Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

zürnen, v.

zürnen, v.,
ahd. zurnen Graff 5, 694, vereinzelt zornôn: umbe diu anderiu nezornotôst tu de ceteris nihil movebare Notker 1, 47 Piper, mhd. zürnen, zurnen, in md. quellen zornen mhd. wb. 3, 908ᵃ: Lexer 3, 1202, mnd. tornen Sch.-L, 4, 581ᵃ, mnl. tornen Verwijs-Verdam 8, 586, nl. toornen. as. und ags. nicht belegt, wie es auch dem me. und neuengl. fehlt. auch scheint es den heutigen nd. maa. nur als refl. sik vertürnen geläufig zu sein, das nach anlehnung ans hd. aussieht. daher ist die entstehung auf oberdeutschem gebiet zu vermuten. da das verb überall an den seelischen zustand des zornes anknüpft, und die ältere bedeutung 'kampf' nicht mehr erkennen lässt, vgl. o. sp. 90, so ist die bildung zu vergleichen mit ahd. angusten, goumen, mich lustit, und zornon mit got. luston, ahd. hazzon, minnon, sunton u. ä., vgl. Wilmanns gr. 2, 59; 64. gelegentlich erscheint entrundetes zirnen Diefenbach 294ᶜ; S. Brant narrenschiff 37 Z.; Murner narrenbeschw. 76; 245 ndr. weit verbreitet ist dagegen in der literatur des 16. u. 17. jh. und bis ins 18. hinein zörnen Luther 18, 497 W.: Fischart praktik 20 ndr.; Eulenspiegel 6 Hauffen; Dedekind christl. ritter (1590) c 7ᵇ; Petri 2, Pp 8ᵇ; Butschky Pathmos (1677) 430; Triller poet. betrachtungen 2, 544; 5, 306; allg. dtsche bibl. 66, 255 (citat aus einer in Wien erschienenen hauspostille, der eine stark provinzielle sprache vorgehalten wird). s. auch die beleg hierunter. es wird auch von den wbb. seit Hulsius (1618) 2, 362ᵇ neben zürnen genannt, mehrfach bei Kramer 2, 1473ᵇ und ᶜ, zuletzt bei Steinbach 2, 1121. Stieler aber gibt nur zürnen.
bedeutung und verwendung.
1)
zürnen ist der zustand des zorns, s. o. sp. 92 ff. die älteren wbb. geben es für irasci Diefenbach 309ᵃ; Calepinus XI ling. (1598) 768ᵇ, indignari 712ᵇ; stomachari Frisius 1246ᵃ u. ä.: denn sie zürnen und streiten allein darumb, das wir inen ir gesetz abthun wollen 1. Makk. 7, 59; guͦt freund, so sie mit einander uneins werden, zürnen sie hefftiger dann andere Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 36ᵃ; von stund an fieng er an zürnen Boltz Terenz (1539) 46ᵃ; heimlich z. Kramer 2, 1473ᵇ; etliche tage z. 2, 1473ᶜ;
sie zürnt und droht dem frechen wichte
Pfeffel poet. versuche 8, 44;
auch ich begrüsze dich, wenn ich schon zürne
Göthe 10, 128 W.
die christliche sittenlehre sieht im zürnen eine sünde, vgl.zorn 5 sp. 95 f.: wöllen zürnen das ist sund meister Eckhart reden der unterscheidung 32 Diederichs; (prie ster) hastu also auch nit getzürnet? (Metz) ich kan nit zürnen, so gütig bin ich (beichte) Albrecht v. Eyb dtsche schr. 2, 147 Herrmann; in dyser anfechtung narret man tzwey mal: zum ersten, wan man spricht 'ja ich wolt wol frum seyn und nicht tzurnen, wan ich fride hette' Luther 2, 124 W.; fressen, sauffen, zürnen, unkeuschen Guarinonius grewel der verwüstung (1610) 52. aber sie erkennt es auch als berechtigten eifer gegen das böse an: der prophete und s. Paulus sprechent mit einander, das wir súllen zúrnen und nút súnden, das ist: in der zúrnender kraft súllen wir haben ein widerzemkeit zuͦ allem dem, das gotte wider ist Tauler pred. 260 Vetter. ähnlich: wo liebe zorn foddert, da soll ich zörnen, wo nicht, soll ichs lassen Luther 12, 128 W. der gegensatz zu zürnen ist vergeben und verzeihen: ein weych gemüt zu zürnen und zu verzeyhen Maaler 524ᵇ;
ein hertz von böser lust und bitterkeit befreyet,
das nicht so balde zürnt, als auf der that verzeihet
Rachel sat. ged. 83 ndr.;
zürnen und vergeben sind bei einem unveränderlichen wesen doch wahrlich nichts als vorstellungsart Göthe 37, 249 W. eifern ist im ggs. zu zürnen das alterthümliche wort aus der Lutherbibel, vgl. th. 3, 90, ausserdem bezeichnet es mehr den ausdruck des zorns durch worte, s. Heynatz synonym. wb. 2, 159ᵃ.
