Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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zingel1, f., m.

¹zingel, f., m.,
befestigungsgürtel einer stadt, verschanzung zum schutze eines stadt- oder burgtores, das von der zingel umschlossene stadtgebiet. afranz. cengle, f., bauchgurt eines reitpferdes, die fortsetzung des gleichbedeutenden lat. cingula, erhält in der Normandie und Flandern die fortifikatorische bedeutung: anorm. cengle, f., 'enceinte de ville', chaingle 'canal, retranchement qui entoure une ville' (Tournai 1346) v. Wartburg etym. wb. 2, 683; davon mndl. cingele, m., mnd. singel, f., mhd. zingel, m., f., auszenmauer oder wall einer stadt oder burg, ndl. singel, m., auszenwall um den stadtgraben, der kanal oder graben um eine stadt. ostmd. kanzleien schreiben zindel in der abwehr des heimischen lautwandels -nd- ˃ -ng-, wie in finden 'finden' ˃ fingen (belege unten). im nd. und md. gilt das f., im obd. herrscht, unter einwirkung roman. mundarten in den Westalpen und Mittelfrankreich, denen lat. cingulum zugrunde liegt (s. v. Wartburg etym. wb. 2, 683ᵇ), das m. geschlecht vor. zingel rückt später in der bedeutung an zwinger heran und scheint dessen nebenform zwingel (teil 16, sp. 1222) zu verschulden. auszer im mndl., ndl. ist die ursprüngliche bedeutung 'sattel-, bauchgurt eines reitpferdes' nur eben einmal im mhd. belegt:
des satels unden huoten
zingel, gewunden von schouben
Heinrich v. d. Türlin crône 19 928.
1)
für die anfangsbedeutung finden sich wenig literarische zeugnisse, sie lassen sich nicht deutlich von 2 scheiden: dat de grave umb dat closter mit einer singelenn beslaten (werde), dar met deverie mochte vorhodet bliven (oldenb. urk. v. 1577) bei Schiller-Lübben 4, 212ᵃ; ihm die burg, den graben und die zingeln, soweit ein armbrust reichen mag, helfen wehren (1328) bei H. Fischer schwäb. 6, 1214; den lis er ore statmuren unde torme alle dornider legen, also das nu alle gasszen zu felde uszgehin unde keyne zcingeln noch muren nicht haben (vor 1467) Cammermeister chronik (1896) 48; auch haben sie macht zu bauen umb ire stat mauren, thorme, thore, ercker, zindeln und schlege Arnstadt. stadtr. 77, 143 Michelsen; czum ersten sal derselbe burgfride gehin und reichen ... in den vorgenanten slos und stat Friberg, als wiiet die muͤren graben czindeln und slege umbgriffen habin, an geverde (1448) urk. buch d. st. Freiberg i. S. 1, 186; alzo daz der burgfride sal sin uffe dem slosze und in dem dorffe zu Barckfeld, und wendin alzo verre, alzo die graben, slege, czune und czingiln wendin umb daz vorgnante sloz und dorff angeverde (1387) hennberg. urk. buch 4, 29. häufiger sind die buchungen: auszer den oben angeführten angaben in wbb. noch vallus zyngel (nd. 15. jh.) Diefenbach gl. 606ᵃ; zingelwall, m., der wall um eine stadt Frisch 2, 478ᵇ; singel, ssingel äuszerer erdgürtel oder wall, verschanzung etc. um eine burg oder ein festes haus Doornkaat Koolman 3, 184ᵇ; zingel, m., äuszere verschanzungsmauer, verschanzung, stützmauer Buck obd. flurnamenb.² 309; Meyers lex.⁷ 12, 1800; M. Heyne hausaltert. 1, 318. beim fortfall des verteidigungszweckes blieb im ndl. sprachgebiet der name singel, m., an den alten anlagen haften: 'weg langs de buitenzijde van de stadsgracht, de stadsgracht zelve' ndl. wb. 14, 1369, wie denn der ausdruck hier auch auf flurgrenzen angewandt wird; 'plantsoen, wandeldreef langs den buitenwal eener stad' van Dale⁶ 1704ᵇ; vgl. Schmeller-Fr. 2, 1135; zingel 'ein gang, der bei einer mauer weg gehet' brem. wb. 5, 312; ein breiter platz oder gang um die stadtmauer Dähnert 561ᵇ; kreisgang, gang, wall, allee um eine stadt, burg, einen kirchhof Stürenburg 338ᵃ.
