gab er ihnen urlaub Zinkgref apophth. (1628) 46; das weisze stadtbrot, das bislang in ihrem hause gegolten, hatte sie auch abgeschafft und bezog alle acht tage ein billigeres rauhes brot G. Keller ges. w. (1907) 3, 32; sprichwörtlich in der mundart: t weisst brout virun (vor) dem schwarzen iessen tolle ausgaben machen und nachher darben müssen wb. d. lux. ma. 481, s. auch weiszbrot sp. 1203.
γ)
von glas, mineralien, steinen u. s. w. weiszes glas das farblose glas, bes. im gegensatz zum schlechteren grünen: item 21 m (mark) vor 14 zentener weyses glases ... das glas sal ken Rangnith zun fenstern (um 1400) Marienb. treszlerbuch 128 J.; darauff ein trüncklein ausz einem weiszen venedischen glasz M. Lindener rastbüchlein 4 lit. ver.; einige bunte seideflöckchen mit goldfädchen ... hinter einem quadratzoll weiszen glases auf papier platt gedrückt Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 9; daher eine weisze hütte eine glashütte, in welcher nur weiszes glas geblasen wird Campe 5, 656. vom milchigen bernstein: er ist zweyerley, weis und gelb, der weisze ist nicht so durchscheinig wie der gelb Kantzow chron. v. Pommern 409 Gaebel; sperma ceti wallrath, weiszer amber Hübner curieus. nat. lex. (1717) 1532; weisze koralle: item der herr Lazarus von Rafenspurg hat mir ... geschenckt ... ein weisz korelln (1520) A. Dürer schriftl. nachlasz 145 Lange-Fuhse. von bestimmten erdarten und steinen: glarea merghel, is wit steyn dar me de acker mede dunghet (15. jh.) Diefenbach nov. gl. 194; gleicherweisz thut man auch dem braunen erdtrich, dem roten, sandechten, schwartzen, weiszen, dürren, lucken, weisz leymechten und auch dem, das an den büheln ligt M. Herr feldbau (1551) 43ᵇ; leucargillion weysser lätt oder leim Frisius (1556) 764; hierauf (auf die gute erde, humusschicht) folget die weisze ... Zesen kriegsarbeit (1672) 3, 58; weisze buedem 'leichter boden' lux. ma. 481. — weiszer sand, auf den fuszboden gestreut, gilt als ausdruck altväterischer reinlichkeit: der weisze sand lag so unberührt auf der diele Storm (1899) 1, 67. — 'weisze steine ist eine benen nung der gewöhnlichen mauersteine, im gegensatze zu den hierorts (Berlin) häufig vorkommenden Rathenauer mauersteinen, welche gewöhnlich eine mehr röthliche farbe haben' Helfft landbaukunst (1836) 406ᵃ.
δ)
von nahrungsmitteln, getränken u. ähnl. weiszer kohl, vgl. weiszkohl, weiszkraut: beta weys ramisch (römisch) chol (voc. v. 1432) bei Diefenbach nov. gl. 51; wieszes koles (v. j. 1471) urkundenb. v. Magdeburg 3, 79; wir haben heute weiszen kohl und hammelfleisch A. v. Arnim 5, 10; s. auch Kretschmer wortgeogr., der weiszer kohl noch für Lübeck, Hannover, Bremen angibt. mundartlich z. b. weisz kabes 'weiszer kohl' lux. ma. 481. — weiszer pfeffer: daz dreierlei pfeffer sei, swarzer, langer und weiszer Konrad v. Megenberg buch d. natur 373 Pf.; productionsländer für den gewöhnlichen schwarzen und weiszen pfeffer Schedel waarenlex. (1863) 3, 196ᵇ. — von speisen, die mit milch oder mehl bereitet sind: lactatum wit mues (voc. v. 1420) bei Diefenbach 315; lactatum (olus) wysz muysze (15. jh.) ebda, vgl. mundartlich bei Fischer schwäb. 6, 1, 645; daher weisze kost 'fleischlose kost': das leben war ihr nur auf ihrem sopha erträglich bei mattem licht, weiszer kost, leisem gespräch Hopfen d. alte praktikant (1891) 178, vgl. dazu auch altisl. hvítr matr 'white meat, i. e. milk, curds, and the like, opp. to flesh' Cleasby-Vigfússon 302 und a thirde kinde of meats, which is neither fishe nor fleshe, commonly called white meats as egges, milk, butter, cheese (v. j. 1584) bei Murray 10, 2, 79. 'weiszes bey dem kaffe trinken, insbesondere soviel als milch, z. b. befehlen sie (anrede) etwas weiszes? ich bitte mirs schwarz aus' Rüdiger zuwachs d. sprachkunde (1782) 2, 129; weiszer kaffee, ein weiszer für 'kaffee mit milch' ist z. b. in Österreich üblich; ebenso vom tee:
(Albert:) schenk eine tasse thee mir ein!
(Lina:) befehlen sie (anrede)
weisz?
Müllner dram. w. (1828) 6, 190.
ε)
technisch-handwerkliche ausdrücke: weisz oder gebleicht wachs white wax Ludwig t.-engl. (1716) 2436; in der lederverarbeitung weisz gerben mit alaun, im gegensatz zur rot- oder lohgerberei: ochsen- und pferdeleder, so weisz oder wit gegeret ist (v. j. 1642) bei Krumbholtz gewerbe d. st. Münster 465, vgl. 468, sowie weiszgar u. weiszgerber sp. 1211 f. 'ein weiszes tau, in der schifffahrt, ein ungetheertes' Campe (1807) 5, 656. weisze salbe bezeichnung eines mit bleiweisz hergestellten heilmittels (vgl. Chr. Wirsung arzneib. [1584] 592 und register unter bleiweiszsalb): ists (das jucken) dann ausz geschweren, so brauch die weisze und andere salben Chr. Wirsung arzneibuch (1584) 343; als umschreibung für ein 'wirkungsloses mittel, charakterloses machwerk' (vgl. teil 8, 1686): aber wie oft haben wir darüber gelacht, dasz die 'staatszeitung' so offiziell den karakter einer politischen weiszen salbe annimmt fürst Pückler briefwechsel u. tageb. (1873) 3, 134; von einem unentschiedenen menschen: er ist die reine weisze salbe Frischbier preusz. wb. 2, 462.
ζ)
medizinisches; weiszer flusz (teil 3, 1855) der frauen, älternhd. auch weisze krankheit, zeit (teil 15, 539), blumen, gesicht (gesicht teil 4, 1, 2, 4099, gesüchte teil 4, 1, 2, 4288): aneis ... rainigt die muoter von dem weizen fluz Konrad v. Megenberg buch d. natur 385 Pf.; wer den weiszen flusz hat, soll einen silbernen fingerring tragen Buck med. volksgl. a. Schwaben (1865) 59; dieser gebrechen, welchen die weiber das weisz gesicht, die artzte menstrua alba nennen Wirsung arzneibuch (1584) 525; (anisöl pflegt) die weiszen blumen und den blutgang der weiber zu stopffen Sebiz feldbau (1579) 442; die weisze zeit der weiber 84; so das weib am zehenden tag oder früer nach der beyschlaffung von der uberflüssigen feuchte oder materi der weiszen oder roten kranckheit beschwärt oder angefochten wirdt J. Ruoff hebammenbuch (1580) 136; auch substantiviert das weisze 'weiszer flusz': so ein fraw das weisz hefftig oder ein böse mutter hat Gäbelkover arzneibuch (1596) 2, 15; 'fluor albus, muliebris oder uterinus der weisze flusz, das weisze' Blancard med. wb. (1710) 276. weisze ruhr: ist aber die rhur nicht rot, sondern gelb, weisz oder äschenfarb O. Gäbelkover arzneibuch (1595) 1, 250; weisze ruhr coeliaca affectio Nemnich lex. nos. polygl. (1801) 17. von geschwüren und ausschlag, vgl. alcole i(d est) aphthe die wyszen bletterlin in dem munde (hs. um 1400) bei Diefenbach nov. gloss. 15; ein weysz geschwär albidum ulcus Maaler (1561) 492ᵃ: Platina sagt von eim wunderbarlichen krätz oder reudigkeit, der zu diser zeit sey umbgangen: die leut seind mit weissen rauden überzogen gewesen wie ein birk als seyen sie aussetzig Seb. Franck chron. Germ. (1538) 62. 'weisze substanz des gehirnes ..., die sich scharf gegen die ringsum von ihr umgebene graue substanz abhebt' Ziegler zool. wb. (1909) 634: darnach folget die substantz des hyrns und das ist weych und weissz und einer ronden figuren Gersdorff wundarznei (1526) 4ᵇ.
η)
von metallen.
aa)
silber als weiszes metall schlechthin, oft im gegensatz zum roten (vgl. teil 8, 1290 f.) golde, kupfer; in mhd. dichtung als epitheton ornans sowohl 'glänzend' wie 'weisz' einbegreifend (s. oben A 2), wird weisz schon im 13. jh. auch terminologisch in der sprache des münz- und goldschmiedegewerbes zur unterscheidung der relativen farbqualität gebraucht, in der sich der silbergehalt kund tut. von silbernen oder stark silberhaltigen münzen, s. auchwitten, ↗weiszgroschen, ↗weiszpfennig: phenninge sol der muntêre halden phundich unde evene swêr unde glîche wîz Eike v. Repgow Sachsensp. 79 Eckh.; 64 m (ark) lubisch und 2 weyse pfenge (um 1400) Marienb. treszlerb. 321 Joachim; die Egerischen heller, der sechs ein weiszen pfenning gelten Mathesius Sarepta (1571) 176ᵇ; 42 mark Pruͤsch ..., dyͤ haͤt her uns gegebin vor wyͤs Luͤbisch gelt (um 1402) handelsrechn. d. dt. ordens 149 Sattler; 1126 gulden an golde und an wisem gelde quelle d. 15. jhs. in: Germania 25, 348; die (bürger) solten ainander zalen mit weiszer müntz (um 1460) städtechron. 5, 224;
auff zalten sie vier weisze groschen
bergreihen 98 ndr.;
ey, es ist schade um meinen schönen topff, er kostet mich 8 weisze groschen und 3 heller A. Gryphius lustsp. 44 lit. ver.auch sonst für 'silbern':
auch stifel an die fusz zumal
mit ertz beschlagen uberall
darzu geziert mit rincken weisz (ἀργυρέοισι ἐπισφυρίοις)
Spreng Ilias (1610) 36;
im besonderen ist weisz das reine silber erstlichs von den goldtschmiden wie und in was werth dieselben ein jedes loth silber, weisz und verguldet, zu verarbeiten schuldig sein sollen ordnunge nachbemelter handtwercker (1579) B 2ᵃ. vom silberhaltigen und daher weiszlich erscheinenden gold, vgl. auchweiszgold: das pleichmal (= blachmal, teil 2, 59) des weiszen goldts mistura auri argentosi Ph. Bech Agricolas bergwerkbuch (1557) 386; modern weisze karatierung legierung des goldes mit silber. schon im mhd. substantiviert das weisze oder das weisz 'silber':
dennoch wirt unrecht wol bekant
als eyn copper penning in der hant,
swen im ûz blicket sîn rôte schîn
mang penningen die geve (gang und gäbe, echt) sîn
unde im daz wîzze wirt abe gevegit
Eike v. Repgow Sachsenspiegel 12 Eckh.;
solt niemant kain ander müntz nemen dann Augspurger alt und neu, die schlug man die mark ze 6 lot weisz (um 1460) städtechron. 5, 223; probiernodlen macht man zweyerley, etliche dienen uff silber unnd kupffer, etliche die dienen uff goldt, zum roten und zum weissen (ob das gold mit kupfer oder mit silber legiert ist) Schreittmann probierbüchlein (1578) 81ᵇ, dazu: der zusatz beim gold besteht aus silber oder kupfer oder, wie die schmelzer reden, weisz und rot Jablonsky allg. lex. d. künste u. wiss. (1721) 403ᵃ.
bb)
seltener von andern metallen; 'weiszes gold ist der name der platina' Voigt handw. (1807) 2, 561: Balbin ... beschrieb in seiner naturgeschichte Böhmens ein weiszes gold, welches man für silber halten würde, wenn es nicht das gewicht und andere eigenschaften hätte, die sonst nur das gold bezeichnen Poppe technol. (1810) 2, 503. weiszes gold in anderm sinne sieh oben bei aa. 'weiszes eisen, bei den schmieden, weiches eisen, dessen bruch nicht so grau als der des harten eisens und weiszlich ist' Campe 5, 656. im sinne von 'zinnhaltig' tritt weisz als kompositionsbestandteil auf in weiszblech, -gieszer, -gusz, -lot, -metall, -sud (vgl. dort den beleg von Jacobsson).
b)
weisz als allgemeine kennzeichnung der hellen hautfarbe europäischer menschenrassen gegenüber den farbigen rassen, seit dem 17. jh. bezeugt: gute und böse wären unter allen völckern, wie weisze leute und schwartze mohren in der welt Lohenstein Arminius (1689) 1, 969; hier (vom 31. bis zum 52. grad) finden wir zwar weisze, doch brünette einwohner Kant s. w. (1838) 10, 42; der 'hauch des weiszen mannes', welcher die Indianerstämme aussterben macht W. H. Riehl dt. arbeit (1861) 62; als rassenbezeichnung von der bezeichnung der hautfarbe deutlich abgesetzt: je weiszer die mischlinge sind, desto schwerer sind sie von den wirklichen weiszen Brasilianern zu unterscheiden, die ja häufig eine dunklere hautfarbe besitzen als die vermischten abkömmlinge ihrer einstigen sklaven E. v. Hesse-Wartegg zw. Anden u. Amazonas (1915) 87; hierzu: weisze sklaven, vgl. engl. white slaves, moderne metapher für die sozial entrechteten in Europa: weisze sklaven E. Willkomm (1845) (romantitel); ich weisz, wie s auf rittergütern zugeht, das ist ja die weisze sklaverei W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 2, 22. oft substantiviert: der weisze, die weisze 'angehörige(r) der weiszen rasse':
ein mohr und weiszer zankten sich
Lichtwer schr. (1826) 26;
ich bin den Europäern hold, denn meine mutter war auch eine weisze v. Petrasch s. lustsp. (1765) 1, 91;
Indianer sinds, die von der heimath scheiden ...
stets weiter drängen uns, als ihre heerde,
stets weiter, weiter, die verfluchten weiszen
Lenau ged. (1857) 1, 220.
c)
weisz für die hellste tönung von blond bei menschlichen haaren, vgl. weiszblond und altnord.
of þann inn hvíta hadd Svanhildar
Edda, Gudrúnarhvǫt 16, 7 Neckel;
manna friđastr sýnum ok hvítr á har förnmannasögur 6, 130 (ausg. von 1825):
ain kraus, weiss har
von locken dick het ainst mein haubt bedecket
dasselb plasniert sich swarz und graw,
von schilden kal durchschecket
Oswald v. Wolkenstein 93, 19 Schatz;
hüt dich für einem roten Wahlen, weiszen Frantzosen und schwartzen Deutschen Petri d. Teutschen weish. (1604) 2, I i 5ᵇ; Fuchsmundi will einen advokaten fragen, ob er ein braunes oder weiszes mägdlein heurathen solle Stranitzky ollapatrida 50 Wiener ndr.; der jüngling ... schöner bildung und weiszes haars Klopstock gelehrtenrep. (1774) 293; später noch mundartlich belegt, vgl. wisə horə hellblondes haar Hentrich Eichsf. 1.
d)
weiszes erntefeld, das hellgelbe reife, nach Joh. 4, 35: bidiu siu (thiu lant) uuizu sint íu zi arni (regiones, quia albae sunt iam ad messem) Tatian 87, 8 S.; weysz zuͦ dem schnitte erste dt. bibel 1, 349 lit. ver.;
das felt ist als in der ern wîz
Alsfelder passionsspiel 1391;
wenn sie (die gespielen) hand in hand am schönen sommerabend aufs weisze ährenfeld gehn S. Geszner schr. (1762) 1, 205; wie 'reif' gebraucht: im centrum des blitzes beweiset sichs, dasz die ernte schon gar weisz ist J. Böhme s. w. 2, 136 Schiebler.
3)
bei gegenständen von einheitlich weiszer färbung kann weisz den zustand der reinheit, unbeflecktheit, ungetrübtheit besonders stark hervorheben und nähert sich dann begriffen wie 'rein, sauber, fleckenlos, lauter, klar'; hieran schlieszt sich auch die symbolische verwendung von weisz als sinnbild der reinheit und unschuld (s. unten C 1) an.
a)
in den verbalen wendungen weisz brennen, weisz sieden die aus der metalltechnik stammen. weisz brennen, sich weisz brennen; alt belegt ist das silber weisz brennen 'von schlacken befreien, reinigen', vgl. oben B 2 a η aa und gebrandt oder fein silber, heyszen sie (die münzmeister) weisz probierbüchlein auf gold (1580) 28ᵇ:
der (Augustus) vorderôte gold rôt
unt silber wîze gebrande
ûz allen den landen
priester Wernher Maria 37, 10 Wesle;
übertragen 'reinigen' erst seit dem 17. jh. belegt: schickte dieser seine brüder ... nach Rom, ihn von allen verläumdungen weisz zu brennen, gleichwol aber konnten sie sich so rein nicht waschen Lohenstein Arminius (1689) 1, 881ᵇ;
der richter ist mein handwerksmann, ...
wenns unsere ehre weisz zu brennen gilt
H. v. Kleist 1, 352 E. Schmidt;
die reflexive wendung sich weisz brennen ist schon seit dem 16. jh. im sinne von 'sich nach auszen hin als rein, sauber, unschuldig hinstellen' verbreitet, vgl. sich weisz brennen falsa sceleribus praetendere, titulum facinoris speciosum praeferre Stieler stammbaum 2487 und Frischbier preusz. wb. 2, 462: da her auch das sprichwort kompt, so man von solchen entschüldigern spricht: ey wie weis bornet er sich, ey, borne dich nicht zu helle Luther 30, 2, 28 W.; ein liederliche auszred, mit deren du dich vermeynest weisz zu brennen Moscherosch gesichte Philanders (1650) 2, 127; indes will ich mich nicht weis brennen. habe ichs besser gemacht, wie ich jung war? Hermes Sophiens reise (1778) 1, 448. weisz sieden (vgl. sieden teil 10, 1 877 und oben B 2 a η aa): 'das weiszsieden, die handlung der metallarbeiter, da sie das verarbeitete silber oder messing mit weinstein oder küchensalz sieden, um es dadurch zu reinigen und ihm eine weisze farbe zu geben' Adelung (1774) 4, 1470: und so der (erz)gang fündig ist, da sihet man die silbern spangen, knöpff, zeinen, kuchen, streuszlein drinn und dran, so weisz und artig als hette sie ein goldschmied ausgesotten Mathesius Sarepta (1578) vorrede 2ᵃ; in der münze zum ersten weisz sieden nummos infectos primum malleatos sartagine cogere, wieder weisz sieden monetales plagulas medicata aqua eluere Stieler stammbaum 2488; das weiszsieden (getriebener arbeiten) hat auch bei so groszen werken seine schwierigkeit Göthe 44, 327 W. garn weisz sieden s. teil 10, 1, 878 — anders, im sinne von 'versilbern', vgl. weiszgesotten und unter das weisze das silber', oben 2 a η aa, den beleg aus dem Sachsenspiegel und wie solche leichte müntzen, wie weisz sie auch gesotten sind, dannoch anderst nichtes in sich haben als kupffer am halt (gehalt) Moscherosch sprachverderber (1643) 5. als 'verzinnen' s. Jacobsson 4, 631, vgl. den beleg bei weiszsud.
b)
(sich) weisz waschen 'sauber waschen', vgl. sprichwörtliches wie:
doch merk mich recht, merk mich mit fleisz,
was man nicht wäscht wird selten weisz
dt. volksbücher 5, 1 Simrock;
weisz waschen wie rein waschen (vgl. teil 13, 2229), bildlich: da man einmal die Spanier weisz gewäschen (hat) Fischart Garg. 39 ndr.; meinen clienten ... von dem schwarzen flecken, den seine ehre durch die offenbarung der abscheulichen anecdote zugezogen, weisz zu waschen Wieland s. w. (1853) 33, 31;
die werfen ihre herzen in die bresche ...
und waschen fromm die fremde sündenwäsche
mit ihrem reinen blute wieder weisz
A. Wildgans österr. ged. (1914) 21;
auch reflexiv gebraucht sich weisz waschen 'sich von einem vorwurf, verdacht reinigen', vgl.es wil sich ein jeder weisz waschen patrocinium vitiis quaerimus Aler dict. (1727) 2171ᵃ; ebenso modern üblich, z. b. von diesem vorwurf wird er sich nicht weisz waschen können. so auch ohne das verb weisze wäsche 'reine, sauber gewaschene wäsche', z. b. im gegensatz zu schwarz = schmutzig (s. teil 9, 2314): (Joseph) nahm ... den leib (Christi) und wickelt ihn in ein kostlich weisz leylach (in sindone munda) Egranus predigten 114 Buchw.; weisze wäsche, rein leinenzeug clean linnen Ludwig t.-engl. (1716) 2436; ein weisz hemd anlegen to put on a clean shirt, 2435, weisze bettücher einbreiten to lay fresh sheets or blankets upon a bed 2436; vgl. weisz sauber, unbefleckt Frischbier preusz. wb. 2, 462. modern gilt die weisze weste als umschreibung für 'untadelige handlungsweise': ich fragte Moltke, ob er unser unternehmen bei Preszburg für gefährlich oder für unbedenklich halte. bis jetzt hätten wir keinen flecken auf der weiszen weste Bismarck ges. w. 15 (1932) 275; die untersuchung der kommission habe damals eine tadellos weisze weste der zechenbesitzer ergeben Leipziger neueste nachr. 29. juni 1905.
c)
unbeschriebens oder unbedrucktes papier wird weisz genannt, vgl. purae chartae rein unnd weysz papyr darinn nüt geschriben ist Frisius dict. (1556) 216: (Gelanor) nahm einen weiszen bogen papier und schrieb oben darauf Chr. Weise erznarren 111 ndr.; etliche zeilen weisz lassen lasciar alcune linee in bianco Kramer t.-ital. 2 (1702) 1308; 'weisz oder leer heist dasjenige theil in den tagebüchern der kauffleute, so nicht beschrieben sind' Chomels öcon. lex. (1750) 2, 175; weil dadurch (durch das wort corollarium) dasjenige angezeigt wird, was auf das letzte weisze blatt gedruckt wird Rabener (1777) 1, 169;
der dichtung faden läszt sich heut nicht fassen,
ich bitte mir die blätter weisz zu lassen
Göthe 4, 33 W.;
der weisze fleck auf der landkarte nicht dargestellte gegend, die geographisch noch nicht erforscht ist, vgl. jene gebiete, die in den kartenwerken als unerforscht bezeichnet wurden und demzufolge als weisze flecken galten völk. beob. 26. sept. 1937; ein weiszes (erg. los) 'eine niete': ein weiszes in einer loterey a blank in a lotery Ludwig (1716) 2435; in älterer musiktheorie weisze note note mit unausgefülltem kopf 'halbe, ganze note', vgl. alba rotunda eine gantz weisze Pomey indic. univ. (1720) 322; blanche ... eine weise note, insonderheit aber die minima oder halbschlägige Walther mus. lex. (1732) 96; man (stelle) sich die runde weisze note ohne strich ... als ganzes vor Quantz anweis. d. flöte zu spielen (1789) 54; ihr gelingt ein lied wie ein choral, weil sie die weiszen noten mit ausnehmender kraft hebt und trägt Schubart ästhetik d. tonkunst (1806) 91. vergleichbar: das kurtz s mach also ... solichs hab ich hernach weisz mit den linien (leerer umrisz), und schwartz in rechter ordnung (ausgefüllt) fürgeschriben A. Dürer unterweis. d. mess. (1525) M 1ᵇ.
d)
von durchsichtigen dingen im sinne von 'ungetrübt, rein, klar', doch hauptsächlich auf poetischen gebrauch beschränkt:
die zimmer und die sähl seind gantz durchscheinend weisz,
mit gebognem cristall gefüget und beschlossen
Weckherlin ged. 1, 368 lit. ver.;
wie juweliere ihre edelsteine ... nach ihrem hellen weiszen wasser schätzen und ausbieten Jean Paul s. w. (1826) 54, 90, vgl.wasser II C 3 a teil 13, 2334.
C.
einige feste und typisch gewordene anwendungen der weiszen farbe und von weiszen dingen, die einen bestimmten symbolwert haben, sind gesondert aufzuführen, obschon sie sprachlich B 1 oder 2 zugehören; der sinnbildliche charakter ist in neuerer sprache nicht immer deutlich, so dasz z. t. nur die formel als solche noch weiter lebt.
1)
als symbol der äuszeren und inneren reinheit und unschuld gilt die weisze farbe (s. weisz B 3) seit alters in sakralen gebräuchen der christlichen kirche (und nicht nur in ihr), wobei bestimmte biblische motive den ausgangspunkt bilden, wie etwa apokal. 3, 4 f.
a)
weisz als die farbe der reinheit und unschuld; namentlich findet das weisze gewand, kleid solche sinnbildliche verwendung:
die wiziu cleider truogen
nach kuschir art ...
Hugo v. Langenstein Martina 147, 107;
o unschuld, du engel vom himmel gesandt,
mit goldenem gürtel und weiszem gewand
Schubart s. ged. (1825) 2, 297;
die ihr an des lebens blumenschwelle
in der unschuld weiszem kleide spielt
Schiller 1, 187 G.;
das kleid von weiszer unschuldfarbe flosz
hernieder zu den lichtversagten knöcheln
Grillparzer s. w. (1874) 2, 165;
darum ist das gewand des täuflings weisz:
daz man im (dem bekehrten) gæbe ‹ein› wîz gewant
ûz der kemenâten sîn (des kaisers)
Konrad v. Würzburg Silv. 2032 G.;
das wird bedeut durchs hembdlein weis,
so man dem teuffling schencket
Ringwaldt evangelia (1581) F 4 b;
auch weisze blumen, namentlich die lilie, gelten als derartige symbole:
so wirt di kuscheit also reine
der wissen lilien geleget zu
Joh. Rothe lob d. keuschh. 2307 N.;