2)
zu dem allgemeinen begriff des zürnens treten besondere vorstellungen hinzu.
a)
zürnen für in zorn geraten, selten deutlich: der leicht zürnt, sündt leicht Seb. Franck sprüchw. (1545) 1, 28ᵇ; wems übel geht, der zörnet bald Lehmann florilegium (1662) 3, 469;
und wie ein voller zörnt vil eh,
wan man im nur tritt auf ein zeh,
also zörnt bald auch der glidsüchtig,
wan man in angreift nicht gar züchtig
Fischart podagr. trostbüchl. 29 Hauffen;
man lässt alles in der welt gehen, bis es schädlich wird; dann zürnt man und schlägt drein Göthe 21, 149 W.;
da zürnten sie und hielten rat und schickten
die giftige seuche her von mitternacht
Mörike 3, 105 Göschen.
b)
zürnen bezieht sich auf den ausdruck des zorns im spiel der mienen und gebärden, vgl. o. sp. 92: so lass ich dan zurnen und saur sehen, ders nit lassen will Luther 33, 645 W.; wenn aber sie für ihre person getroffen werden, so hengen sie das maul und zürnen F. Rhot Jesus Sirach 1, 28ᵇ;
fangt auch maulhang und zürnen,
hängts an ein baum dabei
Hoffmann v. Fallersleben gesellschaftslieder 2, 9 (1609);
er zürnt mit geballter faust und klagt mit einem lauten gebrülle H. P. Sturz schr. 1, 95;
... die göttin wandte sich zürnend
Göthe 2, 133 W.;
ich soll zurückgehn, winkt sie mit der hand;
ich weisz nicht, ob sie warne oder zürne
H. Heine 1, 89 E.
in diesem sinn wird ihm das lachen gegenübergesetzt:
april, der zörnt zuvor, eh mai wil wieder lachen
Logau 203 Eitner;
wer nicht lachen wil, wen gott pfeifft, der musz zürnen, wenn gott schilt Petri 1, G 6ᵃ.
c)
es bezieht sich auf die heftige bethätigung des zorns: weget es selber, ob ich icht billichen zurne, wute und clage ackermann aus Böhmen 3 Bernt; das gesetz, das da zörnet und würget Luther 24, 578 W.; die menschen gebürth holdselig und freundlich seyn, wilde thier mögen zürnen und wüten Petri 2, u 3ᵃ; so werde ich nicht zürnen — ich werde rasen Lessing 2, 281 M.
d)
vor allem durch laute worte, wie schelten, fluchen u. ä.: obsannare zurnen mit geschrey und bosen worten Diefenbach 389ᵃ; der wirt fluͦcht und zürnt uber das gesind Pauli schimpf u. ernst 226 lit. ver.; dann Cuno hertzog von Beiern war mit ernst, zurnet und spottet uberausz uber die wal H. Gholtz lebendige bilder (1557) k 3ᵇ;
beyn spilern (findet man) zürnen, hadern und schweren
H. Sachs 3, 111 K.;
wenn der mann zürnt und poldert, so ist schweigen einer vernünftigen frawen beste antwort Lehmann floril. (1662) 2, 891. so erscheint es als redeeinführung: 'und nicht mit unrecht', zürnte der herzog Gaudy 3, 133.
