zunge f.
Fundstelle: Lfg. 4 (1927), Bd. XVI (1954), Sp. 586, Z. 38

Unterbegriffe in diesem Artikel

goth. tuggô, ahd. zunga Graff 5, 681, mhd. zunge mhd. wb. 3, 450; Lexer 3, 1178, as. tunga, afries. tunge, tonge, mnd. tunge, ags., mengl. tunge, nengl. tongue, anord. schwed. tunga, dän. tunge. mit dem germ. grundwort *tungōn läszt sich nur alat. dingua vergleichen. die wörter der andern idg. sprachen ergeben keine form, aus der sich alle ungezwungen ableiten lassen Fick 1⁴, 239; 3⁴, 168; Schrader reallex. 465; Uhlenbeck² 147; Bartholomä Kuhns zeitschr. 27, 208. das wort steht für sich allein, was die verschiedenen angleichungen (lingua zu lingo, ähnl. in den slav. spr.) zur folge gehabt hat. so ist es auch im germ. ein wort für sich. das scheinbar ablautende, im neuengl. gleichlautend gewordene zange wird durch die bedeutung fern gehalten. eher ist eine beziehung möglich bei altnord. dän. tange 'landzunge, schmale spitze' und mnd. tange in ortsnamen 'stück landes, das in höheres gelände einschneidet' Schiller-Lübben 4, 510ᵃ, vgl. u. III B 3. schon im mhd. bahnt sich die ausgleichung der flexion im sing. an, und zwar in mitteld. denkmälern wie dem Passional. doch hält sich zungen in obl. cas. bis ins 18. jh., bes. als dat. bei präp. und als reimwort. als solches verschmäht es auch Gottsched nicht, z. b. ged. (1751) 191; 198, trotz seiner vorschrift dtsche sprachk.⁵ (1762) 235. der nom. s. ist in der älteren südd. literatur zung, auch gelegentlich bei Luther, s. Franke grundz. der schriftsprache L.s 2², 247. seltener ist das heute in bair. maa. herschende zungen Schmeller 2², 1135. auch dies vereinzelt bei Luther, s. Franke 2², 261.
bedeutungen.
I.
die zunge als glied im munde, maul oder schnabel. die waidmannsspr. braucht z. nur vom federwild, dafür beim 'hohen haarwild' lecker, bei den hirschen graser Dombrowski 131. plattd. licker allg. vom menschen, besonders in der kindersprache.
A.
zunge als körpertheil, unthätig.
1)
die z. wird beschrieben, ihre theile unterschieden: die zung ist ein fleischig stuck und weych, von vielen nervis, ligamenten, venis und arteris zuͦsamengelegt Joh. v. Gersdorf feldb. der wundarznei (1517) v 2ᵃ; anders nehmlich betrachtet man die äuszerste enden der nerven im auge, anders im ohr, anders auf der z. Schiller 1, 81 G.; wir sehen da (am kopf der heuschrecke) ... eine unterlippe mit der darauf liegenden .. z. Roszmäszler d. mensch im spiegel d. natur 5², 127. dem anatom folgt der phonetiker: die articulationen des hintern und mittleren theiles der z. sind ... sämmtlich dorsal, was die gestalt der zungenoberfläche anlangt Sievers phon.⁴ 58.
2)
die z. in der volksthümlichen und wissenschaftlichen medizin.
a)
die kranke z.: die z. erschwirt Wirsung (1597) 183, schwiert Frommann dtsche maa. 5, 36 (Siebenbürg.); so man die zungen emporhebt, so sieht man es (d. fröschlein, eine geschwulst) rotfarb, wirdt grosz, bleibt auch etwan klein, als ein kleine zunge Wirsung 182ᵇ; lytta ein wurm, so den hunden auf der zungen wachset, davon sie wutig werden Golius 379; batrachus, ranula der frosch unter der zung J. Orsäus nomencl. (1623) 231. sprichwörtl.: lügnern wächst nicht allezeit ein blattern auff der zungen Lehmann floril. (1662) 3, 214.
b)
das aussehen der kranken z. man findet eine abgeschilferte, belegte, dürre, geblainte (mit blasen bedeckte), haarige, masechte (fleckige), offene, pelzige, rauhe, scharfe, schwarze z. Höfler 862 f. man spricht von einer haarzunge Eulenberg realencycl. 6⁴, 42, landkartenz. Höfler, bei scharlachkranken erdbeer-, himbeer-, katzenz., bei pestkranken kalkz. Höfler, kranke kinder haben eine holzz. Höfler: die z. wird ihnen (d. pferden bei einer gewissen krankheit) gar dürre, haben einen schwehren oden M. Böhme roszartzney (1618) 4.
c)
alte ärzte- u. hebammenweisheit: mehr sprechen sie (die ärzte), dasz nach dem und desz kindts nabel an einem knaben lang oder kurtz abgeschnitten wirdt, darnach werd ihm sein zung lang oder kurtz J. Ruoff hebammenb. (1580) 214; sobald das kind geboren würdt, und man es mit dem nabelgertlin löset, soll ihm die hebamme 3 tropfen bluts ausz dem nabelgertlin auff die zungen fallen lassen Osw. Gäbelkower artzneyb. (1595) 2, 118. besonders glaubte man die z. lösen zu müssen, weil die z. angewachsen sei; die hebamme kneift das zungenbändchen durch, oder bittet, auch in neuerer zeit, den arzt darum E. Kück d. alte bauernleben in d. Lüneburger heide 8. zungen lösen: dieses ist bey der kinderwartung eine nöthige sache, wenn ihnen das zungenband so sehr kurtz ist, dasz sie weder recht saugen, noch auch hernach recht deutlich reden können allg. haushaltungslex. (1751) 3, 809ᵃ. anders: daher die teutschen hebammen noch recht thun, dasz sie den kindern die zung mit wein lösen Fischart geschichtklitt. 65 ndr. übertragen s. u. II B 8.
d)
so löst man auch vögeln wie staaren, elstern, papageien die z., damit sie sprechen können.
e)
schweinen soll man unter der zungen (zur ader) lassen viehbüchl. (1667) 76.
3)
sonstiger aberglaube. hexen und bösen traumgeistern wurde eine dürre oder rauhe z. nachgesagt Nigrinus v. zäuberern (1593) 186; Höfler. daher müssen sie die z. schaben, s. u. 5, und den beleg aus Prätorius. beim wespenbannen legt man zwei schmelchen (halme) .. kreuzweis unter die z. Schöpf 30.
4)
haare auf der z. haben, wie auf den zähnen th. 15, 140; th. 4, 2, 17: der beste schäfer hat haare auf der zungen schles. wirtschaftsb. (1752) 7; ich kenne dich, du bist ein entschloszner kerl — soldatenherz — haar auf der zunge! Schiller 2, 60 G. die übertreibung geht von dem unmöglichen aus: der sey ein redlicher und frommer müller, der eine haarige zungen habe, und dem soll er (der betrogene herr) kecklich seine mühlen vertrauen. der herr aber hat leicht schlieszen können, dasz er ehe ein haar in einem ey als auf einer menschenzungen finden werde Hohberg georg. cur. aucta (1715) 3, 68ᵇ (ähnl. Eisenhart grunds. d. dtschen rechte in sprichw. (1752) 91 u. d. beleg aus Döpler th. 4, 2, 17). dieselbe anschauung bei Wolfram Parz. 1, 25 f.
5)
die z. schaben, zunächst in eigentlichem sinne, die belegte z. säubern. so von der nachtmahr, s. d. bel. aus Prätorius anthropodemus 1, 33 bei II B 2 b γ. dann musz man einem die z. schaben, der beim essen eine allzu wählerische z. zeigt Kramer 2, 1486ᵃ, Wander 5, 644. danach: man musz einem die z. schaben mit dem stuhlbein Kirchhofer schweizer. sprüchw. 245. weiter von der sprache: denn sol Christus allein gelten, und ich sol solchs bekennen, so mus ich die zunge rein schaben und sprechen, so es Christus thut, so mus ichs nicht thun Luther Jenaer ausg. (1561) 6, 68ᵇ. so auch die z. waschen Fischart geschichtklitt. 61 ndr.
6)
jede gewaltsame verletzung der z. erweckt eine widerwärtige vorstellung: in dem bisz und keuwet er im selb die zungen ab und spürtzets in des tyrannen angesicht S. Franck chr. u. zeitb. 91ᵇ (ähnl. Steinhöwel de clar. mulier. 8; 178 lit. ver.); sie werden für groszem schmertzen ire zungen fressen volksb. v. dr. Faust 37 ndr. Br.; er ist auf der folter mit durchgebissener z. gestorben C. F. Meyer Jürg Jenatsch 46 (vgl. u. II B 6); vor unser aller augen ... legte (er sich) eine glühende eisenstange auf die z. fürst Pückler briefw. u. tageb. 2, 73. ebenso bei ekelhafter berührung: (sie) übte sich so lange, bis sie die stinkenden, eiternden wunden ohne scheu und ekel mit der z. berühren konnte Jung-Stilling 6, 16. auf dem ekel beruht auch die wendung über die z. scheiszen für erbrechen, oer'e tonge kakke Dijkstraa 3, 300.
7)
die z. wird abgeschnitten oder herausgerissen als barbarische rache für verrath und beleidigung, aber auch als gesetzlicher strafvollzug für meineidige und gotteslästerer J. Grimm rechtsalterth. 2⁴, 297; 459, vgl. zungenlos: elinguare die zung aushauwen Frisius 468ᵃ; Dasypodius 467ᵈ; entzüngen Maaler 525ᵃ; die zung auszschneiden Hulsius 2, 228ᵃ, ausreiszen, schlitzen Kramer 2, 1486ᵃ;
und wo ich auch nicht thet entfliehen,
thet man mir zungn zum nack auszziehen
(dem pfarrer, wenn er das beichtgeheimnis verrät)
H. Sachs 17, 88 K.;
man sölt üch (dem gotteslästrer) zung vom nacken zeren!
H. R. Manuel weinsp. v. 3877 (ähnl. v. 2188) ndr.;
und wie eine bestie krallt sich der könig in seinen hals, zieht den dolch und schneidet dem ritter die zunge aus Detl. v. Liliencron 2, 240; abschneydung der zungen. offenlich in pranger oder halseysen gestellt, die zungen abgeschnitten und darzu bisz uf kundtliche erlaubung der oberhandt usz dem landt verwiesen werden soll Carolina 102 Kohler-Scheel; einem die zung abschneiden (unter den 'strafen befundener übelthäter') Pomey indiculus (1698) 215. so kann auch die z. gewettet werden: sve bi koninges banne dinget, die den ban nicht untvangen hevet, de sal wedden sine tungen Sachsenspiegel³ 1, 214 Hohmeyer. daher die drohungen:
sîn nôt iuch solt erbarmet hân.
daz iu der munt noch werde wan,
ich meine der zungen drinne
Wolfram Parz. 316, 5;
will dir die zung zum nagken rausz lassen reiszen Schmeller 2, 1135 (voc. von 1618); ich reisz ihm die z. aus dem mund, wenn er nicht ruhig ist A. Bäuerle kom. theater 1, 50; wenn man ihn (d. hypochondrist) an eine prunkvolle tafel und in eine glänzende gesellschaft bittet, so kommt ihm das eben so vor, als wenn ihm einer sehr höflich sagen liesze: erlauben sie, dasz ich morgen mittag die ehre habe, ihnen in meinem hause die kehle abzuschneiden oder ihnen .. die zunge aus dem halse zu reiszen Zimmermann über die einsamk. 1, 69. eine andere strafe ist das durchstechen und annageln der z.: bey der gräszlichen Prager mörderey, den 22. juni 1621, ist der rathsdiener Niclaus mit der zungen an die justiz genagelt worden und ain stund daran gestanden Schmeller 2, 1135; in rechten ist versehen, dasz den gotteslästerern die zunge aus dem halse geschnitten wird, welches an einigen orten abgeschaffet, und dafür die z. mit einem pfrieme durchstochen, oder an den pranger genagelt wird Jablonski 1485ᵃ; prädicanten, denen die z. an den pranger genagelt wird Ranke 2, 119. für die verstümmlung der z. gab es im fries. recht ein besonderes wergeld: thiu tunge ofsnitten en tuede ield Richthofen afr. rechtsqu. 91, 4.