bildlich: die weiszen blumen stehen wol auff einem jungen haupte Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, R 5ᵇ;
im klostergarten dürfen
blosz weisze liljen blühn
H. Löns kl. rosengarten (1914) 97.
in gleichem sinne wird die weisze taube (vgl. teil 11, 1, 1, 167) verwendet:
die unschuld sasz am dache fromm
in stillen weiszen tauben
Lenau ged. (1857) 1, 9.
b)
der symbolische beisinn löst sich ab und wird selbständig in der bedeutung 'rein, unbefleckt, unschuldig', vgl. schneeweisz teil 9, 1, 1244; schon frühmhd. ganz unsinnlich, vgl.
er (gott) nam hie fleisch unde bein,
sîn snêwiziu sêle
fuor in die phalnzen hêre
priester Wernher Maria 167 Wesle;
noch ganz bildhaft:
swenne uns daz hâr beginnet wîzen,
sô sölte wir tac und naht uns flîzen,
daz dennoch unser sêle wîz würde,
ûf der lît swarzer sunden bürde
Hugo v. Trimberg renner 10 411 Ehr.;
wer ander leüt schwertzt, ist darumb nit weisz Fischart groszm. 18 ndr.; abstracter: auf diesen trost solte jederman ... einen newen weiszen unbefleckten wandel führen Val. Herberger herzpostille (1613) 1, 435;
Jesu Christo sey lob und preisz,
Jesu, dem lieben kindlein weisz!
H. Örtel bei Fischer-Tümpel 1, 123;
vereinzelt sogar mit präposition neben rein:
... da wolt doch got verschonen
und meiner händen werck, vom bösen rein und weisz,
mit seiner hand belohnen
Weckherlin 2, 46 Fischer;
wer nur ... die weisze unschuld in allen verrichtungen betrachten wolte Chr. Weise polit. redner (1677) 684;
damit wir sollen weisz und rein
und rechte kinder gottes sein
E. M. Arndt s. w. 3, 287 R.-M.;
das hertz ist wol bey ihnen (den aposteln) weisz gewesen wie den kindern gottes gebühret Val. Herberger herzpostille (1613) 1, 436; Celinde ... dachte: um so weiszer wird sein herz sein Gutzkow ges. w. (1872) I 5, 256. hierher auch die weisze kunst, vgl.kunst teil 5, 2678, die weisze magie 'unschuldige, nicht sündige zauberei' im gegensatz zur schwarzen kunst (vgl.schwarz teil 9, 2316 f.): es sind kunstreiche leute, das sag ich dir fur war. es gehet alles hie mit der weissen kunst zu und nicht mit schlechten kreutern Luther 30, 2, 372 Weim.; da auch fromme männer dieser sogenannten weiszen magie pflegten Alexis hosen (1846) 2, 2, 216.
2)
als wappenfarbe und parteifarbe; heraldisch vertritt weisz das silber:
silbir adir golt di muszin lin (liegen)
uf allin gewappintin schildin,
wiz und gel do vor ouch sin
an veldin adir an bildin
Joh. Rothe rittersp. 595 N.;
weisz oder silberfarb Ph. Jac. Spener oper. herald. pars gen. (1690) 110. von der weiszen wappenfarbe der 1815 restaurierten Bourbonen wird die bezeichnung königstreuer, dann allgemein politisch rechtsgerichteter gruppen als weisz herrühren im gegensatz zur roten (s. teil 8, 1293) farbe des umsturzes, vgl. Murray s. v. white 6 b: nun brach ... über Südfrankreich die raserei des weiszen schreckens herein Treitschke dt. gesch. (1892) 2, 95, vgl. frz. terreur blanche weisze reaktion nach 1815; als fester begriff im deutschen erst seit der russischen revolution 1917/18 geläufig, vgl. weisze armee, weisze garde, weiszgardist u. s. w., wo weisz den gegensatz zu rot d. i. bolschewistisch bedeutet: zwischen weisz und rot E. E. Dwinger (1930) (buchtitel); wir leben jetzt unterm weiszen regiment derselbe armee hinter stacheldraht (1929) 254; sie hatte mich als den organisator einer weiszen garde angeklagt A. Winnig heimkehr (1935) 100; auch substantiviert die weiszen gegenüber den roten, den revolutionären.
3)
weisz als farbe des glücks und guter vorbedeutung. in der mittelalterlichen farbensymbolik gilt weisz als die farbe der hoffnung, vgl. Wackernagel kl. schr. 1, 205:
wîz hofenunge wîset
Hadamar v. Laber jagd 244 Schm.;
weisz pedeutet guten wan,
den mir di minn hat auf gethan
fastnachtsp. 778 Keller.
seit dem humanismus bis zum 18./19. jh. finden sich nicht selten anspielungen auf antiken brauch und antike vorstellung von der weiszen farbe als der des glückes und sieges:
mein sache nun wol gut sol werdn,
ich reite nur auff weiszen pferdn
(1581) Berliner Pyramus-Thisbe-spiel 18 lit. ver. 255;
vorzeiten haben die Traces und Creter durch weisse stein die freudenreiche glückfertige tag verstanden, durch schwartze die traurige unglückselige Fischart Garg. 191 ndr.; er versicherte ..., dasz er und seine gesellschaft für freuden auszer sich waren, und diesen tag mit einem weiszen steine bezeichnen wollten Rabener s. schr. (1777) 2, 127; geselle dich zu meinem glücke, und wir wollen sehen, welcher genius der stärkste ist, dein schwarzer oder mein weiszer! Göthe 22, 12 W.; vergleichbar:
dann pflanzen wir ein weiszes siegeszeichen
am freien Rheinstrom auf
Körner 1, 126 Hempel.
der weiszen henne sohn 'glückskind' (nach gallinae filius albae, Juvenalis 13, 141):
ich höre gierig an,
wann dich das glücke liebet,
du, weisz ich, bist betrübet
wann mir es leid gethan.
ich bin der weiszen hennen
ihr sohn doch nicht zu nennen
Tscherning vortrab d. sommers dt. ged. (1655) 146;
nun, das heiszt doch würklich der weiszen henne ächter sohn seyn! solch ein glückszufall hat mich doch zeitlebens noch nicht betroffen Kretschmann s. w. (1784) 4, 74. heimischen ursprungs scheint die mundartliche wendung einen weiszen fusz bei jem. haben oder sich e. w. f. machen, vgl.enen witten foot by jemand hebben 'bey einem wohl angeschrieben stehen' brem.-niedersächs. (1767) 1, 443; sik en witten foot maken bi een 'sich einschmeicheln' Schütze holst. (1800) 1, 131; 'das kommt von eurem klugen deichgrafen ..., der ... seine finger dann in alles steckt'. 'ja ..., er ... sucht beim oberdeichgraf sich nen weiszen fusz zu machen' Storm s. w. (1898) 7, 207, vgl.fusz I A 5 a (teil 4, 1, 1, 972).
4)
selten erscheint weisz als farbe der trauer: grave Gotfridt Wernher hat sie (die gräfin) in lauter weiser beclaidung und beschuung ein ganz jar clagt zimmer. chron.² 4, 3; die itzige welt ist zwar auch eine lustige stadt, aber auff eine gewisse zeit: sintemal sie im winter mit schnee wie mit einem weisen trawerschleyer umbhänget ist Meyfart himml. Jerusalem (1630) 2, 121; er trauere sanft und still, wie eine fürstin im sanften weisz Jean Paul w. 7/10, 271 Hempel.
5)
in bestimmten sachbezügen formelhaften charakters.
a)
weiszer stab, weiszer stecken (vgl.stab II 5 f β teil 10, 2, 337 und stäblein 2 d ebda 372); ihn trugen landesverwiesene, s. rechtsaltert.⁴ 1, 185, wo weitere belege: (das) kriegsvolck in der statt hat man mit irer hab lassen abziechen, die burger und eynwoner, yetwetrem ayn weysz stecklin in die hant und in das ellend vertriben quellen z. gesch. d. bauernkr. in Oberschwaben 214 lit. ver.; (wollten sie) die wehr von sich legen, so wölt er sie mit weiszen stäben ausz dem land lassen passiren Adam Reiszner hist. Georgen und Kasparn v. Frundsberg (1572) 17ᵇ;
er (der vater) gab mir einen weisen stecken in meine rechte hand,
und weist mich in das dreyunddreysigste land
schwerttänzerlied in: Winkelmann beschr. v. Hessen u. Hersfeld (1697) 374;
daher mit dem (am) weiszen stab (stock) 'als bettler': dat en ihrlich man ... nich vertwifelt, wenn hei mit en witten stock in de welt geiht Fr. Reuter 2, 23 Seelm.; wie lange wird es währen, so kann ich sie (die pachtsumme) nicht aufbringen und dann müssen ich und die meinigen mit dem weiszen stabe durch das land ziehen Th. H. Pantenius im gottesländchen (1898) 19; mundartlich: he get am witten stöcksken er bettelt Woeste westf. 327. der weisze stab als zeichen der amtsgewalt, besonders der richterlichen, doch ist die weisze farbe in den quellen oft nicht ausdrücklich angegeben, vgl. die belege unter stab II 8 f (teil 10, 2, 346): item so sall der markgreve van Gulich (Jülich) uf einem einoigich weisz pert sitzen ... u. he sall haven ... einen weiszen staf (1342) rechtsaltert.⁴ 1, 85; des ertzbischoffs zu Trier scholthess, als ein hochrichter und schirmher mit einem weiszen stabe (1518) weisth. 2, 601;
man sprach das urtheil über ihn,
der weisze stab lag ihm zu füszen
Lichtwer schr. (1828) 12;
dem schöffen blickt er (der tod) ins gesicht,
der just das weisze stäblein bricht
Geibel ges. w. (1883) 1, 91;
bei diplomatischen sendungen, vgl. teil 10, 2, 345: was aber vor anfang eines kriegsz, absag unnd dergleichen feindsbrieff, von grossen herren einander uberschickt (wird), das wirt auch etwan öffentlich an weisen stäben geführt L. Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) 43ᵇ; als requisit des astrologen, der die weisze kunst (s. oben C 1 b) pflegt, vgl.stab 10 (teil 10, 2, 355) und weiszgeschält: (Seni) tritt in die mitte des saals, ein weiszes stäbchen in der hand Schiller 12, 93 G.
b)
weisze fahne als zeichen des friedens, der übergabe, vgl. 'weise fahne ausstecken ... pfleget zu geschehen, wenn die belagerten in einem ort capituliren und sich ergeben wollen' Fäsch kriegslex. (1735) 997: worauff die belagerte ein weis fähnlein über die maure ausgestecket und sich zum accord erboten Chemnitz schwed. krieg (1653) 2, 96; als die stadt (das belagerte Danzig) endlich die weisze fahne aufsteckte E. M. Arndt 1, 169 R.-M.; metaphorisch:
wie grosze perlen ihr (der geliebten) in beiden augen stehen!
nun frisch aus allen batterien!
in fünf minuten musz die weisze fahne wehn
Wieland s. w. (1839) 11, 243;
c)
weisz gilt als die farbe der gespenster, geister und feen: er gieng zwar nicht weisz, wie die geister in den häusern ... zu erscheinen pflegen Grimmelshausen 2, 533 Keller;
schnell schrecket sich ein weiszer geist,
der durch die sträuche blinket
E. v. Kleist 1, 86 Sauer;
und das gespenst erhebt die weiszen finger
Tieck schr. (1828) 2, 209;
gell schreit die fee!
auflangend sieht er eine hand
am steuer, blendend weisz wie schnee
C. F. Meyer ged. 20 Fränkel.
die weisze(n) frau(en) als gespenst, hexeu. dgl., vgl. auch mythol.⁴ 232, 803 ff. und Bächtold-Stäubli hwb. d. aberglaubens s. v. weisze frau: de witten vrowen hebben afdekket ere tytten lamiae nudaverunt mammam Lübecker bibel (1494) klagl. Jerem. 4, 3; nachtgeister und gespenster, welche der gemeine mann weisze weiber oder weisze sibyllen zu nennen pfleget E. Gockel tract. polyhist. (1699) 15; de witten wyver heft em ünder die hexen plagen ihn Richey hamb. (1755) 343; witt wiw hexe Schumann Lübeck 69; wie ein kind, das, von der einfältigsten amme gezogen, des nachts sich vor dem schwarzen hund und vor der weiszen frau fürchtet Pestalozzi schr. (1819) 12, 103; zwischen Hademarschen und Hanerau zeigte sich zwischen himmel und erde schwebend, wieder die weisze frau Müllenhoff sagen, märchen u. lieder d. hzth. Schleswig, Holstein u. Lauenburg 363 Mensing; weisze frau die in schlössern spukende ahnfrau:
diese (die gräfin v. Orlamünde) läszt als weisze frau nun ihre schlüsselbündel kollern
Platen 10, 79 Koch-Petzet;
als fruchtbarkeitsdämon (über ihren zwiefachen charakter vgl. M. Wähler die weisze frau [1931] 37): heute noch geht abends ... die weisze frau den wall entlang, liebespaare zu suchen, um sie zu segnen H. Löns s. w. (1924) 7, 44; mundartlich: 'die baisze wrâ, in Pölandl bei Maschen kömmt ... nach dem schnitt die weisze frau ..., ihr erscheinen ... deutet auf fruchtbarkeit und segen' Schröer Gottschee 227.
d)
als bezeichnung gewisser kirchlicher tage. der sonntag dominica in albis oder quasimodogeniti wird seit dem 16. jh. (vgl. Grotefend zeitrechnung d. dt. mittelalters 1, 207) weiszer sonntag genannt, vgl. obenC 1 a: der weisze sontag, dominica in albis ... auff die allgemeine tauffe der bekehreten heyden die man vorzeiten am osterfest hat gehalten und darbey die newen getaufften christen mit einem schneeweiszen westerhembde oder tauffkleide gezieret, welches sie öffentlich haben gantzer acht tage getragen und heute auff den abend (des sonntags quasimodogeniti) abgeleget Val. Herberger herzpostille (1613) 1, 434; des mandages na dem witten sondage achte dage na paschen (1502) städtechron. 16, 393; älter für den sonntag invocavit, den ersten sonntag in der fastenzeit weiszer sonntag: biz an den suntag so man singet invocavit in der vasten, den man nennet der wizze suntag (v. j. 1353) urkundenbuch d. st. Worms 2, 313 Boos; uff mentag nach dem wyszen sunntag in der vasten als man singet invocavit (v. j. 1418) monum. Zoller. 1, 522 St.-M.; am weiszen sontag nach fasznacht, da man die feürbeseher (s. Fischer schwäb. 2, 1456) wehlt (v. j. 1620) in: zs. f. kulturgesch. 8, 182. weiszer freitag, weiszer donnerstag der karwoche, letzterer wohl wegen der weiszen paramente und der weiszen kleidung der öffentlichen büszer, die am gründonnerstag losgesprochen wurden: item up wyssen frydach zur spynden 2 mal. ... 2 virdel roggen (v. j. 1455) urkundl. beitr. Münstereifel 144 Scheins; item off den wijssen frijdaich vur myttage saegen wir die passie spelen in dem coleseum (um 1500) Arnold v. Harff pilgerf. 33 Groote; gleich wie er (Christus) seiner apostel füsz gewäschen hat, also musz der papst der armen ... füsze mit groszen ceremonien und vilem gepräng auff den grünen oder weissen donnerstag wäschen Fischart bienenkorb (1588) 162ᵇ; in dem hilligen wytten donnerdage, do du dit hill(ige) sacrament ersten settedest Brem. kerkengebede bei Schiller-Lübben 1, 540.
D.
substantivierungen treten seit dem mhd. (vgl.B 1 g γ) auf; soweit sie sich unmittelbar an einem adjektivischen gebrauch von weisz anschlieszen, sind sie unter A—C an zugehöriger stelle behandelt, z. b. das weisz 'schnee' B 1 a, in weisz(em) 'in weiszem kleide' B 1 c, das weisz 'weiszer farbstoff' B 1 d, das weisz 'weisze farbe' B 1 e, g, der weisze 'weiszer wein' B 2 a α, das weisze 'weiszer flusz' B 2 a ζ, das weisze (weisz) 'silber' B 2 a η aa, der (die) weisze 'weiszrassiger' B 2 b, die weiszen 'anhänger der weiszen partei' C 2. im folgenden sind solche substantivierungen aufgeführt, die sich zu selbständigen sachbezeichnungen entwickelt haben.
1)
als neutrum das weisze, weiszes.
a)
das weisze (weiszes) im auge 'weisze augenhaut', vgl. albugo das weise in den ougen (1470) Diefenbach ml. hd. böhm. wb. 18:
das wisse in baiden ogen sin
was schöner vil den lylien fin
schweizer Wernher Marienleben 5833 Päpke-Hübner;
(flieszende) augen, mit irer röty und geschwulst und ufflauffen des wisszes der augen Gersdorff wundarznei (1526) 85ᵇ; er (der adler) hat auch gantz brünnende augen, saffergäl, also dasz das weysz darinn dem stein topasio nit unglych Heuszlin Gesners vogelbuch (1557) 1ᵇ; das weisze der augen (war) gantz gelb Abr. a s. Clara etwas f. alle 2 (1711) 17; der augapfel wird klein, dasz man kein weiszes um den stern sieht Herder 13, 118 Suph.; (der wilde) betrachtete sie (die perücke) lange unverwandt, man sah fast nur das weisze in seinen augen Eichendorff s. w. (1864) 3, 246. einem das weisze im auge sehen als maszstab für die nähe der gegner im kampf gebraucht, dann umschreibung für 'mutig standhalten', 'herausfordernd anblicken': die hoffleut (sollen) nicht loszbrennen, bisz sie einem sehen das weisz in augen schimmern Kirchhof milit. disc. (1602) 157; da dan ... die königl. schwedische damahls erst hart auf ihn wie sie ihm das weisse in den augen sehen können, fewr gegeben Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 160; 'hinterrücks?' warum nicht gar! das weisze im auge sehe ich selbst meinem feinde und lasz ihn dann sich verteidigen, wenn er kann Nicolai Nothanker (1774) 1, 150;
(dasz) den steifen damen und den unverschämten herrn,
die uns ins weisze sehen wollen,
die augen übergehen sollen
Wieland s. w. (1794) 18, 181;
im schlachtgetümmel sah er dem feinde das weisze im auge Mommsen röm. gesch. (1865) 3, 11; das ist einer der seltenen orte, ... wo jeder kämpfer für kurze sekunden dem andern in das weisze der augen sah E. Jünger d. wäldchen 125 (1928) 232. ähnlich auch einem das weisze im auge zeigen 'einem tapfer entgegentreten': als ein recht braver kerl hätt er ... seinem mann das weisze im aug selbst zeigen sollen H. L. Wagner theaterstücke (1779) 53;
nein, laszt uns sterben, wie es männern ziemt!
zeigt eurem feind das weisze in dem auge
Körner (1876) 2, 217;
auch auszerhalb der kampfsituation, als maszstab räumlicher nähe zwischen personen: indem wir solchergestalt alle drei nur auf wenige schritte von einander entfernet wären und bey jetzigem vortreflichen mondenschein einer dem andern fast das weisze im auge erkennen könte Schnabel insel Felsenburg 4 (1743) 339;
(Alf.:) sind sie s? und beide? siehst du recht?
(der knappe:) ich seh
das weisz im auge, herr, in solcher näh
Müllner dram. w. (1828) 3, 76;
aber eine war, eine! bei dieser sah ich drei sekunden lang dem glück das weisze im auge H. Burte Katte (1914) 120. das weisze (im auge) über sich kehren u. ähnl. 'die augen verdrehen' von sterbenden, kranken, scheinheiligen, als ausdruck der entzückung, der angst u. s. w.: ich hab ihn geschossen, dasz er das weisz über sich kehrte Grimmelshausen Simpl. 73 Scholte; welcher fisch desz krauts oder wurtzel isset, der wird davon also toll, dasz er das weisz über sich kehrt, gleich als er todt wäre fischbüchlein 172; nichts als das weisze von den augen sehen lassen fingere divotione, ovatione, far l'hipocrita, il santo Kramer t.-ital. 2 (1702) 1308; (mit) Bötticher und seiner lieben frau, die eben so süsz und so feyerlich ist und die augen bis zum weiszen verkehrt Caroline briefe 1, 183 Waitz; ein fohlen, das bei jedem tritt unsichtbare gefahren wittert, in den aufgerissenen augen bei jedem stein das weisze zeigt E. E. Dwinger wir rufen Deutschland (1932) 195. einem nicht das weisze im auge gönnen 'nicht das geringste gönnen': (sie geben ihm) heut ein groszes essen ... und gönnen ihm nicht das weisze im auge (1823) Zelter in: briefwechsel zw. Göthe und Zelter 3, 291 Riemer; ein paar leute, die sich das weisze im auge nicht gönnen F. L. Schröder dram. w. (1831) 1, 63; auch in maa., vgl. z. b. hei günt ne det wite in n age nich Schambach Gött. 301; so n putjunker (gutsbesitzer) günnt den lüttn mann nich dat witte in sîn ôgn Danneil altmärk. 249. einem das weisze im auge versprechen 'das kostbarste', vgl.augapfel teil 1, 788: der Mailänder ... versprach das weisze aus dem auge, wenn er ihm die schmerzen lindere J. C. Heer könig der Bernina (1904) 232.
b)
das weisze vom (im) ei 'eiweisz', vgl. affodillum i(d est) albumen das wisz von dem eye gemma gemm. (1508) a 5ᵇ: dise welt ist sinewel unde ist umbeslozen mit dem wendelmer. da inne suebet die erde alse der duter in dem eige in dem wisem (um 1190) lucidarius 8 Heidl.; glare witte van dem eie (14. jh.) bei Graff diutiska 2, 216; klopff das weisz von zehen eyern auch unter den wein M. Herr feldbau (1551) 187ᵃ; läutere ihn (den zucker) mit wasser und einem weissen vom ey wie gebräuchlich v. Hohberg georg. cur. 3 (1715) 149ᵃ; statt das weisze vom ei sagt jüngere sprache nur noch eiweisz; absolut dagegen weiterhin gebräuchlich: sie (die welt) ging aus einem ey hervor, sagte einer: der äther war das weisze, das chaos der dotter Wieland s. w. (1794) 19, 117; eidotter schwammen wie runde fettaugen, während das weisze unter der schlagenden gabel zu flockigem schnee sich ballte H. v. Kahlenberg Eva Sehring (1901) 50.
c)
'das ziel', eigentlich der weisze pflock in der schieszscheibe; von frühnhd. zeit bis ins beginnende 19. jh. belegt, während in gleicher bedeutung das schwarze (vgl. teil 9, 2319), das auch in älterer zeit häufiger ist, bis in die gegenwart reicht; noch als weiszgefärbte stelle des zielpflocks:
ist gleich wie mit den armbrustschützen.
leit nit am spannen oder bschicken,
wenn sie nur recht und wol abdrücken,
und das das weisz am zweg werd troffen
B. Waldis Esopus 2, 28 Kurz;
für den weiszen zielpflock selbst: die güte der endursache macht eine sonst bedenckliche sache zuläszlich, wie das weisze in einer schwarzen scheibe das ziel sichtbar Lohenstein Arminius (1689) 2, 596; als 'ziel':
dort eilt ein schnelles blei in das entfernte weisze,
das blitzt und luft und ziel im gleichen jetzt durchbohrt
A. v. Haller ged. 25 Hirzel;
liebesschützen, welche zwar starck geschossen, aber das weisz nicht getroffen Lindenborn Diogenes (1742) 1, 200;
... so triffst ins glückes weisz du, ohne drauf zu zielen
E. M. Arndt w. 5, 309 R.-M.;
ins weisze treffen die richtige stelle treffen, vgl. ins schwarze treffen teil 11, 1, 1, 1596: über diese gründliche anmerckung ward nun der Herrnhuthianismus sehr zornig, denn er war damit recht ins weise getroffen J. H. Schütze Herrnhuthianismus (1752) 1, 172.
d)
weisz, jünger weiszes in der jägersprache für 'fett', besonders beim hirsch: in des ward ihm ein messer gereicht, schneid er den hirsch hinden übern zimmel und sagte: der hat vil weisz (verstehet ist feist und gut) und ist jagens werth gewesen Kirchhof wendunmut 2, 289 Österley; als er (Philipp v. Hessen) auff einer hirschfeist ein hirsch zerlegen liesz und weil derselbe sehr fett ware und ihr f. gn. sagte: das thier hat viel weisz Zinkgref apophth. (1628) 1, 167; also wird vom ... tammhirsche gesaget: er ist feist oder hat viel weisz C. v. Heppe aufr. lehrprinz (1751) 114; 'talg ..., bei sauen heiszts auch weiszes' H. Laube jagdbrevier (1841) 292; die seynos (art wildschweine) ... werden ... nie wirklich fett. ich habe einige in der besten zeit geschossen, und sie hatten kaum einen viertelzoll weiszes Gerstäcker achtzehn monate in Südamerika (1863) 1, 320.
e)
das weisze am holz 'splint', vgl. alburnum das weisze am holtz nechst an der rinde nomencl. lat.-germ. (1634) 71; alburnum ... mollissima est arboris pars ... das bast zwischen dem holz und der rinden, das weisze am holtz zunechst an der rinden Corvinus fons lat. (1660) 33.
2)
als fem. die weisze; seit dem 19. jh. berlinisch und norddeutsch umgangssprachlich die (Berliner) weisze 'glas oder flasche weiszbier', vgl. Brendicke 192ᵇ: dasz der richtige Berliner überhaupt nur drei dinge brauche: eine weisze, einen gilka und porree Fontane ges. w. (1905) I 5, 123; fern von dem schönen Berlin, wo man abends sein gartenkonzert haben kann, seine weisze und alles, was drum und dran hängt Jul. Stinde fam. Buchholz 1 (1884) 79; e weisze mit m vogel ein glas weiszbier mit einem zusatz von himbeersaft Betcke Königsb. 65; weiteres s. unterweiszbier.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1938), Bd. XIV,I,I (1955), Sp. 1178, Z. 40.

