zweifel m
Fundstelle: Lfg. 7 (1938), Bd. XVI (1954), Sp. 996, Z. 48
herkunft und form. das wort ist kontinentalwgerm. und got.: ahd. zwîfal, n.; mhd. zwîvel, m.; mnl. twîfel, m. (u. n.); nl. twijfel, m.; mnd. twîvel, m., n.; afries. twīfil (genus mit den belegen Richthofen s. 1096 nicht zu sichern, nach Holthausen 117, 149 m. und n.), nordfries. twiwel, twîwel, m.; got. tweifl oder tweifls (belegt nur acc. sg. tweifl skeireins 2, 14 Streitberg); aus dem mnl. sind entlehnt adän. twiuæl; dän. tvi(v)l, aschwed. tvīfl; schwed. tvivel, s. Falk-Torp 1303 f., Hellquist 1036. neben dem substantiv erscheint ein adjekt. (s. oben zweifel, adj.) germ. *twīfla-, das als vorgerm. erwiesen wird durch air. díabul 'doppelt' (aus idg. *du̯eiplo- nach Thurneysen zs. f. celt. phil. 13, 107); damit entfällt die vermutung von Frings (Germania romana 16), dasz ahd. zwîval aus dem got. entlehnt sei. das substantivum beruht auf substantivierung des adjektivs wie ags. twéo, as. tweho, ahd. zweo, zweho 'zweifel': ai. dvíka 'aus zwei bestehend', ai. dvayám 'zweizüngigkeit, falschheit'; gr. δοιή 'zweifel': ai. dvayá 'zweifach, doppelt; gr. δοιοί 'zwei, beide; aksl. dъvojь 'zwiefach, zwei', lit. abejà 'zweifelhaftigkeit': abejì 'beide'; vgl. auch W. Schulze zs. f. vgl. sprachforsch. 62, 198. — germ.-keltisch *du̯eiplo- steht neben du̯iplo- in gr. διπλός und lat. duplus (mit u von duo) 'zweifach, doppelt' sowie av. bifra-, n. 'vergleich, ähnlichkeit'; es enthält als erstes element die idg. kompositionsform von zwei, du̯i-, germ.-kelt. auch du̯ei-, als zweites die schwundstufe der wurzel pel- 'falten', vgl. Walde-Pokorny 1, 818; 2, 55 f.; Walde-Hofmann lat. etym. wb. 383 f. — du̯ei- ist weiter noch enthalten in den morphologisch unklaren ahd. zwivo (in buuzssan einigan zuuiuun 'procul dubio' Isidor 27, 10 f. Hench), wohl ablautend mit ags. getwǣfan 'trennen, berauben', und in dem ἅπαξ λεγόμενον an. týia 'zweifel' (nach Falk-Torp 1304 aus einem urspr. paradigma *tvîja-, gen. tŷju).
bedeutung und gebrauch. das substantivierte adj. zweifel (vgl. oben zweifel, adj.) bezeichnet den zustand des menschen, gespaltenen, zweigeteilten sinnes zu sein; die grundbedeutung der zweiheit tritt als ungewiszheit angesichts zweier möglichkeiten des entscheidens oder handelns bis heute meist noch deutlich heraus.
A.
zweifel als gemütszustand, in dem der mensch keine eindeutige entscheidung treffen kann, die für sein urteilen, glauben, handeln, erwarten u. s. w. bestimmend wirkt, sondern zwischen zwei entgegengesetzten haltungen wechselt, weil die zu entscheidende sache kein sicheres urteil über ihre möglichkeit, zweckmäszigkeit oder wahrheit an die hand gibt, oder weil der mensch die fähigkeit zum entschlusz nicht aufbringt.
1)
zweifel als unentschiedenheit bei der bildung eines urteils, wenn gründe für und gegen zwei oder mehrere mögliche urteile sprechen.
a)
unsicherheit in der entscheidung über eine frage, die positiv oder negativ beantwortet werden kann: also danne geskihit, so uzenhalb chilichun genomen uuerdent sacra uasa unde daz in zwivile ist, weder daz heizen sule furtum alde sacrilegium Notker 1, 68 P.; also zweiffelhafftig ... belibet, ob der bapst das concilium hab zuͦ berieffen oder die gemein christenheit, in welchem zweifall etliche ... dem bapst zuͦ fil zuͦ geben Murner an den adel 29 ndr.; bald erregt es bei den hohen colegiis selbst einigen zweifel, ob zu erbauung der windmühlen ebenfalls landesherrliche einwilligung nöthig sey dorf- u. bauernrechte (1755) 4, 361 Kl.; auf die zweifel einflusz haben, ... ob die komödie zur poesie gehöre oder nicht Fr. Schlegel s. w. (1846) 3, 97; solange sie T. liebte, hatte sie auch der zweifel begleitet, ob ihre liebe von ihm erwidert werde Fontane ges. w. I 2, 147. in formelhaften verbindungen mit persönlichem subjekt im zweifel hängen, schweben, stehen:
die frau hingegen hieng im zweiffel,
wärs oder wär es nicht vom teufel
neuentsprung. sauerbrun. (1720) 19;
weil ich ... im zweifel schwebe, ob ich eine sache bestellt, oder ob nur die absendung ... sich verspätet Göthe IV 28, 71 W.; so stehe ich doch im zweifel, ob nicht viel mehr torheit denen zuzumessen, die solche viel bücher kaufen Harsdörffer gesprächsp. (1641) 1, b 6ᵃ; ich stehe immer im zweifel, ob ich willkommen bin Cl. Brentano ges. schr. (1852) 5, 319.
