Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

witterung, f.

witterung f
ableitung von wittern, seit dem frühneuhochd. bezeugt. vgl. ags. wederung wetter; mengl. wederinge.
1)
der zustand der atmosphäre überhaupt, im gegensatz zu wetter sich auf einen längeren zeitraum erstreckend: witterung und commotiones desz luffts Paracelsus opera (1616) 2, 422; was die witterung dieses jahr anlanget, ist ... Binhardus Thür. chron. (1613) 302; der herr macht alle zeiten und witterungen, frost und hitze mad. Guion christl. u. geistr. br. (1728) 390;
des meeres ebb und fluth, die himmelslufft, der wind,
der zeiten witterung, nichts unerforschtes sind
Hagedorn vers. einiger ged. 51 lit.-denkm.;
das donnerwetter mit der winterkälte zu vergleichen, also wetter mit witterung G. Chr. Lichtenberg verm. schr. (1800) 5, 214;
denn des barometers walten
ist der witterung tyrann
Göthe I 3, 362 W.;
unter dem vorgeben, die gegend, land und leute recht anzusehen, fing ich an, bei jeder witterung, gut oder schlecht, den tag im freien zuzubringen G. Keller ges. w. 3, 217. dem begriff 'klima' sehr nahekommend: Europa ... hat ein mäszige witterung Stumpf Schweizerchron. (1606) 12ᵇ; man fürchte die witterung der unterschiedenen theile der erde nur nicht Gottsched neueste aus d. anmuth. gelehrs. (1751) 8, 578; die witterung soll so milde sein, dasz er ihr vor der canadischen am Quebek den vorzug gibt G. Forster s. schr. (1834) 4, 101. in wörterbüchern des 16. und 17. jh. vereinzelt für monat: october, die ... achtest witterung S. Roth dict. (1571) l 5ᵃ; december, die zehendeste witterung, christmonat Heupold (1620) 124. häufig mit adj. versehen, die das wetter charakterisieren: ein reisender edelmann bate den Jupiter, dasz er ihm die gnade thun und schöne witterung zu seiner reisz verleihen wolle discourse d. mahl. (1721) 4, 68; die schäfchen gelten bei uns in der regel als vorboten schöner witterung L. Laistner nebelsagen (1879) 22; ich habe bei guter witterung funken von 10 zollen ... gezogen G. Chr. Lichtenberg br. 2, 33 L.-Sch.; bei guter witterung setzen sich die wallfahrer gleichwohl lieber ins freie L. Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 162;
der wandrer späht, wann er die fahrt beginnt
nach allen zeichen günstger witterung
E. Raupach dram. w. ernster gattung (1835) 6, 235;
sie waren der hungersnoth nicht bloszgesezt, die bey einer ungünstigen witterung oft die wilden aufreibet A. v. Haller Alfred (1773) 231; sehr erfreulich ist, dasz die ernte und die neue bestellung der felder trotz der ungewöhnlich ungünstigen witterung ... hat beendet werden können Moltke ges. schr. u. denkwürd. (1892) 1, 235; das dach ... ist eine decke ..., alle üble witterung abzutreiben W. H. v. Hohberg georg. cur. aucta (1662) 1, 24; es musz allen übeln witterungen getrozt ... werden Schleiermacher s. w. (1834) II 4, 16; die rauhe witterung ist ihm (dem feigling) nicht zuträglich J. J. Schwabe belustig. (1741) 2, 96; sie muszten sich zugleich gegen rauhe witterung durch kleidung und obdach schützen O. Peschel völkerkde (1874) 475; es hat der aychhorn ein vorwüssen verenderlicher witterung Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 13ᵃ; dieselbige natur, welche sie von diesen nordländern nach Africa treibet, führe sie auch nach veränderter witterunge ... aus Egypten weiter fort J. Prätorius winterflucht d. sommervögel (1678) 429; denn weil absonderlich die kälte dem leibe schadet, er auch die veränderliche witterungen in der lufft nicht blosz vertragen kan Chr. Wolff gedancken v. d. menschen thun u. lassen (1720) 325; aber dieses wird sich bey der heranrückenden veränderlichen wittrung bald verbieten J. M. Miller briefw. dreier ak. freunde (1778) 1, 75.
