wüst interj.
Fundstelle: Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2417, Z. 64
'links' als fuhrmannsruf; gerundete form von ²wist, s. d. teil 14, 2, sp. 806 (s. auch hist und hüst teil 4, 2, sp. 1580 u. 1976) u. vgl. noch: sinistrorsum wuͤste, schwuda Corvinus fons lat. (1646) 963; Rädlein t.-it.-frz. (1711) 1080ᵃ; einer will hott, der ander wuͤst Lehmann floril. polit. (1662) 3, 86; mit einem anspann und pflugdirektor, der durch sein wohl angebrachtes nachschieben, hot- und wüstschreien bewirkt, dasz die sachen im richtigen gang bleiben v. Lang Hammelburger reise (1817) 4, 38; nie hab ich recht bekommen, nie, noch im grabe packt er mich und sagt: hott und wüst! P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 111;
wüst, bräunl, wüst
J. Weinheber o mensch, gib acht (1937) 77 (fuhrmannslied).
s. auch unten wusther (wustaher, wustherum).
wust f. und m.
Fundstelle: Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2403, Z. 54
'wissen, kenntnis', im ostmd. bis zum ende des 17. jhs. gebräuchliche form von ¹wist, f., teil 14, 2, sp. 806 mit dem u von wusste und gewusst, s. teil 14, 2, sp. 749; in der volkssprache länger bewahrt, vgl.: ohne menn (meinen) wusst und willn Rother schles. sprichw. 302ᵇ. stets in den präpositionalen verbindungen mit, nach oder ohne, wider, auch hinter jmds wust und gewöhnlich in der koppelung wust und willen: an (ohne) seiner koniglen (gnaden) geboth, geheisse, wost und willen (1454) lehns- u. besitzurk. Schlesiens 1, 445; mit unserm willen und wust (1471) ebda 2, 69; unnd wir wollen so des konigs diener sein und kein gelt on eurn wust wegkfuren S. Grunau preusz. chron. 2, 292 Perlbach;
welchs (das kind Jesus) denn hinder jr beider wust
allda verbleib aus eigner lust
B. Ringwaldt evangelia (1581) G 1 b;
als solches der könig Sinald erfuhr, wie seine tochter den Otharum geehlichet, war ihm zwar solche parthey nicht zu wider, aber es verdrosz jhn, dasz sie es wider seinen wust und willen gethan A. v. Kreckwitz lustwäldlin (1632) 38;
Morus kam nach hofe schmausen;
ohne wust und ohne grausen
frasz er viel von einem raben,
den sie ihm zum possen gaben
Logau sinnged. 526 lit. ver.;
nach gottes will und wust ebda 347; unterdessen rückte Germanicus mit wust und willen des hertzogs ... fort Lohenstein Arminius (1689) 2, 996ᵇ.
wust m. (f.),
Fundstelle: Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2404, Z. 12
'verwüstung; sekret, kot, unrat, schmutz; inhomogene anhäufung'; mhd. wuost. in der ersten bedeutung (s. u.A) rückbildung aus wüsten, vb., 'verheeren', in den übrigen (B und C) auch aus ²wüst, adj. (s. u.). das wort ist nur hochdeutsch; vereinzeltes auftreten in nd. mundart beruht auf md. einflusz (z. b. waust Damköhler Nordharz 224ᵃ). sehr selten begegnet wust als femininum: es ist gar ein ganze wuost fastnachtsp. 822, 13 Keller; diese wust Logau sinnged. 241 lit. ver. (hier sonst mask., vgl. 202, 217, 455); ein' unsaubre wust Schottel haubtspr. (1663) 887; offt wird die lust zur wust Kongehl Andromeda (1695) 12; eine wust von stroh und dünger Freytag ges. w. (1886) 11, 178. nicht wust, sondern eine lautform von wanst liegt vor in: (die schmarotzer) füllen nit allein iren wust als ein pfeiffensack voll, sondern es seyn inen auch beide ermeln zuͦ dem busen, sich zu versorgen, zuͦ klein, auff dasz sie den volgenden tag die zen zuͦ wetzen haben Kirchhof wendunmuth 1, 261 Ö.; vgl. wūəšt, woašt für wanst bei Fischer schwäb. 6, 3355; deⁿ wuəšt fülleⁿ 'gefrässig sein' ebda. wust in der bedeutung A kommt seit dem späteren mhd. vor und hält sich bis in die moderne sprache, bleibt aber stets selten; bedeutung B tritt zu beginn des frühnhd. sogleich in groszer häufigkeit auf und verliert sich erst im 19. jh.; gleichfalls seit dem frühnhd. ist der übertragene gebrauch C zu belegen, der in moderner sprache herrschend wird (bed. B übertrifft bed. C an häufigkeit im älternhd. um ein vielfaches; im 18. jh. kehrt sich dieses verhältnis um). während C 'inhomogene anhäufung' deutlich aus B (etwa i. s. v. 'haufen unrats') abgeleitet ist, bleibt der ursprung von B unklar. eine beziehung zu A (etwa 'schutt' ˃ 'unrat') scheint nicht zu bestehen (die bed. 'schutt, trümmer' ist sehr fragwürdig bezeugt und kommt offenbar nur okkasionell vor, s. u. A 3). denkbar wäre, dasz bestimmte verwendungen des adj. ²wüst im sinne von 'unnütz, funktionslos, unbrauchbar' zugrundeliegen, die zwar nur schwach belegt sind (wüst A 3 b, z. b. wüstes gerinne das das überschüssige wasser einer mühle abführt; durch wüst durch taubes gestein [bergm.]; vgl. noch unten wustbaum 'unveredelter baum'), aber in analogen verwendungen des engl. adj. waste (vgl. ²wüst, einl.) für abfall, ausschusz usw. eine gewisse bestätigung finden. wust B wäre dann zunächst 'was keine funktion mehr hat', also 'auswurf, abfall' und erst von hier aus allgemein 'schmutz' (wozu dann wüst B 'schmutzig', s. d.). hierfür spricht besonders der sehr stark hervortretende gebrauch für körperliche ausscheidungen (sekrete und exkremente, s. u. B 1, dazu vielleicht noch die anwendungen auf oxyde, bodensätze usw. als 'ausscheidungen' eines stoffes, s.B 2 b α). die erst im frühnhd. (vgl. aber Teichner sp. 2451) bezeugten gebrauchsweisen B 1 und B 2 werden durch die ableitung wüestikait 'sekret, schleimige verschmutzung' (um 1350), wustikeit 'unsauberkeit' (anf. d. 15. jhs.) als älter erwiesen: der nasen nutz ist auch, daz der mensch ... dâ mit niest und sich saubert von der wüestikait des hirns Konrad v. Megenberg buch d. nat. 11, 30 Pf. (hierzu, als bezeichnung von geisteskrankheiten: mania hirn wustigkeyt [1485] Diefenbach n. gl. 245ᵇ; freneticus ein hirnwutiger vel hirnwustiger voc. predic. [ende d. 15. jhs.] k 3ᵃ; vgl. u. B 1 a α);
dann ich sag sie (ein altes weib) gar sere verstalt
und von wustikeit gar ungestalt,
unfledig, swartz, snode und gele
pilgerfahrt des träum. mönchs 7047 Bömer.
A.
verwüstung, trümmer (verbalnomen zu wüsten 1 'verheeren').
1)
als nomen actionis 'verheerung, zerstörung', wohl auch 'das wüten' (vgl.wüsten 2):
man læge in sînem lande
mit wuoste und mit brande
und tæte im creftigen schaden
Dietrichs flucht 2172 Martin;
als herzog Lewpold den wuest in Bayern thet (1491) bei Frisch t.-lat. (1741) 2, 462ᵃ;
er schickt Franzosen auf die zeit
ins Gellerland mit krieg und streit,
mit raub und prand und groszem wust
(1507) hist. volkslieder 3, 18, 43 Liliencron;
ist das eur stetes sinnen,
dasz ihr das musenvolck, der Pierinnen schaar,
von unserm deutschen land ausjaget gantz und gar?
umbsonst! umbsonst! o wust! vergebens ist das wüten!
o du tyrannenzucht, du uhranherr der Scythen
o Mars!
Gueintz sprachlehre (1641) )( 4ᵃ;
kühn geballet
die faust zum streit, wenn fremder grimm und wust
ihr friedlich leben dräute zu verschütten
Fouqué reiseerinn. (1823) 1, 14.
2)
übertragen 'zerrüttung, verheerung (in den öffentlichen verhältnissen)', besonders mit den verben anrichten und treiben: weil zuvor ein schlechter priester zu Alexandria, Arius, einen solchen wust hatte angericht (1539) Luther 50, 575 W.; solcher wust (schisma) weret bis in 39 jaren (1545) ebda 54, 209; das doch graff Albrecht (v. Mansfeld) nicht solch einen wust ynn der herrschafft treibe (übergriffe auf den territorialbesitz seines bruders) (1542) ders., br. 10, 28 W.; Dencke, Doltzk vnd Hetzer der grewliche ketzer ..., welche disen wust im oberland anrichten Mathesius ausgew. w. 3, 120 Lösche.
3)
konkret 'trümmer, ruinenschutt' u. ä. (sehr selten und z. t. unsicher; historische kontinuität des gebrauchs besteht wohl kaum; die erste stelle kann als früher beleg zu bed. B 'unrat' gehören, die übrigen werden okkasionell zum abstrakten gebrauch gebildet sein): (die Freiburger) hulfen zu Bern (nach einem groszbrand) die stadt rumen und den wuost und herd usführen (erste hälfte d. 15. jhs.) Justinger Berner chron. 257 Stierlein-Wysz; das grosze, Carlsbad betroffene unglück (überschwemmungskatastrophe) ... hinderte mich, den ort, den ich sonst in seinem flor gekannt, nunmehro in solchen wust eingehüllt zu besuchen (1821) Göthe IV 35, 89 W.;
in meinem busen
berg ich (Wotan) den grimm
der in grauen und wust
wirft eine welt
die einst zur lust mir gelacht
Richard Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 44.
von dem gleichsam ruinösen bild eines unvollendeten bauwerks:
gebirge du (Mailänder dom) von pfeilern, bogen, mauern
...
nun laszen sie, des heiligen verächter,
in nacktem wust den tempel unvollendet
A. W. Schlegel s. w. 1, 373 Böcking.
B.
sekret, kot, unrat, schmutz; ferner wust als schimpfwort oder verwünschung (4). frühnhd. in allen verwendungen sehr geläufig; die bedeutung 'sekret' verschwindet im 17. jh. aus der schriftsprache, während sich die übrigen anwendungen z. t. bis ins 19. jh. halten. zum jüngeren wortgebrauch vgl.: wust schmutz, unreinigkeit, koth ... da diesem worte kein niedriger oder ekelhafter nebenbegriff anklebt, wie manchen andern, so wird es am häufigsten in der anständigern schreib- und sprechart gebraucht Adelung 5 (1786) 315. gewisz hat zu dieser einschätzung der häufige metaphorische gebrauch in sittlich-didaktischer schreibweise (wohl auch in der kanzelberedsamkeit) beigetragen, s. u. 3, insbes. b.
1)
'sekret, exkrement'. (wust als 'ausscheidung' eines stoffes [oxyd, bodensatz usw.] s. unter 2 b α).
a)
von (normalen und krankhaften) schleimigen absonderungen verschiedener körperorgane.
α)
des gehirns, das nach den vorstellungen der älteren medizin bei seiner tätigkeit schleim produzierte, der sich durch bestimmte ausführungsgänge in den nasen- und rachenraum entleeren sollte (vgl. Hyrtl kunstworte d. anatomie 147, 153; Höfler krankheitsnamenb. 836; hierzu spätmhd. wüestikait des hirns, frühnhd. hirnwustigkeyt, hirnwustiger, s. o. die einl.): colatorium des hirns wuͦsts vszlouff Gersdorff wundtartzney (1517) 83ᵇ; (Franz II. v. Frankreich) hat ein sollichen mangel im haupt gehapt, das im kein über flissigkait zu der nasen user hat megen kommen, darausz gevolgt, das sich die natur des orts nit rainigen, aller wust bei im bliben Zimmer. chron. ²4, 47 Barack.
β)
der lungen und bronchien (nicht hiermit in zusammenhang steht alem. wusten 'husten', eine anlautsvariante aus germ. *hwōsto, s.husten, m., teil 4, 2, sp. 1976): schleim oder rotz der lungen, welcher wust disz glied versehrt Wirsung artzneyb. (1584) 267 d; ist sach, dasz der wust, so im anfang (beim husten) auszgeworffen wirdt, schwartz vnnd gelb vntereinander vermischt ist, ... so steht die sach gefährlich ebda 238 d; das meerkalb ... schläfft stärcker dann kein ander thier mit schnarchen vnd mugen, von wegen desz wusts vnd schleims der lungen Forer fischb. (1598) 102ᵇ.
γ)
der ohren, augen und nase: mir troffen auch die augen, und ein schlammiger wust ran mir ausz den oren (1565) Mathesius ausgew. w. 3, 384 Lösche; den wust ausz den augen zuvertreiben, beruͤret vnd reibet sie rings herumm mit eynem saphir, inn kalt wasser geduncket Sebiz feldbau (1580) 74;
mit ohren lefflen raumpt man d'ohren,
man must den wust sonst auszherboren
F. Platter tageb. 349 Boos;
nimb ... tüchlein, die netze in eyerdotter und stecke sie (dem pferd) in die nasenlöcher so tieff du kanst, so gehet der wust heraus M. Böhme roszartzney (1618) 112.
b)
von eiter und serösen ausscheidungen in wunden und geschwüren: wenn man sy (die wunde) aber wider zu haylt, so bricht sy aber auff, alle weil das faul flaisch vnd der wuͦst noch darinn ist Keisersberg granatapfel (1510) C c 2ᵇ; saͤuber sie (die wunde) auch offt auss mit wein oder saltzwasser, damit kein wuͤst sich versetze Paracelsus chirurg. bücher u. schr. 111ᴮ Huser; das man sie (kopfwunden) desz tags nur einmal verbinde, der eytter oder wust nehme denn so grosz vberhandt, denn so musz man sie zweymal verbinden Würtz wundartzney (1624) 138;
da sich zusamen haufen
über den gürtel euch drei beulen voller wust
bei Opel-Cohn dreiszigj. krieg (1862) 263;
(er) wolte das aitter ausz dem geschwer ... saugen, und ... vermeinte disen rinnenden wuest und faule materi schon im maul zu haben Abr. a s. Clara Judas 2 (1690) 17;
der herr ging nach Jerusalem
und sah in einem flecken
zehn männer ohngefehr von fern
voll wust und aussaz stecken
Joh. Chr. Günther s. w. 2, 266 lit. ver.
c)
von ansammlungen unreiner stoffe im körper, besonders in den verdauungsorganen: vnd thuͦt platina hinzuͦ (zum bärenfleisch) daz es vil wuͦsts im menschen zeüge, lust vnd begird zeessen nemme Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 18; ein pillulin (von tannenharz) ...; es zeuhe an sich im menschen allen schleim vnd wust, vnd tringe damit gar senfftigklich widerumb zum auszgang, reiniget also den menschen Stumpf Schweizerchron. (1606) 606ᵇ; dasz solche wustbrünnlein (ausführungsgänge, s. o.) von einem ... innern hauptglidt, als von der leber, hirn, hertz etc. ... herfliessen, vnnd solcher massen den menschen vom vndergang erhalten, sonderlich den jenigen, welcher ... vil grosser vnordnungen im essen vnndt trincken begehet, vnd den innern wust noch mehrer hauffet Guarinonius grewel d. verwüstung (1610) 936; die äuszerlichen mittel werden nicht nützlich gebraucht, bis zuvor der leib von dem innerlichen wust wol purgieret ist Schickfusz schles. chron. 4, 30;
man ist vor wurm und wust mit safft und kraut bemüht
Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 200.
auch: gemeinigklich treiben die feigen den wuͦst usz der haut, davon die leüsz wachszen M. Herr schachtafelen d. gesuntheit (1533) A 4ᵃ. wahrscheinlich hierher gehört: herr Sebastian musz der wust nahe bei dem herzen liegen, weil er so bald kan in den harnisch kommen, da doch noch kein krieg vorhanden kunst über alle künste, ein bös weib gut zu machen (1672) 35 Köhler.
d)
darm- (und magen-)inhalt, kot.
α)
wohl zunächst (mit c übereinstimmend) als ansammlung körperlicher abfallprodukte im leibe: lossz sye (regenwürmer) also durch das mösz (schlehenmus) krychenn, so purgieren sye sich vnd got der wuͦst vnd der grundt von jnen Gersdorff wundtartzney (1517) 28ᵃ (ähnl. Gäbelkover artzneyb. [1595] 255); vnnd so man jn aufschneydt, ist er (der blinddarm) voller wuͦsts vnd gleych hert Herold-Forer Gesners thierb. (1563) 13; der haͤring ... ist ein schuͤpfisch, hat nur den stracken deuwe darm im leib, drumb er auch alle zeit one speisz vnd wuͦst gefunden wirt Heyden Plinius (1565) 360; dem muͦss man hinden eingreiffen in den massdarm, vnd den wuͦst herauss ziehen so vil man kan Seutter hippiatria (1599) 97.
β)
dann (mehr oder weniger mit 2 'schmutz, unrat' zusammengehend) 'kot', auch 'erbrochenes':
ein strudel ausz dem maul im (dem Bacchus) troff.
ich sah, wie die sew darzu schwamen
und diesen wust mit frewd annamen
Hans Sachs 9, 431 lit. ver.;
so druckt Petz den Halt (e. hund) an die brust,
das jhm entfiel wasser vnd wust
Rollenhagen froschmeuseler (1595) K 8ᵃ;
(dasz der vielfrasz, wenn er) sich schon so voll gefressen, das jm der wanst wie ein trumm strotzet ..., den bauch dermasen zwischen zweyen bäumen ... streyfet ..., das der vberlästig wust fornen vnd hinden wider von jm geht Fischart w. 3, 250 Hauffen; das eyn jeder seinen wust oder kaat mit staub und erden bedecken solle ders., Bodins daemonomania (1581) 248; wenn zween trunckenpolten desz uͤberschuͤtten magens wuͤst zusammen kotzen Lehmann floril. polit. (1662) 2, 719. — namentlich der schmutz kleiner kinder: das kind sol man baden vnd von seinem wust seubern Agricola sprichw. (1591) 21ᵃ; den säugling von dem wust reinigend Weckherlin ged. 1, 491 Fischer;
wie kindisch ist der mensch! er sehnt sich, dasz er liege
nicht dort in vaters schosz, nur hier im wust der wiege
Logau sinnged. 217 lit. ver.