8)
die z. der thiere im besonderen.
a)
auf die z. des pferdes wird das gebisz gelegt: percer le mors die zung uberschlagen Duez nomencl. (1652) 177; dasz die geschlossenen gebisse auf die zungen zäumen allg. haushaltungslex. 2, 379ᵃ.
b)
nach altem glauben hat der storch keine z.:
der stork ist ane zungen
Traugemundslied 4, 4 bei Uhland volksl. 4;
ein vogel on zungen,
der ander saugt seine jungen (fledermaus)
Heuszlin Gesners vogelb. 53ᵇ.
auch vom adler: diser (d. adler) sol zän haben, sunst ist er gar stumm und on zungen Heuszlin Gesners vogelb. 7ᵇ.
c)
zungen als leckere speise: bald sucht man ... zemmer und knopf von hirzen, zungen, hirzleber, würstlin, dann will man flaisch haben, dan fisch Fischart podagr. trostbüchl. 35 H.; was machten sie aber mit so viel zungen? (von hechten) Chr. Reuter ehrl. frau 37 ndr. bes. von rindern, ochsen, die immer gemeint sind ohne nähere bestimmung. im ma. waren sie ein herrenrecht Ducange 1, 711ᵃ; Levy lex. rom. 4, 362: da kamen die .., (fürstlichen) amptknecht und wolten von den rindern die zungen haben Knebel chr. v. Kaisheim 487 lit. ver. etwas anders: hat .. der profos .. von jedem ochsen .., der geschlachtet wirdt, die zungen Kirchhof mil. disc. (1602) 134. bes. geschätzt die geräucherte (ochsen)zunge Marperger 1427: zum frühstück aber wünschte ich wohl eine geräucherte zunge Göthe IV 33, 62 W.; die oldenburgisken zungen und butter sind eine herrliche reitzung für unsere soldaten Lichtenberg br. 1, 46; ein butterbrod mit zunge.
B.
die z. bewegt und thätig: ir zene klain ... von cristallen gemachet, da durch ir bewegbar zung löffende N. v. Wyle translat. 23 K.; der magische schneider trat ein ..., die z. zwischen den trockenen lippen hin und her bewegend Immermann 2, 128 H.
1)
die z. bewegt sich zum munde heraus.
a)
bei thieren.
α)
beim züngeln der schlangen:
(die schlangen) pfeusten mit iren zungen an,
und tröwten gifftig jederman
Spreng Äneis 27ᵇ;
indem er die glitzriche brust zur sonne sträubt und mit geschwinder z. ihre scharfen strahlen spaltet maler Müller 1, 154.
β)
beim lecken: auch läcket er alle harte hauffen der omeyssen auf mit seiner feüchten zungen Herold-Forer Gesners thierb. 14ᵃ; hundes zung heilet wunden Petri 2, j i 4ᵃ; tyger und leoparden, die mit liebkosender z. seine füsze leckten Wieland Agathon (1766) 1, 9; Hektor ... fuhr mit seiner z. über die stirn des schlafenden Fontane I 1, 23.
γ)
hunde, bes. beim laufen und jagen, auch das gehetzte wild lassen die z. heraushängen: der hunt sitzt aufrecht vor ihm, läszt die z. heraushängen, keucht kurz und laut und sieht ihm zu Ebner-Eschenbach 2, 171;
er sprenget durch den busch mit aufgesperrtem schlund
und mit hervorgestreckter zungen
Hagedorn nebenstunden 83 lit. dkm.;
eilt denn das scheue wild mit ausgehenkter zungen
König ged. (1748) 47;
Rolf und Sven begleiteten mich mit groszen sprüngen und mit gebell; aber bald laufen sie lautlos mit hängenden zungen neben den rädern Detl. v. Liliencron 2, 207. auf menschen übertragen: sich die z. aus dem halse rennen.
δ)
das gehört zur vorstellung des reiszenden thieres, bes. in wappen:
(der tiger) schlägt mit dem schweif
einen furchtbaren reif
und recket die zunge
Schiller 11, 228 G.;
und die löwen schliefen. mitunter aber gähnten sie im schlaf und reckten die rothen zungen aus Storm 1, 5; ein schwartzen hund oder rüden mit roter zungen (wappen v. Neu-Toggenburg) Stumpf Schweitzer chr. 419ᵇ; die geflügelten, zungausreckenden dämonen auf etruskischen bildwerken W. Hertz aus dicht. u. sage 41. auf gierige menschen übertragen: seien wir recht gemeine genusz- und geldhunde mit ausgestreckter z. Fr. Th. Vischer auch einer 1, 88.
ε)
von sterbenden und toten thieren: aber bey allen kindern Israels sol nit ein hund sein zung entblecken Züricher bibel (1531) 2. Mos. 11, 7 (nicht ein hund mucken Luther);
de tunge henck eme uth syneme munde
ghelych so eyneme doden hunde
Rein. vos 3363 Prien.
verächtlich von menschen: es ist ye einmal unlaugbar, ... daz er in seinen letzten zügen die zung aus dem hals gereckt Joh. Nas antipap. eins u. hundert 1, 26ᵃ. ohne den nebenton: denn es sind ettliche so verseumlich, das sie nicht ehe lassen foddern oder ansagen, biss die seel auff der zungen sitzt, und sie nicht mehr reden konnen und wenig vernunfft mehr da ist Luther 23, 372 W. (ähnl. Fleming vollk. t. sold. 180);
die seel hats (das blümlein) auf der zungen,
allweil wirds blasen aus
Spee trutznachtigall 57 Balke;
kranke, denen schon der tod auf der zunge sitzt Laube ges. schr. 1, 237. anders: die zung nab schlucke (sterben) Martin-Lienhart 2, 908.
b)
vom menschen: die z. herausrecken, herausstrecken Kramer, jetzt meist herausstecken Kramer; Frisch 485ᶜ, auch ausstecken: und da sie es von ihm fodderten, reckte er die z. frei heraus 2. Maccab. 7, 10.
α)
um dem arzt sie zu zeigen, der sie besehen soll, vgl. I A 2:
reck du mir bald dein zungen ausz!
H. Sachs 6, 150 K.;
der arzt ... fühlte den puls, besah die z. Arnim 7, 369; 'eure z., wenns beliebt!' Cäcilie steckt die z. hervor Schnitzler d. grüne kakadu 8.
β)
als zeichen der verhöhnung. ursprünglich wohl obscön Forcellini 3, 771. auch mit der andern bekannten höhnenden wendung verbunden th. 1, 565: wenn gleich der bapst sagt, ich will dich ... yn abgrundt der hellen stecken: steck mir die zungen, waisz nit wohin! Luther 34, 1, 86 W. jetzt gehört es in die harmlose kinderwelt:
da fangt er an und krümpt das maul
und streckt die zungen weit heraus,
es mochts nit sehen vatter Claus,
dem er gar still den rücken bot
Fischart Eulenspiegel 37 Hauffen;
ein weib soll schweigen still und nicht die zäne blecken,
noch auch vor trutz und stutz die zung zur gosch auszstrecken
Moscherosch gesichte (1650) 2, 395;
mein schneiderlein kroch behend unter den fingerhut, guckte unten hervor und streckte der frau meisterin die zunge heraus br. Grimm kinder- u. hausm. 1, 196; da ich gerade an der neuen kastellmauer entlang schritt, ..., erblickte ich .. mit wenigen strichen nach kinderart gezeichnet ein rundes jungensgesicht mit ausgestreckter zunge R. Huch aus d. Triumphgasse 7. mundartliches: die zunge ausblecken Brendicke Berliner wortsch. 196.
γ)
als wollüstige handlung: mit spielender z. küssen Kramer;
stüpff mich auch mit deiner zungen
ungezwungen
Zinkgref auserl. ged. 44 ndr.;
sie stackte mir .. ihre z. .. in mein maul Chr. Reuter Schelmuffsky vollst. ausg. 23 ndr.; andere geben vor, die mare stecke ihre zunge denen leuten ins maul, wenn sie sich über diejenigen auszbreite ... daher es denn auch komme, dasz die leute sprachlosz werden ..., solchem unheil zuvor zu kommen, wollen sie für rathsam halten, wenn man ... aufm bauche liegen gehe, damit die .. mahre ... die postpraedicamenta finde und allda ihre zunge hineinschiebe: so sol sie sich beschimpfet darnach nie wieder anfinden. nehmlich sie wird eine zeitlang zu thun haben, dasz sie, wie das sprichwort lautet, ihre zunge wieder schabe Prätorius anthropod. pluton. (1686) 1, 30.
2)
die zunge beim essen und trinken: noch hatten die arretirten nichts über die z. gebracht, und doch war ihnen speise höchst nöthig G. Fr. Rebmann das neue graue ungeheuer (1795) 2, 32; der brummelochs mit einem einzige maul voll dotterblume, die er ... mit seiner lange zung zusammenrafft Bettine d. buch gehört dem könig 1, 7; die z. der vögel scheint .. mehr ingestionsorgan als geschmacksorgan zu seyn Naumann naturg. d. vögel 1, 19. die beim essenden menschen im munde arbeitende z. kennzeichnet unmanierliche freszgier:
ich kan das fladdesail (fladen, kuchen) gar wol uff die zunge
keren
Alsfelder passionssp. v. 1418 Grein;
da fieng er an zu schmatzen,
wühlt sich herumb in wein und kost
zwischen bechern und platten,
gleich wie im mur und schleim ein frosch,
lehrt seine zung da watten
Fischart geschichtklitt. 9 ndr.;
graf Gustav liesz auf einen augenblick gebisz und z. ohne beschäftigung Holtei erz. schr. 5, 18; er kaute noch etwas und arbeitete mit seiner z. in seiner rechten backe. das war mir so widerlich Detl. v. Liliencron 2, 140.
3)
die z. als sitz und organ des geschmacks, demgegenüber gaumen der gewähltere ausdruck ist, s. frz. palais, vgl. th. IV 1, 1, 1579: die den kalten siechtagen habent, dunkt alles dranck pitter sein auff der zung proplemata Aristotilis 6ᵇ; wanns ... auff der zungen scharpff und kalt ist, so ists salpeter L. Ercker beschr. aller miner. erzt (1580) 126ᵇ; der geschmack (der säugethiere) ist weit vollkommener als der der vögel, wie schon die fleischige, nervenreiche z. schlieszen läszt Brehm 1, 6 P.-L. insbesondere ist die z. das organ des geübten geschmacks, der den wohlgeschmack verfeinerter speisen und getränke zu unterscheiden versteht:
besechts, versuchts mit nasz und zungen,
ir werd ein guten bissen finden
Fischart Eulensp. 82 H.;
nur zu bedauren ists, dasz wir, was gott ins essen
für eine lust gesenckt, nicht achten, nicht ermessen.
erstaunenswehrt ist ja des schmeckens krafft,
erstaunenswehrt der zungen eigenschafft
Brockes ird. vergn. 4, 240 (ähnl. 1, 97; 98);
er fühlte nirgends als bey tische, hatte nur sinn auf der z. Klinger w. 3, 113; hol mich der teufel, der verstehts, der schlürft meinen guten wein auf die z., wie man einen dukaten auf die goldwage legt! G. Keller 5, 17; eine köstliche speise schmilzt, zerflieszt, zergeht auf der z.; unangenehme, scharfe speisen beiszen in die z., auf die z., brennen auf der z.; ein feinschmecker hat eine feine, ekle z., eine z. für ausgewählte gerichte, eine weinzunge. ggth. e. stumpfe, e. dumme z.: wer ein dumme z. hat, isset zu hoff nicht gern schwartzes Petri 2, f f f 1ᵃ. auch persönlich: er schien ganz eine dicke fette z. voll wohlgeschmack geworden zu sein Eichendorf 3, 212; die menschen hatten sich bei unserm musterreiter alle in 'zungen' verwandelt Gutzkow ges. w. 9, 459. selten übertragen: griechisches kostüm für antike seelen, und rittergedichte für heroische zungen Fr. Schlegel pros. jugendschr. 1, 91 Minor; man kommt ... aus solchem schweren siechthum ... neugeboren zurück, ..., mit einem feineren geschmacke für die freude, mit einer zarteren zunge für alle guten dinge Nietzsche 5, 10.
