Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

wonnesam, adj.

wonnesam, adj.,
ahd. wunnesam, wunnisam, einmal wunnosam Otfrid V 23, 5; mhd. wunnesam, wunsam, wünnesam, auch mit -san, -sann statt -sam, s. u. die belege; älternhd. meist in der form wunsam, wunnsam (so noch Moscherosch ges. [1650] 1, 342), wünnsam, wonsam. in entstellter form wohnsam Letzner Dassel. chron. (1569) 1, 193ᵇ; wuhnsam Kirchhof wendunmuth 2, 350 lit. ver.; wonnesahm Chr. Hoburg theol. myst. (1730) 609. an dem ahd. mehrfach und mhd. (wie wünneclîch) vielfach, wenn auch erst nachhöfisch bezeugten wort hält das älternhd. zunächst fest. im 17. und 18. jh. zieht es sich aber auf ganz seltenen gebrauch zurück, und auch die jüngere wiederbelebung des wortes aus der beschäftigung mit mhd. dichtung und älterem volkslied bleibt in pretiösem gebrauch stecken, ohne mit wonnig oder auch wonniglich ernsthaft konkurrieren zu können.
1)
vorwiegend zu wonne A, in vielfacher allgemeiner oder konkreter beziehung auf das, was lust bereitet oder gegenstand der freude ist, vgl. jubileus wunsam (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 311ᵃ; iocundus wonsam (md. 15. jh.) ebda 307ᵃ; delicius wunsam (1429) n. gl. 129ᵇ; wunsam amenus ebda 20.
a)
allgemein 'erfreulich, erwünscht, angenehm':
wio wunnosamo guati   joh minna so gimuati
thar untar then ist iamer, bi thaz hiar thultent thaz ser
Otfrid V 23, 5;
Notker 2, 565, 20 P.; 442, 11; wunsch ich dir und deinem lieben gemahel wunsam luste (hochzeitsbrief, ende 15. jh.) in: zs. f. dt. alt. 37, 39 anm. 3; wunsame freud Keisersberg granatapfel (1510) f 4ᵃ; vgl. g 5ᵃ. in früher bezeugung mit moralisch negativem ton, 'verführerisch': (petulanter) amœnas (haurire inlecebras) wunnesama (10./11. jh.), wunnisama (9./10. jh.) ahd. gl. 2, 523, 1 St.-S.
b)
in vereinzelnder und konkreter beziehung, wonne A 2 c entsprechend, 'angenehm, erwünscht' im sinne des erfreuenden und beglückenden: uuieo uuunnesam dine herebirga sint (quam amabilia) Notker 2, 347, 3 P.; das (zeitig gemähte) hoͤw ... gippt den fichern wunnsame spis Österreicher Columella 1, 112 lit. ver. in dem speziell erotischen sinne von wonne A 2 d:
nû hôre ich si jehen.
den diu sælde ist geschehen,
daz ez wunnesame sî,
swer lieben wîben wone bî
Ottokar österr. reimchron. 91 847.
in der beziehung auf innere güter, geistige werte gern mit der vorstellung 'wertvoll, kostbar' verbunden, s. auch wonne A 3 a und unt. d β:
eine rede uile wunnesame
bei Diemer dt. ged. 127, 3;
gotes wunsam und frödenrich evangelion (16. jh.) J. Kessler sabbata (1902) 65; alle kräfte gottes des vaters, des sohnes und des h. geistes, die sind lieblich, wonnesam und mancherlei Jac. Böhme s. w. 2, 47 Schiebler; ist das nicht ein wonnesahm ding, ein hochzeitliches, fröliches leben, so wir sein in gott und gott in uns? Chr. Hoburg theol. myst. (1730) 609. in jungem gebrauch der psychologischen bedeutung wonne B näher:
muttersprache, mutterlaut,
wie so wonnesam, so traut!
M. v. Schenkendorf poet. nachl. 128.
c)
in der beziehung auf personen, als bezeichnung persönlicher eigenschaften, s. wonne A 3 b.
α)
'gütig, liebreich, freundlich', vor allem in religiösem zusammenhang, von gott und göttlichen personen:
hie merkend wie der wunnesam
Ihesus zuͦ dem Jordan kam
Konrad v. Helmsdorf sp. d. menschl. heils 719; vgl. 301 L.;
des himels hofes gewaltiger vnd wunnesamer hofemeister (gott) ackerm. a. Böhmen 34, 27 Hübner; du wunnsame drivaltikeit (15. jh.) in: Alemannia 21, 129 u. ö.; bisz güttig, süsz unnd wunsam gen allen menschen Keisersberg granatapfel (1510) f 2ᵈ.
β)
mehr im sinne von 'schön, lieblich', besonders als epitheton weiblicher personen:
die vrouwen minneclîche
die sint sô rehte wunnesan
Virginal 949, 11 Zupitza;
vgl. 946, 2; minnes. 2, 285ᵃ v. d. Hagen; ir wünsames, liebs frolin bei Steinhausen privatbr. d. mittelalt. 2, 77; die maget wunnesam lied v. hürnen Seyfr. 27 ndr. in wiederbelebtem jungem gebrauch:
reichgeschmückt und wonnesam
harrt die braut im festgewande
Uhland ged. (1898) 2, 284.
auch sonst:
er hiet nie mêr gesehen   ein kint sô wunnesam
Wolfdietrich B 165, 2 Jänicke;
vgl. 259; Konrad v. Würzburg Partonopier 479; archaisierend: an des kaisers hofe diente dazumal auch ein edler wonnesamer knabe Grimm dt. sagen (1891) 2, 289.