b)
unklarheit über die beurteilung einer frage, die sich nach lage der dinge nicht entscheiden läszt:
(er wuszte nicht,) in welher wîs siz tæte,
durch haz od aber durch minne,
daz machete sîne sinne
in zwîvele wanken
Gottfried v. Straszburg Tristan 831 Bechst.;
ein rechts kind seinen vater kent
ein banckart in im zweiffel nent
Eyering cop. proverb. (1601) 2, 167;
von unpersönlichen subjekten im zweifel bleiben, sein, etwas im zweifel lassen u. ähnl.: das sicherst ist, man lasz es ein wahn und tzweyffel bleiben (ob Petrus in Rom war) Luther 7, 673 W.;
so musz ich sorge tragen, dasz mein anteil
an ihrem tod in ewgem zweifel bleibe
Schiller 12, 466 G.;
chamaedrys ist lange jar her in zweifel gewesen, dise zeit haben wir viererley kreuter, die sich dahin reimen W. Ryff hauszapoth. (1548) 4ᵇ; ich wünsche, dasz der aufsatz des herrn v. H., wie alle andern, im zweifel wegen des verfassers liesze Göthe IV 10, 231 W.
c)
schwierigkeit oder unmöglichkeit der einwandfreien bestimmung eines tatbestandes, besonders bei gerichtlichen entscheidungen: und wo diser fall ... redlich zweyfel hat, so ist not, in der urteil der rechtverständigen mit vorlegung aller umbstende ... zugeprauchen peinl. halsger.-ordn. Carls V. 122 Z.; die freiheit von diensten musz bei entstehenden zweifel an denen orten, wo keine leibeigenschafft eingeführet, eher vermuthet werden J. G. Klingner dorf- u. bauernrechte (1749) 1, 49. im zweifel: im zweifel und da die sach auff der wag gleich stehet, ... ist das irren ... den menschen angebohren Lehman floril. polit. (1662) 2, 802; der umfang einer beschränkt persönlichen dienstbarkeit bestimmt sich im zweifel nach den persönlichen bedürfnissen bürgerl. gesetzbuch § 1091. das verfahren bei unsicherheit eines schuldners: und sol im dann richten nach zwivels recht (15. jh.) weisth. 1, 48.
d)
meinungsverschiedenheit, die zur entzweiung der gegner führt: das von sulchir sache wegin ... keyn irresal, zwyevel adir zweyunge ... gescheen ... mogin (v. j. 1383) lehns- u. besitzurk. Schles. 1, 77; enscheyde my dat twivel, dat twischen den Joden unde uns is beleg bei Schiller-Lübben 4, 648; durch das nach unser hinfahrt ... von jemant oder zwischen jemant darumb kain krieg, zweifl, miszfäll oder irrung aufstehe Frz. A. v. Brandis ehrenkräntzel (1678) 133; ... liesz der keyser ... das edikt wegen der geistlichen güter publiciren: durch welche er fast alle geistlichen güter ... in streit und zweifel zog B. Ph. v. Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 7; damit im ring der landgemeinde nicht zweifel und zwist den frieden störe G. Freytag ahnen (1872) 1, 72.
2)
zweifel als unsicherheit im glauben, wenn das vorbehaltlose, unbedingte vertrauen auf gott und sein wort kleinmut und unglauben platz macht und beide haltungen abwechselnd vorherrschen; sofern sich eine rein verstandesmäszige, kritische einstellung zu allen fragen des religiösen lebens bildet, nähert sich die bedeutung zweifel B: unkunnands auk nauh wisands jah ni kunnands biuhti jah þo leikeinon us wambai munands gabaurþ in tweifl atdraus skeireins 2, 14 Streitberg;
ther se nan sar tho sancta,   so imo ther hugu uuankta,
ni druag inan thaz zwiual,   so thiu gilouba ubaral
Otfrid III 8, 40;
daz etteliche uz erwelten ...
zwifels sinne gewinnen,
wan si gedenkent da bi,
ob er der rehte crist si
Heinrich v. Neustadt gottes zukunft 5307 S.;
und die liden, daz sint dise viere: zwivel an dem gloͮben, zwivel an gottes erbarmherzekeit Seuse dtsche schr. 498 B.; dazu fuͤret er auch die junger in zeweiffel. do sieht man, das sie noch nicht ein rechten volkummen glouben haben gehat Luther 9, 606 W.; alle disputiren von gottes wort und sterben kleinmütig und im zweifel Lehman floril. polit. (1662) 1, 152;
Jesu, bete du für mich, ...
dasz ich keinen zweifel nicht
an der gnade gottes finde
B. Schmolck s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 52;
er gehörte zu den glücklichen geistlichen, deren innerste glaubenskraft vom zweifel ... nicht berührt wird Immermann w. 3, 35 Boxb.; während (beim hören der schöpfungsgeschichte) ... der erste kritische zweifel ... entstand Raabe hungerpast. (1864) 1, 36; wenn sich der glaube als eine kraft gottes an meinem herzen legitimiert ..., sollte mich das nicht beruhigen dürfen, sollte ich nicht alle zweifel zum teufel, mit dem sie sich reimen, jagen dürfen? L. Richter lebenserinn. (1909) 734. quälende grübeleien über den sinnzusammenhang zwischen gott und welt:
du wirst die zweifel alle mir enthüllen, ich lerne dann,
ob eine seele das goldne würmchen hatte
Klopstock od. 1, 134 M.;
mich plagen keine scrupel noch zweifel,
fürchte mich weder vor hölle noch teufel
Göthe 14, 27 W. (Faust 368);
er nagte an den peinvollen zweifeln seiner seele ... endlich rief er hohnlachend aus: wo ist hier der finger der gottheit? wo ist das auge der vorsehung? Klinger w. (1809) 3, 137. ähnlich: gab es ein menschentum, das neben dem mikrokosmos lebte? ... zweifel jagten sein blut Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 162.