2)
'schmutz, dreck, unrat'.
a)
allgemein von schmutz jeder art: fünftzig tage, dero lang ich in aller hertisten kerchern in vnsuberkait, wuͦst, mist, gestanck vnd ysin banden ... gelegen bin Niclas v. Wyle translat. 223 Keller; vnd hüt dich das keinerlei wuͦst oder vnreinikeit ... (in die wunde) kumm oder valle H. Braunschweig chirurgia (1498) 21ᵃ; wen man etwan wuͦst lang lat ligen, so moͤgen schlangen darin wachsen Keisersberg emeis (1516) 42ᵇ; deine schuh wischest du alle tag, das der wuͦst nit hert daran werde Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 75ᵃ; so einer sin trinkgeschirr oder schüszlen allein uswendig sübrete und den wuͦst inwendig liesse blyben Zwingli dt. schr. 1, 345 Sch.; (er) liesz die haillosen vetter sampt irer geselschaft also übel tractiert im kat und wuost ligen Zimmer. chron. ²1, 392 Barack; (die kelterknechte sollen nicht keltern, bevor sie) jhre fuͤsz sauber gewaͤschen vnd von allem wust geseubert (haben) M. Herr feldbau (1551) 97ᵃ; die säw in ihrem wust Logau sinnged. 455 lit. ver.; dass sie ... ihr altes nest ... reinigen von dem wuste, den es den winter über bekommen Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 216;
der klöster ungeheure zahl,
die wust und staub bedeckt, ist gar nicht mehr zu finden
Gottsched ged. (1751) 301;
mit wuth rafften sie asche und moder vom boden auf, und verschlangen den wust gierig Jung-Stilling s. schr. (1835) 4, 549;
so war Odysseus mit wuste bedekt an händen und füszen
(an händen und füszen besudelt ¹1781)
Voss Odyssee (²1802) 22, 406;
o wehe, hirt! den ein verkümmert lamm
einst klagend nennen wird mit angstgewimmer,
ein blutend wundes, eins voll wust und schlamm
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 3, 75.
b)
öfters auch in bestimmteren anwendungen.
α)
für verunreinigungen in oder an etwas, wie sie z. b. durch seihen, sieben, abschäumen oder auslesen entfernt werden, auch von bodensätzen, oxyden, schimmel u. a. m.; hierbei wird wust manchmal als 'ausscheidung' eines stoffes verstanden und gehört in diesem sinne eher zu 1:
darumb so setz den rechen für (vor das mühlrad),
das nur das reyn (wasser) durch lauffe dir;
denn wo der wust auch durch hyn gieng,
so wicklet er sich drumb so ring
(zuvor: vnflat, krut)
Murner mühle 38 Beberm.;
sein hertz zuͦ gott er neyget
recht als ein christen mann,
die gschrifft er rein abseyget,
kein wüst (laa. wuͦst) laszt er doran
(1522) M. Stifel in: reformatonsflugschr. 3, 287 Clemen;
wan man mel beittelt, so felt nur das suber mel herdurch vnd bleibt nichtz in dem bütel dan der wuͦst Pauli schimpf u. ernst 271 Öst.; darnach scheidet sich herauss vom sulphur sein wuͤst, darauss wirdt oger Paracelsus opera 2, 61ᴮ Huser; du magst diese salben an die sonnen setzen etlich monat vnd als dann vom wust abseigen ders., chirurg. bücher u. schr. 490c Huser;
so findest du alt saͤttel hangen,
darzuͦ alt kummet an der stangen,
welches alles gantz ist verrost,
überzogen mit eitelm wuͦst
Montanus schwankbücher 441 lit. ver.;
(wenn man wasser) in eim saubern hafen siedet vnnd es kein wust, schleim, sand noch hoͤffen auff dem boden gibt (so ist es gesund) Sebiz feldbau (1579) 16; aber wann schon der siedenden wassern wust mit schaum vermischt verhanden, so schaumpt ers (d. wirker) mit der schauffel Bech Agricolas bergwerckb. (1621) 457; wenn sachen auff der erden liegen, dass sie unten beschimmelen, oder einen grünen wust kriegen Prätorius glückstopf (1669) 114; saubere sie (d. beeren) von allem wust und staub Lehmann hist. schaupl. (1699) 500; (terpentin-spiritus) solte aber billig nur äusserlich gebraucht werden, weil sich mehrmahls allerhand wust unter dem peche befindet, daraus es gemachet wird Noël Chomel öcon.-physic. lex. (1750) 4, 1133; gleich dem meer, das seinen wust aufrührt und ausschäumt Moser moral. u. polit. schr. (1763) 1, 175;
ei! wer hat in diesem jahre
all den wust ins korn gebracht,
mutterkorn und andre waare,
die im kopfe dämisch macht
Uhland ged. (1898) 1, 75.
β)
für kehricht und häuslichen unrat; ferner für den unrat der kloaken (vgl.wustgraben); vereinzelt von kadavern: (der wassermeister) soll ouch warnemen obe yemans feget (kehricht), myst oder ander wuͦst uf die wasser und graben leyt oder schüttet (1450) Straszb. zunft- u. polizeiverordn. 516 Brucker; was wuͦsts die eine macht in irem husz, als wan man das husz fegt, den warff sie der andern in iren garten Pauli schimpf u. ernst 103 Öst.; (Ancus Marcius) liesz tobel vnd gewelb vnder den gassen inn Rom machen, domit aller wuͦst vnd vnflat vnder dem erdtrich hindurch vil weg flösz Carbach Livius (1551) 12ᵃ; heimliche dolen ... durch welche aller wust mit wasser in die Tyber gführt ward Münster cosmogr. (1588) 221;
dasselbig (verendete pferd) solt er führen ausz,
auff dasz der wust kem ausz dem hausz
Fischart w. 2, 317 Hauffen;
fliessendt wasser stinkendt ... zu machen ... schlahet ins wasser pfäle ..., dahinder werffet alle verstorbene pferdt vnd andere aasz, auch was sonst aussem laͤger fur wust gebracht mag werden, als so man den scheiszplatz feget Kirchhoff militaris disciplina (1602) 169.
γ)
von anschwemmungen, schlamm und morast: das wasser hat auch so ein wilden wuͦszt hinder jm gelassen, das menigklich sich einer pestilentz besorget S. Franck chronica zeytb. (1531) 248ᵃ;
indem des sommers brand
der tiefsten sümpfe wust in festgesetztes land
... verkehret
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 46 Weichmann;
bis sie zuletzt ...
fast alle, nach und nach, versunken,
und im verfaulten wust (morast) ertrunken
Brockes ird. vergnügen (1721) 8, 511;
der ganze platz ist überschwemmt,
und durch den feuchten wust verschlämmt
Triller poet. betracht. (1750) 5, 202.
c)
pejorativ.
α)
von ungeziefer und gewürm (in naheliegender übertragung von a aus, vgl. leüsz und anderen wuͦst auff dem haupt und an kleideren klauben sy [die affen] fleyssig ab und fressen die selbigen Forer thierb. [1583] 3ᵃ): die scorpionen ... seind vast schaͤdlich. ... der mittag wynd soll diszen wuͦst in Africa flyegen machen Eppendorff Plinius (1543) 11, 195; ward alles holzcwerk, gesträuch und alte gebäude, darunter sich viel wust und otterngezicht aufhielt, weggeräumt Schickfusz schles. chron. 4, 24.
β)
erwähnenswert ist auch mundartl. wust 'unkraut' Stalder schweiz. id. 2, 461; 'gemeine wucherblume (chrysanthemum segetum)' Kehrein Nassau 450. (vielleicht zu ²wüst A 3 b, vgl. unten wustbaum 'unveredelter baum').
γ)
von etwas minderwertigem, etwa was einen 'dreck' wert ist u. ä.: dise (unerheischten werke) ... werden ... nicht von gott für gute bezalung angenommen, sonder für losen wust Fischart binenkorb (1581) 96ᵃ; dein' bücher, deinen wust (1571) ders., s. dicht. 1, 130 Kurz;
er denket tag und nacht ...
an deinen zukkermund ...
das andre jungfervolk ist ihm nur lauter wust
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 299.
3)
wust im sinne von 'unrat, schmutz, kot' als metapher für sünde, bosheit, verkehrtheit, unflätiges verhalten, auch sorge und unmut.
a)
allgemein (gewöhnlich als bezeichnung übler handlungen und gesinnungen; sonst unterschiedlich aufgefaszt): darumb sag den wuͦst herusz, bicht din sünd Keisersberg bilgersch. (1512) 32ᵃ; ir machent das ... wasser der schrifft mit ewerm kat und wuͦst unsauber und trüb Lonicerus berichtbüchl. (1523) i 1ᵃ; die heffe vnd wuͦst der leut sprichw., schöne weise klugreden (1548) 121ᵇ; calent aures nostrae illius criminibus ich hoͤr nüt anders dann vonn seinem wuͦst Frisius dict. (1556) 144ᵇ s. v. auris;
wie hund, wie schwein, wie wölf, vol gailheit, wust und wuht
Weckherlin ged. 1, 335 Fischer;
was ausserhalb disz stalles ist,
ist wust, koth, vnflat, stank und mist.
der sternen kammer kunst gebäu
ist nicht so schön als diese streu
Klaj weihnachtged. (1648) B 12ᵃ;
leut die nicht können schaden die schelten, damit sie jhren wust auszschütten Lehmann floril. polit. (1662) 2, 720;
was du, o garstmund, redst, das musz nach wuste stinken
(1678) J. Grob ged. 127 lit. ver.;
(die leidenschaft) durchwühlet alle abgründe des menschlichen herzens, und setzt dem lichtstral undurchdringbaren wust entgegen Sailer vorles. a. d. pastoraltheol. (1788) 1, 108; in dem engeren sinne 'unanständigkeit' wohl von wüst B 3 beeinfluszt: nichts ist züchtiger und anständiger als die simple natur. grobheit und wust ist eben so weit von ihr entfernt, als schwulst und bombast von dem erhabnen. das nehmliche gefühl, welches die grenzscheidung dort wahrnimmt, wird sie auch hier bemerken. der schwülstigste dichter ist daher unfehlbar auch der pöbelhafteste Lessing 10, 32 L.-M. stärker bildlich den wust ausfegen u. ä.: es ist nit genuͦg, das ein mensch rüwet, er musz auch den wuͦst zusamen fegen mit dem besen der beicht Keisersberg brösamlin (1517) 2, 80ᵃ; ich habe die alte schulden nicht gemacht, genug, dasz ich keine neue machen will, den alten wust mag ich nicht auskehren Moser d. herr u. d. diener (1759) 112;
konnt deine schuld dies haus so arg beflecken,
so halt fortan es deine busse rein,
den wust und unrath feg aus allen ecken
Brentano ges. schr. (1852) 1, 203.
b)
oft mit genitivischem bestimmungswort.
α)
besonders wust der sünden: (vgl. schon Teichner sp. 2451): (sie) seind so foll wuͦstes der sünden das nüt guͦts in sie mag kummen Keisersberg brösamlin (1517) 2, 42ᵇ;
kein räucherwerk verdunst der sünden stank und wust
Fleming dt. ged. 9 lit. ver.;
aller sünden wust verlassen
Gottsched ged. (1751) 1, 343.
β)
wust der welt, der erde: die ... gott ... sein reich zuͦlassen begeren, wenn er sie sich nur jmmerdar im wuͦst diser welt liesse waltzen vnd vmbkehren Heyden Plinius (1565) vorr. 3ᵃ;
an der erden koht und wust
mag ich nicht mehr kleben
Simon Dach 125 Öst.;
man kann spitäler ... besuchen — und dennoch von dem wuste der welt befleckt seyn Lavater verm. schr. (1774) 2, 362; verschmähend ... der erde wust Tieck schr. (1828) 5, 544.
γ)
mit bezeichnungen bestimmter laster: (das herz eines narren) behalt allen wust des neides vnd zornes Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 224ᵃ;
mein hertze wünschet nicht den mägden zugefallen
die in dem koth vnd wust der vppigkeiten wallen
Opitz teutsche poemata 22 ndr.;
für kargheit und des geitzes wust
behüte mich in gnaden
Rist in: evang. kirchenlied 2, 178 Fischer-Tümpel;
o goldne zeit, da noch des goldes wust
verachtet ward, was flohst du von der erde
E. v. Kleist w. (1766) 1, 143;
aller laster wust slg. v. schausp. (1764) 12, 17 (d. verlohrne sohn).
c)
in gegenüberstellung zu lust:
ich schätze deine (der welt) lust
so hoch als koth und wust
Angelus Silesius hl. seelenlust 22 ndr.;
die lust
so man weltgierig übt, ist ein' unsaubre wust,
die endlich hin mit reu und ekkel uns verschwint
Schottel haubtspr. (1663) 887;
offt wird die lust zur wust M. Kongehl Andromeda (1695) 12. mit lust als reimwort kommt wust auch als sinnbild für trübsal und sorge vor:
weg vnmuth, gram und wust!
ihr gäst', empfindet lust,
vbt kurtzweil, wie jhr könnet!
Simon Dach ged. 1, 162 Zies.;
sie (d. neuvermählten) haben mittel, allen wust
der sorgen auszzuschliessen;
wol dem, der so der vorjahrs-lust
ohn kranckheit kan geniessen
ebda 254;
ich mus wahrlich diese lust
rühmen, so die felder geben,
sonderlich wenn unser leben
will belegen sorgen wust
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) anh. 10;
mir gefällt jetzt zu besingen,
edler winter, deine lust,
du kannst glück dem herzen bringen
und vertreibst der unlust wust
(1694) Kongehl in: d. volkslieder d. Deutschen 3, 437 Erlach.
4)
wust als schimpfwort stellt sich teils zu 2 und 3, teils auch zum adj. ²wüst in seinen verschiedenen anwendungen auf menschen ('rüde' [s. u. Teichner], 'abscheulich, unflätig, schändlich' usw., s. d. C 9):
ye wilder wuͤst, ye rötter wangen
Heinrich der Teichner 709, 67 Niewöhner;
dich zieren vmb deines mans willen ... ist ... auch nit sünd, vnd nit vor im gangest als ein wuͦst vnd als ein vnflat Keisersberg brösamlin (1517) 97ᵇ; in der stat Keisersberg war ein schuͦlmeister, in den künsten ein freyer, geschickter, gelerter mann, in weisz, geberden, worten und wercken aber grob, wüst und unfletig, also das man im Wuͦst den nammen gab; was sunst Paulus geheissen (1556) J. Frey gartenges. 43, 19 Bolte;
ja, liebend alle gleich, bist du ein rechter wust,
und liebest keine recht, sondern nur deinen lust
Weckherlin ged. 2, 403 Fischer;
wie häszlich sahst du doch, du nun so reine seele!
du warest um und an ein arger wust und kot
(1638) Fleming dt. ged. 488 lit. ver.;
aber was zanke ich mich mit einem so schlimmen wuhst; ihr übern hauffen seyd meines gesprächs nicht wirdig Bucholtz Herkules (1676) 1, 384ᵃ; und eben kam wie bestellt des junkers gevater, ein beeidigter wust, ins wirthshaus Pestalozzi s. w. (1927) 8, 148, 4; tückbold, groszmaul, schubjackiger wust Voss Aristophanes (1821) 1, 233; ihr möchtet ein grauen nehmen, sähet ihr einen solchen wust und unlust von hunden J. Grimm dt. sagen (1891) 2, 128. zu erwähnen ist noch der verwünschende ausruf es ist ein wust (zu 2 'schmutz' oder zu A 'verwüstung'?):
dan es ist gar ein gantzen wuͦst,
dasst mir min vetterlich erb vertuͦst
schausp. d. mittelalters 2, 381 Mone;
ir hand jm schand vnd schmach zugleyt,
doch wider alle billigkeit,
...
das ist ein wuͦst, pfuy dich der schand
(1548) H. R. Manuel d. weinspiel v. 3819 ndr.
C.
ungeordnete anhäufung, verworrenes, inhomogenes konglomerat (mit nebenbedeutungen wie 'grosze menge', 'plunder', 'schwulst'). häufig mit substantivischen bestimmungswörtern, die durch von, im genitiv oder ohne kasusdifferenzierung angeschlossen sind (z. b. wust von akten, von widerwärtigkeiten; der wälder wust, der jahrtausende wust; ein wust stockfisch, leute, aushängebogen); daneben begegnet oft deiktische anordnung (der, dieser, solcher [vorher beschriebene] wust). gegen bedeutung B heben sich in neuerer sprache formulierungen wie die folgenden ab: ein wust von staub und spinneweb hängt darauf Bettine dies buch geh. d. könig (1852) 56;
hier lasz mich rasten, bis der wust von schleim und koth
der dreiundfünfzigjähr'gen lüge müde ward
Immermann w. 15, 389 Hempel;
der einzige, der hoch aufragt aus diesem wust von schmutz qu. v. j. 1934.
1)
von dinglichen gegenständen.im älternhd. ist dieser gebrauch allein in der sonderbedeutung 'grosze menge' (a) geläufig, sonst zunächst selten (und daher kaum als vorstufe der anwendungen auf geistige gegenstände [2] anzusehen); die vereinzelten belege aus dieser zeit seien hier vorweggenommen (vgl. noch b β): die gunckel ist voller knöpff vnd voller ägnen. allso sprechen sy ettwan, ey ich mag den wuͦst nit spinnen, gib mir ain andere gunckel Keisersberg gaistlich spinnerin (1510) c 2ᵃ (oder pejorativ 'den dreck', wie unter B 2 c 8?); im ersten jar Caroli IV. ist ein grewlicher wust von gewürm in Orient hernider auff die erden gefallen Goltwurm wunderzeichen (1567) 84ᵇ; wasz vnglücks stellen ewere weiber vnd töchter ... jetzt an mit den grossen gepulsterten, gefüterten löchern? als ob sie sich durch solchen wust eine bessere leibesgestalt ... machen wolten Moscherosch gesichte (1650) 2, 87 (dafür wulst DNL 32, 151 Bobertag); etwa seit dem 18. jh. treten einige festere verwendungsarten auf (zahlreich nur der gebrauch unter d: ein wust von akten u. ä.).
a)
'grosze menge, haufen'; im frühnhd. geläufig und noch landschaftlich verbreitet (z. b. in Wien, im schwäb., schweiz., rheinländ. und obersächs.); in der jüng. schriftsprache im allgemeinen ungebräuchlich (aber als nebenbegriff in anderen verwendungen auch weiterhin vorhanden, s. hierzu d und 2 c α): da (beim papst) sehestu ein wuͦst vnd ein hauffen esel vnd knecht, das jm kein künig gleych ist vnd sein mag reformationsflugschr. 1, 178 Clemen;
findt man zwölff wägen gsaltzen hechten,
sechs thunnen mit gsaltzen hausen,
ein wuͦst stockfisch, eim mocht drob grausen
(1548) Schmeltzl lobspruch d. stat Wien 899 ndr.;
und ein solchen wuͦst von trachten angerichtet, das eim solt grauset haben nur anzusehen, ich geschweig, darvon zu essen J. Andree erinnerung (1567) 51; wie Gurgelmiltsam ... ein groszen wust kutteln frasz vnd daruon genas Fischart Garg. 118 ndr.;
zwey ermel waren dran von ziemlich grosser weite:
aus einem schüttelten sich leere wörter aus,
die wurden zum concept. und auf der andern seite
fiel eine grosse wust von alten groschen raus
Menke schertzh. ged. (1722) b 6ᵇ;
ich habe noch bei niemand gegessen, bin blos bei den professoren Mehmel, Hildebrand und Ammon gewesen, habe aber einen wust menschen gesprochen Jean Paul briefw. 222 Nerrlich (ein wust leute auch bei Kramer t.-ital. 2 [1702] 1411ᵃ).
b)
in sachlich begrenzten anwendungen.
