Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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zind, m.m., f.

zind, m., m., f.,
zahn, zinke, zacke; vielfach als germ. *tend-az aus idg. *dent-ós, zu idg. *dónt- zahn (s.zahn) gestellt, doch eher mit ursprünglichem i zu air. dinn, dind hügel, höhe, dem phrygischen bergnamen Δίνδυμος und dem illyr. volksnamen Δίνδαροι, s. Walde-Pokorny 1, 120; Walde-Hofmann 1, 340; gleich aisl. tindr, m., zinke, zacke, stachel, bergspitze, ags. tind, m., nagel, spitze, zahn, zinke, dän. tind, pl. tinde Kalkar 4, 389ᵇ, jütisch tind Feilberg 3, 802ᵇ, norw. tind.
1)
zind (zint), tind, m., im deutschen: a) ahd. tila cinta, cinte, cincta ahd. gl. 4, 102, 34 (12. jh.); tila zint 3, 649, 36 (12. jh.); der sinn des lat. wortes ist nicht klar, gemeint sind wohl die zähne am rechen; zint, zintel, m., zinkchen, zacke Unger-Khull steir. 652ᵇ. b) zint, m., hölzerne trompete, zinke:
Andolt der meister jagenes hie blies mit einem zinde.
den baten sie nu sagenes iedoch was er der vart niht ufbinde
jüng. Titurel 4803, 1.
c) fluszbarsch in der oberen Donau, perca zingel, aspro zingel, auch diminuiert zindel, zingel:
salmen und lamperden,
hechten und pabeden,
persich und cinden
Heinrich v. Neustadt Apollonius 18 045 Singer;
auch findt man hie an den fastaͤgn
waͤchsfisch, zindel, schieden, mayling
(1548) Schmeltzl lobspr. a. d. st. Wien (1849) 882;
forellen im land Wirtenberg, zindel zu Ulm, ... spiegelkarpffen in Francken Fischart praktik groszmutter (1607) h 3ᵃ; asper Danubii ein zindel, zinde, zundel, zinne, zingel Forer Gesners fischb. (1563) 173ᵃ; zindel, zinde, zingel Nemnich wb. d. naturgesch. 667; die zingel, auch zinner, zindel, zinzel Höfer etym. wb. (1815) 3, 332; zind, zindel, zingel, zing Brehm tierl. 8, 43 P.-L.; zink ebda 8, 44; zindel Oken allg. naturgesch. (1839) 6, 269; zindel, zingel Siebold süszwasserfische (1863) 53; zint, zintel, m., aspro vulgaris Unger-Khull steir. 652ᵇ; zindel, zingel eine art fluszbarsch in der Donau H. Fischer schwäb. 6, 1214; Adelung² 4, 1718; -ü- 1764; Campe 5, 869ᵃ; der zingel (aspro oder perca zingel) figuriert im 'adeligen landleben' als asper Danubii, weil er in der Donau bei Regensburg häufig war Wimmer gesch. d. dt. bodens (1905) 397. d) bergspitze, felszacken: bergname Zindstein Buck oberdt. flurnamenb.² 308. e) zahn, zinke an landwirtschaftlichen geräten, an egge, rechen, forke, karde, kamm (s. 2): dre tinde (einer egge; holst.) bei Schiller-Lübben 4, 545ᵃ; eggettinde occazio, dens erpice (1403) ebda 1, 630ᵇ; tind C. Schumann wortsch. v. Lübeck 26; tind, tint (Dithmarschen, Elbmarschen, aber in wendungen, die sich auf das eggen beziehen, ist tint weiter verbreitet) Mensing 5, 67; tin̑, pl. tin̑er, m., (Sylt) Boy P. Möller Söl'ring uurterbok 267ᵃ; tind, tint, pl. tinden, tinten, auch tinnen, m. Doornkaat Koolman 3, 412ᵇ.
2)
die weitere entwicklung vollzieht sich im übertritt in die schwache flexion, in der annahme des f. geschlechts und im wandel von -nd- zu -nn-, vgl.: 19 iseren tynden tho eyner egeden (Wismar) bei Schiller-Lübben 4, 545ᵃ; ostfries. tind, sg., tinden, pl. (s. 1 e); nordfries. tinne, m., kreis Harburg tinnen, pl., m.; belege für das fem. geschlecht s. unten. mouillierte aussprache des -nd, -nd- verrät sich in tin̑, pl. tin̑er, m., auf Sylt (s. 1 e) und in mengl. *tīnd, woraus schott. dial. teind, tynd Wright engl. dial. dict. 6, 154ᵃ und seit der mitte des 16. jhs. nach d-abfall nengl. tine; derselbe hergang ist bei westfries. tine und mecklenb. tien (mehrfach neben tinn bezeugt) anzunehmen. im obd. der belege in den abschnitten 1 a-d ist das ahd. -nt- noch an einigen stellen bewahrt, überwiegend aber durch die mhd. erweichung zu -nd- rückgebildet worden. neben diesem -nd-, das in zindel (s. zind 1 c), zindelicht und zindeln, vb., begegnet, gibt es aber auch die lautungen -nn- und -ng-. diese stimmen nicht zu den mundartlichen lautverhältnissen der gegenwart und müssen als zeugnisse verklungener lautzustände beurteilt werden; einige fälle lassen sich als verschleppte formen aus lautwandel engbegrenzter gegenden auffassen. belege: schwed. dial. harvetinne, rivetinne Rietz 735ᵇ; bereits mschwed. staaltinna Söderwall 2, 1, 490ᵃ; tin, pl. tinnen, n., metallene stifte am tempel, einem gerät der segeltuchweberei zum spannen des tuches Boekenoogen Zaansche volkstaal 1061; tinne, f., dasselbe van Dale⁶ 1856ᵇ; tynbank häkelbank Waling Dijkstra friesch. wb. 3, 286ᵃ. die folgenden belege setzen die reihe von 1 e fort: tin, f. Siebs Helgoland 294; tinne Stürenburg 283; brem. wb. 5, 71; tinnen, pl. (zwischen Weser und Hunte) R. Warnecke 71; tinn, n., m. Westermann Baden 81; tinn, f. Mensing 5, 67 (s. oben 1 e); nordfries. tin, f., tinne, m. Jensen Wiedingharde 626; tinnen, pl., m., (kr. Harburg) Niekerken 235; 283; 288; tinnen, pl., f. Frederking Hahlen 143; meckl. tinn, f.; brandenb. harkentinne, f.; tinne, f. Damköhler Nordharz 195ᵃ; Block Eilsdorf 98ᵃ; dens, stilus ein zin am rechen Alberus (1540) Ji 1ᵃ; cratis dentata stilis ferreis (eine egge) mit eisernen zinnen ebda l 2ᵃ; hess. eggenzinn, m. Pfister 2. ergänz. h. 46. hölzerne eggen mit hölzernen tinnen werden im meckl. wb. 1, 223 durch besondere benennungen wie balken-, bom-, kabel-, botäg' gekennzeichnet; hölzerne äg'tinnen wurden im abwehrzauber gebraucht ebda 1, 232. tinnen heiszen in Mecklenburg aber auch die eisernen zinken der egge, der forke, der räpel 'riffel' und häkel 'hechel'. die harkentinnen 'rechenzinken' sind in der mark Brandenburg, wie wohl überall, aus holz. dagegen werden die hölzernen tinnen der harke am Nordharz von den eisernen tinken an der egge und der mistgabel unterschieden Damköhler Nordharz 195ᵃ; die gleiche unterscheidung gilt im Siegerland zwischen zenn, f., zinke, zehe am rechen und an der egge und zenke, f., zinken am karst und an der mistgabel Heinzerling-Reuter 337ᵇ; 338ᵃ. tinn wird besonders in wendungen gebraucht, die sich auf das eggen des ackers beziehen: ik will de braak noch 'n tinn (tint, s. oben 1 e) gȩben, noch 'n tinn ö̧werein, de braak mutt noch 'n tinn hebben noch einmal übergeeggt werden Mensing 5, 67; einmaliges eggen heiszt 'n enkelte, zweimaliges 'n dubbelte tinn ebda, in Mecklenburg ein tinn trecken und duwwelt tien (tinn) ägen oder twei tien (tinn) ägen, in der südlichen Lüneburger Heide scheidet man ebenso zwischen ein tinn und twei tinn Bomann bäuerl. hauswesen (⁴1941) 135. in Holstein übertragen schicht, lage: he bringt so 'n tinn von 4 bet 5 toll dick ö̧wer 't land; he hett 'n dicke tinn schiet op den kopp Mensing 5, 67; ausschelte, verweis, tracht prügel: en arige tinn krigen, en tinn ge̹ben auch 'verleumden'; de stȩwel kriggt en orndliche tinn wird gehörig geschmiert ebda. eine adjektivbildung auf -ed zur bezeichnung der zinkenzahl und -art ist an der ganzen nd. küste üblich, vgl. twe-, dretinned brem. wb. 5, 71; teihn-, kort-, langtinnt Mensing 5, 67; dagegen dräjzennich, -zenkich Heinzerling-Reuter 338ᵃ. s. auch ²zinden, vb. im obd., dem süden des nd. und ndl. gebietes ist tinn(e), zinn(e) heute unbekannt und wird dafür zinke gebraucht (s. ¹zinken, m., II A 1). dasz aber früher auch Mitteldeutschland weithin an zinn anteil hatte, beweist das vorkommen im südlichen Oberhessen (s. hess. eggenzinn, m., ob.).
