witz interj.
Fundstelle: Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 861, Z. 1
s. witsch; witz protinus, ocyus, celeriter; witz wie der blitz subito instar fulminis Wachter gloss. 1920; auch auf niederdeutschem gebiet: witz leep de muus wedder int lock ..., witz was em de bart weg Richey idiot. Hamb. (1743) 343, vgl. auch brem.-nieders. wb. 2, 282; Dähnert 554: witz nahm ich ein kleines spiegelein in blech eingefast und sprang davon ungarischer Simplicissimus (1683) 15; witz nahm er ein paar (birnen) und lieff darvon 11; witz! klettert er auff die cantzel Chr. Frz. Paullini erbauliche lust (1695) 488; substantiviert: ich wie der witz, nim mein besenstiel, kehr ihn um J. J. Schwabe tintenfässl (1745) vorr. b 7ᵃ; in einem witz fiel es mir aus den händen Kramer-Moerbeek (1768) 423ᵇ. — unabhängig hiervon steht witz als entsprechung der lat. interjection scelus bei Boltz: o witz, wiltu jetz da auszgieszen deine weise wort? Terenz (1539) 104ᵃ.
witz m.
Fundstelle: Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 861, Z. 17
bezeichnung des widders, bezeugt im Westerwald und im Allgäu, s. Pfister nachtr. 339; K. Reiser sagen des Allgäus 2, 744; dazu witzen bespringen Pfister a. a. o. vgl. oben watz, wetz, m., teil 13, 2606.
witz m. (f., n.),
Fundstelle: Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 861, Z. 21
verstand, klugheit, kluger einfall, scherz. westgermanisches (wohl auch gotisches) wort: ahd. wizzi und wizza, ags., afries. wit(t); dazu die composita ahd. gawizzi, unwizza, ags. gewit(t), as. giwit sowie got. uuwiti ἀφροσύνη, ἄνοια, ἄγνοια. diesem ja-stamm stellt das skandinavische neutralen a-stamm gegenüber in an. norw. vit, schwed. vett, dän. ved, der mit üblichem präfixverlust aus *gawita- herzuleiten ist und auch fürs ahd. durch Isidors chiwisz 'scientia' 3, 5; 40, 7 bezeugt ist. im ahd. ist witz auszer in der glosse 2, 630, 17 ingenium sin vuizzi (zu Vergils georgica 1, 416) und in der Fuldaer beichte bi minan uuizzin, s. u. I 1 b (wonach es Scherer auch in der Mainzer beichte MSD 243, 17 konjizierte) nur bei Otfrid und Notker (dort aber mehrfach) belegt. das wort ist ja-abstractum femininen oder neutralen geschlechts zu u̯id- 'wissen'; beides kehrt auszerhalb des german. wieder: das neutr. in ai. vidyam 'finden, bekommen', das femin. in ai. vidyā͏́ 'wissen, wissenschaft'. beide typen sind ursprachlich, s. Brugmann grundr. 2, 1², 184 f.im ahd. bezeugt das femininum die glosse zu Notkers psalmen sîn uuizza conscientiam 2, 220, 25 P. (dazu unuuizzo ignorantiae 2, 461, 24, vgl. das got. neutr. unwiti) sowie Otfrid mehrfach durch uuizzī mit dem gerade bei ihm häufigen übergang in die ī-klasse (s. Braune ahd. gram.⁵, § 210, anm. 2; Wissmann nom. postverb. 1, 59 f. anm.), das neutrum Notkers uuizze sing. u. plur. (1, 311, 12; 688, 3; 4; 2, 630, 2; glosse zu 2, 136, 3; 160, 3); weniger beweiskräftig ist Otfrids zi uuizze 2, 7, 46, da es im reim steht. das neutrum hat weiter das ags. und afries., doch kann afries. wit(t) auch auf ein ga-compos. zurückgeführt werden; für dies kommt nur das neutrum in betracht: ags. gewit(t), as. giwit, ahd. gawizzi sind neutra, vgl. auch air. airde, n., 'zeichen' aus *pariu̯idi̱̯om, s. Walde-P. 1, 238. — im mhd. ist witze ausschlieszlich femin. im 17. jh. erscheint daneben das masculinum. das femininum gebrauchen Weckherlin, Spreng, Petri, Jacob Böhme, Logau, Grimmelshausen, A. U. v. Braunschweig; das masculinum Rätel, Guarinonius, Opitz, Paul Gerhardt, P. Fleming, Lohenstein, Hoffmannswaldau, Zesen, Buchholtz, Schottel, Abraham a s. Clara. Schupp hat neben dem femininum auch das masculinum. mit dem beginn des 18. jhs. tritt das fem. ganz zurück, nur die lexikographen verzeichnen es noch, meist zusammen mit dem masculinum, z. b. Kramer, Dentzler, Rädlein, Aler. schon die frühesten belege zeigen witz als intellektuelles vermögen, vielleicht deutet aber ahd. uuizza sowie die verwandtschaft mit ai. vidyā͏́ 'wissen' darauf hin, dasz witz ursprünglich auch gewuszte inhalte umfaszte, die bedeutung 'ratio, prudentia' also schon eine abgeleitete ist. in gewissen sprachlichen besonderheiten Otfrids und Wolframs würde dann eine ältere schicht durchblicken. näheres, auch über das verhältnis von witz zu sinn und dem gelehrten vernunft in mhd. zeit bei J. Trier der dtsche wortschatz 1 (1931) 38; 76; 246 u. s. w. eine neue aufgabe fällt dem worte im 17. jh. zu, als das gesellschaftlich-literarische ideal des bel esprit, 'des aufgeweckten, artigen kopfes' aufkommt. witz wird unter einflusz des franz. esprit und des engl. wit bezeichnung für die gabe der sinnreichen und klugen einfälle. weil man auf literarischem gebiete das wesen der dichtung in solchen einfällen sieht, wird witz in der ersten hälfte des 18. jhs. geradezu bezeichnung des dichterischen vermögens überhaupt. das reich des witzes umfaszt die schönen wissenschaften und freien künste. s. u. II. vereinzelt schon im 18. jh., stärker mit dem beginnenden 19. jh., bedeutet witz den klugen einfall selbst, fast immer in scherzhaftem oder spöttischem sinne. gegen ende des jahrhunderts ist die bedeutung 'scherz' im schriftsprachlichen gebrauch bereits so herrschend, dasz ältere verwendungen kaum noch sichtbar werden. die mundarten jedoch kennen auch heute noch witz als ratio, prudentia, s. Fischer 6, 907; Schmeller-Fr. 2, 1062; Schöpf 819; Lexer 259; Martin-Lienhart 2, 887; Crecelius 920.
I.
vernunft, verstand, klugheit, list.
1)
die von gott dem menschen verliehene gabe des vernünftigen denkens und handelns, in älterer sprache häufig mit sinn, in nhd. zeit mit verstand, vernunft verbunden:
und blies uns sînen geist in
und gab uns wizze und sin
und machet uns redebêre
Hartmann rede v. glauben 153;
darumb das ein mann sich soll hütten und fürsehen, hat im gott kunst oder witz verlihen, das er dieselbige brauch nach seines nechsten nutz und gottes ehr und nicht zu schanden Val. Schumann nachtbüchl. 57 Bolte;
so viel uns gott durch seine gnadt
witz und verstandt gegeben hat
Dedekind papista conversus (1596) b 5ᵇ;
diese gabe zeichnet den menschen vor der übrigen natur aus:
hetten die steine
witze und sinne ...
kunden sie sich verstan,
si mochten wol geklaget han
Herbort v. Fritzlar 10465;
ich, als die einfalt selbst, ich rede hier mit thieren,
an denen die vernunfft und witz sind nicht zu spüren
Opitz Sidneys Arcadia (1638) 541;
doch auch: (indem der poet) den thieren mehr witz und vernunft lehnet, als sie in ihrer sphär haben Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 143. den toren und narren fehlt es an dieser gabe:
als in der hunger bestuont,
sô teter sam die tôren tuont:
in ist niht mêre witze kunt
niuwan diu eine umbe den munt
Hartmann v. Aue Iwein 3269;
sit wenn sindt ir der kunst so vol,
das ir die narren witz solt leren
und ir thorheit von in bschweren?
Murner narrenbeschwörung 5 ndr.;
ein narr doch nimmer kompt zu witz,
ehe denn er sich am schaden schmitz
Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, h 7ᵇ;
an verbalen verbindungen kennt das mittelhochdeutsche (guoter) witze walten und das häufige witze pflegen, s. kaiserchronik 10 E. Schr.; späterhin heiszt es: vernunfft und witz brauchen adhibere rationem Frisius dict. (1556) 34ᵇ;
braucht rechte witz unt kainen närrschen wan
P. Schede psalmen 14 ndr.
die bedeutung 'überlegtheit, bedachtsamkeit' liegt oft sehr nahe: das weiblich geschlecht ist ... unfürsichtig, weils nicht alles was es sihet und höret, mit witz und vernunfft betrachtet Nigrinus von zäuberern (1592) 163; bei dem hertzogen war mehr ein baurerische freiheit und thumbkühnheit als grosser witz und verstand H. Rätel J. Curäi chron. v. Schlesien (1607) 338; wir weren von ubermässiger vorsichtigkeit und witz, mangelhafft an courage theatrum amoris (1626) 87. ähnlich als 'besonnenheit, verständigkeit':
wan Karitas aleine
dâ sach mit flîz ir frowen an,
wand sie von witzen sich versan,
daz sie in die senenden swære
von ir schulden komen wære
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 3312.
a)
eigen ist dem witz, dasz er in langsamer reife entsteht; vgl. witz kompt nit vor jaren Seb. Franck sprichw. (1545) 1, 44ᵃ:
ist ain kint an wizen las,
dan ist niht grosses wunders an.
ain kint tuot so es beste kan
und darnach sine wizze sint
Rudolf v. Ems Willehalm 12850;
wie ein einfältiges kind ohne witz Cl. Brentano ges. schr. 4, 7; doch auch:
dehein kint was sô kleine   daz witze mohte haben,
daz muose gên zem opfer
Nibelungenlied 1054, 1 B.;
und sonst:
die helde giengen sitzen   in einen palas wît.
mit tumplîchen witzen begunden reden sît
von edeler vrouwen minnen   Hôrant unde Fruote
Kudrun 224, 2;
dass er sich entschlug der lastern ..., besunder so er jetzunt ... witz gnug het Seb. Münster cosmogr. (1550) 884; inhaltlich bestimmte einsicht:
vater mîn, swie tump ich sî,
mir wonet iedoch diu witze bî
daz ich von sage wol die nôt
erkenne, daz des lîbes tôt
ist starc unde strenge
Hartmann v. Aue d. arme Heinrich 594;
ze den wizzen komen bedeutet geradezu reifer, älter werden:
swenner kumet ze den wizzen,
daz er daz erbe sol besizzen
kaiserchron. 1383 Schr.;
man barg in vor ritterschaft,
ê er kœme an sîner witze kraft
Wolfram Parzival 112, 20;
daher mit zeitlichem begriff verbunden:
die wisten die da waren
an witzen und an jaren
Herbort v. Fritzlar 18115;
an witzen unde an jâren
ze guotem râte wol gestalt,
des lîbes edelich und alt,
beidiu grîse unde wîse
Gotfried v. Straszburg Tristan 15348;
am ende steht die weisheit des alters:
nu var hin balde unde samen
von Israhel die alten,
die witze kunnen walten
Rudolf v. Ems weltchron. 9501;
ehrsame, erbare, betagte männer und witfrauen, welche an witz und erfahrenheit den andern weit vorzusetzen Moscherosch gesichte (1650) 1, 137. daher als gleichartig mit alter verbunden, s. rechtsaltertümer 1, 568:
diu jugent ie nâch fröuden strebt,
mit sorgen witze und alter lebt
Freidank 52, 1 B.
inhaltlich als bestimmte einsicht, vernünftige erkenntnis:
eteslîch die witze hât,
sô ime sîn tuon nâch wunsche gât,
daz er des nimmer sich verhebet,
swie vil gluckes er entsebet
Ebernand v. Erfurt Heinrich u. Kunigunde 4645;
so di wicz
der sunder gewinnet
das er das recht minnet
und mit ganczer treu
hat gros und recht reu
Heinrich v. Burgus d. seele rat 6300.
b)
besonders rein tritt die bedeutung als ratio hervor, wenn von ihrem teilweisen oder gänzlichen mangel die rede ist:
du weist wol das min man
sih rehte niht virsinnin kan:
witze mit bescheidinheit,
das ist im also gar virseit,
das ih muoz al das mine
berihten und das sine
an alle sine lere
Rudolf v. Ems weltchron. 25327;
wie viel witze muss der kopff wol haben, der an den orth gepott legt, da er gar kein gewalt hat Luther 11, 263 W.; du wellest dan kein sin, witz und verstandt haben J. Strausz beichtpüchlin (1523) b 2ᵃ; wider alle sinn, witz und vernunft theatrum diabol. (1569) vorr. 4; weil sie (die Lappen) mit dem sack oder narrn geschlagen oder einen sparn zu viel oder zu wenig haben, dardurch sie von dem rechten mittel der witze irr gehen J. Boterus allgem. weltbeschr. (1596) 1, 149. in rechtlichen bestimmungen: diu (witwe) mak wol irre chinde getriwer pflæger sin an allen dem gute als davor geschriben stat, ez enwære danne als verre, daz si in den witzen niht wære noh in der beschaidenheit stadtb. v. Augsburg 144, 9 Meyer; was dann diejhenigen belangt, die nit unsinnig, sonder an irem verstand und witz sonst manglhaftig sein, solliche leuth mügen gleicher weis auch nit testieren (16. jh.) B. Walther privatrechtl. tractate 165 Rinteln. anscheinend redensartlich: diss aber zu sehen oder glauben, wäre uber rechten witz gehauen Guarinonius grewel (1610) 470; vgl.über die witz hinaus kommen ultra peram sapere Weismann lex. germ.-lat. (1698) 450; er komt über die witz hinaus; die witz steigt ihm drei spannen über den kopff ultra peram sapit, plus justo sapit Aler 2 (1727) 2203. vom vorübergehenden zustand der gedankenabwesenheit oder der bewusztlosigkeit, also mehr in physischem sinne:
duo si dô wart ze wizzen,
daz si mahte sizzen,
dô frâcte si der vischære,
wannen si wære
kaiserchron. 11908 Schr.;
von des helmes dôze   und von des swertes klanc
wâren sîne witze   worden harte kranc
Nibelungenlied 2047, 2 B.;
weder ern sprach dô sus noch sô:
wan er schiet von den witzen dô
(Parzival beim anblick der blutstropfen)
Parzival 289, 2;
wer gantz truncken ... ist, der fällt darnider ... ohne sinnen, witz und verstandt Äg. Albertinus zeitkürtzer (1603) 12; manche armee ist überfallen und geschlagen worden, wenn die chefs davon oder andere officiers und die soldaten ihren witz versoffen gehabt und zur zeit des angriffs nicht gewust haben, was zu thun sein möchte H. v. Fleming vollk. teutsch. soldat (1726) 97. einige feste verbale verbindungen sind schon mittelhochdeutsch bezeugt: darüber er ... in solchen grim und melancholischen eiffer geriethe, dasz er auch von witz und sinnen kam M. C. Schütz hist. rer. Pruss. (1592) o 2ᵇ, vgl. mhd. von (ûz) den witzen komen Rolandslied 215, 15 Gr.; Eneide 342, 8 Ettm.; Iwein 5194; krone 12256; livländ. reimchron. 7099; es sei in der hellen ein solches stettwehrendes heulen, grissgramen und zeenklappern, dass einer schier sinn und witz vergess J. Ayrer hist. proc. juris (1600) 592, vgl. mhd. sîner wizze vergezzen Rolandslied 215, 28 Gr.; mir (sind) denn fast witz, verstandt und alle kräffte benommen engl. com. u. trag. (1624) s 3ᵇ; beraubt ... aller witz (durch Circes kunst) Rollenhagen froschmeuseler (1595) f 1ᵇ; Kosrhoes ... tol und seines witzes beraubet Buchholtz Herkuliskus (1665) 72, vgl. mhd. der witze beraubt Suchenwirt 259 Pr.; sehr häufig den witz verlieren:
hostu sin und wicze verlorn?
adder warumb hostu so groszen zorn?
