wo
Fundstelle: Lfg. 6 (1939), Bd. XIV,II (1960), Sp. 903, Z. 67
adverb und konjunktion.
herkunft und form. ahd. hwâr, wâr, mhd. wâ, nhd. wo entsprechen in den andern germ. sprachen mit langem stammvokal: mnd. nd. wār (wōr), mnl. waer, nl. waar, afries. hwēr (länge gesichert, da in der gruppe war ă nicht erhöht wird, s. v. Helten altostfries. gr. 1), nfries. hur, huar, wer (auf Sylt, Amrum, Föhr, den Halligen, Wangeroog und an der küste, s. Wrede anz. f. dtsch. altert. 21, 158), nordfries. wir (s. Bendsen Moringer ma. 336; P. Jensen Wiedingharde 701), ags. hwǽr, spätwestsächs. hwár, me. hwār, hwēr (u. ä.), engl. where; mit kurzem stammvokal: got. ƕar, an. hvar, mnorweg. hvar(r)a 'wo in aller welt' (u. ä.), schwed. (h)var, dän. hvor, norw. kvar. unbestimmbar ist die quantität von as. hwar 'wo, wohin (wie)'. die kurzvokalische form des gleichen stammes in der bedeutung 'wo' ist innerhalb des westgerm. sicher erhalten in ahd. (h)wergin, as. hwergin (huuargin nur Hel. 1089 in M), ags. hwerʒen (vgl. an. hvergi) 'irgendwo' aus germ. *hu̯ar-gin (das zweite element = ai. caná, s. Walde-Pokorny 1, 399 und Wilmanns 2², § 428, 3); ungewisz ist die quantität der emphatischen nebenform des angelsächsischen hwára (oder hwara?), s. Sievers ags. gramm. § 321 anm. 2. ahd. mhd. wăr vor adverbien wird aus der schwachtonigkeit erklärt und braucht nicht auf den kurzvokalischen stamm zurückgeführt werden, s. Schatz ahd. gramm. § 264. die formen gehen auf ablautende idg. *qᵘ̯ēr und *qᵘ̯or zurück, adverbialbildungen durch das in dieser funktion mehrfach bezeugte formans -r zum stamm des fragepronomens idg. *qᵘ̯o-; zur kurzvokalischen form gehören auszer den oben genannten ost- und westgerm. bezeichnungen für 'wo' noch die lokaladverbia der richtung: ahd. (h)wara, mhd. und frühnhd. war(e), as. hwar, mnd. (nd.) war und das ostgerm. fragepronomen got. ƕarjis, an. hverr 'welcher?' (vgl. das gleichgebildete lit. kurìs 'welcher' aus kur̃ jìs, also wörtlich 'wo er'); ferner ai. kár-hi 'wann?'. die westgerm. langvokalische wortform steht im ablaut mit altlat. quōr, lat. cūr 'warum'; dagegen gehört lit. kũr 'wo, wohin' nicht zum stamme idg. qᵘ̯o-, sondern zu danebenstehendem qᵘ̯u-, s. Specht lit. maa. 2, 1922, 211; Walde-Pokorny 1, 521 und Walde-Hofmann lat. etym. wb. 313. die gleichen quantitätsunterschiede wie bei dem aus dem stamm des pronomen interrogativum entwickelten adverb finden sich bei der gleichartigen ableitung aus dem stamm des pronomen demonstrativum, idg. *to-, vgl. got. an. þar und ahd. dâr, mhd. dâ, nhd. da, as. thă̄r, afries. thēr (thĕr), ags. đǽr, spätwestsächs. đár (dazu đára oder đara). neben wâr führt als zweisilbige ahd. form Schatz ahd. gramm. § 264 wâre an (vuare Notker 2, 132, 20 Piper); vgl. dazu mnd. ware (swore) bei Sarauw nd. forsch. 2, 140; mnl. ware Verwijs-Verdam 9, 1536; ags. hwára, s. oben; mengl. (h)ware, hwere, where Stratmann-Bradley 358ᵃ; mnorweg. hvar(r)e, hvar(r)a u. ä. Torp nynorsk et. ordb. 341. altes im ahd. allgemein zu ende des 8. jhs. geschwundenes anlautendes h ist noch nachweisbar, z. b. in so huuar so ubicumque Benedictinerregel bei Steinmeyer sprachdenkm. 274, 5. das auslautende r fällt wie bei andern einsilbigen partikeln mit langem vokal seit dem 11. jh., vgl. uua Williram 13, 1; 107, 13 u. ö.; doch konnte es in dem schwachtonigen war vor adverbien, zumal vokalisch anlautenden, erhalten bleiben, vgl. die zusammenfassung über die gestalt des ersten bestandteils der wo-composita hinter wozwischen. im simplex begegnet die alte form innerhalb des deutschen noch mundartlich im mfränk. und nd. (auszer Westfalen und z. t. der gegend von Göttingen), s. Wrede anz. f. dtsch. altert. 21, 158 und Sarauw nd. forsch. 1, 213 anm.; gelegentlich in schriftsprachlichen denkmälern, z. b. Joh. Rist neuer teutscher Parnasz (1625) 78; Venusgärtlein 38 ndr. die verdumpfung von ā ˃ ō unter dem verstärkenden einflusz des vorangehenden w läszt sich im hd. seit der zweiten hälfte des 13. jhs. nachweisen, zuerst bei bair.-österr. und md. verfassern wie Ottokar reimchr. 92366 Seemüller; Heinrich v. Neustadt Apollonius 1837 S. (neben wa); passional 167, 95 Hahn; märterbuch 109 Gierach, ferner im elsäss., z. b. in einer Straszburger hs. von Taulers pred. 395, 27 Vetter; städtechron. 9, 933, 29 (Straszburg 15. jh.). doch herrscht wa zunächst noch vor, Luther schreibt es bis 1521, s. H. Paul dt. gramm. 1, 212. es hält sich am stärksten im alem. und ist dort noch im späteren 16. jh. häufig bezeugt, z. b. bei Fröreisen griech. dramen 2, 243 Dähnhardt; Fischart Gargantua 26 ndr.; Gäbelkover (1595) s. u.; vereinzelt auch im 17. jh., z. b. Weckherlin ged. 1, 3 Fischer; Rompler v. Löwenhalt 1. gebüsch (1647) 213; heute noch mundartlich im hochalem., s. Bühler Davos 1, 305. auszerhalb des alem. im hd. seit der 2. hälfte des 16. jhs. nur selten: (1565 Salzburg) österr. weist. 1, 209; (1744 Tirol) ebda 2, 208. im nd. findet sich die gleiche entwicklung seit der mnd. zeit; doch hat sich hier wie im ndrhn. a oder ein a-haltiger laut öfter erhalten, s. Wrede anz. 21, 157 f. auch in der zusammensetzung mit adverbien vollzog sich der übergang von wa(r)- zu wo(r)-, wiewohl es sich hier um kurzen vokal handelt; wa(r)- hält sich häufig bis ins 17. jh. und ist heute noch in warum erhalten, vgl. teil 13, 2188 und die hinter wozwischen folgende übersicht. sonst begegnet altes wa noch in etwa, neben dem etwo 'alicubi' nur bis ins 16. jh. hinein belegt ist, s. teil 3, 1187 f.; das zurückgehen der ursprünglichen lokalen bedeutung im 16. jh. (s. teil 3, 1181. 1187 f.) und das in gewissen anderen verwendungsweisen synonym danebenstehende etwan (˂ mhd. eteswanne) mögen zur erhaltung des a beigetragen haben. über die verteilung von mundartlichem wu, wue, wau u. ä. s. Wrede anz. 21, 157; wu findet sich hauptsächlich in teilen des nd., westl. md. und obd. westlich vom Schwarzwald, ferner im obersächs. (s. Müller-Fraureuth 2, 676ᵃ), im unterfrk. (s. Ruckert 197); wü im elsäss.; wue im nd. und im Voigtland; wau, wou im westl. md., schles., bair. und schwäb. (vgl. Fischer 6, 911); dazu passen einzelne in älterer zeit bezeugte literarische belege wie mnd. wur, wu bei Schiller-Lübben 5, 598, 756; wu (nd. 15. jh.) bei Diefenbach gl. 481ᵃ; wu, wue bei Luther 8, 514 W.; 34, 2, 40 W.; wu Egranus ungedr. pred. 143 Buchwald (aus Zwickau); ebenso H. Sachs w. 8, 671 K.; weisth. 6, 21 (aus Wertheim 1384); wue (1456) im archiv d. histor. ver. zu Würzburg 22, 122; ebenso (1525) in: chron. d. stadt Bamberg 2, 229 Chroust; wu und wau in schwäb. denkmälern, vgl. Fischer 6, 911 undliederb. der Hätzlerin 78 H.; wau (Augsb. 16. jh.) städtechron. 25, 173. das relativische und konjunktionale wo geht zurück auf ahd. sô (h)wâr sô. die entwicklungslinie wird bezeichnet durch folgende formen: so huuar so Benedictinerregel bei Steinmeyer sprachdenkm. 274, 5; so war so Otfrid 3, 3, 12 E.; so war ders. 4, 6, 24; souuar Notker 2, 37 Piper; sua Wiener genesis 2040 Dollmayr; swo passional 86, 80 K.; 375, 50; wa Elisabeth (hs. 1. hälfte 14. jh.) 850 Rieger; wo märterbuch (hss. 14. und 15. jh.) 6 Gierach; Marienburger treszlerbuch 1399-1409 275 J. das zweitebeginnt seit dem 9. jh. fortzubleiben, findet sich aber gelegentlich auch noch später, z. b. swâ sô Nibelungen 1739, 2 Lachmann; Gottfried Tristan 16352 B. auch das ersteerhält sich zuweilen länger, z. b. so wo Tauler pred. 395, 27 Vetter; soe waer gemma gemm. (Köln 1512) z 3ᵃ. zur erklärung des schwundes des mhd. proklitischen s s. Wilmanns I³ § 101 anm. 3 und Behaghel gesch. d. dt. spr.⁵ § 381. über parallelen im übrigen westgerm., auf das die bildungsweise des verallgemeinernden relativums durch so — so (afries. sâ — sâ, ags. swâ — swâ, swa — swa) beschränkt blieb, s. gramm. 3, 44 f.
bedeutung und gebrauch.