3)
vielleicht verbirgt sich auch unter dem schweiz. zinge, m., an der folgenden stelle das wort zind: so das weyble (des kalmartintenfisches loligo magna) aufgeschnitten, so werdend zwen zingen, derm oder gmaͤcht gesaͤhen, tuͤglich zu der frucht, welche die maͤnle manglend Forer Gesners fischbuch (1563) 112ᵇ, einer freien wiedergabe der lat. vorlage: inter lolliginem marem et fœminam hoc interest, quod fœmina intestina continet duo, veluti mammas, que si alvo dissecta inspectes, facile videris Gesner hist. animal. 4 (1558) 584. zingen also spitze geschlechtsorgane des weibchens.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1953), Bd. XV (1956), Sp. 1384, Z. 37.

zinne, f.

zinne, f.,
zinnen- in zss. und zinnen, adj., s. unten am ende der zinn-zusammensetzungen.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 9 (1953), Bd. XV (1956), Sp. 1438, Z. 7.

zinne1, f.

¹zinne, f.,
pinna, pinnaculum, minae (s. I F 2); gegenüber dem gemeingerman. (wenn auch im got. fehlenden) * tindaz (s. zind) ist zinne auf das deutsche im weiteren sinne und ostnordische beschränkt: ahd. zinna, mhd. zinne, mnd., mndl., ndl., älterdän. tinne, mschwed. tinne neben tinde. die nord. wörter sind wahrscheinlich aus dem mnd. entlehnt. rein formal könnten schwed. tinne und tinde auf *tinþan- und *tindan- zurückgehen, s. Hellquist ³ 1188. wie ahd. auch langobard. zinna und nun in den ital. mundarten in reicher bedeutungsentfaltung fortlebend: nach Gamillscheg Romania Germanica 2, 174 genues. zinna brustwehr, dachrand, neapolit. zenna spitze, rand, winkelwerk, kors. zenna absturz, abgrund, Foggia zenna ecke, kalabres. zinna scharte in der messerklinge, zinnu ecke, vorsprung, Samnium zinno ende, spitze, rand, Teramo zenne saum eines kleides, Agnone zinne teilchen am ende eines gegenstandes, Abruzzen zenne frauenbrust. im deutschen ist zinne 'ziemlich ungewöhnlich geworden; man hat aber kein anderes hochdeutsches wort dafür', bemerkt Heynatz antibarb. 2 (1797) 669; jetzt begegnet es nur in beschreibungen älterer bauwerke und in fachschriften; die mundarten haben sich ihm verschlossen; in Siebenbürgen lebt es als erbgut fort: tsän Kisch Nösner wörter 159; ein md. glossar des 15. jhs. hat die übermundartliche form czende Diefenbach gl. 356ᵃ. diese fremdheit im neueren deutschen wortschatz ist durch den wandel des befestigungswesens und das verschwinden des wortes als fachausdruck bedingt; sie ist mit schuld an dem zwiespalt, der sich in der deutung des wortsinnes als ein einzelteil oder als das ganze eines zinnenkranzes zeigt, wie aus I A 1 ersichtlich ist. die schwierigkeit wächst durch die bibelstellen Matth. 4, 5 und Luk. 4, 9, an denen der antike wortlaut sowie die romanische, niederländische und vorlutherische deutsche übersetzung die vorstellung der oberen dachfläche oder -spitze nahelegen. deshalb meint Adelung wb.² 4, 1719, dasz die zinne des tempels in der deutschen bibel den oberen flachen teil des daches bedeute. diese auffassung verwirft indessen schon Heynatz antibarb. 2 (1797) 669 mit recht. denn Luther hat gewisz das von ihm gewählte wort zinne in dessen bisher gültiger bedeutung verstanden und ihm nicht die fremde beigelegt, welche die übersetzungswörter seiner vorläufer besaszen. das wäre durch die form die zinnen bewiesen, die Luther geschrieben hat und für welche Matth. 4, 5 erst in den ausgaben Wittenberg 1664 und Lüneburg 1664 die zinne erscheint, die aber noch in den ausgaben Neustadt an der Aysch 1683, Stade 1690, Lüneburg 1711 und Nürnberg 1720 beibehalten ist. nun aber ist bei Luther nicht nur der pl., sondern auch die sing. schwache flexion auf die zinnen möglich, und sie könnte weiter geduldet worden sein, wie in den jüngeren belegen von I F 1. auch ist im 16. jh. der schwache sg. mehrfach bezeugt, z. b. an einer zynnen Keisersberg brösamlin (1517) G 1ᵇ; an der zinnen buch d. liebe (1587) 14ᵇ; die erst zinnen A. Dürer befest. d. stett (1527) B 2ᵃ (zit. I B 2). als pl. musz auf die zinnen des tempels, als sg. kann es, kollektiv gefaszt, dessen zinnenkranz bedeuten. die präposition auf begreift sich aus der bewegungsrichtung aus der luft. s. dazu I D 1. die wortgeographie bestätigt die an sich naheliegende annahme eines sachlichen zusammenhanges mit der verteidigungskunst der Römer in den brustwehren der lagerwälle und stadtmauern, von wo die geschichtliche linie über die Etrusker in die kulturen Vorderasiens zurückführt. wohlbegründet ist auch die meinung von M. Heyne hausalt. 1, 136, dasz diese einrichtungen ursprünglich ein pfahlwerk gewesen seien; in eiliger herstellung genügte auch flechtwerk, wie aus Cäsar bellum Gall. 5, 40 hervorgeht: turres contabulantur, pinnae loricaeque ex cratibus attexuntur. beachtung verdient das fortleben der benennung zinne für diese ursprüngliche wehr im mndl.: met eenen tuyn ofte tinnen, und soo men alleenlick eenen tuyn oft tinne hadde gesat landrecht v. Ruermond bei Kilian 672 fuszn. Hasselt. die von Heyne a. a. o. angedeutete beziehung des ahd. zinna zu dem aus lat. tignum entlehnten ags. tinn 'balken, pfahl' einer glosse (Bosworth-Toller 1, 988ᵃ) wäre bei der kurzen gastrolle des lat. wortes im ags. als quelle des umfangreichen gebrauches des deutschen wortes unzulänglich und sprachlich kaum vertretbar. dagegen hat die naive ansicht früherer grammatiker, die zinnen trügen ihren namen, 'weil sie wie die unteren zähne im munde stehen' (quelle bei Frisch 2, 478ᶜ; ähnlich Adelung² 4, 1719), sachlich das richtige getroffen, wie der augenschein an den zinnen aus mauerwerk lehrt, und die geflochtenen oder aus balken hergestellten in der frühesten bauperiode waren diesen im wesentlichen, nämlich in den klaffenden schieszscharten, gleich. nur sind des etymologischen zusammenhanges halber nicht die zähne im munde, sondern die eines rechens oder ähnlichen gerätes zum vergleiche heranzuziehen. zinne gehört somit zu zind, m., zahn, zinke, zacke; die bildung ist von Holthausen idg. forsch. 48, 265 aus germ. *tind-n-ōn gedacht; ebenso gut möglich ist aber auch der ansatz *tindjōn oder *tinþjōn, s. Streitberg urgerm. gramm. 145.
I.
in eigentlicher verwendung als wehrbrüstung auf burg- und stadtmauern, später als architektonisches schluszstück von türmen und gebäuden.
A.
belege für die zinne als einzelteil der wehranlage und als zinnenkranz. weitere belege, die diese beiden bedeutungen zu scheiden gestatten, finden sich unter I C 4 und I F 1.
