Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

äbich, adj.

Fundstelle: Band 1, Spalte 403, Zeile 17 [Richter]
ÄBICH adj.   (1) herkunft und form. ahd. abuh, mhd. ebech, ebich, as. aƀuh, ae. *afoc in engl. awkward ‘ungeschickt; widrig’, mnl. aves, an. o̜fugr; im vokal abweichend got. ibuks rückwärts gewandt. idg. am nächsten steht ksl. opako, opaky, opǎce zurück, verkehrt, ai. ápāka- abseits liegend, entfernt; zweifelhaft ist, ob unter vernachlässigung der got. form idg. *apu-ko-s (zu *apo- ab, weg) oder, im ablautsverhältnis zum got., idg. *opu-ko-s (zu *epi, *opi, vgl. gr. ὄπιθεν von hinten, lat. opacus schattig, eigentlich ‘der sonne abgekehrt’) vorauszusetzen ist, vgl. Walde/P. et. wb. 1,50, Pokorny et. wb. 1,54, Falk/T. norw.-dän. et. wb. 1(1910)37.das der neueren hd. schriftsprache fremde, auch mhd. bereits schwach bezeugte wort ist mdal. im obd. (nicht els.) und md., nur vereinzelt noch als reliktwort (vgl. Frings Germania romana 21,196 f.) im wnd. (westf. und ns.) gebräuchlich. es zeigt als reines dialektwort großen formenreichtum, vgl. bayer.-öst. wb. I 1,45, ferner rhein. wb. 1,27 u. a.zu anlautendem h- im ahd. (ahd. wb. 1,21) s. Schatz ahd. gramm. (1927) § 247 (heute nur noch vereinzelt im rhein. [he̜b̌s]); zu obd. landschaftlich auftretendem g- anlaut (aus präfix ge-) und ebenfalls landschaftlich obd.-omd. bezeugtem n-(m-)anlaut (aus der fügung in [im] äbichen) vgl. bayer.-öst. wb. I 1,45b. neben formen mit -b- (vorherrschend im süden) stehen im übrigen obd. und im md. vielfach solche mit intervokalischem -w-. die nordfränk formen mit -f- (z. b. afk) könnten unter einfluß des folgenden stimmlosen konsonanten ebenfalls stimmlos geworden oder an affe angelehnt sein (Lessiak konsonantismus [1933]235, Kranzmayer lautgeogr. [1956] § 30 b 1). die bereits ahd. vielfach zu -oh, -ah, -eh abgeschwächte ableitungssilbe (ahd. wb. 1,21) erscheint daneben schon früh mit i-vokal( 10.jh. habihemo ahd. gl. 2,206,6 S./S. 12.jh. abihemo ebd. 2,209,38); mdal. auch auf -ig, -isch, -icht, -ach(t) u. ä. auslautend wohl durch die aus der lautähnlichkeit (-ich/-ig) sich ergebende analogie zu den adjektiven auf -ig gefördert, tritt seit dem mhd. verbreitet umlaut auf (mdal. im äußersten süden nur vereinzelt, nach norden zunehmend). (2) bedeutung und gebrauch. im ahd. steht neben der räumlichen bedeutungumgekehrt, umgewendet, verkehrt(dazu in abuh in die verkehrte richtung) vielfach übertragener gebrauch auf sittlich verkehrtes (oft für lat. pravus, nequam, perversus, sinister ahd. wb. 1,21 f.). in den mdaa. überwiegen anwendungen auf die verkehrte (linke) seite von kleidungsstücken u. a. gegenständen (landschaftlich [wmd.] auch ‘der sonne abgekehrt’) und auf menschliches verhalten (ungeschickt, linkisch), in der rechtssprache auf den schlag mit umgekehrter hand.ursprünglich nicht zu äbich gehören verwendungen wie äbsche (entzündliche) haut, z. b. im hess., die auf vermischung mit wmd./südwestnd. äbbig (u. ä.)entzündlich, eitrig(bair. äflig wund, eitrig, afel entzündung) beruhen; dazu Frings a. a. o. 1 räumlich, ‘umgewendet, rückwärtig, verkehrt’, bes. auch von der linken seite von kleidungsstücken und geweben: 9.jh. (2. reg. 2,23: percussit .. eum Abner) aversa apahemo (hasta) ahd. gl. 2,170,66 S./S. 10./11.jh. apahero diverso (.. itinere) ebd. 2,270,3. M14.jh. ob sî (kleider) ebich sint gekart Nicolaus v. Jeroschin kronike 4149 S. hs.u1430 einen schlag mit ebicher hant Lancelot 1,162 DTM. ⟨u1460⟩ do wendet sich dasselbe pild und chert sich umb .. an die aͤbichen seitten Hartlieb dialogus 174 DTM. 1557/9 seinen belz thet er ewich an Widmann hist. Peter Lewen 1204 Sch. hs.16.jh. wann ainer den andern mit äbichter hand schlecht öst. weist. 