I.
wo als adverb.
A.
in interrogativem gebrauch.
1)
als lokaladverb der ruhe.
a)
in direkter rede.
α)
in der einfachen frage: uuar ist ther, thie giboran ist, Judeno cuning? Tatian 8, 1 Sievers;
wâ bistu, Adam, mîn trût?
Wiener genesis 757 Dollmayr;
(Lunete zu Laudine:)
'uns ist ein vrumer herre erslagen:
nû mac iuch got wol stiuren
mit einem alsô tiuren.'
'meinstuz sô?'   'vrouwe, jâ.'
'wâ wære der?'   'eteswâ.'
Hartmann v. Aue Iwein 1806;
sag, wo ist der gemahel dein?
H. Sachs 1, 34 Keller;
wo habt ihr das tuch gekaufft? Schupp streitschr. 2, 8 ndr.; mit einem die dringlichkeit der frage ausdrückenden denn (s. teil 2, 951):
wo aber ist sie denn?   wo bleibt sie?
Lessing 3, 6, 62 Muncker;
wo ist denn der wirth? Pfeffel pros. versuche (1810) 1, 102; Göthe und Eichendorff s. u.; mit zugefügtem doch, bes. bei vorwurfsvollen fragen: ach, wo kömpt doch das böse ding her? Sirach 37, 3; vgl. dazu teil 2, 1204 und unter 1 b; mit folgendem teufel, zum teufel u. ä. als ausdruck des unwillens: wo nun dem teufel sol ich dann nun hangen? ... ich bitte, schencket mir mein leben bei Creizenach schausp. engl. comöd. 46;
wo teufel auch, wo lieszt ihr die perücken?
H. v. Kleist 1, 347 E. Schmidt;
heda, ihr herren komödianten, rief der eine, wo teufel steckt ihr denn? Eichendorff s. w. (1864) 2, 415; s.teufel teil 11, 1, 1, sp. 273. nach einer stelle in einer schrift, einer erzählung fragend:
wirffst du mir mein sündgen für,
wo hat gott befohlen,
dasz mein urtheil über mir
ich bey dir soll holen?
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 385;
wo war ich denn? (in meiner erzählung) Göthe 45, 105 W.innerhalb eines abstrakten bereichs: wo hören die gesetze auf? wo fängt die freiheit an? Herder 22, 113 Suphan; vgl. auch unter 1 b; in einer ironischen wendung bei Luther: sie werden ... furwenden, das ... viel schrifft da (seien), die es erzwingen, das eitel brod und wein da musse sein. antwort: wo da, mein schons lieb? 23, 114 W.; ich hette ... seine ehre und glimpff geschendet — wo da, mein schones lieb? 30, 2, 32. in der verbindung wo fehlt es?: gott sei dank, dasz da jemand kommt, mir aus der not zu helfen! — von herzen gern, wenns möglich ist, erwiederte Gockel, was gibt es, wo fehlt es? Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 48; vgl. fehlen 2 teil 3, 1425. redensartlich: wo drückt der schuh? vgl. unter 1 b.
β)
in der rhetorischen frage:
uuar ist denne diu marha   dar man dar eo mit sinen magon piehc?
diu marha ist farprunnan
muspilli 60 Steinmeyer;
wâ sint si nû, die dich dâ minnent, Êre?
ist ir vil, sô helent si sich sêre
Reinmar v. Zweter 75, 7 Roethe;
wo sind die, so in ihrem hertzen sagen: kommet, wir wollen uns zum herrn bekehren, ihn umb vergebung unserer sünde bitten und von denselbigen abstehen? ich sehe ihrer noch wenig Schupp streitschr. 1, 133 ndr.; es solte (unter meiner führung) auch ein biszgen besser umb die spanische armee stehen. ... o Franckreich! wo hättestu bleiben wollen? Chr. Weise die drei ärgsten erznarren 25 ndr.; wo seyd ihr, harmonische stunden der jugend? maler Müller w. (1811) 1, 3. gern in rhetorischen fragen, die die unvergleichlichkeit einer person oder sache ausdrücken:
wâr gewan ie sicheinis kuningis gnôz
sô manigin wîchgaren man? (wie die riesen)
Rother 669 v. Bahder;
wâ funde ich denne ein alsô wol getâne,
diu sô wære valsches âne?
sist schœner und baz gelobet denn Elêne und Dîjâne
Walther v. d. Vogelweide 119, 8;
wâ wart ie magt sô tiure?   (wie die jungfrau Maria)
Reinmar v. Zweter 14, 12 Roethe;
wo sein gröszer lerer und meister der heiligen geschrifft dann hie zuͦ Parisy? Arigo decamer. 30 Keller;
denn wo ist heute doch ein land,
wo mehr erfreute seelen wohnen?
B. Neukirch ged. (1744) 6;
wo wäre ein virtuos auf der welt, der auf seinem instrument euer gnaden stimme zu erreichen hoffen dürfte? Lenz ges. schr. 1, 6 Tieck. bei fragen nach herkunft oder verbleib von etwas abstraktem: qaþ þan du im: ƕver ist galaubeins izwara Lucas 8, 25; allgemeiner: wo liesze sich mit mehrerer sicherheit ein maszstab zur beurtheilung der kunstwerke finden als in der kunst selbst? Göthe 46, 80 W.; in besonderen fällen: wo ist hie die schneyde des bockischen (d. h. Emserischen) geystis? Luther gegen Emser in: flugschr. 2, 96 ndr.; wo ist ihre klugheit? ihr gutes betragen? (anrede) Göthe 22, 196 W.;
wo fehlts nicht irgendwo auf dieser welt?
Göthe 15, 14 W.
γ)
im mhd., das gern die frageform im adhortativen sinne verwendet, leitet wâ, gewöhnlich in verbindung mit nû (nu) derlei oft halb fragende und halb ausrufende sätze ein (s. Zarncke bei Benecke-Müller-Zarncke 2, 1, 421ᵃ, 1 und gramm. 3, 302. 778):
wanu frunt unt man,
den ich zeliebe icht han getan,
wanu di mir helven wellen
Rolandslied 202, 19 W. Grimm;
aus diesem gebrauch entwickelte sich die verwendung von wâ nû im sinne einer interjektion von der bedeutung 'wohlan, auf'!:
wa nu mine lute,
bringet min ros und min swert!
Herbort v. Fritzlar liet von Troye 8280;
wâ nû, ir frouwen, sprechent dar!
Konrad v. Würzburg troj. krieg 1830;
vereinzelt so auch nhd. wo nun: wo nun, ihr herren, seyd nur halb so zürnich, dann es ist unnöhtig bei Creizenach schausp. engl. comöd. 41; wo nun, harre ein wenig 46.
b)
in indirekter rede:
(die jünger zu Christus:)   meistar, zellen wir thir war,
wir woltun wizan in giwis,   war thu emmizigen biruwis (ubi habitas)
Otfrid 2, 7, 18;
wâ ich den künic vinde,   daz sol man mir sagen
Nibelunge nôt 78, 2 L.;
sy gingen zuͦ einem münche, fragten, wo sie gehaben möchten einen heyligen guͦten man, peicht ze hören Arigo decamer. 22 Keller; aber ehe er sich wieder recht besinnen konte, wo er war, ging mein pferd durch Grimmelshausen 2, 338 Keller; wo ich bin, verschweig ich noch eine kleine zeit Göthe IV 8, 25 W.; (er) baute ein schlosz, von dem niemand weisz, wo es gestanden hat G. Keller ges. w. 1, 11; mit doch (s. unter 1 a): neben diesem hat man auch viel ... meynung gefunden, wo doch die seele im menschen ihre residentz (habe) W. Spangenberg ausgew. dicht. 6 Martin; Fischart w. 2, 73 Hauffen. ohne eigentliche ortsvorstellung:
oc scal ik iu seggean noh,
huar gi iu uuardon sculun   uuiti mesta,
menuuerc manag:   te hui scalt thu enigan mann besprekean,
bruother thinan (vgl. Matth. 7, 3)
Heliand (C) 1702 Sievers;
nû lob ich got, sît dîniu bant (der frau Minne)
mich sulen twingen, deich sô rehte hân erkant,
wâ dienest werdeclîchen lît
Walther v. d. Vogelweide 56, 11;
nû merke wi ouch, wâr diu sibbe beginne Sachsenspiegel 1, 22 Eckhardt; also gewohnen sie eines rechten styli, sie mercken, wo sie gefehlet haben Chr. Weise pol. redner (1677) 4;
siehst du also einem geschöpf besonderen vorzug
irgend gegönnt, so frage nur gleich, wo leidet es etwa
mangel anderswo
Göthe 3, 90 W.