4)
die z. empfindet den durst, sie lechzt, schmachtet, wird erquickt, gekühlt, vgl. mund 7 c, th. 6, 2679: humor linguae deficit ... die zung ist im dürr, oder hat kein netze mer Frisius 773ᵃ; dasz der reiche man .. nur ein tröpflin wassers auf sein zung zur külung begert habe Fischart bienenkorb (1588) 122ᵇ; ein guter trunck und ein dürstige zung gehören zusammen Petri 2, V ivᵇ; eine lechzende, schmachtende z. aus der bibel stammt die z. klebt am gaumen Hiob 29, 10; ps. 22, 16; 137, 6; klagel. Jerem. 4, 4 u. ö.: ich stirb, die zung klebt mir an vor forcht (haeret) Boltz Terenz 56ᵃ; es ist heisz, und die z. klebt einem am gaumen Fontane I 6, 10;
der mund verdorrt, die zunge klebt
Günther ged. (1735) 16.
5)
mit der z. werden geräusche erzeugt.
a)
unarticulierte: er schien sie (gute weine) zu kosten, indem er mit der z. am gaumen klatschte Göthe 45, 22 W.; und schnalzte mit der z., wie man hunde zu locken pflegt Langbein s. schr. 31, 126;
sprang auf die pritsche, nahm die zügel, gab
dem gaul die zung und fuhr mit lautem klange
Antonien davon in vollem trab
Göckingk ged. (1780) 2, 247.
b)
musikalische. beim singen: besonders zeichnet sich der Bayersche gesang durch den ungewöhnlich schnellen gebrauch der z. aus, die im stande ist, jede note des geflügelten läufers mit einer sylbe zu belegen Schubart ästh. d. tonk. 121. beim pfeifen: man weisz ..., dasz es die alten mit gespitzten lippen und halber z. auf einem oder zwey fingern ... sehr weit gebracht 308. beim blasen von instrumenten: die z. mit all ihren vibrationen ... musz vorzüglich in das instrument (trompete) wirken 310; so du dann wayst zuͦ greiffen, so muͦst du auch die zungen lernen, die auch zuͦ der flöten gebrauchlich Virdung musica getutscht 94; ich blies mit so glücklicher disposition der finger und z. auf der flöte Göthe 43, 35 W. vgl.zungenstosz.
c)
articulierte beim sprechen: so werden die buchstaben .., wann man sie ausspricht, mit eben solcher figur von der zungen im halse gebildet Morhof unterr. v. d. dtschen spr. (1682) 1, 7;
kaum, dasz des menschen schlanke zunge so manches wort
articulieret,
als sie ein klingend wörterheer verschiedlich füget und formieret
Brockes ird. vergn. 8, 14;
beim s bleibt die spitze der z. hinter den zähnen, und beim th (engl.) ist sie vor denselben oder zwischen inne Lichtenberg verm. schr. 1, 282; die verrichtungen der z., des gaumens, der lippe beym sprechen A. W. Schlegel Athen. 1, 19; Bells system classificirt die vocale ... nach den stellungen der z. Sievers phonet.⁴ 92.
d)
sprachfehler und -störungen: ich habe eine schwere sprache und eine schwere z. 2. Mos. 4, 11; anstoszen mit der zungen Dasypodius 467ᵇ; ein barbierer, sonst eines ehrlichen wandels ... auszer dasz er ... mit der zunge stammlet Abr. a s. Clara narrennest 1, 19; eure tochter .. lispelt mit der z. Happel akad. roman 526; der greis, der .. mit welken lippen und lahmer z. ihre (d. synagoge) geschichte erzählte Hebbel tageb. 4, 42 W. infolge von erregung:
und, der stimme beraubt, erstarrt mir die zung im munde
Klopstock Mess. 4, 93.
in schlaftrunkenheit:
wie blei lag meine zung im mund
H. Heine 1, 18 E.
im rausch: da wöllen wir essen und trincken, das wir mit der zungen hincken und einander nit mer erkennen Albr. v. Eyb d. schr. 1, 71 Herrmann (vgl. Walther v. d. Vogelweide 29, 36); truncken leuten gehet die zung auf steltzen Friedrich Wilhelm sprichw. f 1ᵇ nr. 5; 'kein stern?' fragte der voigt mit schwerer zunge Arnim 3, 17. der trunkene hat Mosch's z. Körte 527, eine doppelte z. Höfler. s. auch zungenschlag, sowie lallen th. 6, 81, stammeln 5 th. 10, 2, 651.
II.
als wichtigstes organ der lautbildung bezeichnet z., in weiterem umfange als mund und lippe, das sprechen: die zung ist des herzens dolmetsch Seb. Franck sprichwörter (1541) 1, 112ᵇ; do sint in dem munde zene, die alles leibfuter sint tegelichen malende; darzu der zungen dunnes blat den leuten zu wissen bringet ganz der leute meinunge ackermann aus Böhmen 25, 34 Bernt; wie die rede, so durch die zunge beschiecht, ain zung, oder die schrift, so durch die hand beschiecht, ein hand genennt ist Berthold v. Chiemsee 246; wie das lautere gold ... der hochdeutschen sprache, unsichtbarlich, durch den trieb der natur, von der zungen ... entsprüsset Zesen rosenmând (1651) titelbl. nicht immer ist dies von der bloszen lautgebung rein zu scheiden: hye haben unsere hochgeleerten doctores den hailigen gaist wellen maistern und haben im ain höltzlin under die zung wellen sperren und aufheben, als ob er nit wol reden künd Luther 10, 3, 140 W.; und verwickelte sich mit gewissen brescianischen redensarten die zunge ... im munde Göthe 43, 265 W. überhaupt ist im deutschen dabei immer ein deutlicher rest der leiblichen anschauung enthalten. schon ältere wbb. vermeiden die wörtliche übersetzung: linguas hominum vitare Cic. der wält ausz dem maul kommen, das schandtlich zuͦreden und schmähen der wält Frisius 773ᵃ; vous avez la langue bien grande ihr habt ein mächtig weit maul Duez nomencl. (1663) 118. die abstractere anwendung steht unter dem deutlichen einflusz lat. und franz. vorbilder, vgl. z. b. Hartmann Iwein 837—843 mit Chrestiens Yvain 614—634. sie ist im höfischen mhd. und den anschlieszenden stilarten ungemein beliebt und wird es wieder in der literatur des 16.—17. jh. das deutsche beschränkt sich, wie das altnord (Atlam. 9, 5; Hávam. 29, 4; 118, 4 Bugge) im wesentlichen auf die verwendung in der spruchweisheit. hierfür hat die sprache sich weiter aus den antiken und geistlichen quellen bereichert, ganz besonders aus Luthers bibel. die anschauliche sinnbildlichkeit der sprichwörter und anschlieszenden festen wendungen gibt den eigentlichen bereich des wortes.
A.
dabei zeigen sich verschiedene arten der vorstellung.
1)
die z. ist der ort, an dem das sprechen vor sich geht.
a)
rein räumlich. das wort entsteht auf der z.: denn siehe, es ist kein wort auf meiner z., das du, herr, nicht alles wissest ps. 139, 4 (vgl. P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 426ᵃ; Klopstock Messias 10, 11);
des frevlers ruhm ertönt auf feigen zungen
Hagedorn poet. w. (1769) 1, 16;
die vorbedachten worte verdrehten sich mir auf der z. G. Keller 1, 166; aber seine gattin und seine tochter bedräuten ihn mit so eisigen mienen, dasz ein unschuldiges späszchen ihm auf der z. erfror Ebner-Eschenbach 2, 305. das wort kommt auf die z., wird auf die z. gelegt: bittet gott, dasz er seyn wort lege auf ewre z. Eberlin v. Günzburg 3, 201 ndr.; lege mir nur auf die z., was ich sagen soll discourse d. mahlern 4, 99; wies gott ihm auf die z. legte Bettine Günderode 1, 190. etwas auf der z. haben 'ständig davon reden': wir wollen .. solches denen überlassen, welche den guten willen auf der z. tragen Bucholz Herkuliskus (1665) 433; und bald entzücken wir auch, wenn wir nichts als tugend reden, und alle sieben weisen auf unserer z. zu haben scheinen Lessing 2, 286 M.; dem eigendünkel eines mannes ..., der den ruhm seiner vorfahren stets auf der z. trug Schiller 7, 182 G.; du hast deinen Shakespeare wacker auf der z.! E. Th. A. Hoffmann 1, 116 Griseb. das herz auf der z. haben u. ä. th. 4, 2, 1216, unbesonnen seine gefühle aussprechen: was der nüchterne im hertzen hat, das hat der trunckene auf der zungen polit. Jesus Syrach 70; Sebaldus, dessen herz gewöhnlicher weise auf seiner z. sasz Nicolai Seb. Nothanker 2, 38; das herz trat ... dem kandidaten auf die z. W. Raabe hungerpastor 2, 149. vgl. u. II B 6. unter der z.:
unter seiner zung ist mue, arbeit
H. Sachs 22, 112 G.;
während der teufel gar ruhig und eingeschmiegt unter der z. liegt, ziehen ganze züge schöner sentiments und erhabener worte andächtig über sie hinaus Görres 2, 45. von der z.: wie ein wort das von seiner zungen geth ohn ernst oder ohn hertzen Paracelsus op. (1616) 1, 32;
(der Grieche), von dessen zung der honig flosz
Weckherlin 1, 134 Fischer;
die hohen gedanken ..., die ... mir nur so von der z. flossen O. Ludwig 2, 453 E. Schm.; dasz ihm sein bericht ... so glatt von der z. ging W. Raabe hungerpastor 2, 167; die bevorstehenden wahlen laden jetzt von den zungen ab. ist das ein geschrei! Detl. v. Liliencron 2, 199; wenn das wort von der z. ist, ist der mann gebunden Graf-Dietherr 228. über die z.: damit kein verkehrtes oder unheilsames wort über ihre z. erginge Prätorius Blockesberges verrichtung (1688) 66; wie rollen mir die donnerworte der unerbittlichen gerechtigkeit über die z. Hölderlin 2, 85 Litzmann. über die z. springen lassen s. u. sp. 599 o.
b)
die z. ist zugleich eine schwelle oder schranke, welche das wort überschreiten musz: sag sies nur; über meine zung solls nicht kommen H. L. Wagner theaterst. 121; ich erkläre mir daraus, dasz man vieles drucken lassen mag, was man nie über die z. gebracht hätte J. Grimm an Wilhelm 149; es ist uns nicht gegeben, den ganzen menschen zu papier oder über die z. zu bringen Bismarck ged. u. erinn. 1, 197 volksausgabe. ähnlich: ich wollte was antworten, aber der pasz vom herzen nach der z. war versperrt Göthe 8, 51 W. dieselbe räumliche anschauung, aber von der z. selbst, wie u. 4:
ausztrit der zunge.
die zunge wohnt mit fleisz im weiszen beingehäge;
dann disz ist ihre gräntz, in der sie sich bewege.
wächst aber wo die zung und steiget über zaun,
derselben traue du! ich wil ihr nimmer traun
Logau 157 Eitner.
c)
das wort sitzt auf der z. u. ä., zunächst, wenn man im begriff ist, es auszusprechen: hundertmal sasz mirs auf der z., es ihnen zu sagen Göthe 19, 104 W.; etwas ..., was ihm immer über die z. wollte O. Ludwig 2, 331. aber man kommt nicht dazu, oder man wird daran gehindert: Atgandester hatte noch die letzten worte auf der z., als ein ... reuter ängstlich nach dem feldherrn fragte Lohenstein Arminius (1689) 1, 421ᵃ; dasz du mir etwas verhelest ..., das deinen busen schwellt und schon auf deiner z. sitzt Sal. Geszner (1778) 2, 65; die alte gräfin ... rückte sogleich gegen mich ins feld und verhinderte eine erklärung, welche mir auf der z. schwebte Moltke 1, 48. oder man kann sich nicht darauf besinnen, frz. je l'ai sur le bout de ma langue Duez nom. (1652) 104, ital. io l'ho sulla punta della lingua Kramer 2, 1486ᵃ, engl. I have it on the tip of my tongue: modo versabatur in labris primoribus es ist mir yetz gerad vornen auff der zungen gewäsen Frisius 749ᵃ; den namen eines freundes? — — nur geduld! jetzt läuft er mir auf der z. herum Lessing 2, 159 M.; dann schwebt das ideal von dem, was ich haben möchte, auf meiner z. und ich kanns nicht nennen Caroline 1, 32 Waitz. in weiterer ausmalung Hippel lebensläufe 3, 1, 42; 159.