γ)
in vereinzelten persönlichen anwendungen auch anders. soviel wie 'glücklich zu preisen, selig': vuunnesam mennisco der andermo genadet unde intliehet (jocundus homo ...) Notker 2, 482, 2 P.; wunsam ist der mensche der sich erbarmt und leicht (Luther: wol dem der ...) erste dt. bibel 7, 413 (ps. 111, 5). für gloriosus, s. dazu wonne A 3 b ende: bisz wunnsam vnd wirde geuast mit schoͤnen gewanden (et esto gloriosus) erste dt. bibel 7, 232 (Hiob 40, 5); ironisch: wie wunnsam ist heut gewesen der kúnig Israhel, er hat sich entdeckt vor den diernen seiner knecht vnd ist entbloͤst, als do wirt entbloͤst einer von den lotern (quam gloriosus ...) erste dt. bibel 5, 154 (2. kön. 6, 20). für inclytus: er (Jacob) ist gereicht von seim (Labans) guͦt und ist gemacht gar wunsam (factus est inclytus) erste dt. bibel 3, 145 (1. Mose 31, 1). im sinne von 'vergnügungssüchtig, leichtfertig', wenn nicht als 'lebenslustig' eher zu 2:
sein pauch ist vol, sein peutel ler,
so ist sein weyb gleich als er,
so ist sein meydt auch wünesann
und mein, sie verdin auch jren lan
kl. mhd. erz. 18 Euling.
d)
als eigenschaftsbezeichnung neben sachlichem beziehungswort, im sinne von 'schön, lieblich, strahlend, kostbar', ausgesprochen vom ästhetischen her.
α)
vornehmlich und bis heute in dem durch wonne A 3 d gegebenen bereich des naturhaften, landschaftlichen u. ä., im ersten beleg mit wonne A 2 gekreuzt:
(gott) liaz inan (Adam) waltan alles   thes wunnisamen feldes
Otfrid II 6, 11;
uff einnen anger wunnesan
hiess er besenden sine man
Göttweiger Trojanerkrieg 13, 927 K.;
got grüsz dich, plüemlein wunsam (veilchen)!
wol mir, das ich dich funden han!
fastnachtsp. 411, 31 Keller;
mit der fruchtperen vnausprechelichen süssen feuchtigkait des wunsamen edelen maiens (15. jh.) in: Alemannia 8, 112; Cipern ist ain inszel fast wunsam, lustig und fruchtbar Fortunatus 3 ndr.; der herrliche, wohnsame und nutzbare Sollinger waldt Letzner Dassel. chron. (1596) 1, 193ᵇ;
und dort im walde wonnesam,
ach, grünet schon des kreuzes stamm!
Mörike ges. schr. (1905) 1, 135.
von da aus:
die wachen auen lockten wonnesam
Stefan George d. jahr d. seele (1897) 98.
spezieller 'der sonne ausgesetzt, sonnenwarm', für lat. apricus: sollich tier begertt nachi, warmi, wonnsami waid Österreicher Columella 2, 38 lit. ver.; vgl. 1, 95; 149; beziehung zu wonne C?; vgl. auch die bei Fischer schwäb. 6, 955 aufgeführten flurnamen.
β)
darüber hinaus auch sonst von prächtigen und kostbaren dingen, lieblichen erscheinungen u. ä., in älterer sprache frei, in jüngerer mehr von α aus:
und ein gezelt sô wunnesam
Virginal 447, 4 Zupitza;
mit dem schwertt wunnesam
Göttweiger Trojanerkrieg 11829 K.;
die vögelein ... sangen einen so wunnsam-gestimmten gesang Moscherosch ges. (1650) 1, 342; ihr (der pinie) ton hat etwas ganz wonnesames von geisterhaftem gesang Gregorovius wanderjahre i. Italien 2 (1904) 216; (der stock der kerzen) giebt einen wonnesamen schein von sich Jac. Böhme s. w. 4, 9 Schiebler. älter, wie oben c γ, auch für lat. gloriosus und inclytus: vnd voͤrchtest disen wunnsamen namen vnd den erschroͤckenlichen, daz ist dein herr got (nomen eius gloriosum) erste dt. bibel 4, 224 (5. Mose 28, 58); vgl. 9, 175; wann das haus, das ich begerte zepauwen, das ist michel vnd wunsam (domus ... magna est nimis et inclyta) ebda 6, 125 (2. chron. 2, 9); vgl. 8, 12.
2)
sehr viel seltener zu wonne B, als 'heiter, fröhlich, wohlgemut' von einer inneren verfassung, einem seelischen zustand, kaum über das 16. jh. hinaus: exsultemus et iocundemur in ea an demo freuuen unsih, an demo tage sin fro unde uuunnesam Notker 2, 496, 30 P.; wunnesam, lustsam, fro und wolgemut ist ein man, der ein biderb weib hat ackermann a. Böhmen 27, 18 Hübner; wie frölich und wunnsam er wurde Hartlieb d. buch Ovidii v. d. liebe (1482) 9ᵃ;
erst bin ich frölich und wunsam,
seit du bist eines fürsten suhn
Hans Sachs 12, 520 lit. ver.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1951), Bd. XIV,II (1960), Sp. 1441, Z. 10.

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Zitationshilfe
„wonnesam“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wonnesam>, abgerufen am 01.08.2021.

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