α)
von gesteinsmassen, geröll und trümmern (auch bildlich): kommet darmit der bach ... auf das hammerwerck gewaltzet ... die steinerne brücke entzwei gedruckt, und dieselbe mit seinem wust steinen und holtz ... herunter auf die 4 teiche und plätze geführet Lehmann hist. schaupl. (1699) 270; die alten ... papiere ..., wo zwar manches erfreuliche und brauchbare sich findet, aber auch ein wust von erst durchgeschmolzenem gestein (1816) Göthe IV 27, 64 W.;
um hell gestein zu ziehn aus dunklem wuste,
und perlen aus des meeres falschem schoosz
Rückert ges. ged. (1837) 1, 200;
bis ihr (der knappen) fieisz den tauben wust
des gesteins bezwingt,
und entgegen erzgekrust
ihren streichen springt
(vgl. ²wüst A 3 b β) ebda 3, 86;
die steppe beut
nur fürder schnee, wohin man blickt,
von schwarzer (felsen-)trümmer wust gedrückt
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 90.
ähnlich auch: (ein) wust von dickgeballtem qualm und feuersprühendem erd- und eisenhagel Liller kr.-ztg. (sommerlese 1917) 104; in diesem wust von steinen und rauchschwaden A. Seghers d. toten bleiben jung (1950) 193.
β)
vereinzelt (aber vielleicht als literarischer topos) wust der leichen (vgl.B 2 b β):
wenn sie (das zauberweib) mit knochen spielt,
und in dem wust der faulen leichen wühlt
Pyra-Lange freundschaftl. lieder 137 Sauer;
fort über zerschmetterter leichen und waffen
blutigen wust
Pyrker s. w. (1855) 1, 79.
γ)
'dickicht':
du, dicker wälder wust, du kalter winde straus,
...
der himmel wird für euch mich künftig wohl behüten
Gottsched neueste ged. (1750) 50;
der wälder wust Schönaich in: anmuth. gelehrsamk. 2, 692 Gottsched; es ist ... oft ein blosser zufall, ein solches nest, in solchem wuste versteckt, zu finden Naumann vögel (1822) 2, 2, 716;
in ein schlänglein rasch sich wandelnd,
schlüpfend rasch durch wust und wurzel
Freiligrath ges. dicht. (1870) 6, 144.
auch: sie wussten nicht ..., dass ... unter dem wust von ... locken ... ein schatz verborgen war Bettine Goethes briefw. m. e. kinde (1835) 1, 15.
δ)
gelegentlich soviel wie wulst (wohl durch die lautliche ähnlichkeit mit diesem worte veranlaszt, vgl. 1): so bald die mienen, wenn man so sagen soll, ohne steife wüste zusammen fallen, sieht man alle die ansätze zu runzeln, die man einst haben wird, wenn keine ... aufraffung ... diese falten mehr zu verlöschen im stande ist Hippel lebensläufe (1778) 3, 2, 548; das haupthaar wird in dichten wusten durch palmenöl mit thon vermischt zusammengehalten und bietet jedenfalls einen guten schutz gegen die lieblingswaffe der Kalosch, die keule H. v. Wiszmann meine zweite durchquerung Äquatorialafrikas (1891) 86.
c)
in dem allgemeinen, auch für den gebrauch unter 2 maszgeblichen sinne.
α)
'ungeordnete ansammlung von gegenständen, durcheinander':
liebes kind, was bist du mir doch ein läsziges mädchen!
deine kostbaren kleider, wie alles im wuste herumliegt!
und die hochzeit steht dir bevor!
(κεῖται ἀκηδέα)
J. H. Voss Odyssee 6, 26 Bernays;
auf das geschwindeste war der wust in eine erfreuliche ordnung gebracht Göthe I 20, 42 W.;
denk ich, auf dem wust des tisches
liegen müss' ein blatt ein frisches,
das vom freunde kund' ertheilt
Rückert ges. ged. (1837) 6, 89;
als sei die ganze bettstatt umgestürzet, so hat alles, pfühl und kissen, über den fuszboden hin verstreut gelegen; das alte weib aber ist auf ihren knieen in dem wust umhergerutschet Th. Storm s. w. (1900) 5, 51; er kramte eine zeitlang unter dem wust (in einer truhe) A. Supper holunderduft (1910) 59; er hat mühe, seine eigenen sachen aus dem wust (der überfüllten garderobe) hervorzukramen Th. Mann ges. w. (1955) 9, 701.
β)
abwertend 'gerümpel, plunder': der geist des alterthums, dessen ehrwürdige trümmer ... mir aus bauerhöfen, zwischen wirthschaftlichem wust und geräthe, gar wundersam entgegenleuchteten Göthe I 27, 339 W.; die umrisse des schimmernden staubigen wustes (zimmereinrichtung) Rosegger schr. (1895) I 5, 124; mit zerschlagenem glas werden sie (fromme bilder) unter dem wust der plunderkammer verderben Watzlik der alp (1923) 6; eine wunderliche rumpelkammer voll ehernen wustes, da waren hufeisen, roszzäume ders., pfarrer v. Dornloh (1930) 16.
γ)
ähnlich wohl in verbindungen wie staub und wust, die ursprünglich eher zur bed. 'schmutz' gehören: sie (fossilien) hatten im dreck und wuste über zehn jahre gelegen, und Michaelis muszte sie erst waschen lassen, ehe er entdecken konnte, was für einen herrlichen fund er gethan J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 206;
eilt euch, ihr liebchen (insekten), zu verstecken.
dort wo die alten schachteln stehn,
hier im bebräunten pergamen,
in staubigen scherben alter töpfe,
dem hohlaug' jener todtenköpfe.
in solchem wust und moderleben
musz es für ewig grillen geben
Göthe I 15, 1, 92 W.;
sechs jahre sind's! ich schrieb dich hastig nieder,
warf dich zu anderm und vergasz dich dann;
in staub und wust find ich dich heute wieder —
unfertig ding, was fang ich mit dir an?
Freiligrath ges. dicht. (1870) 2, 185;
nur in büchern alsdann, auf dem bestaubten brett,
zwischen spinnen und wust lebet dein freund noch fort;
selten öffnet die blätter
noch ein leser und löst den geist
D. Fr. Strausz ges. w. (1876) 12, 135.
d)
besonders häufig von schriftstücken aller art, akten, briefen, büchern usw. 'ungeordneter haufen, grosze menge', oft weniger im gegenständlichen als (zum folgenden überleitend) im inhaltlichen sinne: wer mit denen prälaten umgangen ist, dem kan nicht verborgen seyn, was vor ein wust geschriebener und gedruckter avisen ihnen wöchendlich aus allen vier teilen der welt zukomme Stieler zeitungs lust u. nutz (1695) 233;
wirf den wust bestaubter blätter
weit von deinem angesicht;
denn der erden hohe götter
quälen sich mit büchern nicht
Gottsched ged. (1751) 1, 92;
hier erhalten sie ... auf einmal einen ganzen wust aushängebogen Lessing 17, 292 L.-M.; zu gleicher zeit las ich ... einen ganzen wust theatralischer productionen durch, wie sie der zufall mir in die hände führte Göthe I 21, 39 W.; ein ungeheurer wust von acten lag aufgeschwollen (beim reichskammergericht) und wuchs jährlich ebda 28, 133;
attische tropfen auf
ungesalzener akten wust
Overbeck verm. ged. (1794) 91;
ich träges thier stecke bis an die kehle in einem wust von zu schreibenden briefen Chamisso w. (1836) 5, 216; ich habe schon einen ganzen wust geschrieben (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 1 Schulte-K.; dasz der verstorbene keine ahnung von dem inhalt dieses schriftstückes gehabt und es nur irrthümlich unter den wust ungelesener papiere geworfen hatte Holtei erz. schr. (1861) 24, 64; ich las mich durch den ganzen wust (des bücherhaufens) hindurch Winnig frührot (1926) 65.
2)
von nichtdinglichen, namentlich geistigen gegenständen, auch vorgängen, verhältnissen usw., insoweit sie sich als ein ungeordnetes konglomerat darstellen (zur auffassung im einzelnen s. u. c).
a)
allgemein schon im 16. jh. gebräuchlich und seit dem 18. jh. sehr häufig: dann disem wust des vnrechten schreybens (des vnentlich vil ist) kan man nitt bas wehren, dan durch gemainen bericht der regeln Ickelsamer teutsche gramm. 39 Kohler; also ist dieser Troianer krieg inn der warheit ... ein unzelig und unaussprechlicher wust von elend und straffen gewesen Menius chron. Carionis (1560) 1, 88ᵃ; dasz er (don Q.) dafür hielt, es wer aller dieser wuhst derselben geträumbten ertichtungen (der ritterromane) lauter warheit Bastel v. d. Sohle don Kichote (1648) 17;
der forschende verstand
hat dieses irrthums (d. hexenglaubens) wust zerstreuet und verbannt
Schwabe belust. (1741) 2, 485;
freylich schreiben die mehrsten ohne eigen gefühl ... und tragen, aus zwanzig andern, unförmlichen wust zusammen Heinse in: briefe zw. Gleim, Heinse u. Müller 2, 399 Körte; wer sich durch den wust unserer vorurtheile schon durchgearbeitet hat Zimmermann einsamkeit (1784) 3, 133;
du aus norden,
im nebelalter jung geworden,
im wust von ritterthum und pfäfferei,
wo wäre da dein auge frei
Göthe I 15, 1, 105 W.;
daher mag ihm wohl zu verzeihen sein, wenn er sich nicht abermals in einen wust von widerwärtigkeiten hinein zu wagen lust fühlt ders., II 8, 138 W.; der weitschichtige wust des englischen privatrechts Hegel w. (1832) 17, 444;
oftmals zeichnet der meister ein bild durch wenige striche,
was mit unendlichem wust nie der geselle vermag
Platen w. 1, 299 Hempel;
und alsbald wühlt sein gedanke
rückwärts durch der jahrtausende wust, bis tief wo er selber,
noch ein ungeborener, träumte die wehen der schöpfung
Mörike w. ²1, 68 Maync;
ihr (der Hekate) dienst scheut das licht, wie der ganze wust unheimlicher wahnvorstellungen, der ihn umrankt Rohde psyche (²1898) 2, 80; da sitzt man zusammen, tauscht einen wust angesammelten klatsches Emil Strausz d. schleier (1931) 47.
b)
von gegenständen der gelehrsamkeit und literatur häufig in bestimmteren formulierungen.
α)
wust von vernünfteleien, kenntnissen, formeln usw.: die menschensatzungen ..., darinne doch nichts als streit und zanck und ein wust von schulterminis enthalten war G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 261ᵃ;
ihr heget nichts, als wust der lehre,
und lernt noch nicht den dünkel fliehn
anmuth. gelehrsamkeit 3 (1753) 362 Gottsched;
von diesem ermattenden wust von vernünfteleien Herder 5, 31 S.; ein wust von notizen wird ... aus einem buche in das andere verschleppt Gutzkow ges. w. (1872) 11, 72; einen wust von kenntnissen Spielhagen s. w. (1877) 1, 129; (dasz die theorie) mit einem wust von formeln umgeben ist Boltzmann pop. schr. (1905) 76.
β)
mit kennzeichnenden adjektiven: diesz (buch) ist ein klopfstockischer wust anm. gelehrsamk. 4 (1754) 315 Gottsched; ich kenne sonst — und bin gar wohl damit zufrieden — sehr wenig von unserm dramatischen wuste (1759) Lessing 8, 41 L.-M.; von dem kritischen wuste bin ich kein liebhaber Hamann schr. (1821) 3, 42; er hatte sich erkühnt, ... die urquellen im Homer mit salbaderei und mystischem wuste zu verunreinigen J. H. Voss antisymb. (1824) 2, 95.
γ)
namentlich gelehrter wust: philosophie, die blos weisz, und philosophie, die weisz und thut, gelehrten wust und weisheit Hippel lebensläufe (1778) 2, 222; (ich) bracht allerley gelehrten wust vor, den das mädchen nicht verstand J. M. Miller briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 141;
nicht in gelahrten wust,
in nebel nicht begraben,
genöszest du mit lust
der groszen mutter gaben
Geibel ges. w. (1883) 3, 18.
auch: bis ich mich aus dem wuste von gelehrsamkeit, in welchen ich jetzt versunken, wieder heraus gearbeitet habe Lessing 17, 145 L.-M.; vom wust der gelehrsamkeit unerstickte freude an der dichtung Scheffel ges. w. (1907) 1, 101.
c)
innerhalb des vorliegenden gebrauches sind verschiedenartige auffassungen möglich, die öfters sinnbestimmend werden.
α)
wust als 'haufen, grosze menge' (gemäsz 1 a, hier aber fast nur im nebensinn):
hat er (d. verwalter) zu vil gegeben ausz,
vnd es gewendt zu seinem hausz,
gar gschwind ein ort (i. d. buchführung) zu finden wuszt,
da setzt er hin ein gantzen wust.
schreibs alles seinem herren zu,
offt zwey x für ein einigs v
N. Frischlin dt. dicht. 184 lit. ver.;
wodurch man eines groszen dogmatischen wustes mit wenig aufwand überhoben sein kann Kant 3, 335 akad.; man überhäuft die schule und das haus mit so entsetzlich vielen vorschriften, dasz die kinder unter dem wust ersticken Gutzkow ges. w. (1872) 5, 23; ich gratulire der oberrechnungskammer, welche ... einen solchen wust von nachweisung nachzusehen und festzustellen haben würde Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 7, 63. sehr geläufig ist ungeheurer wust: (Gregory) hat das verdienst, den ungeheuren wust, der sonst so viele folianten (kirchengeschichte) füllte, in ein paar duodezbändchen zusammengezogen zu haben J. G. Forster s. schr. (1843) 6, 149; die materielle geschichte, ... dieser buntscheckige ungeheure wust von zweifelhaften thatsachen Hebbel w. I 11, 5 Werner; nur der ungeheuerste wust von geschäften ist schuld, dasz ich noch nicht an sie geschrieben habe (1854) Stifter briefw. 2 (1918) 199.
β)
gleichsam als 'unrat, schmutz' in verschiedenen verbalverbindungen (vgl.B 3 a): (die deutsche schaubühne) von dem alten wuste zu reinigen Schwabe belust. (1741) 1, 14; die ausgabe ... soll von allem wuste gesäubert, in einem mäszigen, kleinen octavbande ... erscheinen (1787) Schubart br. in: Strausz w. 9, 185; ich wollte auch den wust und unflat unsrer schimpflichen die gliedmaszen der sprache ungefüg verhüllenden und entstellenden schreibweise ausfegen, ja dasz ich dafür den rechten augenblick gekommen wähnte, war einer der hauptgründe mich zur übernahme des wörterbuches zu bestimmen (1854) Jacob Grimm im vorwort von teil 1, sp. VIII; die gelegenheit ist da, den verkehr mit gott zu säubern von altem wust H. Laube ges. schr. (1875) 15, 403.
γ)
wertloses überhaupt, 'plunder' u. ä. (vgl. 1 c β):
du hast den fremden wuhst der sprachen abgethan,
wornach die teutsche welt so manches jahr gegaffet
Rist teutscher Parnasz (1652) 432;
da hier ... fast jeder student ... an der autorsucht krank liegt, werden sie (d. intendanten d. theaters) mit wust überhäuft W. A. Mozart in: O. Jahn Mozart (1856) 2, 50, anm. 13; dass das meiste wirkliche der bildenden kunst in den sälen der grossen jämmerlicher wust und unsinn ist Heinse s. w. 4, 190 Sch.; raff ich mich aus einem wust von korrekturbogen — die beiläufig wust behandelten — auf, um dir ... einen kleinen brief zu stiften Fontane ges. w. II 4, 474 jub.-ausg.
δ)
daher sehr oft in formulierungen, die etwas wertvolles als vom wuste zu sonderndes, darunter verstecktes vorstellen: die geduld ..., die würklich schönen stellen aus dem wuste hervorzusuchen br., d. neueste litt. betr. 15 (1763) 179; in dem wust seiner apocryphischen offenbarungen goldkörner reinen und hohen inhalts Herder an Lavater in: Herders nachlasz 2, 133; es ist gar nicht nöthig, dasz die menschen aufrichtig sind, man findet ihre meinung doch unter dem wust von lügen heraus Tieck schr. (1828) 6, 242;
er (d. bild. künstler) lerne die anmut hervorlocken trotz
des sprödesten stoffs, das bedeutende stets von dem wust abscheidend
Platen w. 1, 258 Hempel;
mir lodert und wogt im hirn eine flut
von wäldern, bergen und fluren;
aus dem tollen wust tritt endlich hervor
ein bild mit festen konturen
H. Heine s. w. 2, 98 Elster;
wie ein buch dieser art nur nach der kolossalen anstrengung, mit der sie ... unsere alten schätze aus wust und vergangenheit herausarbeiteten, überhaupt entstehen konnte (1834) Gervinus in: briefw. zw. J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus (1885) 2, 3; so mag er (der literarhistoriker) zeigen, ob seine ästhetische bildung ausreicht, um das dauernde aus dem wuste des vorübergehenden herauszufinden Scherer kl. schr. (1893) 1, 46.
ε)
häufig alter, verjährter wust 'plunder, zopf' u. ä. (vgl.β): aber man bleibt immer noch bey dem nur etwas veränderten alten wuste Nicolai reise d. Deutschl. u. d. Schweiz (1781) 3, 362;
ich weisz wohl, was ihr mögt, ihr alten Böhmen!
gekauert sitzen in verjährtem wust,
wo kaum das licht durch blinde scheiben dringt
Grillparzer s. w. 6, 29 Sauer;
ein solcher fürst ..., der zuerst anfing, den alten wust finanzieller miszbräuche etwas aufzurütteln Häusser dt. gesch. (1854) 5, 34.
ζ)
stärker abgewandelt 'schwulst':
edel seind, die keine lust
in den laster hölen pflegen,
und den aufgeschwolnen wust
stolzer narrheit von sich legen
Knittel poet. sinnenfrüchte (1677) 44;
nicht nur im vorigen jahrhunderte hat die marinische schule den dunkeln wust in die dichtkunst gebracht Gottsched vers. e. crit. dichtkunst (1751) 278; nach stand und range wird (auf Ceylon) das du und ihr auf achterlei weise gegeben, und das so wohl vom tagelöhner, als vom hofmanne: der wust ist form der sprache Herder 5, 77 S.; meine liedchen sprudeln noch, doch wird die sprache immer einfacher und lieblicher, denn ich bin harmloser geworden und habe den hochtrabenden wust abgeschüttelt (1849) A. Feuerbach br. an s. mutter (1911) 1, 209;
du nimmst den wesen schnörkelzier und wust
Weinheber späte krone (1936) 124 ('an die nacht').
η)
nicht selten bezieht sich wust auf verhältnisse im menschlichen leben, die wie ein schwall von etwas widerwärtigem empfunden werden:
o! hätt ich nicht, verführt von treuer neigung
dem vaterland zu nützen, mich zurück
zu dieser wildnisz frechen städtelebens,
zu diesem wust verfeinerter verbrechen,
zu diesem pfuhl der selbstigkeit gewendet!
