zerren verb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1932), Bd. XV (1956), Sp. 744, Z. 48
ruckweise und anhaltend ziehen; ein westgerm. wort (ahd., mhd. zerren; mnd. terren zanken, streiten [beleg. s. unt. 5 c]; mnld. terren foltern, quälen, plagen; me. terren, bei Shakespeare tarre, reizen; entlehnt sind norw. dial. und isl. terra), das als *tarrian anzusetzen ist und sich als ableitung aus der wurzel germ. *ter- in zehren (sp. 466) über das substantivum *tarr, zarr, m., risz, abgerissenes stück, mhd. zar, gen. zarres (mit intensivierender verdopplung des r?) erklären läszt. daneben hat sich im mnd. ein jüngeres *tirren, das als tirre reizen ins dän. übergetreten ist und im nordnds. fortlebt, anscheinend als blosze zwillingsform in der formel terren unde tirren, gebildet; vgl. tirren un taren zerren, foppen, necken Mi 92ᵃ; tirrn, tarrn necken, reizen C. Schumann Lübeck 79; tiren, teren (mit vocallängung vor doppel-r) ziehen, zerren, plagen brem. wb. 5, 73; tieren zerren Schütze holst. id. 4, 259. rein lautlichem wandel dagegen ist die bair. form zirren entsprungen (geziret jüng. Tit. 5032; alte und junge belege bei Schmeller-Fr. 2, 1146). häufig bezeugt ist der übergang von e ˃ a, nicht nur im nd. (tarren [neben targen] zergen, zu zorn reizen, foppen brem. wb. 5, 26; Richey 305; tarren zanken, terren vexieren, böse machen Strodtmann 242; C. Schumann 79; taren [˂ tarren] Mi 92ᵃ; tarren Dähnert 484ᵇ) und md. (zarren [daneben zarrjen] Kehrein 1, 451; Schmidt westerw. 336; zaren zerren, zanken Fr. Kramer Bistritz [siebenb.] 143; zarren zerren, ziehen [gegend v. Halberstadt] nd. jb. 34, 102ᵇ; zarren quälen, necken [Neumark] zs. f. d. mdaa. 1910, 33), sondern auch obd. (bair. zarren in der sonderbedeutung reizen, necken Schmeller-Fr. 2, 1146; zarrn ziehen, schleppen, bes. von raubthieren Lexer kärnt. 263; Unger-Kh. 643ᵇ; zarren zerren, mit sich reiszen Loritza n. id. vienn. 145ᵇ). ursprüngliches -a- aber kommt z. in der bedeutung spannen, sperren, eng sein (mhd. zarren mhd. wb. 3, 905ᵃ; Lexer 3, 1032; s. sp. 283) zu, da hier ahd. *zarrôn (vgl. die mischbildung gizerrot laciniosus Graff 5, 692) zu grunde liegt. dehnung vor -rr- hat auszer im nd. in der nördl. Schweiz und dem südl. Schwaben platz gegriffen, vgl.:
so hülends alle wie die hund,
zerends einandren usz dem schlund
H. R. Manuel weinsp. 2755; 3877 ndr.;
wo der baͤr dareyn (in die netze) falt, zablet, zeert, sich verwicklet Forer Geszners thierb. 17ᵛ; Frisius 480ᵃ; gezaͤrt J. v. Schwarzenberg teutsch Cic. 36ᵛ; da musz sich das gesicht ... reiben lassen, ... ziehren lassen, zaͤhren lassen, ziehen lassen A. a s. Clara Judas 1, 101; auch pfälz.: zehren Elis. Charl. v. Orleans br. 2, 368; s. hierzu auch zehren (sp. 466). prät. und flect. partic. perf. zeigen regelrecht -a- infolge unterbliebenen umlautes bis zum beginn der nhd. periode (noch: wier ... zarten mit einandren Th. Platter 7 Boos; beispiele für übertritt dieses -a- auf zehren s. sp. 467). die mannigfache bedeutungs- entfaltung läszt sich bei annahme zweier grundformen, *tarrian 'einen risz oder spalt (s. ob. *tarr, zarr) machen' und *tarrôn 'einen risz oder spalt haben', verstehen; aus der ersten ergab sich der sinn 'reizen, zanken' wie bei zanken (s. sp. 235). wenn diese bedeutung im nd. sprachgebiet allein gilt, so mag darin der einflusz des hier vorwiegenden tergen (s.zergen) zu spüren sein, und die formen tarren, taren mögen da, wo ein targen daneben bezeugt ist, aus diesem geflossen sein; doch ist damit auch dort ein selbständiges terren wol nicht ausgeschlossen. sicher bezeugt ist terren im mnd.: t. zanken, streiten Lübben-W. 403ᵃ, woneben terlen zerren, reiszen ebda; s. auch 5 c; sicher auch im modernen dialekt: tärren (neben tärgen) Danneil 221ᵇ; Westprignitz tärren einen hund reizen; terren (und tarren) Strodtmann 242.