Alsfelder passionssp. 624 Gr.;
ich meine, das heisse vernunft, sinn und witze verloren Luther 18, 119 W.; durch weniges schlaffen und vieles lesen ertrucknete er ihm selbs das gehirn solcher massen, dasz er allen verstand und witz verlohr Bastel v. d. Sohle don Kichote (1648) 16; seine witz verloren haben haver perduto il cervello Kramer dict. 2 (1702) 1373ᵃ. vgl. ferner: (ich nach dem trunk) kaum so viel witz behielte, oben in das haus zu gehen, um eine ruhestatt zu suchen Grimmelshausen 2, 472 Keller und mhd. âne, sunder witze; witze bar, an witzen blint, letzteres noch bei Schwarzenberg:
also ist er an witzen blind,
der selbst dem teuffel geit ain kind
d. teutsch Cicero (1535) 140.
ungewöhnlich in urkundlicher formel statt des sonst üblichen mit (rechter) wissen, wissentlich: mit rechter witze recht und redelichen ... gegeben ... zwo ewige marg geldez (als seelgerät) Tilemann Elhen v. Wolfhagen Limburger chron. 139, 40 Wyss, vgl. ebda 132, 11; 133, 54; gleichfalls alleinstehend: thes ih gote almahtîgen in mînero kristanheiti gihiezi enti bî mînan wizzin forliezi Fuldaer beichte, s. Steinmeyer kl. ahd. sprachdenkm. nr. 48, 16 (vgl.so ih iz wizzantheiti dadi Lorscher beichte a. a. o. nr. 46, 37).
2)
der verstand, die natürliche auffassungs- und beurteilungskraft: temo uuizze unde sin gelazen sint, temo ist ouh kelazen chiesunga (nam quod naturaliter potest uti ratione, id habet iudicium) Notker 1, 311, 12 P.; formelhaft:
die fumf sinne sind dicze
(wer do hat wicze,
der mag si wol erkennen,
doch wil ich si nennen)
Heinrich v. Burgus der seele rat 312;
je mehr witz, je mehr irrgangen, dann des menschen verstandt gibts nit Paracelsus opera (1616) 1, 265ᴮ H.; je mehr vernunft und witz, je minder glaub und gehorsam des evangelii Petri der Teutschen weisheit (1604) 1, d 5ᵇ;
wahr ists, dem menschen ist verstand genug geschenket,
sein flüchtig denken ist kaum von der welt umschränket.
was nimmer möglich schien, hat doch sein witz vollbracht,
und durch die sternenwelt sich einen weg erdacht
A. v. Haller ged. 45 H.;
wie sie liegen, kann ich nicht ändern, aber wie die steine (im brettspiel) zu setzen sind, hierüber musz ich meinen witz befragen Göthe IV 24, 283 W.;
empfindung, schmuck der menschlichkeit! ...
du lehrst, nicht witzes grübelei
dasz lieb und freundschaft ewig sei
R. Z. Becker mildheim. liederbuch (1799) 71;
ich brenne vor ungeduld seinen witz (durch lösung einer inschrift) zu prüfen Fr. Creuzer an Karoline v. Günderode (1805) 96;
was wir zerpflückt mit unserm armen witze
Platen 1, 157 R.;
ihr (der farben) verkehr untereinander: das ist die ganze malerei ... wer seine menschliche überlegung, seinen witz ... irgend mit agieren läszt, der stört und trübt schon ihre handlung R. M. Rilke br. a. d. j. 1906 -1907 (1930) 401; natürlicher witz wie natürlicher verstand: in diesem Ottomano ist ein herrliche leibsstercke, natürlich witze und scharffer verstand und wunder gros glück beinander gewesen Justus Jonas türk. reich (1538) d 2ᵇ; je mehr der geist meines weibes sich emporschwang, je mehr sich ihr natürlicher wiz ausbildete Pfeffel pros. vers. 5, 16. gern, besonders in religiöser sprache, von der begrenztheit des menschlichen erkennens: da hütt dich nu für, lass vernunft und witze faren, die sich bekumert vergeblich, wie fleisch und bluth da sein müge Luther 11, 434 W.; was kondte Jona hie widder sagen? er muste verstummen als mit seinem eigen urteil uberwunden ... so gar ists nichts, menschliche witze gegen gott 19, 243; vgl. noch 30, 2, 168; 34, 2, 69; ein gott ..., der über aller menschen witz und vernunft die leute führet Hans v. Schweinichen 6 Ö.; dasz die person Christi wie auch seine menschwerdung aus natürlicher witze ... nicht könne erkannt werden Jac. Böhme v. d. menschwerdung Jesu Christi (1682) 3;
hier musz der witz sich neigen
und alle redner schweigen
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 404ᵇ;
dass gott zum kinde wird und allmacht ihren sitz
bei der verwesung nimmt, geht über meinen witz
Chr. Wernicke epigramme 191 Pechel;
die grenze des witzes ist ein auch heute üblicher ausdruck: nun sind wir schon wieder an der gränze unsres witzes, da wo euch menschen der sinn überschnappt Göthe I 14, 226 W.; daran erkennen wir verzweifelnd, dasz wir hier an der einen grenze unseres witzes stehen du Bois-Reymond grenzen der naturerkenntnis (1873) 16; vgl. Schiller 2, 35 G. als bezeichnung der denkkraft hat witz das gleiche epitheton wie verstand: ein scharfe witz Logau sinnged. 382 Eitner; mildigkeit, groszmuth und kindliche liebe waren mit dem schärfsten witze begleitet A. v. Haller Usong (1771) 17; sich mit witz esprit (s. II) vermischend: war unser umgang nicht ein ewiges weben von der feinsten empfindung, dem schärfsten witze Göthe I 19, 13 W.; entsprechend auch verbunden mit scharfsinn:
der degen kommt nicht aus der scheide,
der witz, der scharfsinn aber musz heraus
Schiller 13, 368 G.;
die herren erschöpften ihren witz und scharfsinn in allen möglichen vermutungen Mörike 3, 16 Göschen. immer wahrt witz den rein rationalen charakter, auch dort, wo einflusz von esprit vorliegt (s. II A): man verbinde mit der zärtlichkeit des witzes groszmütige gesinnungen des herzens Lessing 4, 456 Muncker; der witz kann nur frostige danksagungen hervorbringen, und ein zärtlich herz allein kann so feurig danken als Rousseau dankt 4, 216; er hat so viel witz, dasz man an seinem guten herzen zweifeln sollte; und ein so gutes herz, dasz man ihm wenig oder keinen witz zutrauen sollte 14, 197; sein herz und seinen witz brauchen 6, 408; doch habe ich überall mehr das herz als den wiz und den verstand reden lassen K. L. v. Haller staatswissensch. 1, vorw. l; sie (die bekehrer) wandten sich an witz und gemüth jedes einzelnen G. Freytag ges. w. 17, 220. auch hier kann witz inhaltlich festgelegt sein und eine bestimmte einsicht, erkenntnis bedeuten;
nû ich die wizze nîne hân,
sô der lîf irstervit,
waz sal der sêlen werden?
könig Rother 4428 v. Bahder;
da ich niht der wizze kan,
da vind ich mängen wisen man
der mich kan geleren wol
wie ich ritter wesen sol
Rudolf v. Ems Willehalm 5411;
wem sol man aber klagen itzt?
ich hab in dem nit sondre witz,
doch wil ich sagen mein vorstandt
Ulrich v. Hutten opera 3, 531 B.;
als 'rechter sinn', losgelöst vom persönlichen: zur haubtsachen wollen wir komen, wie die schrift sol widder unsern verstand sein. villeicht wird sich hie die witze finden Luther 26, 412 W. aus der umgangssprache: du hast den witz davon den rechten begriff Schiller 3, 358 G. heute weit verbreitet: das ist der witz die hauptsache, quintessenz, vgl. det is der witz Brendike Berliner wortschatz 193 und: das ist der hauptwitz und der hauptgrund meiner bewunderung Th. Fontane br. an seine familie 2 (1905) 232.
3)
ohne nähere charakterisierung.
a)
als geistige kraft schlechthin, auch pluralisch:
unt solt ich iu die slihte machen krump,
daz wær den witzen mîn vil baz gemæze
Lohengrin 3293 R.;
so wir von gote in bosen gedanken werden verlazen, das geschiet darumbe, das wir unsere werc und unser wicze deste unhoer mugen gewegen der veter buoch 17 P.;
iu (den göttlichen personen) ist ein macht, ein wicz, ein muet,
ir drei ein got, ein natur ir drei
Heinrich v. Burgus der seele rat 3750;
(darum) kan da kein krafft noch macht, kein witze noch verstand sein, damit wir zur gerechtickeit und leben uns kündten schicken odder trachten Luther 26, 503 W.; steur dich nicht auf dein witz Seb. Franck sprichw. (1541) 1, 121ᵃ; streit und sieg stehe schlechts nicht in menschen kraft noch witze, sondern im gluck Luther 23, 9 W.; solh abtrünig lerer sein verschiener zeit in Teutschland aufgestanden ..., si vertrauen iren witzen mer dann gemain lerern Berthold v. Chiemsee teutsche theologei 107 R.; es hilft kein kunst noch witz wider gott Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, a a 1ᵇ; durch sein faust, witz, arbeit ... sich bereichen Dannhauer catechismusmilch (1657) 1, 345; man solle unsren hausrath, unsre tafel, unsre gegenwärtige manierligkeit gegen die vorige einfalt (der vorfahren) stellen und dann urtheilen, an welcher seite mehr wiz sei Leibniz bei Pietsch Leibniz 46; dem allen menschen angebornen trieb witz und hände zu beschäftigen Wieland Agathon 2, 89; ich will ... meinen witz und meine zunge nur eurem dienste widmen J. M. Babo schausp. (1792) 22; über die jahre hinaus, so an gesundheit und kraft deines leibes als an witz und verstand Alexis Roland (1840) 2, 228; gekoppelt:
wise
an sinne und an witze
Herbort v. Fritzlar 2961;
vulheit vordervet sinne unde wit Tunnicius sprichw. nr. 909 H.; an seiner witz und verstandt ist nicht viel gelegen Reutter v. Speir kriegsordnung (1594) 7; gleich wie mir hierdurch witz und verstand stumpf und untauglich ward, also namen auch das fleisch sampt den kräften meines leibs ab Grimmelshausen 2, 592 Keller; näher bestimmt:
der glieder kraft, witz etwas zu beginnen,
ein frischer leib bei gleichfals frischen sinnen,
disz ist der sie und alle welt bezwingt
Opitz Sidneys Arcadia (1638) 536;
gar mancher kriegt ein amt durch dessen (des volkes) blinde gunst,
und hat doch keinen wiz, ist ohne raht und kunst
Joh. Grob 173 epigr. 173 L.;
zu verwundern und zu erbarmen ists, dasz ... diejenigen, welche durchaus keinen verstand noch witz haben, nach den digniteten und embtern trachten Äg. Albertinus Lucifer 42 L.; wie geist: alles, was man kunst und wissenschaft nennet und durch menschlichen witz erfunden worden Schottel haubtspr. 74; manchmal ... hat auch ein mensch, den man für dumm hält, nur keine gute auferziehung und anführung gehabt. sein witz ist nur nicht aufgewecket worden Gottsched beob. (1758) 377; die Wälschen ... nannten seine (des Deutschen) sitten steif und ungefällig, seinen witz stumpf E. M. Arndt schr. für u. an s. l. Deutschen (1845) 1, 366.
b)
in festen verbindungen verflüchtigen sich die bestimmten umrisse am ehesten: so he ummir allirmeist can mit sinin wizzin unde mit sinin sinnin Mühlhäuser reichsrechtsbuch 163 M.; das nicht müglich ist aus unser macht odder witze ein hünlin odder fercklin, ja auch nicht ein körnlin odder helmlin zu erhalten odder behüeten, schweige das wirs machen odder schaffen solten Luther 30, 3, 575 W.; (Lucifer) wollte aus eigner witze über gott herrschen Jacob Böhme s. w. 4, 58 Sch. verbale verbindungen:
do kerten sie (die hebammen) ir witze,
wie sie daz kint bewarten
priester Wernher Maria 197, 13 W.;
diu wîse küniginne
diu kêrte alle ir sinne
und alle ir witze dar an,
wie sî generte einen man
Gotfried v. Straszburg Tristan 7917;
hatte nun der könig mit Tigranes diese nacht allen seinen wiz angewendet, wie das frl. möchte wieder erhaschet werden Buchholtz Herkuliskus (1665) 477; ich gebotte aller meiner wenigen witz zusammen Grimmelshausen Simplicissimus 43 Scholte; da will ich zeitlebens allen meinen witz ... aufbieten, dich glücklich zu machen H. L. Wagner theaterstücke (1779) 142; seinen witz anspannen Klinger w. 3, 74; ich sehe auch, dasz man seinen witz und verstand gewaltig recken und foltern musz, wenn man diese beiden stücke, den abscheu für Miltons gedichte und den scharfsinnigen geschmack zusammenreimen will Bodmer krit. schr. 6, 54; all seinen witz zusammennehmen Hebbel w. 1, 28 W. in formelhaften einschüben: so weit sein sin und witz reich Seb. Franck chron. Germ. (1538) 94ᵇ; als ferre uns sinne unde wicze dragent Tilemann Elhen v. Wolfhagen Limburger chronik 146 Wyss.