Göthe I 10, 375 W.;
diese nachtigall (der sänger Gabirol), die zärtlich
ihre liebeslieder sang
in der dunkelheit der gotisch
mittelalterlichen nacht!
unerschrocken, unbekümmert
...
ob dem wust von tod und wahnsinn,
die gespukt in jener nacht
H. Heine s. w. 1, 463 Elster;
wenn der wust und ekel mir bis an den hals stieg ..., dann habe ich keine andere rettung gefunden, als den weg nach Fliegenhausen W. Raabe s. w. III 1, 165 (Abu Telfan).
aus bitterm schweisze reifen wein und brot,
im taumel der gewalt, im wust von frasz,
gelüst und heuchelei, im abendrot
zermürbten volks, das ihn, das herz, vergasz
Weinheber adel u. untergang (1934) 68.
θ)
'unordnung, durcheinander', besonders auch als abstraktum:
seht hier den Friederich, den ersten dieses namens:
er setzte Brandenburg aus der verwirrung wust
in einen bessern stand
Pyra u. Lange freundschaftl. lieder 103 Sauer;
der leichtsinn auch erringt sich diademe,
bis aufgebracht ein gegner ihn entleibt.
so Boris, so Demetrius, Marina,
in wildem wust bald rex und bald regina
Göthe I 16, 295 W.;
gegen sieben uhr ging ich zum minister von Bülow ... ich traf ihn in grösztem wust und drange der arbeit Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 3, 3; zufall, zufall, du betrunkener würfelspieler! tolles räthsel des daseins, grimmiger wust chaotischer verwirrung! Immermann w. 2, 105 Hempel.
wüst adj.
Fundstelle: Lfg. 16 (1960), Bd. XIV,II (1960), Sp. 2418, Z. 1
ahd. wuosti, mhd. wüeste, as. wôsti, ags. wêste, afrs. wôst(e), mnd. wôste, wuste, mnl. woest(e), nnl. woest, auf älterer sprachstufe überall in der bedeutung 'öde, wildnishaft, unkultiviert', auch 'verfallen, verheert'. auszerhalb des westgerm. kommt das wort nicht vor. die verbreitete annahme, dasz der durch das ags., as. und ahd. bezeugte -ja-stamm aus einem älteren -u-stamm erwachsen sei, stützt sich auf das umlautlose afrs. wost(e), s. van Helten z. lexicologie des aofr. 386 f.; doch begegnet das wort nur in einer Rüstringer liste der röm. kaiser, fries. rechtsquellen 133, 21, 23: ther Rvme vr dede and woste makade, ther thusend iera and fiver and fiuertich iera wost stod und wird ebenso aus dem nd. entlehnt sein wie sylterfries. wööst Möller 302, Karrharde wösdi Jabben § 100 sowie aus dem hd. Wiedingharde wȳst Jensen 718. — auszerhalb des germanischen sind am nächsten verwandt lat. vāstus 'öde, wüst, leer' und air. fās 'leer', wozu fāsach 'wüste'; zugrunde liegt *u̯ā-, erweiterung der idg. wurzel eu-, eu̯ə- 'mangeln, leer', vgl. Fick vgl. wb. ⁴3, 414 u. 378; Pokorny 1, 346; Walde-Pokorny 1, 219 u. 109; Kluge-Götze ¹⁷872; Kluge nom. stammbildungsl. § 181; Walde-Hofmann lat. etym. wb. 2, 737. im mhd. begegnet neben wüeste ein gleichbed. waste, adj. (Freidank ²60, 8 Gr.; häufiger in ableitungen: waste, f., 'wildnis, einöde', wasten 'verwüsten', s. mhd. wb. 3, 534ᵃ und Lexer 3, 702, auch verwasten 'verwüsten' 296), das aus lat. vāstus oder (wie engl. waste) aus afrz. wast (˂ vāstus, gewöhnlich guast, gast, vgl. v. Wartburg frz. et. wb. 14, 208; Godefroy 4, 240ᶜ) entlehnt ist. nicht hierzu, sondern zu wüst gehört die ahd. schreibung: uasta solitudine ... uuastemo (= wuastemo) einotte (Jb. Rd., 8/9. jh.) ahd. gl. 1, 295, 23 St.-S.; auch: uastator angelus uuastio poto (nomen agentis zu wüsten) Murbacher hymnen 1, 3, 2 Sievers (daneben: a devastante angelo fona uuuastantemu engile 21, 3, 2). über gelegentlichen einschub von ch vor s (in ableitungen z. b. wuchste 'wüste' minneburg 10 Pyritz, s.wüste, f.; wuegstunge 'wüstung' Seifrit Alexander 7607 Gercke; wuͤchsten [3. pers. pl. prät. von wüsten] Suchenwirt 18, 441 Pr.) s. Weinhold bair. gr. § 184. zum vorkommen der volleren form wüste noch in der jüngeren nhd. schriftspr. vgl. Paul dt. gr. 2, 167. die bedeutungsentwicklung des wortes ist nicht ganz durchsichtig. neben die alte bedeutung 'öde, wildnishaft, unbewirtschaftet, verheert' usw. (A) tritt im frühnhd. die bedeutung 'schmutzig, abscheulich, häszlich' (B) und schon seit dem spätmhd. der im jüngernhd. sehr verbreitete gebrauch für 'übel ausgeartet, chaotisch, wild, rüde, maszlos, monströs, ruchlos, frivol' usw. (C). während sich C als übertragener gebrauch von A auffassen läszt (vergleichbar ist begriffsverwandtes wild in übtr. verwendungen), macht das verhältnis der bedeutungen A und B schwierigkeiten; möglicherweise ist wüst B 1 'schmutzig' zu dem subst. ²wust B 2 'schmutz, unflat' (das seinerseits auf wüst A zurückgehen kann, s. ²wust, einleit.) gebildet. wüst B und das subst. ²wust überhaupt fehlen im nd.; sonst kommt wüst, das über das ganze sprachgebiet verbreitet ist, mundartlich in allen drei bedeutungen vor.
A.
'öde, unwirtlich, unbesiedelt und unbewirtschaftet, ungenutzt, verödet, verwildert, verfallen, verheert', von land, siedlungen, gebäuden und nutzeinrichtungen sowie in verschiedenen übertragenen verwendungen. dieser älteste gebrauch des wortes ist vom ahd. bis zum 13./14. jh. allein bezeugt, herrscht im älteren nhd. noch durchaus vor und bleibt neben dem anschwellenden gebrauch C bis zur gegenwart sprachüblich, jünger vor allem in den auffassungen 'wildnishaft, öde' und 'verheert, zerstört'.
1)
'unbewohnt und unbebaut', daher im nebensinn 'öde, verlassen' und 'wildnisartig, unwirtlich'; von ländern, landstrichen und plätzen, namentlich den auszerhalb der ökumene liegenden wald- und ödlandgebieten (vgl. hierzu wüste im einheimischen [A 1 a, z. b. Schweizer wüste] und exotischen sinne). oft neben allgemeinen ortsbezeichnungen wie land; ahd.-frühnhd. stat 'stätte' (vgl. noch Fleming dt. ged. 1, 16 lit. ver.); ort Oheim Reichenauer chron. 14 lit. ver., Zimmermann einsamkeit (1784) 4, 127; stelle Hahn vollst. einl. (1721) 1, 101; platz Sturz schr. (1779) 1, 244; modern namentlich gegend Brockes ird. vergnügen (1721) 4, 224, Scherer litt.-gesch. ¹⁴108; sehr geläufig auch in den speziellen wortverbindungen wüste einöde ahd. gl. 1, 295, 23 St.-S. (8./9. jh), Fronsperger kriegsb. 1 (1578) 56ᵇ; wüste berge Notker 2, 302, 4 P., Alberus dict. (1540) Mm 1ᵃ (gebirge Happel akad. roman [1690] 548); wüste heide Lamprecht Alexander 4125 Kinzel, G. Freytag ges. w. 14 (1887) 105; wüster wald Luther w. 52, 224 W., A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 62 (vgl.wald II 2, teil 13, sp. 1075 sowie wald und wüste sp. 1081 und bei wüste A 1 a); wüste insel Schaidenreiszer Odyssea (1537) 53ᵇ, Ratzel völkerkde (1885) 2, 298 (besonders seit dem späteren 18. jh. häufig); wüster weg (in wüesten wegen Heinrich der Teichner bei Karajan 33 anm. 57, in wuesten, auf wegen 203, 42 Niewöhner) Luther 8, 7 W. (pfad Hölderlin s. w. 3 [1957] 25 Beiszner); vgl. noch wüstes meer unter b β. — im 20. jh. scheint dieser gebrauch seltener zu werden.
a)
in diesem sinne allgemein: quemet suntringun in vvuosta stat inti restet ein luzil (in desertum locum, Marc. 6, 31) Tatian 66, 2 Sievers; an themu uuôsteon lande Heliand 2823 Behaghel; uuelih lant er uuoltî ferdôsen alde gesâligon, uuûoste (vastam) uuesen alde bûhafte (celebrem) Notker 1, 745, 20 P.;
daz wüeste lant erbûwen wart,
dâ krône truoc Parzivâl
Wolfram v. Eschenbach Parzival 222, 12;
swa ich mich hin gekere,
dan sihe ich ie nimere
niwan ein toup gevilde
und wüeste unde wilde,
wilde velse und wilden se
Gottfried v. Straszburg Tristan 2508 Ranke;
von der burg bisz zu Rastueil waren zwölff schotisch mylen, und was alles das lant da zwuschen wust bisz an ein burg Lancelot 1, 457 Kluge; man bauwet an allen enden doͤrffer in Flandria vnd staͤtt, vnd macht ausz den wildtnussen, wuͤsten einoͤden vnd waͤlden staͤtt, aͤcker vnd wisen S. Franck Germ. chron. (1538) 83ᵇ;
vil länder vnd ein wüster weg,
auch manche vnbekante steg,
entzwischen ligen mit verdrusz
Spreng Äneis (1610) 52ᵃ;
ihr vormals schönen felder,
mit frischer saat bestreut,
itzt aber lauter wälder
vnd dürre, wüste heid
Paul Gerhardt in: ev. kirchenlied 3, 397ᵇ Fischer-Tümpel;
dass ich ...
ietzt west, ietzt wüsten sud und rauhen nord durchreiset
Gryphius trauersp. 516 lit. ver.;
als sie umb mitternacht durch einen wüsten wald reisen musten Chr. Weise drey klügsten leut (1675) 56; (das heidekraut,) welches auff den wüsten orten am besten wächset Täntzer Dianen jagtgeheimnis (1682) 1, 19;
unfreundlich, ungeschmückt, und rauh und wüste,
im trüben dunkel schauerte die küste
Gerstenberg ged. e. skalden 365 lit.-denkm.;
und wie den klippen einer wüsten insel
der schiffer gern den rücken wendet: so
lag Tauris hinter mir
Göthe I 10, 66 W.;
die sogenannte ziselmausz ..., welche in allen freyen wüsten gefilden zwischen der Wolga und dem Don ... ein überaus niedlich geflecktes fell hat P. S. Pallas reise durch versch. provinzen d. ruszischen reichs (²1801) 1, 129; eine wüste gegend. donner und blitz (regieanweisung, Macbeth II, 8) Bürger s. w. 297 Bohtz; dasz Esquimaux mit der gröszten begierde in ihr wüstes vaterland ... zurückgekehrt sind J. G. Forster s. schr. (1843) 2, 39; im fernen wüsten norden Wackenroder herzenserg. (1797) 196;
da musst er mit dem frommen heer
durch ein gebirge wüst und leer
Uhland ged. (1898) 1, 254;
etwa 15 meilen bin ich ununterbrochen im wüstesten walde gefahren (1857) Bismarck br. an s. braut u. gattin 380 H. v. Bism.; (bauern,) die bisher wüste landstrecken urbar machten und bewohnten Moltke ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 93.
b)
hervorzuheben ist noch
α)
wüst als beiwort zu ländernamen:
Armenia, Purgaria,
du wuste Romania
und das guldene tal
wirt dir dienen uberal
Heinrich v. Neustadt Apollonius 4213 Singer;
in die wüsten Egypten Hans Sachs 1, 150 lit. ver.; das wüste Spanien Chr. Weise polit. redner (1677) 128. — namentlich: sie teylen Arabia yn drey teyl: Arabiam desertam, Arabiam petream, Arabiam felicem, das ist: wust Arabiam, steyn Arabiam und reych Arabiam (1522) Luther 10, 1, 1, 551 W.; durch das wuͤste Arabia S. Franck chron. u. beschr. d. Turkey (1530) F 4ᵇ; durch einen theil des wüsten Arabiens Dusch verm. krit. u. satyr. schr. (1758) 147.
β)
die verbindung wüstes meer, wüste see, die wohl in analogie zu den oben angeführten substantivverbindungen hierher zu stellen ist (s. auch wüste, f., B 1 a), öfters aber auch im sinne von C 5 (wild aufgewühlt) verstanden werden kann: das sie ... auff diesem wüsten wilden meer das schifflein Christi redlich jagen Pomarius gr. postilla (1590) 3, 71ᵇ; auff der wüsten see Opitz teutsche poemata 266 ndr.;
man duldet durst und frost, laufft durch das wüste meer
Lohenstein Sophonisbe (1680) 2, widmung;
(sie) kamen aus ihren hütten, am ufer des wüsten meeres
(ἁλὸς ἀτρυγέτοιο)
Voss Odyssee 10, 179 Bernays;
nun ist es herbst, die blätter fallen,
den wald durchbraust des scheidens weh,
den lenz und seine nachtigallen
versäumt ich auf der wüsten see
Lenau s. w. 38 Barthel.
c)
der nebensinn 'wildnishaft', auch übergehend in 'wild-schrecklich', kann, besonders seit dem ende d. 18. jhs., vorherrschend werden; so in der anwendung auf einzelne elemente einer landschaft:
also fuͦrt mich derselb gefangenn
hin durch den wald vil rauher weg,
uber grosz wasser und schmale steg
und durch vil grosser wuͤster hol
welsch gattung 499 Waga;
wie lang ich so getappt die kreuz und quer,
durch dornen mich und durch gestrüppe schlug,
...
nicht meld' ich's lang, der weg war schlimm genug,
von oben dunkel und am grunde wüst
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 111.
sinngemäsz auch von gewächsen der wildnis: die wüsten disteln und brennesseln ..., die sich auf meinem grabe brüsten werden Hebbel w. I 2, 138 Werner;
reuteten des urwalds riesen,
dorn und farn und wüste kräuter
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 11.
namentlich aber von gestein und felsen (hier wohl mit dem nebensinn 'kahl, ohne pflanzenwuchs'): bey einem wüsten felsen ausgesetzt zurück gelassen Schnabel insel Felsenburg 12, 10 Ullrich; in dem einsamen gebirge und zwischen den wüsten steinen Tieck schr. (1828) 4, 226; der Solaro, von wüstem grauem gestein überdeckt Gregorovius insel Capri (²1885) 69. — und überhaupt von gebirgslandschaften (vgl. oben wüste berge, wüstes gebirge): (bin ich) das ungeheure gebirg ... bey dem schönsten wetter heraufgestiegen; keine wolke lag in den wüsten thälern (1780) Heinse in: Gleim briefw. 2, 4 Körte;
von des vaterhofes bronnen
zu des Brockens wüstem thor
Göthe I 4, 140 W.;
eine tiefe, wüste schlucht Barth Kalkalpen (1874) 459; lange zeit sprangen wir nun durch eitel wildniss, über wüste berghänge Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 272.
2)
von kulturböden und kulturstätten; teils in dem ökonomisch-sachlichen sinne 'ungenutzt, unbewirtschaftet, ledig, unbewohnt, auszer funktion gesetzt', teils in den mehr vom äuszeren eindruck her bestimmten auffassungen 'verwildert, öde, verfallen, verheert' (so namentlich in der jüngeren sprache). hier anknüpfende übertragene verwendungen s. untera α.
a)
allgemein in redewendungen, die zum teil vom ahd. bis zur gegenwart geläufig sind.
α)
sehr häufig (auch in erweitertem oder übertragenem sinne, vgl. noch 3 a α und β) in den verbalverbindungen wüst machen Notker 2, 325, 10 P., Luther 30, 3, 560 W., Gottsched ged. (1751) 1, 285; legen Notker 2, 326, 14 P., Nibelungenlied 885, 3 B., J. v. Müller s. w. (1810) 2, 99; liegen (kaiserchron. s. u.), Boner Herodot (1535) 83ᵃ, Zillich zw. grenzen u. zeiten (1936) 477; stehen (hauptsächl. v. gebäuden) Freidank 151, 27 Gr., Joel 1, 17, Scheffel ges. w. (1907) 1, 162; werden (Heliand s. u.), Notker 2, 270, 26 P., Luther 9, 529 W., Herder 25, 222 S.; bleiben passional 93, 8 K., Raabe s. w. I 2, 108:
ni afstâd is felis nigiean,
stên obar ôdrumu, ak uuerdad thesa stedi uuôstia
umbi Hierusalem Iudeo liudeo
Heliand 3701 Behaghel;
die sînen guoten wurze
die dûhten in (d. hirsch) suoze,
unz der garte aller wuoste gelach
kaiserchronik 6866 Schröder;
quam ein grôz sterben ... uber alle di stat, alsô daz vil hûser wuste wurden Hermann v. Fritzlar in: dt. mystiker d. 14. jhs. 103, 7 Pf.;
und muz der bow (bergwerk) wuste sten
und beginnet daz wazzer uf gen
kleinere mhd. erz. 56, 179 Rosenhagen;
eyne hove ... de lengh wenne teyn jar woste gheleghen hefft (Braunschw., anf. d. 15. jhs.) städtechron. 16, 47, 31;
sein (minne-)dienst der liegt in triuen wuͦst
gen mir das gantze jar
liederbuch d. Hätzlerin 78 Haltaus;
de duuel hedde dar nu manich yar ynne wont vnde dar vmme wer dat hues woste gebleuen qu. v. j. 1473 bei Schiller-Lübben 5, 774ᵃ; warumb sie den meyerhoff so wüste gemacht, vnnd alle gense so wol auch die cappaunen hette schlachten lassen (1587) B. Krüger Clawerts werckl. hist. 12 ndr.;
du vormals grüner (rosen-)stock, wie stehst du jetzt so wüste?
Königsberger dichterkreis 8 ndr.;
da kam im dritten sommer keine schwalbe mehr zum logament hinein, sondern liessen das nest wüste stehen Prätorius winterfl. d. sommervögel (1678) 329;
der nomade liesz die triften
wüste liegen, wo er strich
Schiller 11, 292 G.;
zweideutge zier! verrätherische hoheit!
dem wunsche süsz, doch schmerzhaft dem besitzer!
jezt ist im dienst der götter was versehn,
das uns das leben wüste macht — jezt ists
der meinungen verhasztes mancherley
ebda 6, 153;
hier ruht die hohe gestalt. — von todesnacht umschlungen,
ward hier ein weihevolles leben wüst
(am grabe Luisens v. Preuszen)
Tiedge w. (1823) 3, 123;
eine alte verfallene schmiedewerkstatt, ... die schon seit hundert jahren wüst lag Immermann w. 2, 141 Hempel; welche schätze liegen da wüst in dem schönen tempel Alexis ruhe (1852) 1, 259; das land zwischen den flüssen war weit und breit wüste gelegt Ranke s. w. (1867) 8, 12; viele bauernhöfe wurden verlassen, ganze dörfer wurden wüst E. Keyser bevölkerungsgesch. Deutschlands (1938) 243; auf Gottfrieds acker stand der schöne kohl nicht mehr! alles war wüste gemacht, menschen trampelten darauf herum Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 125.
