Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm (¹DWB)

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zuruf, m.

zuruf, m.,
seit dem ende des 17. jh.s. frühe belege A. U. v. Braunschweig Octavia 1, 812; Chr. Weise Regnerus 49 Unwerth; polit. redner (1677) 771; Lohenstein Armin. 1 (1689), 45ᵇ. der selten verwendete, aber nicht vermiedene, wie th. 8, 1393 angegeben wird, vgl. dagegen H. Paul gr. 2, 16, plur., hiesz früher zurüfe A. H. Francke sonntagspred. (1746) 1, 573; neuer büchersaal d. sch. wiss. 2 (1746), 71; Herder 24, 379 S. jetzt nur zurufe.
1)
der laute ruf, der an jemand gerichtet wird, als die person erreichend von dem dahin gerichteten unterschieden.
a)
fast ausschlieszlich von der menschlichen stimme: als sie ungefähr noch einen flintenschusz vom schiffe sein mochten, fingen sie an, uns von zeit zu zeit zuzurufen und kamen unter diesem zuruf immer näher J. G. Forster s. schr. 2, 132; juchzer und zurufe hallten durch den wald Fontane I 4, 325; kein ton erklingt auf den feldern, kein zuruf, kein peitschenknall Viebig d. schlafende heer 1, 85. formelhaft wahl durch zuruf: er wurde durch zuruf zum papst erwählt Arnim 19, 417; der prinz ... zog dann mit der jubelnden masse nach dem theater, wo das volk, ... neue minister durch zuruf ernannte Gervinus gesch. d. 19. jh.s 3, 465. freier: Foote ist durch einen allgemeinen zuruf zum brittischen Aristophanes erklärt H. P. Sturz 2, 389.
b)
an thiere, bes. pferde und jagdhunde:
und frischt die matten hunde
durch frohen zuruf an
F. L. Mittler dtsche volksl. 907;
da hört er (der bauer) die wilde jagd und das getümmel der hunde und den zuruf des jägers in hoher luft dtsche mythologie 770; Ludwig betrachtete sie (die pferde) liebevoll und liesz es an schmeichelhaften zurufen nicht fehlen Ebner-Eschenbach 4, 64.
c)
gelegentlich auch von thieren, vgl.ruf I 2, th. 8, 13: so brechen sie (die rothdrosseln) gleich nach beendigtem conzert auf, wozu die gesellschaft durch den lauten zuruf einzelner aufgemuntert wird Naumann naturgesch. d. vögel 2, 281.
d)
durch beiworte wird inhalt und art des zurufs mehr oder weniger angedeutet:
... brüllender zuruf wälzt sich, empöret
mehr die empörer, begleitet sie dumpf zu der pforte des abgrunds
Klopstock Messias 2, 741;
und weil man hieraus ... erkennen kan, welcher maszen gott einen andächtigen z. nicht verschmähen ... wolle Chr. Weise polit. redner (1677) 263; canots ..., in welchen uns die eingebornen erfrischungen die menge ... zubrachten und uns mit ihrem freundschaftlichen zuruf zuweilen ganz betäubten J. G. Forster 1, 221; den höhnischen zuruf der feinde, ob die Römer nicht aufträge hätten an ihre frauen daheim Mommsen röm. gesch. 2, 184.
e)
insbes. für den lauten beifall einer begrüszenden menge: applaudissement frölicher zuruf Menantes 2; ein freudenvoller zuruf Ludwig t.-engl. lex. 2635; applausus der frohe zuruf Spanutius 152; hiedurch waren wir in volle sicherheit gesetzet, und zogen unter tausend frohlockenden zuruffen der Peguaner in die stadt ein H. A. v. Ziegler asiat. Banise (1689) 194; ein freudiger beistimmender zuruf wird euer majestät das ende der rede ersparen Göthe 8, 83 W.; als der Schweizerbund unter dem donnernden zuruf des lebendigen berges umher beschworen war G. Keller 1, 379; unter jubelndem, begeistertem, tausendstimmigem zuruf u. ä.
2)
zuruf ist das was ausgerufen wird: der zuruf des banquiers, ob das spiel gemacht sei, risz mich aus der betäubung E. Th. A. Hoffmann 2, 123 Gr.; die (sonntags- und werkeltagsjäger) hören im zuruf 'gute jagd' eine verwünschung Fr. L. Jahn 2, 923 E.; 'aber, Käthe, Käthe', rief B. ... und liesz in diesem zuruf etwas von miszbilligung mit durchklingen Fontane I 5, 242.
3)
der klang der lauten stimme tritt zurück gegenüber dem inhalt. solche verwendungen sind im 18. jh. besonders üblich, heute kaum noch: trau, schau, wem! dieser zuruf ist so gut wie eine protestation der ältern gläubiger gegen alle jüngere Just. Möser 3, 248.
a)
als aufforderung und mahnung: mehr ... einfalt und wahrheit! war demnach sein ... zuruf F. H. Jacobi w. 5, 129; leben ist der zuruf der ganzen uns umgebenden natur Hufeland kunst d. menschl. leben zu verlängern 4; wenigstens habe ich von allen enden her zuruf, dasz ich die stücke endigen soll Göthe IV 8, 198 W.; auch ihnen gilt unser zuruf: suchet überall zu nützen, überall seid ihr zu hause 25, 186 W.
b)
als warnung: es war gerade der sturz des nachtwandlers, den ein warnender zuruf auf gäher dachspize schwindelnd packt Schiller 2, 346 G.
c)
als zuspruch: ohne ihren freundlichen zuruf, ..., wäre ich schon jetzt von Rom abgegangen Göthe IV 8, 236 W.; erstlich merkst du, wie nöthig mir ein freundschaftlich theilnehmender zuruf seyn muste Caroline 1, 9 Waitz (30. 5. 1784).
d)
als bezeichnung einer persönlichen äuszerung, als titel eines gedichts: freudiger poetischer zuruff bey der freyherrlichen Zech- und Watzdorffischen vermählung Triller poet. betr. 5, 31; auf einer steinplatte (im park von Ettersberg) lieset man Jacobis zuruf (folgen 4 verse) C. C. L. Hirschfeld theorie d. gartenkunst 4, 139. nicht mehr üblich.
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1931), Bd. XVI (1954), Sp. 715, Z. 19.

