Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

zünglein, n.

zünglein, n.,

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mhd. zungelîn, züngelîn, zungel, züngel mhb. wb. 3, 951ᵃ; Lexer 3, 1179, vgl.züngel. die herschende verkleinerung gegenüber seltenerem züngelchen.
1)
als glied im munde, bes. von kindern und kleinen thieren und vögeln: aber ... es ist eraus, sie haben in selbs ein pflöcklin fur dem maul durchs zünglin gesteckt Luther 50, 407 W.
vermisch es alls zusammen rein,
reib ihm (dem kind) damit das zünglein sein
J. Ruoff hebammenb. (1580) 256;
doch so ... singet (das königsken, d. zaunkönig) ... und danket gott mit seinem kleinen züngelein Moscherosch insomn. cura 5 ndr.; das zünglein eines kaninchen Stifter 2, 107.
2)
als organ der stimme.
a)
beim sprechen, von weibern und kindern: der name papa und pabst ... heisset so viel als ein vatter, wie so ihre vätter die kleinen kinder mit ihren lallenden zünglein zu nennen pflegen Mich. Walther erläut. d. proph. Daniel 3 (1645), 131; eines unzüchtigen weibs lieblichs zünglin, falsches mundlin ... sind lauter feurpfeil, die auch ein alt und kalt hertz anzünden ... können Petri 2, y 6ᵃ;
und liegt auch das zünglein in peinlicher hut,
verplaudern ist schädlich, verschweigen ist gut
Göthe 1, 207 W.;
ihr z. stand nicht einen augenblick still G. Keller 6, 188. selten allgemein für das sprechen: man hat ihms zünglein an die goldene kette gelegt Wander 5, 645, vgl.zunge II B 4ᵇ.
b)
beim singen:
darnach applicir das zünglein,
auff itzliche noten mit list,
wie es drunder geschrieben ist
M. Agricola mus. instrum. deudsch. 184;
auch du so schwanckes federvieh,
so thust in lüfften schiffen,
und zierlich trillest je und je
die zünglein reingeschliffen
Spee trutz nachtigall (1649) 143;
die mundere vögelein schweben allhier,
lassen die zünglein und stimmelein schallen
Harsdörfer gesprechsp. 4, 85.
3)
vergleichsweise, vgl.zunge III.
a)
von blumenblättern: ausz den spitzigen schwentzen ... stechen ... spitzige blättlein herfür wie kleine zünglein Bock kreutterb. 115; et in Helvetia nascitur herba, hat nur ein stengel, und ein blettlin, damitten ein zünglein Paracelsus op. (1616) 1, 422; von dem mageren kräutlein ..., dessen blüthe ein weiszes schnäblein hat mit einem gelben zünglein darin Stifter 5, 1, 30. danach: die orden zeigten sich ... als rote, ... blaue zünglein im knopfloch B. Auerbach schr. 6, 109.
b)
von flämmchen: da sieht er auch rab fliegen feurige züngelein, die umb sein leib herumfladern G. Treuer Dädalus 1, 542.
c)
wie erdzunge: ein klains zunglein der erden von denselben zinnen hinden gelegen ist mit dem allerköstlichsten laubgewachs bedecket G. Alt b. d. croniken (1493) 23ᵇ.
4)
übertragene benennungen.
a)
für glieder im munde, sowohl für das zäpfchen, uvula, als auch für den kehldeckel, epiglottis Wirsung (1588) 177ᵃ, die nicht immer deutlich unterschieden werden Hyrtl 20 f., züngle glottis, lingula Maaler; ein kind (war geboren, das hatte) einen ... offnen mund ohne lippen, daz man das gagel (th. IV 1, 1, 1142 das undergagel testiculi) und zünglein im munde sehen können Prätorius anthropodemus pluton. 3, 297; züngele züngelchen, zäpflein im halse ugola Schmeller cimbr. wb. 245; B. gibt ein anzeygung des hauchblats oder des zünglins, mit welchem die gurgel oder kälrhor zugedeckt wird W. H. Ryff anatomi (154) l 1ᵃ (ähnl. k 1ᵃ). für epiglottis vielfach athemzünglein Dasypodius 288ᵃ; Corvinus fons lat. (1646) 482; Stieler 2655; Kramer 2, 1486ᵇ.
b)
für den kitzler, clitoris Hyrtl 172: z. der liebe und süszigkeit Höfler 862 (v. 1632). auch schamzünglein Höfler.
c)
für den fisch zunge, lingulaca Junius (1567) 81ᵃ; Golius 376; Hulsius (1618) 2, 224ᵃ.
d)
an e. schnalle, in fibula Aler 2, 2269ᵃ; Frisch 2, 485ᶜ; lingula vel ligula calcei das zünglein im schuhrincken Bas. Faber thes. (1587) 453ᵇ.
e)
abzug am gewehr: das z., damit man loszdruckt K. Rätel beschr. d. krieges (1590) c 4ᵇ; die künstliche feuerschlosz .., welche durch berührung des züngleins ... häuffig feuer gegeben Abr. a. s. Clara etwas für alle 2, 123; als sich nach einer weile nichts mehr rührte, stellte ich die mündung nach meiner kehle und griff mit der zehe um das zünglein A. Stifter 2, 169.