4)
witz als 'klugheit', gelegentlich gesteigert zu 'weisheit'. es kann sich um angeborene oder erworbene klugheit handeln auf geistigem wie auf praktischem gebiet. von gelehrter klugheit:
mir warun thio iwo wizzi   ju ofto filu nuzzi,
iueraz wisduam; thes duan   ih mihilan ruam
Otfrid Salomoni ep. 9;
in religiöser sprache leicht mit dem anflug einer irdischvergänglichen gabe:
o witz und guͦt und weltlich er,
wie triegent ir so grimme ser
Seuse 399, 12 B.;
durh daz habe dich an ir (der Sapientia) lêre,
daz furdert dich ze gote mêre
dan witze oder rîchtuom
oder aller dirre werlde ruom
Lamprecht v. Regensburg tochter Syon 1793;
diu zwai sint underschaiden, weishait und witz, wan weishait ist aigenleich ain spiegelschawen götleicher unde übernâtürleicher ding und haizet ze latein sapientia. aber witz ist ain umbsihtichait in menschleichen werken, daz ze halden ist und daz ze lâzen, und daz haizt ze latein prudentia Konrad v. Megenberg buch der nat. 438, 6 Pf.; vgl.schöner, guter witze pflegen, walten bei J. Trier wortschatz 177; 181; 185; 224;
wer witz und adel dahin stelt
allein, wo reichthumb ist und gelt,
der treugt ander und wird betrogen
Kirchhof wendunmuth 2, 26 Ö.;
wie mancher stürtzet seine seel
durch klugheit wie Architophel
und nimmt, weil er dich nicht recht kennt
durch seinen witz ein schrecklich end
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 417ᵃ;
hier (auf dem kirchhof) siehstu, liebstes kind,
was hoheit, wiz und pracht und was wir menschen sind
J. Chr. Günther 1, 156 Kr.;
si haben zu viel verstand und hohen witz, darum bleiben sie im vorhofe Zinzendorf christl. bed. (1735) 20; ferner: tück ist nicht witz Lehman floril. polit. (1662) 1, 503;
so wenig fried und krieg einander wohnung gönnen,
so wenig mögen wiz und stolz beisamen sein —
nur wo die thorheit wohnt, da kehrt die hoffart ein
Joh. Grob epigramme 111 Lindquist;
da (in der welt) ist immer einer dem andern an witz und vermögen überlegen U. Bräker s. schr. (1789) 2, 253;
da sinkt die grosze weltherrschaft von Rom
vor eines wilden witz zusammen
H. v. Kleist 2, 445 E. Schm.;
tausend Finnen ... sich auf deinen muth und witz verlassend Grabbe 1, 154 Bl.;
selbst der mut
in deiner brust, der witz in deinem hirn
war Judahs mut und witz
O. Ludwig ges. schr. 3, 360 E. Schmidt.
als klugheit auf bestimmtem gebiete, darum auch verschieden wiederzugeben:
als der von Eschenbach
sie (die worte) schôn floriert mit rîcher witze gesmelze
Lohengrin 7636 R.;
die königliche burg desz Cyri ist ... nach aller witz und weiszheit erbauet gewesen Meyfart das himmlische Jerusalem (1630) 1, 144; wenn die europischen baumeister ... diese starcke steinerne schleusen in augenschein nehmen, würden sie sich warlich über der Sinesen fleisz, arbeit, witz und künste nicht gnug verwundern können J. Neuhof die gesantschaft (1666) 142ᵇ. mhd., aber auch späterhin, mit witzen:
(Trajan) enthielt wol mit wizzen
sîn kuniclîh gerihte
kaiserchron. 5841 Schr.;
he regerde sine lande mit groter witte holstein. reimchron. 93 W.; (er) setzet seinen sin mit witzen uf die heiligen geschrift der heiligen leben wintertheil (1471) 2ᵇ. unter den zwillingsformeln erscheint häufig, durch alliteration begünstigt, witz und weisheit, schon mhd. witze unde wîsheit Otte Eraclius 1693: die bulle ... ein stück sonderlicher witz und weissheit B. Schupp schr. (1663) 422; mit klugheit begabet, ja mit witz und weisheit gekröhnet Ph. Zesen Simson (1679) 374; Neukirch anfangsgründe (1724) 463. häufig verschmolzen sind kunst und witz: noch vrund noch guot noch kunst noch witz Seuse 280 B.; die gnade der kunst und der witze erste dtsche bibel 2, 4; es hilfft kein kunst noch witz wider gott Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, A a 1ᵇ; die kunst und witz Spee trutznachtigall (1649) 122; euren witz und kunst hab ich nicht Göthe I 39, 31 W.; ebenso witz und tugend (vgl. wissenschaft und tugend u. ä., s. sp. 786): Lohenstein Arminius (1689) 1, 65ᵇ; Weichmann poesie der Niedersachsen 3, 97; Chr. Günther 1, 244 Kr. mit objectiverem gehalt von kultureller leistung:
indem uns Teutschen nur die lieb der frembden sitten
der frembden sprach und kunst ist in das hertz geschnitten ...
ligt underdessen tieff in ihrem staub vergraben
die zierde teutscher witz mit ihren schönen gaben
bei Zinkgref apophthegmata (1628) 1, *** 3ᵇ;
gott sei lob, der uns Teutschen so wol hirn in den kopf gegeben als jenen (den Italienern), die den ruhm der witz ihres bedünckens allein zu besitzen vermeinen Zinkgref-Weidner teutscher nation weisheit 3 (1653) 4;
o Phöbus gute nacht ...
du wirst genung von mir biszher gepriesen sein
als gott der poesie, der witz und kunst erfindet
Opitz Sidneys Arcadia (1638) 893.
in redensarten und sprichwörtern ist witz häufig die überklugheit: witzboldkinder, die frü anstehen in der witz, gerathen selten Seb. Franck sprichw. (1541) 2, 134ᵇ; früzeitige witz ist nit on litz schöne weise klugreden (1548) 167ᵇ;
die kunst und klugheit manchen sticht,
dasz er für witz sich kennet nicht
Petri der Teutschen weisheit (1604) 2, q 7ᵃ;
er ist der kunst oder witz gar übers nest und eier kommen Lehman floril. polit. (1662) 1, 209; witz ... hörts grasz wachsen, die flöh hüpfen, die mücken an der wand nieszen ebda 2, 919; witz meint, si sei ein grosz fackel und ist kaum ein lucern ohne licht ebda; witz ist superfein und superklug ebda; er meint er habe die witz allein gefressen Dentzler clavis (1716) 2, 354ᵇ; über die witz hinauskommen 354ᵇ; aller witzen mutter Thales, alter Thales; siehet mir die witz an salve Thales Aler dict. 2 (1727) 2203ᵃ;
was ist ein junferding?    ein thier durchaus gefüttert
mit falschheit, wahn und witz, mit stoltzheit gantz begütert
Rachel satyr. ged. 125 ndr.
in diesem ironischen sinne häufig, auch in jüngerer zeit: wollte gott der burgemeister von Nürnberg ... käm uns in wurf, er sollt sich mit all seinem witz verwundern Göthe I 8, 58 W. (Götz); könnt ich ... ihnen das tägliche brot und den täglichen wein entziehen ..., dann wäre den Pforzheimern ihr witz bald vergangen E. Strausz der nackte mann (1912) 194. von einer handlungsweise und so inhaltlich näher bestimmt:
si wellent, daz daz iht witze sîn,
swer rôtez golt under diu swîn
werfe und edel gesteine
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 7, 15 Pf.;
verdeutlicht durch artikel:
sun, merke eine witze,
und flêhe in (gott) umbe dîne nôt
Wolfram Parz. 119, 22;
zwischen stülen nider sitzen
wardt nie geachtet für ein witzen
Murner schelmenzunft 68 ndr.;
ich benim allen den ir chlag
den du schaden hast getan,
wan ich die wicze wol han
Heinrich v. Burgus d. seele rat 1416;
die höchste weisheit.
gott und sich im grunde kennen,
ist die höchste witz zu nennen
Logau sinnged. 243 Eitner;
von einer bestimmten fertigkeit: ob denn mit der elen ein stück seiden auszzumessen ein gröszere witz sei, als ein gut baar stieffel zu machen Lehman floril. polit. 1 (1662) 395; wer andern exempeln will folgen, der hat wol in acht zu nehmen, ob er auch alle specialgriff und witz wisse, die bei vorigen sachen gebraucht worden 1, 215. inhaltliche züge wie hier gewinnt witz auch bei zugefügtem adjectiv: jeder tracht nach politischer witz, niemand nach redligkeit Lehman floril. polit. (1662) 2, 919; sein kriegserfahrner witz erkannte ... Besser schr. 1 (1732) 48; gelehrter witz ist selten nütz Binder 215. als 'gewandtheit, geschicklichkeit, klugheit in bestimmter lebenslage', überleitend zur folgenden gruppe:
hör Reinhart mein, ich hab nur einen witz,
die wil ich auch gebrauchen
in dieser unsrer noth
Reinicke fuchs (1650) 337.
der witz hat, läst ihme nicht ins spiel sehen Lehman floril. polit. (1662) 1, 82;
nun überlasz es meinem witze!
Göthe I 14, 87 W. (Faust v. 1848);
(Mignon) antwortete ... sonderbar, doch so, dasz man nicht unterscheiden konnte, ob es witz oder unkenntnisz der sprache war I 21, 172; der diebstahl der kirchensachen (wird) für witz und verschlagenheit ... gehalten M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 3, 234; der teufel (brauchte) allen seinen witz, um ihn zu verstand zu bringen Klinger w. 3, 247; es (sei) seinem eigenen witz anheimgestellt, nur den bescheid wegen der lämmer zu finden Scheffel ges. w. 1, 108; auch wer guten witz hat, wird von der kammer aus die thür nicht errathen G. Freytag ges. w. 11, 164.
5)
'gescheitheit, schlauheit, list', bei Stieler steht diese bedeutung voran: witz ... sapientiam et prudentiam denotat, utplurimum in malam partem accipitur, ut sit astutia, calliditas, versutia, vafrities, fucus, fraus artificio recta stammb. (1691) 2570; vgl. behendigkeit, list, witz, geschwindigkeit, geschickligkeit alacritas, astus, astutia, calliditas, industria, celeritas propria animorum est et factorum sicut velocitas pedum et corporum, ... Henisch (1616) 252; calliditas behendigkeit, witze Corvinus fons latinitatis (1646) 130; weisheit steht dieser entwicklung fern (s. belege unter 4 eingangs): weiszheit hat ihr absehen auf nutz und erbarkeit, die witz allein auf nutzbarkeit Lehman floril. polit. (1662) 2, 919; weiszheit kompt von gott, witz ausz listigem kopf ebda; auch klugheit macht diesen schritt nicht mit: nun mag der witz wieder gut machen, was die klugheit versehen hat Grillparzer s. w. 11, 247. die verbindung mit dem sinn des schlauen, listigen erfolgt schon sehr früh:
gunêrtiu heidensch witze
hât uns verstoln den helt guot
Wolfram Parz. 105, 16;
inhaltlich:
Isôt vant in ir kintheit
eine witze und einen list
('einen schlauen ausweg')
Gotfried v. Straszburg Tristan 12441;
das üch ein wib mit irer witz
hat bracht umb üwer regiment
Murner geuchmat 2579 Uhl;
ich musz gestehen, er hat so einen verschmitzten schettel (schädel), dasz sein gelbschnäblichter witz meine alte rencke weit übertölpelt, dasz ich alter krippenstöszer noch immer von ihme zu lernen habe Schoch studentenleben 29 Fabr.;
der witz ersetzt oft die gelehrsamkeit.
der schlaue Nelson ...
half sich hiedurch aus der verlegenheit
Ramler fabellese 3, 236;
ihn irrt, ihm widerspricht
der zähren witz, die ihre wangen netzen
Hagedorn poet. w. (1769) 2, 284;
verbunden mit list: der fuchs steurt sich auf sein witz und list schöne weise klugreden (1548) 169ᵃ;
die zarten Charites verehrten freundlichkeit,
die Suada witz und list, Minerva kunst und tugent
Opitz teutsche poemata 99 ndr.;
gefahr zeugt list, witz ist der furcht gesell
Freiligrath ges. ged. 6, 214;
als 'arglist':
du bist witzig in dinen sack,
vor diner witz keiner trüyen mag
(sagt die 'wahrheit' zur 'arglistigkeit')
schweizer. schausp. 2, 144 B.;
darin werd ihr spüren
die witz der päpstischen sophisten,
wie sie die leut verführen
Fischart binenkorb (1588) a 3ᵃ;
witz und falschheit, raub und mordt
hie und dort
Königsberger dichterkreis 161 ndr.;
satirisch: hier barbar! weide dich an der entsetzlichen frucht deines wizes Schiller 3, 505 G.
II.
witz unter dem einflusz von frz. esprit (engl. wit).
A.
als gabe der geistreichen einfälle ohne scherzhaften nebensinn.
1)
die ältesten belege und frühesten begriffsbestimmungen.
a)
der begriff kommt mit einer neuen auffassung des geselligen lebens und der stellung der frau aus der fremde:
nechst sagt ein alter greisz: iemehr die jungfern schweigen
iemehr künn ohne wort ihr preis gen himmel steigen ...
schweig, vater! ... die ethic ist vermodert,
die deiner zeit gieng um; was mehres wird erfodert,
dasz damen lieget ob ... die nur mit stummen sitten
und siegelfestem mund ihr angesicht erbitten,
wie larven ohne hirn, die tügen nicht hieher ...
die zunge musz es thun, solln cavalliers erlernen
discreter damen witz; solln sie sich nicht entfernen
von ihrer seite weg, so musz die zung es thun
Logau s. sinnged. 235 Eitner;
in Franckreich macht man sie (die geliebte frau) von lauter geist und witz
Chr. Wernicke epigr. 186 Pechel;
von den poeten, wiederum mit geist verbunden:
die durch vieler jahre wissen, die durch vieler jahr erfahren,
innerlich sich schön und hurtig voller geist und witz gebahren
Logau s. sinnged. 522 Eitner.
b)
der neue begriff hat im 17. jh. noch keine feste deutsche bezeichnung, vgl.: die phrases mögen excerpiret werden, wie sie wollen, so will sich doch die realität und der geist oder wie die Franzosen sprechen der esprit nicht finden Chr. Weise cur. ged. (1698) 19. das allmähliche vordringen von witz läszt sich dort am deutlichsten beobachten, wo man gezwungen war, sich mit dem fremdsprachlichen esprit auseinanderzusetzen.