1)
in der fachliteratur und den wörterbüchern begegnen zwei bedeutungsangaben; die eine sieht in einer zinne 'das zahnartige brüstungsstück zwischen zwei schieszscharten' (einer befestigungsmauer oder eines turmes), wie es Schönermark-Stüber hochbaulex. (1902) 929 ausdrücken, die andere faszt zinne kollektiv als 'den obersten, mit einschnitten oder schieszscharten versehenen teil einer mauer, ingleichen eine ähnliche einfassung eines flachen daches eines gebäudes', so Adelung² 4, 1719. für diesen sinn musz die erste den plur. verwenden, vgl.: zinnen, f., 'machicoulis, heiszet die oberste brüstung auf einer mauer oder thurm. es heiszet auch absonderlich die schieszscharten, welche in einer solchen brüstung oder brustwehre an den alten mauren und thürmen angebracht werden' Fäsch kriegslex. (1735) 1033; zinnen '(machicoulis) heiszen die uͤberstehenden, auf kragsteinen ruhenden theile alter vertheidigungsmauern, wodurch man im stande war, den fusz der mauer von oben herunter mit steinen, heiszem wasser, kalk etc. zu vertheidigen' Hoyer kriegsbaukunst 3, 263. eine grammatikerangabe unterstreicht eigens das vorkommen des wortes im plural: zinnen 'in übereintziger zahl, sind spitzen oder erhabene mauren, darzwischen man hindurch siehet' Gueintz dt. rechtschreibung (1666) 170; Frisch 2, 478ᶜ schlieszt sich an mit der bezeichnung 'schuszscharten auf den mauren der alten städte'; sehr treffend schreibt Söderwall ordb. öfv. de svenska medeltids-spraͦket 2, 1, 658ᵇ: tinne 'en af de fyrkantiga upphöjningar som med regelbundna mellanrum följa kanten af plattformen aͦ en byggnad, mur o. s. v.' andere belege für diese definition: interstitium underschaid der czinnen (obd. 1429) Diefenbach nov. gl. 219ᵇ; minae ... pinnae die zinnen an der mawer, darauff man in die weite schieszen kan, und dem feind schaden thun, wo er sich zu nahe herbey macht Corvinus fons lat. (1623) 484; zinnen pinnae murorum, acroteria, spitz der mauren ... lorica zinnen, schirmtächle Schönsleder prompt. (1618) Qq 7ᵃ; Schmeller-Fr. 2, 1132 hat den plur. als stichwort; wehrzinnen ... sind übergebaute ... zinnen allg. dt. bibl. (1765) 10, 2, 280; zinne mauerzacke Hoyer-Kreuter technol. wb. (1902) 1, 872; zinnen brustwehren Westenrieder (1816) 689; er erkläret ferner den dunkeln bogen (des nordlichts), der auf dem horizonte steht, imgleichen den lichten, oder die lichten bogen, die ihn begleiten, und die zinnen oder einschnitte, die den rand desselben unterbrechen anmuth. gelehrs. (1751) 4, 815 Gottsched; als eine kollektive bezeichnung erscheint zinne u. a. noch bei Helfft wb. d. landbauk. (1836) 422; Bucher kunstgewerbe (1884) 444ᵃ; Lueger lex. d. ges. techn. (1894) 7, 999. dazu stellt sich die offenbar ungenaue glosse menia tinne vel borghwal (niederrhein. 15. jh.) Diefenbach gl. 356ᵃ. die ndl. wörterbücher vertreten die kollektive auffassung, schon Kilian (1605) 558: tinne, transse, ranteel lorica, summa ambitus muri corona, pinnae muri, minae muri, sepimentum, peribolus, corona tectorum quae praecipitium prohibet.
2)
als teilstück des wehrschutzes ist zinne kenntlich in nachstehenden sachzeugnissen: quidam potentissimus regum obsidens civitatem Bruneswikcensem, cum quadam nocte de stratu suo forte surrexisset, ad excubias explorandas et intueretur civitatis ejusdem moenia, vidit clara speculatione in singulis propugnaculis, qui teutonice vocantur tynnen, singulos angelos stantes et penes unumquemque duas aureas cruces fixas hinc inde collaterales script. rer. Brunsvic. 1 (1707) 702 Leibniz; ihre grundsteine und ihre zinnen waren grosze platten J. v. Müller s. w. (1810) 5, 103; (sie) fanden die zinnen aufs neue mit katapulten gekrönt Mommsen röm. gesch. 2 (1865) 28. überhaupt ist diese bedeutung allen belegen eigen, in denen der plur. von einer einzigen befestigungsanlage gebraucht wird: hupsche peue ... als es dan iecz der geprauch ist mit hohen turnen und zinnen altdt. passionssp. a. Tirol 348 Wackernell; diese mauern und zinnen sehen wir ja auch in der mauerkrone der Kybele Schelling w. (1856) I 9, 341; tempel auf tempel mit zinnen und türmen reichen von der berglehne bis zur kuppe Ratzel völkerkde (1885) 3, 635; mauern mit zinnen und türmen (sieht man oft auf münzen) Luschin v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. (1904) 51; das stadtthor mit den mauern und zinnen archäol. ztg. 2, 366 Gerhard.
3)
gut läszt sich die bedeutung als einzelstück erkennen, wenn die zinnen auf stadt- oder burgmauern und an gebäuden oder teilen von ihnen gezählt werden: ich hett auch in der burg, die ir da sehent fur uch stan, hundert zinnen und funffczig Lancelot 1, 486 Kluge; dornoch zoch her vor Meilan unde besaz die stat unde tet den luten vil zuͤ leide unde gewan zwuͤ zinnen bie deme tore unde liz die zuͤmale hengen, die daruffe waren sächs. weltchron. 293, 8 Weiland; wenn ein stat an allen orten bewart wer, auszgenumen an einer zynnen, so ist es genuͦg den feinden die stat zegewinnen, man muͦsz alle zinnen bewaren Keisersberg brösamlin (1517) 61ᵇ; das hinderthor auff die wisen zu ewerm besondern eingang ... soll ... mit vier bder fünf zinnen ... versehen sein Sebiz feldbau (1579) 31; besonders nenne ich hier den glasigen feldspath vom Drachenfels, der mir um so wünschenswerther war, als ich eine zinne vom Cölner dom besitze, welche aus ebendemselben gestein gebaut ist Göthe IV 24, 256 W.; Tribur ... mit seinen dörfern übernahm den bau und die unterhaltung von 30 zinnen Nitzsch dt. studien (1879) 154.
4)
sie ordnen sich zum kranze:
uf dere burch muren ist allez ane dere engile huote,
die uns bi dinen gnaden sint greht ce alleme guote,
da du mit besezcet has alle umbe dere cinnen cile
himmelreich 227;
darauff satzten sy am auszern thayl der mauren tagfenster und zynnen die auszwendig gegen einander gleich gestanden Boner Herodot (1535) 27ᵃ; (im kunstgewerbe) stellt ein mächtiger reifen aus vergoldetem kupfer eine stadtmauer dar, auf welche zwölf türme und zwölf throne verteilt sind: das himmlische Jerusalem ist damit versinnbildlicht. auf den zinnen brannten in jedem intervall drei grosze wachskerzen, in jedem turm eine lampe Dehio gesch. d. dt. kunst 1 (1919) 199; eine säulenhalle ..., über der sich ... eine zweite offene loggia unter rundbogen öffnet ... zu beiden seiten von kräftigen risalitentürmen flankiert und von einem kranz eigentümlich gestalteter zinnen abgeschlossen J. Schlosser präludien (1927) 110.
5)
kollektiven sinn hat der sing. schon in mhd. beispielen, vgl. I C 4 und I F 1. in neuerer zeit ist die zinne des turmes häufig:
steig auf die zinne des thurms, Chrimhild
J. H. Voss s. ged. (1802) 2, 179;
o, lieber als dem grafen mich vermählen,
heisz von der zinne jenes thurms mich springen
Shakespeare 1 (1797) 130 (Romeo u. Julia IV 1);
im kampf und ringen stürmt der mensch sich bewusztlos auf die schmale zinne eines thurms hinauf Immermann w. 18, 47 Hempel; vgl. noch H. Laube ges. schr. (1875) 4, 130; E. Th. A. Hoffmann s. w. 11, 47 Gr.; D. Fr. Strausz ges. schr. (1876) 1, 123; sodann die zinnenreihe auf stadt- und burgmauern, auf gebäuden: und wil an der zinnen auff der stattmauren acht auff dich haben buch d. liebe (1587) 14ᵇ;
Straszburg hat eine hohe zinn,
es kann kein ritter kein graff gewinn
grillenvertreiber (1670) 99;
aber Seleukeia nahm der vezier, er persönlich der erste auf der zinne, mit stürmender hand ein Mommsen röm. gesch.⁴ 3, 327;
in Deutschland lockt ihn auch der groszen staͤdte zahl
und sonderlich in Wien der burg erhabne zinne
Gottsched neueste ged. (1750) 118;
da es nacht wurde, sah ich ... von der zinne des castells ... den ... brand von Rom Göthe I 43, 102 W.;
auf Hubertusburgs zinne
trat der gerichtsengel
Schubart s. ged (1826) 2, 281;
von der zinne eines gebäudes, so über die ganze stadt wegragete, besah sie mit freuden dieses arbeitsame volk anmuth. gelehrsamk. (1751) 1, 366 Gottsched;
jetzo kam Eloa zurück vom throne des richters.
voll von tiefen gedanken, und langsamer schwebt er des tempels.
zinne vorüber
Klopstock Messias (1780) 257;
wir kommen ...
fest den grund zu dem baue zu legen!
ohne tieferen grund schwankt bald die glänzende zinne
ders., oden (1889) 2, 81;
keine mütter jauchzen von der zinne
ob der knaben stolzer wiederkehr
Hölderlin ges. dicht. 1, 110 Litzm.;
als fürchte man, die träumerin auf der hohen zinne zu wecken, wagte da niemand zu athmen R. Schumann ges. schr. (1854) 2, 161;
befiehl, von jener zinne mich zu stürzen
Göthe I 9, 254 W.
eigenartig erweitert Hans Sachs den begriff zu einem verwahrungsraum:
het lieb fraw Gardoleye zart,
die doch versperret was so hart
in einer burck an einer zinn
fastnachtspiele 1, 6 ndr.
sowohl der gesamte, von dem mauerkranz umgebene dachraum als auch eine einzelne scharte, durch welche man ins freie zu hofieren (teil 4, 2, sp. 1684, nr. 9) pflegte, kann im folgenden gemeint sein: und der fast mehr danck und belohnung an herrenhöfen darvon bringt, der in die zinne, mit urlaub, hoffiret, als der sie purgiret und auszfeget Mengering gewissenrecht (1653) 118.