3)
ungewiszheit dem kommenden geschehen oder ausgang eines ereignisses gegenüber:
sie warun bouhnenti   wio er (Zacharias) den namon wolti.
nam er in thaz zuiual   thana sar uberal
tho screib er ...
Otfrid I 9, 25;
mit zwîvel er zuo im sprach:
'herre, mir wær herberge nôt.'
diu bete machte in schamerôt
Hartmann v. Aue Erec 300;
ich kan euch nicht versagen noch verjehen
was zwischen uns beiden mag geschehen,
wolt ir auf zweifel gen mir stan
von herzen ich euchs wol gan
fastnachtsp. 407 K.;
ob gesundheit da zu hoffen sey,
da waͤr ein grosser zweyfel bey
Kasp. Scheit frölich heimfart 642 Str.;
tu mich gewehren meiner bitt,
lasz mich in zweyfel stecken nit,
und sag 'ja' oder 'nein' dazu,
damit ich mög erlangen ruh
J. Spreng Ilias (1610) 11ᵃ;
seind ... den Bohemen ... ihre privilegien verbrandt, und als sie in zweifel waren, ob sie ... die vernewrung erhalten möchten Zinkgref-Weidner t. nat. weisheit 3 (1653) 14;
o löse meine zweifel, lasz des glückes
des lang erflehten, mich auch sicher werden.
es wälzet sich ein rad von freud und schmerz
durch meine seele
Göthe I 10, 51 W.;
Norwegens herrscher auf den kampfplatz trat
den zweifel des gefechtes zu erneuern
Schiller 13, 8 G.
eine sache steht an, in (im) zweifel 'ist ungewisz, unsicher, unentschieden', vom mhd. bis zum 16. jh. gebräuchlich:
swie noch mîn fröide an zwîvel stât
Walther v. d. Vogelweide 121, 15;
als der frede noch in zwyfel stund Marienburger treszlerbuch 397 Joach.; die sach stund lang in einem zweiffel, je zuletzt wurden die Persier in die flucht geschlagen Xylander Plutarch (1580) 248ᵃ; der sig guͦte weyl im zweyfel stund Stumpf Schweizerchron. (1606) 176ᵇ.
4)
unentschlossenheit gegenüber zwei möglichkeiten des handelns:
dô si in solhem zwîvel reit,
ob si imz torste gesagen
Hartmann v. Aue Erec 3145;
doch lêrt in zwîvel strengen pîn.
er dâhte: sol ich strîten sehn
... sôst al mîn prîs verloschen gar.
kum ab ich durch strîten dar ...
Wolfram v. Eschenbach Parz. 349, 30;
in zweifel bin ich, wo ich hin keren sulle ackermann aus Böhmen 27 B.; da aber ein groszer zweifel ward, welches thier zu welen sein solt (löwe oder esel) Luther 26, 548 W.;
auch stund in zweifel sein gemüt,
was massen er sich rechen wolt
ob er ... oder ob er ...
J. Spreng Ilias (1610) 65ᵃ;
ich war unterwegs voll zweifel, ob ichs thun solle oder nicht Bettina v. Arnim die Günderode (1840) 1, 336; während Adam noch im zweifel dasteht, ob er zugreifen solle oder nicht Herman Grimm Michelangelo (1890) 1, 297; ich stand im zweifel, ob ich gehen sollte Storm w. (1899) 5, 227. ohne sachbestimmung:
der maleficus
der einzge, der dir schadet, ist der zweifel
Schiller 12, 112 G.;
der zweifel (ist) thöricht — männlich der entschlusz
W. Beer s. w. (1835) 166;
formelhaft im zweifel mit sich sein 'unschlüssig sein', vgl. Christa Trier 226, luxemb. ma. 511, auch umgangssprachlich verbreitet. mit verzug, zögern gepaart: wedher anderden (überantworten) ane tuiuel und ane toch Braunschw.-Lüneburg. urk.-buch 1, 281 Sudendorf; nach manchem zweifel und zögern entschlieszt er sich Göthe I 7, 162 W. mhd. hat zweifel oft eine ethische färbung und meint die unbeständigkeit, das schwanken zwischen gut und böse, treue und untreue:
ist zwîvel herzen nâchgebûr,
daz muoz der sêle werden sûr
Wolfram v. Eschenbach Parz. 1, 1;
diu den zwîvel wol hin dan kan schaben.
ich meine wîp, die wenkent
und ir vriuntschaft uberdenkent
ebda 311, 24;
daz er nie sînen muot hie von
mit arbeitlîchen dingen
an zwîvel kunde bringen
Rud. v. Ems Barlaam 150, 20 Pf.;
zweifel tuͦt mir vil ze laid
gen dir, meins hertzen augelwaid
Hätzlerin liederbuch 51 H.;
vgl. noch zwîvels wanc Wolfram v. Eschenbach Parz. 119, 28.
B.
zweifel bezeichnet ein eindeutig bestimmtes seelisches oder geistiges verhalten. das wort hat sich bereits im mhd. nach der negativen seite hin entwickelt; erst in der jüngsten bedeutung im philosophisch-wissenschaftlichen bezirk bekommt zweifel auch positiven sinn (s. u. 4).
1)
'angst, besorgnis, furcht', die durch die ungewiszheit dem kommenden geschehen gegenüber hervorgerufen werden, wenn der schlechte ausgang unabwendbar erscheint, vgl.A 3:
dannoch dô er den wurm ersluoc
dô heter zwîvel genuoc
daz in der lewe wolde bestân
Hartmann v. Aue Iwein 3866;
für den trôst sîn zwîvel wac
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 6459;
was sol ich sagen von andern dingen,
die noch viel grösser zweiffel bringen
Rollenhagen froschmeuseler (1595) e 7ᵇ;
und schlugen also das bildt gottes halb todt und lieszen es liegen in marter, angst und zweifel Jac. Böhme s. w. 3, 198 Schiebler; seit mhd. zeit gern neben furcht:
ich furchte, dich hab geleret
der zweifel und die forchte,
das du ...
