Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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ziefer, n.

ziefer, n.,
bezeichnet kleines gethier und kleinvieh, 1) federvieh, hausgeflügel, bes. hühner, gänse und enten: (junges) z. Klein 2, 246; hungriges, zudringliches federvieh (baier. Wald) Brenner-Hartmann Bayerns maa. 2, 450; zischendes thier, gänse, enten, hühner Fulda idiotikens. 600; (oberpfälz.) Schmeller-Fr. 2, 1087; allgem. schwäb.: H. Fischer 6, 1193; trute: so, sag ich, saubers z., bist aus der revir? Schwabe tintenf. B 7ᵇ; ausnahmsweise, aber unwillen bezeigend, vom storch:
was will mir das ziefer? — ist so was erhört?
Mörike ges. schr. (1905) 1, 34 Göschen.
2) kleinvieh, kleinere hausthiere wie ziegen, schafe; nur diese in jungen österr. weisth.: dasz alles z., auszer den presthaften schaaf und geis, ... obiger pfändung unterlieget (tirol. 1818) 3, 247; hirten des zifers (tirol. 1818) 244; 245; zickela, ziffer und gaasa bei H. Fischer 6, 1193; ebda reiche nachweise für das schwäb.; scheltend: verdammter dachs! ich brenn dich aus mit feur und pech, du höllisches z.! Schönherr glaube u. heim.³ 100; mäuse:
das ziefer kommt geschwommen schnell
Mörike 1, 160.
3) insecten; käfer: der ... apis ... hat ... unter der zungen eines zifers gleicheit Heyden Plin. (1565) 243; floh:
Lojola, der viel ehrlich mann,
hat dann disz ziefer auszgeheckt,
welchs voller schant und laster steckt
Jesuiter u. floh (1620) A 4ᵃ.
4) nicht erkennbare thierart: die hochtrabenden gelerten verkerten ... halten schlecht, einfeltig, fromm, grob leute etwa für ziffer und menschen bei in S. Franck sprw. (1541) 2, 163ᵇ; lassen da alle heiligen muͤszig sitzen, wie ein unnuͤtze zifer Fischart binenk. 207ᵃ; zifer, gezifer ungeziefer Hunziker Aarg. wb. 309. 5) übertr. scherzend oder scheltend auf lästige menschen; von einem frauenzimmer, für das nach Schmeller-Fr. 2, 1087 'ein stehender witz' frauenz. ist (s. th. 4, 1, 1, 83): dise secretarifrau ..., das lateinisch zifer, will uns in allem gleich seyn A. a s. Clara Judas 1, 549; dasz sie ein kifend zifer, ein zankteufel und geitziges weib gewesen H. C. Arend gedechtn. Albr. Dürers (1728) § 20; dim.: gelt, es (ihr) liebeuglenden ziefferl, da kan encks maͤulel schmutzn Schwabe tintenf. 37; kühnes, listiges mädchen (Augsb.) Klein 2, 246; muntere dirne v. Schmid 548; zīfer schelte gegen liederliche frauenzimmer Lexer kärnt. 265; (baier. Wald) Bayerns maa. 2, 450; so vielfach belegt bei H. Fischer 6, 1193, wo aber auch häufig z. auf eine lästige gesellschaft, schlechtes gesindel, bettelpack u. a. angewandt wird; ebenso: niederträchtige bande Martin-L. 2, 893ᵇ; liter.: nie hatte er ein freundliches wort für sie (die kinder) und auch nie ein grobes, sie waren z., wie er sagte Rosegger nixnutz. volk 195; schr. 3, 450; Stelzhamer ausgew. dicht. 2, 28. 6) z. steht in bedeutung, alter und lautgestalt dem worte geziefer (th. 4, 1, 4, 7045) gleich und darf daher nach dem muster von zelt: gezelt, zeug: gezeug als dessen kurzform gelten. wenn schon die th. 11, 3, 943 gestützte etymologie Jac. Grimms, wonach die gruppe ungeziefer, geziefer, z. aus ahd. zebar opferthier herstammt, auch z. in die nachkommenschaft einreiht, so verbietet doch das fehlen älterer belege und lautformen nach der art des mhd. ungeziber (kärnt. ziberl, s. ziebelein, steht fern) den unmittelbaren anschlusz. die augenfällige wertminderung des wortinhaltes bei geziefer und z. liesze sich zwar aus dem vollständigen umbruch des deutschen kultwesens bei der annahme des christentums einigermaszen verstehen, ist aber eher auf rechnung der tadelnden, herabsetzenden, 'improbativen' vorsilbe un- zu setzen, vgl. th. 11, 3, 943. danach wären geziefer und mit diesem auch z. erst aus ungeziefer, unziefer zurückgebildete wörter. der gefühlsbetonte gebrauch der beiden wörter geziefer und z., dessen spielraum auch das schöne gez. von th. 4, 1, 4, 7047 einschlieszt, erklärt sowohl die einschränkung auf das kleingethier der häuslichen lebensgemeinschaft wie die aufgabe der gar zu abstoszenden theilbedeutung unrath. die landschaftliche einengung des begriffes theils auf schafe und ziegen, theils auf das geflügel darf als jung gelten.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 6 (1936), Bd. XV (1956), Sp. 896, Z. 57.

zieser1, f.

