Deutsches Wörterbuch (¹DWB)

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verzaudern, vb.

verzaudern, vb.,
etwas durch zaudern versäumen, vorübergehen lassen und dadurch verlieren. präfixkompositum zu zaudern teil 15, sp. 393 (vgl. auch ver III 11 a teil 12, sp. 55). früheste vereinzelte bezeugung im 17. jh., auch später nur sporadisch belegt, heute ungebräuchlich:
verzauderst du dein heil, so dir gibt zeit und stunde
jetzt selber an die hand
J. Cats sinnreiche w. (1710) 1, 2, 36;
sein glück, seine wolfahrt etc. verzaudern Kramer t.-ital. 2 (1702) 1425;
und da sein junger freund
zu viele zeit ihm zu verzaudern scheint,
verwandelt er sich stracks in eine kleine motte
Wieland s. w. (1853) 11, 248;
wir wissen, wie so vieles ... aus eigennutz, herrschsucht oder furcht des augenblicks verzögert und ... auf immer verzaudert wird E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 3, 428;
lasz uns nicht, der zukunft harrend,
ungenützt die zeit verzaudern
C. Hepp weiszdorn (1890) 138.
in ähnlicher verwendung:
sie faszt die hand, dem knaben schaudert,
sie ziehet stark, der knabe lacht,
kein augenblick sein muth verzaudert,
er zieht mit seiner ganzen macht
A. v. Arnim s. w. 22 (1856) 135.
wohl nicht hierher, eher gelegenheitsbildung im sinne von 'verheddern, verstricken', vgl. verzoddern 'verwirren, verstricken' Frischbier pr. wb. 2, 497; auch verzeidern ebda 490: der grosze haufe solcher menschen, die nicht unterscheiden können, was recht oder link ist, dazu auch die vielen thiere in jener groszen stadt, machten einen knoten, der das trauerspiel der gerechtigkeit und wahrheit in den augen des ungeduldigen zuschauers, dichters und kunstrichters unter dem kürbis verwickelte und verzauderte Hamann schr. 2, 415 Roth-Wiener.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 14 (1954), Bd. XII,I (1956), Sp. 2449, Z. 56.

zaudern, verb.