α)
der jesuit D. Bouhours sprach in seinem werk 'les entretiens d'Ariste et d'Eugène' (1671) den Deutschen den 'bel esprit' ab. was man in Frankreich darunter verstand, sagt Voltaire im dict. philos. (unter esprit II): '(bel esprit signifie) esprit supérieur, talent marqué ... c'est en ce sens, que le P. Bouhours aurait eu raison de faire entendre, d'après le cardinal du Perron, que les Allemands ne prétendaient pas à l'esprit, parcequ'alors leurs savans ne s'occupaient guère que d'ouvrages laborieux et de pénibles recherches, qui ne permettaient pas qu'on y répandit des fleurs, qu'on s'efforçât de briller, et que le bel esprit se melât au savant'. zu beginn der literarischen fehde, die sich an diesen vorwurf anschlosz, fehlt noch das deutsche wort, das frz. esprit, bzw. bel esprit eindeutig hätte wiedergeben können, vgl.: aber uns armen Teutschen giebt er (Bouhours) eine scharfe lection, indem er uns mit denen Moskovitern vergleichet, und vorgiebet, als wenn das gar was sonderliches wäre, dasz ein Teutscher und Moskoviter einen schönen verstand (un bel esprit) habe ... der kardinal Perron habe von dem jesuiten Gretsero gesagt, dasz er genung verstand (bien de l'esprit) für einem Teutschen habe, ... er setzet auch die ursache seiner meinung darzu, dasz nemlich ein schöner geist (bel esprit) sich gantz und gar nicht mit dem groben temperament und massivleibern der nordvölker comportiren könne Chr. Thomasius von nachahmung der Franzosen 27 lit.-denkm.; vgl. ebda s. 31, wo Thomasius beaux esprit und schöner geist verwendet. der gebrauch von witz bzw. witziger kopf liegt ihm noch fern, ebenso W. E. Tentzel in der besprechung einer gegen Bouhours gerichteten lateinischen schrift von J. Fr. Cramer: (die) fertigkeit, schärffe und munterkeit des menschlichen verstandes, welche die Frantzosen bel esprit nennen, die alten Lateiner aber ingenium excellens, illustre, peracre et limatum monatl. unterredungen (1695) 154; P. Bouhours wendet ein, dasz die leute, so nach dem norden zu wohnen, wegen ihrer dicken und starcken leiber keinen subtilen und galanten geist haben könten, aber der herr Cramer berufft sich auff die erfahrung, dasz zu allen zeiten die natur unter ihnen geschickte köpffe hervorgebracht 157; vgl. ferner: hurtige köpffe 155; ingenieux sein 155; einen guten kopf haben 155. dagegen verwendet Chr. Wernicke, vielleicht beeinfluszt vom englischen wit — seine mutter war Engländerin — witz als deutsche entsprechung von esprit. noch beläszt er in seinem epigramm 'auf den witzigen Burrhus' den französischen ausdruck bel esprit (den späterhin Ramler in der überarbeiteten ausgabe (1780, s. 144) durch schöner geist ersetzt):
wenn Burrhus fraget, ob es müglich
vor einem Deutschen sei ein bel-esprit zu sein ...
epigr. 340 Pechel,
doch in der anmerkung dazu heiszt es: wo wir (Deutsche) nur den geringsten anspruch zum witz machten ebda 341; Bouhours, der allen witz allein gefressen zu haben sich eingebildet, hat ... die sache ... also abgehandelt, dasz er alle einfälle, die, ich will nicht sagen, sinnreich, sondern ... nur nicht abgenützt sind, vor neue ... angeführet hat 260; wären alle verse des herrn von Lohensteins diesem gleich, so könte man es dem ehrwürdigen vater Bouhours nicht verdencken, dasz er uns nicht mehr witz als den Mossckowitern zuerkennet habe 125. Gottsched und seine schule verwenden witz unbedenklich in dem neuen sinne:
es ist ein alter wahn, den hochmuth ausgeheckt ...
dasz nie verstand und witz die alpen überstiegen
dasz die, die an dem pol des kalten bären liegen,
nicht feurig, geistig klug und sonsten allgemein
zu jeder wissenschaft zu träg und schläfrig sein.
der vorwurf braucht beweis! allein wo steht geschrieben,
dasz witz und wissenschaft nur süderköpfe lieben
G. E. E. Müller bei Gottsched krit. hist. (1742) 173;
die ehrenrührige frage ...: si un Allemand peut avoir de l'esprit ob ein Deutscher auch witz haben könne Gottsched in: Bayles wb. 1 (1741) 645; vgl. ferner noch: ich habe auch die 'entretiens', in welchen er (Bouhours) behauptet, ein Deutscher könne viel bücher haben, aber keinen witz Gleim an Ew. v. Kleist 17. 10. 1757, s. W. Körte Gleims leben (1811) 92. mit klarem bewusztsein für das undeutsche des begriffes: wenn ihr nun eine versprechung nennen wollt, die ihr nicht zu halten gedenckt, in der hofbedeutung? wie? ihr könnt euch blind suchen und werdet kein wort im deutschen dafür finden ..., die Franzosen, die uns solche versprechungen thun lehrten, haben uns auch das wort dazu gegeben ... es heiszt 'promesse'. ... hierbei fällt mir die berühmte frage ein: si un Allemand peut avoir de l'esprit? wäre ich in Paris zugegen gewesen, so hätte ich gesagt, distinguendum est zwischen esprit im französischen verstand und esprit im deutschen, nehmen sie es im ersten verstand, hätte ich höflich gesagt, sage ich 'quod non', nehmt ihrs aber in dem verstand, worin wir und die Engländer witz und wit nehmen, so wolt ich, dasz euch die schwarzen husaren hätten, ihr Roszbacher schelmen Lichtenberg aph. 3, 92 L.
β)
der vorwurf wurde wiederholt von Mauvillon in seinen 'lettres françaises et germaniques' (London 1740). in der übersetzung des 10. briefes 'von den deutschen poeten' (bei Bodmer krit. schr. 5 [1742] 30 f.) läszt sich deutlich die unsicherheit in der widergabe von esprit sehen. wo im folgenden witz, geist oder auch geist und witz steht, hat die französische vorlage nur esprit: was fehlt Deutschland denn, dasz es keine groszen poeten hervorbringt? nichts als geist ... es wäre zuviel gewesen, wenn sie (die natur) ihnen auch noch witz und geist ... zugetheilt hätte ... rühmet die gestalt der Deutschen ..., aber saget mir nicht, dasz sie geist und witz haben ... aber warum haben die Deutschen nicht so viel witz als andere nationen? ... man hält in diesem lande sehr wenig auf geist, und dieses ist eben kein mittel, den witz in schwang zu bringen, in Deutschland sind ein geistreicher kopf (un homme d'esprit) und ein Clausnarre eines, was das andere, ... geistreich zu sein (avoir de l'esprit) ist ihnen verboten ...; in Frankreich liebet man das, was der witz feines und leckeres hat; nur dadurch kan man sich hervorthun. wer nur geist hat, ist bei allen Franzosen willkommen und kan sie nur vor seine gönner ansehen. er hat keinen andern titel nöthig, als dasz er ein geistreicher kopf (homme d'esprit) sei; ... es ist gewisz, dasz man nichts geschicktes ausrichten kan, wenn man es ohne geist vornimmt. die gelehrtesten wercke taugen nichts, wenn sie nicht mit witze verfertiget sind; und der gröste lehrer wird nur ein verdrüszlicher schmierer sein, wenn er seine belesenheit ohne geist auskramet; so wie der gröszeste weltweise nur ein langweiliger schwatzer sein wird, wenn er seine schluszreden nicht mit geist würtzet, ob sie gleich sonst bündig sind. die sich anschlieszende definition von esprit beschränkt den begriff durchaus nicht auf dichterisches können, wie es titel und eingang des briefes vermuten lassen. der deutsche übersetzer setzt an dieser letzten, der entscheidenden stelle geist für esprit: der geist ist das vermögen des verstandes, das macht, dasz wir das, was wir sagen, mit anmuth sagen, und das, was wir thun, mit guter art thun. es ist die geschickte wahl, das feine wesen, das scharfsinnige urtheil, kurtz etwas nicht genug bestimmtes, das unsren gedancken und begriffen eine gewisse zierlichkeit mittheilet, das auszieret, was die vernunft erfindet, und ausschmücket, was der verstand hervorbringt ebda.
c)
die frühen deutschen definitionen haben ihr vorbild bei den englischen empiristen, vgl.: both fancy and judgment are commonly comprehended under the name of wit which seemeth to be a tenuity and agility of spirits Hobbes treatise on human nature (1640) chap. 10, § 4; Locke grenzt judgment als gabe, die verschiedenheit zu erfassen, gegen wit ab und definiert letzteres: wit (lies) most in the assemblage of ideas and (puts) those together with quickness and variety, wherein can be found any resemblance or congruity, thereby to make up pleasant pictures and agreeable visions in the fancy essay concerning human understanding cap. 11, § 2. darnach, freilich von aufklärerischer nüchternheit und wichtiger merkmale entkleidet: die leichtigkeit die ähnlichkeiten wahrzunehmen ist eigentlich dasjenige, was wir witz heiszen ... Chr. Wolff vernünftige gedanken von gott (1720) § 366. näher analysiert und zurückgeführt auf die seelischen voraussetzungen: wer scharfsinnig ist, der kan sich deutlich vorstellen, auch was in den dingen verborgen ist und von andern übersehen wird. wenn nun die einbildungskraft andere dinge hervorbringet ..., welche mit den gegenwärtigen etwas gemein haben, so erkennet er ... ihre ähnlichkeit. derowegen da die leichtigkeit die ähnlichkeit wahrzunehmen der witz ist, so ist klar, dasz witz aus einer scharfsinnigkeit und guten einbildungskraft und gedächtnis entstehet § 858; der sachliche geltungsbereich: was ich von dem witze gelehret habe, dienet nicht allein die redner und poeten, auch comödien- und tragödienschreiber, sondern auch selbst die autores, welche die disciplinen und dahin gehörige sachen beschreiben, zu beurtheilen und bei den erfindern und ihren erfindungen hat man auch darauf gesehen. ja, wenn die regeln der rednerkunst, der poesie, der kunst zu erfinden, demonstrativisch untersuchen sollte, so würde man auch nötig haben, unterweilen diese gründe zu brauchen ders. anm. über die vernünftigen ged. v. gott (1724) § 320; spätere definitionen klingen an die fassung Wolffs an: der witz paart (assimiliert) heterogene vorstellungen, die oft nach dem gesetze der einbildungskraft (der association) weit auseinander liegen und ist ein eigentümliches verähnlichungsvermögen, welches dem verstande ..., sofern er die gegenstände unter gattungen bringt, angehört Kant w. 10 (1839) 237, weitere definitionen bei Eisler wb. d. philos. begr. 1864, vgl. auch: der witz ist schöpferisch, er macht ähnlichkeiten Novalis 3, 374 M. hinter den angeführten begriffsbestimmungen von Hobbes und Locke stand im englischen bereits ein ausgedehnter sprachgebrauch; vgl.: that nimble and acceptable faculty of the mind, whereby some men have a rediness and subtilty in conceiving things and a quickness and neatness in expressing them all which the custom of speaking comprehends under the name of wit (1665) bei Murray s. v. wit 7. bereits bei Shakespeare ist dieser gebrauch ausgebildet. erst im folgenden jh. erreicht auch das deutsche witz diese entwicklungsstufe. die deutschen Shakespeareübersetzer des 18. jhs. konnten daher unbedenklich das engl. wit mit witz wiedergeben, was einem übersetzer des 17. jhs. noch nicht möglich gewesen wäre, vgl. die belege unten II A 2 a und II B 2 a.
d)
die wörterbücher des 17. und beginnenden 18. jhs. (Reyher [1668], Widerhold [1669], Kramer [1702], Dentzler [1716], Kirsch [1718]) reflektieren den neuen wortinhalt noch nicht (s. auch die bemerkung zu witziger kopf unter witzig B 1 a), zeigen jedoch, dasz witz schon vor der berührung mit dem fremdsprachlichen begriff den sinn geistiger gewandtheit, wenn auch zunächst mehr im praktischen sinne, angenommen hatte und so für die neue aufgabe vorbereitet war, vgl. zu den bereits unter I 5 angeführten belegen noch die genauere begriffsbestimmung bei Stieler: witz, witzigkeit, sapientiam et prudentiam denotat ..., rectius tamen effat sollertia, promptitudo et praesentia animi, acies ingenii, bona indoles et mentis acumen stammb. (1691) 2570. noch deutlicher: der witz bestehet in einer gewissen hitze und lebhaftigkeit des gehirns, welche der klugheit zuwider ist, in dem dieselbe langsam und bedachtsam zu werck gehet. ein witziger mann, sagt man, verliert lieber zehn freunde als einen guten einfall, da hergegen ein kluger mann lieber zehn gantze gedichte verbrennen als einen guten freund verlieren wolte ... und soviel denjenigen zum bericht, welche sich verwundert, dasz ich in vielen orten den witz von dem verstand und der klugheit unterschieden habe Chr. Wernicke epigr. 145 Pechel; ebenso hitze und witze im gegensatz zu nachdencken, verstand und absehen ebda 117. erst bei Ludwig teutsch-engl. lex. (1716) heiszt es: ein gedicht, eine rede ... da witz in ist a witty poem, an ingenious discourse, a piece full of wit or having salt in it 2510.
2)
der literarische gebrauch seit beginn des 18. jhs. in seinem umfassenden sinne meint witz die fähigkeit, versteckte zusammenhänge vermöge einer besonders lebhaften und vielseitigen combinationsgabe aufzudecken und durch eine treffende und überraschende formulierung zum ausdruck zu bringen.