2)
die z. ist ein werkzeug: meine z. ist als der griffel eines guten schreibers ps. 45, 2; der ... Spanier ... Perez nennet die feder sehr nachdencklich der abwesenden zunge Harsdörfer teutsche secret. 1, IVᵇ. man braucht, lenkt, rührt, regt, übt die z.: reget nur die zungen ein wenig Luther 29, 24 W.; er spricht nicht wie zuvor 'die wercke des liechts', sondern verkeret die zungen und spricht 'waffen des liechts' 32, 221 W.; sie haben gelernet sich aufputzen, die z. gebrauchen und die augen werffen Bodmer v. d. wunderbaren 418; einem mädgen, das seine z. geläuffig und artig zu gebrauchen weisz Göthe IV 1, 206 W. mit der z. bewirkt man etwas: durch gottes zungen ist himmel und erd erschaffen S. Franck sprichwörter (1541) 1, 115ᵇ; ich sol mit meiner zungen imerdar schlagen und dreschen auff diesen fels, denn fleusset balde wasser heraus Luther 16, 333 W.; dann was der hund mit dem wadel thut, das thut ein fuchsschwäntzer mit der zunge Moscherosch ges. (1650) 2, 99. insbesondere eine waffe: die menschenkinder sind flammen, ihre zähne sind spiesze und pfeile, und ihre zungen scharfe schwerdter ps. 57, 5;
landt und leüt hab ich bezwungen,
doch thuͦn ichs fast nur mit der zungen
Murner schelmenzunft 11 ndr.;
es stet ubel an einem mann also mit der zungen fechten (wie ein weib) Moscherosch ges. (1650) 2, 349; der zungen scharffes schwerdt S. Dach 715 lit. ver., scharfer stahl H. v. Kleist 2, 420 E. Schm.; die schläge ihrer zunge G. Freytag 2, 1, 49; die zunge schärfen Luther 29, 167 W.; Opitz teutsche poem. 202 ndr., schleifen Fischart prakt. 16 ndr., zuschleifen B. Neukirch ged. (1744) 123, herten als ein staal Hayneccius Hans Pfriem 25 ndr.; sie glaubten wohl nicht, dasz wir hier auch geschliffene zungen haben G. Keller 7, 26. freier: wir wöllen die zungen spitzen und unserm hergot ein loch in das papir boren Luther 12, 625 W.
3)
die z. ist die fähigkeit des sprechens.
a)
als besitz oder eigenschaft: denn die weisheit öffnete der stummen mund und machet der unmündigen zungen beredt weish. Sal. 10, 21; es giebet sogar menschen, welche lieber ohne zunge als stichreden seyn wolten Lohenstein Arminius 1, c 4;
wer recht behalten will und hat nur eine zunge,
behälts gewisz
Göthe 14, 152 W. (Faust 3069);
... wir stehn allhier zu dreien
und haben, hoff ich, eine einzge zunge
Hebbel 4, 86 W.;
aber wenn anders die Proteusnatur, die gabe mit tausend zungen zu reden, eine wesentliche dichtertugend bleibt Treitschke hist. u. polit. aufs. 1, 3. viele, tausend zungen hat das gerücht: ein geschrey hat viel zungen und münde Petri 2, v 2ᵇ; ihrer (der Fama) tausend z. Sigm. v. Birken ostländ. lorbeerhain (1657) 3ᵇ; da Fama tausend z. hat Göthe IV 13, 190. sprichwörtlich: bey seiner zung wird der mann erkant Petri 2, l 1ᵇ; wo du steist un hest de tung im munde Richey 117; dar steet he un hett de tunge im halse Dähnert 498; wart, ich musz einmal sehen, ob du keine z. im munde hast! Droste-Hülshoff 2, 275. als rechtsformel: mit lebentigen zungen (bei lebzeiten) Münch. stadtrecht bei Schmeller 2², 1135.
b)
als thätigkeit: der herr wolle ausreuten alle heuchelei und die zunge, die da stolz redet ps. 12, 4;
wie werd ir für gotts gricht bestehn,
wenn euch dort ewer eigen zung
uberzeugt der gottslesterung
Fischart s. Dominici artl. leben 129 Kurz.;
man wird mich einst mit der feder in der hand begraben, damit sie, wie Addison von den zungen der Französinnen sagt, auch im grabe nicht ruhe L. A. Gottschedin briefe 2, 118 Runkel; er mag schon wissen, wie viel man von ihrer z. zu fürchten habe Lessing 2, 334 M.; Tyroler deutsch und sehr gebrochenes französisch war alles, was ihre z. zu markte bringen konnte Archenholz Engl. u. Italien I 2, 523; zuletzt, ... da ihr herz auf der zunge schwebt, wird diese z. ihre verrätherin Göthe 22, 92 W. es kostet nur meine z. 'ich brauche nur zu reden' Luther 34, 2, 179 W. einem die zunge ziehen hiesz ihn zum reden bringen H. Sachs 3, 351; 5, 202 K.
4)
die zunge, eine z., die z. der menschen ist das sprechen schlechthin, ohne bezug auf redende personen: die z. ym maul, das yhre lere nichts denn zunge, das ist, eyttel unnutz geschwetze ist Luther 11, 384 W.; dann die z. ist ein tolmetscherin der weiszheit und guten lere Er. alberus fabeln 15 ndr.; die z. redet und redt nichts Paracelsus op. (1616) 2, 13; die z. ist in unsern complimenten gleichsam ein uhrwerck, welches jahr aus jahr ein fortläuffet vernünft. tadlerinnen 1, 13; das band der z. und des ohrs knüpft ein publicum Herder 17, 286 S.
5)
die z. als die stimme andrer wesen, in der dichtersprache:
die lust hat mich gezwungen,
zu fahren in den wald,
wo durch der vögel zungen
die ganze lufft erschallt
Sim. Dach Königsberger dichterkreis 174 ndr.;
es lebt der wald von wunderbaren zungen
Tieck 1, 8 (ähnl. 2, 74);
es ist, als ob die ewigkeit (in der stimme des meeres) eine z. bekommen hätte, die kinder der erde in den schlaf zu singen W. Raabe hungerpastor 3, 242; die uhr hat bereits mit träger zunge mitternacht angesprochen maler Müller 3, 131. stehend: die eherne zunge der glocke Bodmer Noah 84; A. W. Schlegel Shakespeare 1, 288; H. Heine 2, 122 E.; C. Viebig d. schlafende heer 2, 507.
B.
zunge für menschliche rede hat sich in vielfachen verbindungen festgesetzt.
1)
z. mit ergänzenden wörtern, vgl. lippe th. 6, 1052 ff., mund 6, 2671.
a)
in der form des parallelismus und der häufung: was gilts, ob meine zunge unrecht habe und mein mund böses vorgebe Hiob 6, 30 (ähnl. ps. 39, 2); armuth ist des reichthums hand, fusz, aug und zung Lehmann floril. (1662) 3, 22;
dasz er kein gifft nicht mocht ertragen,
sonder es gleich herauszer zwung
uber die lung und uber zung
Fischart Amadis (1576) 6, a 6ᵇ;
und händ und füsze, zung und lippen regen
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 323;
götter, weh! in dehme schwunden
zunge, mund, bluht, farb und geist
Stieler geharnschte Venus 35 ndr.
b)
in begriffsformeln.
z.
und finger: die schöffen ... verzellen (urtheilen) mit fingern und mit zungen Freiberger stadtrecht bei J. Grimm rechtsalterth. 2⁴, 524; so sol ine die richtere unde dat land ut laten mit vingere unde mit tungen Sachsensp. 1³, 231 Hohm.
z.
und wort, schrift, feder: das er uns wil binden an sein zung und wort Luther 28, 189 W.; durch die zung und fürsprechung eines andern Fischart philos. ehzuchtb. 154 H.; mit zungen und feder Eberlin v. Günzburg 1, 197 ndr. (ähnl. 2, 143); seine gifftige z. und feder J. Rist friedewünschende Teutschl. (1648) 17; sie wissen nicht, die groszen, wen sie in uns beleidigen, die wir zungen, die wir federn haben Göthe 18, 55 W.
2)
dabei kommt ein gegensatz zum ausdruck.
a)
zwischen dem sprechen und andern thätigkeiten: welche kinder bald reden lernen, die lernen langsam gehen, gleich als wenn sie mit der zunge giengen und mit den füszen redeten Corvinus fons lat. (1646) 324; das verwünschte pack! wenn die z. müde ist, so verfolgt es einen noch mit grimassen Lessing 2, 18 M.; manche leute haben ihn (den verstand) in den fuszsohlen, andre im rücken, andre auf der z. Tieck 7, 260. sprichwörtlich: ein weiser mann hat lang ohren und kurtze zung Lehmann floril. 2, 898; der zahn beiszet offt die zung, und bleiben doch einig 1, 186; es sey besser mit den füszen als mit der zungen straucheln Zinkgref apophthegm. (1628) 428.
b)
beliebt und nachdrücklich zwischen reden und handeln: und ist darumb angericht, das das wort nicht alleyne auf der zungen und oren klebe, sondern zu krefften kome und ein werck odder thun daraus werde Luther 17, 1, 429 W.; weil die faust nit da ist, so wirdt die z. nichts ausrichten 33, 620 W. (ähnl. 34, 1, 85; 86); mehr mit der zungen, als mit dem degen zu reden A. Gryphius Horribilicribrifax 49 ndr.; so laszt denn uns ... ihn auch lieben über alles ..., aber nicht nur mit der zunge, sondern mit der that und mit der wahrheit lieben! J. M. Miller pred. f. d. landvolk 2, 283.
c)
zwischen wort und gefühl: ein minnerichen zungen ein unminneriches herze enkan als wenig verstan, als ein Tútscher einen Walhen Seuse 199 Bihlm.; die frommen und gerechten habens nicht allein auff der zungen, sondern ym hertzen Luther 19, 317 W.; aber es (das lob Christi) ist noch schaum auff der zungen, nicht ym hertzen 20, 417 W.; nein uff der zungen haben und ja im hertzen Murner an den deutschen adel 41 ndr.; denn sie hat das beste herz von der welt, so verdächtig es ihre z. zu machen sucht Lessing 2, 95 M.; aber es war nur im dampfe des weins, und mein herz hörte nicht, was meine z. pralte Schiller 2, 33 G. vgl.das herz auf der z. haben II A 1 a.
d)
zwischen wort und gedanken: die das evangeliom nur im maul und auff der zungen haben Luther 36, 443 W.; die zunge soll nicht klüger seyn als der kopf Kirchhofer schweizer. sprüchw. 168; die zerstörung der bastille hat in Frankreich nur die zungen frei gemacht, die herzen und die geister sind noch eingesperrt Börne 5, 84; wenn die z. geht, da meinen sie, das sei gedacht O. Ludwig 2, 19 E. Schm. besonders zwischen freundlicher rede und falschen gedanken:
verleumbder.
ich kenn ein höllisch volck, die brüder der Erinnen,
ein volck mit süszer zung und von vergifften sinnen
Logau 8 Eitner.
e)
zwischen lauter und stummer sprache: der todten fürsten antlitz sie gleichsam mit stummer z. ... zur rache anflehten Lohenstein Armin. (1689) 1, 12ᵇ;
gnug, wenn in deiner brust die stumme zunge spricht,
du habest recht gethan
Günther ged. (1735) 753.