wissen, adj.

wissen, adj.,
in der verbindung jem. ist wissen 'ihm ist bekannt' im 15. und 16. jh. öfter bezeugt, weit älter ist gewissen sein bekannt sein (s. teil 4, 1, 3, sp. 6218): daz uns wissen und kunt ist (1384) weist. 6, 20; des uns nit ist wissen (1481) d. dt. bauernkrieg, aktenband 11 Franz; waz die ursache waz, ist mir noch nicht wissen Arigo decameron 44 Keller; das niemant wissen was ebda 7; so einer das offenlich leugnet, daz menigklich kunt und wissen Hier. Gebweiler lob Marie (1523) 9ᵃ; es ist jedermann wissen, dasz ein gemein ganghaftig zins inn landen ist Luther 24, 675 W.; ewern gnaden vil newer mer zu sagen, deren seind mir nicht vil wissen Wickram 1, 46 Bolte; dir ist aber wissen, das du zu den zeiten ... noch nit erzogen und ich ein junge fraw was Carbach Titus Livius (1551) 37ᵃ; es ist auch euch wissen, das Christus, unser houptman, uns geben hat ein gsatz Eberlin v. Günzburg 1, 145 ndr.; ebenso 1, 90; wie bei gewissen ist die attributive verwendung selten bezeugt: ich han vernomen, wie du in götlichen gescheften ein weise und wissen man seiest (che tu se savissimo nelle cose di dio) Arigo decameron 33 Keller, vgl. auch mir ist wissend (sp. 772) und die auffallende form mir ist zu wissen 'mir ist bekannt' unten sp. 767.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 742, Z. 32.

wissen, f.

wissen, f.,
'kenntnis', vgl. gewissen, f., teil 4, 1, 3, sp. 6226-6233:
ez wart gar ân die wizzen sîn
verborgen in diu röckel mîn
Ulrich v. Lichtenstein 189, 7;
unde ist aber daz er (der täter) in den furgeboten ungebunden unde ungevangen furkumt unde wil sin laugen bieten, ist danne diu ware wissen da, so mag er mit nihtiu enbresten wan mit der notwer stadtbuch von Augsburg 115 M.; das wort lebt fast nur in präpositionalen verbindungen: ob ein man ane sine wizen koufet diubic oder roubic guot Schwabenspiegel 47 Wackernagel; mit miner wissen und guoten gunst (1356) monumenta Zoller. 1, 331; mit siner wissen und willen (1490) württemberg. geschichtsquellen 15, 457. in solchen formeln der kanzleisprache, die die rechtsgültigkeit und eigenverantwortlichkeit betonen, steht gern mit guter, (häufiger) rechter wissen, ganz parallel den formeln mit guter, rechter gewissen, s. teil 4, 1, 3, 6231. die belege reichen bis ins 14. jh. zurück, s. auch Jelinek mhd. wb. 965; Fischer schwäb. 6, 899: insiegeln, die mit guter wissen sint gehencket an diesen brieff (1366) Hohenl. urkundenb. 3, 300; dessen zu urkundt haben wir unser königlich innsigel mit rechter wissen an dise unsere und des heiligen reichs geenderte ordnung thun hencken kaiserliche kammergerichtsordnung (1555) 163ᵃ; gern in der häufung: mit wolbedachtem mute und rechter wissen geteidinget haben (1375) mecklenburg. urkundenb. 19, 67; ebenso 19, 77; mit wolbedachtem mute und rechtir wissen und mit willen und wissen des hochgeboren Albrechtis, hertzogen zu Mekelimburg ebda 19, 79; 209, alle belege in urkunden der kaiserlichen kanzlei; so haben wir mit wolbedachtem mut und rechter wissen geurteilt, erkant und gesprochen (1431) chron. der stadt Bamberg 1, 71 Chroust; auch: haben wir mit wolbedachtem mute, gutem rathe und rechter wissen den vorgnanten von Görlitz diese gnade gethan (1429) cod. dipl. Lusatiae super. 2, 86; ebenso lehnsurk. Schlesiens 1, 530. wissene bei Jacob Böhme kann eine persönliche neubildung sein: (die sanguinische form des charakters) ist subtil, freundlich, fröhlich, ist züchtig und rein und führet grosse heimligkeit in ihrer wiszne s. w. 6, 427 Sch.; so haben wir menschen noch eine höhere wissene und erkenntnisz 4, 116.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 742, Z. 55.

wissen, n.

wissen, n.
(subst. inf.), kenntnis, kunde.
1)
ältere sprache kennt im allgemeinen noch nicht den gebrauch des subst. wissen. ein vereinzeltes folli wizzinnis bei Notker 2, 411 P. ist übertragung des lat. plenitudinem scientiae, wofür bei ihm an anderer stelle auch folli chunste und folli gewizzedo steht, s. teil 4, 1, 3, 6226. mhd. ist wizzen, n., nur in der mystik öfter bezeugt, wird jedoch über dieses gebiet hinaus nicht üblich: die iht in gote suochent, ez sî wizzen, bekentnisse, oder andâht oder swaz ez sî, vindet er ez, nochdanne vindet er got niht, wie daz er nochdanne vindet wizzen, verstân, innekeit, ... ein mensche sol nihtes niht suochen noch verstân noch wizzen noch inrekeit noch andâht noch ruowe wan alleine gotes willen meister Eckhart 177, 9; 14; der nû arm sol sîn des geistes, der muoz arm sîn alles sînes eigenen wizzens, als der dâ niht enweiz noch kein dinc weder got noch crêatûre noch sich selber ebda 282, 33; 282, 13; hie sol der mensche uberformet werden mit disem uberweselichen wesende; so müessen alle die formen von not dannen die man in allen kreften ie enphieng: das kennen, das wissen, das wellen, die wurklicheit, die furwirflicheit, die bevintlicheit, die eigenscheftlicheit Tauler 257, 23 Vetter.
2)
gebräuchlich wird wissen erst in frühnhd. zeit als 'kunde, nachricht, kenntnis', besonders in festen verbindungen.
a)
verbindungen verbaler art. von ihnen ist eines dinges ein wissen haben oder tragen im 16. jh. allgemein üblich und begegnet auch noch im 17. jh. (s. auch die belege unter tragen teil 11, 1, 1, sp. 1097). wissen haben ist bereits mhd. bezeugt: des hein alle wolgelert meister ein wüssen Seuse deutsche schr. 162, 17 Bihlmeyer; das der punt kurtz ain wissen wolt haben von den hertzog Fridrichischen, ob sy des künigs spruch nachkomen und volziechen wollten oder nit Ulrich Füetrer chron. 257 Sp.; was sich ertzaiget dem menschen des hat er ain wissen Albrecht von Eyb spiegel d. sitten (1511) a 5ᵃ; hab weib und kind, die haben kain wissen von mir, und natürliche liebe zwingt mich, wider zu in zukommen Fortunatus 43 ndr.; mit wilchem ich nie in zweitracht kommen, das du auch selber kuntest schuldigen oder das in meinem wissen stunde Hutten op. 2, 182, 22 B.; thet aber nit dergleichen, das im der sachen wissens were Wickram 2, 76, 10 Bolte; haben irer blindheit kain kunst und wissen Seb. Franck lob der torheit (1534) 96ᵃ; darausz das cammergericht lauter wissen empfahe, ob dieselb obrigkeyt dem volg thun woll oder nit kaiserliche kammergerichtsordnung (1555) 153ᵇ; ob du schon ettlich mandat habest lossen aussgon als man sagt, si es doch nit dein wissen dobi Eberlin v. Günzburg 1, 11 ndr.; ob man schon ein argwon hat, ist doch kein wissen, wer sie sind ebda 2, 59; so er das in wissen gebracht L. Thurneysser magna alchymia (1583) vorr. 1; wie Moises, Helias, ... in erkandnuss vnd wissen hatten ebda vorr. 1; (die namen) Suevi Schwaben, Bohemi Böhmen ... sind noch in gedächtlichem wüssen Stumpf Schweizerchron. (1606) 58ᵃ; nichts ..., das nicht der astrologei in wissen stand Paracelsus opera 2, 489 H.;
(Sichäus) eröffnet jhr die schätz zu hand ...
darvon sonst niemandt wissens het
Spreng Ilias (1610) 10ᵇ; s. auch 11ᵃ; 43ᵃ; 237ᵇ;
wie dann Fl. dessen genugsames wissen tragen wird S. v. Birken forts. der Pegnitzschäferei (1645) 33; s. auch die belege bei Schiller-Lübben und mhd. wb. 5, 701; Schmeller-Fr. 2, 1034; Fischer schwäb. 6, 899; städtechron. 25, 166.
b)
präpositionale verbindungen.
α)
mit (ohne) wissen, als doppelformel meist mit (ohne, wider) wissen und willen; bei beziehung auf das subject im sinne von 'bewuszt, beabsichtigt, vorsätzlich': thes alles enti anderes manages, thes ih uuidar got almahtigon sculdig si, thes ih gote almahtigen in minero kristanheiti gihiezi, enti bi minan uuizzin forliezi (Fuldaer beichte) bei Steinmeyer ahd. denkm. 48, 18 (oder zu witz?);
ichn hân wider iuwern hulden
mit mînem wizzen niht getân
Hartmann von Aue Iwein 727;
wan dis treit und zuhet in alles in daz aller innerste sunder sin wissen Tauler pred. 25, 30 V.; item, wer einen stein umbkeret oder umbstöszet oder verruckt oder auszeugt mit wissen ... weistümer 6, 84; mit der rete wissen und willen (ca. 1454) bei Eheberg verf.-gesch. 1, 167; er (auf dem balken) in der inseln krum und lang kame on sein wissen; dann in im alle sinne und vernunft verswunden waren Arigo decam. 76, 32 K.; on iemant vermercken und wissen 266, 36; s. auch 34, 24; B. ... bekant das er mit wissen und willen ... siner sun ... verkoufft hat ... ein huss Fr. Riederer rhetoric (1493) n 2ᵇ; so wissen wirs, und sündigen mit wissen wider gott J. Agricola sprichw. (1534) n 5ᵇ; das kein gemeind hinder und on wissen und erlauben der amptleüt gehalten werden soll des fürstenthumbs Wirtemberg newe landsordnung (1536) c 4ᵃ; und er sich anderswo on meinen wissen und willen hin wendet Luther 18, 91 W.; widder meinen wissen und willen 30, 2, 28; vgl. 10, 2, 33; 15, 167; 23, 344; on eins amptmanns von Hohenburg wort ader wissen weist. 6, 20; s. 22; mit auszgesprochen worten, wissen, willen ... desz abts Knebel chron. v. Kaisheim 339 lit. ver.; jedoch soll er hinfort nichts in druck geben hinder mir on mein wissen vnd willen Vogelgesang-Cochläus trag. Joh. Hussen 34 ndr.; ego prudens et sciens ad pestem ante oculos positam sum profectus vorsetzlich, mit wissen vnd willen Bas. Faber thesaurus (1587) 656ᵇ; die ... haben ... anlass geben hinder wissen vnd willen meiner eltern H. W. Kirchhof militaris disciplina (1602) )( 4ᵃ; solte kein theil, auszer des andern wissen und willen, aus der einigung ausschreiten v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 64; zum naiven wird erfordert, dasz die natur über die kunst den sieg davon trage, es geschehe diesz nun wider wissen und willen der person oder mit völligem bewusztsein derselben Schiller 10, 431 G. in der urkundlichen eingangs- oder schluszformel 'mit bewusztsein und überlegung, aus freier entscheidung': mit vollim rate, mit worten, wizzen und willin der eldisten und der gemeinescheft unsir metburger (1349) lehnsurkunden Schlesiens 1, 169; s. 1, 54; und haben des zu urkund unsser aigen insigel an disen brief mit rechtem wissen gehangen Richental Constanzer concil 70 lit. ver.; mit gutem wissen, wolbedechtlich und volkomner macht, ordeniren und statuiren wir edict keiser Carls (1540) a 2ᵃ; wir ... bekennen öffentlich, das alle und jede obgeschrieben punct und articul, mit unserem gutten wissen willen und rathe fürgenommen ... sein kaiserliche kammergerichtsordnung (1555) 163ᵇ. mit wissen als 'der kenntnis nach': man musz in den sachen nichtt allein mit wiszen handeln, sonder auch kluglich und vorsichtigklich (1522) Egranus predigten 85 Buchwald. mit wissen soviel man weisz: etlich pauern ... der er mit wissen keinen kene noch zu nennen wiss (1526) chron. der stadt Bamberg 2, 303 Chroust;
ich hab bei deiner aeptissen
gar nichts zu thun mit meinem wissen
J. Fischart 2, 184 Hauffen
sie sagt auch, sie mit wissen den schandtlichen buben nie gesehen hett Wickram 1, 122, 10 lit. ver.; sie hatte sie mit ihrem wissen nie gesehen, und noch weniger gekannt Pfeffel pros. vers. (1810) 2, 4. in gleichem sinne: item die mullner in dem lantgericht halten und fueren mit metzen und stupp staͤfflein nach wissen der nachperschaft ungeverlich (v. j. 1478) österreich. weist. 6, 31, 21. formelhaft ist ein mit wissen scheiden beim abtreten von der bühne, wohl nur im 16. jh. bezeugt Fischart Garg. 208 ndr.; J. Ayrer 2121 Keller, besonders bei Hans Sachs 9, 114; 14, 157; 182; 206; 266; 17, 188; 288.
β)
nach (gutem) bestem wissen, wider besseres wissen. nach bestem wissen in eigentlichem sinne 'so gut man weisz': (auskunft) nach meinem besten wissen Schnabel Felsenburg 13; ich will aber nach meinem besten wissen ... einen jedweden ehrlichen christen alles eröffnen, wie es zugehe, dasz ... J. G. Schmidt rockenphilosophia (1706) 1, 9; der pfarrer ... explizirt das werde nach bestem wissen in und auswendig — und doch wird nichts Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 1, 75; 'nach bestem können': er wirbt ihm soldaten ... und läszt ihm nach besten wiszen und vermögen gegen sein feind schalten und walten Reinicke fuchs (1650) 344; wenn sein herr ihm seinen willen läszt zu schalten und zu walten in seinem reich nach bestem wiszen unnd willen ebda 218; mehr in ethischem sinne: mit dieser sentenz wurden einige kardinäle nach Radolfszell, wo sich Johann aufhielt, geschickt, der ... erklärte, dasz er aus eigener bewegung und mit gutem wissen dieselbe genehmigte M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 745; er verspricht die rechte der kirchen ... nach seinem besten wissen und können ... zu beschützen Ranke s. w. (1867) 1, 12; ein ausschusz von domherren, edlen und ministerialen, die nach ihrem besten wissen und gewissen alles zum besten der kirche einrichten sollten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 3, 754. diese verbindung nach bestem wissen und gewissen ist uns geläufig aus der eidesformel (s. teil 4, 1, 3, 6256): jeder schöffe soll ... das recht nach seinem besten wissen und gewissen finden K. Fr. Eichhorn rechtsgesch. (1821) 2, 637; nach bestem wissen und gewissen des seligen ... mannes ehre ... zu retten Jung-Stilling w. 3, 9 Gr.; er gab selbst manchem seiner verleumder und hasser die überzeugung, dasz er wirklich nach bestem wissen und gewissen regiert zu haben glaubte Arndt schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 197. gegenüber steht wider (besseres) wissen: wider sein besser wissen und gewissen G. Arnold unpart. kirchen- u. ketzerhistorie (1699) 154ᵃ; dasz er den armen hasen wieder sein besser wissen und gewissen erscheust Stoppe Parnasz (1735) 532; so ist doch über dieses aus anderer zeugen aussage zu sehen, wie sie ... wieder ihr besseres wissen und gewissen geredet Chr. Thomasius gedancken u. erinnerungen (1720) 1, 52; vielleicht gar wider besser wissen und gefühl, lebenslang in ihr auf ein rad Ixions geflochten zu seyn Herder 13, 340 S.; wenn ich ... sagen sollte, dasz ich das buch gut fände, so müszte ich wider wissen und gewissen reden Wieland im Göthejahrbuch 6 (1880) 97; auch: man wagt und tut das dümmste oft allem besseren wissen und wollen nur gleichsam zu trotz Mörike 3, 134.
c)
der modale genitiv meines (unseres) wissens 'soviel ich weisz' ist seit dem 16. jh. bezeugt, dagegen heiszt es schon frühmittelhochdeutsch:
durch den scatz
der unseres unwizzenes in den sechen lach
Wiener genesis 4565 Dollmayr;
s. unwissen teil 11, 3, 2236; vereinzelt: er (gott) vergiszt nit mit der zit, sunder sicht er alle ding eines gwüssen wüssens und ansehens gegenwürtiglich in die ewigkeit Zwingli deutsche schr. 1, 65; alt sind auch die niederdeutschen verbindungen wetens of unwetens, wetens unde willens Schiller-Lübben 5, 701; s. auch wettens unde unwettens B. Rotmann restitution 85 ndr.; wettens unnde moetwillens ebda 36; Verwijs-Verdam 9, 2392; dies aber musz ich erinnern, dasz ich mich, meines wissens, im wein noch niemals voll gesoffen hatte H. v. Schweinichen denkwürdigkeiten 32 Ö.; auch von den partheien in rechthängigen sachen, oder so seines (des hofgerichts secretarius) wissens bald rechthängig werden hofgerichtsordnung des pfalzgrafen bei Rhein (1573) 45; von denen ist, unsers wissens, die Straszburgische die erste Ph. Zesen helikon. rosentahl (1669) 14; ich habe ihm meines wissens nie ein leid getan Peter Dörfler um das kommende geschlecht (1932) 13; ungewöhnlich: meines wissens nach doch einzig und allein der alte (schulmeister) W. Raabe Horacker (1876) 132.
3)
der gebrauch von wissen auszerhalb der obigen festen verbindungen:
a)
wissen wird in zunehmendem masze der ausdruck für geistige kenntnisse und erkenntnisse, vor allem seitdem wissenheit mit beginn des 17. jhs. seltener wird und wissenschaft mehr und mehr in die objective bedeutung übergeht.
α)
wissen subjectiv als persönlicher geistiger besitz: die ordensleut sampt andern apostytzlern ... so dann in iren zünszelwerken und aignen selbs fürgenommen pharisäischen wissen gar erstorben und begraben warend Philadelphus Regius von den lutherischen wunderzaychen (1524) b 1ᵃ; als er ... einen jedern umb sein wissen genugsam aussgefraget, fieng er an ... bücher ... zu beschreiben Heyden Plinius (1556) vorr. 5ᵃ; viel lesen macht viel wissen Moscherosch insomnis cura parentum 43 ndr.; Samuel Johnson, der tiefes wissen mit witz und laune mit ernsthafter weisheit vereinigt H. P. Sturz schr. (1779) 1, 1; ein seichtes wissen ist gefährlich Bodmer sammlung crit. schr. (1741) 1, 61; ein hirnloser kopf, mit lasten von folianten beschwehrt, voll von belesenheit und leer an wissen, erbauet sein ohr stets mit seiner eigenen zunge ebda 1, 79; zuviel wissen macht kopfwehe A. Schellhorn sprichwörter (1797) 159; sein (des medikus) wissen ist ein beständiges sammeln und ausspenden Göthe I 23, 219 W.; nicht zerstückeltes buchstäbliches wissen war sein ziel, sondern er drang bis zum anschauen, bis zum unmittelbaren ergreifen der vergangenheit 40, 281 W.; sein verworrenes wissen und schwankendes urtheil B. G. Niebuhr röm. gesch. 1, 118; ein mangel an historischem sinne bei einer fülle historischen wissens Treitschke hist. u. polit. aufs. (1896) 1, 9; so fehlte es doch meinem wissen an zusammenhang Immermann 2, 109 B.; das glück des wissens gehört auch dadurch zum wahren glück, dasz es einfach und rückhaltlos und, ob es früh oder spät eintritt, immer ganz das ist, was es sein kann G. Keller ges. w. 3, 16; dasz er in ... allem, was wissen und urteil angeht, der bedeutendere war Fontane ges. w. I 1, 215; er ... war ihm an wissen und witz ... überlegen ebda 376. mit besonderer sinngebung:
dort (auf erden) schien alles schon gethan;
hier (im himmel) geht erst das wissen an
B. Neukirch ged. (1744) 54.
im spiel mit dem gleichklingenden gewissen: viel wissens, wenig gewissen Lehman floril. polit. (1662) 3, 447; es ist besser gewissen ohne wissen als wissen ohne gewissen P. Winckler 2000 gutte gedancken (1685) g 8ᵃ; du setztest dein christentum nicht ins wissen, sondern gewissen Gottschedin briefe (1771) 1, 35; dann überleitend zu wissen in objectivem sinne:
wie schleunig wuchs in seiner brust
der angebohrne zug zum wissen?
Gottsched ged. (1751) 1, 116;
des wissens durst blieb ungestillt
Schiller 11, 25 G.;
neue aufgaben reizen unsern immer regen trieb nach wissen J. J. Engel schr. (1801) 1, 83; man vergegenwärtige sich den ungeheuren drang nach wissen zu anfang des sechzehnten jahrhunderts Göthe IV 31, 235 W. auf dem wege zu wissen in objectivem sinne liegt schon das wissen einer gemeinschaft: so lass dir benugen an dem, das dich dein erfarung und gemein wissen lernet Luther 10, 1, 1, 569 W.; antheil ... an der groszen niederlage alles menschlichen wissens in den köpfen der besten professoren Zimmermann über die einsamkeit 2, 20; man sieht ... dasz noch da und dort hundert lücken in unserm wissen sind J. M. Miller briefwechsel dreier akad. freunde (1778) 1, 122; sollte man ihr wissen gliedern, so würden hauptsächlich mythologie, ... und sternkunde zu nennen sein Ratzel völkerkde (1885) 2, 130; mehr gilt eine unze glück, als alles wissen der welt Düringsfeld sprichwörter (1875) 1, 109ᵇ.
β)
wissen objectiv: physiognomik, das wissen, die kenntnisse des verhältnisses des äuszern mit dem innern Lavater physiognom. fragm. (1775) 1, 13; die deutsche litteratur, eine rüstige arbeiterin und dienerin des wissens, erscheint in einem bettlermantel von maculatur Herder 17, 297 S.; das wissen läszt sich überliefern Göthe II 1, 373 W.; vergleichende anatomie ... man hat gerade in dem augenblick alle ursache diesem herrlichen wissen mehr freunde und schüler zu berufen Göthe IV 29, 145 W.; man besitzt dort ... weit verbreitete kenntniss der elemente des wissens Ranke s. w. 1, 152; weite gebiete des wissens W. v. Polenz Grabenhäger 1, 37; den ganzen kreis des historischen wissens Ritter erdkde (1822) 1, vi; in besonderer fassung: es (das absolute wissen) ist nicht ein wissen von etwas, noch ist es ein wissen von nichts ...; es ist nicht einmal ein wissen von sich selbst; denn es ist überhaupt kein wissen von — noch ist es ein wissen (quantitativ und in der relation), sondern es ist das wissen (absolut qualitativ) Fichte s. w. (1845) 2, 14.
b)
der sonstige freie gebrauch von wissen ist wenig umfangreich; als 'nähere kenntnis': das aber gedachte warnung, nitt on grüntlich wissen der sachen geschehen, hat sich bald darnach bewisen Hutten opera 1, 408, 23 B.; dan allen denen die hie mit bemühet seint gewesen, gut wissen, daz kain gruntlichs wissen ader sicherung ungezweiffelt angezeigt mag werden, von kainem hailgthum der ganzen welt J. Strausz christenlich unterricht (1523) b 2ᵇ; als 'bewusztsein oder bewusztwerden': sobald ... regelmäszig wiederkehrende ständeversammlungen berufen werden, nimmt das wissen vom staate seinen anfang Dahlmann gesch. d. franz. revol. 141; (als) der krieg wirklich begann, ... gab es noch kein bestimmtes wissen von ... einander Hans Grimm volk ohne raum 1, 468. von der providentia dei: das ... alles auss dem wissen, ja ordnungen gottes geschieht Seb. Münster cosmogr. vorr. 2. das wissen an sich, ohne inhaltliche bestimmung, in seinem wechselnden gehalt charakterisiert durch gegenüberstellung mit anders gearteten begriffen: das wissen, indem es sich selbst steigert, fordert, ohne es zu bemerken, das anschauen Göthe II 6, 302 W.; (hinaus) über zerstückelung zur totalität, über todtes wissen zu lebendiger anschauung bei W. Scherer kl. schr. 1, xviii; dem handeln gegenüber: wissen und thun sind so weit von einander als himmel und erden Lehman floril. polit. (1662) 2, 916; das blosze wissen erhebt den menschen noch nicht auf den standpunkt, wo er bereit ist, das leben einzusetzen für ... ehre und vaterland Moltke ges. schr. 7, 108; neben wähnen, dünken tritt der charakter der gewiszheit hervor: wan so der wone und unwissenheitt tzu eim wissen und bekantnus der warheit wirt, so velt das annemen ab theologia deutsch 14 Mandel; duncken stehet auf ungewissen grund, wissen auf gewissen grund Lehman floril. polit. (1662) 2, 531; neben glauben: ich muszte also das wissen aufheben, um zum glauben platz zu bekommen Kant 3, 19 akad.; trennung von glauben und wissen Lange gesch. d. materialismus (1866) x; gegenüber hoffen und glauben als höheren mächten: sie (die unsterblichkeit des geistes) ist eine blüthe der hoffnung, ...; nicht aber ist sie ein werk des wissens oder der noch kälteren erfahrung Herder 16, 28 S.;
dafür aber ...
fordr ich, dasz du mit deinen mächtgen flügeln
mich von des wissens grenzen zu dem reich
des glaubens ...
hinüber suchst zu tragen
Grabbe w. 2, 46 Bl.;
das lignum boni et mali (baum der erkenntnis gutes und böses 1. Mos. 2, 17) heiszt auch holz des wissens: der erloubt im ouch alle frucht ze essen, usgenommen von dem holz des wüssens gutes und böses Zwingli deutsche schr. (1828) 1, 182; von dem baum des wissens des guten und des bösen verbot in got, das sie nicht darvon essen Wickram 3, 158, 23 Bolte.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 743, Z. 23.

