Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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zeitung1, f.

¹zeitung, f.,
1) reife, reifung; da erst im 16. jahrh. belegt, kaum echte ableitung von mhd. *zîten, ahd. *zîtôn zur reife bringen, sondern nach dem muster von mhd. manunge u. a. gebildete ersatzform für zeitigung, wofür der unter ²zeitung 3 erwähnte eintritt von zeitigung für ²zeitung spricht: die ander art ist des sommerhonigs, welcher von wegen der fruͤhen z. der stundhonig genannt würt Eppendorf Plin. 11, 181; nim holderbluͤt, wann sie in bester volkomner zeytung ist W. H. Ryff confectb. 85ᵇ; begeb es sich aber, dasz den schwangern weibern ire z. oder blumen zu hefftig wuͤrde flieszen J. Ruoff hebammenb. 134; baumfruͤchte ... zur z. bringen v. Hohberg georg. 3, 307ᵇ; fruͤchte (des lorbeerbaums) ... zur reiffe und z. bringen Amaranthes frauenz.-lex. 1170; 2) zeitlage, zeit, jahreszeit, witterung; wol wie feldung (th. 3, 1491), gastung gesamtheit der gäste im wirtshaus Jer. Gotthelf ges. schr. 1, 335, holzung (th. 4, 2, 1783), landung grund und boden neumärkisch, waldung (th. 13, 1202) ein collectives denominativum, also von zeit abgeleitet mit der bedeutung 'zeiten': dese vurworde die gelove wir ze haldene ... den ... juden die zîdinge, de sy van uns haint (Köln 1327) Germania 27, 188; dat ons got ... moiste ... verlênen ... eine goide zîdonge (gegensatz ein duire zit; Köln 1438) chron. d. st. 13, 179; (Chemnitz 1474) cod. dipl. Saxon. II 6, 222; umb diese z. J. Schenk ein schone cronica (1522) 8, auch 38; mitler zeydtung Spalatin Melanchthons anweis. in d. hl. schrift (1523) 80; (gott) hat ... vom himel regen und fruchtbare z. (erst nach 1720 in zeiten geändert) gegeben Luther apost. 14, 17; es werden liechter an der feste des hymels ... und seyen zu zeychen, zeyttungen (bis 1527; 1534—1540 monden, 1545 zeiten), tagen und jaren 1. Mose 1, 14; wie man nu das jar mag scheyden und teylen, das heiszen zeittungen (1527) 24, 43 W.; zuo lessten tagen ... werden einfallen grawssam zeytung Berthold v. Chiemsee (1528) 107;
wir muͤssend all sunst gott vertruwen,
mit übelzyt das unser buwen;
uff das sunst gsyn sind boͤse jar
mit schwerer zytung und gefar
J. Ruoff spiel v. Wilh. Tell (1545) v. 345 (Bächtold schweiz. schausp. 3, 70);
in den tagen und z-en des ersten monats (der schwangerschaft) ders. hebammenb. 24.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1931), Bd. XV (1956), Sp. 590, Z. 67.

zeitung2, f.

²zeitung, f.
ein zuerst im gebiet der kölnisch-flämischen handelssphäre in der form zîdinge, zîdunge begegnendes wort, das aus diesem grunde als ein lehnwort aus mnd., mnld. tîdinge, f., botschaft, nachricht angesehen wird. die grundbedeutung folgt aus dem verhältnis des ags. tídung, f., nachricht (noch in ne. tidings, plur., nachricht) zu dem ags. verbum tídan sich ereignen, so dasz z. also ursprünglich so viel wie 'bericht von einem ereignis' besagt. indessen erweisen einige fälle noch bewahrung der urbedeutung ereignis: habt ir mir befohlen, das ich euch alle zeittung, so sich allhie teglich bey uns zutragen würden, zuschreiben solte (1522) bei P. Roth d. neuen zeitungen 14; jemmerliche z. hab ich gesehen (1542) ebda 15. besser fernzuhalten ist das mnd., mnld. verbum tîden sich wohin begeben, nach etwas streben. für sich steht das stammverwandte altn. tíđendi, n. plur., ereignis, bericht, nachricht, das wol auf das altn. adj. tíđr was sich ereignet zurückgeht; dieses heimische wort lebt in dän., norw. tidende nachricht, zeitung fort, während das gleichbedeutende schwed. tidning über älteres tidhing aus dem mnd. tîdinge herkommt. lautung und flexion des deutschen wortes entsprechen dem üblichen sprachgeschichtlichen bilde: -d- rheinaufwärts bis in die Pfalz, -î- in den md. und alem. bezirken, welche nicht diphthongieren; -e des sing. noch Luther 15, 396 W., Bäumker kathol. kirchenlied 2, 110; starke flexion des plur.: da teglichs newe zeytung kamen Luther 18, 231 (aber -en 18, 465), 23, 422 W., H. Sachs 8, 167 K., Schweinichen denkw. 170 Ö.; sogar noch B. Schmolcke schr. 1, 643; anderseits -en schon 1403 Marienb. treszlerb. 240 J. vereinzelt ge- (Nürnberg 1509, Dresden 1515) E. Weller d. erst. deutsch. zeitgen. 9; 22; 29; öft.; s. th. 4, 1, 6946. die nd. wörterbücher bewahren für die bedeutung 1 noch die heimische lautform (tiding Frischbier 2, 401ᵇ, sonst -ung).