a)
witz als persönliche fähigkeit. die geistige lebhaftigkeit und das überraschende des einfalls treten deutlich hervor: ihre lebhaftigkeit, ihre munterkeit, ihren witz zu sehen, ist mir eine der gröszten freuden, er mag so leichtfertig, so bitter sein als er will Göthe an Käthchen Schönkopf, 1. 11. 1768; (ihr), die sonst sehr viel welt und witz und lebhaftigkeit hat, aus ihrer versteinerung herauszuhelfen Zimmermann einsamkeit 3, 96; ein mann voll leben und witz, ohne sinn für poesie und alterthum Justi Winckelmann 1, 113. auf anderem gebiete: die cadenzen erfordern wegen ihrer geschwinden erfindung mehr fertigkeit des witzes als gelehrsamkeit. ihre gröszte schönheit besteht darin, dasz sie als etwas unerwartetes den zuhörer in eine neue und rührende verwunderung setzen J. J. Quantz anw. die flöte ... zu spielen (³1789) 157. vom witz als voraussetzung mimischer begabung: man glaubt zwar fast durchgängig, dasz man sich auch ohne witz auf der bühne ruhm erwerben könne ... (der schauspieler musz) mit einem geschwinden und sichern blicke dasjenige, was ihm zu thun zukömmt, (erkennen). eine feine empfindung dessen, was sich schickt, musz ihn überall leiten ... an dem leichten witze, welcher nur zur prahlerei dienet und uns nur in kleinigkeiten und unnützen dingen ein ansehen giebt, kann es ganz wohl groszen schauspielern gemangelt haben, aber niemals an dem gründlichen witze, welcher uns das verborgenste an einem dinge entdeckt und es uns anzuwenden lehret Lessing 6, 122 M. durch entsprechendes bild verdeutlicht: es ist oft nur ein wetterleuchten des witzes, was ein niederschmetternder strahl des scharfsinns sein sollte Lessing 13, 127; witz ist die erscheinung, der äuszere blitz der fantasie Fr. Schlegel jugendschr. 2, 291 M.; witz ist eine explosion von gebundnem geist 2, 195; der witz ist geistige elektrizität — dazu sind feste körper nötig Novalis schr. 3, 67 M. vgl. auchraketen des witzes Jean Paul 1, 214 H. mit näher charakterisierenden adjectiven: meint ihr, ich kenn euch nicht an euerm lebhaften witz? Wieland ges. schr. II 3, 16 akad. (bei Shakespeare excellent wit); eine edle gestalt, eine einnehmende gesichtsbildung, einen angenehmen ton der stimme, einen behenden und geschmeidigen witz ders. Agathon 1, 42; (Ebert) durch lebhaften und echten witz ... ein muster Hagedorn poet. w. 3 (1764) xix; sie hatten beide keinen glänzenden verstand ... noch einen lebhaften witz, wenn man es lebhaften witz heiszt, gründe mit einfällen zu beantworten Nicolai Seb. Nothanker (1773) 178; auch spielender witz: sinnreiche einfälle des spielenden witzes Hagedorn poet. w. (1764) xv; gern sprudelnder witz Fr. Schlegel jugendschr. 2, 30 M.; Mommsen röm. gesch. (1874) 2, 446; Holtei erz. schr. 3, 140 und witzsprudelnd als persönliche eigenschaft B. Goltz jugendleben 2, 244; Rosegger schr. II 4, 31; ferner witzsprühend s. u.C. mehr auf die richtigkeit des gedankens und der form gehen die festen verbindungen treffender, schlagender witz: wenn ein groszer reichthum der verschiedenartigsten sachkenntnisse, die vielseitigste empfänglichkeit ..., feine beobachtungsgabe ..., ein nicht blosz kühn, sondern auch treffend verbindender witz ... die wesentlichsten vorzüge der echten lebensweisheit auf diesen schönen namen hinreichende ansprüche geben, so war Forster ein philosoph Fr. Schlegel jugendschr. 2, 138 M.; der witz ist treffend, aber bitter und kalt ders. br. an s. bruder 39; sein (Friedrich Schlegels) witz war unerschöpflich und treffend H. Steffens was ich erlebte (1840) 4, 304; reich an beiszendem spotte und schlagendem witz Raupach dram. w. kom. gattg. 1, 171. durch gegensätzlichen begriff in der eigenart betont: begnügte sich ein feuriges, aber flüchtiges genie mit der kenntnisz dieser mannigfaltigen theile, so würde er darin mehr leisten als der langsame dencker, weil er mehr witz hat Lichtenberg aphor. 2, 95 L.; (der sophist) blende, überrasche, erschüttere, halte das gefühl, die phantasie in ewiger bewegung, beschäftige den witz, damit nur der verstand nicht zum ernstlichen nachdenken komme Fr. Schlegel philos. vorles. 1, 25 Windischmann; in verbindung mit wissen: ein unschuldigeres kind bei groszem talente und vielem wiz und wissen habe ich niemals kennen lernen (a. d. j. 1765) Winckelmann s. w. 11, 175; Samuel Johnson (vereinigte) tiefes wissen mit wiz und laune mit ernsthafter weisheit H. P. Sturz schr. 1 (1779) 1; an wissen und witz überlegen Fontane ges. w. I 1, 376.
b)
von der lebendigen, geistreichen darstellungsart, eigentlich von dem gehalt eines werkes an überraschenden einfällen und formulierungen: jeder fehler der schreibart (wird) ihre (der schriften) wirkung hindern; wo nicht viel gesunder witz ist, wird nicht viel gesunde vernunft erwartet, und zugleich wird man sich überreden, dasz derjenige, welcher in seinen einfällen unglücklich ist, nicht viel glücklicher in seinen beweisen und schlüssen sein werde J. A. Cramer d. nord. aufseher 1 (1758) 293; der witz des geschichtsschreibers ist darin hie und da zu lebhaft und verläszt die wahrheit unter der anmuth des vortrages. wegen seiner gefälligen schreibart bestellte ihn der hof zu Turin, die geschichte Karl Emanuels I. zu schreiben Haller tagebuch (1787) 1, 8; der vortreffliche Gleim besitzt eine ihm eigene wendung der gedanken und des ausdrucks; durch alle seine gedichte ... läuft eine ihm eigene feine ader des witzes; nichts ist treffender und zugleich lachender als seine bilder und seine art sie zu stellen Gerstenberg recensionen 310 lit.-denkm.; was tadelt man gleich den witz in einer schrift? ... wem eine witzige abhandlung nicht gefällt, der kan dieselbe materie in einem andern vortrage lesen. wir haben nun fast über jedes capitel und jeden paragraphen unsrer erkenntnisz ein buch ohne witz, wo man sich raths erholen kan. bekommen wir nun auch witzige, so hat man die wahl Lichtenberg aphor. 2, 102 L.; der kühne und würdige vortrag (der schrift Kants) ist unbefangen und treuherzig, und wird durch treffenden witz und geistreiche laune angenehm gewürzt Fr. Schlegel jugendschr. 2, 57 M. neben unterschiedlichen oder gar entgegengesetzten begriffen: der tiefsinnigste verstand (wird) darinnen (in der schrift Breitingers) von dem gesundesten wize in dem vortrage und der ausführung erhöhet, und sie (hängt) also mit den lebhaften künsten, um die wir uns in dieser sammlung eigentlich bekümmern, durch ein merckliches band zusammen Bodmer krit. schr. 1, 139; er (Horaz), der philosophische dichter, der witz und vernunft in ein mehr als schwesterliches band brachte und mit der feinheit eines hofmanns den ernstlichsten lehren der weisheit das geschmeidige wesen freundschaftlicher erinnerungen zu geben wuszte und sie entzückenden harmonien anvertraute, um ihnen den eingang in das herz desto unfehlbarer zu machen Lessing 5, 273 M.; (das werk) scheint mir ein zwitter von witze und von gelehrsamkeit zu sein ... (damit es) auch denen nützlich sein möge, welche als männliche gelehrte nicht den spielenden witz, sondern das solide lieben, so habe ich ... Rabener s. schr. 5, 45; die welt mit verständigen schrifften (anfüllen), ich meine mit solchen in welchen kein gran von witz anzutreffen ist Lichtenberg aph. 3, 27 L.; allein weder die zierlichkeit und der witz (der oden Pindars) noch die gedankenreiche kraft (der oden Klopstocks) war ihm (Schubart) gegeben D. Fr. Strausz Schubarts leben 1, 30. das zugesetzte substantiv hebt die eine seite des bedeutungsgehaltes heraus: anstatt reime, die sich durch ihre leichtigkeit und durch einen witz empfehlen ... lange prosaische aufsätze Lessing 5, 267 M.; manches gedicht ... mit wiz und leichtigkeit gemacht, aber voll unbeschreiblichen leichtsinns Schubart leben u. ges. 1, 54; die gedichte ... zeigen witz und gewandtheit Ranke 38, 354. witz auf musikalischem gebiete: bei dieser heitern musik (ist die starke besetzung der instrumente) um so unpassender, weil dadurch der witz, das wundersam leichte und heitere des gesanges gestört wird Tieck schr. 17, 336; im scherzo, dem eigentlichen feld des musikalischen witzes und geistes O. Jahn Mozart 1, 558; ein werk ..., das in seiner prägnanten und originellen instrumentation, in seinem witz und in seiner rhythmischen beschwingtheit alle zeichen von Strawinskys meisterschaft trägt Berliner tagebl. v. 5. 1. 1937, 1. beibl.
c)
voll entfalten kann sich der witz nur im lebendigen austausch der gedanken, in rede und widerrede, vgl.: der witz setzt immer ein publikum voraus. darum kann man den witz auch nicht bei sich behalten. für sich allein ist man nicht witzig. alle andern empfindungen genieszt man für sich allein: liebe, hoffnung usw. Göthe gespr. 2, 20; die gesellige unterhaltung ist die umwelt des witzes: haben wir einmal unseren eintritt in die gesellschaft durch einen sonderbaren strahl unsers witzes merkwürdig gemacht, so können wir hernach ohne mühe wunder tun, wie wir wollen. wir dürfen nur unsere einfälle in bereitschaft haben und hersagen J. J. Schwabe belustigungen des verstandes und witzes (1741) 2, 75; an jeder tafel, wo glanz und ceremonie, überflusz, witz und aberwitz herrschen Zimmermann einsamkeit 1, 71; im gesellschaftlichen verkehr glänzte er durch schlagenden witz jahrb. der Grillparzergesellschaft 1, 307; sein (des freiherrn v. Stein) mut, seine kühnheit, noch mehr sein witz und seine liebenswürdigkeit drangen allenthalben durch und ein; ... die freundlichkeit und liebenswürdigkeit, womit er in den kürzesten unscheinbarsten worten an den tafeln und theetischen zu spielen wuszte, wo er sich auch gern und unbewuszt selbst im leichteren kosen und scherzeln hingehen liesz, machte ihn bald zu einem mächtigen mann in der Petersburger gesellschaft; sein tapferer wille, seine einfälle, seine worte wurden zu anekdoten ausgeprägt, welche wie blitzfeuer rundliefen E. M. Arndt s. w. 1, 140 R.-M.; die hofleute waren nach Schubarts geselligen talenten, seinem flügelspiel, seinem witz und seiner laune ebenso begierig als für ihn ihre leckern tafeln ... verführerisch waren Schubart br. 1, 148 Str.; Concino ... besasz mancherlei gaben um sich in der gesellschaft geltend zu machen: gewandtheit und witz, anmuth der unterhaltung und sogar etwas fesselndes Ranke s. w. 9, 158; general Kalkreuth, der ... durch luxus von tafel und witz ein glänzendes haus machte L. Häuszer dtsche gesch. 1, 619; auch bei den folgenden belegen setzt witz ein gegenüber voraus: ist mein gespräch trocken und mein witz stumpf? Wieland ges. schr. II 2, 375 akad. (bei Shakespeare barren my wit); bonmots mit gleichem witze beantworten v. Petrasch lustsp. 1, 382; er (erwiderte) ihre geschraubten schmeicheleien ... mit lauter treffendem witz U. Bräker s. schr. 2, 280; der epigrammatische witz, mit welchem er (Gleim) die thoren niederschlug und gegen den scherzenden angriff seiner freunde zu felde zog J. G. Jacobi s. w. (1807) 6, 160.
d)
daher vom gewinnenden wesen im geselligen verkehr: voll verstand und witz gewann er, wen er gewinnen wollte Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 671. besonders als weiblicher vorzug, vgl.: alles was schön ist, gehört zum gebiethe des frauenzimmers, und mithin auch der witz. ein einfall ist bei ihnen baare münze und das gelächter an der tafel bestimmt das gehalt Hippel über die ehe (1774) 139; der bezaubernd angenehme witz, der feine gefällige ton S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 72; von ungemeiner schönheit und witze Holston und Augusta (1780) 147; (das) ideal weiblicher sanftmuth mit allen grazien des wizes und verstandes verbunden Kretschmann s. w. 3, 2, 17; ganz grazie und witz ... in munterer, geistreicher gesellschaft Bauernfeld ges. schr. 2, 96; vorzüge des weiblichen geistes: unmittelbarkeit, witz und gute laune, schärfe und treffendheit des ausdrucks Fontane ges. romane u. nov. I 7, 94; vgl. noch:
die, welche einst mich fesseln soll
auf meine lebenszeit,
die müszte sein verstandes voll,
voll witz der mich erfreut
Novalis 1, 124 M.
im gegensatz zu dem einst synonymen verstand: sie (Konstanze Weber) hat keinen witz, aber gesunden menschenverstand genug um ihre pflichten als frau und mutter erfüllen zu können Mozart an s. vater bei O. Jahn 3, 142.
e)
nur selten ist witz der einzelne scharfsinnige einfall, die witzige idee: jeder witz ist nur für den unterrichteten, jedes witzige werk wird deshalb nicht von allen verstanden; ... man mache noten dazu, wie zu Rabelais oder Hudibras; aber was würde man zu einem schriftsteller sagen, der über ein witziges werk ein witziges werk schreiben wollte? der witz läuft schon bei seinem ursprunge in gefahr zu witzeln, im zweiten und dritten glied wird er noch schlimmer ausarten Göthe I 18, 293 W.; dasz die durch den verbotenen genusz des apfels verlorne reinheit durch den genusz des göttlichen leibes wiederhergestellt wird ..., ist wunderlich, aber groszartig kombiniert. gewisz, der witz ist in das christentum nicht erst durch die scholastiker hineingekommen Grillparzer s. w. 17, 189.
3)
besondere anwendungsbereiche.
a)
witz ist im 18. jh., besonders um die mitte dieses zeitraumes, die dichterische erfindungsgabe, daneben die erfindungsgabe, einbildungskraft schlechthin. der bedeutungsübergang ist verständlich in einer zeit, wo man in 'sinnreichen einfällen', in 'artigen worten und gedanken' das wesen der dichtung sah, vgl.: (der poet) musz εὐφαντασίωτος, von sinnreichen einfällen und erfindungen sein Opitz buch v. d. dt. poeterei 12 ndr.; in der Arkadia (1638) spricht Opitz, gleichfalls mit beziehung auf die dichtung, von sinnreichen erfindungen (s. 232) und hohen gedanken und sinnreichen einfällen (s. 28). die im folgenden jahrhundert feste verbindung witziger einfall kennt er noch nicht.
α)
die wissenschaftlichen definitionen der theoretiker der dichtkunst schlieszen unmittelbar an Chr. Wolff, s. o. 2 a, an, vgl. Breitinger krit. dichtk. (1740) 2, 102; Gottsched crit. dichtk. (1751) 102. deutlicher als Chr. Wolff spricht Gottsched die beziehung auf die dichtung aus: (wir müssen sehen,) was denn nunmehr die poetische art zu denken von der prosaischen unterscheidet? die vernunft kann und soll es nach dem vorigen nicht sein: was wird es denn wohl anders als der witz oder der geist sein können? und in der that macht diese gemüthskraft, nachdem sie bei einem stärker als bei dem andern ist, einen groszen unterscheid in den gedanken. (denen, die in besonderem masze mit witz, d. h. scharfsinn, gedächtnis und einbildungskraft begabt sind, ist) allezeit eine menge von gedanken fast zugleich gegenwärtig: das gegenwärtige bringt sie aufs vergangene, das wirkliche aufs mögliche, das empfundene auf alles, was ihm ähnlich ist, oder noch werden kann. daher entstehen nun gleichnisse, verblümte ausdrücke, anspielungen, neue bilder, beschreibungen, vergröszerungen, nachdrückliche redensarten, folgerungen, schlüsse, kurz, alles das, was man einfälle zu nennen pflegt, und die alle insgesammt aus einem solchen lebhaften kopfe entstehen crit. dichtkunst (1751) 351; näheres über den gebrauch bei Gottsched und in der aufklärungszeit überhaupt im jahrb. des freien deutschen hochstifts 1932, 52 f.