wissen, vb.

wissen, vb.,
scire, novisse.
herkunft und bedeutung. wissen ist ein gemeingermanisches präteritopräsens: got. wait, ahd. mhd. weiz, as., afr. wēt, ags. wāt, an. veit, zu ai. vēda, gr. οἶδα, lat. vidi, aslav. vedeti, von einer wurzel u̯eid- 'erblicken, sehen' (dann auch 'finden'), deren bedeutung in lat. vidi, gr. aor. εἶδον, ἰδεῖν durchsieht, näheres s. Walde-Pokorny 1, 236. die entwicklung von der ursprünglich sinnlichen bedeutung 'erblickt, gesehen haben, sehen' zu der allgemeineren 'erfahren haben, kenntnis genommen haben von' (s. u. 1) hat wissen schon in der vorgermanischen zeit durchlaufen. auf diesem stande ist das wort seither stehen geblieben. die nachfolgende darstellung wird sich daher im wesentlichen mit den formen seiner sprachlichen verwendung befassen.
formen. der ursprüngliche bestand an formen ist durch analogische neubildungen stark verändert worden. spätmhd. taucht die form weist (3. sing. präs.) auf, s. das glossar zu den mittelhochdeutschen minnereden (hg. v. Matthäi) und zum Göttweiger Trojanerkrieg. sie bleibt im 16. jh. allgemein üblich und begegnet z. b. Arigo decameron 251; Seb. Brant narrenschiff 64; Fortunatus 60; 64 ndr.; C. Scheidt Grobianus v. 420 ndr.; Murner schelmenzunft 70 ndr.; Eberlin v. Günzburg 1, 148 ndr.; P. Schede psalmen 28 ndr.; Fischart flöhhatz 26 ndr.; sie scheint besonders in der Schweiz zu hause gewesen zu sein: Zwingli freiheit d. speisen 16 ndr.; deutsche schr. 1, 131; H. R. Manuel weinsp. v. 3853 ndr.; Baseler chron. 3, 74; Herold-Forer Gesners thierbuch (1563) 17; Tschudi chron. 1, 28; Frisius verzeichnet sie mehrfach in seinem dict. (148ᵃ; 302ᵇ; 1019ᵃ) und noch Denzler clav. (1716) 358ᵇ nimmt sie als regelmäszig auf. späterhin gebraucht sie noch Spreng Ilias (1610) 33ᵇ; Ph. Bech Agricolas bergwerkbuch (1621) 31; A. Agricola gottes aug (1629) 11; Rompler v. Löwenhalt erstes geb. (1647) 20; J. Spener innerl. friede (1686) 118; 144; 159 und Schiller 1, 240; 2, 146 (räuber IV 3), s. Paul gramm. 2, § 190. du weiszest begegnet seit dem 17. jh. (doch du weissist schon bei Luther 6, 583 W.), vgl. Jacob Böhme mysterium magnum (1682) 171 (weissestu woraus die erde erbohren ist); Corvinus fons (1646) 1; Grob versuchgabe (1678) 35; Bodmer sammlg. krit. schr. 1 (1741) 2; Steinbryckel Philoctet (1760) 20; 21; Wieland Agathon 1, 139; Herder 9, 35 S.; Fouqué gefühle (1819) 1, 19. — ungewöhnlich ist ich weisse Gretter ep. Pauli an die Römer (1566) 404; 754; ebenso wer weisse ebda 188. im präteritum tritt neben die ursprüngliche ss-form (got. wissa, ahd. wissa, wessa) schon früh die analogisch gebildete st-form (ahd. wista, westa). im mhd. sind wiste, weste gegenüber wisse, wesse im übergewicht (näheres über ihre verbreitung K. Zwierzina zs. f. dt. alt. 45, 95; 63, 1 und abhandlungen z. germ. philol. 444), im frühnhd. stehen sie allein neben dem jüngeren wuszte. am längsten halten sie sich in chronikalischen und urkundlichen aufzeichnungen (s. z. b. die glossare zu den städtechroniken 2; 5; 25 und zu den weistümern), aber auch in literarischen quellen, so begegnet weste (meist indikativ): Arigo decameron 33, 16; 84, 1; 113, 13; erste deutsche bibel 1, 44; Hans Sachs 1, 23; 2, 85 Keller; theologia deutsch 45 M.; Schwarzenberg Cicero (1535) 130. — wiste (wissete) ist gleichfalls häufig indikativ: Fortunatus 145; 152 ndr.; Luther 10, 1, 1, 602 W. (Herodes, der die leut hoch zu halten wist); Öheim Reichenauer chron. 5 lit. ver.; Carbach Livius (1551) 21ᵇ; Eberlin v. Günzburg 1, 80 ndr.; buch der liebe (1587) 99ᵇ; Amadis 1, 32; Meteren niederländ. krieg (1614) 257ᵃ; württemberg. geschichtsquellen (a. d. j. 1593) 20, 793; Opitz ged. 41, 22 ndr. auffallend ist jedoch der häufige gebrauch von wiste als konjunktiv: Neithart Terenz 60; Niclas v. Wyle 21; 31; Fortunatus 87; Till Eulenspiegel 3 ndr.; Alsfelder passionsspiel v. 1319; Luther 7, 559; 26, 209 W., über ihn näheres bei Franke 2, 192; Kirchhof 1, 125 lit. ver.; Fischart Dominicus 129 Kurz; Burkart Waldis 1, 64; 2, 118; Eberlin v. Günzburg 1, 9 (doch wüszten 1, 93); W. Spangenberg 12; Fronsperger kriegsbuch 1 (1578) a 4ᵇ; und noch sehr spät S. Gessner schr. 1 (1777) 33 (wistest du, was er da zu dem körbchen sprach); städtechron. 5 stellt dem indikativ weste den konjunktiv wiste gegenüber. weit häufiger wird jedoch wiste als konjunktiv zu wuszte aufgefaszt sein und so zu dem endgültigen sieg der form wuszte beigetragen haben, s. H. Paul gramm. 2, § 190. wuszte begegnet zunächst in mitteldeutschen quellen, s. Marienburger treszlerbuch (1399-1409) 252 und Lexer 3, 961. im md. begegnet si woston K. Stolle Thür. chron. 2 lit. ver. das partizip gewissen, ahd. gawissan, hält sich vereinzelt bis in frühnhd. zeit: (sie) wirt gewissen (scitur) erste deutsche bibel 2, 114; gewiszen werden C. Hedio christl. leer (1532) 7ᵃ; damit gewissen wirdt österr. weistümer 6, 37; bewissen ebda 5, 157. geweten, die mittelniederdeutsche form, lebt heute noch in Schleswig-Holstein. gewist bleibt das ganze 16. jh. hindurch bezeugt.
1)
etwas erfahren haben, kenntnis davon haben. die kenntnis kann aus äuszerer sinnlicher wahrnehmung, aber auch aus innerer erfahrung und einsicht stammen. gewöhnlich wird ihre herkunft gar nicht zum ausdruck gebracht. inhaltlich umfaszt sie den gesamten menschlichen erfahrungsbereich vom belanglosen factum bis zur tiefern wahrheit: Jesu auh uuista iz (dasz sie ihn töten wollten), fuor danân Monseer fragmente 5, 22 Hench;
waz tâ geschehe, wiez dort ergê,
gewin und flust, wie daz gestê,
desn weiz frou Herzeloyde nieht
Parzival 102, 25;
waist du nicht, je höher du auffsteigest, je schwärer der nidervall sein wirdet Albrecht von Eyb spiegel der sitten (1511) a 7ᵇ; waz liebe gewesen syg, hab ich vor nit gewisset Niclas von Wyle translationen 33, 19 Keller; die juristen ... versteend ir grob unchristenlich hirn nit, wissen auch nit, was ir aigen facultet ist Jacob Strausz wider den wucher (1523) 3ᵇ; wenn du wisstest, das jemand dein kind von dem todte errettet hette, du würdest demselbigen gütlichen dancken Luther 26, 209 W.; user was ursach ... das hab ich nie gründtlichen gefunden oder erfaren künden, aber sovil waist man, das ... Zimmer. chron. 2, 477, 16; so es kundtlich ist, das der meertheil, so jetz in klöstern ist, frau und man, nit gewisst hand, wie ein ellend schedlich ding ist umb ein klosterläben Eberlin v. Günzburg 1, 140 ndr.; experimento suo accipere, sine natura duce, non alio tradente selbsz wüssen, verston und erfaren, und nit ausz eines andern leer Joh. Frisius dict. (1556) 16ᵇ; damit ... die schäflin ... wissen und verstehn mögen, was man durch solche geschrei meine Sebiz feldbau (1579) 139; den sol man an die statt und der rainstain gestanden ist, ingraben mit dem haubt unz an die gurtel und die fuess aufkeren, damit gewissen wierdt, das der rainstain da gestanden ist österr. weist. 6, 37, 36; ich versteh und weisz wol was gut und recht, aber ich thu doch das bösz und unrecht ist Lehman floril. polit. (1662) 1, 387; wie man dann aus der erfahrung weisz, dasz viele ... des teufels selbst gebrauchen Grimmelshausen 2, 329, 28 Keller; etwas aus langer erfahrnis (erfahrung) wissen Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵃ; wenn man aus guten gründen weis, wie man reden und schreiben soll Gottsched deutsche sprachkunst (1748) 6; wie wir aus sichern nachrichten wissen Gerstenberg recensionen 91, 20; nachdem ich etwas erfahren hatte, kam es mir erst vor, als ob ich gar nichts wisse Göthe I 21, 20 W.; morgen ... geh ich von hier ab, niemand weisz es noch (2. 9. 1786) IV 8, 22; um dieses zu verstehn, musz man wissen, dasz die urtheile bei allen englischen tribunälen nach der zeugen aussage gefällt werden Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 15; gar bald weisz man das in Deutschland nicht mehr anders Ranke s. w. 1, 27; Müllner will wissen, dasz ... der bischof von Würzburg 7000 ... und Götz selber auch 2000 gezahlt habe 1, 137 anm. 1. gern tritt das wissen dem tun oder wollen gegenüber: gelehrte leut wissens, dapffere leut thuns Lehman floril. polit. (1662) 1, 416; ohne es zu wissen oder zu wollen Göthe I 46, 43 W. von der handlungsweise, meist negativ, im sinne von 'sich nicht klar, unschlüssig sein', vgl. auch das formelhafte nicht aus noch ein wissen unter 5 b:
der stuont im enneben
und enweste, was ze reden
Ottokar von Steier österreich. reimchron. 82609;
dasz er vor zorn und auch vor leid nicht wuszt, was todts er ihnen beiden anthun solt buch der liebe (1587) 90ᵇ; dasz ich nicht weisz, woher nehmen, ihren gaumen zu füllen maler Müller w. (1811) 1, 118; da wuszte er gar nicht, was er sagen sollte Göthe I 43, 280 W. nähere kenntnis wird durch zusatz hervorgehoben:
ez wart nie man so wis
der gar rehte wiste
mit welher hande liste
daz bilde gemaht were
Heinrich von Neustadt gottes zukunft 1671 S.;
wann ich eigentlich wüste, dasz der Bernhäuter auf dem pferd geschlaffen Grimmelshausen 2, 338, 16 Keller; wer den unterscheid dieser völker und ihrer sprachen genauer zu wissen verlanget D. G. Morhof unterricht v. d. dt. sprache (1682) 1, 31; etwas auf ein haarlein wissen saper' ogni cosa ad un peluccio cioè a minuto, minutissimamente Kramer dict. 1 (1700) 585ᶜ. der wissensinhalt kann zeitlich voraufliegen. wissen ist ein vorherwissen:
du wessest wol den sînen val
Ezzolied v. 78;
wer weiz den tac sîner zuokunft? er ist als ein zesamne blâsende fiur meister Eckhart 159, 24 Pf.;
das gestrige liesz uns geringe kunde,
das morgende, zu wissen ists verboten
Göthe I 3, 24 W.
bei zurückliegendem ereignis ist wissen 'erinnern': wiszt ihr nicht, wie ihr zu zeiten seit bei höflichen zechen gewesen Fischart Garg. 18 ndr.; das weisz ich nicht, das ich das gesagt habe non memini me haec dicere Joh. Orsäus nomenclator methodicus (1623) 308. der gebrauch nominaler objecte ist bei wissen im gegensatz zu kennen (s. u. 2 a) nur in beschränktem umfang möglich. gewisse verbindungen mit abstracten begriffen sind seit alters fest:
sus enweiz ich mîn deheinen rât
Hartmann von Aue Iwein 4883;
wen ich nymmer hülff et rat weis Luther 34, 2, 16 W.;
ich weysz bescheyd an diesen orten
Hans Sachs 2, 5, 5 Keller;
tenere viam den weg wissen nomenclator (Hamburg 1634) 138; dasz diese leuthe alle rick, weg und steg ... so wol wusten Grimmelshausen 2, 38, 9 Keller; als einer ... verklaget worden, und keine entschüldigung wuszte Lehman floril. polit. (1662) 1, 8; die vortrefflichsten mittel wissen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 192, 19; keine rettung wissen Gellert w. 1, 237; ich weisz dir vielleicht hülfe deutsche sagen (1891) 1, 54; sie ... weisz sich in ihrer noth keinen rath O. Jahn Mozart (1856) 1, 373; niemand ... weisz mir da rat kriegsbr. gefallener studenten 337. wissen verlangt ein ihm inhaltlich verwandtes object, also etwas wiszbares oder mitteilbares. bei anderen objecten, so bei concreten begriffen, erfährt der wissensinhalt eine charakteristische einschränkung (s. u. 2 a):
thes namen westun se ouh giwant,
hiazun nan heilant
Otfrid I 14, 4;
er waisz alle historien Niclas v. Wyle translat. 17 Keller; er wuszt des Catons spruch, das gessen ungetruncken sei gehunken Fischart Gargantua 75 ndr.; er weisz weder wort noch weise darzu schöne weise klugreden (1548) 91ᵃ; Darioleta, welche ... alle gelegenheit und ursach ihres schmertzens und leids wust Amadis 26 lit. ver.; (es) ist narrheit, vom verlauff der sachen wollen reden und den anfang nicht wissen Lehman floril. polit. (1662) 1, 24; ich wuszte kein wort davon, dasz ... Mozart bei O. Jahn 3, 137; begeisterung, ein kunstwort, das alle welt weisz und fast niemand erklährt Ramler einleit. (1758) 31; ich weisz diese sache aus erfahrung Gellert w. 10, 150; sie wiszen das abentheuer meiner schiffahrt Herder 5, 168 S.; man wuszte die traurige nachricht Göthe I 24, 32 W.; ich weisz die lustige geschichte einer frau IV 41, 48; Gockel wuszte nicht viel von dem ur-Gockel ... er wuszte nur den alten familiengebrauch, dasz die grafen Gockel immer den Alektryo in ehren hielten Brentano ges. schr. 5, 70; unsere adresse weiszt du Fontane ges. w. I 4, 234. in einigen der vorauf genannten belege ist heute kennen sprachläufiger; wo es sich jedoch um ein gedächtnismäsziges festhalten handelt, ziehen wir wissen dem kennen stets vor: ich weisz noch einige verse, die ich der mutter damals in die feder dictirte Göthe I 22, 260 W.; Felix freute sich, dasz jener die namen von allen wisse 24, 47; ungewöhnlich: (er) hatte in der fremde manches von dem alten städtchen vergessen. was er sich am wenigsten verzeihen konnte, war, dasz er das stück stadtmauer und den runden turm nicht mehr gewuszt hatte J. Schaffner der dechant von Gottesbüren (1917) 37. ähnlich: du weiszt unser bette mit den alten blauen vorhängen Chr. F. Weisze komische opern 3, 155; du weiszt den fauteuil im fenster, der seine grosze lehne dem kamin zukehrt M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 391. sprichwörtlich: keiner weisz, wo mich der schuh druckt Albrecht v. Eyb deutsche schr. 1, 7 H.; sie haben den rauch gesehen, wissen doch nicht, wo das feuer brennet Luther 30, 3, 571 W.; ein schalck weysz wie dem andern umbs hertz ist schöne weise klugreden (1548) 23ᵃ; wer weisz, wer des anderen vatter oder schwager ist, da ein kirch vol leut ist 23ᵃ; was einer nit waist, das thuet im nit wee, wie man sagt Zimmerische chron. 4, 208, 7; es ist besser die warheit nicht wissen, denn davon abfallen Petri d. Teutschen weissheit (1604) 1, c 2ᵃ. vgl. weiter die zusammenstellungen bei Wander 5, 289; Rother schles. sprichw. (gloss.) und in den wbb. der maa.
2)
zu den charakteristischen eigenheiten von wissen rechnet
a)
der allgemeine charakter. wissen besagt, dasz man etwas erfahren hat oderin einem noch weiteren sinne genommendasz etwas einem nicht unbekannt geblieben ist. damit hängt es zusammen, dasz wissen allein keine nähere kenntnis zum ausdruck bringen kann, sondern nur eine seite des objectes umgreift.
α)
bei concretem object meint es nur die örtliche lage, unterscheidet sich hier also deutlich von kennen:
den schaz weiz nu nieman   wan got unde mîn
Nibelungenlied 2308, 3;
wolt ir das reich gottis wiszen, so durfft irs nit weit suchen, noch uber landt lauffen Luther 2, 98 W.; item, wenn ein pferd vernagelt ist, ... wilt du aber den nagel wissen, so geusz dem pferde kalt wasser auff den huff J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 71; ach, dasz meine brüder mein gefängnis wüsten volksbuch v. geh. Siegfried 65 ndr.; wenn er andere geng oder geschick im felde weisz Mathesius Sarepta (1571) 27ᵃ; wenn ich die hexe wüszte! Scheffel ges. w. (1907) 2, 76; ze dän gieh se oder uns wissen se net Müller-Fraureuth obersächsisch 2, 674; vielleicht ursprünglich auch örtlich: Helidor ... wuszte kein geld und durfte dem herzog ... es auch nicht sagen Pestalozzi s. schr. (1819) 3, 266. verwandt sind die fälle, wo wissen besagt, dasz man jemanden (etwas) angeben, nennen, bestimmen, aus einer zahl herausheben könnte. kennen hat sich hier wissen angenähert, s.kennen II 5 e: warlich, so stete und so gheure kam uns zu handen selten. es sei dann die selbe die du meinest: anders wissen wir keine ackermann aus Böhmen 4, 18 Bernt-Burd.; wo man diesen (schuldigen) waist, soll man ... die anzaigen (1502) bei Fischer schwäb. 6, 896; der was ir feind und was der beriemptest reitter, den man nicht west (16. jh.) städtechron. 25, 45, 22 (Augsb.); eltere geschriebene bergordnung ... weisz ich keine Mathesius Sarepta (1571) 20ᵃ; man wuszte auch niemand in der gantzen welt, der solche artznei kundt, als die schöne Isalde buch der liebe (1587) 81ᵃ; alle waaren, welche die see ... ans ufer wirft, und deren eigenthümer man nicht weisz Archenholz England und Italien 1, 1, 32;
den möcht ich wissen, der der treuste mir
von allen ist, die dieses lager einschlieszt
Schiller 12, 248 G.;
verbunden mit kennen: darumb solt billich eine igliche stad und dorff ihr eigen armen wissen und kennen als im register verfasset, das sie ihn helffen möchten Luther 26, 639 W.; wir können vnd wissen auch, spricht Peucerus, dörffer, darinn viel jahr das vieh gestorben G. Nigrinus von zäuberern, hexen (1592) 84.
β)
in anderen fällen umfaszt das wissen nur das dasein, die wirklichkeit, wiederum deutlich verschieden von kennen. der heutige sprachgebrauch zieht hier fast immer die construction wissen um, wissen von (s. 5 c) oder den abhängigen satz vor. gänzlich fern liegt ihm ein unmittelbar folgender sachbegriff: der mensch kan auch seiner seelen selbst nicht ansichtig werden, sondern wie ein blinder weisz er den rock und sihet doch nicht die farbe: also weisz er die seelen, die er bei sich hat vnd doch nicht sihet J. M. Meyfart das himml. Jerusalem (1630) 2, 222; doch bleiben solche fälle stets vereinzelt: des geleichen hat Paulus in dissem sacrament kein ander werck gewüst denn eszen unnd trincken Luther 8, 515 W.; das ist, das sie die sterck des scepters nit wissen 9, 189; (welche) sie angriffen, in die flucht geschossen und unsz, wiewoll wir und sie unsz nitt wiszten, sye (die feinde) alszo gleich in die hend gejagt (v. j. 1532) württemberg. geschichtsquellen 20, 793;
der, der mich gewust, eh himmel war und erde
Logau sinnged. 70 E.;
neben den thränen, die gott weisz Moscherosch insomnis cura parentum 5 ndr.; und welcher ein sölichen esel verkauffen wöllen, der hat wärschafft ... versprechen müssen, dasz er kein mangel wüsse Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 42ᵇ; obcaecare fossas in agro gräben oder tulen machen, dardurch das wasser laufft, welche oben deckt sind, darmit man si nit wüsse Joh. Frisius dict. (1556) 573ᵃ; wenn ich euer gnaden sonderbaren verstand und beständiges, in alles unglück sich findendes gemüth nicht wüszte Leibniz deutsche schr. (1838) 2, 14; wer die menge der bücher und sonderlich der ... tractate weisz 2, 22; der herr cardinal hat ... statuen und sachen an das tageslicht gebracht, die vorher kein mensch gewuszt hat Justi Winckelmann (1866) 1, 306; ich wuszte alle ihre zusammenkünfte Göthe 23, 49 W.; man weisz aus den ältesten zeiten blosz fragmente J. v. Müller s. w. (1810) 1, 27; der raub, den du wusztest, und hast ihn nicht aufgedeckt Cl. Harms verm. aufs. (1853) 121;
wenn thränen auch euch weisz die elysische welt
E. M. Arndt 3, 139;
ich wuszte nur meinen schmerz, bis der hunger mich lehrte, auf dieser welt gelte es nicht vergangenes zu beklagen O. Ludwig 2, 452. es kann wissen dann auch mehr aussagen als bloszes 'kenntnis haben': küschkhait waisz nit die kostlichkait richer hüsern Niclas von Wyle translationen 27, 38 Keller; schärfer tritt die bedeutungswendung vom 'nichtwissen' zum 'nichthaben' hervor bei den unter wissen um und wissen von angeführten belegen (s. u. 5 c α, β) und vor allem bei kennen (s.kennen II 7). auch in gewissen formeln gewinnt die bedeutung von wissen eine concretere färbung, so in umgangsprachlichem geld wissen müssen u. ä. (Martin-Lienhart elsäss. wb. 2, 870; Fischer schwäb. 6, 897) oder niederdeutschem ein ende wissen wollen (d. h. machen wollen s. u. 6 a) u. ä.
b)
die stets perfective bedeutung, entsprechend dem ursprünglichen charakter als präteritopräsens. wissen kann nicht 'erfahren' sein: was drey wissen, das erfahren hundert Friedrich Wilhelm sprichwörterregister (1577) i i 2ᵃ nr. 102; wer nichts erfährt, der weisz nichts niente sà se non che và per la città Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵃ, es sei denn, dasz der zusammenhang ergibt, dasz das wissen noch nicht perfectiv ist: inti gibot in thrato that iz nioman ni uuesti (et precepit illis vehementer, ut nemo id sciret) Tatian 60, 17;
si wolte wizzen alle wege
und sehen, ob ime sîn sache
stüende ze gemache
Gottfried von Straszburg Tristan 2048;
... und geschach wenn sie des nachts uber die greber traten, und rieffen den todten zu, was sie gern gewisset hetten, weil sie solchs von den lebendigen nicht erfahren kundten G. Wicelius annotationes (1536) 59ᵇ; wann aber das grimmen noch nicht nachlassen will, so nim das weisz von hünerkaht geschaben, vnd gibs jhm ein, warinn du das magst einbringen, dasz ers nicht weist Gäbelkover artzneybuch (1595) 1, 238; eine öffnung ... von der ich dein urtheil wissen möchte Gerstenberg Ugolino 224, 31 H.;
wisse die erde, der himmel da droben, es wisse der schwarze
drunten flieszende Styx
Göthe I 4, 324 W.;
in ein paar tagen musz ich antwort wissen I 23, 110. unter solchen bedingungen kann wissen dann gleichbedeutend neben erkennen und erfahren treten: also das ain jeder ... die ännderung des wetters aygentlich und augenscheinlich wissen und erkennen mag (1510) Reynmann wetterbüchlein 1 H.; sie dasselbe vorhin gerne wissen vnd erkennen wolten L. Thurneysser magna alchymia (1583) vorr. 1; fürwitz wil alle ding wissen vnd erfahren Lehman floril. polit. (1662) 1, 249. wissen kann übergehen in die bedeutung 'dartun, beweisen': ich frage dich auf den aid, ob das landtätung bei allen gerichten der finf stäb im Pongei auf heutigen tag ordentlich geboten sei, und wie man dasz wissen soll österr. weist. 1, 182, 36; darnach fragt er, (wie man das) wissen soll, das der mesner solches erfaren hab (v. j. 1570) ebda 1, 179, 12.
3)
bedeutungsschattierungen, die sich jeweils aus dem zusammenhang ergeben.
a)
wissen als 'wissen haben, kenntnisse und erkenntnisse besitzen': maister hans Spenhin, ..., sunst göttlicher und menschlicher historien vil wissend G. Öheim chron. von Reichenau 2 Barack; wer viel weisz, der wird nicht feist Lehman floril. polit. (1692) 1, 320; alle menschen begehren von natur viel zu wissen Joh. Arnd nachfolge Christi des Thomas a Kempis (1631) 3; möchte er mir doch einige nachricht von den englischen und irländischen klosterstudien geben können aus jener dunklen zeit von der man wenig weisz. wäre es auch nur nachricht, dasz man nicht viel wisse Göthe IV 30, 117 W.;
was man nicht weisz, das eben brauchte man,
und was man weisz, kann man nicht brauchen
I 14, 55 W.;
dasz es dem menschen keine ruh läszt, alles wissen und fühlen zu wollen Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 1, 30. besonders fühlbar bei absolutem gebrauch:
du bist ein arm eintönig einfalt kind,
verstast dich nüt und wilt doch wüssen
N. Manuel 172 B.;
der mensch ist von natur geneigt zu wissen l'huomo ama (inclina) naturalmente di (a) sapere Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1368ᵃ; dasz, wo er (der naturforscher) jetzt nicht weisz, er wenigstens unter umständen wissen könnte du Bois-Reymond über die grenzen d. naturerk. (1873) 38; ich weisz aber auch garnichts, nur das sich da etwas wissen lassen musz U. v. Wilamowitz-Möllendorff an Usener (1934) 9. gegenüber steht das 'nur-wissen', das, wenn es rein gedächtnismäszig ist, durch verschiedenartigen zusatz betont wird, vgl.auszen kunnen oder wissen memoriter Diefenbach gl. 355ᶜ; cordetenus mit dem herczen, hertz glich wissen nov. gloss. 114ᵃ; sie hatte Wolfs sämtliche deutsche schriften gelesen, besonders aber wuszte sie desselben kleine logik auswendig Nicolai Sebastian Nothanker (1773) 1, 12. das 'nur-wissen' bildet zu einem tieferen verstehen den gegensatz: wenn man bemerkt hat, wie behaglich er (der mensch) oft das zu begreifen glaubt, was er nur weisz Göthe II 5, 1 W.; so kann denn auch wissen sich selbst gegenübertreten:
gar mancher hat sich ernst beflissen,
und hatte dennoch schlechten lohn.
es ist ganz eigen: wenn sie wissen,
so meinen sie, sie wüszten schon
Göthe 5, 110 W.
b)
'gewisz sein, überzeugt sein', man fühlt die nähe von gewiszheit, gewisz durch. in religiöser sprache besonders häufig:
sô duent thie gotes thegana,   sie uuizun thaz guat hiar
in himilrîches hôhî   thia gotes guallîchî obana,
Otfrid V 23, 43;
wann ich weisz das mein erlöser lebet erste deutsche bibel 7, 187, 54, hier wie im folgenden 'vom bewusztsein religiöser gewiszheit getragen sein' (s.c): dann es weiszt, es hat in dem herren, dessen himmel und erden ist, alles was ihm zu seinem genusz nöthig ist Ph. J. Spener der innerliche u. geistliche friede (1686) 118. die philosophie nimmt wissen in diesem strengeren sinne des gewiszseins: was aus ungezweiffelten gründen durch richtige schlüsse herausgebracht wird, davon pflegen wir zu sagen, dasz wir es wissen Chr. Fr. Wolff vernünftige gedanken v. gott (1720) 195, s. auch R. Eisler wb. der philos. begr. (1910) 1849. gewöhnlich heben zusätze den charakter der gewiszheit besonders heraus:
ich weiz ez als mînen tôt
Hartmann von Aue Iwein 3407; 4095;
schwur ... und sprach also, das er das mit rechter warhait wol wüszte und ime gewissen wär, das die vesst Lanenburg weilandt lehen sei gewesen J. A. v. Brandis gesch. d. landeshauptleute von Tirol 24; ein ding wol, gar wol wissen, gewisz wissen, genau wissen Kramer dict. 2 (1702) 1366ᶜ. der besondere charakter der gewiszheit ergibt sich ebenso durch gegenüberstellung von wissen mit wähnen, glauben u. s. w.: ein weiser man wänet nicht, sondern weisz Friedrich Wilhelm sprichwörterregister (1577) 9ᵇ, nr. 941; wir duncken, was wir nicht wissen Lehman floril. polit. (1662) 2, 531; die meisten menschen wissen zuerst, und nach diesem lernen sie zweifeln Gerstenberg recensionen 113, 11 F.;
die lebendgen
glauben und die todten wissen
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 127.
c)
'bewuszt sein, von einem bewusztsein getragen werden', die bedeutung ist deutlich durativ und über die einer bloszen kenntnisnahme hinausgewachsen; vgl. auch die unter 5 c β, 5 d β und 8 angeführten verbindungen: ein recht volkomen mensch sol sich selben so tot gewenet sin unt sich selben entbildet in gotte unt in gottes willen so überbildet ..., (dasz er) sich selben unt alles (und) niht wisse unt got allein wisse, nit wisse noch ouch wissen welle denne gotes willen meister Eckhart buch der göttl. tröstung 14, 10 Str.;
die wîl ich iuch weiz, sô lebe ich wol
Ulrich v. d. Türlin Willehalm 114, 27 S.;
vgl.: (verbunden sollen unsere herzen) immer bleiben, so lange wir uns wissen und empfinden Storm an seine braut 90;
aber süszer ist noch, schöner und reizender,
in dem arme des freunds wissen ein freund zu sein
Klopstock oden 1, 85 M.-P.;
einen menschen zu wissen, der einem ganz und ewig angehört fürst Pückler briefw. 1, 450; ich sehe sie selbst, ich weisz sie, wie ich noch niemals einen menschen gewuszt habe O. Gmelin sommer mit Cordelia (1933) 119. von innerer gewiszheit und überzeugung: sie schwuren sich nicht, sich nie zu verlassen: sie wuszten, dasz sie einander nie würden lassen können Rud. G. Binding keuschheitslegende (1929) 27; ich weisz, dasz meine kinder und mein geschlecht und das deutsche volk ein und dasselbe sind und ein schicksal tragen müssen Hans Grimm volk ohne raum 1, 11. tieferen gehalt gewinnt wissen bei absolutem gebrauch:
du, der du weiszt und dessen weites wissen
aus armut ist und armutsüberflusz
R. M. Rilke 2, 284;
im grunde fühlt wohl jeder einen sinn in sich, der mit und über allen planeten weisz und wirkt H. Carossa rumänisches tagebuch (1926) 77. in physischem sinne: ein pferd, welches seine stärke weisz, lässet sich keinen menschen zäumen Ziegler die asiatische Banise (1689) 341. gern negativ 'sich nicht bewuszt sein oder werden': zuo dem vierden mâle suochent alle crêatûre ruowe, sie wizzenz oder enwizzenz niht meister Eckhart 152, 28 Pf.; in deme (einen antlitz der seele) ist on undiralis gotlich licht und wirkit dar inne, alleine si ez nicht enweiz, wan si da heime nicht inist meister Eckhart in: paradisus an. intell. 51, 34 Strauch; er wuszte nun selbst nicht mehr, was er wollte, gleich einem nachtwandler, der plötzlich bei seinem namen gerufen wird Eichendorff s. w. 3, 122; was ist alles künstliche wissen in der welt, was ist die ganze stolze mündigkeit der menschlichen gedanken gegen die ungesuchten töne dieses geistes (Diotimas), der nicht wuszte, was er wuszte, was er war Hölderlin s. w. 2, 156. vom physischen zustand: und der weisz ritter was so ser von seinen sinnen kumen durch der künigin schön, das er nicht umb sich west U. Füeterer Lanzelot 33; vgl. nix um si wissen bewusztlos sein Fischer schwäb. 6, 897; catalepsis ... ein melancholische plag, da einer die augen off hat, und sihet immer ein ding an, und weisz selbst nit, was er thuͦt Alberus dict. (1540) h 4ᵇ. eine häufig gebrauchte formel: ich weisz nicht, wie mir ist io non sò quel che sento, io mi sono tutto imbalordico e confuso Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵃ. das partizipium wird gleichbedeutend mit 'bewuszt, beabsichtigt': allerdings erscheint solche härte (in der musik) auch bei Mozart nie als die folge einer ungelenken sprödigkeit, sondern stets als eine gewuszte und gewollte O. Jahn Mozart (1856) 3, 383; so willkürlich auch die phantasie hier und dort verfahren mag, es ist nirgend eine gewuszte willkür W. Wackernagel poetik (1873) 57; damals wusztest du es noch nicht, und erst viele jahre später war es gewuszter und klarer O. Gmelin Konradin reitet (1933) 11.