zurufen, v.

zurufen, v.,
bei Lexer nicht genannt, aber schon früh lexicalisch angegeben Diefenbach 7; 8; 15ᵃ; 24; nov. gl. 5ᵃ; mnd. toropen, mnl. toeroepen Verwijs-Verdam 8, 457. wie bei rufen, s. th. 8, 1398, wurden noch im 18. jh. die schwachen formen gelegentlich angewandt, sind dann aber auszer gebrauch gekommen:
verzeiht, o Franken, (name der brüder ist
der edle name) dasz ich den Deutschen einst
zurufte, das zu fliehn, warum ich
ihnen itzt flehe, euch nachzuahmen
Klopstock oden 2, 62 M.-P.;
ich müszte sie nicht lieben, wenn ich ihnen nicht wenigstens zurufte, sich über das schwache, unvollkommene, widersprechende im menschen ganz hinauszusetzen J. G. Forster 7, 131.
I.
gelegentlich einen hinzurufen: aber das gute weiblein thet weder ihren nachbarn zuruffen oder ihn für ihrer freundschafft, obrigkeiten und dem alten doctor zu verklagen, sondern ward die klage bey ihnen eingestellet Montanus schwankb. 537 B.; der kerl, dem sein böszes gewiszen ahnklagte, hörte, dasz man ihn alsz zeugen zuruffte und dasz sein cammerath alles gestanden hette, gestunde alles gleich El. Charl. v. Orleans 6, 60 H.; mit hülfe der 7 nächte vorher zugerufenen nachbarn vollbrachte sich dann die übereinkunft Dahlmann Dännemark 2, 204.
II.
allgemein üblich ist die verwendung auf das an jemand gerichtete rufen: einem etwas von weiten zurufen Kramer 2, 382ᶜ.
1)
ohne obj., mit dem dat. der person: der hiesz sie warten am gestad, bitz er inen zuͦruͦffen würde Jac. Frey gartenges. 136 B.:
so wil ich wol wissen
innbrünnstig zu küssen
den mund, dem ich itz ruffe zu
Angelus Silesius heil. seelenlust 15 ndr.;
sie riefen ihren übrigen gesellen zu, und munterten sie zu einer allgemeinen vertheidigung auf Göthe 22, 38 W.; einem irrenden musz ich gleich zurufen, und wenn es ein nachtwandler wäre, den ich in gefahr sähe, geraden weges den hals zu brechen 23, 214 W.; wer fremde lebende sprachen künftig braucht, der mag sie dann lernen, wie er sie braucht, ... der kaufmann zum verkehr, der seemann, um durchs sprachrohr vorbeisegelnden schiffen zuzurufen Fr. L. Jahn 2, 602 E. gegenseitig: ... würden die vögel in ungestörter freyheit wohnen und von einem baume zum andern nachbarlich sich zurufen und singen Sal. Gessner schr. (1777) 1, 129; ein vogel der wachsamkeit ..., wird er (der hahn) von den kriegsleuten auf den rüstwagen gesetzt, dasz sie sich zurufen und ablösen zu gemessener zeit Brentano 5, 88.
2)
es verbindet sich mit dem, was zugerufen wird: das volck aber rieff zu, das ist gottes stimme und nicht eines menschen apostelgesch. 12, 22; doch waren wir auch da kaum ausgestiegen, als uns die im boote zurückgebliebenen leute zuriefen, dasz sie oben ... bewaffnete wilde sähen J. G. Forster 2, 129; den gesandten, der nur aus der ferne ihm seinen auftrag zurufen durfte Ritter erdk. 2, 271;
ich kenne sie und rufe zu:
laszt meines vaters haus in ruh!
Uhland ged. (1898) 1, 18.
einzelne worte: und man schied mit herzlicher liebe von einander, sich den schon früher sich zugetrunkenen brudernamen noch vielfach ... zurufend Fouqué gefühle, bilder (1819) 1, 137. böse namen und worte: daraus gekommen, das eyn nachpur dem andern uber die gassen mich als eynen auffrürer zugeruffen hat Karlstadt bei Luther 18, 434 W.; insonderheit weil er mir mit hebraischem namen zugeruffen Moscherosch gesichte (1650) 51; er aber rief mir laut ein giftiges und tödliches wort zu G. Keller 1, 155. als mahnung:
als ob ich hörte meinen staar
und er mir täglich riefe zu:
sei fleiszig, fleiszig, du du du!
Hoffmann v. Fallersleben 2, 295 G.;