in bestimmten wendungen. nach wer weisz, gott weisz in parenthetischem gebrauch:
(liebende,) die in sachen, die, wer weisz, wo und was sind, witzig sind,
diese sind in denen sachen, die für augen, offt ein kind
Logau sinnged. 344 Eitner;
häufig elliptisch:
ein schaf, das, eingehetzt von hunden, sich
durch dornen drängt, läszt nicht mehr wolle sitzen
als ihr, gott weisz wo?   fleisch habt sitzen lassen
H. v. Kleist 1, 325 E. Schmidt;
vgl. ähnlich verwendetes mhd. neizwâ (= ich enweiz wâ), s. Haupt zu Erec² 7990 und Lexer 2, 44. wo ... überall u. ä. in sätzen häufig ausrufender art, zu denen ein übergeordneter satz zu ergänzen ist: muster davon (von vertonungen) hast du gegeben in der Johanna Sebus, Mitternacht, Über allen gipfeln ist ruh, und wo nicht überall? Göthe an Zelter IV 33, 9 W.; es ist doch eine kuriose theaterprinzessin, die Sissi von Mandelbisz; wo die überall herumkömmt, die kann auch mehr als brod essen! Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 168; da war der junge pater Garzweiler lange jahre fort, in Rom und wo all Heinrich König d. clubbisten in Mainz (1847) 1, 10. redensartlich: nicht wissen, wo einen der schuh drückt, vgl. teil 9, 1847: eur keiner weisz, wo mich der schuch druckt Albr. v. Eyb dtsche schr. 1, 7 H.; (wir) wissen selbst am besten, wo uns der schuh drückt, woran das übel liegt Herder 18, 206 Suphan; so auch mundartlich, s. z. b. Martin-Lienhart elsäss. 2, 778; ähnlich: ick meine, gi hebben woll geuollet (gefühlt), wor jw de scho dvinget (16. jh.) Stralsunder chron. 1, 49 Mohnike-Zober; Tunnicius sprichw. 47 Hoffmann v. Fallersleben; nicht wissen, wo einem der kopf steht, s. teil 5, 1758: Gockel wuszte auf diese rede gar nicht, wo ihm der kopf stand Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 159; sehen, wo der zimmermann das loch gelassen hat, vgl. teil 6, 1095: (ich) sahe, wo der zimmermann das loch gelassen hatte Chr. Reuter Schelmuffsky 7 ndr. (vollst. ausg.). heute nicht mehr gebräuchlich ist:
die groszen narren ich hie mein,
die für klugheit schier wissen nicht,
wo sie der nar und gecke sticht
narrenfresser in Preuszen (1552) a 2.
c)
wo in verbindung mit einzelnen anderen lokaladverbien.
α)
wo (hin)aus 'quorsum, quo' Calepinus XI ling. (1598) 1217ᵇ; Dentzler clavis ling. lat. (1716) 354ᵇ;
wo usz, Hans Latz, wilt du daruon?
ja, ja, er rytet schon!
H. R. Manuel weinspiel v. 662 ndr.;
häufig in wendungen, die die ausweglosigkeit in der lage einer person ausdrücken: nicht wissen, wo ausz pendere animi, angustiis urgeri Dentzler a. a. o.; Frisius dict. (1556) 92ᵇ;
ach muttergotz, wo sol ich ausz?
H. R. Manuel weinspiel v. 430 ndr.;
zuletzt wird er nicht wissen, wo er hinaus soll Göthe IV 27, 22 W. gewöhnlich in verbindung mit wo ein (oder, und, noch ein): (er) nicht west, wo aus oder ein Arigo decamer. 84 Keller; es werden in angst und nott sein alle mentschen uff der erden, wirtt niemandts wiszen, wo aus, wo ein (1521) Egranus pred. 52 Buchwald;
wo soll ich ausz, wo soll ich ein,
in der welt ich nit sicher bin (klagt der floh)
Fischart flöhhatz 26 ndr.;
daz ich ... nicht wuste, wo ausz oder wo ein, wo anfangen oder wo enden Guarinonius greuel d. verwüst. (1610) 842;
da ich ein kind war,
nicht wuszte, wo aus noch ein,
kehrt ich mein verirrtes auge
zur sonne
Göthe 2, 76 W.;
dieser junge mann kam aus Welschland zurück, weisz nicht wo aus, wo ein P. Dörfler d. notwender (1934) 117; seltener in anderen verbindungen wie neben wo an (= 'wohin'):
do wuszt ich nit, wo usz noch an
und wolt mich nyemant me ouch han
H. R. Manuel weinspiel v. 2989 ndr.;
sie wissen nit wo ausz, wo an,
versperrt ist ihnen strasz und ban
Spreng Äneis (1610) 36ᵇ.
so auch mundartlich, vgl.er waiss nitt wous, woane 'sich nicht zu raten und zu helfen' Seiler Basel 317; wb. d. Elberfelder ma. 176; wb. d. luxemb. ma. 489ᵃ; neben wohin: ich was allain in dem groszen ungeheuren wald und west nit, wahin oder wa ausz (Augsburg 15. jh.) städtechron. 5, 107.
β)
in der wendung wo will ... (die person oder sache) hinaus? und ähnlich auf absicht oder zweck einer handlung, eines verhaltens u. s. w. zielend: sihe, wo der teuffel hinaus wil, das heist: den nebel fein von den augen thun Luther 26, 370 W.; o wie förcht ich mir, wo hinaus du doch lendest Boltz Terenz (1539) 5ᵃ; dar ab der zuͦhoͤrer verwundret und gedenckt, wo will die vorred hinausz Eberlin v. Günzburg s. schr. 1, 58 ndr.; Amadis 28 Keller; aber genug hiervon: man sieht schon, wo ich hinaus will Lessing 10, 83 Muncker; auch heute noch üblich, auch mundartlich, vgl. z. b. Fischer schwäb. 6, 911 f. wo in verbindung mit anderen lokaladverbien, mit denen es composita bildete, s. an alphabetischer stelle.
d)
wo bei verben des nehmens anstelle von heute üblichem woher, vgl. auch unten II A 7:
war nimist thu thanne ubar thaz wazzar fliazzantaz? (unde ergo habes aquam vivam? Joh. 4, 11)
Otfrid 2, 14, 30 E.;
wâ næmet ir die spîse,   daz brôt und ouch den wîn?
Nibelunge nôt 1627, 2 L.;
Soldan zuͦ der zeit einer groszen summe geltes nottorftig was, nicht weste, wo (donde) die so palde ze nemen
Arigo decamerone 33 Keller;
wo wolten wir schaff nhemen, wan die leyen all selber hirten weren?
Emser in: flugschr. aus der reformationszeit 1, 144 ndr.;
wo nemmens (die samenkörnlein) doch die kunst und witz,
dasz nie der art verfehlen?
Spee trutznachtigall (1649) 122;
wo nehmen wir denn rechte lieder?
Gottsched ged. (1751) 1, 186;
bei Wieland und Göthe, s. teil 7, 540 u. 546 s. v. nehmen. heute noch redensartlich: wo nemma und nöd steln? A. Hartmann volksschausp. 187; Fischer schwäb. 4, 1993; Staub-Tobler 4, 725. neben giwinnan und sonst s. Otfrid 2, 4, 24; 3, 6, 17; 2, 4, 13. zu der ruhevorstellung bei verben des nehmens vgl. got. niman at (mit dem dativ) Streitberg got. elementarb. (1920) § 270; altsächs. niman at, an (mit dem dativ), daneben aber auch af Holthausen altsächs. elementarb. (1921) § 511 f.; ags. niman æt Grein ags. sprachsch. (1912) 17ᵃ; im übrigen Behaghel dtsche syntax 2, 184. zur herkunftsvorstellung s. unterwoher.
2)
wo für wohin findet sich gelegentlich in denkmälern des nd. sprachgebiets, auf dem mundartlich altes hwă̄r 'wo' und hwar 'wohin' nicht unterschieden sind:
ach doller sinn!   wo wiltu dich versteigen?
Roberthin in: Königsberg. dichterkreis 94 ndr.;
kontamination der beiden worte ist denkbar auch bei woir gi' der? 'wohin gehen sie?' Gangler Luxemb. umgangsspr. (1847) 483. sonst gelegentlich mundartlich: wo willt? wo wolltest? wo gahst? 'wohin willst du, gehst du?' Fischer schwäb. 6, 912; in gleichartiger verwendung auch bereits:
nun waisz (= nu enweiz) ich armer, wa ich sol,
ach und we und jammers vol!
liederbuch d. Hätzlerin 205ᵇ Haltaus,
doch vielleicht beeinfluszt von wo soll ich aus, s. 1 c; s. auch unter II B.
3)
wo im sinne von 'wie'.
a)
im ahd. mhd. nach verben der sinnlichen wahrnehmung (vgl. engl. look where) anstelle von 'wie dort'; mhd. geradezu formelhaft seht wâ, schouwet wâ, hœret wâ u. ä., vgl. Lexer 3, 621; Paul mhd. gramm.¹² § 342 anm.:
sehet, quad er herasun,   war geit ther druhtines sun;
sin lamp, thaz er io meinta   ther wizzod ouh bizeinta (dixit: ecce agnus dei Joh. 1, 35)
Otfrid 2, 7, 11 E.;
si sprach, daz hœret, recken,   wâ er mir lougent niht
aller mîner leide
Nibelunge nôt 1730, 1 L.;
seht, wâ der louc sô hôhe bran,
daz er der burc nâht
Ottokar reimchr. 9121 S.
b)
sonst gelegentlich mhd. und frühnhd.:
wo getar der sunder iemer me
iht reden mit dem muͦnde,
der mit dem hellehuͦnde
ewiclich gesellet ist?
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 6641 S.;
wa wer der bauer von Saltzburg so ein kleins grosz Hänslin worden, wann er nit sein muter schier arm ... gefressen hette? Fischart Gargantua 57 ndr.
c)
auf niederdt. boden ist altes hwă̄r und hwô 'wie' auf einem mittleren gebiet (bezeichnet durch die linien Wesermündung-Osnabrück im westen, Misdroy-Netzemündung im osten) lautlich zusammengefallen, vgl. Wrede anzeiger 22, 93; Sarauw nd. forsch. 1, 213 anm., so dasz wo als die regelrechte entsprechung von wie erscheint, s. d. das gleiche gilt vom obersächs., z. b. wo soll ich denn das wissen? woso? Müller-Fraureuth 2, 676ᵃ; Albrecht Leipziger ma. 237ᵇ.