e)
zürnen bezeichnet zugleich die unartikulierten laute, wie sie der zornige von sich gibt: mundus sie zurne und schnur wie sie wol, ich acht ir nicht Luther 17, 1, 320 W. (vgl.das er schnurrig und zornig ist 323; schnurren und murren 33, 677 W.);
der löwe zürnt und brüllt
Ramler fabellese 1, 154;
dasz viele andere ... ungerecht gemurrt und gezürnt haben E. M. Arndt 1, 211 R.-M. ähnlich: wann eicheln nicht gnug des magens zürnen stilten Treuer dtscher Dädalus 1, 79;
da stampfte kein fusz, entfuhr
kein rauschend schwert der scheide,
zürnte kein racheschwur
Kretschmann s. w. 1, 156;
im tenor ist er äuszerst angenehm, und in der tiefe zürnt er Schubart ästhetik d. tonkunst 162. besonders in der schilderung unruhiger vorgänge in der natur, vgl.zorn I 12, sp. 98:
in fabeln zürnt das meer, die felsen werden schwanger
Lichtwer äsop. fabeln (1748) 133;
und nur noch aus weiter ferne zürnte murmelnd der donner E. Th. A. Hoffmann 14, 30 Grisebach; die eingepreszte Salza zischt und zürnt, windet und krampft sich wie in einem gefängnis Kürnberger siegelringe 473.
f)
nach Klopstocks beispiel tritt der begriff des vorgangs, selbst der wirksamen handlung hinzu:
zürnt ihn weiser (macht ihn durch euren zorn weiser)
Klopstock oden 1, 103 M.-P.;
auf ungezähmten rossen, mit der flamme
des schwerts, zürnet hinter euch
ein zweyter Ferdinand aus diesem götterstamme
Ramler lyr. ged. 122;
zürne dich aus diesem ton der zerknirschung Klinger s. w. 2, 26.
3)
besondere verwendungen.
a)
gott zürnt: denn der herr wird sich auffmachen wie auf dem berge Prazim und zürnen wie im tal Gibeon Jes. 28, 21; herr wie lange wiltu so gar zürnen? und deinen eiver wie feur brennen lassen? ps. 79, 5; besser gott zürne mit uns, denn wir mit ihm: denn er ist barmhertzig Petri 1, a 4ᵃ, ähnl. 1 D 3ᵇ; G 1ᵃ;
zürnest du herr,
weil nacht dein gewand ist?
Klopstock oden 1, 136 M.-P.;
horch! der liebe gott zürnt, sagt man kindern, wenn es donnert Lichtenberg verm. schr. 5, 205 (vgl. 2 e). in weiterer verwendung, vgl.zorn II 10, sp. 102; zorn, wie Jesus Christus zörnte ..., zörnte mit liebe über die jünger Lavater verm. schr. 2, 401;
alles erzählt er den musen, und dasz die götter nicht zürnen,
lehren die musen ihn gleich bescheiden geheimnisse sprechen
Göthe 2, 128 W.
ähnl.: so wird (im kalender) ... zu lesen seyn, wie dasz die planeten uns so miszgönstig, ... bald zürnet die sonn Abr. a s. Clara mercks Wien (1680) 144; grosse herren sollen nicht gleich zürnen, wenn man nicht thut, was sie wollen Friedrich Wilhelm sprichw.-reg. (1577) u. nr. 270;
der wilde sinn des königs tödtet uns,
ein weib wird uns nicht retten, wenn er zürnt
Göthe 10, 34 W.;
(ich) muszte noch gott danken, wenn mein schwiegervater nicht zürnte 25, 163 W.; sie ... hörten ... nicht, dasz die herrin zürnend fragte: wer denn schon feierabend geboten? W. Alexis die hosen d. hrn. v. Bredow 1, 68.
b)
liebe zürnt, s. o. sp. 94: herr Reinmund aber soll rahten, was das seye, das da fliehet und verfolget wird, droht und bittet, ..., zürnet und erbarmet (antw. die liebe) Harsdörfer gesprechspiele 1, 285; wie sich das weib stellt, zurückhält, zürnt, nachgibt, wie sie löschend zündet, stillend reizt, ... das alles ... musz man hart neben einem der geisttödtenden romane lesen Gervinus gesch. d. dtschen dichtung 2, 228.