4)
das verhältnis zu den bedeutungsverwandten können und kennen.
a)
können ist ursprünglich 'wissen, kennen, verstehen', vgl. got. ik kan 'ich weisz' und die ableitungen kund, kunde, kundig.
α)
die einstige verwandtschaft verrät sich noch in der häufigen verbindung oder gegenüberstellung von wissen und können (s. teil 5, sp. 1726):
wan si daz allez wiste
daz ieman kunnen solte
Konrad von Würzburg Trojanerkrieg 7452;
swaz man wizzen und kunnen sol,
daz des rîches reht an gehôrt,
des was er unbetôrt
Ottokar von Steier reimchron. 39337;
en juwelik mensche is dat schuldich, dat he sinen vlijt darto do, alle dinge to konnen, to wettene und to lerene Joh. Veghe 273 Jostes; vom erlernten: unser seelsorger, die nüt in der geschrift wüssend und könnend Zwingli deutsche schr. 1, 132 B.; als 'sich auf etwas verstehen':
der weste unde kunde,
wie man damit solt gebâren
Ottokar von Steier reimchron. 24275;
die kunden unde westen,
wie manz ellenden gesten
erbieten soll
ebda 887.
doch ergänzt heutiges sprachgefühl hier einen infinitiv. neuere belege wird man daher zuerst aus dem beiden verben gemeinsamen gebrauch mit nachfolgendem infinitiv (s. u. 5 e) verstehen müssen: der cardinal trägt alle sorge für mich und schont mich, wo er weisz und kann Winckelmann bei Justi 2, 1, 295; und sagte so bescheiden als ich nur wuszte und konnte Göthe I 43, 220 W.; das leben ist kurz und die bücher sind lang: was wunder also wenn man sich so geschwind mit ihnen abzufinden sucht, als man weisz und kann? A. W. Schlegel im Athenäum 1, 1, 143.
β)
in der schulsprache hielt sich können als 'wissen' am längsten (s. teil 5, 1725). in folgenden belegen kann daher statt wissen auch können stehen, heutiger sprachgebrauch zieht sogar können vor: von den kleinen pusillen (pusselchen), welche ihr vatter unser und glauben nicht wissen R. Lorichius paedagogia principum (1595) 175. besonders von sprachlichem können: die lateinische sprach wissen, ist einen fürsten ein stattliche zier Lehman floril. polit. (1662) 1, 493; eine sprach wissen sapere una lingua Kramer dict. 2 (1702) 1367ᶜ;
wenn keiner wird gehört, er musz französisch wissen
Leibniz dt. schr. (1838) 1, 439;
ich schmeichle mir jetzt, doch gewisz ziemlich viel italiänisch zu wissen Lessing 18, 160 M.; ohne zweifel wuszte er damals so viel englisch noch nicht und konnte es auch nicht wissen, als er während seines aufenthalts zu London zu wissen gezeigt hat 6, 405; doch: du kannst aber nicht deutsch, das ist: du weiszt nicht, was in dieser sprache gemein oder niedrig, rauh oder annehmlich, undeutlich oder verständlich, alt oder gebräuchlich ist; du weiszt ihre regeln nicht; du hast keine gelehrte kenntnis von ihr 1, 284; der kerl weisz latein A. v. Arnim 16, 3. ebenso: sie hat lectüre, weisz musik Fr. M. Klinger neues theater (1760) 2, 186; gebürtig aus dem Thüringerlande, wo jeglicher bauer musik weisz J. H. Voss ged. (1802) 1, 183.
b)
wissen und kennen. der bedeutungskern ist bei beiden verschieden: kennen setzt in seinem genauen gebrauch eigene erfahrung und nähere vertrautheit voraus, wissen bezeichnet jede kenntnisnahme (s. o. teil 5, sp. 541 und 539): Christum Jesum, den gekreutzigten kennen, ist besser denn alles wissen Kramer dict. 2 (1702) 1366ᶜ; die welt kennen, heiszt wissen, dasz man nicht viel auf derselben bedeutet Schleiermacher im Athenäum (1798) 1, 2, 105. doch hält die sprache diesen unterschied nicht fest, die gebiete von kennen und wissen überschneiden sich.
α)
häufig in religiöser sprache, hauptsächlich durch fremdsprachlichen einflusz, der sich bei den älteren quellen deutlich ersehen läszt und in festen verbindungen wie gott wissen, gottes namen wissen lange nachlebt: enti aer auuar laucnita mit eidu, daz aer den man ni uuisti (et iterum negavit cum iuramento quia non novi hominem) Monseer fragmente 23, 12 H., vgl. Otfrid IV 18, 10; IV 18, 30; ir bettot daz ir ni uuizzunt, uuir betomes daz uuir uuizzumes, uuanta heili fon Judeis ist (vos adoratis quod nescitis, nos adoramus quod scimus, quia salus ex Judeis est) Tatian 87, 5;
'Ih,' quad druhtin, 'weiz thih   bi namen, thaz ni hiluh thih,
bi namen uueiz ih thih al,   so man sinan drut scal'
(non te generaliter, sed specialiter scio)
Otfrid V 8, 37; 38;
fure dene dina gnada, daz chit sceine sia unde spende sia dien die dih uuizzin (scientibus te) Notker 2, 126 P.; uuizzist du min herza (scito cor meum) 2, 580; uone diner lera uuizzon uuir dinen sponsum filium de patre Williram 86, 4 S.; der weiz, di her irwelit hât mystiker 138, 4 Pf.;
der ist die warheit, der mich hat gesant,
den ir nit wissen zehand,
ich weisz in aber, als ich úch sag
Mone schauspiele des mittelalters 2, 217;
ferre ist die seligkeit von den, die dich nicht wissen Bonaventura deutsch Marial (1516) f 3ᵇ; herre, du sihest und weist allein die natur einsz liebrichen hertzen der ewigen wisheit betbüchlein (1518) 4ᵃ; got, der die seynen weiss und kend (1552) bei Fischer schwäb. 6, 896. die fremdsprachliche vorlage mag auch im folgenden nachwirken:
gilîh, quad, uuurtîn thanne   goton, nales manne,
ioh thanne in iro brustin   guat ioh ubil uuestîn
(vom sündenfall, vgl. baum des wissens, der wissenschaft)
Otfrid II 6, 22;
in erlangung der kunst zu wiszen guts und bösz Judas Nazarei vom alten und neuen gott 4 ndr., s.übel unde guot künnen zs. f. dt. altert. 7, 345.
β)
vom gelehrten wissen; die schrift, das gesetz kennen: ir irret nicht wissent die schrift erste deutsche bibel 1, 85, 11; die ersten sind die priester und schreiber, die wissen die schrifft und leren sie yderman und kommen selbs nit dahinn Luther 10, 1, 1, 593 W.; unser hoffrichter und beysitzer sollen dise unsere jnen zugestelte hoffgerichtsordnung eigentlich wissen unnd verstehn hofgerichtsordnung des pfalzgrafen Friedrich (1573) 5; es gehört mehr zu regierung, als recht vnd gesetz wissen Lehman floril. polit. (1662) 2, 653.
γ)
doch beschränkt sich der gebrauch von wissen im sinne von heutigem 'kennen', besonders in älterer sprache, nicht auf die vorauf genannten gebiete. vereinzelt und heutigem sprachgebrauch am fernsten stehen nachfolgende concrete objecte:
du weist daz mer unz uf den grund
und allez, daz ie menschen munt
ze keiner stunt
gesprach, dast âne lougen
pseudogottfried. lobges. 56, 11 L. Wolff;
der werlde bin ich unbekant;
sal mich die bekennen,
der muoz ich mich nennen:
vorswige ich mich, wer weiz mich dan?
Heinr. v. Hesler apokalypse 143;
da kamen an die predig gar vil haimlicher ketzer, die man nit west städtechron. 5, 46, 11 (Augsb.); die nahrung ist behende und mancherlei, wer sie weisz Petri der Teutschen weiszheit (1604) 2, r 1ᵃ; ungleich häufiger sind die inconcreta, aber auch bei ihnen handelt es sich oft um abweichungen vom normalen sprachgebrauch, nicht um sprachläufige verbindungen, s. auch die belege oben unter 1:
frouwe, ich weiz wol dînen muot:
daz dû gerne stæte bist,
daz hab ich befunden wol
Walther von der Vogelweide 97, 23;
wie die Deutschen nit szo gantz grobe narn sein, das sie romische pracktick gar nichts wissen oder vorstehen Luther 6, 418 W.; hettestu (Luther) der östereichschen fürsten angeborne art gewisst und erkennet, du würdest unserm fridsamen blut usz Östereich solcher uffruren nit geraten haben Murner an den adel 9 ndr.; der freund weise soll man wissen, aber nit hassen (mores amici noueris, non oderis) schöne weise klugreden (1548) 56ᵇ; das er die eigenschafften ... seins viechs und bodens wol wüsste vnd erkennte Sebiz feldbau (1579) 36; ach lieber vatter ... wisset ihr nicht die traurigkeit dieser fürsten und herrn? buch der liebe (1587) 13ᵈ; er waist und kennet die böse naigungen der menschen Äg. Albertinus Lucifers königreich 23 L.; eines sein hertz, seine gedanken, sein innerliches wissen Kramer dict. 2 (1702) 1367; den gebrauch, die gewonheit nicht wissen ebda; wer die beschaffenheit dieses ... ortes weiss Schnabel Felsenburg 3 Ullr.; die sitte unserer vorfahren weiszt du doch, auch die wichtigsten dinge am tische zu überlegen Lessing 13, 406 M.; wissen sie schon ihre gesinnungen 3, 341; ohne die meinung kaiserlicher majestät zu wissen Ranke s. w. 1, 144. im sinne von 'kennen, sich verstehen auf':
zuht enwisse nieman baz
Ulrich v. Zatzikhoven Lanzelet 4023;
denn die Türcken gar keine erbarkeit wissen noch achten Luther 26, 229 W. dieser gebrauch wurde erleichtert durch die mehr und mehr sprachläufig werdende verbindung von wissen mit dem infinitiv, wo sich die gleiche bedeutung ergab:
so min lieber knecht Rosenkrancz,
du weist den alden reien gancz
Alsfelder passionsspiel v. 267 G.;
und den buw des ackerwercks waisz er als Virgilius Niclas von Wyle translationen 17 K.; aber ein handtwärck solt er vorhin lernen, wann er keines wüste Eberlin v. Günzburg 1, 99 ndr.; aber sie (die kardinäle) wissen die kunst J. Sleidanus reden 68 B.; diese manier, phasanen zu halten, wissen die reichen garkuchen zu Paris trefflich wol Sebiz feldbau (1579) 114; ein jeglicher baurenknecht weist die kunst Paracelsus opera 1, 324c Huser; als hätte Guttenberg nur die art, in holz die formen zu schneiden, gewuszt Leibniz deutsche schr. 2, 433; eine kunst wissen sapere un' arte Kramer dict. 2 (1702) 1366ᶜ; kein hirt weisz die pflege der pflanzen wie er Sal. Gessner w. (1778) 2, 6.
5)
die sprachliche form für das object des wissens.
a)
nominales oder pronominales object, belege oben unter 1-4.
b)
der abhängige satz. diese form kann auch überall da eintreten, wo die knappere des nominalen objectes nicht möglich ist. gern steht indirekter fragesatz (s. o. 1), der oft nur durch das pronomen angedeutet ist: nicht wissen wohin, wer weisz wo, gott weisz wann u. s. w. (s. unten die formeln unter 7). alt und weit verbreitet: nicht wissen wo aus oder ein u. ä.: (er) nicht west wo aus oder ein Arigo decameron 84 K.;
do wuszt ich nit wo usz noch an,
und wolt mich niemant me ouch han
H. R. Manuel weinspiel 2988 ndr.;
difficultatibus affectus ... der nit weisz wo er ausz sol, weder trumm noch end Frisius dict. (1556) 58ᵇ; haerebat nebulo, quo se verteret, non habebat er war betretten und wuste nicht wo aus Bas. Faber thesaurus (1587) 372ᵇ;
da ich ein kind war,
nicht wuszte wo aus noch ein,
kehrt ich mein verirrtes auge
zur sonne
Göthe I 2, 76 W.;
wenn meine liebe schwache mutter nicht ein und aus wuszte mit mir M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 4, 177.
c)
präpositional angeschlossenes object, am häufigsten wissen um und wissen von etwas. das mittelhochdeutsche kannte auch noch andere constructionen: er enwiste niht hiemite Gottfried v. Straszburg Tristan 771; die verbindung mit präpositionen gestattet auch den anschlusz von nominalen objecten mit der weiteren bedeutung von wissen, wo der transitive gebrauch den sinn in der oben gekennzeichneten form (s. 2) festlegen würde.
α)
um etwas wissen, bis in die gegenwart üblich, doch mehr und mehr nur dann, wenn es sich um ein unbestimmtes wissen oder ein wissen um etwas dunkles, geheimnisvolles handelt, vgl. das vereinzelte verstehen um, s. u. sp. 1683; um etwas wissen sapere di qualche cosa Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵇ; nichts um etwas wissen non sapere niente di qualche cosa ebda:
der herzoge Kyôt
wesse wênc umb sîner tohter tôt
Parz. 805, 12;
dasz wort (die 3. bitte des vaterunsers) hât zwêne sin. daz êrste: slâfe vor allen dingen, daz ist, daz dû noch umbe zît noch umbe crêatûren noch umbe bilde niht enwizzest. die meister sprechent: ein mensche, der rehte sliefe, sliefe er hundert jâr, er enweste umbe dekeine crêatûre, er enweste noch umbe zît noch umbe bilde meister Eckhart 208 Pf.; caecus iudicat de colore ... der sich eins dings annimpt und wil vil drumb wissen, und hat kein verstand Alberus dict. (1540) V 2ᵃ; aber disser kunst gedenckt man itzt nit in den hohen schulen, und wissen die pawren mehr drum, denn unsser magi Luther 10, 1, 1, 563 W.; nun waren diese ding dem getrewen truchses, hertzog Thinas, verhalten gewesen, vnd hett auch nichts darumb gewisst, denn hette er es gewiszt, er were hierzu nicht kommen buch der liebe (1587) 90ᶜ; alle, die umb das mord wiszten Fortunatus 152 ndr.; mit hülfe eines bedienten, der um den betrug weisz, sieht er alles, was in seinem hause vorgeht Lessing 10, 139 M.;
graf Aubespine, der abgesandte Frankreichs
weisz um den bund
Schiller 12, 426 G.;
die gesellschaft ... ward noch mehr in dem verdacht bestärkt, dasz Serlo um die erscheinung des geistes wisse Göthe I 22, 207 W.; das subject selbst darf nie so aussehen, als wenn es um seine anmuth wüszte Schiller 10, 84 G.; die ganze Kröppelstrasze wuszte bereits um das ereignis W. Raabe der hungerpastor (1864) 1, 6. ungewöhnlich statt des üblichen von nichts wissen wollen ist um etwas nichts wissen wollen (non voler sapere altro d'una cosa) Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵇ; will nichts um dich wissen — allein will ich bleiben maler Müller w. (1811) 1, 68; das 'nichtwissen' kann im 'nichthaben' begründet sein und so die bedeutung des letzteren annehmen:
dine wizzen umme arbeit niet
graf Rudolf cᵇ, 23;
liezen mich gedanke frî,
son wiste ich niht umb ungemach
Walther von der Vogelweide 41, 36;
umb solhen kumber ich niht weiz
Wolfram von Eschenbach Parzival 532, 16.
β)
von etwas wissen. es wird dadurch gelegentlich eine teilweise kenntnis zum ausdruck gebracht:
nu hœrt dirre âventiure site.
diu lât iuch wizzen beide
von liebe und von leide
Parzival 3, 29;
der gut mann erschrack und sprach, er wiszte von nichts Kirchhof wendunmuth 1, 125 Öst.; und iru hüttlach mit gerör gemacht, wann si noch nit wiszten von kainerlay pau weder von stain noch kalck städtechron. 4, 280, 10 (Augsb.); denn wie solte derjenige von lieben wissen, welcher die zeit seines lebens von nichts anders als fechten gewust? schauspiele der engl. comödianten 74, 34 Creiz.; denn damals wuszten diese ungläubige nur von drey reichen Hahn staatshistorie (1721) 1, 38; und du vornehmlich, o geist, ... unterrichte du mich, denn du weiszest von allen dingen J. J. Bodmer sammlung crit. poetischer schr. (1741) 1, 2;
ins herz, das fest wie zinnenhohe mauer
sich ihr bewahrt und sie in sich bewahret, ...
nur weisz von sich, wenn sie sich offenbaret
Göthe I 3, 23 W.;
als ich wieder erwachte und von mir zu wissen anfing Bettine die Günderode (1840) 1, 26;
es ist kein krieg, von dem die kronen wissen
Körner 1, 122;
wo es an tugend und an liebe gebricht, da weisz der hang zur verbesserung von keiner rückkehr in sich selbst und in die vergangenheit Fr. Schlegel im Athenäum 2, 28. grammatisch anders liegen die verhältnisse in folgenden belegen: und ich kein uneer oder laster (on rum zu reden) von mir weisz Hutten opera 1, 413 B.; auch wuszt er solche kunst nit von ir, er hette es vielleicht sonst mit seiner listigkeit wol darzu gebracht, dasz im iergends hülffe durch sie geschehen were buch der liebe (1587) 81ᵃ, auch, wenn es heiszt etwas, wenig, nichts wissen von: was wolten wir doch von der gewalt und herrschaff Achillis, Alexandri Magni, Herculis oder Julij Caesaris wissen, wenn keine historien vorhanden weren Binhardus thüring. chron. (1613) vorr. b 3; dann sie wuste ja nichts von mir Grimmelshausen 2, 346, 9 K.; er aber, höchst miszvergnügt über die worte seines meisters, behauptete mich nicht zu kennen, noch etwas von mir zu wissen Göthe I 43, 41 W.; häufig ist hier der übergang von 'nichtwissen' zu 'nichthaben': trunckenheit ... weisz nichts von gerechtigkeit Ambach vom zusauffen (1544) b 4ᵇ; weil aber die leut von keiner ... freude wuszten Mathesius Sarepta (1571) 8ᵇ;
o fürst ausz Canaan, da alle bäche flieszen
mit honig, da sie gar von keinem winter wissen
Opitz teutsche poemata 186 ndr.;
er folgt und läst den kil, der nichts von moder weisz,
bisz in das innerste des düstren alters dringen
Lohenstein Arminius (1689) 1, e 4ᵇ;
ihr nichts von stein, darm- oder gliedergicht wissendes leben ebda 2, 300ᵇ; (Wieland hätte nicht) blosz deswegen ganze episoden auswerfen sollen, weil die Griechen nur von einer haupthandlung wissen Gerstenberg schlesw. lit.-br. 111, 34; man weisz auf dieser insel von keinen überschwemmungen Archenholz England und Italien (1785) 1, 1, 94.
γ)
nichts wissen wollen von als ausdruck einer ablehnenden haltung: gemelte brudere, wolten von keiner stieffmutter wissen J. Micrälius Pommerland (1640) 3, 317;
die damen wolln von nichts als chevalliers ietzt wissen
Logau sinnged. 24 Eitner;
kann man ihm verdenken, dasz er von ihren freuden nichts wissen will? Göthe 24, 217 W.; so sag ich mich gänzlich von euch los und will nichts mehr von euch wissen A. v. Arnim s. w. 5, 7; das Wiener publicum ... das von Mozarts besten compositionen nichts wissen mochte O. Jahn Mozart (1856) 3, 313; Luther ist von allen, die sich jemals an die spitze einer weltbewegung gestellt haben, vielleicht derjenige, der am wenigsten von gewalt und krieg hat wissen wollen Ranke s. w. (1867) 3, 30; und das wasser da unten (die Wolga) hatte es eilig, es schien nichts vom lande wissen zu wollen J. Ponten die väter zogen aus (1934) 264. älter ist der einfache accusativ: volget er den Teutschen ... so spotten sein die Italianer, und wolten in weder wissen noch hören Sebastian Franck chron. Germ. (1538) 124ᵇ;
bisz da ich kam umb all mein hab ...
min fründ woltend mich nienen wüssen
H. R. Manuel weinspiel 3112 ndr.;
ich mag ihn weder wissen noch hören (io non voglio ne sapere ne udire del fatto suo) Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵇ.
δ)
etwas auf jemanden wissen:
(Pilatus dicit:)
uff en (Jesus) weisz ich kein sach,
die en des todes schuldig mach
Alsfelder passionsspiel 133 Gr.;
denn darüber zanken und sperren sich seine feinde wider ihn und treiben hart darauf, er müsse etwas groszes wider gott verschuldet haben, und auf ihn wissen, dasz er so gestraft werde Luther 43, 12 Erl.; mens sibi conscia recti ein hertz oder gemüt eines guten gewüssens oder das nüt bösz auff sich selbsz weiszt Frisius dict. (1556) 302ᵇ; der etwann was wuste auff mich ... der wolle ietzunder auffstehen und solches mit bescheidenheit anmelden das schleiffen desz bötticherhandwerckes (1693) a 3ᵇ; auf in nichts wiszen oder darthuen (17. jh.) österr. weist. 8, 767, 9; wo ... ainer kain clag auf in weste, so mag ainer den andern woll versprechen oder vertreten 3, 374, 4; ik weet nix op em (op sien arbeit) ich kann ihm (in seiner arbeit) nichts nachsagen Mensing schleswig-holstein. wb. 5, 610.
d)
zu wissen tritt ebenso wie zu kennen (s. d. II 9) ein zweites object oder eine präpositionale bestimmung erklärungsweise hinzu.
α)
verbunden durch für, jünger als: getzûgen ... mit alle des herren mannen, die iz vor war wizzen, daz iz sin len si Sachsenspiegel 169, 14 Eckhardt;
liest doch einer mit lieb vnd lust,
das man offt nie für gewies gewust
G. Thym Thedel von Wallmoden v. 20 ndr.;
so gehts uns menschen, wir wollen uns immer als ein centrum wissen S. Brunner erz. u. schr. 1, 319; wir haben ehre, indem wir uns selbst als eine sittliche persönlichkeit wissen und fühlen W. H. Riehl die deutsche arbeit 16; er (Jesus) weisz sich schon jetzt und hier als den 'könig' des neuen reiches Karl Adam Jesus Christus (1933) 191.
β)
am häufigsten ist hinzutretendes prädicatives object: uuizenti inan rehtan man inti heilagan (sciens eum virum justum et sanctum) Tatian 79, 3; sowohl bei Otfrid (I 2, 23; III 20, 108) als Notker bezeugt, und auch mhd. durchaus üblich (s. die wbb.):
er weiz unser zweier minne
sô lûter âne truopheit
Parzival 711, 24;
si sûmten sich lenger niht
unde zogten algeriht
dâ man die vînde weste
ligent vor der veste
Ottokar von Steier reimchron. 58461;
muͦsten auch aus dem land fliechen, dan sie westen sich nicht sicher städtechron. 25, 230 (Augsburg); gott weiszt uns allesammt brestenhaftig und sünder H. Zwingli dt. schr. 1, 131; ich ... nit allein mich keyner übelthat schuldig wüsste Hutten opera 1, 406, 30 B.; wie stoltz, sicher und gewaltig sie (die feinde) sich wissen Luther 30, 1, 203 W.; ich weysz meinen bruder in liebe entzündt Wickram 1, 13, 29 Bolte; künig Rugger (schickt) sin botschafft zu hertzog Welfen von Beiern (den er wuszt küng Cunrats viend sinde) Tschudi chron. Helvet. 1, 68; ich wüszte niemand geschickter dazu als unsern jungen freund Göthe 23, 241 W.;
wenn sich nur bei euch nicht jede zeile selber geistreich wüszte
Mörike 1, 214 G.;
der könig weisz sich in diesem entschlusse von der zustimmung seines volkes getragen Bismarck polit. reden 3, 7 K.; zwecke und ziele ..., in denen alle parteien sich eins wissen ebda 3, 8; durch Susanne selbst gewarnt, weisz er (Figaro) sich ihrer sicher O. Jahn Mozart 4, 219; s. auch die belege bei Fischer schwäb. 6, 818; Schiller-Lübben 5, 700. ein subst. als zweites object bleibt selten:
erstlich wisz mich ein jehen man!
Hans Sachs 7, 170, 35 K.;
die prediger bewahren sich überhaupt besser, wenn sie sich priester wissen Claus Harms pastoraltheologie (1834) 2, 39; gekreuzt mit der construction wissen von: wir ... bekennen, das wir von im anders nit dan eynen frumen adlichen und cristlichen ritterman wissen Hutten opera 2, 89 B.; selten ist auch genitivisches object:
ich weiz in solches muotes
Alphart 188, 4;
aber ir wiszt mich nit solicher vernunfft und verstentnisz solichs zu volbringen Eulenspiegel 3 ndr.; weysz in auch der treuw Wickram 1, 29, 15 Bolte.
γ)
das zweite object ist ein infinitiv, so dasz eine deutsche form des acc. mit dem inf. entsteht:
und gar einen herten man
sie wisten sîn den soldân
Ludwigs kreuzfahrt 3300 N., s. auch 2536; 6115;
alle die hantveste,
die der abt weste
im selbe nutze wesen
Ottokar von Steier reimchron. 37729, s. auch 59544;
dann er waisz sich selbs ainen man sin Niclas von Wyle translationen 15, 11 Keller; s. auch 7, 19;
o gott genad den sünden mein,
der du mich waist verwürcklich sein
J. v. Schwarzenberg der teutsch Cicero (1535) 111;
und nachdem ich dich weisz einen warhafftigen trewen diener sein unsers hern, des romischen keisers H. v. Cronberg schr. 9 ndr.; sie weisz mich in wüsten irren und im elend herumschwärmen Schiller 2, 151 G.; nicht auf seinen zwei sterblichen augen, sondern auf den augen des unsterblichen herrn wuszte er die sache der kirche ruhen Besser bibelstunden 3 (1877) 694. örtlich:
ich weisz ein brünnlein flieszen,
das rauschet ohne ruh
M. Greif ged.⁵ 37,
wie auch heute noch: etwas liegen, stehen wissen. freier: eine sache für den herrn F., der schon hier ist und den ich nicht wohnen weisz Rabener bei Gellert 5, 235. anders geartet ist ein freier infinitiv, der einen objectsaccusativ regiert und mit ihm als ganzes zu wissen das object bildet:
er (Rüdeger) weste schaden gewinnen und ungefüegiu leit
Nibelungenlied 2093, 1 L.;
lag 3 tag darvor und zoch wider dann, wan er west nichtz da zu gewünen städtechron. 25, 338, 18 (Augsb.); sie westen gott damit khain dienst oder gefallen zue thuon 25, 371, 20. später ungewöhnlich: Wildicke, in dem man einen besonders gefährlichen verbrecher vor sich zu haben wuszte Paul Lindau spitzen (1926) 82.
δ)
das erste object ist erweitert um eine präpositionale bestimmung, bis in die gegenwart üblich:
then drost uueiz ih in thir
Otfrid III, 10, 29, vgl. 111, 29,
fürs mhd. s. die belege im mhd. wb.:
weist dus (sie) in den zühten, ich wil si gerne minnen
Kudrun 1622;
der ist eyn narr der me verheiszt
dann er in sim vermögen weiszt
Sebastian Brant narrenschiff 64, 2 Z.;
denn ich dich, lieber Hans, gern bei mir weisz v. Schweinichen denkwürdigkeiten 151 Ö.; das wer mir hertzlich leid, dasz ich solche not an euch wissen solt buch der liebe (1587) 86ᵃ; unter des henckers hand wissen Ziegler die asiatische Banise (1689) 276; geld etc. bey einem wissen sapere ch'uno habbia danari, scorgere quattrini appresso di uno Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵃ; dich in händen zu wissen, welche deiner würdig sind Lessing 3, 74, 23 M.; wobei ich nur den trost habe, dasz ich dich in meiner nähe weisz Göthe IV 27, 169 W.; jene himmlische geburtsstätte der christenheit noch im frevelhaften besitze der ungläubigen zu wissen Novalis schr. 4, 101 M.; concreter: ich wolt, das er (Luther) noch junger were, dan solt er einen gnedigen herrn an mir wissen (der Sultan über Luther) Luther tischreden 2, 508, 20 W. ungewöhnlich und nur in älterer zeit:
dû bekenne, bœser geist!
sît daz dû dich ze valle weist,
sô gip die êre dem hœhesten got
Ulrich von dem Türlin Willehalm 276, 2 S.;
Salatîn aber die
besande, die er weste noch
im zu helfe
Ludwigs kreuzfahrt 3807 N.;
nit aber alle ding ... seind lieb zu haben, sunder allein die ding, die mit uns in einer gesellschafft auff gott gewiszen werden C. Hedio christl. leer (1532) 7ᵃ. jemand etwas zu willen wissen: weil wegen seines stetsgeführten verschwenderischen lebens, seine tugendhafte mutter die Sextilia ihm nichts mehr wolte zu willen wissen, als muszte er aus noht seinen palast verkauffen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 3, 391;
(sie) mit gespräch und speis ergezten,
desgleichen auch mit musicspilen,
und was sie wuszten in zu willen
J. Fischart glückhaft schiff v. 822 ndr.
ε)
in der formel etwas wissen wollen (mögen), die eine erwartung oder forderung zum ausdruck bringt, wiederholen sich die voraufgenannten constructionen. der akzent liegt auf dem wollen, nicht wissen. am häufigsten mit einem particip als zweitem object; etwas wollen gethan etc. wissen Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵇ; vgl. tia si ... io gerno uuissi ungehita (quam manere cuperet semper intactam) Notker 1, 732 Piper: dise ... welche das teutsch von allen frembden wörtern gerainiget und geläutert wissen wollen Grimmelshausen 4, 404 Kurz; die höchste officin der weltlichen regierung ihren stat ... wil respectiret wissen Chr. Weise politischer redner (1677) vorr.; eine so unwillkührliche und charakteristische bewegung, die ich ... nicht ersetzt wissen mögte Gerstenberg schlesw. lit.-br. 122 lit.-dkm.; historie ..., aus der er drei verschiedene disciplinen gemacht wissen will Lessing 8, 25 M.; herr Antonio ... wollte nichts von alle dem beobachtet wissen Göthe I 44, 6 W.; sie wollten die bücher, in denen sie enthalten, vertilgt wissen Ranke s. w. (1867) 2, 5; dasz er ... natur und kunst ... gewürdigt und geschätzt wissen will Gervinus gesch. d. dt. dichtung (1853) 5, 15; die möglichkeit ... möchte ich gewahrt wissen Moltke denkwürdigkeiten (1892) 7, 73; dasz der mann die ehre seiner arbeit allzu trutzig anerkannt wissen will W. H. Riehl die deutsche arbeit 20; mit präpositionaler bestimmung, also anschlieszend an die unter δ angeführten belege: ich wil ihn (Erasmus) in der kirchen nicht wissen Luther 3, 302, 30 W.; also daz ietz offt die tüffel frümer sein dan die richter selber, so sie die selbigen von in verbanten in der hellen nit wöllen wissen, sehen oder hören Murner an den adel 47 ndr.; derhalben wir dich unter uns nicht wissen wollen Binhardus thüring. chron. (1613) 22; sondern dieselbten verantwortung einig und allein bei dem abgesandten haben ond wissen wollen acta publica 1, 6 P.;
