Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

witzling, m.

witzling m.
im 16. jh. gelegentlich bezeugt als 'klügling': dise newe betrüger und geferbte landstreicher ..., diese witzlinge und ungelehrte spitzlinge M. Pegius geburtsstundenbuch (1570) Vv 5ᵇ; ich möcht ... von disen fremdgenaturten landsprachscheuen wizling vernemmen, ob sie auch sagten, das die Römer oder Latiner ... diselbige künst verächtlich gemacht hetten Fischart 3, 122 Hauffen; vgl.da hilft weder witzling noch spitzling Garg. 331 ndr.; neuen auftrieb erhält das wort mit beginn des 18. jhs.: einigen (leuten) fehlt es beides an witz und urtheilskraft ..., solcher halbgelehrten witzlinge giebt es so viel in unserer insul ... Drollinger ged. (1743) 192, hier als wiedergabe des nach form und inhalt nahestehenden englischen witling in Popes 'essay on criticism' (v. 40), öfter jedoch entspricht bei ihm witzling dem englischen wit, soweit dieses persönlich gemeint ist, vgl. ebda 193; 195; 202; 232; dem worte haftet seit je ein negativer sinn an, in der literarischen welt der dünkelhafte, unfertige schöngeist und literat: schändlicher undank ... zumal bei frühzeitigen witzlingen, die ihre lehrer vor der welt zu verkleinern suchen, damit sie selbst für gröszer angesehen werden mögen neuer büchersaal 1 (1745) 50 Gottsch.; kenner von guten schriften fanden hier (in Diderots 'pensées philosophiques'), wie es in den schriften junger witzlinge zu gehen pflegt, manchen guten, ja schönen einfall das neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit 1 (1751) 63; jeder unreife witzling in diesem liederreichen und kunstrichterischen zeitalter ebda 9, 146;
als dein geschmack nur meine verse wählte
und ich bei dir noch keinem witzling wich
Hagedorn poet. w. 3, 75;
vgl. auch: der witzling, ein deutsches nachspiel von Luise A. Gottsched; diejenigen steifen witzlinge ..., welche sich durch ihre unglücklichen nachahmungen dieser erhabenen dichtungsart (des Messias) lächerlich machen Lessing 4, 397 M.; wer aber sind ihre (der witzigen Engländer) nachahmer unter uns! grösztenteils junge witzlinge, die ungefähr der deutschen sprache gewachsen sind, hier und da etwas gelesen haben ... 6, 399 M,: der grundgelehrte Anakreon ... soll ein bloszer witzling und kein naturforscher gewesen sein 4, 3 M.; bei ihm öfter, s. 1, 39; 3, 407; 5, 155; 6, 395; (als ob) jetzt ein junger witzling nach der mode keinen ihrer alten schriftsteller mehr ohne lächeln und verlachen ... lesen kann! Herder 3, 283 S.; auch bei ihm nicht selten, vgl. 3, 11; 3, 199; 3, 307; 24, 190; 26, 289; 29, 383; ich bemerke, dasz die meisten unsrer witzlinge (la plupart des esprits) sehr sinnreich thun, um den ruhm schöner und groszmüthiger thaten der alten zu verdunkeln J. J. Chr. Bode Montaigne 2, 159; mehr als 'geck, stutzer, höfling, galan':
und sah um sich, so wie ein witzling um sich schaut
Gellert w. (1839) 1, 163;
so wird der niederträchtige oder der blosze witzling und der nur allein artige mann niemals, niemals keine gewalt über mein herz erhalten S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 118; da ich die livree der wizlinge trug und ein traulicher, aller welt offener, sorgloser wüstling war Schubart leben u. ges. 1, 171; ein platter mensch, der den witzling spielt, sich airs giebt Kotzebue s. dram. w. 24, 185; bei diesen umständen (der heuchelei am hofe) wurde der hof ... bald der sammelplatz aller wollüstlinge, aller witzlinge Jung-Stilling s. schr. 4, 542. als 'spötter und kritikaster': spottvögel und prophane witzlinge (sneerers and prophane wits) lachen vielleicht über ihren ersten schreck J. J. Chr. Bode Thomas Jones 1, 21; da stehen nun die witzlinge ... und spotten über den Hamlet allg. dtsche bibl. 17, 208; kein freier kopf ... beuget ... sich unter witzlinge, die in ihrem elenden richterstuhl gegen alles, was nicht mit ihnen an einem seile zieht ... ihr richtscheid in die hand nehmen Zimmermann einsamkeit 1 (1784) 75; die landplage von witzlingen und kritikastern ... mit denen unser gutes vaterland ... heimgesucht worden Gerstenberg recens. 338 lit.-denkm.;
lasz den witzling uns besticheln
Göthe I 1, 147 W.;
einem könige ...,
welcher, vom thron gestoszen, eine zielscheib jeglichen witzlings
ist
Hebbel w. 7, 47 W.;
der witzling ist der bettler im reich der geister; er lebt von almosen, die das glück ihm zuwirft — von einfällen M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. 1, 70. der witzling als weltanschaulicher typ: der begriff, dasz das höchste wesen selbst die menschen einer besonderen offenbarung gewürdigt hat, erscheint dem witzling ... fremde und auszerordentlich Hamann schr. 1, 56 R.; alle angriffe der atheisten, deisten, naturalisten, freigeister und wizlinge Schubart leben u. ges. 2, 72; der geist unseres jahrhunderts scheint, wenn man ihn personificirt, ein groser wizling mit einem durchgehends verdorbenen herzen zu sein Schubart br. 1, 129 Str.; man weisz, dasz der prototyp dieses dünkelhaften spötters in Frankreich zu suchen ist:
glückliches volk! als noch die satyre des gallischen witzlings
deiner ehlichen treu und unerfahrenheit lachte
Zachariä poet. schr. 4, 40;
in der tat, drin geht er von allen jetzt lebenden französischen witzlingen ab: er zeigt es auf allen seiten, dasz er religion habe Lessing 5, 145 M., vgl. 16, 232; dagegen werden französische witzlinge und gottesleugner mit enormen kosten aus der ferne verschrieben Holtei erz. schr. 13, 174.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 900, Z. 34.

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