Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

zufügen, v.

zufügen, v.,
ahd. zuogivuogen Graff 3, 424, mhd. zuovüegen mhd. wb. 3, 442ᵇ; Lexer 3, 1189, mnd. tovogen Schiller-Lübben 4, 601ᵃ. in der verwendung gelegentlich an lat. applicare angelehnt.
1)
anfügen, zusammenfügen. zunächst leiblich u. räumlich: der daum ist dem arm vast zugefugt problemata Aristotilis (1492) 9ᵃ; yglich fleisch wirt seimm gleich zuͦegefuͤgt Berthold von Chiemsee 332; da Drusus ... dem Rhein ein bruck hat zuͦgefügt S. Franck weltb. (1534) 27ᵃ. übertragen: wie die menschlich blödigheit gott ist zuͦgefügt in Christo und vereinbart Zwingli d. schr. 1, 262. von menschen 'zugesellen': Frisius 129ᵃ; das ich (Ruth) werd zuͦgefúgt ... seinen schnittern erste d. bibel 4, 431 K.; der zuͦgefúgten heiden in dem judischen glauben 3, 31; der lehrer .., den ihm das gute glück in Zelter zugefügt hat Göthe gespr. 4, 150 B.; unbemittelte auf den Markesas fügen sich dem hause eines befreundeten reichen zu Ratzel völkerkunde 2, 193. bes. von frauen: copulare zufügen .., zu der ee binden Diefenbach 150ᵃ; die (Abisag) fügeten sie ime (David) zuͦ, daz sie in wermete Seuse 406 Bihlm.; oft werden wysz tuben zuͦgefüget und in lieb vermischet andern von mancherly farwen N. v. Wyle transl. 32 Keller;
euch, eines priesters sohn, wird ehlich zugefüget
auch eines priesters kind, das von belobter ahrt
J. Rist Parnasz 678.
eigenthümlich ist der ersten bibel zufügen für applicare 'heranholen': zuͦfúg das geslecht Levi 4, 9 K. (num. 3, 6: bringe den stam Levi erzu Luther); zuͦfúge das ephod 5, 101 K. (1. Sam. 23, 9: lange den leibrock her Luther). in älterer zeit oft von arzneien u. ä.: ein ander sünopffer der mesz .., dardurch sie den menschen sein opffer gleichsam wie mit eim pflaster applicirten, anlegten und zufügeten Fischart bienenkorb (1588) 80ᵇ; wie will ein artzt der kranckheit artzney zufügen, dieweil er die statt der kranckheit nicht weisz? Paracelsus chir. (1618) 163ᵇ.
2)
veraltet ist auch die gedankenverbindung mit einer ortsveränderung: mittere zuschicken .., zufügen, zufertigen Schöpper syn. g 8ᵈ; bitte derhalben .. e. kf. g. wollte ... eine furschrift fur den gefangen uns zufugen Luther br. 3, 108. refl. wie 'sich begeben': ain junger student ... hat sich also geen Witemberg zuͦgefügt flugschr. a. d. e. j. d. ref. 1, 9 Clemen; in der ersten bibel für 'landen': und an dem andern tag zuͦfuͦgt wir uns zuͦ Samum 2, 372 K. (applicuimus Samum) ähnl. 1, 145 (Marc. 6, 53).
3)
hinzufügen, allgemein: affero zuͦfügen, zuͦhinthuͦn u. meeren Frisius 56ᵇ; wyle aber sy die zucht der eeren und fromkait zuͦgefüget hett der schöne irer gestalt N. v. Wyle transl. 36 K.; damit ich ihr (anr.) .. bild der sammlung zufügen könne Göthe IV 41, 46;
füg einen stein dem ehrenmale zu
Brentano 6, 111.
insbesondere von dem, was zu einem wort, einer schrift hinzugethan wird: nu ist das wort ἄρτος ... masculinum, drumb kan im das pronomen τοῦτο nit zuͦgefügt werden Karlstadt bei Luther 18, 153 W.; er weisz auch weyter ... eim jeglichen bossen seinen eigenen text ausz der schrifft sehr könstlich anzuschmieren und zuzufügen Fischart bienenkorb (1588) 174ᵃ; ich habe mich wohl gehütet, .. diesen blättern ... etwas zufügen oder abnehmen zu wollen fürst Pückler briefw. u. tageb. 3, 288; daher hier nur weniges zuzufügen übrig Ritter erdk. 3, 403.