2)
die mehrzahl der belege läszt erkennen, dasz unter zingel die verschanzungsanlage vor einem stadttor zu verstehen ist:
vor tages wart von in bereit
zwelf zingel wîte
vergrabet gein dem strîte,
daz ieslîch zingel muose hân
ze orse ûz drî barbigân (ausfallstellen)
Wolfram v. Eschenbach Parzival 376, 11; 13;
und diner chron barbigan und zingel
da mit diu himelische Ierusalem sich zieret
mit zwelf der edel steine
jüngerer Titurel in: zs. f. dt. philol. 2, 84; 453;
die der porten solten plegen,
die heten striites sich verwegen
an ir zingel vor dem hamijt
quelle bei Schmeller-Fr. 2, 1135;
ok mogen se (die bürger) ... vor den doren tzinghelen unde brugghen buwen unde maken aver Götting. urk. buch 1, 204; desse spende gheven se tusschen deme dore unde der singelen Lüb. chron. 1, 352; den 22 solten die belagerte in Riga bei tausend mann ... ausz der marstallspforte und zingel einen ausfall thun Happel hist. mod. Europae (1692) 370ᵇ; und weil er gewisse kundschafft erlanget ..., wasmaszen das ... thor mit zwo zingeln und einer pforte nur allein verwahret ..., als resolvirte er Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 74; die kaͤyserlichen ... bemaͤchtigten sich ... der zingel Micraelius altes Pommerland (1640) 5, 204; dat ringeste wickbelde het de sack. unde is dat vefte wickbelde unde licht mydden ynne twisschen den anderen veer wicbelden, unde sluten wer singelen effte slaghe noch keden, unde nicht eyn doͤr (Braunschweig) städtechron. 16, 476. den verlauf einiger zingeln vor toren der stadt Rostock, bestehend aus wasser- und trockengräben mit wall, beschreibt Ludw. Krause beitr. z. gesch. d. st. Rostock 13, 68. den durchgang ins freie schützte ein gattertor und eine zugbrücke oder ein verhau; vgl.: dam over den graven, dar men ene singel up setten muchte (Oldenb.) bei Schiller-L. 4, 212ᵃ. die verwendung von palisaden erhellt aus folgender stelle: item umbe zimmer zu den weren und zum zindel bi der Hottergasse 9 gr. 1 pf. (1429) cod. dipl. Lusatiae super. 2, 40. die bedeutung engt sich auch auf das gattertor ein: item sante man im zwei gute slos vor di zindel, als her gebetin hatte, 12 gr. (1398) ebda 3, 268; darumme de werhaften de butensten zingeln toslogen, dat gemeente, in groter mennigte vom Spitalerdor utkamende, aftowisen. demgeliken wort de binnerste dör vorslagen, umme dat navolgende volk torugge to holdende, so lange he twischen porten gerichtet und entlivet was hamburg. chron. 372 Lappenberg; entlich averst, alsz de Ditmerschen erlegt, hefft man den wal erstegen, de zingel upgebraken unnd in den flecken gefallen Neocorus chron. d. landes Dithmarschen 2, 192 Dahlmann; zingel 'ein enger gang oder eingang, welcher gemeiniglich mit einem kreuze, das man im durchgehen umdrehen musz, für das vieh verschlossen ist' brem. wb. 5, 312; 'ein zugang, der mit einem drehe-creutz versehen wird, dasz leute nur zu fusz, nicht aber mit wagen und pferden durchkommen können' Dähnert 561ᵇ; schlieszlich wird die zingel zum 'staket, pforte, kleine tür in der grotdœr' Böning 97ᵃ. die ältere bedeutung 'einfriedigung' findet Mensing 4, 494 in straszen- und flurnamen. verhältnisse wie in Rostock: und sie nickte mir freundlich zu, als sie bei mir vorbei und über dem zingel zur stadt hinausfuhren Storm s. w. 7, 192 Köster; jede art (hölzerner) einfriedigung, selbst eine gartentür Schiller-L. 4, 211ᵇ. erneuerter gebrauch: auf den zingeln der burg ward es lebendig, sturmhauben blinkten A. Sperl söhne d. herrn Budiwoj (1927) 543. hier ordnet sich ein die glosse stoma, d. i. locus duelli ein cindel 'schrancken, dar in zwene kempffen' (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 554ᵃ.
