zwischenfall m.
Fundstelle: Lfg. 9 (1954), Bd. XVI (1954), Sp. 1352, Z. 13
ein noch junges, der heutigen sprache unentbehrliches wort.
1)
von einer unerwarteten begebenheit, die eine ereignis- oder zeitfolge unterbricht und aufteilt. die zweiteilung in beginn und fortsetzung des vorganges läszt die ursprüngliche bedeutung von zwischen als 'zwischen zweien' noch fühlen: das vergnügen der spazierfahrenden litt übrigens nicht das mindeste unter diesem zwischenfalle O. Peschel völkerkde (1874) 386; ein zwischenfall liesz ihn einen augenblick aufsehen von seiner arbeit. an ihm vorbei, als wäre eine welt versäumt, drang in ziemlich herrischer weise eine frau mit rothem gesicht ... in das studirzimmer ein Fontane ges. rom. u. nov. (1890) 7, 8; so gab Raoul Überbein auskunft über einen zwischenfall seiner laufbahn (eine liebesgeschichte in seinem sonst nur seiner karriere gewidmeten leben) Th. Mann kgl. hoheit (1928) 341; Don Domenico nahm von dem zwischenfall (einiger wegflatternder geschäftspapiere) keine kenntnis Werfel geschw. v. Neapel (1948) 158. von mehrfachen unterbrechungen, die als zeitlich in einen bestimmten ablauf eingeordnet aufgefaszt werden und gegenüber dem einmaligen ereignis an gewichtigkeit verlieren: um seinen charakter und die in demselben liegende haupthandlung des stücks durch alle zwischenfälle durchzuführen Lenz ges. schr. 2, 337 Tieck; die akademie im ganzen wird sich gewisz an frequenz und thätigkeit der lehrer wie der schüler heben, alles andere sind zwischenfälle, die man wie andere unfälle erdulden musz (1817) Göthe IV 28, 120 W.; was ihn nach allen zwischenfällen stets wieder zu ihnen (d. Griechen) zurückführt Justi Winckelmann (1866) 1, 147; eine vertagung auf weiter als jahresfrist gibt raum zu mancherlei zwischenfällen jahrb. d. Grillparzerges. (1890) 8, 182.
2)
auf dem gebiete der dramentechnik bezeichnet das kompositum vielfach ein oder mehrere ereignisse, die ein dramatisches moment oder den gang der handlung unmittelbar hervorrufen oder beeinflussen, bezw. eine gegebene situation verändern, wobei die grundbedeutung des simplex zwischen (vgl. 1) mehr oder weniger verblaszt: das zehnte capitel zeiget, woher das schrecken und mitleiden entspringen müsse; und zugleich den irrthum derer, die selbiges durch die auszierung, oder durch ungeheure zwischenfälle, haben erzwingen wollen (bei der tragödie) anmuth. gelehrsamk. 2, 190 Gottsched; da ist keine liebe, da ist keine verwicklung, keine erkennung, kein unerwarteter wunderbarer zwischenfall; alles geht seinen natürlichen gang Lessing 9, 308 L.-M.; (die handlung des dramas sei) nicht verwirrt durch fremde zwischenfälle Herder 23, 349 S.
3)
die grundbedeutung von zwischen- tritt zurück, es wird ausgedrückt, dasz ein vorgang bezw. eine ereignisfolge (vgl. 1) unvermutet unterbrochen und abgebrochen wird bezw. werden könnte: aber als ich meine bitte anfing, unterbrach sie der seltsamste zwischenfall Jean Paul w. 6, 114 Boxb.; andere zwischenfälle störten die vollendung des ganzen Göthe II 8, 121 W.; ein unvermutheter zwischenfall machte dem krieg ein ende Mommsen röm. gesch. 1 (1856) 528; denn von gewalt ist ja nicht die rede, die list aber ist uns durchkreuzt durch diesen zwischenfall Kürnberger nov. (1861) 1, 227; vielleicht hätten sie ... noch lange über die brunnen-ball-stunde hinaus sich gedreht, wäre nicht ein zwischenfall eingetreten, der unerwartet ende machte Holtei erz. schr. (1861) 28, 45; der arzt (hat) ihn jetzt, falls keine bösen zwischenfälle eintreten, auszer gefahr erklärt H. Grimm Michelangelo (1890) 1, 377; glücklicherweise entstand im saal ein zwischenfall; stühle wurden gerückt, und jemand liesz sich die grosze tür öffnen H. Mann d. untertan (1949) 300. ähnlich: ohne zwischenfall halte ich den termin (für Angela Borgia) gewisz inne (1891) C. F. Meyer br. 301 Langm.
4)
es werden ein oder mehrere durchaus singuläre ereignisse ohne berücksichtigung einer vorgangs- oder zeitfolge (vgl. 1) bezeichnet, wobei zwischen- die bedeutung der geringfügigen wichtigkeit des ereignisses annimmt: ein kleiner diplomatischer zwischenfall enthüllte bereits diesen wunden fleck deutlich genug Häusser dt. gesch. (1854) 1, 601; ein zwischenfall eigenthümlicher art lag in der eröffnung des französischen hofes, dasz er ... ein paar neue regimenter nach Corsika zu werfen gedenke Ranke s. w. (1867) 30, 203; der kleine zwischenfall am schlusse, immerhin — interessant M. v. Ebner-Eschenhbach ges. schr. (1893) 2, 295; ein (militärischer) deutsch-dänischer zwischenfall (überschrift) Göttinger tagebl. v. 23. 6. 1915; auch teilt er (der bischof von Montpellier, der Bernadette in Cauterets begegnet) die meinung des gesamten französischen klerus, dasz man angesichts der herrschenden geistesverfassung nicht zurückhaltend genug sein könne gegenüber mystischen zwischenfällen (wie der erscheinung in der grotte von Massabielle) Werfel Bernadette (1948) 336; einer entfaltete eine abendzeitung mit einem riesigen bild des kaisers und las den bericht eines zwischenfalles vor, den im portal des Quirinals ein Deutscher hervorgerufen hatte H. Mann d. untertan (1949) 381. ähnlich: über diese zwischenfälle, erst der trauer, dann der erbschaftstheilung, ging der winter dahin Gutzkow ges. w. (1872) 2, 238. —
Zitationshilfe
„zwischenfall“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Erstbearbeitung (1854–1960), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb/zwischenfall>, abgerufen am 09.12.2019.

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