3)
zunge mit bezug auf die macht und wirkung der menschlichen rede.
a)
für die macht zum guten und bösen gab die formel die geschichte von Äsops zungenkauf, in Deutschland bekannt geworden durch Steinhöwels Äsop 53 ff. K.:
da kaufft ich eytel zungen ein,
weil von einr guten zungn allein
wird alle weiszheit ausgesprochen
all krieg und hader wird zerbrochen.
die zunge lert manch schöne kunst,
ein zung bringt freundschafft, lieb und gunst,
ein zung lehrt guts, das arge strafft,
.........
... ich hab fürwar
einkaufft nach deinen worten gar
das aller ergest auff der erden,
die zungen, ...
.........
und was lesterlichs thut geschehen,
das hat von der zungen ursprung,
des ist das aller ergst die zung
H. Sachs fab. u. schw. 2, 310 ff. ndr.;
das wunder der natur, das überweise thier,
hat nichts, das seiner zungen sey zu gleichen. ...
die macht, die wildes volck zu sitten hat gezwungen,
des menschen leben selbst beruht auf seiner zungen
A. Gryphius trauerspiele 1, 41 Palm.
sprichwörtlich: die zung ist das best und das böszt glid S. Franck sprüchw. (1541) 1, 112ᵇ; sch. w. klugr. 170ᵇ (in allen sammlungen des 16. jh.); Petri 2, r 8ᵃ; die z. ist eines menschen artzt und des andern hencker Kern sprichw. (1718) 15.
b)
vor allem für die schädliche wirkung, meist an schlieszend an Jacobus 3, 5—8: also ist auch die z. ein klein glied und richtet gros ding an. sihe ein klein fewer, welch ein wald zündets an? und die z. ist auch ein fewer, eine welt vol ungerechtigkeit. also ist die z. unter unsern gliedern und befleckt den ganzen leib und zündet an allen unsern wandel, wenn sie von der helle entzündet ist. aber die zungen kan kein mensch zemen, das unrugige ubel, vol tödlicher gifft. nach- und umgebildet z. b. Freidank 164, 3 bis 165, 20; S. Franck sprüchw. (1541) 1, 115ᵇ, auch mundartl. z. b. Martin-Lienhart 2, 908. freier:
eyn zung verriet Cristum, eyn gott,
eyn zung brocht Troy in groszen spot,
eyn zung brocht Adam in den fal,
eyn zung zwang Rom in jomers qual,
Hierusalem ein zung zerstört,
das maur und statt ward umgekört.
Murner schelmenzunft 2 ndr.;
die zung hat gar kein bein,
und zerreiszt doch eisen und stein
Petri 2, r 8ᵃ;
die zung verstört offt leut und land,
und macht gar manchen raub und brand
ebda;
die zung hat kein bein,
schlägt aber manchen den buckel ein
Kramer 2, 1486ᵃ;
die z. ist der sabel im schnabel Binder 221.
c)
von der schädlichen wirkung der rede auf den redenden selbst:
offt ein mensch, alt oder jung,
fellet in schand sein eigne zung
H. Sachs 19, 21 G.
den menschen fellet sein eigen zung Petri 2, n 3ᵃ; wider den stachel lecken macht blutige zungen polit. Jesus Syrach 23; wirst dir die zunge noch einmal garstig verbrennen Arnim 18, 134; ich bitt dich, ..., deine z. wird dir noch den hals kosten Eichendorf 4, 305; sich die z. verbrühen Martin-Lienhart 2, 908; auch gelegentlich sich in die z. beiszen s. u. 7. sich die z. aus dem halse schwören (leichtsinnig schw.) Brendicke Berliner wortsch. 196.
4)
z. vom miszbrauch der rede.
a)
lüge und schmeichelei: mit ihren zungen heuchlen sie ps. 5, 10, handeln sie trüglich Röm. 3, 13; aber so ferr obgemelter sententz den adel, obrigkeit und herrn betrifft, wendt Luther die zung im hals umb Joh. Fundling anzeig. zweier falscher zungen des Luthers (1526) c 2ᵃ; ein schmeichler hat ein vergifft zung Petri 2, y 3ᵇ;
alle boszheit von der zungen fehrt,
dasz man gar manchen meineid schwert
2, h 5ᵇ;
honig auf der z. J. Engel schr. 1, 157. bes. im bilde der doppelzüngigkeit:
zwô zungen stânt unebne in einem munde
Walther v. d. Vogelweide 13, 4 (vgl. 29, 11);
zwo zungen dragen in eym halss
Murner schelmenzunft 27 ndr.,
du redest mit zweyen zungen Tappius adag. v 5ᵃ. ebenso sch. weise klugr. 41ᵇ; C. F. Meyer Jürg Jenatsch 70; mit doppelter z. reden Kramer;
ist Falsus ein apostel? die zung ist ihm zertheilt
Logau 544 Eitner.
b)
von käuflicher rede: es ligen ym hundert gulden auff der zungen S. Franck sprüchw. (1541) 1, 156ᵃ; sein zung ist an eyn guldin seyl gelegt 1, 32ᵇ, an eyn guldin ketten geschmidt 2, 33ᵃ;
und (wenn man) von geschmierter zungen
durch freyen tafeltrunck ein falsches lob erzwungen
B. Neukirch ged. (1744) 115.
c)
mannigfaltig von der böswilligen oder gedankenlosen üblen nachrede: infamare ere abschnyden mit der zungen Diefenbach 296ᵃ; deine missetat lehret deinen mund also, und hast erwählet eine schalckhaftige zunge Hiob 15, 5;
so musz ich grosz sorge han
auf die und die mich rufen aus
und mit ir zungen tragen auf das rathaus
fastnachtsp. 1, 106 K.;
mancher wird weiter getragen auff der zungen, denn auff einem hangenden wagen Petri 2, N n 6ᵇ (s. wagen II 1 c, th. 13, 381);
wer zwischen stein und stein sich leit
und vil lüt uff der zunge dreit,
dem widerfert bald schad und leidt
S. Brant narrensch. 10 Z.;
ein schalck kan wol von gott und redlichen leuten reden und sie lassen über die zung gehen Lehmann floril. (1662) 1, 108; je gröszere tugendwerck ... man anfangt, desto schärffer wetzen andere ihre zungen daran Abr. a s. Clara etwas f. alle 1, 2, 344; ein jeder musz besorgen, auf seine z. zu gerathen vernünft. tadlerinnen 1, 144. feste verbindungen: über die z. springen lassen, wie über die klinge spr. l. th. 5, 1173, ebenso tanzen lassen Kramer 2, 1486ᵃ, vgl. nl. op de tong rijden Kramer-Moerbeck 439ᶜ: das er ... mich ... redlichen uber die zungen springen lassen und zur banck gehauwen L. Thurneisser nothgedrungenes ausschreiben (1584) 2, 45; da muszten nun ... alle unthaten über die z. springen polit. maulaffe 32; da musz bald bürgermeister und rath, bald der prediger, bald diese oder jene wittbe über ihre zunge tantzen B. Schupp schr. (1663) 205. mundartlich im hennebergischen Spiesz 293, nd. Dähnert 498.
d)
stehende beiwörter: böse, falsche, giftige, scharfe z.; denn wenn sie die menschen auf mancherlei weise für sich zu gewinnen suchte, so verdarb sie es wieder mit ihnen gewöhnlich durch eine böse zunge, die niemanden schonte Göthe 20, 244 W.; du redest gern alles, was zu verderben dient, mit falscher zunge ps. 52, 6;
ich schwur mit falscher zungen
S. Dach Königsberger dichterkr. 110 ndr.;
wie fertig neidiger leute gifftige zungen seyen Grimmelshausen 2, 551 Keller; die giftigen zungen unserer überklugen gelehrten Liscow sat. u. ernsth. schr. 51; Giotto war ... gutmütig, aber mit scharfer z. begabt H. Grimm Michelangelo 1, 18. in vielen sprichwörtern, z. b.: böse zungen schneiden scherfer den ein schwert Petri 2, l 4ᵇ; ein bösz zung ist ein bösz gericht 2, t 1ᵇ; ein falsche zung ist ein starkes gifft t 6ᵇ;
scharfe schwerter schneiden sehr,
aber falsche zungen noch viel mehr
Kirchhofer 169.
andere verbindungen: boshafte, lästerliche, leichtfertige, ruchlose, schmähsüchtige, schnöde, schwatzhafte z. oft von der persönlichen verwendung nicht zu unterscheiden, s.C.
5)
etwas milder ist der tadel des allzureichlichen gebrauches der sprache und einer bedenklichen gewandtheit darin: auf dasz du bewahret werdest vor dem bösen weibe, vor der glatten z. der fremden spr. Sal. 6, 24; wenn ihre phantasie so lebhaft und ihre z. geschwätzig ist Herder 22, 9 S.;
(sie) zischt mit glatter zunge,
die kleine schlange, zauberische töne
Göthe 10, 207 W.
fürsten haben lange arme,
pfaffen haben lange zungen
und das volk hat lange ohren
H. Heine 1, 302 E.
6)
von unbeherschter, übereilter rede, vgl. II a 1 a: du thust die zungen von dem mund (läszt ihr freien lauf) und lest den narren reden Eberlin v. Günzburg 3, 161 ndr.; verzeihe mir günstig ..., dasz meine z. ... so frey herausz bricht G. Neumark poet. lustwäldchen (1652) 96; sein zung hat niemahl ein sabbath Abr. a s. Clara narrennest (1751) 1, 84;
die zunge geht mir über
von dehm, was ausz dem hertzen quillt
Stieler geharnschte Venus 16;
warum jede thorheit,
die meiner zung entfuhr, ihr hinterbringen?
Lessing 3, 22 M.;
eure z. geht mit euch durch Alexis Roland v. Berlin 1, 47; die zung ist ihm usgerutscht Martin-Lienh. 2, 908. sprichw.: ein schnelle zung bringt viel unrath Petri 2, y 3ᵇ; die händ seynd ihm (d. zornigen) an die zungen gebunden Lehmann floril. 2, 941. eine freche, freie, lose, kecke, unkundige, verwegene z.: durch der zungen frechheit wird des lebens unflat nicht abgewaschen Dentzler 2, 368ᵃ; (die rede des Äschines) ist mit einer republicanischen zügellosigkeit der z. geschrieben allg. dtsche bibl. 2, 2, 71; Johann Tetzel, der von allen jenen commissarien wohl die schamloseste z. hatte Ranke 1, 208.
