zivil adj.
Fundstelle: Lfg. 11 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1724, Z. 29
'bürgerlich'; lat. cīvīlis (zu cīvis 'bürger', urverwandt germ. *hīwa-, vgl. got. heiwafrauja οἰκοδεσπότης, ahd. hīwo 'gatte', hīwa 'gattin' Feist vgl. wb. d. got. spr. ³253ᵇ), frz. civil; erste spuren der fremdwortsippe im dt.: civilissch (1539) Luther, civilsachen (1560) in bad. weist., civilitet (1563) Matthesius. das selbständig gebrauchte grundwort erst im 17. jh.: ob der schlechten civil- oder gemainen straffen (nach 1629) österr. weist. 1, 126, 7; demnach im 16. jh. aus dem lat. entlehnt, doch ist einflusz des frz. mehrfach wirksam geworden, insbes. noch im verlauf des 18. jhs., vgl. civilisiren (um 1700), civilisation (1775), civismus (1799). ¹zivilist (1730) 'kenner des zivilrechts' beruht auf neulat. civilista. dem 19. und 20. jh. gehört die mehrzahl der im 16. und 17. jh. vereinzelten, im 18. jh. immer noch spärlichen zivil-zss. an (s. d.); insbesondere das neuzeitliche heereswesen und die groszen kriege des 19./20. jhs. haben zahlreiche dieser bildungen in umlauf gesetzt; vgl. auch das subst. zivil und ²zivilist. das im lat., in den rom. sprachen und im engl. durch civilis, civil(e) abgedeckte sinngebiet fällt im dt. teilweise an bürgerlich; es engt namentlich die attributive verwendung ein, vgl. frz. année civile (ggs. astronomique): bürgerliches jahr; code civil (ggs. criminel): bürgerliches gesetzbuch; profession civile (ggs. militaire): bürgerlicher beruf; demgegenüber hat zivil sich hauptsächlich in gebrauchsweisen durchgesetzt, in denen es durch bürgerlich nicht (zivil 1) oder nicht bestimmt genug (zivil 2) wiederzugeben wäre; ferner wegen seiner formal besseren eignung zur komposition als bestimmungsglied in zahlreichen zss., auch in anwendungsbereichen, die bei attributiver fügungsweise im allgemeinen bürgerlich zufallen, vgl.zivilgesetzbuch, ↗zivilehe, ↗zivilberuf (s. a. Adelung 1 [1774] 1207). die neigung der neueren rechts-, verwaltungs- und heeressprache zu terminologisch bündigen ausdrücken hat den attributiven gebrauch zugunsten der verwendung des wortes in der komposition weiter zurücktreten lassen (zivil 2).
1)
als bezeichnung einer dem menschen als bürger, als glied der gesitteten menschlichen gesellschaft gemäszen haltung.
a)
übereinstimmend mit lat. und frz. gebrauch 'gesittet, gesellschaftlich verfeinert, taktvoll und gewandt auftretend, von geschliffenem benehmen, höflich, umgänglich', in frühen belegen namentlich abgrenzend gegen die umgangsformen nichtzivilisierter, barbarischer völker: aber den Risemorern, Widinghardern, Föhringern, Sildingern, so nicht viel unter civile leute kommen, hänget wol etwas von geregten qualiteten an Danckwerth Schlesw. u. Holstein (1652) 92ᵇ; also erachte ich, dasz unsere vorfahren, durch umbgängnüsz mit andern ehrbahren heiden civiler worden Happel relationes cur. (1685) 2, 516ᵇ; und dörffte sein, dasz die Carnutes unter den Carnis, der beste kern desz carnischen adels, oder der civilste und politeste unter ihnen gewesen Valvasor herzogth. Crain (1689) 1, 81. civil 'höfflich, freundlich, ehrerbietig, discret' Nehring hist.-polit.-jur. lex. (1717) 206; Sperander handlex. (1728) 117ᵃ; 'höflich, gesittet' Campe verdeutschungswb. (1801) 228ᵇ; magister Albus, ich habe ihn als einen zivilen, gescheiten und nicht unaimablen menschen kennen gelernt W. Raabe s. w. I 6, 386.
b)
zivil als bezeichnung freundlich-zuvorkommenden verhaltens übertragen auf das gebiet kaufmännischer handelstätigkeit, vom preis; 'angemessen, mäszig, entgegenkommend, nicht übersteigert', vgl.humane preise; bezeugt seit der mitte des 17. jhs.; lexikalisch 1710: civil 'billig und gering im preisz, leidlich' Nehring hist.-polit.-jur. lex. (1717) 206; Schirmer kaufmannsspr. 215; medicamenta ... umb einen civilen preisz an dehnen, die solche rare medicamenten etwan nöthig haben möchten über zu lassen Glauber Glauberus concentratus (1668) 5; (er kann) mit einer solchen (perücke) ... gar wol und in civilen preisz ... bedienet werden Marperger haar- u. federhandel (1717) 177; civil 'billig, um guten oder leidlichen preisz' Sperander handlex. (1728) 117ᵃ; man kann sie (bücher) ... um sehr civilen preis haben Liscow elende scribenten (1736) 469;
(sein handwerk war,) madonnen ...
um sehr civilen preis aus pappe zu erschaffen
Wieland s. w. 11 (1839) 232;
für diese vergünstigung zahlte ich den zivilen preis von 'fünf Böhmen' Holtei vierzig jahre (1843) 2, 355; civile preise von Riehl culturstudien (1857) als charakteristische neubildung der sprache seiner zeit empfunden, vgl. R. M. Meyer 400 schlagworte 67; jetzt sitze mal 'n biszchen stille und verkaufe den gästen, die zu dir kommen, was sie haben wollen un mache zivile preise Kluge Kortüm (1938) 504; in der neueren wirtschaftssprache nicht mehr gebräuchlich.