B.
örtliches vorkommen, form, stoff und grösze der zinnen.
1)
burgen, schlösser, türme sind die gebäude, welche zinnen tragen, anderseits die mauern der städte:
burgen mit hohen
mauern und zinnen
Göthe I 14, 48 W.;
sie suchet ihre ergoͤtzligkeit nicht in den zinnen der palaͤste Lohenstein Arminius (1689) 1, 322ᵃ; die feudalen paläste mit ihren zinnen und rusticoquadern Justi Winckelmann (1866) 2, 1, 247; so, sagte Kohlhaas, Wenzel heiszt der junker? und sah sich das schlosz an, das mit glänzenden zinnen über das feld blickte H. v. Kleist w. 3, 142 E. Schmidt; die zinnen des thurmes waren eingestürzt J. G. Forster s. schr. (1843) 3, 417; doch gestatteten die überreste der partheiung so wenig allgemeine sicherheit, dasz in städten selbst die häuser ... mit ... zinnen ... umringt wurden J. v. Müller s. w. (1810) 2, 320; die (stadt) war mit zinnen und ringkmauren umbzogen Stumpf Schweizerchron. (1606) 148ᵃ; diese statt ist mit weiten zinnen, thuͤrnen und gebaͤwen auffgericht und geziert volksb. v. dr. Faust 67 ndr. (Petsch);
gehab dich wol, o stadt! die du in deinen zinnen
hast meinen leib gehabt, nicht aber meine sinnen
Logau sinnged. 55 lit. ver.;
schon von weitem zeigten zinnen, hohe mauern und bastionen, dasz der ort ... seine grosze, wehrhafte zeit gehabt habe Immermann w. 1, 199 Hempel;
die funcken stieben selbst schon auf Carthagens zinnen
Lohenstein Sophonisbe (1680) v. 23;
auf der höhe, wo der blick
ins Duero-thal hinabschweift,
und die zinnen von Granada
sichtbar sind zum letzten male
H. Heine s. w. 1, 361 Elster;
es sind da ringsherum hohe mauern mit zinnen und man kann rund herum gehen und wie von einer alten burg heruntergucken (1814) Jacob Grimm an Wilhelm in: briefw. (1881) 256; wohl mögen sie es beide mit bewundernder seele gesehen haben, wenn die abendröthe über die Campagna hinflog oder auf den thürmen und zinnen von Florenz lag Hermann Grimm Michelangelo (1890) 2, 63.
2)
den stoff, aus dem die zinnen errichtet sindholz und ziegelsteine —, ihre form und den als schieszscharten gebrauchten offenen raum zwischen ihnen lassen nachstehende belege erkennen: und ich werde inzundin eyn vuer in der muyr Damasci, und das wirt vorburnin Benadabs czinnin (und würd verzeren die zinnen Benadad Eck; palläste Luther) Claus Cranc Jer. 49, 27 Ziesemer; des selbin jares in deme sommere da quam ein blicz und brante zuͤ Doringen dese drie borge, die bie einandir lin, Glichen, Molburg, Waszenburg, die torme unde die zinnen abe sächs. weltchron. 292, 5 Weiland; unserer stat rinkmur ... vil der zinnen und loͤchher ... zuͦgemuret (1408) bei Fischer schwäb. 6, 1217; als nun die so in der besatzung waren, das geschuͦtz abgehen hoͤreten, und die zinnen und ziegel anfiengen herunter zufallen, ward das haus alsbald den fuͤrsten eroͤffnet und eingereumet Letzner Dasselische chron. (1596) 1, 62ᵇ; und das er die zinnen uff der diekmuren, so er gelert, wider mit steinen erfulle (Sundgau 1525) dt. bauernkrieg, aktenbd. 235 Franz; all ihr zinnen hat er gestürtzt klagel. Jerem. 2, 5 Eck; nun teyl man die schieszloͤcher oder zinnen, zu dem ... geschuͤtz ... gleich ein, und mach die erst zinnen mitten hinausz bey dem puncten i A. Dürer befest. d. stett (1527) B 2ᵃ; dorthin wollen wir ein schlosz bauen mit schlanken maurischen zinnen H. Laube ges. schr. (1875) 2, 55; die herrliche ruine Montfort auf einer landzunge, die schönste, die ich je gesehn habe, mit drei toren, zackichten zinnen und einer dreifachen reihe durch ihre höhe und tiefe ordentlich imponierender fensternischen (1842) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 20 Schulte-K.
C.
der gebrauchszweck der zinnen.
1)
bei einer belagerung gewähren die zinnen den verteidigern schutz und die angreifer suchen diese durch die schieszscharten mit geschossen zu treffen oder die zinnen selbst niederzulegen und danach die mauer zu ersteigen; der gebrauch des plurals ist regel:
dô schûfen si ir were
wider daz creftige here
in der burh innen
und giengen an di zinnen
Straszburger Alexander 1042 Kinzel;
doch hatten sie von den zinnen
daz volc so garuwe verlorn
graf Rudolf C 21 v. Kraus;
auff dy wer sy lieffen do,
auff zynnen und auff turne
Heinrich v. Neustadt Apollonius 3449 Singer;
der statt gebeuw und zinnen (soll der befehlshaber) mit katzen und aller art instrumenten uberhoͤhen Fronsperger kriegsb. 1 (1578) g 4ᵃ; die Alexandriner standen auf ... den zinnen ihrer häuser G. Keller ges. w. (1889) 7, 343;
besetzt die brustwehr, stellet an die zinnen euch
Droysen d. Äschylus werke (1841) 345;
manic swærez bloch
hiengens an die zinnen:
si wâren in den sinnen,
man wolt sturmen hin an.
swaz man solde hân
daz dâfür guot wære,
daz bereiten die Akersære
Ottokar österr. reimchron. 48 785 Seem.;
(die belagerer) in den zinnen sie niht entliezen
der innern deheinen bewîsen sich.
alsô die steter grôzlich
liten nôt ietweder sît
Ludwigs kreuzfahrt 5018 Naumann;
der herre ist wurdin als ein vint. er hat geschupt Israhel, er hat geschupt alle sine cynnin. er hat zustorit sine vestin Claus Cranc klagel. Jerem. 2, 5 Ziesemer;
wir moissen stigen in zo den zinnen
wil wir dat vurburge winnen
Gottfried Hagen reimchron. 2522 in: städtechron. 12, 95;
was sie schuszen bei dem tag das maurten die von Beurn des nachts wider zu. doch so schosz man nur die zinnen ab, da die maur tinn ist (Augsburg) städtechron. 5, 38; darauff liesz der hertzog von Bourbon mit den schlangen das volck von den zinnen treiben und die stattthor abbrennen Adam Reiszner historia (1572) 108ᵃ; das feuer der handrohre reichte hin, die zinnen der mauern zu säubern Ranke s. w. (1867) 2, 280; nun gingen die bauern über diese (die festung), erstiegen die zinnen und hatten das alte castell in einer stunde erobert Steub drei sommer in Tirol (1895) 1, 100.