2)
witterungsbeschreibung, witterungsvoraussage, wie sie die kalender bringen: der (dank) würde aber noch gröszer sein, wan er gantzer jahr witterungen continuirlich in druckh gebe J. Kepler opera omnia 1, 454; es ... sey auf dergleichen propfeceyung nicht mehr zu halten als auf der kalender witterung Harsdörffer gesprächsp. (1641) 7, 30; Eudoxos, ein fürnehmer philosophus ... hat einen calender sampt der witterung gemacht J. H. Schill teutscher spr. ehrenkranz (1644) 82; er ... machte jährlich den kalender mit der witterung, den bauerregeln und dem aderlaszmännchen G. Keller w. 4, 272.
3)
schlechtes wetter: tempestas wytterung, gewytter Serranus dict. (1540) c 4ᵇ; dasz auch bei den Römern ... in regen und witterungen, wie auch bei alten und leidtragenden leuten das haupt damit (mit hüten) zu bedecken üblich gewesen P. J. Marperger beschreibg. d. hutmacherhandw. (1719) 16; die witterung macht mich ganz unglücklich, und ich befinde mich nirgends wohl als in meinem stübchen Göthe IV 9, 13 W.; es gibt jahreszeiten und witterungen, wo man keinen hund vor die thür jagen mag Bettine dies buch gehört dem könig (1843) 2, 273; tage, an denen es die witterung unmöglich machte aufs feld zu kommen W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 1, 115; im winter wohnen auch nomadenvölker nicht selten in festen wohnsitzen, um sich ... vor den unbilden der witterung zu schützen Hoops waldbäume u. kulturpfl. (1905) 492.
4)
freie luft, wind und wetter, einflusz des wetters in längerem zeitraum: die campanische wein legt man unverdeckt an die witterung Rivius Vitruv (1575) 74; welcher gras auf den wiesen, flachs auf der witterung entwendet, der solle ... gestrafet werden (v. j. 1766) württ. ländl. rechtsquellen 1, 250 Fr. Wintterlin; einige überbleibsel des altherthums ..., die, ... der witterung noch ... einige tausend jahre werden trozen können Herder 15, 614 S.; der marmor sei zart und durch die witterung bereits angegriffen, er müsse bedeckt stehen Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 206.
5)
auf das menschenleben übertragen. die schlechte witterung bezeichnet kritische zeiten: welches (ungewitter) Cicero, als ein dergleichen politische witterung und wetterzeichen hauptsächlich verständiger naturkündiger, im voraus sahe D. W. Triller poet. betrachtung. (1750) 1, 402; von England nahm er seinen weg nach Holland, und hielt sich da auch etwas auf; kam aber in eine besondere witterung hinein (der pastoralbrief hatte alles aufgebracht) A. G. Spangenberg leben Zinzendorfs (1774) 1187. günstige, freundliche lebensbedingungen werden mit guter witterung verglichen: die blumen des herzens wollen freundliche pflege. ihre wurzel ist überall, aber sie selbst gedeihn in heitrer witterung nur Hölderlin ges. dichtg. 2, 127 Litzmann; bei solcher witterung muszte wohl die blume junger liebe fröhlich erblühen Holtei erz. schr. 5, 47; die menschenpflanze bedarf der günstigen witterung zur rechten zeit Hebbel br. 1, 224 Werner; ich werde mich freuen, sie bei kräften und bei besserer witterung wieder zu sehen (Unwirrsch hatte seinen letzten verwandten begraben) W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 70. persönlich gebraucht; das toben des unwetters wird auf menschliche zornesausbrüche übertragen: nun kommt mir einer dazwischen und kündigt mir. da kam ich ganz höllisch in witterung, da war alle ruhe wieder vorbei denkwürdigk. eines arbeiters 377 Göhre; he was in der witterunge im zorn Woeste westf. wb. 327ᵇ. im bilde: kinder ... haben ein scharfes auge für die witterungen, die auf den stirnhorizonten der eltern heraufziehen Gutzkow ges. w. (1872) 5, 230.