ich rief den kindern zu, sie sollten recht fleiszig sein, sie riefen zurück: ja, ja! Stifter 5, 1, 98; wir ... riefen in unserer angst R. zu, dasz er uns heraussteuern solle Fontane I 5, 131. als laute, beifällige begrüszung:
hierauff ruͦfft inen das volck zuͦ,
glück zu, glück zu, mit guter rhuͦ
Fischart d. glückhafte schiff 8 ndr.;
einem neuerwehlten könig glück und heir zuruffen Kramer 2, 382ᶜ; es ward ihm von allem volck freudig zugeruffen 383ᵃ; Serlo rief ihr ein lautes bravo zu Göthe 22, 194 W.; an einem bestimmten platze trennten sie sich und riefen einander fröhlichen abschied zu Stifter 3, 262.
3)
vom ruf an thiere:
und ob er (der alte jagdhund) gleich ein wildt erlief,
wann ihm sein herr so hart zurieff
Erasmus Alberus fabeln 65 ndr.;
appeller les chiens et les forhuer den hunden zuruffen und schreyen Duez nomencl. (1652) 187; der hund ... hätte sich auch darinnen vorsätzlich ersäuffet, wenn nicht der hinzu lauffende jäger durch sein zuruffen ihn darvon abwendig gemacht hätte Lohenstein Armin. 1 (1689), 98ᵃ.
4)
übertragen auf jede eindringliche äuszerung. als behauptung: wenn ihm (dem dichter) alle seine leser zurufen, dasz er sie kalt läszt Gerstenberg Hamb. n. zeitg. 398 lit.-denkm. 128; wir werden also ... ungebildeten ... völkern zurufen: das wenigste von der rechtswelt, die euch umgibt, habt ihr begriffen Jhering geist d. röm. rechts 17. als begrüszung: glück auf! sey ihnen, mein theuerster, treulich und freundlich zugerufen Göthe IV 35, 5 W.; ich möchte wohl, ... ihnen manchmal zurufen: sinn auf! denn sinn ist mehr als glück 25, 31 W. als mahnung: dise umstehende grabmale mir zuruffen, den mörder der meinigen zu fliehen A. U. v. Braunschweig Octavia (1677) 1, 460; weit besser hätte der geist mir zugerufen: kehre in dich selbst zurück Göthe 23, 9 W.; man ... beginnt mit vereinter macht durch aufführung von deichen dem meere ein kräftiges 'bis hierher und nicht weiter!' zuzurufen Allmers marschenb. 1/2, 28. als warnung: man hatte ihr so oft warnend zugerufen, sie möge an der aufrichtigen liebe jedes bewerbers zweifeln Holtei erz. schr. 24, 24; ich musz ihnen nochmals zurufen, fassen sie ihr schreiben so, dasz ein einlenken möglich bleibt Bismarck ged. u. erinn. 1, 231 volksausg. als freundlicher zuspruch oder tröstung: einem sterbenden einen trostspruch zuruffen Kramer 2, 382ᶜ; er ist in die weite welt hinausgeworfen, wo keine stimme ihm mehr zuruft Iffland theatr. w. 2, 301; ew. durchl. hätte so gern schon lange nach so manchen übeln ein erfreuliches wort zugerufen Göthe IV 19, 251 W. als einführung eines einwandes: 'gattungen der nachahmung!' ... höre ich sie mir zurufen Gerstenberg schlesw. literaturbr. 136 lit.-dkm.; ihr habt, könnte man uns zurufen, ... mit allzu groszer verwegenheit einem ... manne diejenigen eigenschaften abgesprochen Göthe 7, 180 W.
III.
das zurufen als subst.: unter dem frolockenden zuruffen alles volcks Kramer 2, 383ᵃ; welche wider alles zuruffen gottes ihr hertz verstocken Chr. Scriver seelenschatz (1737) 1, 304ᵇ; es ging wie ein z. der schildwachen von hahn zu hahn das krähen umher Brentano 5, 206; kein z., auch nicht die anwendung der gewalt wirkte auf diese nichtswürdigen Meinecke Boyen 1, 55. allgemein auf sein z., durch z., unter dem z. u. ä. vereinzelt auch das part. als adj.: als wann einer ... mit zuruffenden worten hülff und fürderung thäte M. Beuther v. Carlstat praxis rerum criminalium (1565) 240ᵃ. —
Fundstelle
Deutsches Wörterbuch von Jacob und Wilhelm Grimm. Lfg. 5 (1931), Bd. XVI (1954), Sp. 716, Z. 44.

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Zitationshilfe
„zurufen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zurufen>, abgerufen am 21.01.2021.

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