7)
man soll die zunge meistern Dentzler 2, 368ᵃ:
hüetent iuwer zungen
Walther v. d. Vogelweide 87, 9;
behüte deine z. vor bösem und deine lippen, dasz sie nicht falsch reden ps. 34, 14; das wir die z. dempfetten, die alles hertzleyd anrichtet Luther 24, 233 W.; hu du lauszknickel, ich will dir die zung bannen Moscherosch ges. (1650) 2, 346; die furcht ... hält seine z. in fesseln Archenholz Engl. u. Italien 2, 12. sprichwörtl.: ein wort ist bald entwüscht, darumb sol man der zungen war nemen Friedrich Wilhelm q 1ᶜ nro. 937;
es ist keine schönere list,
als wer seiner zunge meister ist
Kirchhofer schweiz. spr. 178.
die z. im zaum halten Jacobus 1, 26; Fr. L. Schröder dram. w. 4, 143; Kramer 2, 1486ᵃ; G. Hauptmann biberpelz 42, am zügel Tieck 1, 100, im zügel polit. Jes. Syrach 71. unüblich ist, gegenüber das maul halten, die z. halten Klinger w. 3, 157, engl. hold your tongue! sich auf die z. beiszen Kramer, sich die z. abbeiszen, älter sich in die z. beiszen, um nicht zu sprechen oder sich des lachens zu erwehren, nl. op sijne tong bijten, im it. u. frz. dieselbe redensart mit dem nebensinn, um die reue wegen eines unbesonnenen wortes zu vermeiden diz. della Crusca 9, 385; Hatzfeld-Darmesteter-Thomas 1377, vgl. sich auf die lippen beiszen th. 1, 1339; ich muste mich in die zungen beiszen, das lachen zu verhalten Grimmelshausen 2, 342 K.; und also kein blat fürs maul genommen (habe), oder mich in die zunge gebissen habe Prätorius philos. colus (1662) vorr. 4; die Lene lügt nicht und bisse sich eher die z. ab, als dasz sie flunkerte Fontane I 5, 273. anders 'sich selbst widersprechen': drumb ists klar ausz yhren eygen wortten, wie sie sich selbs yn die zungen beiszen und das vordammen, das sie selbs leren Luther 7, 351 (ebenso 15, 494; 26, 286; 26, 569 W.); Emser annotat. (1528) s 3ᵃ. auch wie 'sich die z. verbrennen', s. o. 3 c: der teuffel, wenn er einen christen angreiffet, so greiffet er, das er sich selbst mus in die zungen beiszen und die finger verbrennen Luther 28, 150 W.
8)
die z. wird gelähmt, gebunden u. ähnl.:
die ougen bhalten sy kum offen.
im reden sitzendt sy und schloffen
und hondt sich in die zung geschnitten
Murner narrenbeschwörung 68 ndr.;
nein, sondern wenn die frau ein ernstes wörtlein sprach,
die zunge (des mannes) war verlähmt
Rachel sat. ged. 33 ndr.;
eine angst, die ihm die z. band E. Th. A. Hoffmann 12, 8 Gris. die z. wird frei: in einer freyen stadt freye gemüter und zungen Friedr. Wilhelm y 2ᵇ nro. 128.
weil doch kein gott die zunge dir entbindet
Ramler lyr. ged. (1772) 291;
ich liesz meiner z. und meinen thränen freien lauf Göthe 22, 295 W.; da ... der wein die zungen öffnete Stifter 5, 1, 67; seit ... die regentschaft geister und zungen entfesselte Justi Winckelmann 1, 218. die z. lösen, ohne den gedanken an den mechanischen eingriff, s. o. I a 3, auch th. 6, 1192: (der angeblich stumme) im selbes die zungen löset Arigo decam. 170 K.; auszer dem, dasz ein beklagter seine zeugen noch vor dem termine gehörig zuzurichten wissen musz, so ist nötig, dasz man demjenigen, der die zeugen vernehmen soll, die z. wohl löse Rabener w. 3, 89; wenn ihm die z. durch mich gelöst wird (er seines schweigens entbunden) Göthe 25, 130 W.; bis ihm einige schlücke ... weines ... die z. lösten G. Keller 6, 16.
9)
vom unbehinderten, geläufigen sprechen: die gänge zung Fischart flöhhatz v. 1957 ndr.; behende z. Stieler 2655; die jüngste frauensperson .., die während unsrer anwesenheit in einem fort und mit so geläufiger z. geplaudert hatte G. Forster 1, 129; einen gelähmten finanzrath, an dem nichts gelenkes war als die z. Musäus volksmärchen 1, 61 H;
hätt auch eine zunge, die sich ergosz
und fein und leicht in worte flosz
Göthe 16, 123 W.
10)
lobend auch von angenehmer, freundlicher rede: der herr hat mir eine holdselige z. gegeben Jes. 50, 4; auf ihrer z. ist holdselige lehre spr. Sal. 31, 26; ein fridsam, heylsam z., die nyemandt schadet und yderman frumet, dye dye uneinigen sunet, dy vorlesterten entschuldigt und verficht Luther 1, 255 W.;
als nun die hüter auf mich drungen,
weist ich sie ab mit sanffter zungen
H. Sachs 8, 328 K.;
der ton, den die feine z. des fürsten in ihre seele sandte G. Freytag verl. hdschr. 3, 136.
11)
im engern sinn von der sprache der redekunst und dichtung:
dîn sêle müeze wol gevarn, und habe dîn zunge danc
Walther v. d. Vogelweide 83, 13;
ein wolgespräche zungen Eberlin v. Günzburg 2, 69 ndr.; die der zungen erfarner und gewisser seynd, denn ich Karlstadt bei Luther 18, 465 W.; und als Cicero ... willens was, sich zu bürgerlichen sachen zuͦ keren, hat er zuͦvor die zungen des wolredens für sich genumen Schwarzenberg t. Cicero (1535) 3ᵇ;
gieb meiner zungen doch, mit deiner glut zu brennen
Opitz t. poeterei 20 ndr.;
noch mehr! sie hat mit süszer zungen
auch Ruszlands kaiserinn besungen
Gottsched ged. (1751) 191;
das wort, welches die z. mit der musen gunst aus tiefer seele schöpft Fr. Schlegel pros. jugendschr. 2, 328 M.
12)
z. ist überhaupt, im anschlusz an die bibel, ein wort der frommen begeisterung und starken empfindung im gehobenen stil: dasz meine z. deine gerechtigkeit rühme ps. 51, 16; zu ihm rief ich mit meinem munde und preisete ihn mit meiner z. 66, 17 (u. ö. in den ps. und propheten Calwer bibelconc. 1443ᵇf.);
lobet in frü und spat,
die alten mit den jungen,
frisch, mit fröhlichen zungen
Burk. Waldis psalter 269ᵃ (ps. 148);
auch soll meine zunge singen
täglich dein unzehlich heyl
P. Gerhardt bei Fischer-Tümpel 3, 410ᵇ (ps. 71);
wenn unter hohen jubelvollen zungen
ein süszer ton auch mir gerieth
Ramler lyr. ged. 102;
erzählet die wunder gottes, heere, mit euern zungen! maler Müller 1, 78. stehend sind dabei hundert, tausend, alle zungen:
o dasz ich tausend zungen hätte
und einen tausendfachen mund
Joh. Mentzer in Aug. Jac. Rambach anthol. christl. gesänge 4, 151;
dasz das gebet um frieden von tausendmal tausend zungen ertönte Schiller 8, 361 G.:
es heben sich tausend zungen,
wir haben gedultet die lange nacht
maler Müller 2, 124;
der auserwehlten freud und lust
geht uber alle zungen
Simon Dach Königsberger dichterkreis 80 ndr.;
der name seines verfassers würde (in Frankreich und England) auf aller zungen sein Lessing 10, 80 M. in verneinten und bedingten wendungen: denselben frid, freud und trost allen himlischen und menschlichen zungen unmüglich auszuͦsprechen ist Tauler serm. (1508) B 1ᵃ;
reicher gott, gantz ungezalt,
dein wunder sein so manigfalt,
kein zung mags nit aussprechen
P. Gengenbach 32 Göd.;
sie weinte, und keine z. spricht die gewalt dieser thränen aus Göthe 21, 229 W.; und hättest du tausend zungen, du solltest mir meinen vorsatz nicht ausreden 21, 5 W. hierzu gehört auch die bebende, lallende, stammelnde z.:
gieb antwort, liebes volck, was hastu doch gesungen,
als du in stall eingingst mit den erbebten zungen
und gott ein kind gesehn?
A. Silesius cherub. wandersmann 65 ndr.;
und wenn meine zunge stammlet, o, so sollen nur allein
dieser augen milde bäche zungen meiner ehrfurcht sein.
ja, sie stammlet: sieh, o schöpfer, meines herzens altar rauchen!
E. v. Kleist 1, 22 Sauer.
13)
mit zungen reden γλώσσαις λαλεῖν nennt das neue test. ein ekstatisches reden in den versammlungen der urgemeinde: in meinem namen werden sie teufel austreiben, mit neuen zungen reden Marc. 16, 17. Paulus rechnet es zu den geistlichen gaben: denn der mit zungen redet, redet nicht den menschen sondern gott 1. Kor. 14, 2 (und weiter bis 12). der formelhafte ausdruck musz seine erklärung im aramäischen oder hebräischen suchen, und die apostelgeschichte 2, 3—11 versteht ihn schon falsch, indem sie auf die gabe, mit jedem in seiner sprache zu reden, deutet Holtzmann-Zöpfel lex. f. theol. u. kirchenwesen³ 348, gelegentlich im ursprünglichen sinne: alter weber erhebt sich wie vom geist getrieben und fängt an mit 'zungen' zu reden G. Hauptmann die weber 62 (3. akt). meist allgemein von verzückter rede: dort hast du an der galvanischen batterie dich elektrisch geladen und fährst nun mit feurigen zungen auf mich los Bettine Cl. Brentanos frühlingskranz 120;
doch musz ich mit ihr singen,
ach wie mit neuen zungen
Fouqué altsächs. bildersaal 1, 387;
hat mancher katheder mir hohl geklungen,
doch in der liebe nur hört ich zungen
E. M. Arndt R.-M. 3, 144;
im becher schäumt der wein, in zungen wird gesprochen
P. Heyse 1, 171.
C.
zunge persönlich, nicht immer deutlich vom vorigen zu scheiden, beim plur. meist zu vermuten.
1)
gelegentlich und kaum noch üblich in anerkennendem oder neutralem sinne:
und mocht ich nun den pfarrer preisen,
der do ein hoher lerer was
und auch der kunst ein volles vasz,
czu predigen ein glerte zungen
pfarrer v. Kalenberg 12 ndr.;
schöner Damon, zung der hirten,
Spee trutz nachtigall 224 Balke;
was sag ich von den klugen zungen,
die durch der sprachen zierlichkeit
der Franzen zartes ohr bezwungen
Gottsched ged. (1751) 213;
bey der sich diese ... menschen so gehässig gemacht haben, dasz alle zungen gegen sie in klagen ausbrechen M. I. Schmidt gesch. d. Dtschen 3, 259.
sie haben dich, heiliger Hafis,
die mystische zunge genannt
Göthe 6, 41 W.;
von kriegsgefangenen, die aussagen machen sollen: als sich der feind .. gelägert hat, ist herr Loschanzi mit funffzig pferden und etlichen schützen, der Türcken wacht zu überfallen, nach besserer kuntschafft halber, zungen zu fahen, hinaus gefallen Megiser ann. Carinth. 1459.