Heinrich v. Burgus d. seele rat 1149 Rosenfeld;
mit gar einem erschrockenlichen und unsäglichen zweivel und sorglicher vorchte irs lebens herzog Ernst 276 B.;
und sich die ganze zeit mit furcht und zweiffel schlagen
Chr. Henrici ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 279;
wer melancholisch traurig schleicht
und stets in furcht und zweifel schwebet
D. W. Triller poet. betracht. (1750) 5, 94;
hastn zweifel? formule de provocation en Bavière, la répouse usuelle est: ich hab kein furcht noch zweifel R. Delcourt express. d'argot allem. (1917) 177. in älterer sprache geradezu 'verzweiflung':
do er (der löwe) sach, daz im sin kraft
nicht mochte zubrechen den haft
und ez im an den lip gie,
einen zwivel er gevie.
do schrei er sine stimme
kl. mhd. erzähl. 87, 16 Rosenhagen;
der so vil gesundet hat,
daz der zweifel bestat
und an got so ser verzagt
Teichner in: Kraus mhd. übungsbuch 205;
desperatio missehoffenunge oder missetrost oder zwivel dtsche pred. 34 Leyser;
edder wert in twyfel eynes boddels knecht
unde schendet alzo syn gantze gheslecht
H. v. Ghetelen dat narrenschyp 77, 95 Brandes;
vgl. mnl. twivel verzweiflung Verwijs - Verdam 8, 838. in neuerer sprache nur als das schwächere bedenken, ob etwas richtig zugeht oder ausführbar, tunlich sei:
es kam in allen schier ein zweiffel,
dasz es nit wuͤrde zugehn recht
Fischart Eulenspiegel 43 Hauffen;
die (gefährten) ... nur nicht wohl begreifen konnten, dasz das alles aufgeführt und zwar von ihnen aufgeführt werden sollte. diesen zweifeln half ich mit vieler leichtigkeit ab Göthe I 21, 35 W.; der meister sah ... starr vor sich hin, als ob er von einer ... kühnen idee erfaszt wäre, an deren ausführung jedoch noch einige zweifel emportauchten Seb. Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 117; inzwischen hatte in dem ... cabinett ... der zweifel an der nützlichkeit einer so bedeutenden kräftigung Preuszens für Ruszland die wirkung der kaiserlichen freundschaft für den könig Wilhelm aufzuwiegen angefangen Bismarck gedanken u. erinn. 2, 74 volksausg.
2)
misztrauen gegen die beständigkeit der gesinnung eines menschen, gegen das gute überhaupt; zufrühest in negativen wendungen:
... dô nam er war,
daz sîn triuwe und sîn muot
wider in was ganz unde guot,
dône hêt er deheinen zwîfel mê
Wirnt v. Gravenberg Wigalois 8404;
ob du getrü wöllest sin
daz ist nu uz dem zwivel min
liedersaal 2, 708, 466 Laszberg;
als wir des gein eu an zweifel sein und aller freuntschaft zu eur liebe ain ganz sunders vertrauen haben privatbr. d. ma. 1, 47 St.; wann wir denn zu deiner person keinen zweifel tragen H. v. Schweinichen denkwürd. 152 Öst.; in solchem verliebten zweiffel entschlosz er sich einsten, ihr eine schriftliche versicherung (ihrer liebe) abzufordern H. A. v. Ziegler asiat. Banise (1689) 309; als dasz man denken sollte, ich setzte den geringsten zweifel in ihre treue G. Stefanie d. j. s. singsp. (1792) 65; wo einem der zweifel aufsteigt ob man wirklich ein guter ... mensch sei G. Keller ges. w. 2, 65. für das unvermögen, noch an menschliche ideale zu glauben: mit meisterhand ist nun der fortschritt gezeichnet, den dieser furchtbare zweifel an dem, was ihm das heiligste und liebste war, in Woldemars seele machte W. v. Humboldt ges. schr. (1903) 1, 298; ehe es der welt gelang, diese schauerlichen zweifel an tugend und redlichkeit in ihr herz zu pflanzen A. v. Kotzebue s. dram. w. (1827) 2, 11. zu 'argwohn, verdacht' gesteigert: da ist etwas zweifels, der from W. habe die selben flaͤschen beim G. entlichen und in S. Othmars schiff gestelt J. v. Watt dtsche schr. 1, 154 Götzinger; hertzog B. ... fiel glich in zwifel sin eewib möchts getan haben, liesz sie fachen Äg. Tschudi chron. Helvet. (1734) 1, 115.
3)
ungläubigkeit gegenüber aussagen, ereignissen und tatsachen, deren wahrheit, berechtigung, existenz, richtigkeit nicht als sicher angesprochen werden kann, da die beweise oder gründe nicht überzeugend scheinen.
a)
bei behauptungen:
von dem zwîvel ich iuch nim,
sag ich nicht wâr die wârheit,
so lât iu sîn mîn triegen leit
Wolfram v. Eschenbach Parz. 464, 8;
ob ir die rede nun yn zweyfel sind,
so nement und besehent das kind
P. Gengenbach 258 G.;
welche antwort dem von Schweinitz wunderlich vorkam, wollt es nicht glauben, sondern setzet es im zweifel H. v. Schweinichen denkwürd. 70 Öst.; sonst wo es recht zuging, sol man dise rede gar nit in zweifel setzen J. Sleidanus reden 176 lit. ver.; der versicherung des kronprinzen, um diese veröffentlichung nichts gewuszt zu haben, habe ich nie einen zweifel entgegengebracht Bismarck gedanken u. erinn. 1, 220 volksausg. scherzhaft:
doch wer etwa
einen kleinen zweifel möchte haben
Mörike ges. schr. (1905) 1, 108.