3)
zingel übernimmt den raumbegriff des zwingers (teil 16, sp. 1270): zingel, m., intermurale, pomœrium, zwinger Schmeller-Fr. 2, 1135; cinghel pomerium Kilian 98ᵃ Hass.; zingel, m., (chiuso, riciuto) intermurale, pomerio Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1466ᵇ; zingel (repagulum ...) pomœrium Aler dict. (1727) 2, 2151ᵃ; zingel land zwischen wall und graben der burg Ed. Krüger Emden 72.
4)
noch weiter greift die raumvorstellung aus, indem die grenzlinie eines stadtgebietes und dieses selbst gegenüber der stadtmark oder auch ein grund- oder herrschaftsbezirk mit zingel bezeichnet wird; vgl. mlat. cingulum regio suis finibus definita du Cange 2 (1842) 354ᵇ; sodann: were binnen diessen vurgen. zingel bricht oder buessfellig wirt weist. 1, 626; das ist der zingel oder bezirk der vogtei 1, 637; auch wo einer bi uns gut hat in unser zingel, nicht in der marck, das gut sal er verbeden Miltenberg. stadtb. in: oberrhein. stadtrechte 1, 334.
5)
zingel, m., streifen, strieme am rindvieh Stalder 2, 475 und zingel, m., gestreifte kuh Seiler Basel 325ᵇ gehen mit dem ndl. singel, m., gürtelrose und dem ält. dän. single borte, kante aus dem begriff des umgürtens hervor; auch kann franz. sangler mit einem riemen schlagen eingewirkt haben.
6)
streifen, bänder an felsbergen: die band des bergs, so sich gestryffet oder gestrimet, auch abgesetzt underschydenlich dem berg nach züchent ..., namsent die landlüt zingel Cysat coll. cronicohist. im schweiz. id. 11, 2142. dieser begriff wandelt sich in die vorstellung von sperrgürteln einerseits von gebirgsketten, anderseits von sandbänken vor der küste. a) schweiz. zingel, m., hohes felsenhorn oder bergterrasse und tschingel, schingel als beiname mancher berge Stalder 2, 475 und Buck obd. flurnamenb.² 283 sind gleichbedeutenden rätoroman. sẽgle, čengel entnommen, s. Meyer-Lübke rom. etym. wb. nr. 1928. b) wallon. cingues, pl., gürtel liegt engl. shingles, ndl. singels, mnd. singele, dän. singel geröll-, kiesbank an der küste zugrunde; die bedeutung des sing. 'runder kieselstein, wie er mit dem lot in die höhe gebracht werden kann' (s. teil 10, 1, 1066) ist nachträglich abgeleitet; belege bei Kluge seemannsspr. 729.
7)
zss.: zingelgraft, f., zingelgraben Zesen beschr. d. st. Amsterdam (1664) 75; -hof, m.: pomerium zwingel- vel zingelhoff J. Altenstaig voc. (1516) bei Diefenbach gl. 446ᵇ, wovon die erste wortform allein berechtigt ist; -netz, n., s. unten ¹zingeln.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1953), Bd. XV (1956), Sp. 1390, Z. 2.

zingel2, f.

²zingel, f.,
brennessel, urtica dioica, schwäb.: Schmid id. 134; Pritzel-Jessen 420ᵇ; Nemnich wb. d. naturgesch. 667; Fulda id. 602; Prahn pflanzennamen 62; verkürztes zingel-, zengel-, sengnessel eines schwäb.-pfälz. gebietes zwischen Stuttgart und Mannheim, dem im südlichen Elsasz -a-formen entsprechen Mitzka dt. wortatlas 1, karte 14 'brennessel'; z- aus verschmelzung des artikels de mit s-. s.zengeln sp. 632. so gibt es kein verwandtschaftsverhältnis zum gleichbedeutenden fläm. tingel, m., benannt 'der beiszer' aus dem stamm von tange 'zange'.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1953), Bd. XV (1956), Sp. 1392, Z. 35.

zingel3

³zingel,
s. zind 1 c und ²zindel 4.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1953), Bd. XV (1956), Sp. 1392, Z. 45.

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Zitationshilfe
„zingel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zingel>, abgerufen am 29.11.2020.

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