6,431. 1581 (ein grundstück) zuer ebichen (der sonne abgekehrten) seiten in: pfälz. wb. 1,73. 16./17.jh. streich jhm das saͤlblein mit beeden gaͤbichen henden auf in: Schmeller/F. bayer. wb. 1,863. 1615 schlug in ein mal mit flacher hand .. zum andren mall .. mit eppescher hand in: siebenb.-sächs. wb. 2,221a. 1640 (bildlich:) das stets die newlige (neuen adligen) der förder-adel (alte adel) zweckte./ das man sie ebicht vmb vff alle seiten nähm’,/ alß wenn jetzt ein pennal zur hohen schulen käm’ Scherffer grobianer 83. 1669 Grun fand sich .. mit einem gesangbuch, daran er das oberst unten wendete ... Beyfuß .. sagte .. jhr halt das buch verkehrt oder ebicht Wolgemuth haupt-pillen 22. 1714 das tischtuch ist äbicht aufgedeckt Köhler schles. kern-chr. (1710)2,719. 1750 die fäden auf der lincken oder äbichten seite (des tuches), Chomel, lex. 1,211. ⟨1774⟩ so hört man oft in Sachsen: geh, oder ich will dir mit der äbichten (hand) eins geben Lessing 16,87 L./M. 1884 abicht einer mauer .. back of a wall Eger technolog. wb. 2,8b. ⟨1886⟩ (der teufel) kehrt mer d’abige seiten zu und fahrt ab Anzengruber 34,61 B. adverbial, in präp. fügung, vgl. ahd. in abuh (ahd. wb. 1,22) 14.jh. so aine der andern ir milich wil nemen, .. so nymbt sy drey chroten auf ain melmülter ain (= am?) abichen, vnd traitz der chue für in: J. Grimm mythologie (1835)XLVIII. 15.jh. legt er die pfayten (rock) am ewichen an am morgen, so sol er den selbigen tag kein gelücke haben in: Schmeller /F. bayer. wb. 1,11. ebd. 1,863. 2 übertragen, verkehrt, böse, unpassend: ⟨790/802⟩ mvnd sinan fona vbileru edo abaheru (malo uel prauo) sprahhu haltan benediktinerregel 32 S. ⟨u830⟩hs.9.jh. men farlaten,/ auoh obarhugdi, odmodi niman Heliand (M) 4254 S. ⟨u1300⟩ wer sölte niht über die tumpheit schrîen,/ ob einer vür sperwer rœtelwîen/ koufte ..?/ der kêrte dem rehten ûz daz ebich/ und wêr noch tummer denne ein gouch! Hugo v. Trimberg renner 5468 LV; vgl. Freidank 221,22 G. ⟨n1400⟩ alle ding haben sich verkert: das hinder herfur, das voder hinhinder, .. das ebich an das recht Johann v. Saaz ackermann 32,7 H./J. 1567 sind der zeit des verfluchten eppigen interims (da die gelerten dem widerchrist begonten zu hofieren .. Milichius schrap teufel e 3a. 1647 es schicket sich .. nit .. vnd ist gebisch; wann ein gelehrter mann sich auff die leibsvbung begibt Balde Agathyrs 167. ⟨1660⟩ D.: pfuy weg mit dem stanck! .. A.: .. seed ock nich a su eppisch! e mensch ist das (des) andern wahrt Gryphius lustsp. 290 LV. ⟨1780⟩ wenn fremde leute in der kirche sind, und ihr .. alleweil gabisch antwortet, muß sich ja unser einer selbst schämen Bucher s. w. 6,438 K. subst., gedichtform, die nach versgrenzen statt nach satzgrenzen gelesen werden kann, wobei durch veränderten bezug der negationen gegenteiliger sinn entsteht (vexiergedicht) hs.15.jh. daz ist ein ebich oder loyca in dysem ton meisterlieder kolmarer hs. 51 LV. abgedruckt in: museum f. altdt. lit. u. kunst 2(1811)222 ff. H.

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Zitationshilfe
„äbich“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/%C3%A4bich>, abgerufen am 27.11.2020.

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