b)
auffälligen, unglaubwürdigen erscheinungen und ereignissen gegenüber: bey welchen etliche wunderbarliche ... ding erscheinen, die bey uns von vilen in einen groszen zweiffel gestelt werden Heyden Plinius (1565) 5; dasz dieser traum, auf welchem solche gewünschte warheit gefolgt, solle seyn von gott kommen, ist es ein harter zweiffel Abr. a s. Clara Judas (1686) 1, 6; er sprach ... mit zweifel vom wetterzauber Scheffel ges. werke (1907) 2, 86. hierher auch: und es ward friede, und als jeder, selbst der ungläubigste, seiner zweifel sich entschlagen muszte Fontane ges. w. I 1, 16.
c)
philosophisch im hinblick auf die sinnlich wahrnehmbare welt: der in diese geheimnisse eingeweihte gelangt nicht nur zum zweifel an dem seyn der sinnlichen dinge, sondern ... Hegel w. (1832) 2, 82; daher ... erregt die anschauliche welt ... im betrachter weder skrupel noch zweifel A. Schopenhauer w. 1, 48 Gr.
4)
zweifel in wissenschaft und philosophie als einwand gegen geltende erkenntnisse und systeme, der meist zu neuer wissenschaftlicher betrachtung führt und so die forschung weitertreibt; seit dem 18. jh. gebräuchlich: da im zweifel kein beharren, keine ruhe ist, so treibt er den geist zur untersuchung, zum prüfen, woraus dann, wenn dies auf eine vollkommene weise geschieht, die wahrheit ... hervorgeht W. Körte sprichw. (1837) 463; erlauben sie, ... dasz ich ihnen über das, was sie in ihrem magazin von unsrer sprache und unsrer schönen literatur gesagt haben, einige zweifel vorlegen möge Adelung magazin f. d. dtsche sprache (1783) 2, 2, 3; gegen Condillacs erklärung zweifel zu finden, war eben kein Rousseau nöthig Herder 5, 20 S.; ... überdem fehlen mir auch ... die materialien, um prof. Sch. auf seine einwendungen und zweifel zu antworten Görres ges. br. (1858) 3, 123; die rotation der Venus ist lange zeit vielen zweifeln unterworfen gewesen A. v. Humboldt kosmos (1845) 3, 493; noch im gleichen jahre 1649 zog ... Milton die echtheit in zweifel D. Fr. Strausz ges. schr. (1877) 3, 54; der grundsätzliche zweifel ist der ausgangspunkt seiner (Descartes) lehre W. Windelband gesch. d. n. philos. (1899) 1, 176.
C.
zweifel im bildlichen gebrauch. personifikation:
ich bûwe ein hûs und wil dâ ingesinde wesen:
der Zadel und der Zwîvel sint mit here davor gesezzen
bruder Wernher 73 Schönbach (i. d. Wien. sitz.-ber. 1905);
her Zadel und her Zwivel sint min stætez ingesinde
Tannhäuser 12, 25 Singer;
zwîvel machet zwîvelmuot,
zwîvel bûwet selten hûs ûf starke siule guot,
zwîvellîche wende zwîvel bût unt zwîvellîchez tach
Reinmar v. Zweter 172, 1 ff.
ähnlich in neuerer dichtung:
und wispere sanft-bescheiden ihr ins ohr,
wie zweifel oft das haupt hing, treue thränte
Göthe I 3, 46 W.;
und wieder wendet zweifel ein:
Paulina liebt des landes feind
Gaudy s. w. 4, 41.
hinter den verbildlichungen liegt die vorstellung, dasz der zweifel den menschen quält, bedrückt und in der erkenntnisfähigkeit hemmt:
der zwîvel was sîns herzen hovel,
dâ durch in starkiu angest sneit
Wolfram v. Eschenbach Parz. 350, 30;
des zweifels galle A. v. Chamisso w. (1836) 3, 41;
und weg, ir zweifel, quälendes seelengift!
Hölderlin ges. dicht. 1, 48 Litzm.;
der zweifel (an gott) züngelte in meiner seele gleich einem nagenden feuer H. Watzlik d. pfarrer v. Dornloh (1930) 234; aus dem labyrinthe freundschaftlicher zweifel Gottschedin briefe (1771) 2, 253;
wann auf das zweifels oceane
mein schifflein treibt
E. M. Arndt w. 5, 51 R.-M.;
den schrecklichen abgrund der zweifel Schiller 4, 37 G.; tiefer in die sackgasse des zweifels Bismarck b. an s. braut u. gattin 2 volksausg.
bald treibt er mir die dünste
des zweifels in den sinn
P. Gerhardt in: Fischer-Tümpel kirchenl. 3, 446ᵃ;
doch nein: des zweifels nebel brechen
Drollinger ged. 24;
treibe banger zweifel wolke
von des hörers seele weg
Schubart s. ged. (1825) 1, 35;
in des zweifels nacht grafen Stolberg ges. w. (1820) 2, 135; in einem sturme von zweifeln Schubart bei D. Fr. Strausz w. 8, 95; von einem strudel kämpfender zweifel verschlungen L. Tieck schr. (1828) 8, 17.
D.
besondere wendungen und formelhafte verbindungen.