2)
allgemein üblich von klatschenden und verleumdenden menschen: soll es .. drumb alles war seyn, was soliche boszhafftige zungen auf mich liegen? Karlstadt bei Luther 18, 464 W.; fürste und andere vortreffliche leute sein gleich zu einem zweck und ziel gestelt, darnach alle gifftige zungen schieszen H. Rätel chr. d. herz. Schlesien 573; oberst Szabô ..., unsere medisanteste z. Fontane I 4, 123; geschäftige, müszige, verleumderische, zwischentragende zungen. böse zungen:
hey, nun schlag der dunder dreyn,
das böse zungen sindt so gemeyn
Murner schelmenzunft 2 ndr.;
wenn böse zungen stechen,
mir glimpf und namen brechen,
so wil ich zähmen mich
P. Gerhardt bei Fischer-T. 3, 309ᵇ;
was hilft es dir, du findest dort
tabak und böse zungen
Göthe 2, 227 W.;
der alte Humboldt, die böse z. fürst Pückler briefw. u. tageb. 4, 131; die bösen zungen im dorfe L. Steub drei sommer in tirol 1, 182;
ich ler vil ee ein affen gygen
dann ein böse zungen schwygen
Murner narrenbeschw. 184 ndr.
falsche zungen: eine falsche z. hasset, der ihn strafet ps. 26, 28; die falschen zungen durch ire argen gedancken und falsche red die zwey liebhabenden scheyden thetten Wickram 1, 80 Bolte; einer von diesen sang ein .. lied von seinem feinen liebchen und von den falschen zungen, die heimliche liebe ausschwätzen Arnim 1, 31. oft nachgebildet das gebet des psalmisten: errette meine seele von den lügenmäulern und von den falschen zungen ps. 120, 2, z. b. Moscherosch insomnis cura 91 ndr.; Venusgärtlein 50 ndr. sprichwörtl.: für böse zungen ist keine artzney Bas. Faber thes. (1587) 521ᵃ, hilft kein harnisch Dentzler 2, 368ᵃ; einem ungezempten rosz ist besser zu trauen als einer bösen zungen Petri 2, t 4ᵇ;
es ist besser in disteln und dornen baden,
denn mit falschen zungen sein beladen
2, A 3ᵇ (mehrf. belegt);
D.
zunge für die sprache der verschiedenen völker widerstrebt dem deutschen, wie den andern germ. sprachen auszer dem engl. kein gymnasiast lernt alte zungen, es gibt keine flectierenden zungen noch eine zungenwissenschaft. diese verwendung ist dem lat. oder den roman. spr. nachgeahmt und ein wort des gelehrten oder literarisch gebildeten ausdrucks: poetis etiam zunge pro sprache, ut apud latinos lingua usurpatur Stieler 2655. dieser gebrauch von z. beginnt mit Otfrid und Notker Graff 5, 681 f. (auch gizungi Otfr. 5, 25, 11, gizungilo 1, 2, 33), ist sehr beliebt in der mhd. geistlichen und höfischen dichtung s. th. 10, 1, 2729, und hält sich noch lange, bes. unter dem einflusz der bibel Luthers und in der barockliteratur bis ins 18. jh., doch geben schon die alten wbb. stets sprache oder rede für lingua, linguagium, langue, langage, linguaggio: linguagium eyn sprach voc. ex quo; lingua die zung item underscheidung der rede ... unde varietas linguarum ungleiche der rede oder sprach et varias linguas scire mancherley sprachen wissen Dasypodius 118ᵃ. auch wird z. gerne mit sprache erläuternd verbunden: in unser sprache oder zungen Arigo decam. 241 K.; zungen u. (oder) sprachen Joh. Nas antipap. eins u. hundert 3, 34ᵇ; Harsdörfer t. secretarius 1, 4ᵃ; Lenz ged. 27 Weinhold; Göthe IV 41, 142 W., sprachen u. zungen Keisersberg bilgersch. (1512) 19ᵃ; Knebel chr. v. Kaisheim 347 lit. ver.; frembder zungen sprach Zinkgref auserles. ged. 4 ndr. Adelung erklärt es für veraltet, und Campe rügt es unter Luthers wörtern 'in hebräisch-griechischen redensarten' wb. zur erklär. u. verdeutschung 43ᵇ. jetzt erscheint es uns als gesucht und alterthümelnd s. th. 10, 1, 2729, und wird nur gelegentlich gebraucht, um mit dem ausdruck zu wechseln J. Grimm vorr. V; X; XIV. mutterzunge, das Luther 11, 323 W. einmal braucht, ist jetzt unmöglich. nur eine ma. hat es, vom ital. her: in de ünzar zunka Schmeller cimbr. wb. 245.
z.
für 'sprache' wird allgemein nur gebraucht, wo der unterschied der verschiedenen sprachen betont wird, der zungen underscheit pass. 2, 46 Köpke.
1)
z. von verschiedenen sprachen: das leben ... Esopi usz krichischer zungen im latin .. gemachet Steinhöwel Äsop 4 lit. ver.; ein kostlicher poet, griechischer zungen kündig S. Franck chr. Germ. (1538) 30ᵃ; vilerley zungen Heyden Plinius 5; Mithridates ... hatte völcker von 22 sprachen unter sich, denen er allen in ihrer zunge recht sprechen konte Grimmelshausen Simpl. 112 ndr.; leider hab ich auch nicht die geringste anmuthung zu jenen östlichen zungen Göthe IV 38, 234. an das zungenreden der apostelgesch. anknüpfend, s. o. II B 13: mit zungen reden, verschiedene zungen verstehen Kramer 2, 1486ᵇ; hier in Petersburg, wo sich wie zu einem groszen pfingstfest der begeisterung und erlösung die menschen und zungen aus allen völkern damals versammelten E. M. Arndt 1, 149 R.-M. gelegentlich von mundarten: es hiesz, die Deutschen sollten ihre verschiedenen zungen durch einander mischen, um zu einer wahren volkseinheit zu gelangen Göthe 41, 1, 4 W.; die westphälische, die rheinische und bayerische z. reden durch einander im hause Görres br. 1, 287.
2)
bes. von der eigenen sprache gegenüber der fremden und umgekehrt:
er impfete daz êrste rîs
in tiutischer zungen
Gottfried v. Straszburg Tristan 4737;
ich dancke gott, das ich yn deutscher zungen meynen gott also höre und finde, als ich und sie mit myr alher nit funden haben Luther 1, 379 W.;
... weil man mit frembden zungen
die edle muttersprach zu schänden aufgehört
Rachel sat. ged, 116 ndr.;
unser deutsches volk hat zunge und gesinnung selbeigen Fouqué gefühle und bilder 1, 219;
3)
für die sprache als kennzeichen der volkseinheit: die germanisch nation begrifft die tütsch zung als wit die gat Tschudi chr. helvet. 2, 87; aus dem stamme Catschar ..., welcher zur türkischen z. gehört Göthe 7, 249 W.; er steht an der spitze ... der historiker in germanischer z. Ranke 14, 19;
so weit die deutsche zunge klingt
E. M. Arndt 4, 20.
4)
z. für das durch die sprache zusammengehörende volk:
so wê dir, tiuschiu zunge,
wie stêt dîn ordenunge!
Walther v. d. Vogelweide 9, 8;
könig Nebukadnezar allen völkern und zungen Daniel 3, 31; mache ihre zunge uneins, herr, und lasz sie untergehen ps. 55, 10; und hast uns gott erkauft mit deinem blut aus allerlei geschlecht und zungen und volk und heiden offenb. Joh. 5, 9; du sihest wol, das sich zwen herren einer zungen in einem groszen lande selten betragen E. v. Ellenbogen rechenk. (1536) A 2ᵃ; sowohl Deutsche, als Ungarn, Böhmen ... und andere zungen Butschky pathmos 183; mit einem groszen heer von beiden zungen Ranke 8, 12.
5)
räumlich für das sprach- und volksgebiet,
nû seht wies (die minne) mich ûz mîner zungen ziuhet über mer
Hartmann v. Aue minnes. frühl. 218, 18;
binnen dudischer tungen Sch.-L. 4, 631ᵇ; nu bin ich von meiner natürlichen zungen aus eingeborner ererbten wohnung in fremde zung gewichen Hans Nuszberger bei Schmeller 2², 1135; dann gegen mittag hat sich die teutsche zung uber die Donaw bisz auff die höchsten Alpes ... erstreckt Stumpf Schweizer chr. 53ᵇ; bis an die grenzen der deutschen z. Ranke 25, 93.
6)
zungen waren die landschaften oder nationen der ritterorden Eggers 2, 1410; Jablonski 1845ᵃ: die stiftung der baierischen z. vom hohen orden st. Johannis von Jerusalem Zschokke 36, 81; die tempelherren der alten deutschen z. Gutzkow ritter v. geiste 1, 30. ähnl. tunghen von kopluden Hanserec. 2, 233 bei Sch.-L. 4, 631ᵇ.
7)
übertragen: dieser (Shakespeare) ... ist dollmetscher der natur in all ihren zungen Herder 5, 219 S.; die poesie ist die gemeinschaftliche zunge aller zeiten, geschlechter, alter und sitten A. W. Schlegel Athen. 1, 172.
III.
übertragungen, manchmal entlehnt nach lat. lingua, frz. languette, oft in übereinstimmender anschauung, vgl. zschr. f. dtsche wortf. 3, 237; 376. zunge heiszen
A.
nach der gestalt
1)
der geschätzte plattfisch pleuronectes solea L., lat. lingulaca, ein wort der nl. u. dtschen nordseeküste, nl. tonge (fries. tong gegen sonstiges tonge Dijkstraa 3, 300ᵃ), nd. tunge, engl. tongue nur in der fischerspr. gegenüber sole engl. dial. dict. 6, 187, der Ostsee fremd, wie die art, auch Adelung (aus Anklam) kennt es nicht. die geringere art der ostsee heiszt rotzunge, von der die edlere art als seezunge in der küche unterschieden wird. zunge ist früh ins hd. übernommen Diefenbach 331ᵇ; Maaler 525ᵇ, wie nl. plateisse:
dorsch, forellen, zungen, stint
Brockes ird. vergnügen 1, 308;
eine z. und ein huhn ... machten nebst etwas brod und wein ein sehr gutes mittagsmahl aus G. Forster 7, 87.
2)
an pflanzen blätter: zunge, zungenförmiges anhängsel oder blättchen Bischoff 115; perigon ... mit breiter ... stumpfer z. Schlechtendal 21, 296.
3)
flache dachziegel mit einer spitze unten Stieler 2655, auch dachzunge, biberschwanz Hübner-Rüder 4, 1017ᵃ; Mothes 4, 524, charakteristisch unterschieden von den in Niederdeutschland üblichen dachpfannen. vgl.zungenziegel.
4)
am segel die schräge oder bogenförmig geschnittenen theile, gilling, Bobrik 316ᵇ, engl. goring Beil 1, 676.
B.
weil sie wie eine z. sich vorstrecken, bewegen oder angebracht sind.
1)
die bewegte flamme u. ä.: die z. des lichts, nehmlich seyn tocht A. Olearius pers. baumgarten 1, 2; man sah das feuer als ein lebendiges, mit der z. leckendes thier an Jac. Grimm kl. schr. 5, 253; schwarze fahnen droben (am himmel), aus denen feurige zungen griffen Stifter 2, 112.
2)
die spitze verlängerung des mittelstreifens in gespaltenen flaggen, unterscheidet die kriegsflagge z. b. in Schweden und Norwegen Stenzel 479; Bobrik 290ᵇ.
3)
in der landschaft ein schmales landstück, das sich in die see erstreckt: darnach zeucht eyn strich in das meer wie eyn zungen Carbach Livius 366ᵇ; der Lizonzo (Isonzo) hat durch die erde, die er vom gebirge abgespült hat, eine z. in das meer hinausgelegt allg. dtsche bibl. anh. zu 37—52, 498; eine sandige z. hat sich eingeschoben zwischen dem Haff und der Ostsee Laube ges. schr. 1, 316; wir stiegen aus und gingen quer über die z. (Lido, vorher erdzunge) Göthe 30, 137 W. ältere hd. wbb. kennen es nicht, s. Frisius 773ᵇ. im anord. war tunga ein landrücken zwischen zwei zusammenlaufenden thälern, ähnliches steckt vielleicht in dem flurnamen in der zung Kehrein Nassau 3, 629. im hochgebirge zungen des firnschnees H. v. Barth Kalkalpen 325; 521, wie gletscherzunge. dagegen zunge des meers nur Josua 13, 2—5.
4)
am mundstück von blasinstrumenten metallene blättchen, die beim anblasen schwingen, bes. an orgeln, Bendeler organopöia f 4ᵇ; O. Bie klavier, orgel und harmonium 67: und absonderlich konte er das r nicht auszsprechen, sondern schnarrte, wie eine alte regalpfeife, die ein stücke von der z. verlohren hat Chr. Weise die drei ärgsten erznarren 117 ndr. dazu zungenpfeifen, s. u., zungenregister Beil 1, 676,
zungenstimmen
Töpfer orgelbauk. 9; Riemann musiklex.⁹ 1354ᵇ.