1)
kunde, botschaft, nachricht, a) mündliche:
ee Avê bracht de waraftige zîdung
bruder Hansens marienlieder 1321;
zîding 2673 (letztes viertel des 14. jahrh.s, ripuarische sprache); (die abgerichteten vögel brachten ihm) die tzijdonge, wer wir weren pilgerfahrt d. ritt. v. Harff 77; ouch worin vil und manchirley louffe und czitunge, das zu lang were ... czu schrybene (1401) script. rer. pruss. 3, 252;
ik sede en de tydynge
Reinke vos 377; 3532;
frolich z. sagen Luther 34, 2, 497 W.; auch hatten sie noch kein z. von unseren heiligen Fischart binenk. 171ᵇ; (da) kam die z., dasz man den wirth ... gefangen genommen Grimmelshausen 3, 450 K.; da erzehlet man die lieblichste zeittungen Moscherosch ges. 2, 466; ich verwarne euͤch ..., dasz ihr ... nicht alle winckel auszlauffet nach zeittungen ders. ins. cura 67 ndr.; bis in die neue zeit gebräuchlich, doch von Göthe nach Wilhelm Meisters lehrjahren gemieden und so von Adelung wb. 5 (1786) 360 als in der edlen schreibart veraltet bezeichnet; aber bei Schiller in übereinstimmung mit dem nach H. Fischer 6, 1114 noch gegenwärtig fortlebenden gebrauch seiner heimat beliebt; im 19. jahrh. oft nur in bewuszter erneuerung; vgl. häufig z. bringen (wie oben): Reinicke fuchs (1650) 239; Gryphius trauersp. 300 P.; bisz ... eine fluͤgende z. sich in der stadt ausgebreitet haͤtte Lohenstein Arm. 2, 1378ᵃ; falsche z-en aussprengen Kramer teutsch-it. 2, 1442ᶜ; eine grosze z. J. E. Schlegel w. 5, 260; ebenso Schiller 12, 194 G.; die z. des siegs verkündigen 8, 191; ferner 2, 15. 354; 4, 232 G. u. öft.; Göthe (1772) IV 2, 32; (Reineke fuchs) 50, 97. 121; (1796?) 22, 288 W.; A. v. Arnim w. 6, 70; Platen 2, 245 R.; Freiligrath ges. dicht. 4, 95; W. Scherer litg. 126; Melch. Meyr erz. a. d. Ries 2, 319; Wildenbruch generalfeldob. 4, 3; präpos. verbindungen: auff soͤlche ... zeytung eylet ... Stumpf Schweizerchron. 19ᵇ; auf diese z. aufmerksam Göthe 22, 31 W.; so truge sich ... ganz Rom mit der z., dasz ... A. U. v. Braunschweig Oct. 1, 2; liesz ... seine gemahlin zur guten z. wissen Lohenstein Arm. 2, 625ᵇ; nach ... frembden z-en fragen Chr. Weise erzn. 31 ndr.; bei der ersten z. von seinem tode Gellert w. 8, 244; im bes. gute z.: gute z. bringen evangelizare Reyher thes. p 2ᵛ ᵇ;
(ein englischer bote) kömt gesandt von dem höchsten gott
und gute zeitunge bringt
W. Bäumker kathol. kirchenlied 2, 110;
habe dank
der guten zeitung
Lessing 3, 144 M.;
Tschudi chron helv. 1, 299; vgl. evangelium ein gute bottschafft, froͤliche z. Calepinus XI ling. 497ᵇ; wie im vorhergehenden auf die zuverlässigkeit des berichtes nachdruck gelegt wird, so wird von anfang an betont, dasz die z. neues bringe: der eyne (bote) zog ken Polan ..., umbe nuwe zytunge zu dirfaren (1402) Marienburg. treszlerb. 182 J.; wisset ..., daz ich uch hie mit diessem briefe schicken ein abeschrift, da in ir wol werdet hoͤren nuͤwe ziduͤnge (Frankfurt a. M. 1412) deutsche reichstagsakten 7, 188; zusammengerückt: sonst weisz ich wenig guter neue-zeitung in der welt Luther tischred. 1, 65 F.