2)
die zinnen als weithin sichtbare stelle; auf sie wurden die köpfe besiegter feinde oder von verbrechern gesteckt, an sie schilde gehängt und in späterer zeit fahnen an ihnen befestigt, auch tragen sie figurenschmuck, wie der beleg aus den scriptor. rer. Brunsvic. 1 (1707) 702 Leibniz ob. I A 2 lehrt:
die heize ich alle hâhen   an die zinnen dîn
Wolfdietrich A 55, 2 Schneider; 404, 4;
gegen yetlicher zynnen da kein heubt off stack stunt auch ein grab Lancelot 1, 165 Kluge; 1, 214;
all zehand nach der geschicht
schlueg man im das haubet ab,
den potich trueg man zu dem grab,
das haubet an die zynnen:
sust galt man im sein mynnen
Heinrich v. Neustadt Apollonius 367 Singer;
es ist merkwürdig, dasz die alten Norden von geopferten pferden die häupter aufzustecken pflegten, womit man den feinden schaden zu können glaubte ...; wie man menschenköpfe auf zinnen steckte br. Grimm kinder- u. hausmärchen (1812) 2, anh. V; des morgens frú namen die von der burg der ritter schild alle vier und hingen sie all vier by des koniges schilt an ir zinnen Lancelot 1, 464 Kluge u. ö.; schwarze fahnen wehen von den thürmen und zinnen des schlosses Spielhagen s. w. (1877) 2, 514; und endlich entblöszten sie ihre häupter angesichts des gabentempels, der mit seinen schätzen schimmerte und auf dessen zinnen eine dichte menge fahnen flatterte in den farben der kantone, der städte, landschaften und gemeinden G. Keller ges. w. (1889) 6, 315; sie tragen statuen:
zum palais Heinrich gingen wir
...
wie trennt sich klar vom himmels glanz
der hohen zinnen statuenkranz
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 2, 80;
steinbilder ragten in langen reihen von hohen zinnen in die dunkelblaue luft, paläste, theater, kirchen bildeten grosze gesamtbilder in allen möglichen bauarten G. Keller ges. w. (1889) 2, 136.
3)
hinabwerfen oder sich stürzen von der zinne:
sie hetten ê genomen val
über ûz der zinne
Reinfried v. Braunschweig 25 483 lit. ver.;
er schupfft sie hin wol von des thurnes zinne
Ambraser liederbuch 226, 159 lit. ver.;
tödtet sie,
und werft ihr haupt von dieses thurmes zinnen
Schiller 13, 324 G.;
hiermit wollte sie von den zinnen hinunter springen, aber ein ritter erhaschte sie, und hielt sie Fr. Schlegel s. w. (1846) 7, 167.
4)
die zinne als warte, von der ein wächter nach feinden oder gästen ausschau hält; auch der burgherr und andere bewohner der burg oder einer stadt suchen diesen platz auf, namentlich aber ist dies die stätte, auf der die liebende frau die ankunft des ersehnten mannes erwartet, und diese situation wird zu einem dichterischen motiv, das allmählich erstarrt, so dasz sich in ihm die schwache form der singularkasus unverändert hält. die belege tragen neuen stoff zu der oben I A vorgenommenen scheidung der beiden bedeutungszweige bei. für den aufstieg ist der plural angemessen, da während dessen noch nicht eine einzelne zinne als ziel genommen zu werden pflegt, dagegen entspricht der singular der ausschau selbst, da diese an einer zinne oder genauer zwischen zwei zinnen vor sich geht. doch ist für den ersten teil des vorgangs, den aufstieg, nicht selten der singular gebraucht, ein zeichen der kollektiven bedeutung des wortes zinne in diesem falle. zu beachten ist auch, dasz der akk. die zinnen schwacher sg. sein kann. belege: visorium tinne Junius (1577) bei Diefenbach gl. 623ᵇ;
sô gên ich von dem venster   aber an die zinnen
Wolfram v. Eschenbach Titurel 118, 1;
daz in der stat die vrouwen
dur warten und dur schouwen
sich huoben an die zinnen
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 33 937; 29 234;
Ecuba die kaisserin
was nüwlich an die zinnen getretten
Göttweiger Trojanerkrieg 577 Koppitz;
Teuerdank selbs auf die zinnen gieng,
sach, was doch da möchte gesein
Teuerdank 214 G.;
sîn liet erklanc im schône,   ie hôher unde ie baz.
Hagene ez selbe hôrte:   bî sînem wîbe er saz.
ûz der kemenâten   muosten si in die zinne.
der gast wart wol berâten.   ez hôrte ez diu junge küniginne
Kudrun 380, 3;
do was frou Brünhilt gegân
mit frouwen in die zinne
Biterolf 8651;
der herzoge an die zinne gienc
Virginal 713, 1;
dô îlt der wirt an die zinne.
dô wart er mit gesihte inne,
daz der kunic dâhin reit
Ottokar österr. reimchron. 81 247 Seem.;
als sie den ring erblickte, worauf des herzogs ... name geschnitten war, erbleichte sie, stund eilends auf und trat an die zinne, um nach dem fremdling zu schauen br. Grimm dt. sagen (1891) 2, 134; da die beid entwapent wurden, da ging Phariens oben off den thorn und sah zu eyner zinnen usz das meiste here das ye wart, und das felt was alles mit lúten bedeckt Lancelot 1, 105 Kluge;
eins morgens dô der tac ûf gie
und daz der wahtær verlie
die huote an der zinne,
als er des wart inne
daz diu porte was ûf getân,
dô kom der ungetriuwe man
daz sîn niemen wart gewar
mit vier hundert rîtern dar
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 3707;
ich vants an der zinnen,
eine, und ich was zir besant
Heinrich v. Morungen in: minnesangs frühling 140, 1;
dô si daz liehte wîp enbor
gesâhen an der zinnen,
dô wurdens in ir sinnen
ermant ir alten riuwe
Konrad v. Würzburg trojan. krieg 34 025;
der wirt stund an der zynnen,
er ward des gastes innen
Heinrich v. Neustadt Apollonius 10 320 Singer; 667;
der wachter an der zynnen sang
liederb. d. Hätzlerin 4 Haltaus;
da fand ich sie allein
an einer zinnen stan,
(mein trauren das war kleine)
die schönest und die ich meine
bergreihen 10 ndr.;
das maidlein stund an der zinnen
Erlach volkslieder d. Deutschen (1834) 1, 231;
der schöne schäfer zog so nah
vorüber an dem königsschlosz;
die jungfrau von der zinne sah,
da war ihr sehnen grosz
Uhland ged. (1868) 1, 142;
der wächter blies mit seinem horn von der hohen zinne den tag an A. v. Arnim s. w. (1853) 8, 232; ein wacht von der obersten zinnen eines hohen thurns, etliche troupen ... ersahe theatr. amoris (1626) 85; weitere belege s. I F 1.
D.
literarische gruppen.
1)
für pinnaculum und pinna der vulgata an den bibelstellen Matth. 4, 5 und Luk. 4, 9 setzt, soweit bekannt, nur der St. Georgener prediger das wort zinne ein: er sprach zu im, do er uff des tempels zinnen stuͦnt: la dich hie nider, und Luther tut das gleiche mit seiner griech. vorlage τὸ πτερύγιον: da fuͤret in der teufel mit sich, in die heilige stad, und stellet in auff die zinnen des tempels. beim ersten ist zinnen wahrscheinlich, beim zweiten kann es sg. sein. diese form hält sich im literarischen nachleben der stelle u. a. im theatr. diabol. (1569) 117ᵃ, bei Ringwaldt evangelia (1581) L 2ᵇ, Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 476, auch noch bei Brentano ges. schr. (1852) 1, 90 und in: mod. dichtercharaktere (1885) 62 Arent-Conradi-Henckell; der eindeutige sing. zinne erscheint aber schon bei Nigrinus v. zäuberern (1592) 200, bei Schupp schr. (1663) 241, und in der Luther bibel liest man ihn seit 1664 (s. einleitung). danach wird er allgemein, so erscheint die zinne des tempels bei Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1467ᵃ, Frisch 2, 478ᶜ, Gottsched sprachkunst (1748) 115, Adelung wb. ²4, 1719 u. a. wenige schriftsteller wagen es, die szene auf andere tempel zu übertragen; jedoch wirkt sie in freier gestaltung mächtig nach, s. II: nun stehen sie auf der zinne von Fortunens tempel, erblicken alle reiche der welt unter sich, laufen in den flitterwochen wie die nachtwandler auf den dächern herum Kotzebue s. dram. w. (1827) 6, 72;
in feuern lodert die seele auf, auf flammendem wagen fährt sie empor.