β)
wüst von leuten, menschen usw. (vgl. Heliand unter α): und ze letzt vertreibt si (die boa) ain ganzez lant und macht daz wüest von läuten und von frühten Konrad v. Megenberg buch d. natur 265, 13 Pf.; nach diesem gieng der junge münch, so noch vorhanden war, auch aus dem kloster, und nam ein weib, also ward das kloster von den münchen wüste Aelurius glaciographia (1625) 340; depeupliren wüst und öde von menschen machen Stieler zeitungs lust u. nutz (1697) 429. wohl archaisierend: in der Altmark aber hielten die Deutschen nur noch den westsaum besetzt, das übrige war wüste von volk und stand voll langen rohres Karl Lamprecht dt. gesch. (1913) 3, 357. vgl. hierzu noch: en stat binnen Cecilien starf al wuste (infolge d. pest) Lübeck. chron. 1, 265 Grautoff.
γ)
öde und wüst: (ein schlosz,) daz ettwan eyn spytal was der teutschen herren. ist aber ytz der zyt gantz öd vnd wüst Bernhard v. Breidenbach heyl. reysz (1486) 49ᵃ; disz wären keine mittel ... zu helffen, sondern erfindungen der scharffrichter, die welt wüste und öde zu machen Lohenstein Arminius (1689) 2, 279ᵃ;
die stadt wurd öd und wüst durch seine (eines arztes) meisterstücke
Drollinger ged. (1743) 167.
δ)
wie unter 1 neben ort, stelle, platz, doch hier in den auffassungen 'verödet, verfallen, verheert' (von wohnstätten, vgl. c, öfters gleichbedeutend mit wüstung 2 a) oder 'verwildert, verwahrlost' (von kulturböden): an wüsten orten vnnd winckeln, als in wüsten heusern, auff den kirchhöfen theatrum diabol. (1569) 58ᵃ; steintrümmere, aschenberge, kummerhauffen, wüste örter ... schauet man Schottel friedens sieg 4 ndr.; unter 601 häusern gab es ... noch von den kriegszeiten her 365 wüste stellen Justi Winckelmann (1866) 1, 18; (das dorf sei) von den Schweden eingeäschert worden und liege nun schon über zwei jahrhunderte als wüster ort Polenz Grabenhäger (1898) 1, 65; hinter der stadt zwischen hecken und wällen war ein wüster platz, wo einst ein gartenhaus gestanden hatte, um den sich aber niemand mehr zu kümmern schien Storm s. w. (1900) 4, 178.
b)
insbesondere von landstücken, gütern und kultiviertem boden überhaupt, 'unbewirtschaftet, brachliegend', auch 'ledig, herrenlos' (vgl.: wüste güter schossen nichts Kramer t.-ital. 2 [1702] 644ᵃ); in jüngerer zeit drängt sich der nebensinn 'verwildert, verwahrlost' vor: vor dy wusten huben (1401) Marienburger treszlerb. 109, 24 Joachim; zcu gemelten dreyen huben ander mehr gutter, nemlich zwo wuste erbe ... zcu zcueignen (urk. 1509) Czihak schles. gläser (1891) 23; eine wuste hoefestadt (Arnstadt 1543) bei Michelsen rechtsdenkm. a. Thür. 73; Tonneberg, welches noch ein wüstes gutt ist Schütz hist. rer. Pruss. (1592) 3, T 4ᵇ;
seinen beutel baue vor, wer ein wüstes gut wil pflügen!
wann das gut wird sein erbaut, wird der beutel wüste liegen
Logau sinnged. 417 lit. ver.;
fragt: ob man will zu Schurtz den wüsten berg verkauffen?
was soll ein wüster berg? er bringt nicht rennten ein
Sporck streitged. 108 Kopp;
der rohrdommel (steht gern) in wüsten teichen und rohrdickicht Heppe aufricht. lehrprinz (1751) 50;
's ist ein wüster garten (d. treiben d. welt),
der auf in samen schiesst; verworfnes unkraut
erfüllt ihn gänzlich
Shakespeare 3 (1798) 155;
der wüste garten, den man aus vaters stubenfenster sieht Storm s. w. (1899) 3, 57. — auch:
sey du (Segest) nicht deines sohnes trauer,
dein grab sey wüst, und dein gedächtniss schauer
Kretschmann s. w. (1784) 1, 121.
c)
von dörfern 'verödet, unbewohnt und verfallen' (vgl. häufiges wüst [-e, -en] vor ortsnamen). — jünger dagegen von städten in dem mehr aktuellen sinne 'verwüstet, entvölkert': de wuste dorpstede Valkenhaghen (1406) Lübeck. urkundenb. 5, 148; (die drei dörfer und güter) Dargouwe, wuste Ekhorst unde Nigendorpe (1445) ebda 8, 330; wo die hunde bellen, ists dorff nicht wust Luther 51, 651 W.; ein wüsts vnd von den menschen verlassens dörfflein Thurneysser magna alchymia (1583) 118; mich dünkt, ich sehe schon ... die dörfer wüst und leer Triller poet. betracht. (1750) 3, 612; das eingeworfne Bonn, das wüste Kaiserswerth Neukirch ged. (1744) 261; sagen sie uns manchmal etwas aus dieser, wenigstens zu einem drittel, wüsten hauptstadt (Berlin), der wir die rückkunft ihres fürsten ... wünschen (1809) Göthe IV 21, 149 W.
d)
von gebäuden, auch wohn- und nutzräumen oder zweckeinrichtungen 'unbenutzt, unbewohnt, leerstehend, auszer funktion', daneben, vorwiegend in jüngerer sprache, 'verfallen' (sehr häufig ist wüste kirche [hier 'unbenutzt, leerstehend'; etwas anders unter 3 a β], vgl. noch Lancelot 1, 202, 15 Kluge; meister Stephan schachbuch 3254; Prätorius glückstopf [1669] 56): dô stunt ein wuste kirche in dem selben velde, dô ginc di maget dicke hine beten ... und dô stunt ein bilde von unser vrowen Hermann v. Fritzlar in: dt. mystiker d. 14. jhs. 1, 82, 15 Pf.; wat woste is, idt sy hues offte bode, darff nene wacht (wachtgeld) geven d. alte lübische recht 559 Hach; habe ich ... gekauft ... eyne mole, die heiset die Nedermole und ist wuste; wenne die zu pachte kompt, so gibt sie 40 scheffel kornes zu pacht (1403) Marienburger treszlerb. 224 Joachim; (das schlosz) was vast wiest, nit mer dan mit zweien altn kematen sonder mauer und graben der berg besetzt (1507) Wilwolt v. Schaumburg 198 Keller; sahe er eyn wust hausz stehen verschlossen (1522) Luther 10, 3, 198 W.; am böhmischen gräntzgebirge liegen 2 alte wüste schlösser Chr. Lehmann hist. schaupl. (1699) 614;
kennst du die wüste burg, wo der weg abgehet nach Güstrow?
(weiter unten: die trümmer vom raubnest)
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 37;
Deutschlands hohe namen starben
in den langen fehden aus,
wo wir unsre kraft verdarben
zeigt noch manches wüste haus
Schenkendorf ged. (1815) 157;
bischof Schondeleff, der drüben in dem wüsten thurmgebäu residiert Storm s. w. (1900) 5, 29.
e)
die begleitauffassung 'verheert, verwüstet, trümmerhaft' kann sinnbestimmend werden; so schon: das feste städte würden fallen in einen wüsten steinhauffen 2. kön. 19, 25. auch:
wie er die glieder
an seinem wüsten (havarierten) schiff erbauet,
und wiederum nach vortheil schauet
Morhof unterr. v. d. dt. spr. (1682) 1, 783.
geläufig wohl erst seit dem 18. jh.:
da dort der schmauchenden verzehrten häuser graus
die wüsten strassen stopfft
Pietsch geb. schr. (1740) 15;
viele häuser ganz wüst, ohne dielen, fenster und öfen, manche nur brandstätten E. M. Arndt w. (1892) 1, 160; aus manchen fensterlöchern rauchte es, die türen waren eingeschlagen, und es trieben sich auf den wüsten gassen ... dunkle ... gestalten herum O. M. Graf unruhe (1948) 168. besonders neben ausdrücken der zerstörung und wörtern wie schutt und trümmer:
als ich nun über die trümmer des hauses und hofes daher stieg,
die noch rauchten, und so die wohnung wüst und zerstört sah
Göthe I 50, 202 W.;
ganz wüst und zerstört sind die fasten Diodors Niebuhr röm. gesch. (1811) 1, 187; unter wüsten trümmern Uhland ged. ²99; heute ist der palast das bild der wüstesten zerstörung Gregorovius insel Capri (²1885) 37; in wüsten schutt zerfallen Geibel ges. w. (1883) 1, 99. mit 1 c konvergierend: nordwärts zum wüsten trümmerkessel des Wilden Freidhof abschieszend Barth Kalkalpen (1874) 43.
f)
in bezug auf wohnräume und wohngebiete können sich die auffassungen 'unwohnlich, unanheimelnd, verwahrlost, öde, kahl, trist' ergeben (vgl.wüste stube 'vastum, incultum' Stieler stammb. [1691] 2215):
(E.:) er konte keinem feind gewaffnet widerstehn.
(M.:) drum lernt er aus dem hoff ins wüste kloster gehn
Gryphius trauersp. 36 Palm;
(Antorra, die) in dem ihr allzu wüsten Deutschland verdrusz schöpfte Lohenstein Arminius (1689) 2, 301ᵇ; (vor der heirat) war es in unserem hause so wüste, dasz man das gras allerwegen hervor wachsen sahe ollapatrida 40 ndr.; gern bereitete ich uns hier (in Wien) einen ... angemessenern aufenthalt, als das ferne, wüste Wilna J. G. Forster s. schr. (1843) 7, 274; eine grosse wüste stube, in der eine öllampe verwirrte scheine über die kahlen wände und in die staubigen winkel umherwarf Eichendorff s. w. (1864) 3, 386; (d. amtschirurgus hauste) auf den wüsten böden des rathhauses, die er weder sommers noch winters verliesz Storm s. w. (1900) 3, 122. auch (i. s. v. 'öde, einsam'): aber das ist kein weg für sie; so allein auf der wüsten (land-)strasse ebda 4, 191.
3)
besondere verwendungen.
a)
'vakant, ledig (vgl. 2 b), leer, entblöszt'.
α)
bei den wörtern bett, sattel, thron, tisch und mhd. sege 'zugnetz': uuuastemo des harles pette (si non polluta es) deserto mariti thoro (num. 5, 19) (Rb., 8./9. jh.) ahd. gl. 1, 363, 10 St.-S.;
Arnaldes satel wüeste lac,
wand er vor sînem bruoder pflac
gevelles hinderz castelân
Wolfram v. Eschenbach Willehalm 118, 9 Lachmann;
damit si in die segi wüst
d. teufels netz 12 245 Barack;
itzt ist aber tzu dieser tzeit
nur ein thisch darunder (unter d. baum) bereit,
der dan von stein gehauen ist,
welchen mann dann findt selden wust
(1565) Chr. Falk lobspr. d. st. Elbing 566 in: pr. geschichtschr. d. 16. u. 17. jhs. 4, 1, 189;
wir sahen ihn (d. gr. kurf.) getrost den wüsten thron besteigen
Besser schr. (1732) 1, 30;
es (das bett) stünde wüste, sagte die frau, sie hätten es ehedem gebraucht, ehe sie ihr haus ausgebaut hätten Zöllner reise durch Pommern (1797) 334; (als er) in eine leere kammer ... ging, erblickte er auf einer wüsten bettstatt eine ... grosze schlange liegen br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 57.
β)
von institutionen, auch von rechtstiteln: so lach wuste dat bischopdom van Oldenburgh ..., leddich sunder bischup Hermann Korner bei Schiller-Lübben 5, 774ᵇ; wert nun averst sake, dat de liefftucht gantz wöste störve, dat is, wenn mann und fruwe (die leibzuchtberechtigten) bede stervet weist. 3, 197 Grimm; seint auch auffn lande viel dorffpfarren wüste, die keinen pfarhern oder prediger haben Kantzow Pomerania 2, 410 Kosegarten. nach 2 d neigend: das jetzund viel kirchen ... wust stehen, one sehlsorger (1544) Luther br. 10, 570 W.
γ)
im sinne von 'verwitwet' o. ä.: a wiste (d. i. eine wüste) 'witwe' J. Gerzon die jüd.-dt. spr. (1902) 125; wöst ... von verwittweten tauben und weiblosen taubern Schütze Holstein 4, 375. vgl. hierzu in glossen des 10./11. jhs.: vuostiv (quomodo sedet) sola (civitas plena populo: facta est quasi vidua domina gentium, threni 1, 1) ahd. gl. 1, 638, 4 St.-S.ferner wüste bruthenne eine in der zeit des bruttriebes ihrer eier beraubte henne, bildlich: aber es reut dich noch, dasz du auch diesmal auf dem goldenen ei sitzst wie eine wüste bruthenne P. Dörfler Apollonias sommer (1932) 66.
δ)
'entblöszt, blosz' (in prädikativer stellung mit genitiv); so namentlich bei den mystikern von gott und der menschlichen seele (vgl.wüste B 4): unde sol diu crêatûre dar zuo komen, daz si gote volgen sol dar, dâ er êwiclîche erhaben ist, sô muoz si sich erheben über alle crêatûren ... unde volgen dem unbekenntnisse in die wüesten gotheit meister Eckhart 502, 39 Pf. (d. h. die eigenschaftslose gottheit, die zwar die schöpfung enthält, aber von ihrer mannigfaltigkeit frei ist, im sinne des satzes: wir wâren in gote êwiklîche, als diu kunst in dem meister ebda z. 24 f.); unde sîst dîns selbes unde aller dinge wüeste ebda 22, 17; so erswingent úch in die stillen, wilden, wuͤsten gotheit und verheftent úch dar inne Seuse dt. schr. 478, 22 Bihlm. (vgl. G. Lüers d. spr. d. dt. mystik [1926] 293). — sonst anscheinend selten:
er wölt e selber werden wüst
libs und gütz, e daz er wolt,
daz sin herr verderben solt
Heinrich der Teichner 521, 72 Niewöhner.
im mnd. offenbar geradezu 'nackt' (falls nicht eine beziehung zu wüste C 4 'weiche' besteht): den 30. October des auendes to 12 de cloke do stak Hermen Tole sinen broder in't woste lif, dat he des anderen dages starf to 11 de cloke hamburg. chron. 180 Lappenberg.
b)
in sehr verschiedenen terminologischen anwendungen bezeichnet wüst, was keine funktion (mehr) hat, auszerhalb eines funktionalen oder organischen zusammenhanges steht.
α)
das wüste gerinne bey den wassermühlen, dasjenige gerinne, welches das wilde, oder überflüssige wasser abführet, sonst auchdas freygerinne Adelung 5 (1786) 316; Ehrenberg baulex. (1840) 261; wüstes gerinne Mothes baulex. (⁴1881) 4, 491ᵇ. s. u. wüstgerinne u. vgl.gerinne 2 b α, teil 4, 1, 2, sp. 3708.
β)
in der älteren österr. bergmannssprache hiesz durch wüst (subst. adj.) 'durch nicht erzhaltiges, taubes gestein': auch sol man niemand sein paw durch wüst und durch offenvert an gewinnen, nuer durch ganzen stam, da kluft an kluft geet (1300—1350) österr. weist. 1, 198 (vgl. ebda 430ᵃ); auch soll man niemand seine päu abgewinnen durch wuest, nur durch gengenstein (um 1340) bergordn. f. Steyermark bei Wolfstrigl-Wolfskron die Tiroler erzbergbaue 424. — ähnlich ist wüstes wesen (d. i. 'substanz, stoff') für nicht organisch gewachsenes gestein: unter diesem geschmolzenen wüsten wesen (lava) fanden sich auch grosze blöcke, welche, angeschlagen, auf dem frischen bruch einer urgebirgsart völlig ähnlich sehen Göthe I 31, 32 W. fraglich, ob hierher oder zu C 7:
das meer trägt nur gebilde wüsten schaumes;
die ungeheuer sind ins meer verwiesen,
doch auf der erde wandeln die gestalten
Rückert ges. poet. w. (1868) 3, 144.
γ)
als landschaftliche verwendungen sind noch zu nennen: wüste flecke als rassewidrig angesehene weisze flecke bei Schweizer braunvieh Martiny wb. d. milchwirtsch. (1907) 139. eher hierher als zu B 2: wüstes blut der unschöne, aber normale blutige wochenflusz, lochia (Pfalz) Höfler krankheitsnamenb. (1899) 61ᵃ. anders, aber wohl auch im sinne von 'überschüssig' (und daher 'wild strömend'): unterdessen that die schräpferin ihre pflicht, setzte die hörnchen auf, ... wunderte sich über Anne Mareis wüstes blut Gotthelf schuldenbauer (1854) 252.
δ)
auch die verbindung ins wüste scheint hierher zu gehören: mag ein ... sonst wohlgeleiteter bach verschüttet ... und aus seinem wege gedrängt worden sein. dieser sucht sich nun einen weg ins wüste bis durch die gräber Göthe I 48, 168 W.; die vorstellung, dasz (nach d. tode) alles an ihm (d. menschen), wie sein körper, von würmern zernagt oder ins wüste versplittert werde, ist ein ungedanke, der uns die ganze schöpfung zu einem unzusammenhangenden traum macht Herder 16, 378 S.;
ihr bauet hüttlein, und es sinkt mit grauen
indesz die veste, vaterland, ins wüste
Rückert ges. poet. w. (1868) 1, 8.
4)
übertragener gebrauch im sinne von 'öde, leer'.
a)
in verbindung mit ausdrücken der leere, dunkelheit usw. (vgl. 1. Mose 1, 2 und die erde war wüst und leer): aldus syn arme lude allermeest und vake dorstich, um dat se van bynnen ledich syn unde woeste Joh. Veghe wyngaerden d. sele 308, 8 Rademacher; do sicht dye vornunfft keyn hulff bey keiner creatur, ist alles wüste und dunckel Luther 10, 3, 415 W.;
ach! meine sonne geht zur rüste,
nun bricht der trauerabend ein,
und darum eben musz es wüste
und dunkel meinen augen seyn
Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 166;
die zunehmende, vom mond erhellte dunkelheit ... umzog ihn mit weiter, wüster leere Gutzkow ges. w. (1872) 4, 21; jede politische versammlung hat wüste inhaltleere tage G. Freytag ges. w. 15 (1887) 65; dass der blick durch ein wüstes dunkel hindurch muss, bis er ... in eine matte dämmerung gelangt, die ... aus einem dachfensterchen hereinfällt Storm s. w. (1899) 1, 59.
b)
wüstes herz (vgl.C 9 b):
gnade war's, die mich im jammer
meiner seele nie verliesz
...
die des geistes arbeit lenkte,
die ins wüste herz sich senkte
Schubart sämmtl. ged. (1825) 1, 154;
denn ob du einsam auf einer wüsten insel darbst, ob du einsam im wüsten herzen geniessest, du bist nicht glücklich, wenn du einsam bist Börne ges. schr. (1829) 2, 236.
c)
'eintönig':
noch immer, erde, den uralten tand
von blüthentreiben und zerstören, immer?
verdrieszt, natur, das öde spiel dich nimmer?