5)
die z. in der wage Jacobsson 4, 725ᵇ, libramentum Diefenbach 327ᵃ; trutina W. Brack b 8ᵃ, examen ..., languette Jablonski 1845ᵃ, meist durch zusatz gekennzeichnet, ahd. mhd. wagenzunge Graff 5, 682 Diefenbach 18ᵃ; 327ᵃ, wagezung Kramer 1486ᵇ, zunge in, an der wage mhd. wb. 3, 951; Lexer 3, 460: nimb eine gewisse wag, dasz die zungen der wag im kloben recht in stehe L. Fronsperger kriegsb. 2, 204ᵇ; die z. in der wage steht aber nicht, sondern neigt etwas auf eine seite Grimm dtsche sagen 1, 196. oft bildlich und übertragen: er (der chor in der tragödie) war im eigentlichen verstande die z. an dieser waage Herder 23, 357 S.; (wollte man) allen jammer der welt in eine wagschale legen, und alle schuld der welt in die andere, so würde gewisz die z. einstehen Schopenhauer 1, 453 Gris.; ich will hier nicht den widerstreit der factionen, ..., das neigen der z. in der wagschale des übergewichts bald auf die eine, bald auf die andere seite schildern Ranke 8, 160; Rom ist die z. an der wagschale der welt! Gutzkow zauberer v. Rom 2, 196. s. auch th. 13, 355ff.; 499ff. und zünglein 4 g. ähnlich früher die nadel am compasz: so man nun haben will, dasz er die zungen am compasz an sich ziehe, so musz am ersten das zunglin mit dem magneten geschmirbt werden Paracelsus op. (1616) 1, 1009, vgl. zünglein 4 h.
6)
der dorn in einer schnalle Beil 3, 362, überhaupt schnalle Saurus-Melanchthon nomencl. C 1ᵇ, fibula z. in eym gurtel Diefenbach 233ᵃ, spange Diedr. v. Stade erläut. (1711) 179.
7)
am abzug der feuerwaffen der untere theil, den der finger berührt Beil 1, 676; Stenzel seem. wb. 479: so halte die öffnung (der pistole) gegen ihn, drücke an der eisernen z. und schiesze ihn todt Stifter 3, 31.
8)
in einem schnürschuh, der die öffnung deckende lederstreifen, sonst lasche Kretschmer umgangsspr. 322.
9)
in einem schornstein, ein gemauertes zwischenstück Frisch 2, 485ᶜ; Adelung; Mothes 4, 524, 'der unterschied zwischen zwei rohren eines sch., mit einem auf die kante gesetzten mauersteine ausgeführt' Jacobsson 4, 725ᵇ, auch zungenstab, essenzunge Beil 1, 676; 3, 362.
10)
im wasserbau
a)
der aufwurf, welcher sich an der krümme eines flusses am jenseitigen ufer festsetzt Benzler deichbau 2, 299, vgl. 3.
b)
wie buhnen allg. dtsche bibl. anh. zu 1—12, 408; Eytelwein faschinenwerke (1800) 4.
c)
der zwischen benachbarten hafenbecken stehen bleibende, als hafendamm dienende streifen Lueger 5¹, 69, s. zungenkai.
11)
bei der eisenbahn, wie 10 c, der von einer seite zugängliche bahnsteig zwischen gleisen, zungenbahnsteig, zungensteig Lueger 1¹, 732; 739; 7, 1024. vom inselbahnsteig unterschieden.
12)
gewöhnlich und bekannter bei der eisenbahn das länglich-spitze, drehbare schienenstück in einer weiche, welches die verbindung mit dem andern gleis herstellt Lueger 7¹, 900; Hoyer - Kreutter 1, 879. genauer zungenschiene, die mit der zungenvorrichtung versehene zungenweiche.
13)
die im winkelhaken des tischlers, der schmiege, rechtwinklig eingefügte holz- oder stahlschiene mit der masztheilung Mothes 4, 524; Hoyer-Kreutter 1, 879.
14)
die z. eines hebels ist der kürzere arm Jacobsson 4, 725ᵇ; Beil 1, 676; Mothes 4, 524. auch der lange theil Jacobsson.
15)
überhaupt an werkzeugen ein kürzeres hervorstehendes stück, the taper part Beil 2, 549. z. b. die schiene an der unteren fläche des nuthobels Prechtl encycl. 7, 505, ein ähnlicher theil am buchbinderhobel 3, 219, an einem werkzeug der goldarbeiter, wie frz. langue, engl. assaying piece Beil 1, 676, am relais des telegraphisten Blaschke elektrotechnik 144, eine platte des setzerschiffchens, die schiffzunge Klenz druckerspr. 111:
columnen bindet er im schiff mit schnüren fest,
dasz sie sich durch die zung aufs setzbret schieszen läszt
H. A. Wildenhayn erneuerte ehrenged. 80.
16)
ähnlich andere werkzeuge z. benannt, vom (holz)— bildhauer Harsdörfer gesprechsp. 3, 245, im bergbau, ein werkzeug, mit dem im bohrloch zurückgebliebene stücke der abgebrochenen bohrer herausgezogen werden bergm. wb. (1738) 627; Jacobsson 4, 725ᵇ.
17)
in der jägerspr. der schmale theil des trittbretts an hölzernen fallen Behlen forst- u. jagdk. 6, 214; Dombrowski 131. früher ein angebundenes brett Aitinger jagd- u. weidbüchl. (1681) A 1ᵃ; Döbel jägerpractica (1754) 1, 146.
18)
die latte hinten am herbstwagen, auf der die bottiche gerutscht werden Martin-L. 2, 908.
19)
an der stampfe das kurze ende am balken des stämpels, auf das mit dem fusz getreten wird, um ihn anzuheben wörter und sachen 1, 12, zunge in der müle Stieler 2655, mülenzung Kramer 2, 1486ᵇ.
20)
der vorstehende balken am vorderpflug, woran die pflugwage gehängt wird Jacobsson 4, 725ᵇ; 8, 286ᵃ; Frischbier preusz. wb. 497ᵃ; Martin-Lienhart 2, 908;
ich liesz mir alle stücke nennen, und alle theile weisen,
und fand die zunge, das gestell, das bettels, pflugbaum, vordereisen
Brockes ird. vergn. 7, 495.
dafür auch gezüng Schmeller 2², 1136 (Rhön); Stalder 2, 482.
21)
bei töpfern ein gespaltenes stück holz, über welchem sich die scheibe mit dem ton wagerecht herumdreht Adelung.
22)
bei kürschnern das mittelstück der wolfs- oder fuchsscheide zum aufspannen der bälge Adelung; Jacobsson.
23)
bei der tuchbereitung ein stück, wo infolge eines fehlers beim scheeren längere haare stehen geblieben sind Jacobsson.
24)
im schiffbau jedes kegelförmig von beiden seiten gleich spitz zulaufende ende eines holzes Hübner-Rüder 4, 1039ᵃ. auch das mittelstück eines zusammengesetzten mastes Bobrik 749ᵃ; Beil 1, 675. noch üblich?
25)
im festungsbau: es stehet eine carthaune in ihrer z. auff ihrer britschen, soll nach irgend einem vorgesteckten ziel schissen J. Th. de Bry archelei (1614) 141, vgl. 9—11, u. zungenwerk.
IV.
zusammensetzungen mit zunge.
A.
zunge als zweites glied erscheint auszer in durchsichtigen bildungen, wie ochsenzunge, schlangenzunge, bes. in den ausdrücken für krankheitserscheinungen wie holzzunge, s. I A 2 , in den persönlichen bezeichnungen für schwatzhafte personen läster-, schmäh-, schnatterzunge u. ä., in technischen bezeichnungen wie dachzungen und andern bei III angeführten, bes. in pflanzennamen: doppelz. ruscus hypoglossum Dietrich 8, 332, hirschz. th. 4, 2, 1570, hundsz. th. 4, 2, 1942, natterz. th. 7, 429, ochsenz. th. 7, 1139, rinderz. th. 7, 973, rindsz. th. 8, 978, schafz. th. 8, 2054, von denen hundsz. auch einen fisch, natterz. auch eine versteinerung bezeichnet, den zungenstein.
B.
z. als erstes glied, in unbegrenzter zahl von bildungen, von denen einige gruppen bes. fruchtbar sind.
1)
die z. als glied betreffend.
a)
anatomisch u. physiologisch von den äuszeren theilen und den organen der z. u. ä. bei mensch und thier: zungenende, -fläche, -fleisch, -hals, -höhle, -kern, -länge, -masse, -oberfläche, -rand, -rücken, -saum, -spitze, -theil, -wendung (beim rind); zungenast (nerven), -bälge, -bogen, -drüse, -gerüst, -haut, -knorpel, -mäuslein, -muskel, -nerv, -schleimhaut, -speicheldrüse, -warze, -wärzchen, -wirbel; zungenader, -arterie, -gefäsz, -saugader, -schlagader, -vene; (im gehirn) zungenknoten, -läppchen, -strang, -windung.
b)
krankheiten und krankheitszeichen der z.: zungenbelag, -beleg, -bläschen, -blatter, -brand, -bräune, -bresten (veraltet), -fäule, -geschwär Wirsung, -geschwulst, -geschwür, -gicht, -krampf, -krebs, -pein, -plage, -räuche, -risz, -röte Paracelsus ehir. (1618) 605ᶜ, -schwäre Wirsung reg., -verfärbung, -versehrung Wirsung reg., -vorfall, -weh.
c)
als organ des geschmacks: zungengelüst, -probe, -pröbchen, -stärkung, -wirkung, -würze. durstend und erquickt: zungenqual, -kühlung E. Francisci letzte rechensch. (1681) 271. Fischart spricht von zungbeiszendem podagr. trostbüchl. 32 H., zungklapfigem, zungkützligem, zungschwitzerigem wein geschichtklitt. 83 ndr.
2)
als organ des sprechens:
a)
subst.: zungenarbeit Chr. Hoburg apolog. praetor. (1653) 158, -gewalt, -kraft, -stärke. als kampfmittel: zungendegen, -fehde, -gefecht, -gewehr Lindenborn Diogenes (1743) 2, 106, -hader, -hieb, -kampf, -lanze Lindenborn Diogenes 2, 712, -messer G. Neumark fortgepfl. musik.-poet. lustwäldchen 1, 322, -mord, -schlacht, -schwert, -stich, -streich, -streit, -sturm, -totschlag; zungenmiszbrauch, -gedresch, geräusch, -geschwätz, -geschwirr, -getöse, -konzert, -musik; zungenruder, -steuer, -zaum, -zucht, -zwang. viele meist ältere ausdrücke für schwätzer wie zungendrescher, -fechter, -raufer, -schleifer, -schmierer, -verkäufer Fischart geschichtklitt. 447 ndr., -wäscher.
b)
adj.: zungenfertig, -frech, -frei, -geläufig, -gewandt, -keck, -scharf, -schnell; zungenfaul, -lahm. dazu zungenfertigkeit usw.
c)
solche bildungen waren bes. beliebt in der barockliteratur, wofür reichliche belege vor- und nachher. sie tauchen wieder auf bei schriftstellern wie Jean Paul, z. b. zungensperre 35, 33 H., -träume 11—14, 221 H., und Bog. Goltz, z. b. preuszisch-arabische zungenverrenkungen kleinstädter in Ägypten, u. ä.
3)
unüblich in der zusammensetzung ist zunge als sprache, vgl. II D, nur in gelegentlichen wortspielen: ein heiliges reliquiarium der zungenvorzeit (J. Grimms dtsche gramm.) Jean Paul 54, 71 H.; dem professor für zungenvergleichende grammatik W. Raabe Abu Telfan 3, 212.
Zitationshilfe
„zunge“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zunge>, abgerufen am 09.12.2019.

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