...
hoch über des tempels zinnen schwebt sie stark auf mächtigem flügelpaar
mod. dichtercharaktere (1885) 62 Arent-C.-H.
eine abweichende auffassung der bibelstellen Matth. 4, 5 und Luk. 4, 9 vertritt, mit wohl der einzigen ausnahme des St. Georgener predigers (s. vorn), die gesamte vorlutherische übersetzung. die erste dt. bibel und in deren gefolge noch Emser und Eck haben höhe; sie stehn am ende der mit dem ahd. Tatian beginnenden reihe: et statuit eum supra pinnaculum templi inti gisazta inan ubar obanentiga thekki thes tempales (Matth. 4, 5) Tatian 15, 5;
let ina thô ledean   thana liudscadon,
that he ina an Hierusalem   te them godes uuiha,
alles obanuuardan,   up gisetta
an allaro huso hohost
Heliand 1082;
er inan in thie wenti   sazta in obanenti
Otfrid II 4, 53.
aber bereits Wulfilas ana giblin 'auf den giebel' hatte die vorstellung des zinnenkranzes vermieden, und dasselbe war der fall mit dem worte fastigium des afrikanischen handschriftenzweiges der lat. bibel vor Hieronymus. dem lat. pinnaculum blieb die vorstellung der höhe und der spitze im mittelalter und in seinem fortleben im roman.-ndl.-engl. sprachgebiet bewahrt, vgl. die glossen pinnaculum das hochst o. das oberste an einem hus o. an einem tempel gemma gemm. (1512) und dat overste ... van eynem torne gemma gemm. (1507) Diefenbach gl. 435ᶜ, ferner aber besonders franz. pinacle und engl. pinnacle, welches das n. engl. dict. 7, 887ᶜ bestimmt als 'a small ornamental turret, usually terminating in a pyramid or cone or rising above the roof or coping of a building' sowie die mndl. belege, welche unter zinnenapfel dargeboten werden, und das aus einer kreuzung von pinnaculum mit pijnappel und tinne geflossene mnd. tinappel ebda. dort werden gar dem tempel Salomos drie pinaculen zugeschrieben. schlieszlich meldet sich diese bedeutung bei zinne selbst: pinna zinne, kilchtach vocab. optim. 16ᵃ Wack.; die zinne eines gebäws die spitze oben auff den tach eines gebäws Duez (1664) 716; auff der zinne oder kirchenknopff sitzen Mathesius Sarepta (1571) 237ᵃ.
2)
romantischer stil verwendet zinne, den älteren gebrauch fortsetzend:
die witwe also ihrer freyer,
...
durch dieses alten weibes list
also hie ledig worden ist,
die nicht mehr gerten in ihr zinnen,
sprachen, der teufel wohnt drinnen
Eyering proverb: copia (1601) 3, 435;
stütze des hauses, piastisches kind,
...
bessert von neuem die schutzbaren zinnen,
drunter wir segen und ruhe gewinnen
Logau sämtl. sinnged. 629 lit. ver.;
und hier der zinnen hohen schein,
so fast die wolken nehmen ein
Stieler geharnschte Venus 57 ndr.;
durch die abendliche stille tönte laut der huftritt ihrer rosse. da schmetterte von der zinne der burg eine fröhliche trompete und weckte mit ihren tönen den widerhall am tannenberge Tieck schr. (1828) 8, 281;
flieht, ihr schönen städterinnen,
eurer städte goldne kluft,
eurer kerker hohe zinnen,
trinket frische maienluft
Hölty ged. 131 Halm;
o meer! du der sonne
grüner palast mit goldenen zinnen,
wo hinab zu deiner kühlen treppe?
Mörike ges. schr. 3, 102 Göschen;
bösen fluges vögel schweben
um der fernen tempel zinnen
Cl. Brentano ges. schr. (1852) 3, 62;
er eilte zurück ins schlosz, hinauf auf die zinne des thurmes Spielhagen s. w. (1877) 1, 104;
schon brennen die rosigen zinnen
Ricarda Huch herbstfeuer (1947) 11;
das hakenkreuz, das ihn oft auf dem ärmel des kleinen mädchens geärgert hatte, wehte tausendfach von allen zinnen und toren und von den zittrigen zinnen und toren auf dem wasser Anna Seghers d. toten bleiben jung (1950) 407.
E.
sondergruppen.
1)
die erinnerung an die alte stadtmauer mit ihren zinnen halten einige haus- und platznamen fest: 'in Göttingen heiszt von alters her ein an der Barfüszerstrasze stehendes haus de tinne' Schambach Göttingen 230ᵇ; zinne name eines platzes vor einem tor (Augsburg 18. jh.) Birlinger schwäb.-augsb. wb. 440; 'auf der zinne' ringmauer, die früher die alte stadt von den vorstädten trennte veröff. a. d. archiv v. Freiburg i. Br. (1891) 2, 156; ebda werden auf der erdaufschüttung hinter den stadtmauern hochliegende zinnengärtlein und eine für deren benutzung zu entrichtende steuer, das zinnenrecht, erwähnt. westfäl. tinne, f., hügel-, bergabhang in ortsnamen bei Jellinghaus westf. ortsnamen³ 163 weist dieselbe bedeutungsentwicklung auf wie korsisch zenna absturz, abgrund (lehnwort aus dem langobard.) bei Gamillscheg Romania Germ. 2, 174.
2)
zinnen von bergen und felsen sind über den kamm emporragende spitzen, oder der höchste einzelgipfel wird eine zinne genannt; beweis für den ersten fall ist der gebrauch des plur.:
daz houbet er im abe sluoc:
vil balde er ez von dannân truoc
hin gegen des velses zinnen
Virginal 822, 3;
Eneas unterdesz steht auff des felsens zinnen
und siehet übers meer, so weit er sehen kan
M. Schirmer Virgil (1668) 13;
dort auf jener klippe zinnen
soll ein tempelbau beginnen
Grillparzer s. w. 7, 147 Sauer;
zwischen hoher felsen zinnen
steht ein altes schlosz erhoben
Eichendorf s. w. (1864) 1, 678;
Manna-kea, der kleine berg, ... nimmt mit zackigen zinnen den norden ein Chamisso w. (1836) 2, 292; selbst jene grosze kette von gebirgen .. (sie) sind nicht unordentlich hingestreuet, oder in hohe zackige spitzen und zinnen ... zerrissen J. G. Forster s. schr. (1843) 4, 146. den zweiten bezeugen:
... schleuderte mich von der zinn' Olymps
herab
Bürger s. w. 149ᵃ Bohtz;
mit anstrengung der letzten kräfte erreichte er endlich die zinne des berges Musäus volksmärchen 1, 50 Hempel; fegt mich (ihr sturmwinde) weg von der zinne (dem gipfel des Hochvogels), die ich mit aug' und eisen mir gewonnen Barth Kalkalpen (1874) 179. nur wenige belege lassen eine solche bedeutungsfestlegung nicht zu, indem in ihnen auch die vorstellung eines grates oder spitzen kammes gelten kann: um den ganzen berg hing ein düsteres, elektrisches geheimnis, und seine zinnen trennten sich an manchen stellen gar nicht von den schwarzen wolken Stifter s. w. 2 (1908) 105;
die starren zinnen des gebirges trauern
Chamisso w. (1836) 4, 20;
jetzt auch steht sie vielleicht auf der zinne ihres felsens und sieht herüber in diese welt von bergen W. Hauff s. w. (1890) 1, 109; schlimm trieben es zwei andre auf der zinne einer felswand Rosegger schr. (1895) I 2, 107.
3)
in der heraldik ist zinne 'ein aus seiner tinctur in die nebenstehende tinctur hineinragendes, den schildrand nicht berührendes, wie ein viereck abgegrenztes stück, einem abgekürzten balken oder pfahl ähnlich ... wo jedoch eine der zinnen am rande verschwindet, da liegt die mit dem namen zinnenschnitt genannte section vor ... zinnen sowohl als auch zinnenschnitt kommen auch schräg vor; auch gibt es 'gezinnte' heroldfiguren' Querfurth herald. terminol. 178; zinnen pinnae, creneau, mauerspitzen, die aber nicht als triangul, sondern breit Schumacher wapenk. (1694) 87; item darnach fuͤrt man im vor ain panier mit zinnen in ainem plawen feld (Augsburg) städtechron. 4, 61; ain baner mit zinnen in ainem plauen veld des landes von Budwitz ebda 5, 23; die steinen werkstück oder zinnen im wappen der von Ortenburg bei Schmeller-Fr. 2, 1132.
4)
vier zinnen: in seinen vier zinnen steht gleichbedeutend mit in seinen vier pfählen, vgl.: ein gut in lehensgewer gehabt haben, so die gerichten oberste und niderste, in seinen vier zinnen gebraucht, und offt geübt ohne jedermanns rechte, ansprache und einsage bei Frisch 2, 478ᶜ; anders: 'im fechtbuch (cgm. 582 fol. 10, 11, 18, 26) sind die vier zinnen arten von kunststücken' Schmeller-Fr. 2, 1132.
5)
im treffenden vergleich mit einem zinnenkranz werden die zähne im munde des mädchens zinnen genannt:
die maid liesz in mit sinnen
rinnen in den grans,
durch weiszer zendlin zinnen
der minne sant Johanns
Oswald v. Wolkenstein 6, 107 Schatz.