1)
nur in älterer sprache in der bedeutung zerreiszen:
sîn gewâte er zarte
Wien. genes. 55, 19 fundgr.;
vgl. ein gezartez tuoch 21, 4;
si zarte diu kleider in der nât
Hartmann v. Aue d. arme Heinr. 1193;
mhd. wb. 3, 904ᵃ; Lexer 3, 1076; Schmeller-Fr. 2, 1146; oberschwäb. stadtrechte 1, 26; Schmid schwäb. wb. 543; noch: er zart seine klaider vor groszem laid U. Füetrer bayer. chron. 14; die schollen mit der egen gezerret und zerrissen v. Hohberg georg. cur. 3, 44ᵃ;
2)
auseinanderziehen, ziehen, reiszen, a) mit präpos. oder adverb. bestimmung:
Seyfrid greyff in die wunden
dem ungefuͤgen man
und zert ims von eynander
hürn. Seifried 36 ndr.;
er zarte abe sîn gewant
Iwein 3235; 5053;
gesta Rom. 107 K.; so vielfach in vb. mit präpos. adverbien: wann ... die saͤw ... alles ... herumb z. Sebiz feldbau 42; hinweg-, heran-, herbey-, herauszerren, hin und her z. Stieler 2316; vgl. übertr.: dergleichen anlässe ... z. einen doch in gedanken hin und her Göthe IV 27, 345; 3, 162 W.; sowie mit präpositionen zur bezeichnung der richtung woher: und zerret die hundshut gancz ab im Steinhöwel Äsop 233 Ö.; (der wind) zert baum usz der erden (Augsb.) chron. d. st. 4, 117; zerrete den schimmel ... aus dem stall Jean Paul flegelj. 1, 86 ; und wohin: viel jungfrauen zerten sie in den ... tempel S. Franck chron. Germ. (1538) 151ᵃ; (er) zerrt mich hinaus in den garten Göthe 13, 2, 288 W.; einen zur richtstatt, vor den richter z. Kramer teutsch-it. 2, 1444ᶜ ; b) selbständig im sinne von reiszen, dehnen, recken: pass. 299, 66 K.; geläufig vom leder, der körperhaut:
juristen sind wie schuster, die zerren mit den zähnen
das leder, sie die rechte, dasz sie sich müssen dehnen
Logau 489 E.;
sie haben die ohrlappen mit groszen loͤchern durchboret, gezerret und sehr weit herunter hangend gemacht J. A. v. Mandelslo morgenl. reisebeschr. 100 Olearius; andere objecte: weil die falten ... durch ihre schwere gezerrt sind Sturz schr. 1, 53; statt denjenigen, den er zu sich herauf heben will, sachte durch die mittlern stufen zu führen, so zerrt und reckt er ihn oft nur Göthe 40, 242 W.; übertr.: die woͤrter eurer ... muttersprache ... auszdaͤhnen, z. oder auch wol zusammenschrauben J. Rist n. teutsch. parnasz b 8ᵃ; Schubart ästh. 374; die gezerrte und ... verzerrte form seiner (Jean Pauls) bücher H. Laube ges. schr. 1, 177 ; selten:
der hofhund knurrt
und bellt und zerrt die kette
J. H. Vosz s. ged. 4, 42;
aber berechtigt, weil die gefahr des zerreiszens droht:
dich den anger hin zu führen,
wo der dorn das röckchen zerrt
Göthe 1, 146 W.,
während ohne diese eine präposition im gebrauch ist (s. d): zu beachten ist noch die vb. das maul, den mund z., d. i. aufsperren:
und (vrowe Girde) hât iren munt gezerret,
so wîden ûf gesperret
der sünden widerstreit 1141 Z.;
alle, die mich sehen, spotten meyn, z. (verbessert in sperren) das maül (später: sperren das maul auf) und schutteln den kopff (ps. 22, 8) Luther bib. 1, 474 W.; vgl.:
sie zerrt das lippenpaar bald hin, bald wieder her,
bald hoch, bald in die läng, bald zu, bald in die quer
Rachel sat. ged. 132 ndr.;
die augen aufsperren: er zarret die ougen Vogelsang-Cochläus gespr. v. J. Hussen 13 ndr.; das gesicht verziehen, ein gesicht schneiden:
er heulte, zerrt ein scheuszlich
gesicht
mal. Müller w. 2, 168;
gräslich zerrt er die geberden
Göthe 37, 16 W.;
z. bedeutet wol hin-, in spannung halten: so red sie doch, ohne mich zu z. Klinger n. theat. 2, 129; c) ein loch reiszen: er ... zarte loͤcher darin Seuse d. schr. 58 B.; vgl. alt: der wissage zarte einen zarr, ein stücke des mantels, her abe Berthold v. Regensburg 1, 463 : so auch: (die dachse) reiszen und z. inen eyn gut stuck ausz den hosen Sebiz feldbau 602; d) gewöhnlich wird der gegenstand, den der ruckende und wiederholte zug erfaszt, mit der präposition an verbunden: H. R. Manuel weinspiel 78;
da zerret an der glocke strängen
der aufruhr
Schiller 11, 317 G.;
sie z. an meinem ruhm Göthe gespr. 5, 65 B.; zerre nicht so an meinem rock H. Laube ges. schr. 8, 9; an ihrer kette z. G. Freytag ges. w. 13, 165; diese construction ist aus der älteren, in welcher noch der acc. der person auftritt, entstanden:
weisz, frisch, wo man si zert
Oswald v. Wolkenstein 30, 25 Sch.;
ich zerr ihn bei der krause
vor euern furchtbarn thron
Göthe 12, 155 W.;
mein vater, der mich am arme zerrte H. Laube ges. schr. 1, 6 ; zu 3 führt hinüber: wenn sie an mir z. und nergeln Bauernfeld ges. schr. 5, 226; e) in Thüringen ist z. für ziehen eingetreten: die pferde können den wagen fast nicht z. Spiesz henneb. 288; z. 'üblicher alsziehen' Hertel Salz. 52 ; Thür. 263; daher ebda zerrkuh ziehkuh;
3)
einen menschen, einen hund u. a. thiere quälen, reizen, necken, jem. inständig anliegen; a) ausgangspunkte dieser abgeschwächten bedeutung sind das innerliche reiszen und der angriff von auszen auf den körper mit packen, greifen und reiszen, vgl.: da ... reis in (den besessenen) der teufel und zerret in (elisit ... et dissipavit) Luk. 9, 42: sehet ..., wie das boͤse gewissen diese schandverraͤhterin zerret und reiszet Bucholtz Herkulisk. 1344;
wie hat das ehvolck gmacht ein hauffen
mit reiszen, zerrn, schlagn und rauffen
H. Sachs 9, 42 K.; 19, 313 G.;
dem hier berührten begriff streiten auch in der construction gleich:
dasz ich mit euch zerr
Fischart Eulensp. 82 H.;
sodann wieder: sie zerrten und stieszen ihn W. Alexis hos. 1, 77; wol auch noch ebenso das zupfen und reiszen an gewand und armen meint: Felix ... zerrte seine gespielin so lange, bis diese nachgab, zu ihm kniete und ihm vorlas Göthe 23, 87 W.; b) der bedeutungsübergang ist vollzogen, wenn gebärde und wort die körperliche berührung ersetzen: wie man ein jung kind mit einem apfel zu z. pflegt, dasz man ihme den beut und giebt und doch wieder nimmt polit. corresp. Moritz v. Sachs. (1545) 2, 301;
wer sich an thorn und narren reibt,
sie irritiert und zerret viel,
musz hoͤrn, was er nicht hoͤren will
Hollonius somnium vitae hum. 33 ndr.;
zerre keinen mit einer unwahren nachricht Knigge rom. 2, 35; einen hund z. canem irritare Stieler 2315;
(die frösche) zerten so mit dem wasserklangk
die waltvoͤglein zum kampfgesangk
Rollenhagen froschmeus. C 6ᵇ;