B.
wo als indefinitum.
1)
'irgendwo'. im ahd. mhd. nur vereinzelt gebraucht, da die interrogativa als indefinita meist nur mit vorgesetztem präfix fungieren (wie ahd. eddes-, ette(s)-, mhd. ete-):
ob iz war zi thiu gigat   thaz man thia diufi ni firstat,
thero brosmono kleini   joh thes brotes reini:
lesent zi in thia redina   thie hohun gotes thegana
Otfrid 3, 7, 49;
öfter nur in der verbindung war inde war per loca (hs. 11. jh.) ahd. gl. 1, 717, 7 St.-S.;
(die kleider) wâren wâ unde wâ
sô mit dem golde ertrenket ...,
daz man daz werc dâ kûme sach
Gottfried v. Straszburg Tristan u. Isolde 11114 B.;
der sœlden hort 1593 Adrian. auch mnd. bezeugt: desulve greve ... hadde eme drowet, queme he wor boven em, he wolde ene henghen (ende 14. jh.) lüb. chron. 1, 278 Grautoff. im nhd. öfter seit dem 17. jh.: schau, tochter, ob ich wo die glieder strecken kan A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 972;
hohe, die ans licht gesetzt, sollen unter sich stets sehen
denen zu, die wo bedrängt und nach recht und rathe flehen
Logau sinngedichte 391 Eitner;
in späterer prosa mit umgangssprachlichem charakter: auf den gränzen können wir wohl wo zusammenkommen, aber nach Halberstadt komm ich nicht Klopstock an Gleim in: Klopstock u. s. freunde 2, 51; dasz kein stäubchen wo zu finden ist Iffland theatr. w. (1827) 2, 461; Hugo meinte, ... er müsse das schöne ... antlitz wo sehen Stifter s. w. 3, 166; sonst öfter dichterisch:
sieht sie dich etwa wo schlummern
Klopstock oden 1, 16 M.-P.;
ich kenne wo ein festes schlosz,
ein stiller könig wohnt darinnen
Novalis schr. 4, 124 Minor;
ein narr, wer auch nur eine rose
an einem strauche wo vergiszt!
Lenau s. w. 527 Barthel;
M. Greif ged.⁵ 159. auf eine stelle in einem buch bezogen:
ich hoffe, man wird mir auch disz nicht übel deuten,
dasz ich biszweilen wo ein sprichwort angeführt
Chr. Reuter ehrl. frau z. Plissine, widmung 4 ndr.;
ich habe wo gelesen,
dasz es die kokosnusz gewesen
Pfeffel poet. vers. (1812) 2, 128.
mundartlich, s. z. b. Müller-Fraureuth obersächs.-erzgebirg. 2, 676ᵃ; Ruckert unterfränk. 197. wo in indefiniter verwendung ist noch häufig in der verbindung wo anders:
o das that Töffeln weh, und er beschlosz bei sich,
sich in die fremde zu begeben.
kann ich denn nicht ein jahr wo anders leben?
Lichtwer schr. (1825) 87;
die vermuthung ..., meine neigung müsse wo anders gefesselt sein Göthe 25, 253 W.; dann wollten sie es mal wieder wo anders probieren W. v. Polenz Grabenhäger 1, 99; heute auch in einem worte geschrieben, s.woanders; vgl. auch anderswo teil 1, 313 und sonstwo teil 10, 1, 1748. nach dem eingehen der ursprünglichen bedeutung von etwa (etwo) 'alicubi' im 16. jh. (s. teil 3, 1181. 1187) herrscht im nhd. als indefinites lokaladverb irgendwo, s. teil 4, 2, 2159.
2)
wie neben der ursprünglichen bedeutung von etwa 'alicubi' jünger die bedeutung 'forte' auftritt (s. teil 3, 1181), so erscheint auf nd. boden auch wo im sinne von 'etwa, vielleicht':
und wär es wo dein wille,
dasz ich heute stürb, ach, lasz mich fertig sein
W. Rosemeyer bei Fischer-Tümpel 2, 522;
warum soll ich einen geistlichen bitten, die predigt zu halten, die gedruckt ist? ists wo, damit ich reden höre, kann ich denn nicht laut lesen? Hippel lebensl. (1778) 1, 185; hett er wor keen geld? 'hat er etwa kein geld?' Richey Hamburg (1755) 345; (18. jh.) Frischbier preusz. wb. 2, 478.
C.
wo substantiviert. fone uuenne unde uone uuâr (de quando et ubi, die aristotelischen kategorien) Notker 1, 468 Piper; etliche heizen in (den seelenfunken) daz wo der sele, etliche heizen in daz niergen der sele Hermann v. Fritzlar bei Wackernagel leseb. (1839) 855; das wo locus sive spatium Stieler 2572; jeder körper, der ist, musz irgendwo seyn, dieses wo, der raum, den er einnimmt, heiszt sein ort J. Liebig hdb. d. chemie (1843) 1, 16;
in immer engern kreisen,
in immer brünstigern, reisen
die sonnen, monde, erden
um ein unnennbar wo
Kosegarten poesien (1798) 1, 10;
häufig das wie und wo: das wie und wo war mir bald klar genug Göthe 22, 289 W.; 16, 153 W.; das wo und wie seiner geburt E. T. A. Hoffmann s. w. 10, 16 Grisebach; Liller kriegszeit. (1916) 3, 21.
II.
in relativem gebrauch. in relativer verwendung findet sich das wort im ahd. in sô (h)wâr (sô), aus dem sich mhd. swâ entwickelte, das seit dem 14. jh. mit wa (wo) zusammenfiel, s. sp. 905.
A.
'ubicumque, ubi' und daran anschlieszende weitere relativische verwendungsarten.
1)
im ursprünglichen lokalen sinne.
a)
entsprechend der verwendung in der verbindung mit sô ... sô, einer fügung, die im westgerm. zum ausdruck des verallgemeinernden relativpronomens anwendung fand (s. gramm. 3, 44 f.), ist die älteste bedeutung 'ubicumque': so huuar so ... imu kagannant (ubicumque ... sibi obviant) Benedictinerregel bei Steinmeyer sprachdenkm. 274, 5;
die maged si frageten,
obe si ime wolte uolgen
zuͦ eigenen seliden.
si sprach, gerne uuͦre,
sua ire ieht guͦtes gescâhe
Wiener genesis 2040 Dollmayr;
wan swâ wîp unde man
âne herze leben kan,
daz wunder daz gesach ich nie
Hartmann v. Aue Iwein 3021;
(geltung hat) keine andere silberne munze, wue oder von weme die geslagen ... worden were oder wurde (1456) arch. d. hist. ver. z. Würzburg 22, 122; wa er im gantzen reich teutscher nation umb wander ..., soll er mit all seiner hab ... so sicher sein, als ob er in seins eygen herrn land were teutscher nation nodturfft (1523) e 2ᵃ; wa dan unser lieben frauen mair gesessen sind, die selben maier sollen unser lieben frauen alle jar ir zins einnemen (1744) österr. weist. 2, 208; wo er zu einem bäcker oder fleischer oder krämer ... hinfuhr, um einzukehren, hiesz es überall: alles ist schon für ... Gockel ... gekauft Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 110; da stehln se uns halt a letzten bissen brot ..., wo se kenn'n G. Hauptmann d. weber (1892) 38. gern mit einem determinativen korrelat im übergeordneten satze, gewöhnlich da, s. teil 2, 651 unter da 12: souuar so du bist, dar ist er (gott) Notker 2, 302 Piper; Tatian 147, 5 Sievers;
swâ ir der lîp blôzer schein,
da'rsach si der herre Iwein
Hartmann v. Aue Iwein 1331;
so wo och das tal aller tieffest ist, da flússet des wassers aller meist Tauler pred. 200, 33 Vetter;
dann wo er thet ein kopff erlegen,
da wuchsen zween köpff flugsz dargegen
Fischart w. 2, 7 Hauffen;
... wo es was zu fischen giebt,
da pflegen sie ... zu singen
Stoppe Parnasz (1735) 26;
wo ein held und heiliger starb, wo ein dichter gesungen,
... da knien
billig alle völker in andachtswonne
Göthe 2, 136 W.;
wo sie die mannsleut verspotten kann ..., da ist sie gewisz bei der hand O. Ludwig ges. schr. 2, 13 E. Schm. in dieser verwendung zeigen sich öfter als sonst zuweilen übergänge zur bedeutung von II A 1 b β, vgl. auch den kopf von II A 1 b. in öfter wiederkehrenden wendungen: ouch sal her (der maurer) tabernacula ... machen zu allen gewelben, wo die synt (wo sie auch immer sind, überall) Marienburger treszlerbuch 275 Joachim;
die schönheit, wo sie ist, kommt leident wol zu passe
Rachel satyr. ged. 32 ndr.;
(er) vergiftet, wo er geht und steht, stadt und land
J. U. König gedichte (1745) 14;
wo er ging und stand, redete er mit sich selbst Göthe 21, 46 W. mundartlich im waldeckischen, s. Bauer-Collitz 9ᵇ. er sey, wo er sey, es sey, wo es sey dovunque egli si sia, sia dove si voglia Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1379ᶜ;
ich wils vor augen setzen,
mich stäts daran ergetzen,
ich sey auch, wo ich sey
Paul Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 309;
du magst sein, wo du willst, ihm kannst du nicht entgehn
Giseke poet. w. (1767) 5.