6)
ungewöhnlich gartenzinne erhöhter sitzplatz an der gartenmauer mit ausblick ins freie land und auf den garten:
nun schmückt er sich die schöne gartenzinne,
von wannen er der sterne wort vernahm
Göthe I 16, 166 W.;
und wieder stand die Monika Fichtner auf ihrer gartenzinne und sah dem spiel zu, welches der oktoberwind mit den bunten blättern der bäume ... trieb W. Raabe s. w. I 3, 335. ähnlich: liebe lilie! rief er, als er ihr die silbernen treppen hinauf entgegen eilte; denn sie hatte von der zinne des altars seiner reise zugesehn Göthe I 18, 268 W. auch zinne des tisches wird gewagt:
die kerze aber sah mit einem kecken
blick drein, als sonne, von des tisches zinnen,
mit licht die rose strömend zu bedecken
Rückert ges. poet. w. (1867) 3, 164.
gezierter ausdruck: doch ehe er ausgeredet hatte, schleuderte ihm das ungethüm den abgehauenen kopf gegen die stirn, dasz er überzwerch von der zinne des polsters über den ringnagel herabstürzte (gemeint ist der kutscherbock eines wagens) Musäus volksmärchen 1, 57 Hempel. in der Schweiz ist die zinne an häusern dem wohnraum als erker genähert: zinnen oder erckel dardurch man luͦgt waͤr komme speculae Maaler (1561) 522ᶜ; zinne, f., erker, balkon Stalder 2, 475. diese bedeutung legt auch Göthe der zinne bei: dasz ich auf dem rechten Saalufer, unmittelbar an der Camsdorfer brücke, über dem durch die bogen gewaltsam strömenden, eisbelasteten wasser, eine zinne (vulgo erker) in besitz genommen habe (1818) IV 29, 54; 42; 89 W.; (1805) IV 19, 92 W. im vergleich von hochragenden nadelbäumen: unser bette grünt, unsrer hütte balcken sind cedren, unsre zinnen cypressen I 37, 302 W.;
mit rosiger nase schleppt der lakai
die schwere tanne von hinnen (vom weihnachtsmarkt);
das zöfchen trägt ein leiterchen nach,
zu ersteigen die grünen zinnen
G. Keller ges. w. (1889) 10, 97.
7)
kerbe, einschnitt: crena zinnlein an den blettern Golius (1582) bei Diefenbach gl. 156ᶜ; die vermoderte ... und verfallene käszinnen (der zackige rand eines überreifen, auseinander laufenden käses) Fischart Garg. 80 ndr.; gehäkelte spitzenkante:
die zinnen bester art (anscheinend eines taschentuchs) seynd sauber umbgeneht
Rachel sat. ged. 9, 104 (fuszn.) ndr.;
sie machen flohrne schleier,
mit zinnen huͤbsch verbraͤhmt, im beisein ihrer freier
Zesen verm. Helikon (1656) 1, 73ᵇ;
zinnigen spitzen (modellbuch v. 1608) bei Otte 273; Müller-Fr. 2, 707ᵃ.
F.
grammatisches.
1)
am gebrauch der präpositionen in folgenden ausgewählten beispielen lassen sich gleichfalls die beiden bedeutungen von zinne scheiden. das einzelne emporragende teilstück des zinnenkranzes schwebt vor in allen belegen, welche an enthalten, in dem vorletzten mit auf, in dem beleg mit durch und hinter, in dem ersten mit in und in allen belegen mit ob, über, von, zu und zwischen. die übrigen fälle verwenden den kollektiven sinn des wortes. eine abschlieszende übersicht will die auswahl nicht geben; sie läszt sich leicht ergänzen durch die beispiele oben I A 5. an:
ich stuont mir nehtint spâte   an einer zinnen,
dô hôrte ich einen ritter   vil wol singen
in Kürenberges wîse   al ûz der menigîn
Kürenberger in: minnesangs frühling 8, 2;
ez erhal ir durch daz venster, dâ si was gesezzen an der zinne
Kudrun 373, 4;
sie (die zwei jünglinge) kamen dar uff mitten tag,
der herr an einer zinnen lag
so fern als er sie kummen sach
Gengenbach 244 G.;
der wächter an der zinnen stund
A. v. Arnim s. w. (1853) 21, 54;
sie schossen ... vortrefflich ..., es hätte sich niemand an den zinnen, auf den mauern dürfen blicken lassen Ranke s. w. (1867) 3, 144; so soll er an der zinne hangen, an der sich Benvenuto herunter liesz Göthe I 43, 339 W. auf:
wachet auff, rufft uns die stimme
der wächter sehr hoch auff der zinnen
Phil. Nicolai bei Wackernagel dt. kirchenlied 5, 259ᵃ;
hör auff! es lauffen die leut zu.
der torner bläst hoch auff der zinnen,
die keiserin ist nicht weit von hinnen
J. Ayrer dramen 729 K.;
schon blasen unsre wächter auf den zinnen
und mahnen uns zum krieg
Tieck schr. (1828) 1, 363;
er stand auf seines daches zinnen
Schiller 11, 230 G.;
Atle erscheint auf den zinnen der burg Fouqué held. d. nordens (1810) 2, 86; ettliche hunde ... fielen ihn ... mit groszem bellen an, davon die wächter auff den zinnen ermuntert ... wurden Heyden Plinius (1565) 369;
ich stand auf hohen zinnen
und sah ein kleines haus
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 121;
daz selbe tal was alsô tief,
swer ûf die zinnen sitzen gie
und er ze tal diu ougen lie,
den dûhte das gevelle
sam er sæhe in die helle
Hartmann v. Aue Erec 7878;
bisz endlich auff die zinnen kamen, die in fragten Amadis 1, 136 lit ver.;
ich kenne wo ein festes schlosz,
ein stiller könig wohnt darinnen,
mit einem wunderlichen trosz;
doch steigt er nie auf seine zinnen
Novalis schr. 4, 124 Minor;
das gesinde, das flieht, auf die zinnen es flieht
Mörike ges. schr. 1, 76 Göschen;
nach essens bisz nacht solten die anderthalb hundert cron stan off den anderthalb hundert zinnen, und die myn solt stan off dem pinnackel von dem torn, und uff yglicher zinnen solt ein hercz (fehlerhaft für kercz) brinnen des nachtes, und das die so grosz were das sie kein wint verleschen mocht Lancelot 1, 487 Kluge; plectrum wyrbel (volute, teil 14, 2, sp. 533) auff zynnen (Nürnberg 1482) Diefenbach gl. 441ᶜ. durch:
auch stacken alle heuser vol (menschen).
unden und oben sahens wol
durch fenster, läden und durch zinnen
Hans Sachs 2, 389 K
hinter: doch so haben die ritter ... sich hinder den zinnen und schilten enthalten und beschirmbt Boner Herodian (1532) 63ᵇ. in:
dô stuonden in den zinnen   diu minneclîchen kint
Nibelungenlied 477, 1 A;
ûz der kemenâten   muosten si in die zinne
Kudrun 380, 3.
ob:
vil türne ob den zinnen stuont
Wolfram v. Eschenbach Parzival 565, 5.
über:
swenn si wil, sô füeret si mich hinnen
mit ir wîzen hant hô über die zinnen
Heinrich v. Morungen in: minnesangs frühling 138, 32;
kleiner garten auf der mauer. durch und über die zinnen weite aussicht ins land Göthe I 13, 358 W.;
man warf sie ...
allsammt über die zinnen
A. v. Arnim s. w. (1853) 17, 313.
von:
wenn Hamlet trifft zum ersten oder zweyten,
wenn er beym dritten tausch den stosz erwiedert,
laszt das geschütz von allen zinnen feuern,
der könig trinkt auf Hamlets wohlseyn dann
Shakespeare 3 (1798) 354;
Rainald Porchitus ... sollte ... von den zinnen der mauern herab um auslösung flehen Raumer gesch. d. Hohenstaufen (1823) 1, 145. zu:
(sie) schuessen zu den zinen
auff unser knecht hinein
Hans Sachs 22, 143 G.;
auff dessen geschrey zwene männer zu den zinnen herausz lugten, und fragten, was er suchet Amadis 1, 124 lit. ver.; (sie) henckten etlich gefangen kaiserisch an galgen auff die stattmauer, etlich zun zinnen und schuszloͤchern hinausz S. Franck Germ. chron. (1538) 162ᵇ. zwischen: in hoffnung, dasz etwa ein zwaͤrglein sich zwischen den zinnen der mawren wuͤrde sehen lassen Bastel v. d. Sohle don Kichote (1648) 28; nachdem ich dies gesprochen, setzte ich mich (auf der ruine) zwischen zwei zinnen hinein und begann zu lesen Steub wanderungen im bayr. gebirge (1862) 122.