-B.; ebenso Frisius 1040ᵃ; neue z. ferner sehr geläufig, vgl. H. Sachs 12, 218 K., oft; das alter ... erfert ... alltag newe z. sprw. klugred. 144ᵃ; Mathesius Sar. (1571) 14ᵇ; die neue und unerhörte z. Simrock volksb. 1, 38; boͤse newe z. Petri d. Deutsch. weiszh. E e 3ʳ; wer newe z. will wissen, der erfahre sie in balbierhaͤusern, badstuben, bachoͤffen, sechswochenbetten und tabernen Lehmann flor. (1662) 3, 472; im 18. jahrh. bereits selten: disc. d. mahlern 3, 104; nije tidungen drägen gerüchte ausstreuen, herumplaudern Dähnert 485ᵇ; nîe tîen neuigkeiten Schambach 230ᵃ; nee tieden Schütze 4, 259; dann noch bei v. Ayrenhoff w. 1, 134; die neuesten z-en von einer person J. E. Schlegel w. 3, 382; syn.: gut zeittung, newe mer H. Sachs fastnachtsp. 1, 113 ndr.; bottschafft, maͤr, neüwe zeytung Frisius dict. 887ᵇ; b) schriftliche (nicht immer deutlich): herzog Swittirgals schriber ..., als her unserm homeister zitungen us Polan brochte (1403) Marienb. treszlerb. 240 J.; (1454) script. rer. pruss. 4, 129; wir dancken auch uwer beider liebe der z-e uns mitgeschickt (1473) Steinhausen privatbr. 1, 113; brieff, der boͤse zytung anzeigt Frisius 775ᵇ; an montage Urbani sint disse zithunge durch ware schrifft und botschafft kegen Norenberg komen K. Stolle thür. chron. 139 H.; innhalts der uns vorgewiesenen z. acta publ. d. schles. fürsten 2, 213; muͤndliche und schrifftliche z. H. Rätel Curäi chron. 431; ahn matante diesze schöne zeittung geschrieben Elis. Charl. v. Orleans 6, 10 H.; von myr hab ich nichts sunderlich newer tzeyttung (1522) Luther 10, 2, 60 W.; 15, 396 W.; u. a.; z. auch schriftliche (oder mündliche) nachricht von einem schiffe auf fahrt: J. Hübner cur. u. real. lex. (1714) 1730;
2)
a)
unter der bezeichnung neue z. (nova, relatio, aviso), was soviel wie actuelle nachricht besagt, beilage zu briefen (s. 1 b); solche beilagen wurden wegen ihres allgemeinen inhaltes (kriegsereignisse, religiöse und politische vorgänge, curioses, entdeckungen) seit dem 15. jahrh. von den empfängern schriftlich, danach durch den druck vervielfältigt (erste gedruckte newe zeytung 1502 unter diesem titel, 1482 Augsburg ohne diesen) und verbreitet, jedoch erst seit den 80er jahren des 16. jahrh.s zu regelmäszigen (noch geschriebenen und für einzelne empfänger bestimmten) wochenberichten ausgestaltet. deren gewerbsmäszige drucklegung und vertrieb schuf die z. im modernen sinne: die älteste gedruckte z. erschien 1609 in Straszburg. zu diesen echten neuen z-en gesellen sich, gleichbenannt, chronikartige berichte, amtliche und private flugschriften, politische und religiöse streitschriften; sogar historische volkslieder erhalten den untertitel neue z.; s. hierzu P. Roth d. neuen zeitungen in Deutschland im 15. u. 16. jahrh. (1914). beispiele von 'briefzeitungen' als flugschriften: new zeittung von Leyptzig. dem wirdigen hochgelarten herrn Johan Cochleo Luther 26, 539 W.; neuer z. schicke ich ein theil, wie sie allhier gedruckt sind wider h. Heinrich von Braunsweig (1539) br. 5, 209 W.