schaw er neigt sich dich zu küssen,
wil dich umb und bei sich wissen
Angelus Silesius heilige seelenlust 67 ndr.;
er (der graff) wollte es (das kind) auch in seiner unmittelbaren nähe wissen H. Laube ges. schr. (1875) 2, 188.
e)
wissen mit nachfolgendem infinitiv: sich auf etwas verstehen, die geschicklichkeit, fertigkeit, auch möglichkeit zu etwas besitzen. die grundbedeutung von wissen kann ganz zurücktreten. der gebrauch ist ahd. und mhd. spärlich bezeugtmhd. ist kan, kunde mit dem inf. das übliche,sprachläufig ist er nach den vorliegenden belegen erst bei Luther. gewisse verbindungen sind besonders häufig: etw. zu schätzen, zu würdigen wissen, sich zu hüten, zu helfen wissen, sich in etwas zu schicken (zu finden) wissen, sich nicht zu fassen wissen. ahd. im Tatian: wizzut guot ze gebanne (nostis bona dare 40, 7), wie man sieht, der lat. vorlage nachgebildet, dagegen: samo so du ne wizzist dien ze antwurtenne Notker 2, 155, 10 P.; tuon ih, daz ih weiz ze tuonne 2, 537, 5; auch hier könnte mittelbar noch lat. sprachgebrauch nachwirken; denn die mhd. zeit meidet die construction. ganz vereinzelt im mhd., und dann ohne zu:
westen wir si vinden, sô müese in werden wê
Kudrun 836;
wan daz reht wil den kinden
diu muoter alle wege geben;
ouch enwizzen diu kint leben
nâch der muoter von triuwen
Heinrich v. d. Türlin krone 22353;
mit swiu und er weste
sich an iu gerechen,
wer wolt darzuo iht sprechen,
ân daz er sîn hât reht?
Ottokar von Steier reimchron. 29101;
auch spätmhd. bleiben die belege selten:
so fragt frow mynn, die houchgemut,
die uch usz solichem laid
waist truwen raut zu geben
minnereden 1, 124 (12, 257) Mathäi;
das sie sich vor semlichen schanden wissen zu huten Johann v. Olmütz Hieronymus 205, 23 B.; sich yderman west zu pehelffen U. Füetrer Lanzelot 202; und schick die futterzettel vorhere, das man dir wiss herberg zu geben (1479) G. Steinhausen privatbriefe 1, 198; do wisse dich nach zu richten Arigo decamerone 88, 26 Keller; (sie) von iren czweyen kinden nicht weste zu sagen ebda 93, 37; bei ihm öfter, s. 39, 18; 451, 17, es kann hier einflusz der fremdsprachlichen vorlage vorliegen, wie 49, 1; 52, 22; 141, 34; hett er nitt klainat, so wiszt er sy dort zu überkommen. aber ainen sollichen hut, den wiszt er nit zuwegin bringen Fortunatus (1509) 87 ndr.; damit er (der forstmeister) sollich wiltpret frisch in unser kuchin wisz zu antwurten (1514) der deutsche bauernkrieg, aktenband 111 Frantz; ich wüste für war den papisten kein grösser leid zu wündschen noch mich bas zu rechen, denn das sie gezwungen wörden, ernstlich zu glauben und für warheit zu halten alles, was sie leren und schreiben Luther 26, 613 W.; liesz mein büchlin, so wirstu sehen, das der lügengeist nicht hat wiszen zu antworten und darumb mein büchlin mit groben, ungehöfelten lügen verdechtig machen wil ebda 26, 354; dann ich mich offenlich vnd durch recht noch ietzo nit zuförchten hab oder weisz Hutten opera 1, 409, 33 B.; ... der bekenn das er nit wisze kinder ze ziehen (fateatur nescire imperare liberis) Boltz Terenz deutsch (1539) 86ᵃ; man hette wol etliche punkten mögen uszlassen (Agricola) ich hab nichts darinn wiszen zu meiden oder auszzelassen Vogelgesang-Cochläus trag. Joh. Hussen 16 ndr., hier klingt der eigentliche sinn von wissen wieder an; so wird doch ein frommer bescheidener haussvater, sichs an dem wissen zu benügen, was im von der mildten hand und den genaden gottes wird bescheret Sebiz feldbau (1579) 3; welche (bootsgesellen) ... sich dennoch dapffer zu wehren unnd groszen beistandt zu thun wisten E. v. Meteren niderl. krieg (1614) 257ᵃ; Amor mich auch hat wissen zu suchen schauspiele engl. comödianten 297, 33 Creiz.; auch weiss ich mich etlicher exempeln zu erinnern J. Prätorius Saturnalia (1663) 30; jedoch wuszte sie nicht zu begreiffen, warumb gott mit der rotten farbe versöhnet werden könnte Lohenstein Arminius (1689) 2, 200ᵃ; also ist wahrhafftig derjenige am reichesten, der ... mit wenigem auszukommen weiszt Phil. Jac. Spener der innerliche friede (1686) 159; sie hat sich nicht wissen (gewust) zu hüten (ella non ha saputo guardarsi) Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵇ; sich in etwas zu schicken wissen ebda 1367ᵇ; sich in etwas nicht wissen zu finden (non sapersi intendere di qualche cosa) ebda; sie (anrede) werden zu begreifen wissen Schnabel insel Felsenburg 7 Ullr.; ich darf es mit teutschem freimuthe bekennen, dasz ich vernünftiges lob und vernünftigen tadel zu schätzen gewuszt und anzuwenden gewollt habe Kretschmann s. w. (1784) 1, 3; ich weisz für vielfachem aüszern und innern mich kaum zu lassen Göthe IV 42, 127 W.; die pfaffen haben aus diesem jammervollsten aller ereignisse soviel vortheil zu ziehen gewuszt IV 38, 122; ich weisz recht gut, dasz mir deshalb ein drittel des lebens fehlt; aber man musz sich einzurichten wissen ebda 33, 10; gott weisz zu erhalten und zu nehmen, und dasz nichts ohne seinen willen geschieht, musz uns trösten Moltke denkw. (1892) 4, 153; nach dem abfall ... hat es (Rom) sich noch einmal zum mittelpunkt des glaubens und denkens der südeuropäischen romanischen nationen zu erheben gewuszt Ranke s. w. 37, v.
6)
feste verbindungen von wissen mit substantiv oder verb.
a)
mit einem substantiv: jemandem dank wissen, ahd. und mhd. bezeugt, s. Graff 5, 167 und die mhd. wbb.; habeo tibi gratiam ich weysz dirs danck, grecismus est, dicunt enim Greci: novi tibi gratiam i. habeo tibi gratiam Alberus (1540) ii 1ᵃ: diese werden dir deine thaler und gülden rein hinwegnehmen und dir desz keinen dank dazu wissen Luther 6, 8 Erl.; quid mihi cum mundo? der teuffel wisz ir dang Luther 34, 2, 159, 29 W.; grosze herren sollen den leuten guts thun, wenn es inen gleich die leute keinen danck wissen Friedrich Wilhelm sprichwörterregister (1577) d 2ᵃ. der genitiv des objects bleibt in der form des pronomens bis in die gegenwart: die menschen wissens euch dank, wenn ihr etwas wunderliches unternehmt Göthe 23, 309 W.; bei andern geht er umher um zu lernen, und weisz es ihnen dann nicht einmal dank Schleiermacher Platon (1804) 6, 91; niemand hat es ihm dank gewuszt Ranke s. w. 8, 62; er wurde aber als solcher nicht mehr verstanden und führte so zu miszbildungen: und niemand von allen zuschauern wuszte ihm diesen betrug dank J. E. Schlegel w. 3, 150; und ihm seine mühe und arbeit wenig dank wuszte Musäus volksmärchen 1, 6 H.; denn wir können den juden das nicht genug dank wissen Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 1, 9. heute ist dank wissen für das übliche. es findet sich seit dem 17. jh., z. t. neben dem genitiv bei demselben autor: und wenn wir mit der speise recht ersättiget wären, so wolten wir dir dafür schuldigen danck wissen J. Prätorius winterflucht der sommervögel (1678) 371; wofür ich ihm groszen dank weisz Göthe IV 33, 134 W. ungewöhnlich dank wissen um: einem groszen danck um etwas wissen Kramer dict. 2 (1702) 1367ᶜ. wohl nur im niederdeutschen begegnet auch die formel jemandes bestes wissen jemandes vorteil erstreben, s. städtechron. 6, 29; 392; Schiller-Lübben 5, 700; auch: do dachte de rad in der oldenstad, dat se der schult einen ende wetten wolden städtechron. 6, 145, 32 (Braunschweig).
b)
mit verben. so entstehen ausdrücke für 'berichten' oder 'erfahren', bedeutungen, die wissen allein wegen seines perfectiven charakters nicht haben kann, s. o. 2 b und vgl. einen (einem) etwas verstehen lassen, machen, thun merken lassen, andeuten, mitteilen, s. teil 12, 1, sp. 1671.
α)
jem. etwas wissen lassen; mhd. reich bezeugt, s. mhd. wb. und Rudolf v. Ems weltchron. 18836; 19779, bis in die gegenwart lebendig:
er sant nach im und bat
si daz liessent wissen in
dez sternen zit
der sœlden hort 1743 A.;
last mich wissen alle eure sache und geprechen Arigo decamerone 121, 16 Keller; vgl. ebda 40, 8; 255, 17; das er doch hette die stad Halle solchs lassen wissen Luther 50, 419 W.; annuntiare qualche cosa einen etwas wissen lassen durch ein andren Hulsius (1618) 2, 30ᵃ; so lasset mich ... antwort wissen Chr. Reuter Schelmuffsky 21 ndr.; (er) aber ... liesz zur antwort wissen, dasz ... A. Olearius reisebeschreibungen (1699) 9; wollten sie ... in jedem falle das ja oder nein in mein haus wissen lassen Göthe IV 16, 59 W.; im sinne von 'vorladen': ob ainer ainen zig mit geldschuld, so mag er in wol geladen fur den richter oder die herrschaft. der sol disen tail wissen lassen auf antwurt und soll darnach baid tail gegen ainander verhorn österr. weist. 9, 51, 27; wellicher nachper aber auf des viertelmaisters wissenlassen zu wegmachen nit erscheint ... 5, 276, 24; ain ersame tyrolische landtschafft zusammen wissen lassen J. A. v. Brandis landeshauptleute von Tirol 53. der personale dativ ist ebenfalls mhd. bezeugt (s. mhd. wb.) und wird in jüngerer zeit öfter angewendet:
wie ez in dem lande was getân,
daz wart im allez wizzen lân
livländ. reimchron. 2026;
nur armen leuten will er sein ankunft wissen lassen A. Hartmann volksschauspiele 315, 413. Lessing hat den dativ 2, 32; 13, 337, Göthe hat neben dem dativ (IV 5, 6 W.; IV 6, 132) durchaus auch den acc. I 21, 178; 43, 66; IV 1, 61; 29, 10; 35, 119; 41, 76; keinem menschen etwas wissen lassen Bürger briefe 1, 36 Str.; er ... liesz dem spanischen botschafter wissen Ranke s. w. 1, 94; wenn ihr es noch anders überlegen sollt, so laszt ihr mirs wissen P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 17.
β)
zu wissen tun, machen (geben, bringen), kund und zu wissen tun, machen:
sin eiscot iogilicho   joh filu giuuaralicho,
sliumo duet ouh thanne   iz mir zi uuizzanne
Otfrid I 17, 48;
auch sonst ahd., s. Graff;
als mir zu wizzene ist getân
und die rede ich vernumen hân
(niht von mir selben ich die sage)
Ludwigs kreuzfahrt 2631 N.;
daz wart zuo der stunt
ze wizzen unde kunt
dem herzogen gemacht
Ottokar von Steier reimchron. 4315;
(sie) in ir aller meinung zu wissen thet Arigo decamerone 13, 1 K.; hier häufiger 12, 35; 21, 19; 31, 13; 35, 12; 46, 2; 82, 25; darumb schicken wir hin und lassends dem kunig zu wüssen thun Zürcher bibel (1531) 1, 227ᵃ; ordeniren auch allen unsern amptleuten, uns ... wissen zu thun edict keiser Carls (1540) C 2ᵇ; dann er ie keinem menschen solche liebe zu wissen thun wolt Wickram 1, 4, 16 Bolte; zu wissen machen öfter bei Lohenstein Arminius (1689) 1, 26ᵇ; 106ᵃ; 444ᵃ; 904ᵇ; einem etwas wissend oder wissen machen far sapere qualche cosa ad uno Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵇ; der könig ... läszt mir zu wissen thun, dasz ... Lichtenberg briefe (1901) 1, 13; wir ... entbieten allen gegenwärtigen und zukünftigen gerichtsdienern unsern grusz; und thun kund und zu wissen jedermänniglich sammlung v. schauspielen (1764-69) 3, probe der zärtlichkeit 95; dasz musz man ihm sehr behutsam zu wissen machen J. Nestroy ges. w. (1890) 2, 18; s. auch die belege bei Schiller-Lübben 5, 700. schrift- und umgangssprache verwenden die verbindung zu wissen machen, (tun) heute kaum, doch wird zu wissen tun als lebendig verzeichnet bei Müller-Fraureuth 2, 674 und Woeste westf. 323ᵇ, hier freilich in einer abweichenden bedeutung: dai het mi wot te wieten daͦn der hat mich recht gequält. mnd. scheint auch einfaches wissen 'mitteilen' bedeuten zu können: wie Lodewich ... welet weten ... allen den genen, die ..., dat ... (Frankf. 1317) bei Diefenbach-Wülcker 906, vgl. die briefanfänge z. b. hans. geschichtsquellen 3, 238; 240; 246: wii begeren ich to wetene, dat ... her ... uns einen breif gesant hevet; eigenartig: wie im sommer ... nur dasz keine lerchen in die höh steigen, und die nachtigall macht sich auch nichts wissen Holtei erz. schr. 24, 69. ungewöhnlich sind andere verbindungen: zu wissen bringen, fügen, geben: darzu der zungen dunnes blat den leuten zu wissen bringet ganz der leute meinunge ackermann aus Böhmen 25, 35 Bernt-Burd.; certificio vel potius certiorem reddo vel facio ich mach gewisz, lasz wissen, geb zu wissen, entpiet Alberus dict. (1540) ii 2ᵃ; wir fügen ewer uberschwencklichen kunst und weisheit gantz untertheniglich zu wissen, das der ketzer Martinus Luther ewer trefflich geticht noch kunst nicht gelesen hat Luther 26, 542 W.;
und niemandt würt am morgen geben
zu wissen dises abents leben
J. v. Schwarzenberg der teutsch Cicero (1535) 151ᵇ.
γ)
zu wissen werden, bereits ahd. bezeugt, s. Graff 1, 1089; zu wissen kommen, bekommen:
thaz ih nu meinu mit thiu,   unkund harto ist iz iu,
iz wirdit etheswanne   thoh iu zi wizanne
Otfrid IV 11, 28;
wann nichten ist bedeckt das nit werd deroffent, noch verborgen, das nit werd ze wissen erste dt. bibel 1, 262, 18; vor allem im niederdeutschen hält sich zu wissen werden lange, s. Schiller-Lübben 5, 700; städtechron. 6, 19; 29; 161; 390. zu wissen kommen: das ir man ein trit nicht gethun mocht, das es ir nit ze wissen käme Arigo decamerone 269, 18 K.; s. 45, 21; 91, 7; 117, 1; wie dann gemainklich das dem hauszvatter allweg später zu wissen kompt, was in seinem hausz verbracht wirt, weder anderen leuthen M. Lindener rastbüchlin 8 Licht.; da ... dieses ... unglück zu wissen kommen W. Xylander Polybius (1574) 64. anscheinend elliptisch: erste überfrörung desz bodensz see, so zue wüszen Seb. Bürster 4 Weech; das persönliche zu wissen bekommen (vulgärer kriegen) ist jünger und in der gegenwart üblich; etwas zu wissen bekommen venire a sapere qualche cosa, venir ad haverne notitia, auviso Kramer dict. 2 (1702) 1367ᶜ; etwas zu wissen bekommen venir a sapere, a risapere una cosa Kramer dict. 2 (1702) 1367ᵃ;
man möcht zu wissen kriegen
Stieler geharnschte Venus 126 ndr.
fürs niederdeutsche s. Schiller-Lübben 5, 700 und Mensing 5, 610.
δ)
es ist zu wissen, vgl.es ist zu verstehen, seit ahd. zeit bezeugt, wie die belege zeigen, mit wechselnder bedeutung:
'nist iu', quad er, 'noh manne   thaz zi wizanne,
thaz min fater so githuang   inti innan sinaz dreso barg,
theiz hiar in woroltfristi   man nihein ni westi,
zi wizanne iz firbari,   war thiu zit wari
Otfrid V 17, 5;
hie ist zu wissen das Cristus ... ist gewesen ein mensch erste dt. bibel 1, 6, 23; es ist zu wissen, daz der ymnus lucis und der erst psalm ... uff zwen sinn gezogen und verstanden mag werden Stephan Fridolin dt. predigten 21, 16 Sch.; so ist auch zu wissen, dasz wann solche (obstbäume) zu tieff stehen, sie übermäszig wuchern Hohberg georg. cur. aucta (1715) 3, 327ᵃ; häufig als formel der ankündigung: es ist auch ze wizzen, daz ain igleich frau ir haimsteuer und ir morgengab und ir erbguet allez daz da mit tuen sol, daz landes recht ist österr. weist. 5, 386, 2; s. 3, 102, 17; harumb sig ze wissen allen christglöubigen, dasz wir ... gegabet habend Äg. Tschudi chron. Helvet. 1, 19, und dann gern erweitert: kund und zu wissen sei hiemit, dasz mit hoher obrigkeit erlaubnisz heute grosze oper sein wird K. Fr. Cramer Neseggab (1791) 1, 32; kund und zu wissen sei hiermit jedermann, dasz der reichsgraf, Friedrich Wetter vom Strahl, heut seine vermählung feiert H. v. Kleist 2, 311; ganz formelhaft wie unser nämlich: wann iedtweders was nackent das ist zu wissen Adam und sein hausfrowe erste dt. bibel 1, 51;
kam umb das leben ohne schuld,
zuwissen von den pferden grim
Spreng Äneis (1610) 149ᵃ;
s. Schiller-Lübben 5, 700. auffallend ist die verwendung der formel jemandem ist zu wissen in gleichem sinne wie jemandem ist wissen ihm ist bekannt (s. o. wissen, adj.): es mag sich um eine kreuzung beider handeln, doch kann man auch an einflusz der unter β und γ angeführten verbalverbindungen denken:
sit das dir ze wissene sint
die mære wie es komen ist,
so ere an mir den süezen Crist
Rudolf von Ems Wilhelm von Orlens 2934;
wass dir zue wissen, thue uns sagen
Endinger judenspiel 56 ndr.;
der münch Hildebrand, der ... die vereinigten band des frids zerrütet hat, wie dir wol zu wüssen ist Äg. Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 25; ut mea memoria est so vil ich gedencken mag, als vil als mir zwüssen ist Frisius dict. (1556) 811ᵃ.
7)
formeln, s. auch die zusammenstellungen in den wörterbüchern der einzelnen landschaften, die hier nicht wiederholt werden.
a)
gott weisz, mit alter wortstellung weisz gott, eine formel der beteuerung, mhd. reich bezeugt, auch in erweiterter form, s. die mhd. wbb.; die glossare zu Hartmanns Iwein, zur Elisabeth, zu den minnereden (hg. v. Mathäi): denn wir haben es hie eigentlich erzählt, wie es ergangen, und nicht anders, weisz gott Melanchthon bei J. T. Müller symbol. bücher (1882) 74;
mein sohn, dein leid, so grosz und schwer,
geht mir, weisz gott, zu hertzen sehr
W. Spangenberg bei Dähnhardt griech. dramen 1, 114 lit. ver.;
es kompt mich (wiss gott) schwer an H. Guarinonius grewel der verwüstung (1610) 677; aber gott weisz, er thut mir unrecht, wenn er meint, dasz ... Lessing 17, 390 M.; und ich hatte, gott weisz! weder neue bosheit noch ärger gegen W. (Wieland) Göthe gespräche 1, 28; das weisz der allwissende gott, wenn ich von all dem eine silbe verstehe Schiller 2, 287 G.; man findet zwar in jedem jahre wohl irgend etwas gutes und ungeahndetes, ... aber weisz gott, man verliert auch, was einen ganz niederdrücken würde, wenn man es so mit einem male voraus wüszte A. v. Droste-Hülshoff briefe an Schücking 47; da hätte herr Dreisziger weisz gott viel zu thun G. Hauptmann weber (1892) 6; weisz gott, mir war heiligernst zumute Aug. Winnig frührot (1926) 294. gott weisz mit nachfolgendem abhängigen satz, der häufig nur durch ein fragepronomen angedeutet wird, ursprünglich im sinne von 'nur gott weisz', 'niemand weisz': und sol derjenige, gott weisz wo, oder wenn, noch geboren werden, der jedermann wird recht thun können L. Sandrub hist. u. poet. kurzweil 4 ndr.; es thut mir weh, dasz man mich für so leichtsinnig oder gott weisz was hält Göthe IV 5, 33 W.; aber all meine thorheit und all mein wiz sind, gott weis wohin! 3, 18; weisz der liebe gott, ... was sie treiben mögen Tieck schr. (1828) 4, 367; wir fanden ... niemand von unserer gestrigen gesellschaft. gott weisz, was aus ihnen geworden war Moltke denkwürdigkeiten (1892) 1, 107. formeln ähnlicher art, die z. t. anderem sprachstil angehören: wizze Krist, s. ahd. und mhd. wbb.; Hartmann von Aue Iwein 5487; das weis sent Marx M. Hayneccius Hans Pfriem 31 ndr.; weisz der teufel Stranitzky ollapatr. 201 Wiener ndr.; Schiller 12, 371 G.; der himmel weisz Gellert 4, 223; A. v. Droste-Hülshoff 2, 101; der henker weisz Schiller 3, 357 G.; weisz der kuckuck maler Müller 1, 232.
b)
verneinende oder einschränkende formeln: ich weiz nicht meist mit nachfolgendem fragepronomen oder frageadv. zeigt schon ahd. und mhd. (neizwer, neizwaz u. s. w., s. die wbb.) eine erstarrte form. der sinn der formel, mit der man eine bestimmtere aussage umgeht, kann verschiedener art sein:
die sach er hohe schulde tragen,
ich enweiz wamit (von Josephs brüdern)
Rudolf von Ems weltchron. 7052;
ich enweiz wie lange
ebda 9614; 11103;
dez betelerez lichame bleip umbegrawen, und namen in di hunde ich enweiz (forsitan) die wuͦlfe, aber die engele enphingen sine sele und brachten si zu der ewigen wroude die heilige regel 41, 3 Priebsch;
das decret und der halgn lugent
wais, wie si all seien genemnt
Sterzinger spiele 25, 613 Zing.;
das brot das im besser dunckt, denn do heim weisz was in sinem huse Keisersberg bilgersch. (1512) 18ᶜ; also einer der got den herren weysz worumb bat ebda 19ᵈ; wenn ettwan ein grober mensch über ein füerzüg kompt, der nit darmit kan, der schlecht etwen weisz wie lang 13ᵃ; mit solchem zusatz, dasz Hans Schenitz denselben ring weit (weisz nicht wie viel) sollt dem cardinal uberteuret und uberrechent haben Luther 50, 408 W.; attrectare uxorem alterius eines anderen weib beruren oder mit iren umbgon ich weisz nit wie Frisius dict. (1556) 135ᵇ; dasz etwan von etlichen gelehrten, weisz was fürbracht worden ist von zweiffelhafftigen dingen G. Nigrinus von zäuberern, hexen (1592) 48; ja Aristoteles ... wolte ... ihr, ich weisz nicht ob einen gar zu wol formirten procesz an den halsz werffen Chr. Weise politischer redner (1677) 20; sie hat etwas weisz nicht was an sich alla ha non so che se Kramer dict. 2 (1702) 1367ᶜ; es ist ein ich weisz nicht wer (ein lumpenhund) Rädlein 1, 1067ᵃ; ich weisz nicht, ich scheu ihn ärger als den teufel Lenz ges. schr. 1, 3 Tieck;
ein halb trauriger zug auf seinem gesicht —
ich weisz nicht — gefiel mir so wohl!
Göthe 8, 59 W.;
die schrift hat für mich ich weisz nicht welchen geheimen zauber vielleicht durch die dämmerung von ewigkeit, welche sie umschwebt Fr. Schlegel im Athenäum (1798) 2, 3; gleichsinnig: es was nit des tanzens, als man hie pfligt und durch einander lauft als sei man unsinnig, und die mannen die weiber ufwerfen, das man sieht, was weisz ich wahin Keisersberg brösamlein 2, 53ᵃ; er (Biondello) könnte sich dann als ein Türk oder was weisz ich verkleiden Mozart bei O. Jahn (1856) 4, 167; über dem schwatzen von kunst, von kunstsinn, und was weisz ich — können sie nicht zum schaffen kommen E. T. A. Hoffmann s. w. 1, 16 Gr.; neben dem bestimmteren ich weisz nicht steht die mildere form des conjunctivischen ich wüszte nicht: ich wüszte keinen stand, der so viel annehmlichkeiten ... darböte, als den eines schauspielers Göthe 21, 78 W.; ob ich zurück oder seitwärts gehe, wüszt ich nicht zu sagen IV 26, 13; warum sollte ... dieses buch allein nicht sein ordentliches ende haben? ich wüszte wenigstens keine ursache als etwan die ... Jean Paul 48, 18 H. formeln, die die aussage einschränken:
dorthin, soviel ich weisz,
hat sich der könig mit dem hof gezogen
Schiller 5, 5 G.;
des zweiten bandes erstes stück, der Renegat, ist, soviel wir wissen, vom herrn Breithaupt sammlung von schauspielen (1764) 1, vorber. 7; ebenso: niemand hat sich, das ich wüszte, seiner göttlichen arbeit genähert Göthe 43, 72 W.;
zu flehn, herr general? so weit ging weder
mein auftrag, dasz ich wüszte, noch mein eifer
Schiller 12, 69 G.;
keins (d. i. paket) von des fürsten hand? —
nicht, dasz ich wüszte
12, 194.
c)
wer weisz, negativ dem sinne nach; die nachfolgende aussage erhält dadurch den charakter des ungewissen, auch geheimnisvollen: wer weisz wer mit dem andern isset, oder andern sein brot vorm maul abschneidet Mathesius Sarepta (1571) 38ᵃ; rauberische mauszköpffe, die wer weisz was vor einen anschlag hätten Grimmelshausen 2, 335, 17 Keller; Nachodine, ... die, wer weisz wohin gerathen ist Göthe I 24, 111 W.; wenn Voltaire gewuszt hätte, dasz er so sollte aufgeführet werden, wer weisz! Göthe IV 1, 9 W.; als zweifelnder einwurf:
und du sprachst, dasz auch das üble
dem zum heil gereichen müszte,
der es gott zu liebe trüge: —
guter prior, wer das wüszte!
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 287.
die aussage erhält den charakter einer vermutung. unser vielleicht könnte an die stelle treten: und gedacht im ain jeder: wer waiszt, got gibt meiner tochter das glück als bald als ainer anderen Fortunatus 64 ndr.; und gedacht heimlich in seinem hertzen, wer weist, das pferd möcht nur noch wol eben kommen Wilh. Saltzman Octavian (1548) g 3ᵇ; wer weisz, ist er nicht gar schon an der thurmthüre! Gerstenberg Ugolino 235, 5; wer weisz, ist das die letzt westen, die ich mach! O. Ludwig ges. schr. 2, 329; durch die ungewiszheit wird die gröszenangabe ins ungewisse gesteigert: als mancher halbgelehrter in wer weisz wie viel wochen ... vergeblich zusammen suchen solte Lohenstein Arminius (1689) 2, 7ᵇ anmerkung; es ist wer weisz wie lang her O. Ludwig ges. schr. (1891) 2, 90.
d)
wisse, wisset; der imperativ gibt der aussage besonderen nachdruck: wizzet mit der wârheit Hartmann von Aue Iwein 6414; daz wizze an rehten triuwen Nibelungenlied 785, 3. weitere belege in den mhd. wbb.;
das wyssest auff dye trewe mein!
altdt. passionssp. 27 Wackernell;
wisz auch o mächtiger keyser das Johann Reüchlin aller wält bekant ain urhab ist alles nutzes in teütschen landen Eberlin von Günzburg s. schr. 1, 3 ndr.; ha, wiszt nur immer, ein doktor iuris ist in Teutschland ein ganzer kerl Klinger w. (1809) 3, 42. andere formen dienen dazu, auf etwas neues oder gewichtiges aufmerksam zu machen: weist du was? gehe hin zum herrn N. und sag ihm, dasz ... sai va (vattene) dal signor N. e digli che Kramer dict. 2 (1702) 1367ᶜ; weisz er was, komm er morgen wieder hieher auf den fleck G. Stephanie d. j. s. singspiele (1792) 115; 'nun war es nacht', sagte er, 'weiszt du? ganz finster' Storm w. (1899) 1, 5.
8)
das reflexive wissen. sich wissen das bewusztsein seiner selbst haben: darzu ist die tugent so zart, das sie sich selbs nit sihet noch weisz Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 133ᵇ;
mein unschuldig hertz
das sich in sich ängstiget, und sich selber fast nicht weisz
Neumark fortgepfl. lustw. (1657) 1, 321.
s. auch oben 5 d β. sich viel wissen stolz sein, im 18. jh. sehr häufig bezeugt, späterhin merklich seltener: unerfahrne leuth wissen sich gewaltig viel, wenn sie mit groszen Hansen umbgehen dürffen, sie haben degen an und wissen sich gar viel; ob es doctor oder was sonsten seyn? Schoch com. v. studentenleben (1657) f 5ᵇ; damit sich die gelehrten insgemein viel wissen Leibniz deutsche schr. (1838) 2, 39; Alexander der grosze wuszte sich viel wegen seiner groszen glückseligkeit im kriege Chr. Scriver seelenschatz (1737) 1, 559ᵃ; die Franzosen wissen sich ein vieles damit Gottsched beiträge (1732) 1, 2; dasz sie so unvergeszlich viel sich wuszte auf ihre weltkenntnis, auf ihre belesenheit J. T. Hermes für eltern und ehelustige 5, 118; ich weisz mir nicht wenig, einen so würdigen berühmten mann zum freunde zu haben Winckelmann s. w. (1825) 11, 164;
da sie (Maria Stuart) sich stets so viel gewuszt, so stolz
gethan mit der französischen vermählung
Schiller 12, 484 G.;
da wuszte ich mir denn auszerordentlich viel, wenn ich, mit dem bakel unterm arm, in der stube auf und abgehen, und meine schüler ein stück Nepos aufsagen lassen ... konte Bahrdt gesch. seines lebens (1790) 1, 57; aber er wuszte sich dennoch was rechts O. Ludwig ges. schr. 2, 335; s. auch 2, 330; 5, 421; Ruprecht, der sich nicht wenig damit wuszte, dasz er in seiner jugend die kantische philosophie gehört hatte Eichendorff s. w. (1864) 2, 404; Turgang ... war ein starker fünfziger und wuszte sich etwas auf die jugendlichkeit seiner erscheinung Fontane ges. rom. u. nov. (1890) I 7, 16. niederdeutsch noch lebendig: sek wat wetten Mensing schlesw.-holst. wb. 5, 609; Damköhler 226. sich mit jemand wissen in vertraulichem, namentlich geschlechtlichem verkehr stehen Frischbier 2, 476, s. a. Betcke Königsberger ma. 65.
9)
anders geartet ist ein dem wissen zugefügter dativ des interesses, der anteilnahme, der auch bei kennen und fühlen auftritt (s. d.), vgl. auch sich rat wissen unter 1: doch wollten sie die sach zu uns stellen, ob deren zu vil weren, wolten sie sich wissen, und von uns heren unser gut meinung pol. correspondenz der stadt Straszburg (1525) 1, 201; häufig: ich weisz mir ein stoltze müllerin Fischart Gargantua 34 ndr., so häufig im älteren volkslied; ich weisz mir nichts anderes noch besseres Göthe 24, 50 W.; oder wissen sie mir einen ärmern mann zwischen himmel und erde? Schiller 6, 287 G.; ich ... wuszte mir kein gröszeres vergnügen Mörike 3, 20; ähnlich:
dem der sich deine gnade weisz
Göthe 4, 258 W.;
hierhin auch (s.fühlen II 2), doch nicht subjectsbezogen: ich kan noch weisz dir von keinem Andrencz Arigo decameron 85 Keller; ich wüszte ihnen den ort, wo es aufgehoben sein sollte Schiller 3, 47 G.;
wenn es auch niemals mit mir sprach
und ich ihm nie ein wort gewuszt:
sein kurzer anblick bringt mir lust
Stefan George das neue reich 131.
anders (s.kennen 1): der meister wird fleiszig gelesen, und in neuer zeit verschlungen, aber die kritiker wissen ihm denn doch viele mängel und fehler W. v. Humboldt an Göthe 22. 8. 1795.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 748, Z. 8.