2)
fremdsprachliche entsprechungen in glossaren, vocabularen und wörterbüchern: mine, murorum summitates cinna (11. jh.), cinne (12. jh.), cinna (13./14. jh.) ahd. gl. 3, 279, 60; mine cinnen (12. jh.), cinna (12. jh.), cinne (13. jh.) 3, 246, 4; cinnon (12. jh.), cinnen (12. jh.), cinnun (13. jh.), cinna (13. jh.) 3, 124, 16; cennen (13./14. jh.), zynnen (Augsburg 1512) Diefenbach gl. 362ᵃ; minae die zinnen an einer maur Frisius dict. (1556) 822ᵃ; menia (falsch für minae) tynnen, zinnen Diefenbach nov. gl. 250ᵇ; czynnen ders. mlat.-hdt.-böhm. wb. 180; menia oder rinckmawr zynne voc. teut. (Nürnberg 1482) pp 8ᵃ; menia zinnen auff der muer voc. inc. teut. ante lat. (Straszburg 1495) E 2ᵃ; menia sunt muri quibus civitas munitur zynnen gemma gemm. (1508) p 4ᵃ; pinnarum zinnen (2. hälfte 12. jh.) ahd. gl. 3, 411, 66; pinna zinne Diefenbach gl. 435ᶜ; pinnae murorum die zinnen an der mawr Golius onomast. (1579) 54; pinna ... die zinnen oder spitzen an den mawren Corvinus fons lat. (1623) 591; pinna ... zinnen an den mauren Garth (1657) 607ᵃ; pinna zinn, maurenkrantz, brustwehr Emmelius (1592) 364; pinnae zinnen 346; pinna ein zinne nomencl. lat.-germ. (1634) 452; pinnae murorum die zinnen, maurenkanten 474; pinna murorum, pinnaculum die spitz, zinn, ... minae, pinnae die zinnen, spitzen Alberus (1540) Ll 2ᵇ; die zinnen an einer maur minae, pinne murorum Maaler teutsch spr. (1561) 522ᶜ; zinnen pinnas et minas murorum Stieler stammb. (1691) 1425; zinnen einer maur pinnae murorum, minae Dentzler (1716) 364ᵃ; zinne pinna, pinnaculum, acroterium Steinbach dt. wb. (1734) 2, 1094; zinnen acroteria, pterygium Reyher thes. (1686) p 3ᵃ; zinnen, spitze der stattmauren la sommità delle muraglie Hulsius teutsch-ital. (1605) 164; die zinnen an den stadtmauren, thürnen li merli, crenature delle mura Kramer teutsch-ital. 2 (1702) 1467ᵃ; zinne sommet des murailles Hulsius-Ravellus (1616) 431ᵇ; zinne, spitz einer mauren sommet des murailles, creneau Stoer (1663) 634.
3)
diminutiv: es ward auch ein kleines zinnichen auff der mawren, aber es vergieng bald J. Fincelius wunderzeichen (1566) L 6ᵃ; item der fladen hat kroͤnlin, zinlin neben umbher, wie ein statmauer Pauli Keisersbergs narrenschiff (1520) 217ᵃ; s. auch I E 7.
II.
übertragene verwendung.
1)
die hohe lage zinnenbewehrter burgen, welche oft von wolken umweht werden, und gebirgskämme, auf welchen spitze zacken, die oben I E 2 als zinnen bezeichnet sind, in die luft ragen, regen zur übertragung auf den himmelsraum an. auch die vorstellung des himmlischen Jerusalems und der versuchung Jesu durch den teufel auf den zinnen des tempels wirkt mit:
drum steht mein begierd von hinnen
zu den sichern himmels zinnen
Bonifazius Stölzlin bei: Fischer-Tümpel evang. kirchenlied (1903) 3, 268ᵃ;
so kan man des himmels zinnen
zu erlangen, recht beginnen
Harsdörffer frauenz.-gesprächsp. 6 (1646) Ff 2ᵃ;
die ihr demnach eure sinnen
richtet nach dess himmels zinnen
Schupp schr. (1663) titelbl.;
der schwefelhagel, der im sturm nach uns (den teufeln von den kriegsscharen gottes) geschossen worden, hat sich zerstreuet, und sich in ... feurigen wellen geleget, die uns in unsrem falle von den zinnen des himmels empfangen haben Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 12; der Arkturus ... stieg schon von der zinne des himmels herab Jean Paul w. 7/10, 449 Hempel;
goldne sternlein äugeln wieder
von des himmels zinne nieder
Schubart ged. (1787) 2, 157;
die zinnen
der himmelsveste lodern!
Grabbe w. 1, 250 Blumenthal;
der teufel hat die zinnen des himmels jetzt erstiegen Görres ges. schr. (1854) 5, 365; warum entzückt ihr gesang blosz die ohren ... der wenigen, welche ... die steilen zinnen des Olymp ... erklettern? Bürger s. w. 319ᵇ Bohtz;
wenn du des sonnensaals
zinnen wieder entsinkst, lächelnder maienmond
Hölty ged. (1869) 70;
denn wenn die sonn' auf ihres wandels zinne
mit durst'gen zügen auf die schatten trinkt,
dann tönen her vom tempel krumme hörner
Grillparzer s. w. 7, 42 Sauer;
von der wolken zinnen
den blumenlentzen mahlt der sonnen strahlenbrand
S. v. Birken forts. d. Pegnitzschäferey (1645) ):( 2ᵃ;
laufft getrost voll hoher sinnen,
ihr, keuscher mutter keusche frucht!
weil von den gewölckten zinnen
die schaar, die diesen kampff versucht,
sich zu eurem schauspiel findet
Gryphius trauersp. 685 Palm;
mit mehr magnificentz nimmt voller ruhmbegierde
die ode ihren flug bisz zu der sternen zinnen
discourse d. mahlern (1721) 2, 34.
2)
aus den beziehungen, welche zinnengekrönte burgen zu ihren adligen besitzern haben, aus ihrer aufgabe, sicherheit zu gewähren oder von ihnen aus die herrschaft über die umgebende landschaft auszuüben, und aus deren stolzer lage hoch über stadt und dörfern leiten sich verwendungen des wortes im bereich abstrakter verhältnisse ab. auch knüpfen sie an die szene an, wo der teufel Jesus auf den zinnen des tempels versucht. belege: so mag mich niemand von dem stuͦl und zynnen des adels gestoszen noch werffen Hartlieb d. buch Ovidij v. d. liebe (1482) 18ᵃ;
ietzt herrschen solche sinnen,
die nicht im grase gehn, die auff den hohen zinnen
der würde stehn voran
Logau s. sinnged. 234 lit. ver.;
der ein politisches gebäude stürzen will, wird nicht die zinne desselben ersteigen Hippel kreuz- u. querzüge (1793) 2, 358;
erst der freiheit damm,
dann der herrschaft zinne
Rückert ges. poet. w. (1867) 1, 44;
wenn wir von den zinnen des von deutschen händen eroberten Deutschlands dir zurufen br. von u. an Herwegh (1896) 134;
der dichter steht auf einer höhern warte,
als auf den zinnen der partei
Freiligrath ges. w. (1877) 3, 11;
selbst götter stiegen vom Olymp hernieder
und kämpften auf der zinne der partei!
Herwegh ged. eines lebendigen (1843) 2, 62;
eine berühmtheit des tages ..., die auf der höhe der zeit und auf der sogenannten zinne der partei stehe Th. Mundt d. matadore 1, 42; nicht die klugheit und nicht das talent allein hätte Rossini so rasch auf die schwindelnde zinne des erfolges gehoben, wäre es nicht zugleich die seiner natur so wahlverwandte stimmung der zeit gewesen, welche ihn mit emportrug Riehl musik. charakterköpfe (1899) 1, 262;
es setzet Venus ihn (den bräutigam) hoch an des glückes zinnen
und lest ihn seine lust nach eusserstem beginnen
recht nehmen für und für, in dem sie ihme giebt
ein freundlichs frawenbild, darin er sich verliebt
Simon Dach ged. 1, 3 Ziesemer;
dies glück ward ihm im späten alter, ja vielleicht gerade da ungetreu, wo er, in vollkraft seines geistes auf der zinne des lebens, der lauschenden welt das süszeste, gröszte bieten sollte Brachvogel Friedemann Bach (o. j.) 1, 146;
da lasz den plan uns spinnen
zu einem ernsten krieg!
den plan: wie wir den sieg
der thorheit abgewinnen,
die schon, zu frech, die zinnen
des übermuths erstieg
Tiedge w. (1823) 3, 202;
wann ein kotig wurm
eures geistes hohen zinnen
bote spöttisch einen sturm
Logau s. sinnged. 439 lit. ver.;
sage könig Salomon, kunt' auch jemand seine zinnen
des verstandes übersehn?
Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 35;
unser sehnen musz sein:
...
allen weckenden winden
willige fahnen zu werden,
die von siegern erhoben
auf den zinnen der zeiten
oben —
wunderdurchwoben —
bilder entbreiten
(1899) Rilke br. 12 inselverlag.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1445, Z. 24.

zinne2, f.

²zinne, f.,
arges, böses gesicht, von ³zinnen, verb.:
ear kommt beinoh von sinna,
ka schiar gar it zuar stuba h'naus,
und macht na arga zinna
(Biberach) Firmenich 2, 426ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1459, Z. 63.

zinne3, f.

³zinne, f.,
zehe; schlesisch-obersächsisch (s. Müller-Fraureuth 2, 696ᵃ): wo hast du deine seele? im kopffe oder in der groszen zinne? J. Kraus lutherischer scrupulant (1714) 22.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 10 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1459, Z. 68.

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Zitationshilfe
„zinne“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zinne>, abgerufen am 27.11.2020.

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