wie im letzten beleg auch sonst öfter in sätzen mit wollen als prädikat: zuͦ dem meidlein sprache (er), er bereyt wer, wo und wenn die edel frawe mit im wölte reden Arigo decamerone 80 Keller; (der heilige geist,) welcher den glauben, wo und wenn er will, in denen, so das euangelium hören, wircket Augsburger confession art. v in: christl. concordienb. (1739) 35; der consul ... eröffnete, dasz ... den bewohnern aber freistehe, sich, wo sie sonst wollten, auf ihrem gebiet ... anzusiedeln Mommsen röm. gesch. (1865) 2, 26. wie in den beiden vorletzten belegen wiederholt auch wo und wann: (er war) hilfreich, wann und wo er konnte E. M. Arndt s. w. 1, 38 R.-M. zur hervorhebung des verallgemeinernden charakters von relativem wo dienen, namentlich in neuerer zeit, die den ausgedehnteren gebrauch von wo II A 1 b kennt, die partikeln nur, auch, immer:
(die frauen,) die mich verfolgen wider recht
und mich nit sicher lassen bleiben,
wo ich nur bin
Fischart flöhhatz 3 ndr.;
wo ich nur ging, lachten mir die mägde ins gesicht Cl. Brentano ges. schr. 5, 355; wo auch:
ik was al drovych, wor ik ok ghynk
Reinke de vos 2200;
vgl. auch oben Tauler pred. 200, 33 Vetter; wo ich auch sey, gedenk ich eurer Göthe IV 8, 24 W. wo immer:
Reineken sollt ihr überall ehren mit weib und mit kindern,
wo sie euch immer bei tag oder nacht hinkünftig begegnen
Göthe 50, 73 W.;
vgl. auch teil 4, 2, 2072. veraltet ist nachdrückliches wo dasz, vgl. teil 2, 824 f., Behaghel dtsche syntax 3, 150 und mnd. so war dat ebda:
der silberne tau fiel und tröpffelt hier und dar,
wo das sie (Venus) gieng und stund, von ihrem guldnen haar
Opitz poemata 16 ndr.
die ortsvorstellung tritt in gewissen zusammenhängen zurück, so dasz swâ bzw. wo soviel bedeuten wie 'in allen fällen, in denen':
swâ ich gevolget ir bete (in allen fällen, in denen ich Lunetes
daz enwart mir nie leit, bitte gefolgt bin),
und hât mir ouch nû (d. h. in diesem falle) wâr geseit
Hartmann v. Aue Iwein 2020;
ähnlich Gottfried v. Straszburg Tristan 15480 Bechstein; Elisabeth 850 Rieger; sich, wo es die eer gottes, den glouben, das hoffen in got antrifft, sollend wir ee alle ding lyden Zwingli von freiheit d. speisen 22 ndr.; wo eh ist, müssen auch kinder seyn Lenz ges. schr. 1, 77 Tieck;
denn eben wo begriffe fehlen,
da stellt ein wort zur rechten zeit sich ein
Göthe 14, 93 W. (Faust 1995);
wo das volk schlechthin von arbeit spricht, da faszt es dieselbe immer in einer engeren bedeutung W. H. Riehl d. dtsche arbeit (1861) 5. sehr häufig in sprichwörtern und sentenzen: wan swâ des menschen schatz ist, dâ ist ouch sîn herze Berthold v. Regensburg 1, 467 Pf.; wo die tugenden eingeen, da weichen ausz die sünden Albrecht v. Eyb spiegel d. sitten (1511) a 1ᵃ; wo kein fraw, da geschicht dem krancken wee Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 10ᵇ; wo nichts guts innen, geht nichts guts aus Eyering proverb. copia (1601) 3, 582; wo kein kläger, da kein richter Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1373ᶜ; wo nichts ist, kommt nichts hin J. P. Hebel w. 2, 64 Behaghel; wo aber nichts ist ..., hat selbst der kaiser sein recht verloren Pückler briefw. u. tageb. 4, 21.
b)
wo bezieht sich auf einen bestimmten ort; es tritt anstelle des in dieser verwendung im ahd. und mhd. üblichen dâ(r) und drängt es im laufe des nhd. in der weise zurück, dasz wo heute als das gewöhnliche gilt, während da gewählt klingt, vgl. teil 2, 652 s. v. da 13 und Behaghel dtsche syntax 3, 732 f. der entwicklung gemäsz vornhd. selten:
da er kam an den tan,
sein rosz wayen began.
da horte es gar drate herwider (l syder?)
ain anders wayen herwider. ...
er rait, wa (= dorthin, wo) di stymme was
Heinrich v. Neustadt Apollonius 8688 S.;
wo wir es nächten haben gelan (das schauspiel),
da heb wir es hewt wider an
altdtsche passionssp. aus Tirol 77 Wackernell.
α)
wo bezieht sich auf ein lokaladverb im übergeordneten satz:
... viel flammen aber müssen
dar würcken, wo der stahl sol glühn
Lohenstein Ibrahim sultan (1679) 8;
hie, wo das laub und die begrünten zweige
am graben mich umbschatten überal
Simon Dach 711 Österley;
doch öfter eilet sie dorthin,
wos unter herrschergräbern kühlt
Denis lieder Sineds d. barden (1772) 100;
die gegend unterhalb der Mosel bis da, wo der Rhein sich theilt, bildete Germania secunda K. Fr. Eichhorn dtsche staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 44; zwei ehrenpforten waren errichtet, eine am eingang des gutshofes, eine zweite dort, wo der fahrweg eine scharfe ecke macht W. v. Polenz Grabenhäger (1898) 1, 2; von dem einzelnen falle vor meinem geburtstage anzufangen bis dahin, wo die feder zu laufen aufhört Göthe IV 38, 12 W.; nur da habe ich wesentliche änderungen vorgenommen, wo urkundliche publicationen zum vorschein gekommen sind Ranke s. w. 3, 3 anm. 1; hier (in der freundschaft) ist es, wo sich Winckelmann ... grosz, reich, freigebig und glücklich fühlt Göthe 46, 27 W.; aber da, wo das urtheil aus inneren gründen hervorgehen soll, wo kunstwerth, zeitgeschmack und stil zu erkennen ... waren, leisteten sie wenig nutzbares 46, 80; vgl. Tieck unter β; hier ist es, wo die historie halt macht an den grenzen der philosophie Justi Winckelmann (1866) 1, 45.
β)
ohne beziehung zu einer im übergeordneten satz ausgesprochenen lokalen bestimmung (vgl. die im mhd. gängige ersparung eines lokaladverbs wie bei Heinrich v. Neustadt, s. oben): es ist bösz stelen, wo der wirt ein dieb ist schöne weise klugreden (1548) 23ᵃ; salb das haupt umb die schläff und wa der meiste schmertz ist Osw. Gäbelkover artzneibuch (1596) 1, 6; unter diesem gespräch kamen wir, wo sich ein fuszpfad bey einem wald von dem fahrweg abscheidete Grimmelshausen 2, 390 Keller;
wie?   oder ruhst du, wo dir des frühlings hand
blumen gestreut hat?   wo dich sein säuseln kült?
Klopstock oden 1, 20 M.-P.;
der sitz der stimme ist, wo nach Homer die seele wohnt, in der brust A. W. Schlegel im Athenäum 1, 19;
ihr Deutschen von dem fluthenbett des Rheines,
bis wo die Elbe sich ins nordmeer gieszet
Rückert w. (1867) 1, 5;
wo Lessing in seinem Laokoon am vortrefflichsten schreibt, spricht der critikus, der kunstrichter des poetischen geschmacks, der dichter Herder 3, 9 Suphan; dasz ihr alle immer nur so sehr vernünftig ... seid, wo es nicht hingehört, und niemals da, wo ihr vernunft zeigen müsztet Tieck schr. 4, 47; weizt du ..., dasz, wo die grammatik lebt, die poesie todt sein musz? A. W. Schlegel im Athenäum 1, 9; O. Ludwig ges. schr. 5, 37 E. Schm. wo steht zwar in beziehung zu einer ortsangabe im übergeordneten satz, zielt aber auf eine dort nicht näher bestimmte stelle innerhalb des genannten bereiches: (ich) hörete hinten am hause, wo (= dort, wo) es an den garten und hof stiesze, ein genüstel Grimmelshausen 2, 422 Keller; hinter dem schenktisch aber, wo drei stufen zu einem höher gelegenen alkoven führten Fontane ges. w. I 1, 8; auf der mittelsten brücke, wo sie es 'zum Fischstein' nennen Göthe 43, 32 W.; (es folgen die) gemeinden der Cherusker, beide ufer der Weser, wo diese gebürgigt werden, hinauf K. Fr. Eichhorn dtsche staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 43.