...
du gleichest mit dem wüsten zeitvertreib
im dorfe drüben dem zigeunerweib,
die karten schlägt,
...
doch immer sind's die nämlichen figuren!
Lenau ged. (1857) 1, 156;
der papst hatte ein dickes fettüberwuchertes gesicht. man muszte mit dem reiz der lichtbewegung versuchen, über die wüsten gelblichen flächen hinwegzukommen und das geistige in dem kopfe aufleuchten zu lassen Wölfflin d. klass. kunst (1901) 114.
d)
'nichtig, eitel': auch ist die freiheit kein leerer traum und kein wüster wahn E. M. Arndt schr. (1845) 1, 271; sie haben zwanzig jahre lang regiert kraft ihrer kraft ... und nicht nach bloszer wüster schicksalslaune Fontane ges. w. (1920) II 3, 279.
5)
wüst vom körperlichen befinden, dem gefühl der öde und benommenheit; mundartlich besonders im nd. verbreitet, z. b. mek is sau weuste in magen Damköhler Nordharz 226ᵇ; wüst 'schwindlig' Frischbier pr. 2, 484.
a)
in der verbindung wüster kopf (zum teil in anderem sinne, s. u.), gewöhnlich jmdm wird oder ist der kopf wüst, jmdm den kopf wüst machen, mein kopf ist wüst: als er dann in dem wapen wiedder erkaltet, so wart im das heubt wiedder so wúst und der lip, das er toben wonde vor hunger Lancelot 1, 427 Kluge;
wo angst das hertz uns frist; ein stets-wehrend traum
den kopf uns wüste macht
(1673) Lohenstein türk. trauerspiele 213 lit. ver.;
dieses menschliche geschöpfe,
das den bräuer vater nennt,
ist die mutter wüster köpfe,
ein verderbtes element
Stoppe Parnasz (1735) 228;
der ohrzwang, mit welchen ich seit einiger zeit bin befallen gewesen, macht mich so wüste im kopffe, dasz ich nicht vermögend bin mehr zu schreiben (1746) Lessing 17, 6 L.-M.; den ganzen tag brüt ich über Iphigenien, dass mir der kopf ganz wüst ist (1779) Göthe IV 4, 11 W.; ich weisz nicht, was wir gesprochen haben. mein kopf ist leer und wüst und gepeinigt Gerhart Hauptmann einsame menschen (1891) 127. daneben stehen abweichende anwendungen; im sinne von 'wirr, phantastisch' (vgl.C 2): so helffe das rumpeln ynn den schwermer köpffen und wilden wüsten gehyrnen Luther 18, 548 W.; sich ins unersehliche, ins völlig unbekannte ... hinaufschwindeln, verräth oder verursacht ein wüstes haupt Herder 22, 259 S.; so wüst und schwindlicht sah es in den meisten köpfen aus Wieland Lucian (1788) 1, xxxiv. — auch 'hitzköpfig, jäh, unberechenbar' (vgl.C 4): drüm zanke nicht mit einem rumorischen, wüsten kopffe; traue auch nicht mit ihme alleine über feld; dann es kan ihme leicht ein würbel in sinn kommen, das er blutt vergüssen nichts achtet Butschky Pathmos (1677) 109; weil er ein sehr wüster kopf und eben derjenige war, welcher mich ... beschlichen und verrathen hatte Schnabel Felsenburg 1, 43 Ullrich.
b)
sonst nicht häufig:
hast keine zung'? ist sie nicht da?
verzagst du vor dem anblick eines weibs?
ach ja! der schönheit hohe majestät
verwirrt die zung' und macht die sinne wüst
(confounds the tongue and makes the senses rough)
Shakespeare 7 (1801) 330;
Wolf, Niebuhr, Strausz, furchtbare niederreiszer! versäumt man bei ihnen das wiederaufbauen, so kann einem wirklich ganz wüst und angst werden (1838) Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 1, 106; einer kitzelnden feder muszte selbst der beharrliche schlummer des freiherrn weichen. er ... risz die augen weit auf, sah seinen wirth wüst an und fragte dann matt und verdrossen: ... warum lässest du mich nicht in ruhe? Immermann Münchhausen (²1841) 3, 131;
da sasz ich aufrecht, aber wüst und schwer
('benommen', nach einer körperl. erstarrung)
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 114;
dasz ich bin so übernächtig,
wüst vom singen, wüst vom zechen
Hoffmann v. Fallersleben ges. w. (1890) 1, 260.
6)
wüst aussehen wird übereinstimmend mit 1 und 2, aber auch mit manchen verwendungen unter C ('unordentlich, liederlich, verkommen') gebraucht: die ... küsten von Afrika, die ehemals so blühend gewesen, damals aber ... ziemlich verödet und wüst aussahen M. I. Schmidt gesch. d. Deutschen (1778) 5, 321;
mir steht das feld der weisheit offen,
wäre gern so grade zu geloffen,
aber sieht drinn so bunt und kraus,
auch seitwärts wüst und trocken aus
Göthe I 39, 232 W.;
noch sah aber alles wüste und roh aus. die gerüste waren durch einander geschoben, die breter über einander geworfen, der ungleiche fuszboden durch ... farben ... verunstaltet Göthe I 20, 219 W.; jetzt sieht da alles gar wüst aus, damals aber war es ein schöner kleiner teich von behauenen steinen, mit sitzen eingefaszt Arnim s. w. (1853) 2, 268; im Vomperloch ... sehe es arg wüst aus und ich würde mich wohl schwer zurechtfinden Barth Kalkalpen (1874) 439; es sah noch wüster als gewöhnlich aus. schränke und commoden waren von den wänden abgerückt, das bettzeug bis auf die unterste strohmatratze ausgepackt Storm s. w. (1900) 8, 36; der schlips des mannes (auf einem kinoplakat) war arg verrutscht, und es sah wüst aus Heinrich Böll haus ohne hüter (1957) 209.
B.
'schmutzig, unflätig, unansehnlich, häszlich, abscheulich'. im frühnhd. sehr häufig; in der bed. 'schmutzig' kaum über das ältere 18. jh. hinaus sprachüblich, sonst z. t. länger bewahrt.
1)
'schmutzig, dreckig': swin in wüster lachen vnd mist ligend Riederer spiegel d. waren rhetoric (1493) a 4ᵃ;
sind ir wiest, so trachtendt schon,
das ir mit mier zuͦ baden gon
Murner badenfahrt 5, 61 Michels;
wir achten nit der gezierd der kirchen, die corporal sint ettwen wüster den vnser hemder, die altartücher wüster dan vnser tischlachen Keisersberg bilgersch. (1512) 127ᵈ; alle fisch so in ... wuͤstem wasser geend, die seind ... schleimig vnnd vnrein Ryff spiegel u. regiment d. gesundth. (1544) 56ᵃ;
so man die wuͤste deller nimpt,
wie man gemeinklich ist gewon,
so man ein new gericht will hon
Scheit Grobianus v. 2942 ndr.;
die wisten stiffel Zimmer. chron. ²4, 36 Barack; die helle morgenröt pringt offt ein wüszt abendröt Fischart Garg. 336 ndr.; (wir) muszten durch vil wieszte pfitzen watten F. Platter tageb. 266 Boos; die eule sey ein wüster unfletiger vogel, welcher den ort, da er sich aufhelt, mit seinem koth beschmeisze Reinicke fuchs (1650) 299; wenn sich einer ertrencken will, der thuts sänffter im saubern wasser, als im wüsten Lehmann floril. polit. (1662) 2, 876; wann man die fässer betrachtet, worinnen dergleichen saurer ... wein gewesen ist, so ist die heffen und der satz wüst, schleimig, garstig, kothig ... gewesen Gockelius cur. beschr. (1697) 12;
weil mancher dicker bau und stinckend wüster graben
die lüffte da (in d. stadt) gehemmt, mit gifft erfüllet haben
Bodmer vier krit. ged. 9 ndr.
nach dem erlöschen des allgemeinen gebrauchs noch landschaftlich:
mag ... Fortuna ...
menschen bald auf schwanken tronen schaukeln,
bald herum in wüsten pfüzen drehn
Schiller 1, 181 G.;
ganz anders tönt ein silberstück auf harter platte als auf lehmboden, oder in einer wüsten pfütze Gotthelf schuldenbauer (1854) 249.
2)
garstig, häszlich, abscheulich: daz die gelider so du yetz wunderst durch klaine lenge der zyt werden dürr, schwartz, wüst, voll gestank vnd vnlustes Niclas v. Wyle translat. 101 Keller; so kommen wir och des vngeschaffnen doctors ab mit der wuͤsten nasen (1509) Fortunatus 128 ndr. (man nennt mich den doctor mit der grossen nasen 124);
die man so gar wüst seh (sc. schwarz gekleidet),
fürwar das wolt ich nit clagen,
das sie wol würd geschlagen
fastnachtspiele 777 lit. ver.;
dann wie in einem spiegelglasz
ersehen wirt alle glydmas
was hübsch ald wüst am menschen sy
(1535) schweizer. schausp. 1, 185 Bächtold;
in dem lande, das man die newe welt nennet, sind hund, die nicht bellen, haben ein scheutzlich wüst antlitz Heyden Plinius (1565) 205;
du sagst die ganze welt sei jezund voller thoren,
derhalben mahlst du sie mit wüsten eselohren
Grob dichter. versuchgabe (1678) 27;
das kind ist wüest und grüselich,
es sieht 'em leidige tüfel glich
Schweizer volkslieder 2, 165 Tobler;
es heilte glüklich, bisz auf die wüste narbe Schiller 2, 143 G.; ei frau, was tragt ihr da für ein wüstes geschöpf, es wäre kein wunder, wenn es euch den hals eindrückte. sie antwortete, es wäre ihr liebes kind, das wollte nicht gedeihen br. Grimm dt. sagen (1891) 1, 68; die beine (des kamels) sind schlecht gestellt, und namentlich die hinterschenkel treten fast ganz aus dem leibe heraus, vermehren dadurch also das wüste aussehen des thieres Brehm tierl. ²3, 60 P.-L.; Margarete steht hinter ihm. ihr wüstes antlitz ist sonderbar lächerlich verzerrt Feuchtwanger d. häszl. herzogin (1954) 177.
3)
in sittlichem sinne.
a)
unflätig, unanständig (vgl.C 8 u. 9):
der ainlift singet wüester zaff
und schreit an straff den abent und den morgen
Oswald v. Wolkenstein 122, 41 Schatz;
die wüsten anrürungen vnd greiffen, die an dem tantz geschehen mit iren lasterlichen vmbstenden Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 127ᵇ;
auch magstu wol mit grober handt
ein wuͤsten bossen an ein wandt
hin schreiben oder malen dran,
so lacht dann mancher grobian
Scheit Grobianus v. 3761 ndr.;
wann man wüster, abscheulicher, unflätiger sachen gedencket, so thut mans cum praefatione honoris Dannhawer catech.-milch (1657) 1, 129; und meide wüste zotten Grob dichter. versuchgabe (1678) 12.
b)
allgemeiner 'abscheulich, häszlich': du solt leben mit offner thür vnd dich ordenlich halten, heimlich vnd offenlich, das man nüt wüstes von dir weder sehe noch höre Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 142ᵇ; musz die arme frau gelt suchen, die wüste zettel zu zahlen, damitt die dochter mitt die falsche zettel nicht in gericht gefordert mögte werden Elisabeth Charlotte v. Orléans br. (1676—1722) 280 lit. ver.; medissanten sagen ..., es käme von einer wüsten kranckheit dies., br. (1707—15) 207 (vgl. Fischer schwäb. 6, 1011); bis einst ein unverschämter nachbar allerley wüste sachen über ihn aussprengte Bräker s. schr. (1789) 1, 50.
C.
seit dem spätmhd. tritt ein ausgebreiteter übertragener gebrauch des wortes auf, der in der jüngeren sprache vorherrschend wird. wüst bezeichnet hierbei im allgemeinen, was aus dem vertrauten bilde wohlgearteter menschlicher sitten und umweltverhältnisse herausfällt und sich in irgendeinem sinne als ausgeartet darstellt. die meisten verwendungen verteilen sich auf mehrere engere anwendungsgebiete (s. u. 2—8), wobei etwa die auffassungen 'chaotisch, wild, rüde, maszlos, monströs, schändlich', ferner 'ausschweifend, lasterhaft, frivol' hervortreten (die letztgenannten nehmen besonders in jüngerer zeit zu, s. 8 und 9 f und vgl. wüstling); daneben stehen, vermittelnd und abwandelnd, freiere verwendungen (s. u. 1; anwendungen auf personen in verschiedenem sinne sind unter 9 zusammengefaszt). hervorzuheben ist noch eine neuere tendenz der wortauffassung, die sich zuerst im zusammenhang der geniezeit und dann vor allem im jüngsten sprachgebrauch abzeichnet. wüst kennzeichnet hierbei, in der stellungnahme zwischen bewunderung und abscheu schwankend, das phänomen roh-enthemmter vitalität: wir sind freilich in der ganzen denkart unsres jahrhunderts zu weit von Oszian ab. mehr an eine kette raffinierter vorstellungen, leichter abstraktionen, angenehmer pensées und reflexionen gewöhnt, als an den rauhen schrei der leidenschaft, kühner hinwürfe einer starkgetrofnen einbildung, und einer wüsten, starken gestalt der seele — haben sich bei uns in denkart, ausdruck und gestalt der sprache auch ganz andere seelenkräfte entwickelt (1772) Herder 5, 324 S.; hierzu speziell in literaturhistorischem sinne: die nichtigkeit der sage von dieser wüsten genialität ..., die so viele Deutsche irre geführt und gleich der angewöhnung des trunkes ... ins verderben gestürzt hat Solger nachgel. schr. u. briefw. (1826) 2, 558; wenn unser leben der veredlung bedarf, um kunstsinn zu empfangen, so muss man gewiss nicht mit genrebildern in der kunst ... und wüster natur im leben beginnen Gervinus gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 15; in einem kreise wüstgenialer gesellen Elster in: H. Heine s. w. 7, 18. modern auf anderer ebene: nun konnte der durchbruch einsetzen, der wüste grade stosz durch die feindliche mitte und der marsch ins herz der einst mächtigsten kriegsmonarchie der erde A. Zweig einsetzung e. königs (1950) 168; er verspürt von neuem den unbändigen durst seiner ersten jugend nach grossen, wüsten abenteuern. er träumt davon, mit den adlern des Nero nach dem fernen osten zu ziehen, oder auch nach dem westen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 176; die welt, die völker sind alt und klug heute, die episch-heroische lebensstufe liegt für jedes von ihnen weit dahinten, der versuch, auf sie zurückzutreten, bedeutet wüste auflehnung gegen das gesetz der zeit, eine seelische unwahrheit, der krieg ist lüge Th. Mann ges. w. (1955) 12, 496. bezeichnend sind auch anwendungen auf eine enthemmttriebhafte gemütsverfassung: Diederich aber, in wüster selbstvergessenheit, hob die faust H. Mann d. untertan (1949) 338; geschah es, dass von Ertzum ... in einem anfall von schwerfälliger verzweiflung das fenster aufrisz und aufs geratewohl mit wüster stimme in den nebel hinausbrüllte: Unrat! ders., ausgew. w. 1, 404 Kant. ähnliches s. noch unter 4 c.
1)
allgemein im umkreis der oben angegebenen auffassungen (manchmal von der bed. 'abscheulich' kaum unterschieden, s.B 2 u. 3):
als wenn der abt die würffel tragt,
die prueder spilen all hinnach
zu lieb dem herren wüester sach
Oswald v. Wolkenstein 118, 34 Schatz;
wye dye arm haueloese Nuysser
sych enthyelden myt wuester wer:
langx dye muren vergadert wart
manch vnflaet, et was weych off hart
...
dat wart vergadert in vasser,
wayll gemengt myt heyssen wasser
(1476) Christian Wierstrait hist. d. beleegs van Nuys 2656 Meisen;
cum hodie peragatur trinitatis festum, quamquam sit ein wust wort, velim nos habere melius. ursach haben darzu geben Arianer und Macedonianer (1528) Luther 27, 187 W.; (es) sey kein hausz, darinn es so wilde vnd wüste zugehe, als in Hiobs hause. in allen andern heusern gehets feiner, stiller, richtiger vnd glückseliger zu, denn in seinem hause. da fellt das feuwr vom himmel, vnd erschlecht jm alles viehe, da werden jm seine güter geraubt ..., da kompt ein sturmwind theatrum diab. (1569) 43ᵇ;
dasz Maenas wüst vnd wildt hoch auff dem berge rufft,
wirfft jhren tollen kopff, vnd schreyet in die lufft
Opitz teutsche poemata 204 ndr.;
gemach legt auch die sprach ihr wüstes wesen ab,
und wuchse schöner auf nach richtschnur, masz und stab
Bodmer vier krit. ged. 9 Baechtold;
(mythologische anekdoten,) die statt des schönen, nach welchem er (Homer) sonst seine götter schaffet, ins wüste grosze gehen Herder 3, 125 S.;
denn wüste schrecken und ein traurig ende
hat den rückkehrenden statt des triumphs
ein feindlich aufgebrachter gott bereitet
Göthe I 10, 38 W.;
weil aber die drachen sich in den groszen höhlen und spalten ... einzunisten ... pflegten, auch viele derselben feuer spieen und manch anderes wüste begingen, so wurde dadurch den zwerglein gar grosze noth ... bereitet ebda 25, 1, 151; hier in Norddeutschland sind die leute ganz wie betrunken von seinen (Freiligraths) gedichten; schön sind sie auch, aber wüst (1839) A. v. Droste-Hülshoff br. 1, 359 Schulte-K.; durch keine ordnung mehr geregelt, laufen die chemischen vorgänge in das wüste bild der fäulnisz zusammen Lotze mikrokosmus (1856) 1, 57; die hütte wurde erbaut aus altem gebälk und brettern, aus rasen und steinen — ein wüstes ding, selbst solang es noch neu war W. Raabe s. w. I 6, 217 K.; überfiel den jungen burschen die lust, auch seinerseits einmal den hals zu wagen; er streckte seine straffen arme aus und schüttelte die fäuste, ein wüstes feuer brach aus seinen augen Storm s. w. (1899) 5, 170;
auf gutes glück der weltgunst überlassen,
dem wüsten spiel auf vortheil und gefahr
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 8;
all die riesen sind nur zwerge,
all die herrn nur arme knechte;
ob sie gleich den frevel wollen,
fördern müssen sie das rechte;
dienen müssen sie der ordnung,
ob sie gleich das wüste treiben
Fr. W. Weber ges. dicht. (1922) 3, 184;
dicht an den glanz der plätze fressen sich und wühlen
die winkelgassen, wüst in sich verbissen
Stadler d. aufbruch (1914) 67;
da sie verzottelt, halb aufgeknöpft, mit zerlaufener schminke, wüst und heiser sich vor ihm abarbeitete H. Mann ausgew. w. 1, 531 K.; es sah ... in dieser hütte ziemlich scheuszlich aus, und der leichengeruch war wüst H. Hesse Narzisz (1953) 203; (er) jagte wüst unter den frauen und dem wild des landes Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 158; 'mierda!' sagte sie, und es war seltsam, das wüste fluchwort aus den langen, edelgeschwungenen lippen der dame herauskommen zu sehen ders., Goya (1951) 622. nur einmal belegt, aber vielleicht nicht ungebräuchlich ist die wendung:
verschleget dich der windt ins weite meer der noth,
so steht es wüst, vnd dann ist kein freund treu, ohn gott
Opitz teutsche poemata 77 ndr.