zaudern, verb.,
anscheinend aus dem obersächsischen sprachgebiet hervorgegangene iterativbildung aus dem md., bei Jeroschin (s. Lexer 3, 1203) belegten starken verbum zûwen (intrans.) wegziehen, vorwärtsdringen, sich hinbegeben, einer ablautform zu ahd. zawên von statten gehn, sich eilen (s.zauen); d-einschub wie in haudern und schleudern. im nd. gilt die entsprechende l-form taueln, tauelken, auch das diminutivum tauken langsam sein, nichts fortbringen, langsam und zauderhaft sprechen (Richey 426; brem. wb. 5, 33, Schütze 4, 251), welches zu mnd. touwen eilen gehört. einige fälle mit -t- s. unten und unter zauderer; umgelautet zeudern, zeidern Frischbier 2, 489ᵇ, wo jedoch theilweise nd. tüdern vorliegt. aus der wiederholung der thätigkeit entspringt, wie bei zögern, der begriff des langsamen fortschrittes und der bedenklichkeit, welche die handlung hemmt. in bedeutung und gebrauch steht zögern (th. 16, 22) nahe; ferner säumen, das aber denjenigen bezeichnet, der ein geschäft nicht sofort vornimmt; andere synonyme s. unterzögern. erstes auftreten im kreise um Luther: hat er so lang damit (mit der herausgabe seiner schrift) gezaudert und verzogen H. Emser 1524 bei Luther 15, 172 W.; wo man aber auch gezautert, mehr zeitlichen nutz denn gots ehre gesucht 1525 akt. u. briefe z. kirchengesch. Georgs v. Sachsen 2, 467; bis zum sturm und drang über Obersachsen und das davon abhängige niederdeutsche gebiet kaum hinausgedrungen; nur der weitgereiste Nürnberger Harsdörfer (s. unt. 1) und später Bodmer nehmen das wort auf. bei Göthe in stärkster verwendung und in der gegenwart sehr gebräuchlich.
1)
ursprünglich ein örtliches verweilen, ein langsames vorankommen, einen aufenthalt bedeutend, entsprechend der etymologischen verwandtschaft; in diesem sinne einmal reflexiv: hat viel klappers gehalten ... oder hat sich gezaudert Luther (1528) 27, 230 W.;
hier das kameel träget eine schwere bürde, ...
zaudrend durstig durch die öde wüsteney
Harsdörfer frauenz. 7, 121;
überdem zauderte Conradinus fast den halben winter hindurch zu Verona S. Fr. Hahn teutsche staats-, reichs- u. kayserhistorie 4, 252; o tod, was zauderst du? v. Cronegk schr. 2, 21; den auf dem lande zaudernden ... helden Göthe 40, 321 W.; mit adverbialem zusatz: wir z. mit dem vieh auf der weide herum Chr. Weise Jacobs heyrath 17;
kriechend zaudre die raupe, der schmetterling eile geschäftig
Göthe 3, 87 W.;
geliebter, wo zaudert
dein irrender fusz?
Holtei erz. schr. 24, 251;
2)
doch schon früh (s. ob. Emser) auf eine thätigkeit bezogen, ein beweis dafür, dasz das wort schon vor 1524 im gebrauch war; das zögern, verziehen, warten mit der ausführung einer handlung, eines geschäftes bedeutend, a) ohne erkennbaren antheil des seelischen verhaltens: Pickelhering zaudert hefftig und macht alles sehr langsam J. G. Schoch studentenleben 60 Fabr.; dasz man in einem dinge, daran billig kein augenblick zu verseumen, dergestalt zauderte Chemnitz schwed. krieg 2, 382; mulieres dum moliuntur et comuntur: sie z., und wird mit der brüerey sein lebe kein ende J. Prätorius philos. colus 118; namentlich mit zeitangabe: eine weile ... z. Gaudy s. w. 4, 70; hast ... schon viel zu lange gezaudert fürst Pückler briefw. 4, 249; ein wenig Stifter s. w. 3, 26; auch zauderte der husar kaum eine secunde lang Holtei erz. schr. 13, 159; drei tage Mommsen röm. gesch. 2, 47; u. a.; b) unentschlossen zögern, sich nicht schnell entscheiden können: weil aber Abraham aus schwachheit des fleisches etwas zautert und nicht bald daran wil S. Gedicke postilla 1, 124ᵇ;
druͤm, dem der deutsche rosenstok ist lieb, was zauderstu,
dich einzugliedern auf das best in unsren rosenkreus?
Zesen Helikon. rosentahl 91;
man zaudert und zweifelt und kann sich nicht entschlieszen Göthe gespräche 7, 87 v. Bied.; zaudernde überlegung K. O. Müller Dorier 1, 196; dieses z. und zagen Spielhagen s. w. 2, 418;
3)
besondere constructionen: a) mit präpositionalem ausdruck:
wenn oft mit ihrer gunst Fortunas laune zaudert
J. G. Jacobi s. w. 5, 54;
(sie) z. mit der hülfe Börne ges. schr. 2, 57; dasz der baum so lange mit den früchten zaudert O. Ludwig ges. schr. 5, 323; wir dürfen jetzt in der sache nicht z. Göthe IV 28, 248 W.;
(mein rosz,) das zu keinem kampfe zaudert
Tieck schr. 1, 320;
b) sehr geläufig ist folgender infinitiv mit zu: ich hätte nicht so lange gezaudert, den lodernden flammen zu folgen Sal. Geszner schr. 1, 77; ich zauderte noch mich zu entfernen Göthe 24, 31 W.; c) ungewöhnlich unpersönlich: auch zauderte es mit der rechnung J. J. Chr. Bode Jones 4, 406; d) trans. (vgl.zögern th. 16, 25): das ziel, dem mich die postkutsche entgegenzauderte Roszmäszler mein leben 31;
4)
gern negiert, wie zögern (s. th. 16, 24):
doch zaudre nicht! sey schnell vor allen dingen
Shakespeare 1, 248;
rasch herein und nicht gezaudert!
Göthe 16, 228 W.;
ich zaudere nicht länger, ihnen zu schreiben IV 15, 10 W.; so den sofortigen beginn einer handlung bezeichnend; auch: der mann zauderte nicht, stach dem knaben das messer in die brust W. Grimm sag. 1, 99;
nun zaudre nicht und komm mit mir
Göthe 2, 33 W.;
unverkennbar tritt auch die neigung zu rhetorischer frage oder ausruf hervor: warum z. wir? Lessing 2, 272 M.; ohne umstände! — donner! was zaudert ihr! Klinger w. 1, 11;
5)
seltener erscheint ein unpersönliches subject:
die tugend zaudert nicht; sie brauchet alle stunden
Neukirch ged. 273;
die briefe z. jetzt unerträglich (werden langsam befördert) Göthe IV 17, 174 W.; soll der dank ... nicht z. IV 29, 18 W.;
6)
nominale verwendung a) als participium präsentis, durchaus wie bei zögern: das zaudernde geschick Hoffmannswaldau ged. 7, 132; worauf der eilende engel in jede hand eines von unsern zaudernden eltern fassete Bodmer wunderb. 429; er schrie über den zaudernden Fabius Haller Fabius u. Cato 34; hielt ... zaudernd inne Göthe 21, 125 W.; mein zauderndes zurückreisen 24, 197 W.; b) als infinitiv, dessen substantivische natur durch attribute erwiesen wird, während der begriff des zauderns in ihnen sich nach allen seiten spiegelt: schob alle schuld auf sein bisheriges z. S. Fr. Hahn teutsche staats-, reichs- u. kayserhistorie 4, 143; von dem langen z. und säumen Gottsched beob. 282; nach vielem vergeblichen z. Nicolai Seb. Nothanker 3, 109; über das ewige z. ungeduldig Lessing 17, 151 M.;
ekles schwindeln zögert
mir vor die stirne dein zaudern (hsl. haudern)
Göthe 2, 65 W.;
nach einem orientalisch klugen, vorsichtigen z. 7, 194 W.; durch z. und zagen 19, 62 W.; formelhaft: ohne z. Storm w. 1, 47; allgemein gebräuchlich; sein z. Häusser dtsche gesch. 2, 3920;
7)
lexic.: cunctari Schottel 1447, cunctari, morari, negligentem esse Stieler 2603, Kramer 2, 1425ᶜ, Ludwig, z. verziehen Spanutius 174, Apinus 557, Frisch, Steinbach, Schwan, Hübner³¹ 4, 999ᵇ, Adelung, Campe;
8)
unverwandt und blosze nebenform zu zauern: denn da einer nur zaudern und einen unlust uber den andern anrichten und mit feusten das kraut oder eyer im schmaltz dem andern fürlegen wil Mathesius hochzeitspr. 146 Lösche;
auf alle menschen schimpft und sich mit allen zaudert
J. Fr. Löwen schr. 3, 31;
schimpfen, schelten, mit lauten worten zanken.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1927), Bd. XV (1956), Sp. 393, Z. 76.

zeudern

zeudern
s. zaudern (sp. 394).
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1936), Bd. XV (1956), Sp. 825, Z. 32.

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„zaudern“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zaudern>, abgerufen am 19.09.2020.

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