wissend, adj.

wissend, adj.,
sciens, prudens; notus, auch weitergebildet als wissendig Diefenbach nov. gl. 330ᵇ; wissendiglich Fischer schwäb. 6, 899.
1)
activ und persönlich.
a)
noch verbal, jemand ist wissend 'er weisz', es könnte auch die einfache verbalform stehen:
swie ich worde geborn blint
als ir wole wuzente sint
Mone schauspiele d. mittelalters (1846) 1, 86;
diser ist der Johannis: der do wissent was das kument was der tag seines todes (et hic est Johannes, qui sciens supervenisse diem recessus sui) erste deutsche bibel 1, 333, 27; er hats nicht gethan, wol wissend, dasz ... (egli non l'ha fatto, sapendo bene che) Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵃ; ehlos und bei seinen damahligen bedienungen zu bleiben, waren seine gedancken und vorsatz; nicht wissende, dasz die göttliche vorsehung gantz ein anderes über ihn verordnet J. v. Besser schr. (1732) 1, 141; wie mitwissend: jene gedichte ... wuszte er dem fräulein auf verschiedene, immer geheime weise in die hände zu spielen, obgleich er einen wissenden boten nicht zu brauchen wagte G. Keller ges. w. 6, 69.
b)
'bewuszt, mit absicht', sich auf die eigene handlung beziehend: allero minero suntono ... de ih uuizzunta teta odo unuuitzunta bei Steinmeyer ahd. sprachdenkm. 43, 6;
er wizende in den tot
sin einig kint da ze opfir bot
Rudolf von Ems weltchron. 19586;
ich leider vil gesündet hab ... wissent oder unwissent manuale curatorum predicandi (1516) 72ᵃ, daher wissend ebenso wie wissentlich, wissenhaftig als wiedergabe von 'conscius' neben schuldig, s. Diefenbach gloss. 143ᶜ; wissentlich (wissend) sündigen, peccare scientemente, volontariamente Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵇ; wie ichs nie wissend verschuldet hab, das sie mir billich gehessig würde Boltz Terenz deutsch (1539) 126ᵃ; vernichte den, der verräther belohnt, und den gerechten wissend zertritt Klinger w. (1809) 3, 142; was, der könig trinkt wissend diesen schaudervollen trank? 3, 196.
c)
als geistiger vorzug, häufig wie 'klug, einsichtig'; s. Diefenbach gloss. s. v. peritus, prudens, sagax; nov. gloss. 208 s. v. idoneus (bequeme, wetende und nütt); prudens weisz, geleert, verstendig, fürsichtig, wol wüssend Frisius dict. (1556) 1086ᵃ;
ich beger daz wizzende man
mit disputiren mich bestan
Hiob 13047 K.;
dorumb nu der kunig fur seche im ein weisen man und ein witzenden und er fursetze in dem lande Egipt erste dt. bibel 3, 185, 44; ein freien wissenden knecht Götz v. Berlichingen lebensbeschreibung (1861) 192; es war meinem alter vorbehalten, einem so wissenden, vielseitigen, edlen manne näher zu treten Tieck schr. (1828) 3 vorr. mit näherer bestimmung: der natürlichen kunst ist er so wissend als Plato Niclas von Wyle translationen 17, 19 K.; negativ durch gegenüberstellung mit handeln: ich kann dir nicht beschreiben, wie ekelhaft mir ein wissender mensch ist, wenn ich ihn mit einem handelnden vergleiche H. v. Kleist 5, 260 E. Schm.; mit tieferer bedeutung:
wissend, schauend unverwandt
musz ich mein geschick vollenden
Schiller Kassandra v. 118;
in jener
nacht ward ich wissend und schwand mir
von den augen die nacht (von der einweihung eines blinden in die eleusinischen mysterien)
E. M. Arndt 6, 71;
jene wärme, die das ahnungsvolle mädchen zum wissenden weibe machte A. Schnitzler Anatol (1901) 106; (ich) begegne dem blick Cordelias, der auf mir geruht haben musz, tief und ruhig, und zum ersten mal treffen sich unsere augen wissend O. Gmelin sommer mit Cordelia (1935) 47; neben sachlichem begriff: jene erste aber ist vielmehr eine nicht blosz mit der äuszern bilderhülle spielende, sondern zugleich den tiefen sinn erkennende, mithin wissende poesie Fr. Schlegel w. (1846) 5, 243. als 'überzeugt, gewisz', s. wiszlich 2: es ist noch kein artzet auff den hohen schulen nie geboren worden, auch nie keiner, der da hette mögen mit wissender warheit der wenigsten kranckheit ursach für zulegen Paracelsus 1 (1616) 201ᶜ Huser; der christ weisz, an wen er glaubet ... es ist ein lebendiger, ein wissender glaube Hippel lebensläufe (1778) 3, 1, 223.
d)
bei substantivischer verwendung wiederholen sich die bedeutungen des adjectivs, bald ist es nur der unterrichtete, der kenner, bald auch der eingeweihte: quoniam igitur omne quod scitur non ex sua natura cognoscitur, sed ex natura comprehendentium sid alliu ding keuuizeniu fone iro selbero natura neuuerdent keuuizen, nube fone dero uuizenton Notker 1, 348 P.; lugend das üwer gwalt oder friheit die blöden nit verergre, denn so deren einer sicht dich wüssenden zu tisch sitzen, da man iszt der abgötter spisz Zwingli freiheit d. speisen 26 ndr.; Ulpianus ... der vermärtest wissender der kaiserlichen rechten Aventin baier. chron. 1, 913; weil man den wissenden und gelehrten nit so viel als den ungelehrten predigen darff Guarinonius grewel der verwüstung (1610) 7; gott ... welcher ein einiger beschaffer und wissender ist aller heimligkeiten Paracelsus opera (1616) 2, 519 Huser; allhieher haben wir euch alle geladen, ihr wissende und unwissenden Jac. Böhme menschwerdung Jesu Christi (1682) 137; bei den wissenden und verständigen wird mit beschreibung eines dinges ein guter name gemacht Aitinger jagd- u. weidbüchlein (1681) vorr. 1ᵇ; die fürgesetzte zeit, so zu der revocation (einspruch bei einer weiterbelehnung) deputiert, laufft allein wider einen wissenden und ungehinderten. derhalben welicher lehensgenosz, so der verwendung khain wissen hat oder die revocation aus billigen impedimenten nit fürnemben khan, dem soll die verjärung allein seiner wissenheit von dato an zu raitten opponiert werden J. Chph. Lünig corp. jur. feud. Germ. (1727) 3, 594; der wissende (legte) dem gaste das knochenskelett eines weiblichen armes vor Göthe I 25, 89 W.; da es aber für uns und möglicherweise für jedes wissende allerdings noch ein höheres gibt, ein herausgehen des wissens aus seinem factischen sein Fichte s. w. (1845) 2, 139; die gemeinde stutzte ob der rede des mannes, den sie als einen wissenden verehrten L. Aurbacher ein volksbüchlein (1835) 47; auf schritt und tritt begegnet dem wissenden genusz, dem schüler belehrung M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 4, 86; nur den eingeweihten, den gläubigen, den wahrhaft 'wissenden' tut sich die mysterienwelt des christentums auf Karl Adam Jesus Christus (1933) 310. als übertragung von daemon, das man irrtümlich zu δαέειν 'wissen' stellte: calodemon gut wissender Diefenbach nov. gloss. 67; cacodemon bös wissender 64; sciens, scius, prudens, gnarus, peritus, daemon wissend, ein wissender Alberus (1540) dict. ii 2ᵇ; daemon ein wissender (a. d. j. 1569) Alemannia 14, 102. die wissenden sind die freischöffen des westfälischen femegerichts, eigentlich des heimlichen gerichtes (stilledink). Jacob Grimm sah darin eine standesbezeichnung der urteilsfinder, s. rechtsaltertümer 3, 394; anders R. Schröder rechtsgesch.⁵ 797, nach ihm wurden die schöffen durch mitteilung der erkennungszeichen 'wissend' und waren zur geheimhaltung der fehmesachen streng verpflichtet. seit dem 14. jh. gehörten den wissenden auch auswärtige mitglieder an, so ratsherren und bürger süddeutscher städte, daher die belege bei Fischer schwäb. 6, 898; Jelinek wb. 965; vgl. oben gewissend, gewissener und gewissen III (sp. 6218); derhalb bestellet Carolus (in Westfalen) heimlich richter, die man zu unseren zeitten wissend nent Seb. Franck chron. Germ. (1539) 73ᵃ; dise wissende hieszen scabini, haben bisz auff unsere zeit geweret ebda (aufhebung des rechtszuges nach Westfalen mit einer ausnahme:) es wäre denn, ... es hätte ein wissender mit einem andern, der auch wissend wäre, etwas zu rechten, das für das wissende recht gehört bei C. Th. Gemeiner regensburg. chron. 3 (1821) 145; er sagte, als freischöffe, als wissender der vehme habe er dazu fug und macht Ranke s. w. 1, 225; vielleicht daran angelehnt:
meine zeugen, meine helfer
sind die wissenden dort oben
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 132.
2)
passivisch.
a)
jemandem ist wissend ihm ist bekannt; die entwicklung dieser passiven bedeutung wurde begünstigt durch das part. adj. wissen bekannt (s. o.), doch vgl. scita uuizzanda ahd. gl. 264, 14 und gramm. 4, 63; 4, 1251. wissend sein ist im 16. jh. auszerordentlich häufig bezeugt, seit dem 18. jh. jedoch nicht mehr gebräuchlich; s. auch die belege bei Fischer schwäb. 6, 898; Schmeller-Fr. 2, 1035: ist mir nicht wissent, wie ich das verschuldt, das er mich zwain knechten bevalch Ulrich Füetrer bayr. chron. 95, 20; als dir wol wissende ist, wie ich suche etlich schul ein ze prengen (come tu sai) Arigo decameron 20, 33 K.; s. auch 35, 7; 37, 11; 45, 9; 81, 4; 66, 27; 251, 38; ain land, genanntt Cipern, ist ain inszel ... manigem wissend, der tzu dem hailigen land Jerusalem gefarn Fortunatus 3 ndr.; woran es sich aber gestoszen, dasz es nicht vor sich gegangen, ist mir gar nicht wissend H. v. Schweinichen denkwürdigkeiten 23 Ö.; und ime doch nichts wissund ist, was got sage oder verspreche anders dann das gemaine christenliche kirch antzaigt Berthold von Chiemsee teutsche theologei 22 R.; von der zuruggkonfft Berchtoldi, und was sich mit ihm weiters begeben, ist nichts wissend v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 109; auch klein ding lassen wir uff der kantzel verkünden vor allem volck vnd haben meer acht, wie es dem volck wissend werd, dann wie es von unss recht verbracht werd Eberlin v. Günzburg 1, 94 ndr.; ob aber auch gott nach dieser zeit etwas mehrers aus seinem willen schaffen wird, ist meinem geiste nicht wissend Jacob Böhme s. w. (1841) 3, 80 Sch.; darf er das genommene (gut), woferne die feindseligkeit vor dem contracte wissend gewesen wäre, nicht gelten seerecht von Riga (v. j. 1672) 7, 15 bei J. M. Pardessus collection de lois maritimes (1834) 3, 527; es ist mir nicht wissend (io non ne so niente, io non lo so) Kramer dict. 2 (1702) 1368ᵇ; unser herr gott, dem alle dinge wissend waren Cl. Brentano ges. schr. (1852) 4, 463; dir scheint noch nicht wissend, welches unglück dich hat und alle uns zugleich betroffen Tieck schr. (1828) 1, 300. selten attributiv: aller heimlicher und niemands wissender sachen wahrhaftiger erkenner ... erhore mich ackermann aus Böhmen 34, 36 Bernt.-Burd. häufig in der parenthese, auch noch im 18. jh.:
eh (wie uns wissend ist) das unglück sie gequählt
Rompler von Löwenhalt erstes gebüsch 57;
wiewol solchs (mir wissend) nicht beschrieben W. Xylander Polybius (1574) vorr. 2; soviel den gehorsamen fürsten und ständen Augspurgischer confession wissend ist acta publica 1, 135; materien ... die, ... so viel uns wissend war, noch von keinem gebührend abgehandelt worden die vernünftigen tadlerinnen (1725) 1, 3; es hat, so viel mir wissend, dieses noch niemand angemerket Chr. L. Liscow sat. u. ernsth. schr. (1739) 218. in zwillingsformel: dann euer iglichem wissent und kunt ist, wie alle dinge in in und auszerhalb in zergenklich und tötlich sein Arigo decameron 16, 37 K.; ain ieder gezeug soll sein kuntschaft nit gespalten geben, nit mer oder minder, dann so vil ime wares kunst und wissend ist, wie hievor geschriben steet österr. weist. 5, 644, 30; so hat es (das kupferseigern) auch nicht gar verborgen bleiben können, und ist nunmehr vielen bekannt und wissent L. Ercker beschr. aller mineral. ertzt (1580) 100ᵇ; was den astralischen geisten kundt vnd wissendt ist Paracelsus (1616) 2, 500 Huser; wissend und kund sein Rädlein 1, 1066ᵃ. verbale verbindungen, vgl.zu wissen tun, machen und zu wissen werden. wissend machen: welches ding zuletscht den kaiser wissend macht dieser liebe Niclas von Wyle translationen 27, 5 K.; sonder wo auf ain oder andere persohn der wenigiste verdacht vorhanden, dasselbig dem gerichtsherrn alszbalden anzaigen und wissend machen lassen (17./18. jh.) österr. weist. 6, 442, 29; Franckens erste sorge ... war, denen bestürmten seine hülffbare gegenwart ... wissend zu machen Lohenstein Arminius (1689) 2, 246ᵇ; so weit gehen meine gedancken, die ich euch vor dieses mahl habe wissend machen wollen die vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 278; gegenüber steht wissend werden: wie vil aber lasters in liebe der bulschaft verborgen lig, ob ymant das sust nit wiste, der mag des hier von wissent werden Niclas von Wyle translationen 21, 24 K.
b)
'offenkundig', eine bedeutung, die sich in der sprache des rechtes ausbildete: wer ainen wiszenten dieb in markt sichet und denselben nicht anschreit, ist zu wandl fünf pfunt pfening österr. weist. 8, 769, 6; wo sich aber ain erbfall begäbe, da nit wissende erben in oder auszer gerichts verhanden wären 5, 666, 13; umb wissender und bekanntlicher schuld (1552) bei Fischer schwäb. 6, 898; wissender friede war ein feststehender und weitverbreiteter rechtsbegriff, vgl. nl. wetende vrede een vrede, welks bestaan men kent Verwijs-Verdam 9, 2394: ain lauttren wissenden friden erlangen und nit ain gmaullenden oder ungewissen frid (1530) bei Fischer schwäb. 6, 898; dazu: daruff wir sy mit offnen wissenden dingen veraint ... haben (v. j. 1536) bei Fischer ebda; darauf die partheyen ... in der güte, mit wissenden dingen verglichen und vertragen (v. j. 1571) ebda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1937), Bd. XIV,II (1960), Sp. 770, Z. 28.