1)
negative ausdrücke mit zweifel für betonte versicherungen der gewiszheit.
a)
in älterer sprache, in der formel ist nicht zweifel, in der auch adjektivischer gebrauch in frage kommt: non est dubium nist zuuiual ahd. gl. 1, 217, 15 (Ker.) St.-S.; und ist nit zueifel, er sei izo ... vor jamer und hunger verschaiden volksb. v. herz. Ernst 269 B.; und ist nit zweyfel, die ertzney bringt besundern, groszen nutzen Albr. v. Eyb dt. schr. 1, 84 H.; wie nicht zweifel, die Italiener — werden solche glosslin bringen Luther br. 5, 256 de Wette. ebenso alt und bis heute gebräuchlich das verstärkte es ist kein zweifel:
meistar, zelluh thir ein,   nist ez zuiual nihein,
uuir uuizun thaz gizami   thaz thu fon gote quami
Otfrid II 12, 7;
dubitari inquam nequit nehein zuiuel neist tes, chad ich Notker 1, 143 P.;
des inist zwivel nehein,
die troume sint bede ein
Wiener genesis 4078 Dollm.;
nu enist enkein zwivel got ensi verre edeler denne die creature Tauler pred. 189 V.; es ist daher kein zweifel, man werde auch diesen aufnehmen Leipziger avanturieur (1756) 1, 8;
ja, dasz er fest ist, ist kein zweifel
Schiller 12, 28 G.;
kein zweifel, das ist er (der betreffende) Fontane ges. w. I 4, 242; kein zweifel, dasz die vermählung mit der wahlsache eng in zusammenhang stehe Ranke s. w. (1867) 1, 255 anm. 3; E. Wiechert wälder u. menschen (1936) 32. weniger formelhaft: was ich ihnen zu sagen habe, darüber ist mir kein zweifel Fontane I 5, 271. in neuerer sprache in zahlreichen wendungen reich entfaltet (vgl. dazu die positiven entsprechungen bei 3), meist in subjektiver, gelegentlich auch in objektiver beziehung; seit alters keinen zweifel haben, jünger tragen, hegen: mundum inquit hunc deo regi paulo ante minime dubitantum putabas taz kot tisa uuerlt rihte, chad si, tes jahe du darfore, tih neheinen zuiuel haben Notker 1, 210 P.; ich hab kein zweiffel, daz manch mensch so hinder der mesz stot mit andacht, zu zeiten me nutz und gnaden von got dem herren durch das meszhören erlangt Hier. Gebwyler beschirm. des lobs Marie (1525) 26ᵃ;
gnediger herr, das will ich than,
da habet gar keyn zweifel an!
H. Sachs 2, 45 K.;
daran wir kein zweifel haben,
er wird am jüngsten tag aufstehn
Neumark fortgepflanzter musik.-poet. lustwald (1657) 1, 115;
ich trage aber keinen zweiffel, es werden diese gebot ... J. Barth weiberspiegel (1565) b 2ᵃ; und hegten nicht den mindesten zweifel Bürger w. 256 Bohtz; ich hege keinen zweifel, dasz wir es nicht alle als gute christen begangen Gaudy s. w. 13, 14; vereinzelt: dennoch machen wir uns keinen zweifel, es sey ... W. Walther proph. Daniel (1654) 1, 753. unpersönlich: nu ist das gewis und hat keinen zweifel, das solch büchlein der könig selbs nicht hab gemacht Luther 23, 26 W.; in jüngerer zeit das leidet keinen zweifel: dasz Valhall auch zuweilen Asgard genannt werde, leidet keinen zweifel Gerstenberg schlesw. literaturbr. 293 lit.-denkm.;
klar ist der sinn und leidet keinen zweifel
Z. Werner söhne d. thales (1803) 1, 242;
aber (der keiler) kommt, das leidet keinen zweifel Hans Grimm volk ohne raum 1, 56. weiterhin keinen zweifel zulassen, aufkommen lassen: die zwei acte Wallensteins ... thaten beym ersten lesen auf mich eine so lebhafte wirkung, dasz sie gar keinen zweifel zulieszen Göthe IV 14, 33 W.; rief er mit einer stimme, die keinen zweifel darüber aufkommen liesz, dasz ... M. v. Ebner-Eschenbach ges. sçhr. (1893) 4, 67; auch: an ihrer deutschen gesinnung liesz keine deutsche regierung zweifel Bismarck ged. u. erinn. 2, 56 volksausg., vgl. auch unter 2 in keinen zweifel setzen, stellen: dieweil ich nun in keinen zweyffel setz, ich werde ... allen ... ein gefallen thuͦn A. Dürer vier bücher v. menschl. proport. (1528) a 2ᵃ; ichs in keinen zweifel stelle, dasz noch etliche ... es waar zu seyn bezeugen werden H. W. Kirchhof milit. discipl. (1602) )( 2ᵇ. keinem zweifel unterworfen sein, unterliegen: doch sagte er mir, dasz die möglichkeit der sache keinem zweifel unterworfen sei Wieland Agathon (1766) 1, 267; nach B's ausführungen unterliegt es keinem zweifel, dasz auch in Europa privatmünzen ... vorangegangen sind L. v. Ebengreuth münzkde u. geldgesch. 145.
b)
mit präpositionen. ohne zweifel, vgl. zweifelsohne: nemirum ano zuiual ahd. gl. 4, 8 St.-S.; erchenne ano zuuiual pro certo Benediktinerregel in: Steinmeyer kl. ahd. denkm. 202;
in thriu deil ana zuival   so ist iz gisceidan
Otfrid I 3, 23;
terrarum quidem fructus animantium procul dubio debentur alimentis ter erdwuocher sol dien lebenden ze fuoro ane zwiual Notker 1, 91 P.;
und die heiden, daz ist wâr,
dienten im ân zwîfel gar
Jans Enikel weltchron. 6172 Strauch;
wan die tröme gemeinlich triegent und och ane allen zwivel underwilent war sagent Seuse 183 B.; on zweivel, got verdampt niemand mit unrecht Hiob 34, 12; dasz wir on zwyfel in allen dingen allein an im hangen müssind Zwingli dtsche schr. 1, 34; nimirum on zwifel (15. jh.) Diefenbach gl. 380;
wie alt das gschlecht sey, niemandt weisz,
on zweiffel aus dem paradeis
Fischart Eulenspiegel 29 H.;
niemand wollte mich dingen: ohne zweifel, weil mich niemand zu brauchen wuszte Lessing 10, 209 M.;
er ist ohn allen zweifel,
wie alle götter Griechenlands,
auch ein verkappter teufel
Göthe I 14, 245 W.;
als antwort: 'sicher, gewisz': würden sie die person erkennen, wenn sie sie vor sich sähen? ohne zweifel Schiller 4, 109 G.;
mag es ihr so ernst sein?   ohne zweifel
Mörike ges. schr. (1905) 1, 109.