c)
das zürnen des bösen ist machtlos, man achtet nicht darauf:
lasst zürnen teufel und die hell:
gotts son ist worden eur gesell
Luther bei Ph. Wackernagel dtsches kirchenl. 3, 29:
gleichwol sprach er (Lucifer): 'nun zörn wer wöll,
disz hütlein bleibt doch unser gsell'
Fischart Jesuiterhütlein 973;
sprichwörtlich vom machtlosen zürnen: es sind zwo welt, eine zürnt, die ander gibt nichts darauf schöne weise klugreden (1548) 79ᵇ (ähnl. Göthe gespr. 3, 259 Biedermann); du must lang zürnen, bisz du einem ein bein abzürnest Petri 2, S 1ᵃ;
ohne macht und starke hand
ist mit zürnen nichts bewandt
Spanutius (1720) 634.
d)
einen besondern klang hat die bitte zürne nicht!: zürne nicht, herr, das ich noch mehr rede 1. Mos. 18, 30;
zürn nicht, mein man, bedenck dich basz
H. Sachs 6, 139 K.;
zürne nicht deinem unschuldigen weibe O. Ludwig 2, 444 E. Schm. unter liebenden:
ach, Doris, zörne nicht, ich habe mich vergangen
Rost verm. ged. (1769) 4;
sag an, geliebter, und zürne nicht,
was macht das herz dir schwer?
M. graf v. Strachwitz ged. (1850) 203.
sie wird zu einer formel der entschuldigung, überhaupt des höflichen ausdrucks: sy söllend nit zürnen, das ich sag pace horum dixisse liceat Maaler 524ᵇ; und zürnent nit, das ich euch frag Fortunatus 123 ndr.; zürnt nicht, ich nahm ihn leise weg Göthe 8, 9 W.; sie müssen mir daher nicht zürnen, wenn Humboldt an Welcker 67. mundartlich, im Elsasz und der Schweiz als abschiedsgrusz: zürnet nit Martin-Lienhart 2, 914ᵇ; Schmeller-Fr. 2, 1151; Seiler 329ᵇ: alde, lieben nachpuren und zürnend nüt Nikl. Manuel 519 Bächtold; behüt euch gott wohl und zürnet nicht! G. Keller 5, 163.
e)
sprichwörtliches: die langsam zürnen, zürnen lang sch. weise klugr. (1548) 126ᵃ (mehrfach belegt); bald zürnen ist halb angetast Eyering prov. copia 1, 14; die leichtlich zürnen, die reiten auch, aber nicht fern sch. weise klugr. 92ᵃ; kleine leuth zürnen bald 93ᵇ; ein schaaf zürnet auch Spanutius 529; nit zürnen und vil hören macht ain guͦten obersten G. Mayr sprüchw. (1567) E 7ᵃ. weiteres bei Wander 5, 647.
4)
syntaktische verbindungen.
a)
die person, gegen die der zorn sich richtet, steht im dativ: so zürnte ich für war dir nit klain Nikl. v. Wyle translat. 73 K.; dem wohlmeinenden minister zürnten beide parteien Treitschke dtsche gesch. 3, 417. ebenso der persönlich gedachte anlasz: sein stolzer geist zürnte der schwäche seines herzens Klinger w. 3, 14; nicht der trügerischen gestalt, sich selbst zürnt er und seiner thörichten leichtgläubigkeit fürst Pückler briefw. u. tageb. 1, 435. oder sie schlieszt sich an die präp. auf: der alwegen in sorgen ist, das sein freunt auf in nit zürne Tauler serm. (1508) 118ᵇ; was hab ich verbrochen, dasz sie auf mich zürnen? Göthe 38, 81 W.; zürne nicht auf einen vater, der sich in seinen besten planen betrogen findet Schiller 2, 19 G. seltener ist gegen und das veraltete wider: ir söllend nit zürnen gegen einander Zwingli dtsche schr. 1, 209; gegentheils zürnt er gegen die tyrannen Herder 12, 11 S.; zoren peinigt mer den menschen der da zürnet, dann den da wider man zürnet Albr. v. Eyb spiegel der sitten (1511) E 6ᵇ; wider einen zürnen, uber einen erzürnt werden succensere Maaler 524ᵇ; dass er wider einen ungerechten mänschen zörne Moscherosch insomnis cura 32 ndr.
