zersetzen verb.
Fundstelle: Lfg. 5 (1932), Bd. XV (1956), Sp. 769, Z. 12
ahd. zasezzen; mit zesazten lantrehten promulgatis legibus Notker ps. 94, 4; auseinander setzen, 1) sinnlich, a) vertheilen:
linde, edil, dick und kleine
was er (der vorhang), al gemeine
mit guoten sîden wol durnât,
mit liehten varwen drûf zersât
von sîden menig gemælde rîch
Rudolf v. Ems weltchron. 12 543;
b) bergmännisch gewonnene gröszere gesteinsstücke zerschlagen: Veith 587; waͤnde z. ist dieselben entzwey schlagen G. Junghans gräublein ertz F 3ᵃ; kleinen heist die gaͤnge z. und klein schlagen Herttwig bergb. 238ᵃ; auch zerstufen (s. d.); bildl.: gott ... zusetzt oder zusprengt unser hertzen Mathesius Sar. (1571) 138ᵇ; c) im gartenbetrieb junge pflanzen etwas weiter auseinander pflanzen, pikieren: nachdem die samen ... zwai jar alt sind, mogen si zersetzt werden Österreicher Colum. 1, 286; d) in den naturwissenschaften einen stoff in seine bestandtheile zerlegen, so in der chemie: wir z. den zinnober durch eisen, den eisenrost durch kohle Just. Liebig chem. br. 34; Göthe IV 24, 308 W.; bildl.: Immermann 16, 291 B.; mit zersetztem athem Avé-Lallement gaunerth. 2, 333; und in der physik: die farben trennen, entwirren, z. Göthe II 4, 153 W.; bildl.: Jean Paul 3, 85 H.; frei: geld in silbergeld z., d. h. umwechseln leb. Fibels 56; 2) von hier a) auf die geistesthätigkeit und das geschichtliche leben übertragen: sein allseitiger scharfsinn zersetzte mehr, als sein tiefsinn feststellte Jean Paul 49/51, 49 H.; nicht selten wird der verstand z-d genannt, so von D. Fr. Strausz ges. w. 5, 28; z-de und zerstörende kräfte Treitschke d. gesch. 5, 241; den geist der truppe: der mangel und die not zersetzt ... die truppe Hindenburg aus m. leb. 280; b) empfindungen auflösen: war ... seine ... seele in eine eigne poetische ... schwermuth zersetzt Jean Paul 7/10, 413 H.; woraus sich der sinn aufheben, tilgen ergeben kann: es giebt einen gewissen stechenden blick, der weiche empfindungen ... zersetzt und umbringt 1, 260 H.; die nachricht ... hatte Eisis zorn ... zersetzt Jer. Gotthelf ges. schr. 20, 15; c) im anschlusz an 1 d zertheilen: ward sie (die versammlung der reformierten) ... in zwei parteien zersetzt Ranke s. w. 9, 129; zersetzt ... sind pflanzenblätter, an denen durch tiefe, aber ungleiche einschnitte ... ungleiche und unregelmäszige lappen entstehen Behlen forstkde 6, 509; andere zss.: ab-, an-, auf-, aus-, be-, bei-, ein-, ent-, er-, fort-, über-, ver-, vor-, zu-, zusammen-. — hierzu zersetzbar, adj., was sich zersetzen läszt: ein leicht z-es salz Lueger lex. d. techn. 1, 265; Novalis 3, 244 M.; Schelling w. 2, 137; -keit, f.: Just. Liebig chem. br. 145; zersetzung, f., auflösung, 1) chemische: die z. der luft Lichtenberg br. 3, 64 L.; z. des steins durch den sauerstoff der atmosphäre Ritter erdkde 1, 701; physikalische: z. der töne, d. i. harmonie Herder 22, 188 S.; z. des lichts Göthe gespr. 2, 121 B.; 2) politische: innere z. Deutschlands Häuszer d. gesch. 3, 3; die kapitalistische z. der bürgerlichen gesellschaft Doren Florent. wolltuchindustrie 29; moralische: die z., die unsern ganzen volkskörper verderben wollte Hindenburg aus m. leb. 338; z. der religion Th. Mommsen röm. gesch. 1, 843; 3) verpflanzung: zersaͤtzung der blumenzwiebeln Lohenstein Arm. 2, 774ᵃ; hiervon zahlreiche zss. wie zersetzungs-apparat; -bottich; -erscheinung, f.: z-en innerhalb des russischen heeres Hindenburg aus m. leb. 221; chem.: Just. Liebig hdb. d. chem. 911; u. a.; -fähig, adj.: Sömmerring menschl. körp. 5, 40; -fähigkeit, f.: Schelling w. 2, 139; -gefäsz; -mittel, n.: Jean Paul 44, 20 H.; Novalis 3, 375 M.; -procesz, m.: Lueger lex. d. techn. 1, 12; Novalis 3, 271 M.; der sittliche z. Th. Mommsen red. u. aufs. 91; -vorgang; -wärme; -zelle.
Zitationshilfe
„zersetzen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zersetzen>, abgerufen am 09.12.2019.

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