β)
der literarische gebrauch. er ist bei Chr. Wernicke voll ausgebildet:
du zeigst, wie klugheit sich mit witz verschwistern kan,
berühmt als ein poet, berühmter als ein mann,
den musen, aber mehr dem vatterland ergeben;
annehmlich wenn du schreibst, doch wenn du redst noch
und was du bist, scheint nicht so sehr mehr,
aus deinem buch als deinem leben:
dein witz der dient nur zum gedicht,
dein leben aber zur geschicht
Chr. Wernicke epigr. 450 P.;
es ist deutlich die gabe der sinnreichen einfälle:
was Marcus schreibt, das ist geschrieben:
und was ihm aus der feder fällt,
ist wie es fällt, beliegen blieben ...
dieser eilfertigkeit ist es zuzuschreiben, dasz wir noch wenig oder nichts vollkommenes in unsrer sprache gesehen haben. wir haben wiz genug, aber wir lassen uns nicht zeit genug, etwas daurhaftes zu schreiben. wir lassen es nicht allein bei dem ersten einfall, sondern auch bei der ersten redensart bewenden ebda 303 P.;
freund hast du keinen witz, und wilst doch etwas schreiben,
dasz dem verleger nicht soll auf dem halse bleiben
ebda 470 P.;
witz und tugend.
wie schön ist nicht Homer, der dichter aller zeiten,
wie reizend, wie gelehrt, wie reich an trefflichkeiten!
doch auch nur eine that rechtschaffner menschenhuld,
der wahren mäszigung, der groszmut, der geduld,
verschwiegne tugenden, die wir mit kenntnisz üben,
sind noch einmal so schön, als was Homer geschrieben
Hagedorn poet. w. 1 (1757) 125;
doch es scheinet, dasz der herr magister Schwabe keine ursache habe einiges misztrauen in die fruchtbarkeit und fähigkeit des deutschen wizes zu sezen, weil er sich zum voraus anheischig machet, alle monate sechs bogen voll sinnreicher gedanken und einfälle zum beweisthum der unerschöpflichen kraft des deutschen wizes zu liefern bei Bodmer krit. schr. 3, 140. in der vorrede seiner hier besprochenen zeitschrift belustigungen des verstandes und witzes 1741 ff. (vgl. die neuen beyträge zum vergnügen des verstandes und witzes 1744 ff.) unterscheidet Schwabe die schönen von den ernsten wissenschaften (s. o. wissenschaft sp. 794) nach den seelischen grundkräften: der witz belustiget sich an aufgeweckten einfällen und an sinnreichen gedanken und der verstand an ernsthaften und philosophischen belust. d. verstandes u. witzes (1741) 1, 16; Drollinger kann in seiner übersetzung von Popes 'essay on criticism' unbedenklich wit mit witz wiedergeben: es ist wahr, ein scribent ist von seinem witze eingenommen, aber ist es der kunstrichter nicht auch von seinem urtheile? Drollinger ged. (1743) 190; witz und urtheilskraft (wit and judgment) 192; lebhaftigkeit des witzes (sprightly wit) 209; alles, was ... seinen ursprung in dem vermögen des witzes hat Bodmer krit. schr. 1, 87 anm.; ich glaube auch nicht, dasz dieser poet, wann er die stärke seines witzes beweisen wollte, eine stelle von dieser art anführen würde 1, 107; schlieszet niemals aus den schriften der dichter auf die sitten derselben ..., denn sie schreiben nur, ihren witz zu zeigen Gleim vers. in scherzh. liedern (1745) 2, 20 vorr.; selbst der witz verbirgt sich, weil die vollkommenheit der kunst darinn besteht, dasz man die einfache natur so unbefangen nachahme, dasz der witz selbst natur werde. man nennet also nicht mehr geist oder witz, was nur blendende phantasie ist Herder 23, 62 S.; nun habe ich zwar zu meiner zeit auch meinen vers gemacht wie ein anderer, aber der witz ist eingerostet in den leidigen geschäften Schiller 14, 232 G.; häufig nicht zu scheiden von phantasie schlechthin: die comödie darf ... nur alle kräfte des witzes anwenden, um eine geschickte wendung zu finden, die thorheit des helden, der die bühne belustigen soll, sichtbar zu machen Ramler einl. in d. schönen wissensch. (1758) 2, 47; dasz ein unerschöpflicher witz dazu gehört, ein so groszes werk (epos) mit gleichem feuer auszuführen als anzufangen Lessing 4, 15 M.; die historische kenntnisz der geschehenen dinge ... kan durch keine anstrengung des genies heraus gebracht oder gefunden werden; die sinne und das gedächtnis müssen hier beschäftiget sein, bevor man witz und beurtheilungskraft gebrauchen kan 8, 25; der witz seiner (des kalifen) reich besoldeten mährchenerzähler; ... da aber ... seine witzigen köpfe sich in wunderbaren mährchen erschöpft hatten ... Klinger w. 6, 4; auf anderem gebiete: (bilder,) wie sie der witz des künstlers erfand und sein meiszel sie formte Giseke poet. w. (1767) 33; und noch allgemeiner: unsere vorfahren erstreckten ihren witz noch weiter. sie waren nicht vergnügt, etwas nützliches erfunden zu haben; sie fielen sogar auf solche poszierliche erfindungen, die ganz und gar unnöthig und lächerlich sind J. A. Scheibe crit. musicus (1745) 96. unmittelbar mit einbildungskraft, erfindungsgabe verbunden: die mythologischen fabeln (sind) bestrebungen der einbildungskraft und des witzes Bodmer v. d. wunderbaren (1740) 202; nicht witz und erfindungskraft genug ein dichter zu sein Lessing 8, 110 M.; einen groszen aufwand an witz und erfindung 8, 105; witz und erfindungsgabe absprechen Göthe I 24, 156 W.; einbildungskraft und witz anstrengen 21, 189; in allen leichtern gattungen von geisteswerken der einbildungskraft und des witzes Fr. Schlegel s. w. 2, 139. vom leser: von der epopee verlangt man, dasz sie den leser ergötze, ... dasz sie vernunft, einbildungskraft und witz zugleich unterhalte Ramler einl. in d. sch. wissensch. 2, 18. witz teilt mit diesen substantiven dieselben epitheta: von dem fruchtbaren witz, dem malerischen der Ovidischen dichtkunst allg. dtsche bibl. 1 (1765) 128; fruchtbaren witz sowohl in der erfindung als ausführung der allegorie Eschenburg entw. einer theorie (1783) 67; dieser mangel an der geschichte hat dem unerschöpflichen witz des herrn verfassers ein unendliches feld von episoden eröffnet ... Lessing 5, 9 M. spiele des witzes bildlich wie spiele der phantasie: die naivität schlieszt nichts aus, als was allzu gedacht, was allzu scharfsinnig ist ... spiele des witzes, epigrammatische einfälle Ramler einl. in d. sch. wissensch. 3, 30; die poetische landkarte ... scheinet dem ersten ansehen nach ein spiel des witzes zu sein und ist im grunde mit aller genauigkeit einer gesunden kritik aufgenommen Lessing 8, 282 M.; von kleinen poesien 7, 19 M.; vgl. 3, 116 M.; Herder 12, 186 S.; Göthe II 1, 303 W.; die sich darum dichter nennen, weil sie die spiele ihres witzes und ihrer phantasie in wohlklingenden versen zur schau ausstellten Klinger w. 8, 13.
γ)
bei objectiverem gebrauch ist die beziehung auf die dichtung noch deutlicher sichtbar; witz ist das literarische leben, die literatur einer nation, vgl.: genug wenn man weisz, dasz die schönen wissenschaften und freien künste das reich des witzes ausmachen Lessing 4, 387 M.; reich des witzes auch Nicolai br. 137 Ell.:
(er,) der hernach auch nicht der alten witz vergasz
und manche schöne schrift aus eignem antrieb lahs
Wernicke epigr. 461 P.;
als ob ihnen (den anhängern Gottscheds) der ruhm des deutschen wizes verpachtet wäre bei Bodmer krit. schr. 3 (1742) 134; (er hat) Frankreichs witz und kunst besiegt B. Neukirch ged. (1744) 20; die deutschen werke des witzes Lessing 8, 122 M., vgl. 4, 49; sich mit dem spanischen witze bekannt machen 4, 204; (die) beiden partheien, die sich noch immer die herrschaft über den deutschen witz anmaszen Nicolai br. 56 Ell.; deutscher witz als deutsche literatur ist ihm ganz geläufig, s. 134; 142; 143; so nährte der ehrliche Hieronymus den geist beider eheleute, den einen mit witz (schöner literatur), und den andern mit prophezeiungen (literatur über die apokalypse) Nicolai Seb. Nothanker (1776) 1, 21.
δ)
das verhältnis von witz zum neuaufkommenden geniebegriff. Gottsched und seine schule wehrt sich gegen die bezeichnung genie: dieser fremdling wird bei uns itzo so ein alltäglicher gast, dasz wir ihn, wie vormals einen scapin und harlekin, auf allen bühnen erblicken, dasz ohne ihn keine schrift wie vormals ohne diese kein schauspiel schön zu sein dünket. wir sind nur wider das wort und nicht wider die sache, die sonst das kluge Deutschland durch geist und witz auszudrücken pflegte, welche schönen wörter man itzo vor dem lieben genie unter das alte eisen werfen will das neueste aus der anmuthigen gelehrsamkeit 10 (1760) 674. Gottsched selbst will geist und lebhaftigkeit des witzes dafür setzen (s. teil 4, 1, 2, 3412) und übersetzt génie bei Batteux entsprechend mit witz, bzw. glücklicher kopf u. s. w., Ramler dagegen mit geist u. a., erst J. Ad. Schlegel mit genie (s. o. teil 4, 1, 2, 3416). dem sprachbewusztsein aber blieb witz, dessen ursprung und schwerpunkt auszerhalb des künstlerischen lag, ein zu begrenzter und an der oberfläche haftender begriff, als dasz er die gesamtheit des dichterischen schaffens hätte umfassen können, vgl.: (unsere schriftsteller besitzen) einen vorzug, der nicht viel werth ist, nämlich: wiz genug, um ein buch, ein gedicht, ein dramatisches stükk zu schreiben, und dasz ihnen dagegen mehrere vorzüge fehlen, gegen die der vorige gar nicht in vergleichung komt und die allein ächte kennzeichen grosser geister sind, nämlich: beurtheilungskraft ... unterscheidungskraft ... (1755) Nicolai br. 132 Ell.; ferner: der dilettant glaubt mit dem witz an die poesie zu reichen Göthe I 47, 314 W. der innere gegensatz zwischen genie und bel esprit, der sich im englischen weit früher herausgebildet hatte, muszte auch dem deutschen sprachbewusztsein fühlbar werden. am deutlichsten spricht ihn Lessing aus: man kann keinen funken genie haben und gleichwohl viel witz und geschmack besitzen 10, 124 M.; sie haben, wenn man will, mehr witz, aber vielleicht desto weniger wahres genie 6, 29; nun beurtheile man, ob der grosze Corneille seinen stoff mehr als ein genie oder als ein witziger kopf bearbeitet habe ..., das genie liebt einfalt, der witz verwicklung 9, 309; der witz hingegen, als der nicht auf das ineinander gegründete, sondern nur auf das ähnliche oder unähnliche gehet, wenn er sich an werke waget, die dem genie allein vorgesparet bleiben sollten, hält sich bei begebenheiten auf, die weiter nichts miteinander gemein haben, als dasz sie zugleich geschehen. diese miteinander zu verbinden, ihre faden so durcheinander zu flechten und zu verwirren, dasz wir jeden augenblick den einen unter dem andern verlieren, aus einer befremdung in die andere gestürzt werden: das kann er, der witz, und nur das 9, 308.
b)
in einem umfassenderen sinne steht witz bei den frühromantikern, besonders bei Friedrich Schlegel. ihm wird der witz ein philosophisches problem, vgl.: ich habe mich ordentlich auf den witz gelegt und habe recht viel darüber philosophirt (1797) br. an seinen bruder 305 W.; das poetische ist ihm nur ein teilgebiet des witzes: deinen witz halte ich für reinpoetisch, obgleich du ihn bisher fast nur im leben und in rezensionen geäuszert hast ebda 314. der witz in seiner reinsten form lebt nicht in der geselligen umwelt: es ist ein groszer irrthum, den witz blosz auf die gesellschaft einschränken zu wollen. die besten einfälle machen durch ihre zermalmende kraft, ihren unendlichen gehalt und ihre klassische form oft einen unangenehmen stillstand im gespräch. eigentlichen witz kann man sich doch nur geschrieben denken; man musz seine produkte nach dem gewicht würdigen wie Caesar die perlen und edelsteine in der hand sorgfältig gegen einander abwog Athenäumfragm. 394. witz ist höchstes erkenntnisprinzip: ist aller witz prinzip und organ der universalphilosophie und alle philosophie nichts andres als der geist der universalität, die wissenschaft aller sich ewig mischenden und wieder trennenden wissenschaften, eine logische chemie: so ist der werth und die würde jenes absoluten, enthusiastischen, durch und durch materialen witzes ... unendlich. die wichtigsten wissenschaftlichen entdeckungen sind bonmots der gattung. das sind sie durch die überraschende zufälligkeit ihrer entstehung, durch das kombinatorische des gedankens und durch das barokke des hingeworfenen ausdrucks ... die besten sind echappées de vue ins unendliche Athenäumfragm. 220; sein wesen hängt mit dem fragmentarischen charakter des menschlichen bewusztseins zusammen: diejenige thätigkeit, wodurch das bewusztsein sich am meisten als bruchstück kund gibt, ist der witz, sein wesen besteht eben in der abgerissenheit und entspringt wieder aus der abgerissenheit und abgeleitetheit des bewusztseins selber ... der witz ... tritt ohne alle beziehung auf das vorige, einzeln, ganz unerwartet und plötzlich auf, als ein überläufer gleichsam, oder vielmehr ein blitz aus der unbewuszten welt, die für uns immer neben der bewuszten besteht, und stellt auf diese weise den fragmentarischen zustand unseres bewusztseins sehr treffend dar philos. vorlesungen 2 (1837) 89f. Windischmann.
4)
witz als wertbegriff.
a)
in positivem sinne, sein verhältnis zu geist.
α)
der kluge, geistreiche gehalt:
denn läszt die uberschrift kein leser aus der acht,
wenn in der kürtz ihr leib, die seel in witz bestehet,
wenn sie nicht allzu tief mit ihrem stachel gehet ...
Chr. Wernicke epigr. 133 P.;
man kann ihn (den witzigen einfall) nicht anders widerlegen, als wenn man ihm den witz nimmt, und das ist hier nicht möglich, er bleibt witzig, er mag nun wahr oder falsch sein Lessing 5, 366 M.; ist es nicht alle zeit witz, so ist es doch alle zeit ein guter und groszer sinn, ein poetisches bild, ein starker ausdruck, eine naive wendung und dergleichen 7, 130; Hudibras (ist) eins von denen, worin man am meisten witz (esprit) findet, aber ... weil noten ohne zahl nöthig sind um seine scherze (plaisanteries) zu verstehen Göthe I 40, 218 W.; die schriften des berühmten Kant ... verständlich ... machen, ohne ... ihm ... witz und originalität zu rauben Fr. Schlegel jugendschr. 2, 332 M.; wer möchte ein gastmahl des feinsten und ausgesuchtesten witzes (den 'Wilhelm Meister') mit allen förmlichkeiten und in aller üblichen umständlichkeit recensieren? 2, 172. noch ausgesprochener von der witzigen substanz: ein wahres bon mot von ächtem witze Gerstenberg litbr. 128 lit.-denkm. als 'quintessenz', vgl. diese bedeutung unter I 2 ende:
denkt, was man euch entreiszet,
so bald man euch den reim, den witz der verse, nimmt!