¹zieser, f.,
jüngere nebenform von kicher, f. (s. teil 5, 659 und Marzell wb. d. dt. pflanzennamen 1, 986), aber nicht wie dieses wort unmittelbar aus lat. cicer, n., cicera, f., entlehnt, sondern neu aus dem roman. bezogen; piemontes. und südfranz. mundarten scheinen, nach den heutigen dialektformen zu urteilen, die ausgangsstelle gewesen zu sein, vgl. franz.-piemont. sízer sízre, ital.-piemont. sízar tšízer, mdauphin. sízẹ, gaskogn. séze, provenz. seze, Vinadio šiži v. Wartburg franz. et. wb. 2, 664; auch mlat. cisara cisser du Cange 2, 366ᵃ; ᶜ; ein den r-losen dialektformen entsprechendes ahd. cisa vel arewaiza cicer clm. 4606 f. 111 bei Schmeller-Fr. 2, 1157 erscheint bereits im 11. jahrh.; ein gleichartiges afranz. cice des 13. jahrh. lebt als mfranz., nfranz. chiche fort und ist ins engl. übergegangen: mengl. chiche, älternengl. chich, jetzt chick-pea. da Nordfrankreich keine -s-bildungen aufweist, wird das mwestfläm. ciceren pl. des Jan Yperman bei Verwijs-Verdam 1, 1500 der gelehrten lat. fachsprache entnommen sein; daraus leitet sich dann wahrscheinlich nndl. dial. sisser, f., v. Dale groot wb.⁶ 1706ᵃ her; das vorhandensein einer gleichen form am Mittelrhein im 12. jahrh. beweist das siebenbürg. ziser, f., vogelwicke, vicia cracca Kramer Bistritz 145 sowie der mischungsvorgang mit dem älteren keker am Niederrhein im 15. jahrh., der secker legumen citrolli Mones anz. 7, 304ᶜ, Schiller-Lübben 4, 176ᵇ, sekkre eyn vrucht alzo erwete, citrullus Diefenbach n. gl. 94ᵇ, czycke gl. 117ᵃ ergibt. bezeugt ist zieser längs der gesamten deutsch-roman. sprachgrenze; neben dem älteren kicher aber hat es sich nur in spuren bis auf die gegenwart gehalten. das geschlecht stimmt zu lat. cicera, f., platterbse, lathyrus, und diese frucht ist auch unter. zieser stellenweise verstanden worden, vgl.: cisara ciser Diefenbach n. gl. 88ᵇ; auch als name der vogelwicke (s. ob.) kommt es vor; zum geschlecht s. im übrigen die bemerkungen t. 5, 659. die älteren belege erweisen z. t. zieser eindeutig als kichererbse, cicer arietinum, da sie zur menschlichen nahrung dient:
zisern unde bônen
gênt mir niht hôhen muot
Tannhäuser 13, 61 Siebert;
trif ich daz wilt alzuo der stunt
daz ez muoz werden snüppic
hæt ez mit zisern gezzen bônn unt kichern
Frauenlob 368, 10 Ettmüller;
nachvolgents die klain robotth, so die underthanen zu thain schuldig sein: als nämblichen ... arbaisz und zisern straifen (1433) niederösterr. weist. 2, 678; contra morbum calculi ... recipe zisern et magnam radicem petersilie (1396) bei Ch. Schmidt wb. d. elsäss. mda. 442; gemuͤss von zisern Fries spieg. d. artznei 159ᵃ; cicer ziser L. Fuchs (1543) 111; in diesem artzneybuch ist allwegen zisern oder zisererbsen zu verstehen, so offt man kichern liset. denn die zisererbsen auch in etlichen orten kichern genannt werden Wirsung artzneyb. (1597) register; ziesern, kichern, dieses ist eine art kleiner bohnen, welche in hülsen gleich den linsen wachsen und mit diesen einige gleichheit haben allg. haushalt.-lex. (1749) 3, 798; unter ziser versteht Popowitsch versuch (1780) 641 die kichererbse, doch fügt er 642 hinzu: einige nennen die platterbsen zisern; wörterbücher: cicer cyser (13., 15. jahrh.), zysern, ziseren, zyssern (1482) Diefenbach gl. 117ᵃ; cicer zitzer, erbs n. gl. 88ᵇ; cicer zisern, kicher Frischlin (1586) 41ᵃ; zisern eine art erbs Hulsius dt.-ital. (1618) 283ᵇ; cicer zieser Reyher (1668) 1, 1055; ziser et siser cicer Stieler 2637; zisern, zisererbsen chich or chich-pease Ludwig teutsch-engl. (1716) 2599; pisum zisern Pomey (1720) 73; zieser (die, pro erbse) cicer Steinbach (1734) 2, 1097; Frisch 2, 480ᵇ; Adelung² 4, 1727; die kicher oder kichererbse ... heiszt auch zieser und ziesererbse und, weil man die erbsen auch hier und da brennt und unter den kaffee nimmt, kaffeeerbse Campe 2, 924ᵃ; dim.: cicercula ziserlin Frischlin (1586) 41ᵃ; cicercula ziserlein Pomey (1720) 73; ziserl (Wien) Schmeller-Fr. 2, 1157; s. auch siser, f., t. 10, 1, 1237.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1951), Bd. XV (1956), Sp. 1233, Z. 69.

zieser2, f.

²zieser, f.,
die ziser, zisser (Erlangen) eine gröszere, saftigere art mehlbeere vom crataegus azarollus L. Schmeller-Fr. 2, 1157.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 8 (1951), Bd. XV (1956), Sp. 1234, Z. 68.

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Zitationshilfe
„zieser“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zieser>, abgerufen am 29.11.2020.

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