b)
das persönliche verhältnis als einen gemeinsamen zustand drückt die präp. mit aus, vgl. mit einem streiten, zanken, s. th. 6, 2327: du ensolt mit keinem menschen zu̍rnen, unz er welle din rehtes oge us brechen Seuse dtsche schr. 105 Bihlm.; liebs weib, warumb zürnestu mit mir? Albr. v. Eyb dtsche schr. 2, 90 Herrmann; wer mit seinem bruder zörnet, der ist des gerichts schuldig Matth. 5, 22; an seine Marilis, als er mit ihr zürnen muste (überschrift) Chr. Weise der grünenden jugend überfl. gedanken 25 ndr.; zürnen könnt ich nicht mit ihnen, böse könnt ich nicht auf sie werden Heinse 9, 113 Sch. besonders mit gott, dem schicksal: hat er auch mit got gezürnet? Wickram 2, 132 B.;
.. beyher mit gott auch wohl gerechtet,
gezürnt, getobt, mich und die welt verwünscht
Lessing 3, 139 M.;
sieh, ich zürnte mit dem schicksal
Schiller 12, 101 G.
mit sich selber:
er seufzt, er stöhnt, er quält sich nur,
und zürnt mit sich und der natur
Lichtwer äsop. fabeln (1748) 46;
ich habe wider Nathan nichts.   ich zürn
allein mit mir
Lessing 3, 124 M.
in demselben sinne an, wie im mhd., veraltet und nur auf alemann. gebiet:
muͦter, zürnend nüt an mich!
Nikl. Manuel 137 Bächtold;
do nun der vatter des innen ward, zürnt er gar vast an des suns frow Tschudi chron. helvet. (1734) 1, 121; aber sie soll es einmal auch an der Gertrud nicht zürnen und es ihr nicht nachtragen, dasz sie seinethalben an sie gedacht Pestalozzi Lienhart u. Gertrud 3, 130.
c)
der anlasz des zornes wird heute allgemein durch über angeknüpft: das deshalben ein ehweib nicht so leichtlich darüber zörnen noch unwillig werden solt Fischart ehzuchtbüchl. 138 H.; über diese meine kranken worte zürnte der herr mit mir Göthe 43, 116 W.; die weichliche erziehung ..., über die Fichte ... zürnt Immermann 18, 106 H. in derselben bedeutung von personen: das ist der gröszeste zorn, wenn sich gott lest ansehen, als zürnte er nicht mehr uber die gottlosen Petri 1, A 5 b; er siehet diesen verrähter und bösewicht kommen, und zürnet nicht über ihn Schupp schr. (1663) 65; wie sehr ich über mich selbst zürnte Pfeffel pros. schr. 5, 89. seltener sind verbindungen mit wegen: ob er ihr wegen ihrer dazwischenkunft zürne G. Keller 6, 206. veraltet sind ab, ob, um: ich zürnen ab keinem ding mer, es gibt mir nichts mer ze schaffen Maaler 524ᵈ; das under denselben eins riters tochter was, die zörnet ab dem pretspil mit eim heiszköpffigem edelman Marquard vom Stein ritter vom turn (1489) b 2ᵇ;
darob Haincz Unru zürnen thet
H. Sachs fabeln 2, 399 ndr.;
so ergrimme und zörne ich ob meinem unvermögen G. Harsdörfer teutsche secretarius 2, 80; alsdenn soldestu gegen deiner hausfrauen umb ir miszhandlung auch nit zürnen Berthold v. Chiemsee 289; das man sein billich lachen und darumb nit zürnen soll Jac. Frey gartengesellsch. 7 lit. ver. vereinzelt halb: niemandt sol diser worten halb zürnen venia sit dicto Maaler 524ᵈ.
d)
der anlasz wird durch abhängige sätze ausgedrückt: du solt nit zürnen, was ich reden wirdt pace tua dixerim Maaler; du wirst doch nicht zürnen, ... dasz ich ihm ... deine briefe zu lesen gab? Pfeffel pros. schr. 9, 56; aber er zürnte, wenn jemand anders sie bemerkte A. G. Meiszner Alcibiades (1781) 1, 108.