Rabener s. w. 2, 87.
β)
mit geist erscheint daher auch witz am häufigsten verbunden, vgl. das nebeneinander beider wörter in den frühen belegen von Logau und Wernicke (s. o. 1 a) und in den übertragungen des französischen esprit (s. o. 1 b). geist gibt dem vielgestaltigen begriff witz die bestimmtere richtung auf das qualitative: es ist wahr, dasz wir poeten haben, die reimen und zugleich witz und geist haben discourse der mahlern 2 (1722) 54; (er) wird ... ohne geist und witz (without wit) zum poeten Drollinger bei Bodmer krit. schr. 1, 78 (übersetzung von Pope); durch eine sittsame einfalt (wird) die lebhaftigkeit des wizes (sprightly wit) erhöhet. dann ein werck kan auch mehr geist (wit) haben als ihm gut ist ebda 1, 65; um darauf einzugehn gehört grosze kenntnisz, ja geist, witz, einbildungskraft ist nöthig, um auf diese weise die poesie zur prosa zu machen Göthe IV 23, 190 W.; geist und witz, die er vielleicht in verschiedenen werken hätte ausbilden können Tieck schr. 1, xxiv; soll geist und witz und kunstsinn der maszstab der vortrefflichkeit sein, wer nannte je die nordischen Europäer geistreich und witzig? G. Forster s. schr. 5, 381; bei Gottsched eine häufige verbindung:
geist und witz ziert stadt und land
Gottsched neueste ged. (1750) 49,
vgl. ebda 83; ged. (1751) 1, 11; 126; 151; er (Hamlet) vereinigt tiefe vernunft und scharfen verstand mit witz und geist Fr. Schlegel jugendschr. 2, 12 M.; es ist in der that unendlich viel verstand darin (in Emilia Galotti) ..., ja sogar geist und witz 2, 156; in einem ... classischen werke, das voll von geist und witz ist Ranke s. w. 37, 317; der dialog ohne witz und geist O. Jahn Mozart 1, 364. die weitere entwicklung trennte beide begriffe wieder. 'geist, der deutsche geist, ging höhere wege' R. Hildebrand teil 4, 1, 2, 2717. am schärfsten spricht Kant den unterschied aus: in der französischen sprache führen geist und wiz einerlei namen esprit. im deutschen ist das anders. man sagt: eine rede, eine schrift, eine dame der gesellschaft usw. ist schön, aber ohne geist, der vorrat an witz macht es hier nicht aus, denn man kann sich auch diesen verekeln, weil seine wirkung nichts bleibendes hinterläszt w. 10 (1839) 243; Göthe nennt im gegensatz zum geist den witz selbstsüchtig, selbstgefällig (s. o. teil 4, 1, 2, 2718).
b)
witz mit negativem unterton.
α)
witz erhält leicht den anflug des gewollten, auf wirkung berechneten, vgl.: das wollen beim witze darf nur darin bestehen, dasz man die konvenzionellen schranken aufhebt und den geist frei läszt Fr. Schlegel im Athenäum 1, 2, 26, s. auch witzelei; Fontenelle besasz mehr witz als geschmack. anfangs suchte er auch so zu schreiben als seine meister vor ihm geschrieben hatten ... aber sein witz war ihm im wege. man bewunderte nur seinen witz, und nun sah er einfälle für die hauptsache an Gerstenberg recensionen 87 lit.-denkm.; im allgemeineren gebrauch als mittel der verhüllung gegenüber der wahrheit: ich spreche jetzo nicht mit ihrem witz, der alles zu bemänteln weisz, sondern mit ihrem gewissen spreche ich Lichtenberg aph. 1, 155 L.;
dich blendet nicht der schein des augenblicks,
der witz besticht dich nicht, die schmeichelei
schmiegt sich vergebens künstlich an dein ohr
Göthe I 10, 109 W.;
sagen sie einmal einfach, wahr, und ohne witz: weshalb beklagen sie sich über mich? S. Mereau an Clemens Brentano 1, 38.
β)
so ergeben sich gewisse feste verbindungen.
αα)
mit verben: dieser verlieret die vernunft, weil er dem witze nachjagt (in search of wit these lose their common sense) Drollinger ged. (1743) 192 (übers. von Popes 'essay on criticism'); vgl.: jagd nach witz Caroline 1, 32 W.; s. auchwitzjagd, ↗witzjäger sp. 899; die begierde überall seinen witz schimmern zu lassen Lessing 5, 403 M.; die leidenschaft durch witz glänzen zu wollen Lichtenberg nachl. (1899) 7. haschen nach witz: witz hascht nach einfällen Kant w. 10 (1839) 238; ferner in: witzhascher J. J. Eschenburg Shakespeare 2, 239; witzhascherei affectation Schrader dtsch-franz. wb. 2 (1784) 1643; witzhaschend Gutzkow ritter vom geiste 6, 6; vgl. ferner: witzsucht Klopstock über sprache u. dichtkunst (1779) 3, 78.
ββ)
mit adjektiven, darunter das im 18. jh. ungemein häufige falscher witz, das dem französischen faux (fol) esprit nachgebildet ist. im englischen steht false wit: wie der wahre witz (true wit) überhaupt in der ähnlichkeit und übereinstimmung der begriffe, so besteht der falsche witz (false wit) vornämlich in der ähnlichkeit und übereinstimmung, zuweilen einzelner buchstaben ..., zuweilen der sylben ..., zuweilen der worte, als da sind die wortspiele und zweideutigkeiten, zuweilen auch ganzer sätze oder gedichte, die in gestalt der eier, beile oder altäre erscheinen 62. stück des 'zuschauers' (übers. v. L. A. Gottsched); (die überschrift ist ausgeschieden,) weil der schlusz derselben sich nur auf den bloszen nahmen und nicht der sache gründet und folgends in nichts als falschem witz bestehet Wernicke epigr. 417 P.; anders: weithergesuchte widerwärtige sinnschlüsse (können) mit nichts besser als dem rauch verglichen werden. fumum vendunt sagen die Lateiner von denjenigen, die ihre leser mit dergleichen falschen witz abzufertigen suchen 285; s. 318 sind als beispiele des falschen witzes solche fälle angeführt, wo der einfall sinnwidrig ist; sinnspiele des falschen witzes Bodmer kritische schriften 5, 38 anm.; man schweige doch nur von dem falschen witze des Martial! welcher epigrammatist hat dessen nicht, aber wie viele haben das, was den falschen witz allein erträglich macht und was Martial in so hohem grade besitzt? Martial weisz, dasz es falscher witz ist und gibt ihn für nichts anders: seine müszigen finger spielen, und kaum ist das spielwerk fertig, so bläset er es aus der hand, andere hingegen wissen kaum, woran sie schneiden und polieren, ob es ein echter oder ein unechter stein ist; sie geben sich mit dem einen ebenso viel mühe als sie nur mit dem andern sich geben sollten. ... auch wüszte ich fast kein exempel, wo Martial in eben demselben gedichte falschen und wahren witz vermischt hätte Lessing 11, 257 M.; denn was hilft aller schmuck und pomp der gedanken, wenn ihnen wahrheit fehlet? ein geist, der nach witz und scharfsinn haschet, wird bald als ein falscher geist (fol esprit) unausstehlich. unverrückt geht die stille wahrheit ihren gang fort, den falschen witz, so sehr er auch blendete, abzustreifen; längst vor ende des jahrhunderts waren in Frankreich manche zu anfange desselben vielbeklatschte einfälle und wendungen zum spott worden; die schreibart hatte einen gesetzteren ernst angenommen, zu dem sich jene alte hofspielereien nicht mehr fügten ... Herder 23, 237 S.; (von den Sarazenen) bekamen in der folge die Abendländer ... falschen witz und geschmack: ... Aristoteles und den hang zu scholastischen spitzfindigkeiten M. I. Schmidt gesch. der Deutschen 1 (1778) 3; ins persönliche übersetzt, auszerhalb des literarischen: nehmen sie sich vor dem leichtsinn, dem falschen witz dieser kreatur in acht, es ist kein biszchen deutsches blut in ihr Klinger w. 1, 94; die beiden mädchen könten erträglich sein troz ihres falschen witzes, von dem Marianne die tasche voll proben hat Caroline 1, 26 W. andere verbindungen mit adjektiven bleiben demgegenüber seltener:
witz und verstand.
ein männlicher verstand im schreiben überwegt
weither gesuchten witz, der jedes blatt aufschwellet:
denn jener gleicht der frucht, die reiff vom baum abfället,
und dieser der, die man vom baum zu schütteln pflegt
Chr. Wernicke epigr. 254 P.;
gesuchter und tändelnder witz M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 1 (1778) 174; zugespitzter witz Sal. Gessner schr. (1777) 1, 7; Herder 15, 377 S.; daneben gebraucht Wernicke: unzeitiger (123; 353), eitler (198), alberner (321), einfältiger (336), krauser (346) witz. man sprach auch vom frostigen witz: frostige spielwerke des witzes Lessing 9, 243 M.; bei ihm auch eingeschränkter witz, s. o. teil 10, 1, 1199; gegenüber steht natürlicher witz Nicolai br. 68; 71; 115 Ell.; ungekünstelter witz Gottsched anmut. gelehrsamkeit 1, 19.
B.
witz als spott oder scherz.
1)
als gabe der treffenden einfälle konnte witz leicht in den dienst des spottes treten, vgl.: sein (Ciceros) gröszter fehler war, dasz er gerne auf andre leute stachelte und sich seines witzes in den meisten fällen zu seinem groszen nachtheil bediente Chr. Wernicke epigr. 375 P.; die natürliche güte des herzens ... verhinderte ihn, bei dem schönsten witze ein spötter zu werden Möser verm. schr. 1, 29; um sich nicht ... dem mutwilligen witze der spötter auszusetzen Lessing 8, 123 M.; den witz der spötter tätig erhalten 4, 350 M.; deutlicher als spott, wenn auch immer erst der zusammenhang diesen sinn unzweideutig ergibt: auch ist izo der grosze geschmak, seinen wiz auf kosten der religion spielen zu lassen, dasz man beinahe für kein genie mehr pasziert, wenn man nicht seinen gottlosen satyr auf ihren heiligsten wahrheiten sich herumtummeln läszt Schiller 2, 10 G.; es steht dem verführer so schön, an seinem verbrechen seinen witz noch zu kitzeln 3, 482;
das edle bild der menschheit zu verhöhnen,
im tiefsten staube wälzte dich der spott.
krieg führt der witz auf ewig mit dem schönen,
er glaubt nicht an den engel und den gott
ders. 11, 336 (d. mädchen von Orleans);
(er) thut einigemale seinem witz auf Friderichs kosten etwas zu gut M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen 4, 315; es gibt geistreiche und wahrhaft witzige leute, denen aber der witz nicht plötzlich, nicht im rechten augenblick, nicht zur stelle zu gebote steht. später fallen ihnen die feinsten, giftigsten repliken ein ... sind diese leute darum trägen geistes? ich glaube, ihr herz ist nur noch zu gut für den witz, der unwille und der zorn müssen es erst reizen, die gutmüthigkeit verhüllen, dann blitzt ihr witz Fr. M. Klinger w. 12, 10;
täglich verletzt euch sein witz
Mörike 1, 129 Göschen;
die vaganten ergehen sich nicht nur in der allgemeinen satire, sondern treten im besonderen den schäden des geistlichen standes mit witz oder strafendem wort entgegen Scherer litteraturgesch. 75; schärfer: (die) schielenden gesichter, die meine liebe schelten, meine reinheit mit witz besudeln wollen maler Müller w. 1, 356; als 'ironie, satire': es schlug hier (in Frankreich) die verwandte richtung in den witz des grimmes und eine giftige leichtfertigkeit um, weil sie keinen erlaubten boden fand Dahlmann franz. revolution (1845) 10; da rufe ich mit dem witze der verzweiflung: 'o, wenn du pfy schreien kannst, so rufe doch zuerst über dich pfy' Immermann 2, 62 Boxb. vom witz als ausdruck einer weltanschaulichen haltung, s. u. witzling: die ideen von freiheit und menschenadel ... haben durch einen langen, abnützenden gebrauch das triviale noch nicht, das heutzutage ihren eindruck so stumpf macht; ihren groszen stempel hat weder das geschwätz der schulen noch der witz der weltleute abgerieben Schiller 6, 37 G.; duckte sich ja irgendwo ein alter aberglaube an eine höhere welt und sonst auf, so wurde gleich von allen seiten lärm geblasen, und womöglich der gefährliche funke durch philosophie und witz in der asche erstickt Novalis schr. 2, 35 M.; durch adjektive charakterisiert: ein bitrer scharfer witz Göthe III 1, 2 W.; schmähsüchtiger, boshafter witz A. G. Meissner skizzen 2, 75; schneidender witz Lichtenberg aph. 5, 38 L.; stachelnder witz H. Meyer gesch. d. bildenden künste (1824) 2, 193; neckerei, die ... leicht in verletzenden, scharfen witz ausartet Holtei erz. schr. 7, 157; sein beiszender witz Alexis ruhe 1, 54; mit giftigem witze treffen Cl. Brentano ges. schr. 3, 60; ihm stand der alte schneidende witz zu gebote L. Steub sommer in Tirol 1, 89; ätzender witz H. v. Kahlenberg familie Barchwitz (1902) 37; im bilde: (des) witzes scharfe spitzen A. v. Arnim s. w. 6, 5; ihr seht, ich kann auch witzig sein, aber mein witz ist skorpionstich Schiller 2, 19 G.; diese furchtsamkeit ... machte ihn zum stichblatt der witze und foppereien O. Jahn Mozart 3, 58; unter den personen, welche sich Behrisch zu zielscheiben seines witzes erlesen hatte, stand ... Clodius oben an Göthe I 27, 39 W.; unter den verbalen verbindungen ist den witz üben die häufigste: den witz üben auf unkosten eines anwesenden Wieland Lukian 3, 363, gegen jemanden Göthe I 22, 116 W., an jemandem Schiller 13, 192 G., so fast immer, s. Deinhardstein dram. w. 1, 7; Eichendorff s. w. 2, 3; Treitschke 1, 246; Gutzkow ges. w. 10, 138; und sonst: was hat nur Aristophanes nicht für witz über die götter ausgegossen Heinse s. w. 4, 276 Sch.; seinen witz spielen lassen gegen jem. Mörike w. 3, 33 G. die oben I 3 b schon erwähnten verbalverbindungen (sp. 867) begegnen auch hier:
ein freigeist ...
foltert seinen witz die priester durchzuziehn
Pfeffel poet. vers. 1, 104;
je stärker ein zeuge wider uns zeuget ..., desto mehr werden wir allen unsern witz aufbieten, ihn von irgend einer andern seite lächerlich zu machen Lavater phys. fragm. (1775) 1, 19.