2)
bei ausdrücken der unordnung, der regellosen zusammenballung (vgl. ²wust C) oder der zersplitterung steht wüst gewöhnlich als emphatisches beiwort, das unmasz der desorganisation andeutend: diese fuͤnff stuck hat er so wuͤst ynneynander gespeyet, das myrs sawr ist worden ynn solche ordnunge zu bringen (1525) Luther 18, 189 W.; denn wo solche ordnung nicht ist, da wirt kein reich noch regiment, sondern ein wild, wüst gemenge seyn theatrum diab. (1569) 56ᵃ; als ob die Lepontier wüst hin und wider zertheilt seyen, und kein an einandern stossende gelegenheit ... haben Guler v. Weineck Raetia (1616) 4ᵇ; dasz die gantze ordnung nicht anders als ein unordentlicher wüst-dikker klumpf ist Schottel haubtspr. (1663) 67; (die darstellungsart) erregt in unserer einbildungskraft nur einen wüsten wirrwarr und läszt kaum ahnen, dasz jene einzelnheiten sich klar in eine wohlgedachte folge reihen würden Göthe I 49, 1, 285 W.; ein wüstes gerölle etruskischer und sabinischer, hellenischer und ... pelasgischer elemente Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 43; wenn nicht die religiösen zustände ... von der wüsten zerfahrenheit dieser zeit ein treues spiegelbild böten ebda 2 (1889) 132; und dieses wüste conglomerat ... principloser verordnungen (preusz. landrecht) soll der bürger und bauer sich einprägen? Jhering geist d. röm. rechts (1852) 2, 2, 510; die unsaubersten wirthschaftsgeräthe, welche in wüstem durcheinander den raum ... verengten Holtei erz. schr. (1861) 3, 18; im wüsten knäul der reiterschlacht Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 163; flüche, bitten, drohungen wüst durcheinander murmelnd verliesz sie das gemach Heyse nov. 1 (1904) 68; in gröszerer tiefe schienen diese steine (der wolfsschlucht) lebendig; sie bewegten sich, krochen und rollten in schweren, wüsten massen dahin R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 1, 208;
was sie weltgeschichte nennen,
ist ein wüstverworrner knäuel:
list und trug, gewalt und schwäche,
feigheit, dummheit, wahn und greuel
F. W. Weber ges. dicht. (1922) 3, 183;
die (reliefs) des Schneggs sind bilder der raumklarheit; andere ... sind bilder fast wüsten körpergedränges Pinder kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 249. daneben kommt selbständiger gebrauch des sinnes 'chaotisch, wirr, regellos' vor (vgl. auch wüster kopf unter A 5 a): o wilch ein wildt, wust studirn und predigen solt ausz diszem mutwilligen figurirn folgen (1521) Luther 8, 348 W.;
und was er sprach, obwohl ein wenig wüst,
war nicht wie wahnsinn
Shakespeare 3 (1798) 238;
litaneienfromme weisen,
aber wahnsinnswüste worte;
arme seelen sind es, welche
pochen an des himmels pforte
H. Heine s. w. 1, 358 Elster;
es fiel ihm zu, in der etwas wüst gewordenen bibliothek wieder ordnung zu schaffen Fontane ges. w. (1908) I 1, 231. — besonders auch (vgl.gelehrter wust, ein wust von gelehrsamkeit unter ²wust C 2 b γ): (Scaligers poetik) kann ... beweisen, dasz ein guter kopf auch durch die ungeheuerste und wüsteste gelehrsamkeit nicht stumpf wird Schlosser weltgesch. (1844) 12, 469; er schüttet eine masse wüsten wissenskrams aus Justi Winckelmann (1866) 1, 405; auseinandersetzungen über die einzelnen buchstaben, eine ziemlich wüste gelehrsamkeit, mit der ich den leser nicht behelligen möchte Dehio kunsthist. aufsätze (1914) 202. öfters von haar und bart, gern in zusammengesetzten formen:
Megära reyzt die schlangen,
die wüst-verwürrter weisz um jhren schädel hangen,
...
zu scharpffen stichen an
Rompler v. Löwenhalt erstes geb. seiner reimgetichte (1647) 12;
ein schwande hexedirn mit wüstzerzaustem haar
auf jhrem gabelpferd eilt durch die luffte gar
Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. (1641) 3, 348;
jetzt da ihm alles diente, ... liesz er (Harald Schönhaar) sein wüstes, ungekämmtes haar schneiden Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 2, 83; ein schmutziges, freches gassenjungengesicht, umgeben von wüsten, verwilderten haaren W. Raabe s. w. I 6, 42 K.; sein graues gesicht mit wüstem bart und dünnen ärmlichen haaren H. Hesse Narzisz (1953) 217.
3)
sehr häufig von zuständen und verhältnissen des öffentlichen lebens (oft durch zeit, welt, wesen bezeichnet) 'chaotisch, zügellos ausgeartet, von willkür und roheit beherrscht': ynn disser wüsten, grewlichen zeyt, so der teuffel durch seyne rottengeyster und mördische propheten anrichtet (1525) Luther 18, 336 W.;
was thut der arm das gott erbarm
in solchem wuͤsten wesen?
weyl gott vnd recht man jm abschlegt
wie kan er doch genesen?
Forster fr. teutsche liedlein 185 ndr.;
in dieser wüsten zeit Logau sinnged. 196 lit. ver.; in diser wüsten zeit Angelus Silesius cherub. wandersmann 82 ndr.; dieser wüsten welt Hoffmannswaldau u. a. Deutschen ged. (1697) 2, 176;
in der befehdung wüstem alter
habt ihr des volks kette gefügt!
(1792) J. H. Voss s. ged. (1802) 4, 214;
indem ich schilderte, wie in wüsten zeiten der wohldenkende brave mann (Götz) allenfalls an die stelle des gesetzes und der ausübenden gewalt zu treten sich entschlieszt Göthe I 28, 142 W.; er könnt' nicht aussprechen, wie unsäglich lieb er sie haben thät und deszhalb fürchtete er, die wüste welt würde sich drein legen zwischen ihn und sein glück Immermann Münchhausen ²4, 115; in diesem trouble wüster und unnatürlicher verhältnisse Droysen gesch. Alexanders d. gr. (1833) 278; der blinde Magnus ward ... durchbohrt. der schlimme Sigurd sprang über bord, aber man zog ihn aus dem wasser und peinigte ihn fürchterlich zu tode ... in diesen wüsten tagen erschien, von Rom gesendet, der cardinal Nicolaus Dahlmann gesch. v. Dännemark (1840) 2, 145; ich sehne mich unglaublich danach, mich wieder mit schönem zu beschäftigen, und so wird es auch andern gehen, denen das wüste und greuelvolle der vergangenheit das herz getrübt hat (1849) Stifter briefw. 2 (1918) 12;
er, der aus der welt dich führte
in der klosterzelle schweigen,
wollte in die welt, die wüste,
erst den rechten weg dir zeigen
F. W. Weber ges. dicht. (1922) 3, 181;
gehegt und geboren in wüsten, verstörten zeiten, hat er ein recht labiles und reizbares nervensystem mitbekommen Th. Mann ges. w. (1955) 9, 676 (unordn. u. fr. leid). hierzu wüst zugehen: was solde vor ein lerm in der christenheit werden, wie wust wurde es zcugehen (1522) Egranus ungedr. pred. 84 Buchwald; in Beheim gieng es wüste zu, das Vladislaus selbst von sich verlauten liess: er wolte, das er dis vnglückliche vnd vnrühige königreich nie gesehen hette Rätel Curaei schles. chron. (1587) 206.
4)
'roh und heftig, gewalttätig, rüde, mutwillig, ungebärdig', von handlungen und verhaltensweisen (auch von ereignissen, durch die jmdm übel mitgespielt wird u. ä.). — zur anwendung auf personen s. 9 d.
a)
in geläufigen verbindungen (wüster kopf s. unter A 5 a).
α)
wüst mit jmdm umgehen u. ä.: wie gott die tyrannen ... aus rottet und wüst mit yhn umbgehet Luther 31, 1, 214 W.; (der ritter hat) sie so wüst hingerichtet, dasz er sie alle beyde onmechtig auff den platz niderfallen gemacht Amadis 1, 400 Keller; wer mit beschwernüssen geplagt wird, von dem wird gesagt: man hat jhn wüst abgestrelet Lehmann floril. polit. (1662) 1, 95.
β)
wüster schimpf:
es ist eyn wüster schimpff für wor,
mit dreck beschütten vor dem thor
Murner geuchmat 215 Fuchs;
(er) ersahe den wüsten schimpff (miszhandlung des gefangenen kaisers durch die heiden) buch d. liebe (1587) 26ᵇ; auch der wüsteste schimpf trägt sich leichter, als die empfindung, für zu gering geachtet zu werden, einen schimpf antun zu können G. Ebers fr. bürgermeisterin (1924) 56.
γ)
wüster zank, streit usw.: wirt meins bedunkens ein wuster zenk werden (1522) v. d. Planitz berichte 132 Wülcker;
barbarisches latein, und wörter ohn verstand,
und wüstes schulgezänk erfüllen manches land
anmuth. gelehrsamk. (1751) 7, 711 Gottsched;
hatte es einen wüsten auftritt zwischen ihm und dem schüler Geyersbach gegeben Schweitzer Bach (1948) 93.
δ)
wüstes geschrei, wüster lärm: hilff gott, welch ein wild, wüst geplerr und geschrey hab ich damit angericht Luther 26, 531 W.; dasz ich ein wüstes geschrey hörete, da etliche rieffen, schlaget ihn tod Bucholtz Herkules (1676) 1, 441ᵇ; dasz sie ... von dem wüsten lärm und dessen ursache vernommen hätten Mörike ges. schr. (1905) 3, 82; die händler, die auf den gewaltigen, edeln rampen und treppen mit wüstem geschrei ihre waren feilboten Feuchtwanger d. füchse im weinberg (1954) 191.
ε)
wüste reden, verwünschungen u. ä.: gegen den sonstigen brauch im Sertorianischen hauptquartier ward das fest bald zum bacchanal; wüste reden flogen über den tisch und es schien, als wenn einige der gäste gelegenheit suchten, einen wortwechsel zu beginnen Mommsen röm. gesch. 3 (⁴1866) 35; net, net, sagte der schäfer, nur net glei so wüst fluche A. Supper holunderduft (1910) 281; sprechchöre, wüste reden, skrupellose agitation, übelster dillettantismus Feuchtwanger geschw. Oppermann (1948) 42; wüste verwünschungen O. M. Graf unruhe (1948) 131.
ζ)
wüste sitten: dann die lehr von den leuten hinweg nimpt alle grobe bäwrische, wüste sitten und wilde grawsamkeit Lorichius paedag. principum (1595) 32;
wie ein umirrend räubervolk ...
das in sein dumpfig enges schiff gepreszt
im wüsten meer mit wüsten sitten haust
Schiller 12, 88 G.;
die wüsten sitten der gäste (adliger gastkrieger) begannen dem orden selber verderblich zu werden Treitschke hist. u. polit. aufs. (1886) 2, 31.
η)
wüste streiche, wüster unfug: doch übte ich auch einige gar wüste jugendstreiche aus J. v. Voss gesch. m. liter. laufbahn (1808) 267; sammelte sich ein chor junger landstreicher (im schulchor), die ... die schule gar nicht besuchten und in stadt und land wüsten unfug trieben Justi Winckelmann (1866) 1, 21.
b)
allgemein: das auch die grossen fursten ... musten ... gedemütigt fur yhm werden ... da er so einen wüsten spaciergang unter yhn thet auff erden (zu Habakuk 3, 6) Luther 19, 429 W.;
sy gibt jm manchen wuͤsten knüll
(1550) schweizer. schausp. d. 16. jhs. 2, 119 Bächtold;
hett ich die metten verschlaffen, so hette uns alle das fewer wuͤst auffgeweckt Fabri eigentl. beschr. (1557) 207ᵃ; mit gold und gelt ..., welchs den vient ee überwindt und wuͤst verwundet dann die waffen Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 294;
nicht des satans wüstes schrecken
...
kan jhm eine furcht erwecken
bei Fischer-Tümpel evang. kirchenlied 3, 124;
ihr (fürsten) kämpft, und siegt, und triumphiret.
der feinde wuth und wüste raserey
hat eure groszmuth nicht gerühret.
euch dankt das frohe Lutherthum
Gottsched ged. (1751) 1, 296;
er hat schon wüste püffe gekriegt maler Müller Fausts leben 33, 3 Seuffert; brach auch über dies land die wüste willkür des Bonapartismus herein Treitschke dt. gesch. im 19. jh. (1897) 1, 361; sie zogen ins wirthshaus und lieszen dort den (vorgeblich) vom geistlichen herrn erschlagenen so lange hochleben, bis ein trupp bauernbursche dem wüsten treiben des gesindels ein ende zu machen suchte M. v. Ebner-Eschenbach ges. schr. (1893) 5, 6; sie hatte geglaubt, die sieger würden sich durch harte, grausame gesichter und wüstes gewese von den einwohnern unterscheiden Feuchtwanger Simone (1950) 181.
c)
modern besonders von schrankenloser, enthemmter willkür: sie stiessen ihn durch die schreiende, wüst auf ihn einhauende gasse der ... SA-männer O. M. Graf unruhe (1948) 437; (er) war in der ersten siegesfreude gegen persönliche feinde und konkurrenten wüst vorgegangen Feuchtwanger d. falsche Nero (1947) 182.
5)
von unwettern und aufgewühlter see. wüstes wetter: lieben brüder ... wa kumen ir her in dem wüsten wetter? Pauli schimpf u. ernst 355 Öst.; warumb er lachet, wans wüst wetter wer, und wainet, wann die sunn schinn Montanus schwankb. 259, 11 Bolte; leider aber musz ich noch einmal von der wüsten witterung sprechen Göthe an Zelter in: briefw. 5, 100 Riemer;
am allerschönsten tage,
der, ob es gleich wüst wetter ist,
doch diesen namen trage
Mörike w. ²1, 274 Maync;
es war ... ein gar wüstes wetter Storm s. w. (1900) 5, 37; er ... wanderte bei jedem wetter, ja, beim wüsten am liebsten P. Schurek begegn. m. Barlach (1960) 55. entsprechend: puh! puh! windicht und regnigt — ... puh! eine wüste nacht maler Müller Fausts leben 92, 11 Seuffert; in einer so regnichten wüsten nacht läszt unser herrgott meine arme seele nicht scheiden Holtei erz. schr. (1861) 10, 155;
schon dunkelt die wüste regennacht
Schneckenburger dt. lieder (1870) 52.
besonders auch: die nacht brach ein, ... es pfiff ein wüster wind Göthe I 33, 61 W.;
diese vierzehn trübverhüllten
ersten tage des septembers,
wo die wüsten winde brüllten
wie zu ende des novembers
Rückert ges. ged. (1837) 5, 51;
dann hatte man (während d. seefahrt) einen wüsten sturm gehabt Feuchtwanger d. füchse im weinberg (1954) 769. zum folgenden vgl. wüstes meer unter A 1 b β: die cherubim und seraphim stuhnden auf dem himmlischen boden, und sahen von dem rande den ungeheuren ... abgrund, stürmisch wie ein meer, finster, wüst und wild Bodmer abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 165; wie wüst dort im nordwest das meer am horizonte aufsteigt Storm s. w. (1900) 3, 134; dat water is so wö͏̂st, dat d'r hâst gên schip faren kan Doornkaat Koolman ostfries. 3, 572.
6)
als intensivierendes beiwort steht wüst teils blosz verstärkend, teils in den stark aktionalen auffassungen 'ungestüm, tobend, hemmungslos'. (intensivierende funktion kommt auch sonst vor, vgl. besonders 2 und 4).
a)
'heftig, sehr, maszlos', wie verstärkendes schrecklich und ähnliche wörter: opinio de te multum me fefellit du hast mir wuͤst gefaͤlt, du hast mich vast betrogen Frisius dict. (1556) 920ᵇ. teilweise an 4 b anknüpfend (vgl. d. wüste püffe usw.), in adv. gebrauch (z. b. wüst besudelt) auch an B. die bedeutung ist in der jüngeren schriftsprache ungebräuchlich, aber mundartlich bewahrt, z. b. wüst 'sehr, stark' Fischer schwäb. 6, 1012; luxemb. ma. 485ᵃ (weⁱscht); Schön Saarbr. 232ᵇ; des ist wuost fin Bühler Davos 1, 309; et is woüstᵉ kalt Bauer-Collitz Waldeck 114ᵇ; auch 'klobig, mächtig, übergrosz', düsse weusten tüffelken (kartoffeln) smecket nix Böning Oldenburg 134: dar uff (auf e. gesunkenen schiff) sig fast fill verlorenn haind, die Welsser 60 sak piper ... und Rechlinge in al 26 seck, sind fuir war wyest schlappenn bei K. Krieger die spr. d. Ravensburger kaufleute um die wende d. 15. u. 16. jhs. 59; wie wuͤst jrret der, desz grundt mossig (sumpfig) ist Paracelsus opera 1, 33ᴬ Huser;
ach mein hertzliebe junckfraw Breid,
wie goht es zuͦ, dasz euch die leüt
so wol gemeinen, zvor die knaben
ein wuͤsten willen zu euch haben?