die bedeutung menschen und hunde reizen herscht in den nd. und md. mdaa. vor, auch obd. kennen sie neben der grundbedeutung reiszen, so Schmeller-Fr. 2, 1146 in der nebenform zarren, während zerren und zirren für reiszen und zerreiszen dient; ferner z. necken, zum zorn reizen H. Fischer 6, 1143; zehren (auch ab-, aus-, ver-) foppen, zum besten haben Stalder 2, 467; zumeist geben die dialektwbb. die bedeutung zanken an, so auszer den eingangs angeführten noch Albrecht Leipz. 240ᵃ; mit jem. z. Weinhold 108ᵇ;
4)
von hier aus gewinnt z. in hd. mdaa. die bedeutung verdrieszlich sein Schmid schwäb. 547; ärgerlich thun, ungeduldig werden H. Fischer 6, 1143; aus zorn weinen Unger-Kh. 649ᵃ; weinerlich thun Hertel Thür. 263; mürrisch weinen Kleemann 25ᶜ; und berührt sich mit einer lautmalenden bildung zarren, zärren kreischen, schreien (sp. 283). in Schwaben und theilen Bayerns vom vieh, welches infolge starken schmerzgefühls mit erhobenem schwanz wild umherrennt, bes. bei starker insectenplage: H. Fischer; Schmeller-Fr. 2, 1146; Birlinger augsb. 437ᵇ;
5)
reflexiv, a) im mhd. medial sich spalten, reiszen, bersten, zerreiszen:
vil lîhte zerret sich der sac,
sô dar în niht mêr enmac
Freidank 123, 8;
o die heiligen gelit,
die sich an dir zerren (sich dehnen)
wolden und durch uns sperren
pass. 265, 11 K.;
b) anschlieszend von menschen sich sperren, sich stemmen, sich weigern, sich wehren: dagegen hören wir auch, wie Moses sich lange zerret und wehret Luther 16, 31 W.; sich sperren oder z. Rebhun hausfried (1563) P 7ᵃ; Pfizer zerrte sich, als er dein gedicht fürs morgenblatt nehmen sollte Lenau an Löwenthal 135 Castle; sich z. ambitiose molestum esse, ceremoniis uti al. komplimenten und fason machen Stieler 2316; sich lang z. Kramer teutsch-it. 2, 1444ᶜ; c) sich streiten, sich zanken, sich mit jem. in den haaren liegen: terden sick eyn part dat ander myt ummachte (Braunschw.) chron. d. st. 16, 305; der teuffel auch solch unruge sucht, das er sich mit uns zerre Luther 18, 549; 24, 663; 9, 660 W.; er zerrt sich mit dem hunde canem vexat Steinbach 2, 1087; sich mit einem z. sich mit jem. necken, bes. um ihn zum zorn zu reizen K. G. Anton Oberlaus. 15, 18; Göthe 17, 94 W.; noch ursprünglicher nur recipr. sich reiszen: dasz (sie) ... sich an den bärten zerrten G. Keller ges. w. 5, 316;
6)
absol.: mit ihren z-den, aufsperrenden stirnen Fischart Eulensp. 15 H.; wie das maul, die augen z. ob. 2 b und ¹zarren (sp. 283; ˂ *zarrôn); von diesem ¹zarren zu ²zarren (ebda) leitet über: wie sie die zeene weisen, wetzen, knirtzschen, zannen, zarren, murren, pellen Gädicke purgat. (1603) 15; s. auch ob. 4. — zss.: ab- (th. 1, 157), auf- (782), aus- (1037), er- (3, 1086), noth- (7, 961), ver-, zerzerren; ableitungen: zarr, m. (sp. 282), zarren, verb. (sp. 283), zerr, m., n., zerre, f. (s. d.); zerr- in zss.: s. an ihrer alphabetischen stelle zerr-auge, -bild, -eiche, -gebilde, -geburt, -gemälde, -gesicht, -gestalt, -gras, -klee, -kräutig, -maler, -maul, -mensch, -spiegel, -wald, -wanst, -welt. —
zerren verb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1932), Bd. XV (1956), Sp. 748, Z. 50
s.zerrennen. —
Zitationshilfe
„zerren“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zerren>, abgerufen am 19.10.2019.

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