2)
witz in scherzhaftem sinne. seit beginn des 19. jhs. drängt sich diese verwendung in den vordergrund, heute ist sie herrschend.
a)
als persönliche fähigkeit. die älteren belege zeigen nur, dasz das scherzhafte mit verstanden werden konnte: ein rechtes muster von des deutschen harlequins witz, einfällen und sprache ... (die) Franzosen (werden) erkennen müssen, dasz die Deutschen von witz überflieszen und rechte ertzlustigmacher sind Bodmer krit. schr. 3, 153 f.; seine scherze selbst beweisen, dasz sein witz so tugendhaft ist als sein herz J. A. Cramer der nordische aufseher (1758) 1, 51; es ist nur torheit sich einzubilden, dasz witz nicht auch den Griechen sollte witz gewesen sein: ihnen die so gern lachten als irgend ein volk in der welt und bei denen sich mehr als ein schriftsteller bemüht hatte, der kunst, das lachen zu erwecken, eine scientifische form zu geben, wobei doch alles vornehmlich auf die quellen der bei dem Martial noch sehr verschrieenen pointen hinauslaufen musz Lessing 11, 301 M.; die neckischen gesichter ..., die ich schneide und die noch neckischeren sprünge meines witzes (les grimaces plaisantes de mon visage et celles de mon jugement) Göthe I 45, 67 W. (Rameaus neffe); gleichzeitig spöttisch: will er wohl ... seinen witz (stupid jesting) bei seite setzen? ist das unglück dieser armen menschen wohl ein gegenstand des scherzes (subject of mirth)? Bode Thomas Jones 5, 248; häufig in den Shakespeareübersetzungen zur wiedergabe des engl. wit, so bei Wieland: grosze herren dürfen mit heiligen scherzen; an ihnen ist witz, was an geringern gottlosigkeit wäre ges. schr. I 1, 264 akadem.; wir sind ganz entsezlich melancholisch und hätten gerne, dasz uns jemand aufgeräumt machte: willt du uns mit deinem wiz behülflich sein? ebda I 3, 59; bei A. W. Schlegel: ich danke dir für den spasz, da hast einen rock dafür. witz soll nicht unbelohnt bleiben, so lang ich könig in diesem lande bin 3, 112; menschen aller art bilden sich was darauf ein mich zu necken ..., ich bin nicht blosz selbst witzig, sondern auch ursache, dasz andre witz haben (worte Falstaffs) 6, 201. die eigentliche umwelt ist die gesellschaft (s. o. II A 2 c): wo ein witziger kopf dieser art gegenwärtig ist (in einer gesellschaft), spricht sonst niemand, und alle meinungen verschwinden vor seinen einfällen. er selbst hat keine meinung, wenigstens gewisz kein system, und es ist ihm ganz gleichgültig, ob er über die narrheit oder über die vernunft, über das machwerk eines stümpers oder über ein produkt des genies, über eine harlekinade oder über das unglück und das verderben der zeit lacht. ich stelle mir vor, dasz diese gattung von witz wie die poetische poesie, eigentlich das höchste sei, was der menschliche geist zu erreichen imstande ist. der reine witz musz keinen zweck haben, als sich selbst; es ist eine gemeine satyre, die noch etwas anderes beabsichtigt, als das lachen Schreyvogel ges. schr. (1829) 2, 1, 2. als 'humor': jenen stillen und leisen witz, der von sich nichts weiss und nie sich selbst belächelt E. M. Arndt s. w. 1, 44 R.-M.; liebenswürdigkeit und ein mit dem herzschlag gehender innerlicher witz G. Keller ges. w. 6 (1907) 147; trotzdem ... steckt er voll trockenen witzes Dwinger zw. weisz u. rot (1930) 110; vom witzigen gehalt einer darstellung: von laune, witz und weltkenntnisz überströmende blätter Lichtenberg hogarth. kupferstiche 3, 3; wieviel witz (liegt) in dem titel dieses buches (Brants narrenschiff) allein S. Brunner erz. 1, 152. neben inhaltlich verwandten begriffen: seine erfindungen (sind) so leicht und natürlich, sein witz und scherz so gefällig und fein Herder 17, 7 S.;
er hat mit feinem witz und scherz
manch weibchen eingenommen
Göthe I 2, 263 W.;
sie war heiter und leicht in ihrem glück, sie ... liesz ihrem witz und ihrer laune freies spiel Fr. Schlegel Lucinde (1799) 173; fröhlichkeit, witz und gemüthlichkeit strömten aus lange zurückgehaltenen schranken in seine unterhaltung Moltke ges. schr. 1, 95; unterschieden von laune: (der autor zeigt) sehr schön den unterschied zwischen witz und laune und sezt den ersten blos in den gedancken, der seine würkung 'laughter or tendency to laughter' hervorbrächte, es mag ihn auch sagen wer will, hingegen laune ist immer von handlung eines gewissen characters begleitet, eine gewisse person musz es sagen, sonst verliehrt es alles Lichtenberg aph. 4, 49 L.; daher: über das sinngedicht ... habe ich einmal wieder herzlich gelacht. (der autor war) einer der drolligsten menschen ..., er hatte nicht blos witz, sondern auch eine gantz eigne und seltsame laune Lichtenberg br. 2, 83. charakterisiert durch zugesetzte adjektive: die drolligste laune, der schnurrigste witz, die schalkischste satire lassen uns vor lachen kaum zu uns selbst kommen Lessing 9, 299 M.; (Shakespeares) komischer witz artet in possen aus; sein ernst schwellet zu bombast auf 6, 288; froher muth, heiterer witz Lavater verm. schr. 2, 13; lachender witz J. N. Götz verm. ged. (1785) 1, 169; zwangloses wesen, leichter lachender witz Schubart leben u. ges. 1, 43.
b)
als einzelne scherzhafte äuszerung, spasziger einfall, humoristische anekdote.
α)
die theoretische literatur. ungewöhnlich früh bei Ludwig verzeichnet: ein spitziger witz a subtelty, a critticism, a cunning fetch; ein stichelichter witz a satirical wit teutschengl. lex. (1716) 2510. diese lexikalische bezeugung eilt dem literarischen gebrauch um jahrzehnte voraus, wenn nicht direkte umsetzung aus dem englischen vorliegt. Georg Friedrich Meier gebraucht in seinen 'gedancken von scherzen' (Halle 1740), die das wesen des scherzes darlegen sollen, das wort witz nur im sinne des intellektuellen vermögens, 'die ähnlichkeit, gleichheit und proportion der dinge zu erkennen' (§ 14), ohne jeden unterton des scherzhaften, geschweige denn, dasz er den einzelnen scherzhaften einfall, obwohl dessen wesen und eigenschaften gegenstand seiner untersuchung sind, mit witz bezeichnet. neben scherz kennt er nur noch spass oder sinnreicher, spasshafter, scherzhafter einfall: der schertzende und seine zuhörer müssen vor dem spasse einen sehr groszen eindruck von gantz andern vorstellungen gehabt haben, die mit dem schertze, in so fern er ein schertz ist, nichts gemein haben ... der schertzende beweist dadurch, wie leicht es ihm sei, einen schertz zu machen und zeigt die stärke seines witzes, die den spass selbst grosz und feurig macht § 56. das 18. jh. gebraucht statt witz die composita witzspiel (s. d.) oder wortspiel (s. d.): seine (Shakespeares) wortspiele legt er beständig nur dem schlechtesten und lustigsten teile seiner theaterpersonen in den mund, weil es dieser klasse von menschen in allen zeitaltern zur natur geworden ist, sich diese art des witzes vorzüglich zuzueignen Gerstenberg literaturbr. 127, 5 lit.-denkm.; vgl. Lessing 10, 189 M. noch Eberhard hält in seiner synonymik (6 [1802] 40) witz getrennt von scherz und spass: ein scherz und ein spass wird auch oft für eine scherzrede oder einen kurzen sinnreichen einfall gebraucht (bonmot), welcher lachen erregt, indem der witz verschiedene dinge auf eine überraschende art zusammenstellt. alsdann ist der scherz ein witziger einfall, über den auch personen von einem gebildeten geschmack lachen können, ein spass hingegen kann nur von menschen ohne geschmack belacht werden. er ist ohne witz oder die geburt eines unechten. die reihe der philosophen, die sich um das wesen des witzes bemühen, eröffnet Chr. Wolff, aber erst C. G. Carus (1831) bezieht auch das komische ein, s. R. Eisler wb. der philos. begr. 1864 f. zur heutigen auffassung vgl. J. Körner preusz. jahrb. 239 (1935) 128.
β)
literarische belege: der platteste ausdruck, der schaalste witz kann durch den platz, dahin er fällt, durch einen ganz eigenen contrast etwas so comisches hineinbringen, dasz man trotz seiner überlegung über die plattitüde lachen musz Knigge roman meines lebens (1781) 2, 7;
betäubt flattert der scherz, flattert der lächelnde
wiz von dannen, der spasz hinket daher
J. H. Voss s. ged. (1802) 3, 25;
viele sogenannte Berliner witze und schnelle erwiederungen kamen zur sprache (1828) Göthe III 11, 206 W.; so schlosz die lektion ganz heiter; alle lachten über den witz des vaters Göthe gespr. 1, 13; lachen über die unerschöpflichen witze von Franz Bettine die Günderode (1840) 1, 82;
er aber wandt sich scherzend zurück vom luftgen sitz,
da flogen spielend witze, anmuthig blitz um blitz
Eichendorff s. w. 3, 472;
(die) bestürzten hofleute, die ... nun die auf Gaston geladenen witze verzweifelt gegeneinander selbst abschossen 3, 366;
und seine lippe sprüht von hundert witzen
Geibel w. (1888) 1, 85;
der richter holte seine himmelschlüssel — so pflegte der lehrer mit einem stereotypen witze die kellerschlüssel zu nennen S. Brunner erz. u. schr. 1, 10; das spöttische gesellt sich leicht zum scherzhaften: so sehr schien ihn die lächerlichkeit, hohlheit und unlauterkeit des beschauers ... zu bösen witzen aufzufordern G. Keller ges. w. 2, 151; (die absonderlichkeiten) sind haken genug, schlechte witze daran zu hängen O. Ludwig ges. schr. 1, 144; trotz einiger sonderbarer beinamen und bezeichnungen, die ... den scherz oder einen billigen witz herausfordern Fontane ges. w. I 4, 259. der zusammenhang mit der ursprünglichen bedeutung als 'kluger einfall' geht nicht verloren: ein guter witz musz den schein des unabsichtlichen haben. er giebt sich nicht dafür, aber siehe da, der scharfsinn des hörers entdeckt ihn, entdeckt den geistreichen gedanken in der maske eines schlichten wortes. ein guter witz reist incognito M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 1, 43; verbindungen mit adjektiven, die z. t. fest sind: meine reisegesellen feuerten der schönen reiterin munter gute und schlechte witze nach Eichendorff (1864) 3, 204; die ziemlich ungesalzenen witze der Römer über ihre Academie Justi Winckelmann 2, 1, 125; gefürchtet wegen seiner drastischen witze Mommsen röm. gesch. 2 (1857) 197; wenn ein petulanter witz ihn prickelte 3 (1866) 205; einen gelungenen witz erzählen Moltke ges. schr. 6, 415; sehr jung: mögen die meisten davon auch als 'witzkarten' gedacht sein, so sind es doch nur äuszerst faule witze Liller kriegszeitung, 4. auslese 21. in gleichem sinne ist blutige witze heute üblich, s. Büchmann gefl. worte (1926) 262. vgl. noch lederner witz u. ä.: das blut stieg mir in die schläfe, hörte oder las ich die ledernen witze darüber (über ein gemälde) D. v. Liliencron s. w. ⁵ 3, 93; umgangssprachlich trockener witz. verbalverbindungen: er weisz in der rechten laune viel zu erzählen und gibt gern ein witzchen zum besten Steub drei sommer in Tirol 2, 225; am häufigsten ist witze machen: nun erinnere ich mich auch eines witzes, den du auf ihn machtest (1813) Chamisso w. 4, 229; wo die geschwister und hausfreunde zusammen witze machten Bettine frühlingskranz (1844) 3; wann er über seine kameraden witze macht Fr. Th. Vischer ästhetik 1, 347; übertragen:
(die petze) würde witz von grimmiger art euch machen,
wenns euch gelüsten sollte, sie zu necken
H. v. Kleist 2, 438 E. Schmidt;
daneben: witze reiszen A. v. Arnim w. 15, 172; Hebbel br. 4, 110 W.; danach dann: witzreiszende worte graf Strachwitz ged. (1850) 158; witzreiszer Holtei erz. schr. 8, 225, vgl. possenreiszer; einen witz riskieren ebda 22, 92.
c)
das scherzhafte steckt nicht in einer äuszerung, sondern in einer handlung, einem sonderbaren vorfall; als 'streich':
denkt euch nur, welch schlechten witz
machten sie mit onkel Fritz
W. Busch Max u. Moritz 30;
ich muszte (nachsehen), ob der teufel diesen witz (den druckfehler) nicht auch auf einer anderen stelle wiederholt hat Stifter br. 3 (1929) 59; das ist ein höllischer witz mit ihrem neuen hofmeister Holtei erz. schr. 14, 97; als sonderbarer einfall: dasz er so früh schon wein trank und seinen wiz belachte, ihn aus theetassen zu trinken Bahrdt gesch. s. lebens (1790) 2, 5; vom eigenartigen zusammentreffen ungewöhnlicher umstände: der witz des zufalls Stifter s. w. 1, 153; C. F. Meyer Jürg Jenatsch (1901) 135; mehr umgangssprachlich ist die verbreitete redewendung: das ist der witz das ist der springende punkt, darauf kommts an. hier liegt vermutlich die ältere bedeutung zugrunde, s. oben I 2 ende, sp. 866.
C.
compositionen. sie spiegeln in ihrer bildlichkeit die eigenart des witzes als gabe der überraschenden einfälle wieder und entspringen gern der vorstellung vom aufleuchtenden feuer oder wechselseitigen kampf: witzblitz Rosegger schr. III 5, 261; -bolzen A. Jung br. über Gutzkows ritter (1856) 191; -bombe Gaudy s. w. 21, 64; -duell W. Alexis Shakespeare u. s. freunde 3 (1893) 189; -feuerwerk fürst Pückler tutti frutti 5 (1834) 285; -fontäne G. Hiller reise (1808) 242; -garbe Fr. Th. Vischer altes u. neues 3, 373; -gefecht Gerstenberg recensionen 266 lit.-denkm.; -kampf J. G. Scheffner mein leben (1821) 40; -kreuzfeuer Karoline Bauer nachgel. memoiren 3, 392; -lanze (brechen) Holtei erz. schr. 22, 244; -pfeil Fr. L. Jahn 1, 359 E.; -rakete Spielhagen 5, 389; -stich Jean Paul w. 55-58, 198; -sprühend W. Raabe hungerpastor (1864) 2, 15.
Zitationshilfe
„witz“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/witz>, abgerufen am 12.12.2019.

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