in neuerer sprache seltener sonder zweifel:
und wære sunder zwîvel tôt
Hartmann v. Aue Iwein 599;
sunder zwifel er wirt vri
von boser slangen bizen
Daniel 5180 Hübner;
und wer disen ruwen het, dem werdent sunder zwifel alle sine sunden vergeben Tauler pred. 36 V.; welchs ihm sonder zweiwel zu mercklichem nutz und frommen gedeyen wird M. Agricola musica instrumentalis 119 Eitner; welche histori sonder zweiffel allen guthertzigen lesern angenehm sein wird Rätel Curäi chr. Schlesiens (1607) 2; der geist davon aber war ... sonder zweifel eben der selbe, der in den letztverflossenen jahren die wunder gewirkt, deren wir uns alle erfreuen Göthe I 49, 1, 29 W. ebenso auszer zweifel: procul dubio uzzar zuuifal ahd. gl. 1, 213 St.-S.; und dieses ding ist ... auszer allen zweifel richtig J. Prätorius Blockesberges verricht. (1668) 15; Spanien habe die gelder zu zahlen angefangen und werde es ... auszer zweifel ferner continuiren Leibniz dtsche schr. (1838) 1, 161. etwas ist auszer zweifel: auszer zweiffel ist, dasz die wort unsere gedancken an tag zu geben, fügliche mittel seyn Harsdörffer gespr.-sp. (1641) 1, c 8ᵇ; alsdann ist auszer zweifel, dasz dieselbe oder deren vieh von der gemeine gepfändet werde v. Hohberg georg. cur. aucta 3, 1 (1715) 25ᵇ; dasz die fränkischen könige zu Chlodwigs zeit insgesammt von einerlei geschlecht waren, ist auszer zweifel K. Eichhorn dt. staats- u. rechtsgesch. (1821) 1, 76. auszer zweifel setzen: sie setzten auszer zweifel, der könig würde ... B. Ph. v. Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 151; aber was diese glosse nur etwa dürfte vermuthen lassen, werden folgende worte auszer zweifel setzen Lessing 11, 45 M.; es ist nunmehr ... auszer allen zweifel gesetzt Fr. Th. v. Schubert verm. schr. (1823) 1, 9. auszer zweifel stehen: wenn erst die tatsachen auszer zweifel stehen W. Scherer kl. schr. 1, 354.
2)
die präpositionen, die die ergänzungen an zweifel anknüpfen, sind an: so ist kain zweifel dran, got musz das als ervollen Tauler sermones (1508) a 2ᵇ;
dennoch solt du kein zweiffel han
an der gottes barmherzigkeit
H. Sachs 6, 175 K.;
an meiner person darffstu dir gar keinen zweiffel machen Heinrich Julius v. Braunschweig 93 Holl.; was mich am meisten kränkte, war dieser zweifel an mir selbst, an meinem persönlichen wesen G. Keller ges. w. 4, 58. über: die schrifft selbst führt den titul: zweifel über der theologischen facultät beurtheilung einer schrifft Lichtenberg nachl. (1899) 20; siehest du nun auch, warum der kleinste zweifel über A. zur verzweiflung werden musz? Hölderlin ges. dicht. 2, 121 L.; ein ... mann ..., dessen stutzhut und hechtgrauer rock ... über seinen beruf keinen zweifel lassen konnte Fontane I 6, 1. gegen: ob ich schon noch tausend zweifel gegen ihn (Christus) in meiner seele hegte Schubart leben u. gesinnungen 2, 211; er hatte würklich einige zweifel gegen die ohnfehlbarkeit der Berliner bekommen J. M. Miller briefw. dreier ak. freunde (1778) 1, 53. in: der setzt ainn zweifl in got Berthold v. Chiemsee t. theol. 87 Reithm.; die wenige wirkung, die ihr vortrag ... macht, gab mir eher einen zweifel in die lehrart S. v. Laroche frl. v. Sternheim (1771) 1, 47. schon früh, aber nur gelegentlich mit bloszem genitiv:
nie zwîvel in dir ûf gestuont
der christenlichen sachen
Konrad v. Würzburg gold. schmiede 1122;
sît ich den rehten niht enwizzen kan
und ich ir aller (gegen die götter der juden, heiden, christen) zwîfel hân
Jans Enikel weltchron. 26646 Strauch;
ich bedarf keinen zweifel dessen J. Böhme s. w. 2, 295 Sch.;
es ist das ganze volck im zweiffel aller sachen
Opitz opera poet. (1690) 1, 35;
der zweifel meiner fürstlichen geburt,
er ist getilgt
Schiller 13, 541 G.