-S. und dessen satire new z. vom Rein (1542); des vertriebs: die neuen z-en und die jahrbuͤcher schreyet man auff der gassen aus Chr. v. Ryssel seelenfried. (1685) 158; titel einer echten neuen z. von 1523 (Roth 26): newe zeyttung ausz dem Niderlandt, ausz Rom, ausz Neapolis, ausz der Newenstat, ausz Oesterreych; zum inhalt vgl. eine newe z. vom Türcken oder vom könige aus Frankreich Luther 28, 625 W. beachtenswerth ist der an sich zu erwartende plur. newe z-en aus mancherley orten Weller 333 für eine echte sammelzeitung von 1592; auch zeitung ist zunächst plur.: newe tzeitung seyndt kommen (1509) Weller 13; jedoch setzt sich bald der sing. durch. auch neu bleibt schlieszlich fort, ein früher fall von 1532 bei Weller 105, von 1538 bei Roth 13: z. ausz Straszburg gen Speyr und furter an andere meer ort geschriben; b) im folgenden einige beiträge zur sach und sprachgeschichte von z. als einer regelmäszig, jetzt meist täglich erscheinenden druckschrift mit nachrichten von tagesereignissen und berichten aus dem politischen, gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und geistigen leben: z-slust und -nutz Stieler (1697); Berlinische privilegierte z. von staats- und gelehrten sachen; z. für die elegante welt Justi Winckelmann 1, vii; gelehrte z-en Th. Abbt verm. w. 1, 28; eine litterarische z. A. W. Schlegel im Athenäum 2, 286; la gazette, les nouvelles, die avisen die z. Duez nomencl. (1652) 152; z. ephemerides novarum rerum, diaria, relationes publicae Apinus gloss. (1728) 557; — in öffentlichen z-en Liscow schr. 8; — in gelehrten z-en, journalen ... sah man stolzmitleidig auf mich herab Göthe II 4, 305 W.; die schuldner haben ... seinen namen in allen z-en bekannt machen wollen Lenz 1, 47 T.; geschichten in unsere z-en ... setzen Zimmermann nationalstolz 66;
und liesz es in die zeitung rücken
Pfeffel poet. vers. 3, 142;
wenn sein beruͤhmter nam durch alle voͤlker geht,
in allen zeitungen sennor Spavento steht
Rachel sat. ged. 75 ndr.;
die floskel 'es steht in den z-en' übte in jenen tagen gar entsetzliche gewalt Holtei erz. schr. 23, 192; — z-en ... lesen Göthe III 1, 294 W.; (etwas) in den ... z-en ... lesen Bismarck ged. u. erinn. 2, 43 volksausg.; hat es mir ... aus der z. vorgelesen Petrasch lustsp. 1, 4;
wir halten die Jenaer zeitung
hier in der hölle
Göthe 5, 1, 259 W.;
volksthümlich: lebendige z. schwätzerin Martin-L. 2, 919ᵇ; H. Fischer 6, 1114; dorfzittig klatschbase Seiler Basl. mda. 326ᵇ; Martin-L. 2, 920ᵃ;
3)
schwäb. 16. jahrh. nicht selten dafür die form zeitigung: newe zeitigung waisz ich anders nit H. Hofmann bauernkrieg 340; newer zeitigung waisz ich e. gn. nichtz sonders zu schriben (1525) G. Blarer briefe u. akten 1, 35; weitere zeugnisse aus dieser zeit bei H. Fischer 6, 1111 und th. 4, 1, 6946, wo auch eine form ge- angeführt wird; s. ¹zeitung 1.
4)
zss.: bier- (studentisch), literatur-, modenzeitung u. a.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 4 (1931), Bd. XV (1956), Sp. 591, Z. 33.

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Zitationshilfe
„zeitung“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zeitung>, abgerufen am 23.07.2021.

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