6)
in der jägersprache, vgl.wittern 4.
a)
die fähigkeit der tiere, mit dem geruchssinn etwas für uns nicht wahrnehmbares zu erspüren: da der fisch mit dem stram unterwarts die witterung haben kann haushaltg. in vorwerken 190; denn auszer dem hat der hund von der ferte keine genugsame wieterung H. Fr. v. Göchhausen notabilia venatoris (⁴1741) 1; werden ... die wölfe und löwen ... dreister, ihre überfälle um so gefährlicher, da sie witterung von den hülflosen fieberkranken zu haben scheinen Ritter erdkde (1822) 1, 375; darüber wachten auch die gänse im stalle auf ..., denn sie hatten die rechte witterung von den heimlichen umtrieben am thurme Eichendorff s. w. (1864) 3, 466; woher sie (die hunde) die witterung hatten, dasz der fuhrmann ... ankam K. Gutzkow ritter v. geiste (1850) 1, 105;
es geht zuweilen im zickzack
um die büsche herum, doch nie versagt ihm die wittrung,
bis es die hütte erreicht und anschlägt, um es zu melden
Hebbel w. 8, 333 W.
b)
die ausdünstungen der tiere, die von anderen tieren wahrgenommen werden: witterung heiszet allhier: die beständige nassende feuchtigkeit, die sich aus dem leibe des wildprets durch die schweiszlöcher herab nach den schalen ziehet C. v. Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 37; wenn der hund auf dem fleck die witterung ... angenommen ebda 19; derselbe naturforscher erzählt, dasz die pardel durch ihre witterung alle vierfüszigen tiere anlocken Brehm tierleben 1, 476 P.-L. auch von der von den jägern zurechtgemachten, stark riechenden masse, die auf fallen gestrichen wird, um tiere anzulocken: so schmiehret man das eysen mit einer probirten witterung H. v. Fleming vollk. teutscher jäger (1719) 243; mit dieser witterung bestreicht man das eisen Döbel jägerpract. (1754) 2, 135.
7)
vom menschen von der fähigkeit, etwas zu spüren, wahrzunehmen, zunächst noch mit zuhilfenahme der sinne wie die tiere: er musz eine gute witterung haben, dasz er die (küche und keller) in einem fremden hause gleich zu finden weisz? Chr. Fel. Weisze lustsp. 3, 281; geht ihm ein licht auf wie meinem Rodney, wenn er die witterung eines Franzosen kriegt Schiller 3, 358 G.; wir armen leute, weil wir oft wie die hunde behandelt werden, haben auch ihre witterung Frz. W. Ziegler landwehrmann Krille (1865) 17. eine vermutung haben, eine versteckte absicht, eine günstige gelegenheit ahnen: lord S., der witterung davon (vom ehebruch) hat, schleicht ihnen ... nach Lichtenberg Hogarthische kupferst. (1794) 4, 218; aber die strengen regierungen hatten doch die richtige witterung; es wurde damals schon deutlich, dasz sich die liberale partei ... Heine und Börne zu fahnenträgern erwählen würde H. Laube ges. schr. (1875) 1, 134; so war auch überall sonst die curie mit scharfer witterung gegenwärtig, wo von dem angränzen der gläubigen an die ketzer eine gefahr drohen konnte Gervinus gesch. d. 19. jh. (1853) 2, 19; er hatte eine feine witterung dafür, wo sich ein gutes geschäft machen liesz D. Fr. Strausz ges. w. (1876) 11, 102. allgemein: unser verstand lebt ... vom hinterdrein ... gefühl hat witterung, führendes gesicht Kolbenheyer d. brücke (1929) 39; alles ist nur witterung, nichts ist gewiszheit W. Beumelburg sperrfeuer um Deutschland (1929) 252.
8)
in der bergmannssprache, dämpfe, die sich über erzgängen zeigen, vgl.witterungsfeuer: vom gerichtsberg, daran man sehr offt grosze witterung sihet, sagt man auch, dasz der galgen auff silber stehe Mathesius w. 4, 72 Loesche; dasz die verborgene gäng under der erden durch auszwendige sichtbare zeichen eröffnen vnd dem bergmann natürlich zu erkennen geben durch natürliche zeichen der gewächsen vnd witterung Paracelsus opera (1616) 1, 916; auch Moses ... rühmet Tubal Cain den eltesten bergman, welcher ausz dem geseiffen, geschuben, witterung ... vnd mit ruten die gänge ... auszgericht ... hat Ph. Bech Agricolas bergw.-buch (1621) vorr. 2; wenn die witterung zu tage ausschläget ... giebt die erfahrung, dasz darunter eine starcke würckung sei J. B. v. Rohr hauszhalt.-bibl. (1716) 407.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 825, Z. 1.
Zitationshilfe
„witterung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/witterung>, abgerufen am 18.02.2020.

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