γ)
wo bezieht sich auf einen durch ein substantiv im übergeordneten satz ausgedrückten orts- oder raumbegriff:
es ist brauch in frembden landen,
als India, wo golt vorhanden
Casp. Scheit Grobianus v. 224 ndr.;
(ich) brachte meinen zitternden cörper ... an einen solchen orth, wo ich weiter sonderlich nichts wegen des nachsetzens zu befürchten hatte Schnabel insel Felsenburg 25 Ullr.; der alte ging ... durch einen pesel, wo grosze eichschränke ... standen Storm w. (1899) 1, 4; eine gemme, wo ein hund einen eber zerfleischt Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 273. in bezug auf eine stelle in einem buch, einer dichtung u. ä.: das 5. capitel, wo Courage dem autor ihr lebensbeschreibung dictirt Grimmelshausen 2, 6 Keller; die stellen, wo die personen reden, als wüszten sie, dasz sie nur schauspielpersonen sind Solger nachgel. schr. (1826) 1, 2. wo bezieht sich auch auf die umgebung, atmosphäre u. ä. einer person: der vornehme mann aber, wo (bei dem) wir waren, liesz seine carosse anspannen Chr. Reuter Schelmuffsky 33 ndr. (vollst. ausg.); leute, wo der kopf das herz überwiegt Göthe in: d. jg. G. 3, 116 M.; und was bist denn du? allen gelbschnäbeln ihr schulmeister, wo sie lernen, was nix taugt! O. Ludwig ges. schr. 2, 35 E. Schm. heute wird schriftsprachlich in der regel eher das relativpronomen mit vorangehender lokaler präposition angewandt, nur bei beziehung auf orts- oder ländernamen gilt auch jetzt gewöhnlich wo: (sie haben) mich angetrieben, rettung ... und hülfe ... in Berlin zu suchen, wo ich beydes ... fand Zimmermann über d. einsamkeit (1784) 1, 4; Braunschweig ..., wo ... Göthes Faust zur ersten öffentlichen aufführung kam J. Petersen aus d. Göthezeit (1932) 2. zu dem ausgedehnten mundartlich begegnenden gebrauch von wo in vorliegender verwendung vgl. O. Weise d. relativpron. in den dtsch. maa. in: zs. f. dtsche maa. 1917, 67.
2)
in temporaler verwendung bei beziehung auf eine durch ein substantiv im übergeordneten satz ausgedrückte zeitangabe. diese relative verwendung im temporalen sinne erscheint im allgemeinen heute schriftsprachlich gebräuchlicher als im lokalen (s. unter 1 b γ). wo steht hier in gleicher funktion wie die zeitpartikeln da, als, wenn: of dem tage, wo her sy usgegeben hatte Marienburger treszlerbuch d. jahre 1399-1409 498 Joachim; in den klaren nächten aber, wo auszer itzt benanter zeit gleichmäszige zufälle sich begeben J. Prätorius saturnalia (1663) 21;
sie bricht schon an, die güldne zeit ...,
wo keine macht der andern dräut
Gottsched ged. (1751) 1, 43;
in den tagen Karls des Groszen ..., wo die alten bardenlieder noch vorhanden waren Kretschmann s. w. (1784) 1, 21; die stunde, ... wo entschieden wird, ob die welt den Slawen, Celtoromanen oder Germanen gehört K. Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 6;
aber die winter!   oh diese heimliche
einkehr der erde.   da um die toten
in dem reinen rückfall der säfte
kühnheit sich sammelt, ...
wo das erdenken geschieht
unter der starre
Rilke o lacrimosa III in: stimmen d. freunde 163.
auch mundartlich, z. b.: vorm johr, wo sie so krank sin gsin Ch. Schmidt Straszburg 118; Schöpf tirol. 819; Schambach Göttingen u. Grubenhagen 302.
3)
allgemeiner an stelle einer präpositionalen verbindung mit wo (wobei, worin u. ä.) oder dem pronomen relativum (bei dem, in dem u. s. f.), wobei eine beziehung auf eine ausgesprochene orts- oder zeitvorstellung fehlt: in den wirklich vorhandenen sprachen, ... wo (= in denen) zwar allerdings ein vieles nach gewissen regeln übereinstimmt Gottsched dtsche sprachkunst (1748) 8; bei optischen ... versuchen, wo (bei denen, wobei) man oft mit blendenden lichtern ... zu thun hat Göthe II 1, 12 W.; in einem dienst, wo (in dem, worin) ich hunger leiden musz Nestroy ges. w. (1890) 1, 7; Manuel ... war bei der ehemaligen polizei angestellt, wo (bei der) nur wenige ehrliche leute sich gebrauchen lieszen Kerner bilderbuch (1849) 63; mich dünkt der traum ... eine freie erholung der gebundenen phantasie, wo sie alle bilder des lebens durcheinander wirft Novalis schr. 4, 58 Minor; der zusammenhang dieser theile (musz) ein organischer, d. h. ein solcher seyn, wo jeder theil ebenso sehr das ganze enthält, als er vom ganzen gehalten wird Schopenhauer w. 1, 9 Grisebach; in jedem dieser fälle, wo der dichter vorhandenes benutzt Freytag ges. w. (1886) 14, 13; auch mundartlich:
a schlacht,
wo s drei tag nix als blitzt und kracht
A. Hartmann volksschausp. 29.
4)
dem relativischen gebrauch von II A 3 steht die verwendung von wo nahe in fällen, in denen in dem wo-satz der eintritt gewisser umstände oder handlungen ausgedrückt wird, die innerhalb des im übergeordneten satze bezeichneten zusammenhanges möglich sind (vgl. insbes. wobei 2 c): weller in disem gericht ... mit hus und mit hof gesessen ist ..., denselben mag man hie in dis gericht das sein verlegen und uf die verlegnis nach gastrecht clagen, wo (in welchem falle, unter welchen umständen) ainer ist nit verbunden noch pflichtich, ainen fürpasz in daz dritte, noch in daz fierte gericht mit recht ze vordren (1427) österr. weist. 4, 348;
und zwar, weil ich August schon in vergleich gebracht,
will ich auch sein gestirn mit deinem itzt vergleichen ...,
wo (in welchem falle) aber der vergleich wird offenbarlich weisen,
dasz deines ungleich mehr, denn jenes, sey zu preisen
Joh. v. Besser schr. (1732) 1, 9;
wären die menschen nationalthiere, wo (in welchem falle) jedes die seinige (sc. die sprache) sich ... erfunden hätte, ... Herder 5, 138 Suphan. öfter wo also, wo dann: ist die pfandung von der oberkait als gerecht erfunden worden, so ist auch solche sogleich ... einzutreiben, wo also der weigernde theil sich selbst zuzuschreiben hat, wenn er in mehrere unkösten verfällt (1798) österr. weist. 3, 349; denn da stemmt sich wie im unglück selbst der geist entgegen, strebt ihren eindruck zu vermindern (den der gefahr), wo denn die freude der rettung das ihrige leidenschaftlich dazuthut Göthe IV 42, 71 W.; vgl. IV 35, 283; es ging ein strenges nachforschen Gockels über alles an, wo dann Hinkel und Gackeleia mancherlei verdrusz bekamen Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 52; S. Brunner erzähl. u. schr. (1864) 1, 40.
5)
wo dient zur gegenüberstellung vergleichbarer verhältnisse: wir mann in mancherley begire schwerlich sünden, wo ir lieben frawen in einer allein (der eitelkeit) gröszlichen sünt (sündigt) Arigo decamerone 105 Keller; wo nur ein füncklin und kleiner schein in den heidnischen geschiechten sich ereigt, haben wir in den christlichen eytel liecht Casp. Hedio chron. Germ. (1530) 2ᵃ; wo das rheinische bauernmädchen einen walzer schwenkte, dort zog die Berlinerin den slow fox (einen modernen tanz) vor H. Steguweit d. stelldichein d. schelme (1937) 77. an diese verwendung schlieszt sich die gegensätzliche an, s. unter III C 2.
6)
wo vertritt das pronomen relativum in allen seinen formen; zur erklärung vgl. Behaghel dtsche syntax 3, 737. in dieser verwendung ist wo breiter nur mundartlich entfaltet, s. O. Weise a. a. o.:
wir kumment widerum zuͦ got,
ja wo uns unser sünden lot
Murner badenfahrt 99, 10 Michels;
die werk, wo wir selbst erwählen, nennet der herr Christus unnütze (opera a nobis electa) apologie d. Augsburger konfession (1530) bei J. T. Müller d. symb. bücher d. ev.-luth. kirche (1886) 280;
es ist doch nicht mein fräuelein,
es ist doch nummen (nur) eüsser liebstes kind,
wo wir so lang verloren hei ghan
(schweizerisch) bei Uhland volkslieder 1, 276;
der meister nimmt das schlechteste messer, wo er hat Hebel w. 2, 179 Behaghel; und du muszt doch jezt auch den buben sehen, wo du zu mir eingeladen Pestalozzi w. 3, 135 Buchenau u. a.
7)
wo bei nehmen, s. I A 1 d: das er sie ... nemen mag ..., wo er das bekomen mag (1413) bei B. Arndt der übergang vom mhd. z. nhd. in d. spr. der Breslauer kanzlei (1898) 98.
B.
als lokales adverb der richtung. gelegentlich für quocumque, quo (vgl. I A 2): maister, ich nachvolg dir, wo (quocumque) du gest erste dtsche bibel 1, 30 Kurrelm.; nimmer gelt, nimmer gsell, komm, wo ich wöll schöne weise klugreden (1548) 40ᵃ;
far wo du wilt, der dienst ist ausz!
Forster fr. teutsche liedlein 62 ndr.;
wo man nur schaut, fast alle welt
zun freuden sich thut rüsten
Spee trutznachtigall (1649) 37;
sie habe nichts mit ihr zu reden, sie solle nur gehen, wo sie wolle Pestalozzi w. 3, 286 B.-Spr.-St. nach hin:
(ich) ker nu hin, wo lang mein sin
mit gantzem fleisz thut streben
Forster fr. teutsche liedlein 16 ndr.
III.
wo als konjunktion. die verwendung von wo als konjunktion geht vom relativischen gebrauch (II) aus. sie findet sich zuerst im lokalen sinne (II A 1 a und b α β); doch pflegt man im allgemeinen die lokalen adverbien in dieser funktion nicht zu den konjunktionen zu rechnen, zumal da sie ihrer bildungsweise nach zum relativum gehören, vgl. Behaghel dtsche syntax 3, 349 ff.; H. Paul dtsche gramm. 3, 224; V. Michels mhd. elementarb.³, ⁴ § 322, 1 (dagegen Blatz nhd. gramm. [1896] 2, 1025 ff.).