4)
häufiger wird es gebraucht von dem was dem menschen von auszen her zu theil wird, zunächst im neutralen sinne: hilff ... zuͦfügen Frisius 661ᵇ; wenn es weis, das sein ehelich gemahl und ehestand sey eine göttliche gabe und geschencke, durch die keiserlichen rechte ihm zugefugt und gegeben zu eigen Luther 30, 3, 486 W.; denn solche verhaltung der nachgeburt der frawen zufüget erstickung derselbigen J. Ruoff hebammenbuch (1580) 60; solcher (leute), die den soldaten proviant und unterhalt zugefügt acta publ. 6, 209 Palm; darnach fur er gen sant Gallen und tett auff sant Othmars und (sant) Gallen greber und zufuget ym (eignete sich an) yr yedwers haupt mit vil anderem heiligthum chr. d. st. 3, 281 (Nürnberg);
doch weil sie (hoffnung) mitleidsvoll betrügt,
so ist sie's, die mir trost zufügt
allg. d. bibl. anh. zu bd. 25—36, 1292.
so insbesondere von dem, was gott verhängt: ein ieklichs sol sin ambacht tuͦn, das im got zuͦgefuͤget hat Tauler pred. 177 Vetter; o ewiger got! wie vil guͦtes hastu mir auf ainen tag zuͦgefuͤgt Albr. v. Eyb d. schr. 2, 84 H.
was dir got ist zufüegen,
des las dich sat genüegen!
H. Sachs 22, 223 G.
5)
vorherrschend ist heute die verbindung mit etwas bösem, wie einem leid, gewalt, schaden, schande, arges, böses, unrecht, unbill zufügen. gelegentlich schon in spätma. vocabularien Diefenbach 296ᶜ; 310ᵃ, sehr häufig bei Frisius belegt 107ᵃ; 278ᵇ; 407ᵃ; 440ᵃ usf., von neueren synonymikern für die einzige anwendung erklärt Heynatz 1, 207ᵇ; Maasz-Eberhard (1818) 1, 68. die anschauung des zufügens geht dabei verloren: der doctor soll euch an der narung nicht beschedigen noch schaden zufügen Luther 15, 340 W.; es ist besser vor sich ein schlapp fürsehen, als einem eine zufügen Lehmann floril. 2, 931;
auch so solt du kein lügen than
deim bruder, noch deim freund zufügen
H. Sachs 19, 28 G.;
hochmut, scheltwort, spott, sogar krieg, tod, schläge zufügen (ältere belege); was mir der flüchtige junker leids zugefügt hat Göthe 21, 5 W.; die der commission zugefügte beleidigung 22, 205; unter dem gesichtspunkt einer der kirche zugefügten gewalt Ranke 1, 303; welchem ort ... ein starker abbruch zugefüget worden Chemnitz schwed. krieg 2, 159; der verlust, den sie uns zugefügt hatten G. Forster 1, 393;
und wenn er wunden zugefügt,
das pflaster schon daneben liegt
B. Schmolck trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 1013;
es hat diesen sinn auch ohne bestimmtes object:
was du nicht wilt, dasz man dir thue,
das füg auch nicht dem nechsten zu
Lehmann floril. 3, 91;
weist du, was mir Hattos list in der welt schon zugefüget?
Chr. v. Schönaich Heinrich der Vogeler (1757) 58.
zufüger, m.: zufüger der kranckheiten Paracelsus chir. (1618) 172ᵃ.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 3 (1924), Bd. XVI (1954), Sp. 372, Z. 4.

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Zitationshilfe
„zufügen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zuf%C3%BCgen>, abgerufen am 25.10.2020.

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