Wickram w. 4, 73 lit. ver.;
der grind ist mir gar wuͤst zerschnitten
(1548) H. R. Manuel weinspiel v. 2879 ndr.;
der selbig (sohn) im auch ein wuͤst loch in seckel macht und die roten pfenning dapffer ausser bliess Montanus schwankb. 273, 1 Bolte;
ich seufftz nach jr gantz wuͤst vnd toll
Fischart Garg. 214 ndr.;
als er (d. hölzerne Johannesbild) anfieng brinnen, gab es wiest grosz blattren, namlich die öllfarben (1612) Th. Platter tageb. 37 Boos;
Fratz liget (trunken) under diser banck,
an leib vnd seel sehr wüst besudlet
Weckherlin ged. 1, 517 Fischer;
da musz mich einer noch wüst drängen, bis ich ja sag maler Müller Fausts leben 77, 15 Seuffert. redensartlich (i. s. v. 'schrecklich, sehr'): sie ist für kretzig dar vnnd rüdig wider dannen, sie ist vast wiest uszgeschlagen, aber nüt geheyledt ein klegl. botschafft d. bapst zu Romen betr. (1528) A 4ᵃ; wann sie schon stürben, führen sie doch inns fegfeurloch, da man wüst auszschlägt, aber vbel heylt: vnd fährt man krätzig drein, so fährt man wider räudig herausz Fischart binenkorb (1581) 242ᵇ. jünger auch von schmerz und hunger: der kleine erzählte von dem wüsten kopfschmerz, von der übligkeit Arnim s. w. 1 (1853) 95; der dämon, welcher in mir ... war, suchte in seinem wüsten hunger nach seinesgleichen W. Raabe hungerpastor (1864) 3, 230; seine kopfschmerzen werden immer wüster H. W. Seidel Krüsemann (1935) 130.
b)
ungestüm, von hemmungsloser wildheit, tobend.
α)
hauptsächlich von bewegungsvorgängen: in weinländern würd das bauchgerümpel mit einer wüsten influentz den durchbruch bringen Fischart praktik 5 ndr.;
und da Araxes läufft, da seine ströme sausen,
hartneckicht, brückelosz, mit wüstem sturm und brausen
Opitz teutsche poemata 180 ndr.;
hat man den galgen, dicht am meer,
in wüster eile aufgezimmert
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 1, 321;
der wüste ritt, entschwundene gefahr
liesz doppelt noch den augenblick empfinden
ebda 2, 110;
und mit zornig wüsten schlägen
schlug er, dasz der ambosz stöhnte
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 143.
β)
auf begebenheiten von auszergewöhnlicher heftigkeit angewendet: in den augenblicken solchen wüsten geschickes erstarrt meistens der zuschauer, und dem, den es trifft, ist es eine wohlthat, dasz ihn die sinne verlassen Göthe I 51, 99 W.; von der wilden wüsten gefahr angezogen, wie von dem blick einer klapperschlange, stürzte man sich unberufen in die tödtlichen räume (beschossene schanze) ebda 33, 297 W.;
(ich) habe gekämpft mit krankem gemüth
das wüste gefecht der zeit
Strachwitz ged. (1850) 208;
wir wollen nur wünschen ..., dasz die ... warnung ihre wirkung tut und uns vor ... einem wüsten bandenkriege bewahrt amtl. kr.-dep. (14. 8. 1914).
γ)
von heftiger bewegung in einer menschenmenge: eine ungeschlachte, von allen interessen und allen leidenschaften wüst bewegte masse (die röm. volksversammlung) Mommsen röm. gesch. 2 (⁶1874) 94; ein alter schulmeister, dessen klasse in wüstes toben verfallen ist H. Mann ausgew. w. 1, 597 Kant.; herr ober! —ein wüster betrieb ist das hier heute abend Keun mitternacht (1956) 6.
c)
in jüngster sprache 'jedes masz überschreitend, hemmungslos', von bestimmten handlungen und verhaltensweisen: Fink denkt zu grosz ..., als dasz ihn die wüsten speculationen erfreuen könnten, welche dort drüben nur zu gewöhnlich sind G. Freytag ges. w. 4 (1887) 550; den wüsten reformgelüsten der schulmeister endlich einen riegel vorzuschieben W. Scherer kl. schr. (1893) 1, 436; in den schmutzigen, wüst überheizten stuben Meinecke Boyen (1896) 1, 59; ein wüster querulant ebda 2, 82; (sie) hatte einen bayerischen grafen aus wüsten schulden gerissen Renn adel im untergang (1947) 325.
7)
'monströs, greulich, abwegig und verworren'. seit dem 18. jh. geläufig; älter in diesem sinne ist wüster greuel (vgl.greuel der verwüstung Daniel 9, 27 und greuel A 5, teil 4, 1, 6, sp. 215): aber das bapstum hat einerley heubt und dennoch mancherley und nicht einerley leib, das mag mir ein wüster grewel sein Luther 26, 603 W.
a)
von ungeheuern:
hier flog ein wüster schwarm gefrässiger harpyen
poesie d. Niedersachsen (1721) 1, 7 Weichmann;
den riesen Polyphem, Charybdens strudelmund,
der menschenfresser grimm, und Scyllens wüsten schlund
Gottsched crit. dichtkunst (1751) 27;
voran! — schaut nicht die klippe hier
fast wie ein formlos wüstes thier?
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 71;
ausgestopfte krokodile und wüste seetiere, tiger und hyänen (1847) G. Keller br. u. tageb. 2, 149 Ermat.;
wie er rang mit einer wüsten
wurmgestalt auf tod und leben
Fr. W. Weber Dreizehnlinden (1907) 263;
aus bangen kindergeschichten grinste das wüste korngespenst empor Watzlik d. alp (1923) 34.
b)
wüster traum, wüst träumen (seit dem 19. jh. sehr sprachüblich):
einst hatt ich einen wüsten traum
Göthe I 14, 208 W.;
in der nacht tolle, wüste traumbilder. unter anderem sollte der Wesselburner thurm wie ein luftballon in die höhe fliegen, er war gefüllt und der dampf quoll rings um ihn her hervor (1847) Hebbel tageb. (1903) 3, 162;
auf sich rüttelnd
aus wüster träumereien graus
A. v. Droste-Hülshoff ges. schr. (1878) 2, 40;
als er endlich einschlief, träumte er wüst von dunklen gängen, schatzfässern und burggeistern Karl Bröger ferienmühle (1936) 66; wüste träume suchten ihn heim Feuchtwanger d. falsche Nero (1951) 214. entsprechend:
denn meiner sehnsucht bild, nun wars gekommen,
doch wüst verzerrt, ein gräuel anzusehen
Geibel ges. w. (1883) 3, 37;
vermag ich keine feste erinnerung an meinen vater zu gewinnen; ich musz mich mit dem wüsten schreckbild begnügen, das mein verstand vergebens zu fassen sucht Storm s. w. (1900) 5, 164;
ein wüstes gesicht
wirrt mir wüthend den sinn
R. Wagner ges. schr. u. dicht. (1897) 6, 181.
c)
in ähnlichem sinne auch von exzessen der glaubens- und geisteshaltung: man erinnere sich der signatur der dinge, der chiromantie, der punctirkunst, selbst des höllenzwangs; alle dieses unwesen nimmt seinen wüsten schein von der klarsten aller wissenschaften (d. mathematik) Göthe II 3, 159 W.; die religion, die bei den Tuskern einen trüben phantastischen charakter trägt und ... (in) wüsten und grausamen anschauungen und gebräuchen sich gefällt Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 108; die ernüchterung nach dem wüsten rausch des barockstils Justi Winckelmann (1866) 1, 352.
8)
'zügellos, ausschweifend, lasterhaft, frivol' (gleichartige anwendungen auf personen s. unter 9 f).
a)
wüstes leben u. ä. verbindungen (vgl. hierzu Heinrich von Beringen unter wüster 2): vnd besorgst deines kindts, es mocht gebrechligkeit halben keuschheit nicht halten oder sonst in ein wüst leben gerathen Luther tischr. 5, 375 W.; dasz wir auch dem fressen und sauffen, huren und buben und sonst allerhand leichtfertigkeiten oblagen, bey welchem wilden und wüsten leben ich ... allerdings meiner selbst vergasse Grimmelshausen 2, 659 Keller; sonst war die sucht sehr allgemein, nach wüstem leben sein gut den klöstern zu vermachen Körte sprichw. (1837) 340; dasz der schlimme ruf einer wüsten jugend ihm seine bahn erschwere, muszte er jetzt öffentlich erfahren Dahlmann gesch. d. frz. revol. (1845) 245; das bild einer wüsten vergangenheit war Lucinden schon lange an Klingsohr nicht fremd Gutzkow zauberer v. Rom (1858) 1, 163; es brachte sie zur verzweiflung, von dem wüsten leben ihrer männlichen kollegen zu hören Kahlenberg Eva Sehring (1901) 84.
b)
wüstes laster (wohl mehr im sinne von B 3 'unflätig' zu verstehen, vgl. auch ²wust B 3): wider dises säwisch vnd wüst laster (d. trunkenheit) Ambach v. zusauffen (1544) A 2ᵇ; das unglückliche Teütschland ..., eine khotpfütz der wüstesten laster Rompler v. Löwenhalt erst. gebüsch s. reimgetichte (1647) 00 2ᵇ; der schreiber diesz musz sich doch wahrlich manchem groben wüsten laster ergeben haben Bräker s. schr. (1789) 2, 250.
c)
jünger oft neben ausdrücken der schwelgerei: so wenig ... als es sonst mit Mozarts ganzem wesen ... stimmt, dasz er einer wüsten völlerei fähig gewesen sei O. Jahn Mozart (1856) 3, 244; der tanz artete in ein wüstes gelage aus Holtei erz. schr. (1861) 5, 65; bischöfe, stiftsgeistliche und alte mönchsorden sind ... in wüstes schwelgen, in rohheit und unwissenheit zurückgefallen G. Freytag ges. w. 18 (1888) 111; ein wüstes gelage kam in schwang Werfel abituriententag (1928) 165.
d)
im engeren sinne 'unsittlich, ruchlos-frivol': überdiesz geht (in den engl. komödien) ein wildes und unsittliches, gemein wüstes wesen ... so entschieden durch, dasz es schwer sein möchte, dem plan und den charakteren alle ihre unarten zu benehmen Göthe I 28, 195 W.;
das mädchen, dem du nachstellst, wüsten sinns,
lasz frei!
Grillparzer s. w. 9, 21 Sauer;
auch das tuch, das sie (Hekuba) über den kopf gelegt trägt, hat etwas wüstes, gemeines Welcker alte denkm. (1849) 5, 89; jenes mädchen aus Eimeo ..., dem sie offizierskleider angezogen hatten und das ... von den eingebornen in einer wüsten pantomime verspottet wurde Ina Seidel labyrinth (1922) 140.
9)
wüst in anwendungen auf personen und auf unmittelbare wesensäuszerungen des menschen, wie rede, gesinnung und physiognomie.
a)
im frühnhd. findet sich vereinzelt: vagus (vel vagabundus) wust vel wankelmodig, eyn wust mensche (15. jh.) Diefenbach gl. 605ᵇ. diese glosse ist wohl im sinne von 'unbehaust, heimatlos' zu bedeutung A zu stellen, vgl. mnl. woeste ballinc (= banneling), woestballinc 'exul' Verwijs-Verdam 9, 2749 u. 2747 (dazu woesten, verwoesten 'in exilium agere' ebda 2751).
b)
allgemein 'schändlich, schlecht, ruchlos': gît ein phleger nit den kinden ir nôtdurft ... der ist ... arcwænic. unde ist, daz er ze einem wüesten manne wirt unde sîn selbes guot ze unrehte an grîfet, der ist aber arcwænic landrecht d. Schwabensp. 55, 11 Wackern. (hier 'verschwenderisch'? Lexer mhd. wb. 3, 982, vgl.wüsten 4 und wüster 2);
etleich lewt die sind so wüst
das sy irew chind vast chlagent.
o wye chrannck synn sy tragent!
hat hie das chind die sel auffgeben,
got gibt im dort das ewig leben
Heinrich der Teichner 692, 22 Niewöhner;
darnach erdacht ain anderer wüster bub unnd böser knabe (ein eseltreiber) ain grosses übel über mich (d. esel) Niclas v. Wyle translat. 269 Keller; nun war ein wild, wüst kind vnter jnen gewesen, der hatte gesagt: wenn einer were, der jm eine gute zech weins schenckte, wolte er jm darfür seine seele verkäuffen Luther tischr. (1576) 439ᵃ;
drei spiese müsen ihm (Absalom) das rasent herz zerstükken,
eh er am baum erstirbt. man reisst ihn von dem ast
und wirft ihn in ein loch; man däkt den wüsten gast
gehäuft mit steinen zu
Rompler v. Löwenhalt erstes gebüsch seiner reimgetichte (1647) 19;
und ob ich gleich keine übelthat begieng, dadurch ich das leben verwürckt hätte, so war ich jedoch so ruchlos, dasz man (auszer den zauberern und Sodomiten) kaum einen wüstern menschen antreffen mögen Grimmelshausen Simpl. 324 Scholte; ich hatte an meinen beiden söhnen ... keine freude mehr erlebt, sie waren wüst und ohne sitten, sie verachteten so eltern wie religion Tieck schr. (1828) 4, 182. — obd. noch in volkstümlicher ausdrucksweise sehr geläufig: du muszt doch nicht glauben, dasz wir so wüste leute wären, ein schlechtes jahr den pächter allein tragen zu lassen Gotthelf Uli d. knecht (1846) 315; du bist eine ausdenkte, hintertriebene, du bist eine grausame und wüste P. Dörfler d. notwender (1934) 96. dazu wüst tun, reden sich unanständig aufführen, reden, einem wüst sagen einen mit schmähungen überhäufen H. Stickelberger schweizerdeutsch u. reines hochdeutsch (1914) 70; Fischer schwäb. 6, 1011: wüste leute thun wüst J. Gotthelf Uli d. pächter (1850) 335; ja, ja, helfen können sie nicht, aber wüst sagen wohl ders., schuldenbauer (1854) 321. auch vom wetter (vgl. 5): nicht wahr, so eine neugewaschene landschaft ist doch schön? ... aber ... drauszen im thal thut es noch wüst Pichler allerlei gesch. a. Tirol (⁵1901) 1, 32. öfters wüstes gesinde: welch ein wüst gesinde ynn der welt ist Luther 30, 3, 227 W.; wüst und gottlosz gesinde Kirchhof wendunmuth 1, 72 Öst.; ein wüst gesinde Erlach volkslieder d. Deutschen (1834) 1, 336. — wüster sünder: das euangelium ist nicht eine predigt für grobe rohe wüste sünder Luther 16, 232 W.; ein raucher vnd wüster sündensack Lehmann floril. polit. (1662) 1, 427. im sinne von 'schändlich, ruchlos' auch wüstes maul:
zu wyt vff thuͦn syn wiests mul
(1515) Murner die mühle v. 1197 Beberm.;
so wahr der Styx noch brennt,
den auch ein wüstes maul mit furcht und zittern nennt
Gottsched schaubühne (1740) 4, 200;
leutchen, macht, dasz ihr nicht in wüste (schändliche) mäuler kommt Laukhard leben u. schicks. (1792) 56. — wüstes herz (vgl.A 4 b): eyn weyb wie ein huͤre zubereyt, die ein vorstoret wust hertz hatt (1521) Luther 8, 147 W.; wer ein wüst maul hat, der hat ein wüst hertz Lehmann floril. polit. (1662) 2, 718. — wüste hand: ist ... einem, der desz kaysers bildnusz ... mit der wüsten hand verunehret, das leben abgesprochen worden Moscherosch insomnis cura par. 77 ndr.
c)
häufig als schmähwort, wobei im frühnhd. meist bed. B 'dreckig, abscheulich' zugrunde liegt: gee an den galgen, du wüste suw Steinhöwel Äsop 44 lit. ver.; du alter grawer wuͤster tropff Gengenbach 143 Goedeke; du wilder wüster ziegenbart Chr. Reuter Harlequin 51 ndr.; ah du wüste fliege (schilt der vater die tochter) Engel apotheke (1772) 28; du sollst fühlen, du wüster tropf (ein gewalttätiger vogt), dasz hiebe weh thun G. Freytag ges. w. 11 (1887) 123 (s. d. folg.).
d)
'wild, roh, brutal' (dem gebrauch unter 4 entsprechend):
doch was er (d. ritter) gar ein wuster man,
gen got er selten rewe gewan
vmb rauben vnd vmb prennen,
vmb kirchen prechen vnd vmb rennen
altdt. erz. 70, 13 Keller;
und chamen mit grossen vorchten in die insel Cippern, wann ein wuester mer rauber ... was uns gar nachent (1346) bei Röhricht pilgerreisen (1880) 50;
ein wüster trupp folgt nach und drängt bis an die pforten,
die wachen sind zu schwach, es sind nur drey cohorten
slg. v. schausp. (1764) 12, 73;
ward dieser von einem wüsten haufen ... angefallen und erschlagen Mommsen röm. gesch. 2 (1889) 201; dieser Maximilian Robespierre entpuppte sich als wüsterer despot denn jemals ein französischer könig Feuchtwanger narrenweisheit (1953) 363.
e)
'ungehobelt, plump, unmanierlich':
sie (Venus) auch niemandts verschmahen ist,
er sy arm, rych zuͦ aller fryst,
krumm, lam, kropffecht, vngestalt,
die wuͤsten buren iung vnd alt
Gengenbach 120 Gödeke;
das gemeine böfel ist im essen gleich wie wandel grob vnd wuͤst, brauchen nicht fast loͤffel Schweigger reyszbeschr. (1619) 270;
sind wüste kerl', die bauern,
die geben stank für dank!
Mörike ges. schr. (1905) 1, 241 Göschen.
f)
zügellos, unsittlich, ausschweifend, lasterhaft (wie unter 8):
und kurtz ein urteil lassen gan
uber den wüsten frawenschender
Hans Sachs 8, 115 lit. ver.;
denn du bist selbst ein wüster mensch gewesen,
so sinnlich wie nur je des thieres trieb
Shakespeare 4 (1799) 211;
der sogenannte 'raugraf' war ein ebenso schöner als wüster junger mann Storm s. w. (1900) 2, 128; seine leidenschaft fürs spiel, seine liebesabenteuer und ehrenhändel hatten ihm den beinamen der 'wüste Kriebow' eingetragen Polenz Grabenhäger (1898) 1, 218; dieser junge herr (Voltaire), der jahre hindurch als einer der wüstesten lebemänner von Paris gegolten hatte Feuchtwanger d. füchse im weinberg (1954) 532.
g)
vom gesichtsausdruck in verschiedenem sinne (die züge verzehrender leidenschaftlichkeit oder roher verkommenheit kennzeichnend): da trat ein hoher schlanker ritter ... in das zelt herein. sein blick aus tiefen augenhöhlen war irre flammend, das gesicht schön, aber blass und wüst Eichendorff s. w. (1864) 3, 115;
wer ist der pilger bleich und wüst,
vor dem papste kniet er nieder?
H. Heine s. w. 1, 247 Elster (Tannhäuser);
ich wollt', ich säsze in nächt'ger stund'
bei wildem, stürmischem trinkgelag',
rings der genossen wüstbleiche rund',
schaut keiner mehr den morgigen tag
H. Beer dichtungen (1853) 70;
zweideutige gesellen ..., fahrende strolche und wüste gesichter G. Freytag ges. w. (1886) 18, 145; die gestalt des maurers Mattern. ein versoffenes, wüstes gesicht, rote, struppige haare Gerhart Hauptmann dramen (1956) 2, 179. — von rede und stimme: und lastete ein mord auf ihrem gewissen, sie könnten nicht wüster, nicht verzweifelter sprechen Holtei erz. schr. (1861) 2, 9; die stimme, womit diese worte gesprochen wurden, klang so wüst und fremd Storm s. w. (1900) 6, 54.
Zitationshilfe
„wust“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/wust>, abgerufen am 17.11.2019.

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