2)
'den bürger betreffend, bürgerlich' (vgl. sp. 1724 den beleg aus den österr. weist.), eig. abgrenzend gegen jeden nicht-bürgerlichen bereich, doch nur als gegenbegriff des militärischen im sprachgebrauch entfaltet; 'nichtmilitärisch', häufiger in zss. (s. d.), attributiv insbesondere aus wortstilistischen rücksichten oder in ausdrücken unfesten charakters: wenn es ihrem lieben Nikolaus nicht gelinge, in der Schweiz — zivil — angestellt zu werden oder in Rom unter der garde des papstes, so könne aus der heurat nichts werden (1843) A. v. Droste-Hülshoff br. 2, 171 Schulte-K.; heldenthaten der civilen entwicklung (1859) Ruge vorw. z. übers. v. Buckles gesch. d. zivilisation in England 1 (1868) VI; der (durch bomben) angerichtete zivile schaden ist bedeutungslos qu. v. j. 1940; meine beiden söhne dienen heute, der eine auf zivilem posten, der andere in der bewaffneten macht, ihrem führer Th. Mann Faustus (1948) 20; im ersten weltkrieg gab es noch ein ziviles heldentum hinter der front. wie lange gibt es jetzt noch ein hinter-der-front? wie lange noch ein ziviles dasein? Klemperer l. t. i. (1949) 10; viele hatten teile ihrer uniformen ersetzt durch zivile kleidung Feuchtwanger Simone (1950) 16. vom 'höheren' standpunkt des soldaten (offiziers) gern auch abwertend: nur irgendwelche zivilen probleme werden (in Hauptmanns jahrhundertfestspiel) gewälzt, dasz man das kotzen kriegt Renn adel im untergang (1947) 297. in erweiterter verwendung, 'auszerberuflich, privat' sich nähernd, vgl.zivil, n. 2: (die schauspieler) haben dann im zivilen leben das bedürfnis, sich zu geben, wie sie wirklich sind Mühsam namen u. menschen (1949) 180.
zivil n
Fundstelle: Lfg. 11 (1956), Bd. XV (1956), Sp. 1726, Z. 6
1)
'nichtmilitär', frz. le civil; auch civile, n.: das tragen groszer backenbärte nach art des civile Wilhelm I. militär. schr. (1897) 1, 256; es müsse sich ganz herrlich ausnehmen, wenn so ein herrchen vom civil eine pistole losbrenne W. Hauff s. w. (1890) 3, 153; so sehr im zivil und in der diplomatik mit den gröszten summen geworfen wird, so karg und knapp wird im militair verfahren Varnhagen v. Ense tageb. (1861) 2, 47; (vertreter des 'soldatenpacks') beneiden sich gegenseitig ..., aber gegen leute vom 'zivil' sind sie alle einig (1851) Marx-Engels briefw. (1949) 1, 249; wir wollen diesen herren seinerzeit schon zeigen, was 'das zivil' zu bedeuten hat ebda 1, 250; wenn ich ins zivil komme, dann bau ich unser elterliches geschäft wieder auf (1916) Lersch br. u. ged. 38 Jenssen; auf der offizierstribüne litt selbstverständlich die haltung nicht im geringsten, beim zivil machte sich immerhin eine gewisse unruhe bemerkbar H. Mann d. untertan (1949) 487; 476; 490; man spielt ja auch ... mit ihnen (den soldaten) heer im kriege, während sie doch nur noch verhaftetes zivil sind, beschlagnahmtes volk A. Zweig einsetzung eines königs (1950) 9.
2)
'bürgerliche, nichtdienstliche, insbes. nichtmilitärische kleidung', vgl. frz. tenue civile, se mettre en civil Seiler lehnwort 4, 130; dafür bürgerskleid Lenz schr. 1, 263 Tieck; gott, da kommen sie. un blosz in zivil Fontane ges. w. (1904) I 5, 121; unter den zuhörern befanden sich eine menge französischer offiziere in zivil, die in Leipzig als kriegsgefangene interniert waren Bebel a. m. leben (1946) 2, 170; ich hatte am folgenden nachmittag keinen dienst und zog mir zivil an, um ... spazieren zu gehen Renn adel im untergang (1947) 268; der könig, in zivil, nickte lachend ebda 23; das murmeln der bewunderung galt ihm (dem bräutigam): wie ein leutnant in zivil! Cl. Viebig die vor d. toren (1949) 61; der flüchtling, es war ein soldat in zivil El. Langgässer märk. Argonautenfahrt (1950) 231. soldatensprachlich: eine stunde in civil 'nachexerzieren müssen' Horn soldatenspr. 119; vgl. auch räuberzivil 'zivilanzug der offiziere, der nicht genau der mode entspricht' ebda 29; ich muszte etwas gegen die dienstregel tun, ... dabei trug ich den grünen wanderanzug — räuberzivil A. Zweig eins. e. königs (1950) 436. auch im ggs. zu nicht militärischer berufs-oder amtskleidung, vgl.zivil, adj. 2: du siehst ja so fein aus wie ein bischof, wenn er in zivil geht Werfel Bernadette (1948) 274; (artisten,) die sich in gesucht zivilen, aus dem rahmen des phantastischen fallenden sportanzügen ... gefielen Th. Mann Felix Krull 1 (1954) 221.
Zitationshilfe
„zivil“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zivil>, abgerufen am 20.08.2019.

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