e)
bis ins 14. jh. brauchte man dafür den acc. gr. 4, 613; Wilmanns dtsche gr. 3, 488:
... er theso dáti zurnta
Otfrid IV 35, 2;
ob du hettist gewünschet unt ouch bettist, das allú ding von gottes unt in gottes willen beschehen, unt ob es beschicht, das enzúrne nit meister Eckhart buch der göttl. tröstung 13 Strauch. das hat sich in der verbindung es zürnen in der Schweiz gehalten Sachs-Villatte dtsch-fr. wb. 2097: ich zürne dir es nicht C. F. Meyer nov. 2, 146 ; zschr. f. dtsche wortforsch. 2, 330. ältere belege:
das ers an üch nit zürnen wett
H. R. Manuel weinspiel v. 741 ndr.;
keiner zürne es Ulr. Bräker s. schr. 1, 273. damit steht nicht im zusammenhang der gelegentliche acc. bei Klopstock:
... nur Philo vermag, unüberwältigt vom schrecken,
diese worte zu zürnen
Messias 6, 133.
f)
die im mhd. mehrfach belegte verbindung mit dem genetiv wurde von dichtern des 18. jh. erneut:
desz zürnet Apollon
Bürger 219ᵃ Bohtz;
zürne des jünglings nicht
Hölty 90 Halm;
5)
refl. sich zürnen, im ahd. vereinzelt belegt gr. 4, 35, ist nicht selten im mhd., mhd. wb. 3, 908ᵃ, Lexer 3, 1202, sowie mnd., mnl. sik tornen Schiller-L. 4, 581ᵃ, Verwijs-Verdam 587. in neuerer zeit nur aus Österreich belegt: ich wünsche, dasz ... du dich mit deinen dienstboten nicht zürnst Mozart (an seine frau) bei O. Jahn Mozart 3, 171; zürnen sie sich nicht Ph. Hafner ges. lustsp. 1, 192. belege aus F. Raimund zschr. f. dtsche wortf. 12, 69. dafür sich erzürnen, verzürnen. s. auch Schmeller-Fr. 2, 1151.
6)
trans. zürnen wie erzürnen, gelegentlich mhd.:
er zürne in (den freund) dâ (insgeheim) vil sêre
und halte in vor den liuten wert
Spervogel minnes. frühl. 24, 2;
sêre daz zurnet in
Ottokar österr. reimchr. 75124 S.
lexicalisch angemerkt: concitare reiszen, czornen Diefenbach 139ᵃ; incitare 242ᵃ; exacerbare 213ᵇ; accuorare zürnen, ungeduldig machen Catelli it.-teutsch wb. 1, 13ᵇ. später noch:
ir wöllt aber mich zürnen nit
H. Sachs fastnachtsp. 452 ndr.
mundartl. Schmeller-Fr. 2, 1151: mich zürnt es, dasz dieser einzige Mozart noch nicht bey einem ... hofe engagirt ist Haydn bei O. Jahn Mozart 3, 313.
7)
das part. zürnend als adj. wie zornig:
doch sol man do kein zancken machen,
kein hader, krieg, zürnend gebrecht
Seb. Brant narrenschiff 29 Z.;
die zürnende see Schiller 3, 136 G.; zürnende blicke Fouqué altsächs. bildersaal 2, 28; eingehüllt in schwere rauchwolken, aus denen von zeit zu zeit ein fluch, ein zürnender ausruf ... sich vernehmen liesz Ebner-Eschenbach ges. schr. 3, 8; mit zürnendem blick Tieck schr. 19, 11; Herder 26, 348 S.; mit zürnendem abscheu Wieland Agathon (1766) 1, 37 u. ä. als subst. der, die zürnende.
8)
der inf. zürnen als subst. verwandt, früher in rein verbaler vorstellung: aus groszen und langen zürnen entspringet ein leibliche schiedung Barth weiberspiegel (1565) K 8ᵃ;
ouch nempt üch zürnens zuͦ mir an,
als ich üch unrecht hab gethan
Murner narrenbeschwörung 130 ndr.
in neuerer zeit von zorn kaum zu unterscheiden, meist in der dichtung:
stürmet die liebste mit heftigem zürnen
Venusgärtlein 16 ndr.;
doch der väter feindlich zürnen
trennte das verbundne paar
Schiller 11, 338 G.;
mit gerunzelt düstren stirnen
schaun die götter auf dich nieder,
dich bedroht das höchste zürnen
H. Heine 1, 314 E.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1931), Bd. XVI (1954), Sp. 671, Z. 25.

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Zitationshilfe
„zürnen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/z%C3%BCrnen>, abgerufen am 14.06.2021.

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