A.
wo als konjunktion der bedingung. konditionales wo entwickelt sich aus dem relativischen lokalen wo (II A 1), mit dem es sich vor allem in dessen verallgemeinerndem gebrauch berührt, s. Blatz a. a. o. 2, 1028. zum übergang der bedeutung vgl. Wunderlich im arch. f. d. studium d. neueren sprachen 44 (1890) 261; er konnte am ehesten da einsetzen, wo bei swâ 'ubicumque' die lokale bedeutung zurücktrat, s. II A 1 a gegen schlusz, sp. 912; vgl. auch Behaghel dtsche syntax 3, 350. die konditionale bedeutung läszt sich häufiger erst seit dem 14. jh. nachweisen, begegnet aber gelegentlich auch früher, z. b. in der predigtsprache Bertholds v. Regensburg (s. unter 1); sie ist bis ins 17. jh. hinein gängig, tritt im laufe des 18. jhs. zurück und gilt schriftsprachlich seitdem als ungebräuchlich. nur in den elliptischen wendungen wo möglich und wo nicht, dazu in wofern hat sich die alte verwendung erhalten, vgl. Heynatz antibarbarus (1796) 2, 2ᵇ; Behaghel dtsche syntax 3, 351.
1)
in nicht verneinten sätzen.
a)
allgemein, gern mit so im hauptsatz, das die bedingung hervorhebt: swâ sie (die kinder) ungerâten werdent von iuwern schulden, ... sô müezet ir an dem jungesten tage antwürten für iuwer eigen kinder Berthold v. Regensburg 1, 35 Pf.; wa si das tuond (quod si faciunt), so haust du (ihn) in dyner hand Steinhöwel Äsop 65, 12 Österley;
wo du darvon eszt so vermessen,
wirst du des ewing todtes sterben
H. Sachs w. 1, 25 Keller;
zu nechst dem feldläger (bei Mohacz) hielt ein geschwader reuter, die sollen des königs (wo die schlacht umbschlagen wolt) war nemmen H. Rätel Curäi chron. Schles. (1607) 258; ach, frau mutter, ... wo ihre adern einen blutstropfen in sich hegen, welcher mir nur etwas gewogen ist, so erbarme sie sich Ziegler d. asiat. Banise (1689) 157;
wo keine sanftmuth sich mit tapfern fäusten paart,
so gleicht ihr wilden Tartarhorden
Gottsched ged. (1751) 1, 24;
... wo du ein mann bist,
gib mir den kelch
Shakespeare (1797) 3, 366.
öfter in der wendung wo mir recht ist im sinne von wo ich nicht irre (vgl. Rädlein 1, 1068ᵃ und unten sp. 918): wo mir recht ist, so ist dieser brieff gar in Holland oder Engelland geschrieben Chr. Reuter ehrl. frau z. Pliss. 17 ndr.; wie alt bist du, Gaddo? (er antwortet:) zwölf jahre, wo mir recht ist Gerstenberg Ugolino 222 Hamel; Voss Odyssee 342 Bernays. wo es not tut u. ä. (mit berührung mit II A 1 b β): (sie) befrideten die straz, und wo not was, so suchten sie ire feint (Nürnb. 1488) städtechron. 3, 103; wa es not thuet, willig und berait sein (1565) österr. weist. 1, 209 (Salzburg); Casp. Scheit Grobianus v. 617 ndr.; nun bin ich, wos noth thut, gleich eine ganze canzlei Göthe 25, 102 W. der für sich allein stehende konditionalsatz als (wünschender oder drohender) ausruf: o Augustine, wo du zu unsern zeiten lebest! Ambach v. zusauffen (1544) f 2ᵇ; wo du mir diese lust verdirbst! Lessing 2, 234 Muncker; aber wo ich das geringste merke! ich bin herr im hause, musz er wissen Lenz ges. schr. 1, 10 Tieck; auch in der mundart: wo dut deist! brem.-nds. wb. 5, 282. konditionales wo in verbindung mit adverbien, vor allem mit anders (s. teil 1, 312): das ist die, die ich zuͦ einem weyb haben wille (wo sy mich anders für iren man haben wille) Arigo decamerone 659, 32 Keller; sage im, dasz, wo er mich anderst lebendig sehen wöll, er den gefangnen ritter ... eilents hiher zubeleiten verschaff Amadis 117 lit. ver.;
wo anderst krafft mein bitten hat
und gültig ist im himmel hoch,
so wünsch ich das von hertzen noch
Spreng Äneis (1610) 119ᵃ;
wo anders noch rath und hülffe zu finden ist unless it be past help, so there be but any way left to find out a remedy Ludwig teutsch-engl. (1716) 2511; nachsicht, liebe, bitten sind die einzigen waffen, die ich wider ihn brauchen darf, wo ich anders seine schwache seite recht kenne Lessing 2, 281 Muncker. wo gleich 'selbst wenn': wo einer gleich ... diese glieder zuͦsamen setzte und ihnen das gantze thier ... darstellet, achte ich, sie würden als baldt bekennen, wie sie zuͦ vor weit von der warheit ... gewesen seyen Xylander Polybius (1574) 3; vgl. Amadis 399 lit. ver.; wo man gleich rechtschaffene ursache zur feindschafft hätte, solte man der sache, nicht der person feind werden Lohenstein Arminius (1689) 1, 21ᵇ.
b)
in der elliptischen wendung wo möglich 'wenn es möglich ist (wäre)'; vgl. auch die zusammenrückung womöglich: nim ein häslin mistel, der im dreissigsten, im zeichen der jungfrawen, am zunemen des monds und, wa müglich, an einem freytag morgends frü ... gewonnen sey Osw. Gäbelkover artzneybuch (1596) 1, 33; anno 1567 rüst man sich, die reformierten in Franckreych unversehener weisz zu uberfallen und wo müglich hinzurichten Stumpf Schweizerchron. (1606) 273ᵃ;
(man soll die fremden) auch vor desz todts gefahr
wo möglich retten gantz und gar
Spreng Ilias (1610) 257ᵃ;
daher der völker löblicher gebrauch,
dasz jeglicher das beste, was er kennt,
er gott, ja seinen gott benennt ...
ihn fürchtet, und wo möglich liebt
Göthe 3, 74 W.;
wir wollen uns wo möglich täuschen und jene für die liebe verlornen zeiten wieder zu gewinnen suchen 21, 30; selten beim nicht komparierten adjektiv so viel wie 'möglichst': (er) hielt ... ein wo möglich hohes spielchen mit seinem weidgenossen für die beste erholung Immermann 1, 54 Boxb.; gern nachdrücklich 'wenn es irgend möglich ist': man wandte alles an, ihn, wo möglich, auch vom parlament ... zu entfernen Archenholz England und Italien (1785) 1, 1, 47; meine idee war ..., aus einer wo möglich ununterbrochenen reihe von reichstagsacten ... die entwicklung der verfassung näher zu erforschen Ranke s. w. 1, vi; vor noch mit folgendem komparativ eines adjektivs im sinne von 'wenn es überhaupt möglich ist': der druck ist wo möglich noch unverzeihlich fehlerhafter als der erste Gerstenberg Hamburg. n. zeitung 254 lit.-denkm.; waren seine kleider schon bei jenem gastmahle schlecht gewesen, so waren sie jetzt wo möglich noch schlechter Stifter s. w. (1901) 5, 1, 72.
2)
konditionales wo findet sich besonders häufig in negativen sätzen.
a)
allgemein, wie 1 a gern mit folgendem so im übergeordneten satz: wo sie des nicht enteten, oder wer es nicht entet, der ist uns und dem riche mit leib und mit gut vervallen (1331) Friedberger urk.-b. 1, 114 Foltz; unmenschlich tet ich, wo ich solch lobeliche gotes gabe, ... nicht beweinte ackermann aus Böhmen 7 Hübner; wa ich dem rechten nit nach kem, so torft ich weder zuͦ weib noch zuͦ kinden me heim (Augsburg ende 15. jh.) städtechron. 22, 350;
wo er nit kem, müst er zu busz
verlieren beide seel und leib
H. Sachs w. 6, 145 Keller;
die (Rahel) begehrete von Jacob die lebenskrafft ausz dem seegen gottes, und wo sie dieselbe nicht kriegte, so müste sie sterben Jac. Böhme mysterium magnum (1682) 540. wo nicht ... schon:
es würde Lisimen sich dennoch in euch (augen) dringen,
wo sie nicht allbereit schon in dem hertzen sitzt
in: Hoffmannswaldau u. anderer Deutschen ged. (1697) 2, 16;
ebenso Joh. Ulr. König ged. (1745) 98; und wenn sie herkömmt, so verlieb ich mich in sie, das ist schon ausgemacht, wo ichs nicht schon binn Göthe IV 1, 120 W. wiederholt wo ich nicht irre: er ist der eintzige erbe, wo ich nicht irre Menantes neue br. (1723) 535; wo ich nicht irre, so ist er vor zwei jahren gestorben Pfeffel pros. vers. (1810) 2, 4.
b)
wo nicht in elliptischer verwendung.
α)
zu wo nicht ist der vorhergehende satz in konditionaler form zu ergänzen; wo nicht (, so) besagt hier so viel wie 'andernfalls': ist es zu thun, so geschieht es, wo nicht, so geschieht es nicht Paracelsus opera (1616) 2, 459 Huser; merke ich, dasz meine Venus dir belieblich seyn wird, so sezze ich dir zu gefallen meine feder noch wol weiter an, wo nicht: kan ichs auch wol bleiben lassen Stieler geharnschte Venus vorr. 4 ndr.;
so schenk uns doch, nur ihm zum besten,
ein reis von deinen lorberästen,
wo nicht, so wecke den Virgil
Gottsched ged. (1751) 1, 185;
wenn du noch mehr zu reden hast, so sprich,
wo nicht, so schweig
Göthe 10, 163 W.;
ergieb dich, rufen sie, wo nicht, so stirb gleich jenen
Geibel w. (1888) 8, 63.