wist1, f.

¹wist, f.,
wissen, kenntnis. nominalbildung zu dem praeteritopraesens got. wait, ahd. weiz. mhd. nur in mitewist, dagegen mnd. wist f. und n.; mnl. wist m., s. Verwijs-Verdam 9, 2713, vereinzelt in md. maa., die an das nd. grenzen, bezeugt, dort der bis jetzt späteste beleg um 1500: unde deden dat alle weghe na erer macht unde na erer wyst mit goden truwen (14. jh.) bei Schiller-Lübben 5, 745; buissen wist und verdrach (um 1400) chron. d. dtschen städte 12, 273 (Köln); ess enwere dan mit der gewaldigin wist unde willen gescheen Wigand Gerstenberg chron. 135 Diemar.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 806, Z. 1.

wist2, interj.

²wist, interj.,
'links' als fuhrmannswort, aus ahd. winistar, das schon mit nasalverdumpfung als uuistar belegt ist, ahd. gl. 3, 14 (11. jh.), vgl. dazu anord. vinstri 'link'; as. winistar; afries. winister. in süd- und md. maa. lebendig. oft zweisilbig gesprochen: wiste Hertel Thüringen 259; wiste Weise Altenburg 124; wiste Albrecht Leipzig 237ᵇ. im südd. vereinzelt: wisti K. Reiser sagen des Allgäus 2, 744; wista Lexer Kärnten 259; wista Schöpf Tirol 819, in erweiterter form: wistahö Jacob Wien 221; wistaha Unger-Khull steir. 637ᵃ. auch mit rundung bezeugt (s. u.). 1) der fuhrmannsruf an die zugtiere:
sie (die bauern) ritten auf eine hochzeit,
ir keiner blieb daheim
wüste! hotta ho ho!
Uhland volkslied. (1844) 651;
wenn ich hotte schrie, lenkten sie wüste, rief ich ... es kommt ein graben! so waren die vorderpferde schon drin M. A. v. Thümmel s. w. (1853) 5, 15; den gaulen wist und hott zuzurufen gartenlaube 13 (1865) 241ᵃ. 2) in übertragener bedeutung in verbindung mit hott zur bezeichnung der uneinigkeit, unzuverlässigkeit:
die oan sagn wist, die andern hott (in Österreich),
die andern sagn glei ganz pfüt gott
K. Stieler w. 1, 66 Quenzel;
hinten hott und vornen wist ganz verkehrt Fischer schwäb. 6, 901; (ein unzuverlässiger ist) net wist und net hott ebda.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 806, Z. 12.

wusten, subst.

wusten, subst.
u. vb., s.husten, m., teil 4, 2, sp. 1976.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2454, Z. 43.

wüsten, vb.

wüsten, vb.,
faktitivum zu ²wüst A 'öde, verheert' ahd. wuosten, as. wôstian (vuarđ giuuostid ahd. gl. 4, 287, 17 St.-S.), mnd. wôsten, wusten, mnl. woesten. auszer den unten angegebenen bedeutungen begegnet landschaftl. wüsten 'beschmutzen' (zu ²wüst B 1, wie gleichbed. verwüsten A 4 a, teil 12, 1, sp. 2400), z. b. bei Frisius dictionariolum germ.-lat. (1556) 292ᵇ; Fischer schwäb. 6, 1013. ferner 'häszlich werden' (zu ²wüst B 2) in Schweizer maa.
1)
'wüst legen, verheeren, zunichte machen oder beschädigen', wie verwüsten A 1 (teil 12, 1, sp. 2394) und meistens gerichtet auf landgebiete, feldfrüchte, gebäude, zweckeinrichtungen, das eigentum jmds usw.; bis ins 16. jh. gebräuchlich, danach selten und in jüngerer sprache nur ganz vereinzelt als poet. ausdruck. öfters in den ahd. glossen (für vastare 1, 294, 32; 2, 21, 31; 618, 16; 733, 31; 4, 23, 7 St.-S.; vgl. u. Murb. hymnen; für devastare 1, 383, 15) und in frühnhd. glossaren (s. Diefenbach s. v. vastare gl. 607ᶜ; devastare nov. gl. 132ᵇ; demoliri gl. 173ᵃ; desolare gl. 176ᵇ; populare gl. 447ᵇ). in humanistischen wbb. fehlt das wort bereits, so bei Dasypodius dict. (1537) 461ᵇ; Frisius dictionariolum germ.-lat. (1556) 292ᵇ; Hulsius t.-frz.-it. (1616) 423ᵇ (Stieler, Kramer, Steinbach, Adelung u. Campe führen es als ungebräuchliches grundwort von verwüsten an):
fona uuuastantemu engile
(a deuastante angelo)
Murbacher hymnen 21, 3, 2 Sievers;
mit roube und ouch mit brande   wuosten si daz lant
Nibelungenlied 176, 3 Bartsch;
(sie) wusten uf dem velde gar
ir korn unde fuͦrtens dan
mit in do es riffen began
Rudolf v. Ems weltchron. 18 165 Ehrism.;
wüesten und zebrechen
sîn burc er im hiez
Ottokar österr. reimchron. 74 212 Seem.;
wurde ok orlich, dar man ere ghud mede wüsten mochte (1357) in: brem.-ndsächs. wb. 5, 308;
Münstertal hat er verbrant,
Münster hat er gewuͤstet.
er vand vil schier uf der wal
die toten ane zal
(1368) hist. volkslieder 1, 67 Liliencron;
haben die seynen meinem closter sandt Ruprechtsberg ... sein mäle (grenzzeichen) zuslagen vnnd gewust (1494) urk. z. gesch. Maximilians I. 31 lit. ver.; wäre ouch dasz die von Zürich jeman wellten anritten an ir statt, an ir räben, ald an ir bömen und die wellte wüsten, dasz sün wir von Uri und von Schwitz weren Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 148;
grosze herren lieben jagen; besser, wann sie liebten hegen;
wüsten länder, jagen leute, blosz von ihrer lüste wegen
Logau sinnged. 372 lit. ver.;
dasz er (d. strom) mit schwellendem grimm ausbricht in die fluren und wüstet
thäler und hügel umher
Pyrker s. w. (1855) 1, 17.
übertragen 'zunichte machen' schlechthin:
biz manic künc do sich
unminnenclichen grust,
der stich mit slage wust
Johann v. Würzburg Wilhelm v. Österreich 8124 Regel;
übermâsz wüstet alle spil Düringsfeld sprichwörter (1875) 1, 17ᵇ.
2)
bei objektlosem gebrauch ist die bedeutung an sich dieselbe ('verheerung anrichten'), aber es wird durch die konzentration auf das subjekt häufig eine sinnverschiebung zu 'wüten' nahegelegt (s. namentlich b und c).
a)
absolut:
dat di kint dar in waren komen
ende hadden der winberen vele genomen,
...
si braken ende si aten,
si wusten uter maten
Heinrich v. Veldeke sente Servas 4924 Frings-Schieb;
unde zog in daz Klibsche lant mit funfhondert rittern unde knechten, die branten, wusten unde herscheten gar sere Tilemann v. Wolfhagen Limburger chron. 94, 18 Wyss;
da sach man wuchsten, prennen,
slahen, schiezzen, und rennen
Suchenwirt 4, 363 Primisser.
b)
öfters partizipial als beiwort von wilden tieren und ungeheuern: uwir geslechte ist als eyn wuystindir lewe (quasi leo vastator Jerem. 2, 30; wie ein wütiger lewe Luther) Claus Cranc prophetenübers. 83 Ziesemer; kan er (d. wolf) doch nichts anders, dann wüsten vnd würgen Gretter erkl. d. ep. S. Pauls a. d. Römer (1566) 446; hat der allmächtig ... den ein wüstenden basilisken vnd tracken, nemlich der ketzerey, solliche ritterliche Heymones und Hercules ... fürgesetzt Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) (b) 1ᵃ. vgl. noch:
krieger sind zwölffe zum rauben und wüsten
Logau sinnged. 314 lit. ver.
auch: die so zu schiff reisen, wenn sie ein wüstend vngestüm wetter ergreifft Lehmann floril. polit. (1662) 2, 719.
c)
vor allem mit lokalen bestimmungen (wüsten in einem gebiet, einem gebäude, unter menschen usw.); so bis zur gegenwart gebräuchlich:
ein kunic tugende ler
...
er wustet in der geschicht
me wan man gelouben mac,
hin unde her (supra quam credi potest, universa vastabit Dan. 8, 24)
buch Daniel 6164 Hübner;
da hat er (Pompeius) gwuͦstet im tempel, vnd Aristobulum, der ... ir künig vnd bischoff was, ... gefangen gnuͦmen Hedio chron. Germ. (1530) 4ᶜ; als zu diser zeit die ketzer vberall vast wüsteten vnd ir giftige ler an allen orten ausgossen ebda 31ᶜ; denn im schrack wird der bittere stachel erboren, der wüstet und tobet in der harten, erschrockenen herbigkeit ... des erstickten geblütes J. Böhme s. w. 3, 131 Schiebler; auch er tödtete und wüstete den 2. mai 1808 in der empörten hauptstadt Göthe I 41, 2, 123 W.; das feindliche feuergewehr wüstete sodann fürchterlich unter ihnen Seume s. w. (1835) 408ᵇ; (er) stand bald vor den trümmern der alten ehrwürdigen veste. die zeit hatte arg hier gewüstet und nur wenig aus der vergangenheit übrig gelassen A. v. Tromlitz s. schr. (1849) 36, 8; im jahre 1432 sind die Hussiten in die mark Brandenburg eingefallen und haben daselbst greulich gewüstet Grässe sagenb. d. pr. staates 1, 86; (Frankreich) hat bei der verbrennung der Pfalz in Speyer gewüstet Pinder d. kunst d. dt. kaiserzeit (1935) 1, 228.
3)
jemanden wüsten ist in zweierlei sinne üblich.
a)
vorwiegend mhd. 'jmdn schädigen, ruinieren' durch verheerung seines eigentums, besonders des landbesitzes:
die heiden huben selbe den brant,
selbe si sich wuͦsten
...
si herten also witen
unz an die Gerund
Rolandslied 277 Wesle;
mir hât gemachet ein rise
mîne huobe zeiner wise
und hât mich âne getân
alles des ich solde hân
unz an die burc eine;
...
daz ich ime die (tochter) hân versagt,
dar umbe wüestet er mich
Hartmann v. Aue Iwein 4473;
ist, das er an farenden gute unpfandbar ist, so sol man in wuͤsten an allem dem gute, das er us und inne hat richtebrief d. bürger v. Zürich in: helvet. biblioth. 2 (1735) 14 (vgl. hierzu mnl. woesten 2 Verwijs-Verdam 9, 2, 2751);
die Pehem tzuͦgen auf sein guͦt,
davon so ward er ungemuͦt:
se wuͤchsten im sein arm lewt
Suchenwirt 18, 441 Pr.
b)
mhd. und frühnhd. 'übel zurichten, verwunden': alse werdent die übelen (in der hölle) mit michelme gruwele gewuͦstet (zuvor: gemartilt von den tivelen) Lucidarius 77, 7 Heidlauf; und wurdent ira in dem sturm wol uf XI gewundet und gewuost; der sturben zwen (mitte d. 15. jhs.) H. Fründ chronik 227 Kind; das menig biderman umbkam und an sinem libe geletzt und gewüst wart (1476) bei Frauenholz entwicklungsgesch. d. dt. heerwesens 2, 1, 94; (dasz die brücke einbrach) und vil volkes in das wasser viel; der ertrankend 8, und wuͦstend sich ire vil vast übel Brennwald Schweizerchron. 1, 386, 4 Luginbühl; sunst starb der wonden uf der herscheft siten kainer, und warend doch ob 40 man gwüest J. v. Watt 2, 176 Götzinger.hierzu sich mit jmdm wüsten 'raufen': (1511) Reuchlin augenspiegel 123 M.
4)
'mit einem vorrat vergeudung oder raubbau treiben', entsprechend auch trans. oder mit genitivobjekt; die auffassung ist nicht überall gleich, sicherlich ist von der bed. 'zugrunde richten' (1) auszugehen, s. u. die beiden ersten belege; teiche wüsten 'durch raubbau zur verödung bringen' im nd. (s. u.) hängt anscheinend enger mit ²wüst A 'öde, verödet' zusammen (vgl. auch verwüsten A 2, teil 12, 1, sp. 2397), während wüsten mit etw. offenbar durch bed. 2 ('wüten') beeinfluszt ist. vgl. noch wüstlich 3, das zum vorliegenden gebrauch gebildet ist. die bedeutung ist umgangssprachlich bis zur gegenwart geläufig und erscheint lexikalisch u. a. bei Adelung 5 (1786) 316 und Campe 5 (1811) 802ᵃ, mundartl. bei Fischer schwäb. 6, 1012; Lexer Kärnten 261ᵃ; Müller-Fraureuth obersächs. 2, 686ᵃ; Knothe Nordböhmen 548; Block Eilsdorf 101ᵃ:
ob du niht durch tumben muͦt
wilt ane ere swenden din guͦt,
wuͦestende des guͦtes
Rudolf v. Ems Willehalm v. Orleans 3343 Junk;
der noch wuest leib und guͤt
in hochfart und in uͤber muͤt
und wirt den arm nymmer holt
Heinrich der Teichner 353, 47 Niewöhner;
(die pächter verpflichten sich) de dijke nicht to wostende sunder sodane vissche to vangende, alse vppe deme markede ginge vnde gheue zint (1463) Lübecker urkundenb. 10, 289; soll sich ein jeder meister befleissen, dasz mit dem zeug (kalk), der dann zuvor köstlich genug ist, nicht gewüstet ... werde Würtemb. revid. bawordn. (1654) 123; mit ... ströb machen in denen wäldern (ist) recht unverantwortlich gewistet (1748) österr. weist. 5, 539; das land, auf dem (entwaldend) gewüstet wird bei Sanders erg.-wb. (1885) 661ᶜ (s. d. weitere belege); so wurde mit unsrer zeit gewüstet. es war nicht alles reine arbeitszeit, nein, es war verwüstete zeit, die wir nutzlos vergeuden muszten Traven baumwollpflücker (1956) 153.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2454, Z. 44.

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Zitationshilfe
„wissen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wissen>, abgerufen am 23.11.2020.

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