f)
in pfeifen: tibiae ligula Golius 223; 290; Kramer 2, 1486ᵇ: unser mund sol an derselbigen (d. orgel) die pfeiffen sein, unser zunge soll in den pfeiffen das z ... sein G. Albrecht handwerckszunft (1631) 136. —
pfeifenzünglein
Kramer 2, 196ᶜ.
g)
das zünglein an, in der wage, die vorherschende verwendung. in den meisten wbb. von W. Brack e 5ᵃ; Alberus 110ᵇ; Frisius 64ᵃ (u. ö.) an. dafür auch wagzünglein Stieler 2655: ein wag hat zwo schüszlen, uff ieglicher seiten eine, und hat oben ein zünglin, das neigt sich stetz dem schweren teil nach Pauli schimpf u. ernst 93 lit. ver.; das zünglein schwebt in der mitte schleswigsche literaturbr. 90 lit.-dkm.; er vertraute den beobachtungen, welche Anton am zünglein der groszen wage machte G. Freytag 4, 110. in vergleichen u. übertragen: denn die welt ist fur dir, wie das zünglin an der wage weish. Salom. 11, 23; ire (der fürsprecher) zung ist gleich einer zungen in der wag, uf welches ort du allermeist leist, da neiget sich das zungle nahe Keisersberg narrenschiff 141ᵇ; über meine sicilianische reise halten die götter noch die wage in händen; das z. schlägt herüber und hinüber Göthe 31, 57; nur einen augenblick schwankte das z. der wage zwischen tod und leben Storm 4, 239; das z. der waage menschlicher handlungen Herder 18, 85 S.; das goldne z. der weltwaage 5, 558 S.; das z. der critischen wage Justi Winckelmann 2, 2, 269, echter historischer kritik D. Fr. Strausz 5, 315; die (empfindung) ist das z. an der wage G. Forster 7, 182. persönlich: er war das z. in der wage A. G. Meiszner Alcibiades 2, 237; er (d. doge) stellt das oberste, reine, unzertheilte staatsprincip vor, das z. in der w. Göthe 41, 1, 209 W. zum politischen schlagwort geworden: das reich ist heutiges tages das z. an der w. J. v. Müller 8, 79; da jedoch die ... Iren 86 sitze innehatten, bildeten sie das z. der w. v. Alten hdb. 4, 404. ähnl. Prutz preusz. gesch. 4, 375; Treitschke dtsche gesch, 1, 414; Ludendorff kriegserinn. 162.
h)
die weisende nadel im kompasz, s.zunge III B 5 am ende: und hat (d. compasz) ein beweglich zünglin S. Münster cosmogr. 23; das ist aber das wercklichste am magnet, wenn eines zünglein ort damit bestrichen ist im compast, so sihets gestracks gegen mitternacht und weiset die mittagslinien Mathesius Sarepta 142ᵇ. ebenso am werkzeug (quadrant?) des markscheiders: so sein zünglein die sechste gerade linien ... hat anzeiget Ph. Bech Agricolas bergwerkb. (1621) 99. nicht mehr üblich. später noch übertragen: seit monaten steht das z. des kraftmessers auf demselben punkt Görres br. 3, 6.
i)
zünglein an einer falle, s.zunge III B 17: so denn der bär kumpt .., bewegt er das zünglin, das das bloch enthalt; falt es, so tödet und erwürgts den bären Herold-Forer Gesners thierb. 17; also dasz, wenn etwas in solche mäusefalle gienge, es unvermeidlich an das z. stoszen und sich fangen müste J. G. Schmidt rockenphilos. 1, 277. ähnlich vom drücker am nuszknacker Stifter 5, 1, 274.
k)
in der buchdruckerei die punktierspitze, frz. languette Täubel buchdruckerk. (1805) anh. 40; Beil 3, 362; Hoyer-Kreuter 1, 879.
l)
ein werkzeug des büchsenmachers: es musz bey der hand seyn ... eisenfeilen, hammerschlag, spizige und breite zünglein J. F. Stahl gewehrgerechte jäger (1762) 211. noch üblich?
m)
an einer sense: merga ..., ein sägeysen mit einem höltzin züngle auff dem blatt, den habern etc. zuͦsamen ze fassen, so man damit abmäyet Frisius 817ᵃ.
5)
zusammensetzungen:
hundszünglein
hundswurm, unter der zunge des rindes Höfler 682ᵇ. —
spatzenzünglein
lithospermum Graszmann pflanzennamen 195. —
züngleinblume
Martin pflanzennamen 68. —
züngleinförmig
Ehrhart pflanzenhist. (1753) 10, 23. — züngleinspitzlin obscön Fischart geschichtklitt. 261 ndr.
züngleinstücklein
geröstete züngleinstucklin ebda 252.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1927), Bd. XVI (1954), Sp. 618, Z. 15.

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Zitationshilfe
„zünglein“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/z%C3%BCnglein>, abgerufen am 04.08.2020.

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