β)
wo nicht steht zwischen zwei gleichgeordneten satzteilen, deren zweiter eine aussage enthält, die eine steigerung des inhalts des ersten satzteiles bedeutet; gern dient zum ausdruck der steigerung ein auf wo nicht folgendes gar:
da ward manch eh mit leid zertrent,
vil gärten öd, wo nicht verbrent
Casp. Scheit d. frölich heimfart 14 Strauch;
seiner cardinälen, deren auffs wenigst 40, wo nit 50 sind Stumpf Schweizerchron. (1616) 9ᵃ; alszdann schlagen sie vilmals die libe justici an ein ohr, wo nicht gar zu todt Äg. Albertinus Lucifers königreich 101 Liliencron; die Spanier haben eben soviel nationalstolz, wo nicht mehr als die Engländer Archenholz England u. Italien (1785) 1, 1, 49; eine wie die andre darstellung ... möchte für uns frauen beschwerlich, wo nicht unmöglich sein Tieck schr. (1828) 4, 103; dieser umstand hat schon manches ... verzögert, wo nicht gar erstickt Schopenhauer w. 1, 29 Griseb.
γ)
wo nicht ... doch (wenigstens) soviel wie 'wenn auch nicht (gerade) ... so doch (wenigstens)': sie ... faren in andere land, wa nit mit dem leib, doch mit schreiben Joh. Nas d. antipap. eins u. hundert (1567) 1, vorr. a 5ᵇ; (den bernstein) den die Griechen ... dem golde, wo nicht vorgezogen, doch gleich ... gehalten J. Micrälius altes Pommerland (1640) 1, 3; wessentwegen ich sie dann, wo nicht gar vor die königin, doch wenigist vor eine vornehme fürstin ... halten muste Grimmelshausen 2, 32 Keller;
und jeder blick ...
kam, wo nicht ganz, doch halb erhört zurücke
Gellert w. (1839) 1, 124;
auf gleiche weise wird die anastomose (das zusammenmünden) der ... die blatthäutchen bildenden gefäsze, ... wo nicht allein bewirkt, doch wenigstens sehr befördert Göthe w. II 6, 36 W.; es sah so ziemlich aus, als wenn er, wo nicht einen besen, doch wenigstens eine ruthe binden wolle Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 151; (die) tendenz, die todesstrafe, wo nicht abzuschaffen, doch noch mehr zu beschränken Mommsen röm. gesch. (1865) 2, 109.
B.
wo als konjunktion der zeit 'als'; nach Behaghel dt. syntax 3, 351 aus der verwendung von A hervorgegangen. schriftsprachlich wenig gebräuchlich:
wo er eines tages pot
den gesten wasser nach seinem sit,
da nam es ainer an der zeit (sogleich).
der selb auch da verswant
märterbuch 3846 Gierach;
wa das unszer herr, der küng, innen ward, do hiesz er sy ... komen Richental chron. des Constanzer conzils 67 lit. ver.; so klang es ohngefähr, als madame Szymanowska wegging, wo ich vorstehendes zurückhielt und gleich nachsenden wollte Göthe IV 37, 268 W.; das wird grad gewesen sein, wo du das ... fieber hattest Bettina v. Arnim die Günderode (1840) 1, 33; mit beziehung auf eine zeitpartikel: jetzt, wo ich den mut ausgeschlafen habe, bin ich nicht keck genug, es herzuschreiben Jean Paul 42, 88 Hempel; deren ich damals, wo ich der eitelkeit fröhnte, stets mehrere besasz Immermann 1, 14 Boxb.; heut ..., wo jeder denkt, er ... könne tun, was ihm beliebt Fontane ges. w. I 6, 34. häufig mundartlich, bes. reichlich fürs oberdeutsche bezeugt: wo er des gesait hat, bin ich verschrocken Fischer schwäb. 6, 912; Martin-Lienhart elsäss. 2, 778; Seiler Basel 317; Tobler Appenzell 449; Hunziker Aargau 300; wo s mi gsegng hat, is s ganz rot worn Schmeller-Fr. bair. 2, 828; Schöpf tirol. id. 819; vgl. ferner Müller-Fraureuth 2, 676ᵃ; ann abend, wo ek inkam Schambach Götting.-Grubenhag. id. 302; wo ek dat sooch Leithäuser Barmer ma. 172; wb. d. Elberfelder ma. 176. zum relativischen gebrauch des temporalen wo vgl. II A 2.
C.
weitere konjunktionale bedeutungen von wo.
1)
umgangssprachlich auch im sinne von 'angesichts der tatsache, dasz', 'zumal da': wie ists möglich, wo du so selten briefe empfängst, dasz du nicht neugieriger bist Bettina v. Arnim die Günderode (1840) 1, 24; was hätt ich davon (, auf die strasze zu sehen), wo man von oben nichts erblickt als hastig daherwandelnde regenschirme Holtei erzähl. schr. (1801) 1, 3; wos nicht einmal jemand sieht (, dasz ich den gefahrloseren weg gewählt habe)! O. Ludwig ges. schr. 2, 105 E. Schm.; Karl Stieler ged. 2, 17 Reclam.
2)
an den gegenüberstellenden gebrauch von II A 5 anschlieszend im sinne von 'wohingegen, während': (er bat ihn,) daz er den ... kristenlichen gelauben an sich nem, den er ... stäcz (sich) meren seche; wo (dove ... in contrario) er seinen iudischen gelauben widersins mit stätem abnemen vernem Arigo decamerone 9 Keller; zum ersten ists grewlich ... antzusehen, das (der papst so) prechtlich feret, das yhm darinnen kein kunig, kein keyszer mag ... gleich werden. ... er tregt ein dreyfeltig kron, wo die hochsten kunig nur ein kron tragen Luther 6, 415 W.; es stehen oder gehen ihrer wohl zehn, wo schon einer es verrichten könnte there stand or go ten of them, whereas or whenas one could do the business Ludwig teutsch-engl. (1716) 2511; sie (die weberfrauen) sind aufgelöst, abgetrieben, während die männer noch eine gewisse klägliche gravität zur schau tragen, und zerlumpt, wo die männer geflickt sind G. Hauptmann weber (1892) 5.
3)
wo, vor allem in verbindung mit doch (gar nicht), in concessivem gebrauch, umgangssprachlich und mundartlich üblich: wans nicht bald 10 uhr wäre, sie hätten sich noch länger gezogen, wo (wiewohl) sie doch wissen, dasz ... Wiener staatsakt. 2, 182 nach Behaghel dt. synt. 3, 351; ich soll mit dem gegangen sein, wo (obgleich) ich ihn doch gar net kenne Fischer schwäb. 6, 912; (er gibt) mir de schuld, wu ich dach von gar nischt weesz Müller-Fraureuth obersächs.-erzgebirg. 2, 676ᵃ; er hets hus nid gchouft, woni (obgleich ich) nüt drgege hät Hunziker Aargau 300; vgl. auch Blatz nhd. gramm. 2, 1182.
4)
mundartlich als partikel der indirekten frage wie 'ob' häufiger im bair.-österr. bezeugt: er hat s gfragt, wo s kümt (ob sie komme) Schmeller-Fr. bair. 2, 828; Schöpf tirol. 819; Lexer kärnt. 260; (in einem österr. weistum des 17. jhs. werden die befugnisse verschiedener instanzen in frage- und antwortform dargelegt:) erste anfrag, ob ... andere anfrag, wo nit (ob nicht) der gerichtsdiener schuldig sei in die schranken ze tretten und mit dreien gerichtsmännern zu bezeugen ... österr. weist. 1, 74; vereinzelt auch im schwäb., s. Fischer 6, 912. das im gleichen sinne verwendete nd. wo ist die mundartliche entsprechung von hd. wie (s. oben sp. 909): merken, wo de puls drade edder langsamen ... sla bei Schiller-Lübben 5, 757ᵃ; ik weet ni rech, wo 'k dat doon schall Mensing schlesw.-holst. 5, 677.
IV.
wo im gebrauch als interjektion findet sich umgangssprachlich in den verbindungen i wo, ach wo u. ä., die die ablehnung einer für den sprechenden in einer richtung übertrieben oder unsinnig erscheinenden frage ausdrücken; vgl. beispielsweise i wo! etwa = 'wo denkst du hin!' Müller-Fraureuth obersächs.-erzgebirg. 2, 676ᵃ; aber wo! 'durchaus nicht!' Jacob Wien 221; a(ch) wo! ja wo! i wo! Fischer schwäb. 6, 911. diese verwendung von wo wird aus seinem vorkommen in bestimmten redensartlichen wendungen zu erklären sein, die aber nicht mehr faszbar sind; vgl. die ablehnend formelhaften ellipsen nach i wie i bewahre, i behüte, teil 4, 2, 2014. auf nd. boden liesze sich i wo auf das redensartliche i wo werd ich denn! Betke Königsb. 66 zurückführen, wo indessen wo als die nd. form für wie anzusprechen ist. anderes interjektionales wo steht nicht in zusammenhang mit dem aus ahd. hwâr hervorgegangenen wort: wye wo heus ('he, holla') Diefenbach gl. 276ᶜ in einem md. glossar des 15. jhs. steht neben wach in anderen gleichzeitigen glossaren und ist auf die nebenform dieser interjektion woch, woh zurückzuführen, s. Lexer 3, 624, 963 und teil 13, 12.
Zitationshilfe
„wo“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wo>, abgerufen am 16.11.2018.

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