3)
formelhafte verbale ausdrücke (in negativer wendung vgl. bereits die belege unter D 1 a) in (im) zweifel stecken: nu stecchen in ouh in meroren zuiuele Notker 1, 314 P.; die in zweivel stecken A. Lobwasser calumnia (o. o. u. j.) b 4ᵃ; einen im zweifel stecken ... lassen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1492ᵃ. im zweifel stehen, vgl.A 3: es stehet doch im zweyffel, das keiner weysz, welcher recht oder unrecht hat J. Agricola t. sprichw. (1534) e 7ᵇ; dir stat dein gemüt im zweifel Boltz Terenz (1539) 90ᵃ; solchs machte dem türckischen keyser viel nachdenckens, dasz er in groszem zweiffel stunde volksb. v. dr. Faust 67 Br.; ob aber bei uns Deutschen so bald jemand kommen möchte, der sich eines vollkommen heroischen werkes unterstehen werde, stehe ich im zweifel Opitz t. poeterei 22 ndr. in zweifel stellen, vgl.D 1 b: das wir jenes leben ... wol zuweilen in ein zweiffel stellen Luther 34, 2, 115 W.; in zweifel setzen: disputiren und yn einen zweyffel setzen Güttel ev. warheyt (1523) a 2ᵇ; wodurch wir wenigstens in zweifel gesetzt werden Göthe I 49, 1, 231 W. im zweifel hangen: dieselbigen seelen im zwyfel laszen hangen Zwingli dtsche schr. (1828) 1, 123; einen im zweifel ... hangen lassen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1492ᵃ. schweben: ob sich Longwy sogleich ergeben, ob es widerstreben werde ..., schwebte gerade in diesem augenblicke in zweifel Göthe I 33, 4 W. in zweifel ziehen: wie noch hewt ettlich in zweifel ziehen, ob ... Berthold v. Chiemsee t. theol. 81 Reithm.; und ihr urtheil nicht allemal ohne schein in zweifel gezogen Leibniz dtsche schr. 1, 483; verzeihen sie ..., wenn ich das wort eines ehrenmannes in zweifel zu ziehen wage Göthe 24, 299 W.; und deshalb hat niemand das recht, meinen preuszischen patriotismus in zweifel zu ziehen Bismarck polit. reden 4, 286. im zweifel sein: als sie im zweifel waren, ob sie ... Zinkgref-Weidner t. nat. weish. (1653) 3, 14; dasz bald viele bürger seinen rat und seine arbeit suchten, wenn sie im zweifel waren, wie sie etwas verändern oder neu bauen sollten G. Keller 1, 22. es ist im zweifel: dannoch was es in ainem zwifel, ob ... Ulrich v. Richental Const. conzil 24 lit. ver. zweifel haben: S. etwaz czweifel het, ob er in erkant het Arigo decam. 150 K.; (die) mutter schien einige zweifel zu haben Novalis schr. 4, 150 Min. zweifel tragen, vgl.D 1 b:
dasz ihr daran zweifel traget
Reinicke fuchs (1650) 157;
einen zweifel an etwas tragen Kramer t.-ital. 2 (1702) 1491ᶜ. zweifel hegen: W. wollte sogar einige zweifel hegen Göthe I 23, 190 W. zweifel erheben: sollte jemand verwegen genug sein, gegen den gediegenen wert des auszerordentlichen buchs einige zweifel erheben zu wollen E. T. A. Hoffmann 10, 13 Gr.; schon in ihrer kommission wurden gleich anfangs zweifel erhoben Moltke ges. schr. 7, 90. in bildlichen, von zweifelknopf, -knoten, -strick beeinfluszten wendungen wie den zweifel auftun, auflösen, lösen: enudare den knopf des zwifels uff thun (15. jh.) Diefenbach gl. 202ᶜ;
die gottin Pallas an der stet
den zweifel ihm auflösen thet
J. Spreng Ilias (1610) 65ᵇ;
auf dasz alle zweifel gelöset werden Raumer gesch. d. Hohenst. 1, 76.
zweifel adj.
Fundstelle: Lfg. 7 (1938), Bd. XVI (1954), Sp. 996, Z. 14
bis zum frühen 16. jh. belegt, dann von zweifelhaft völlig verdrängt; das adj. zweifel ist wahrscheinlich älter als das subst. und bezeichnet die eigenschaft 'einen gespaltenen, zweigeteilten sinn habend'; vgl. den gebrauch im Heliand, wo das subst. fehlt, und die grundbedeutung von ai. dvayá 'zwei arten habend', s. Wackernagel ai. gramm. 3, 420; grundform germ. *twīfla. näheres zur etymologie sieh unter zweifel, m. ahd. zwîfal (dubius zuifal ahd. gl. 1, 16, 28 [Pa] St.-S.), mhd. zwîvel, mnd. twîfel, mnl. twîvel, sowie mit j - weiterbildung in as. twīfli (attribut zu hugi) und ahd. zwîfali, zwîfili, vgl. anceps zuifoli carmen ad deum in: Steinmeyer kl. ahd. sprachdkm. 290; sineciosus (= sententiosus? sieh Goetz thes. gloss. emendat. 2, 324) zuiuili ahd. gl. 1, 251, 12 (Ra) St.-S.
1)
ungewisz, unentschieden, strittig (vgl. zweifel, m. A 1): ez ist zwivel, mit welhem haupt diu slang ... gen Konrad v. Megenberg buch d. nat. 263; das es zweiffel ist, ob der eine spruch den zweien oder die zween dem einigen folgen sollen Luther 6, 311 Weim.; dan in allen zweifflen anklagen solt dem antwurter me gegünstigt werden dan dem anklager Murner an d. adel 54 ndr.
2)
ungläubig, von personen (vgl. zweifel, m. A 2 und B 3):
ne hie thar oc bilitho filo
thuru iro ungilobon   ogian ni uuelda
torohtero tecno   huand hie uuissa iro tuiflian hugi
Heliand 2662,
s. auch 287, 385, 4871 u. ö.;
tho uuurtun sie gedruabte   zuiualemo muate
ni geloubtun thesa redina   thuruh des herzen freuuida
Otfrid V 11, 19;
doch ich sein ser czweifel, müglicher und geleuplicher ist, er in abgrunde der helle ... verdamnet sey Arigo decam. 28 K.
Zitationshilfe
„zweifel“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zweifel>, abgerufen am 12.12.2019.

Weitere Informationen …