Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

ausschreien, vb.

Fundstelle: Band 3, Spalte 1384, Zeile 57 [Fröhlich]
AUSSCHREIEN vb.   mhd. ûzschrîen, -schrîn, mnd. ût- schrîen, vereinzelt schw. flektiert, entsprechend dem grundwort (s. 1DWB 9,1710 f.) häufig mit stammerweiterung g, r, w. die 3. pers. ind. prät. usschrei begegnet bis ins 16. jh. 1 etwas laut ausrufen. a etwas, jmdn. verkünden, etwas (mündl.) verbreiten auchwaren anpreisen’; häufig pejorativ ‘etwas anprangern etwas marktschreierisch oder verleumderisch an die öffentlichkeit bringen’, auch ‘jmdn. öffentlich bloßstellen, abkanzeln, verleumden(vgl. auch ausschreiben 2 b), ferner ‘jmdn., sich hinstellen, ausgeben als jmdn.⟨n1291⟩ sît ich und mîn töhterlin / die âventiure ûz hiezen / schrîgen Reinfried v. Braunschw. 2339 LV. ⟨1315/23⟩ ez geschach dar nach .., daz ein gemeine merfart uz geschriet wart Köditz hl. Ludwig 52 R. n1467 und all, die er begabt hett, die kamen für die tafeln gangen, und schriren auss wass jn der künig geben hett Tetzel Rǒzmital 156 LV. 1494 wollust der welt, die glychet sich / eym üppigen wib, die offentlich / sitzt vff der strasz vnd schrygt sich vsz / das yederman kum jnn jr husz Brant narrenschiff 53a Z. A16.jh. ok schall man den frommeden deinstknechten .. ihm merckedage dorgh de stadtknechte uthschryen lathen itliker syne were (ware) by sinem werde (wirt) lathen qu. verwaltungsgesch Quedlinb. 1,12 L. ⟨v1510⟩ du soltest vns nicht offenlich an der cantzlen außschryē Geiler euangelia (1517)181a. 1522 die hymell schreyen auß gottis klarheytt ..; was ist außschreyen .. anders, denn predigen und das euangelium außruffen Luther w. 10,1,1,526 W. 1525 unser erlöser Christus Jesus ist vom vatter vom himmel härab ußgeschruwen, daß er der waar heiland ist Zwingli 4,422 E./F. 1531 es was einer mit nam̄en Arnutius, ein angnem̄er mensch vnder den so die feylen ding außschrauwen Hedio Josephus 1,349a. 1582 du schreist mich freilich aus vorn leuten, / verunglimpffest mich zu allen seiten Hayneccius Pfriem 46 HND. ⟨1657⟩ es finden sich sehr viel, .. die das edle studenten-leben für ein leichtes, liederliches und wüstes leben ausschreyen Schoch studenten-leben (1668)6. ⟨v1678⟩ vorsichtige weisheit wird kleinmütigkeit und nichtswürdigkeit ausgeschrien Butschky rosen-thal (1679)1046. 1766 ich bin niemals ein feind des andern geschlechts gewesen, wie ich ausgeschrieen werde Winckelmann br. 3,156 R. ⟨1836⟩ zügel, räder, wagen schreien in grellrother farbe die würde des besitzers aus Gaudy 20,49 M. 1844 einen widerlichen, geistlosen scharlatan und beispiellosen unsinnschmierer, Hegel, konnte man .. als den größten philosophen aller zeiten ausschreien Schopenhauer 3,75 H. 1929 immer noch besser als das, was zur zeit als lyrik ausgeschrien wird – wer will denn das lesen! Tucholsky 3,100 G.-T./R. 1962 keine trauung, keine ehe! darauf hat er dokumentarisch zu verzichten, oder ich schreie seine herkunft aus Marg Demetrius 2,588. 1966 auf den steinplatten .. schrien verkäufer ihre waren aus Renn zu fuß 101. 1998 Joschka Fischer wurde als „Judas“ ausgeschrien zeit (2.7.)24. früh vereinzelt ‘jmdn. verbannen, ausweisen 1293 ob aber der schade beschehe von dē der vnpfantber were, den súlen wir offenlichen vs schriien von vnserre stat corp. altdt. originalurk. 3,15 W. ⟨1297/1303⟩ und riht er (der zum bußgeld verurteilte) sich .. nuͥt, so haisset in us srigen der schulthaisse, und swer in daruͥber huͥset und hofet, der muͦs unserm herren geben druͥ pfunt für die freveli, daz er ennen behalten hat, der da us gesruͥwen ist urkb. Zürich 7(1908)2. b verbum dicendi etwas (erregt, unartikuliert) mit sehr lauter stimme äußern meist mit direkter oder indirekter rede, innerem objekt oder ellipt.: ⟨u1300⟩ und er durch jamers gebot / durch helfe er uz schriete, / daz man in da von (aus der hölle) vriete väterb. 4411 DTM. 1350 do vzschrai Ihesus mit grozzer sprechenter stimme. heloy heloy lamazabactany (Mark. 15,34), augsb. bibelhs 120,5 D. 1499 das ist ouch ein vrsach mit grossem vßschryen von schmertzen Terentius R 2a (kommentar). 1521 do er mittē im tot gelegen, hat er wol sechß hund’t mal auszgeschrien. ‘o mein gelt ..’ Hutten 4,152 B. 1673 biß alle über laut außgeschriehen, sie wären, und wolten gleichfals christen werden Weingarten fürsten-spiegel 2,35. 1778 sie schrie nicht aus: sie seufzte nur ein sanftes ach! Hippel lebensläufe 1,222. ⟨1811⟩ laut schrie er den bergmannsruf aus: glückauf! glückauf! Brentano 11,192 Sch. ⟨1909⟩ „was machen sie da ..?“ schrie ich aus und rannte wie besessen zur bureautüre hinaus R. Walser J. v. Gunten (1950)143. 1990 ihnen eigen ist der völlige verzicht auf sprache, bei den „konzerten“ werden gutturale laute ausgeschrien tagesztg. (4.8.), DWDS-arch. 2000 jener schrei, den unaufhörlich die erde ausschreit und den du für das geräusch des regens sonst halten magst frankf. allg. ztg., DWDS-arch. idiomat. (sich) die seele, kehle u. ä. ausschreien ‘mit aller kraft schreien, schreien, bis man nicht mehr kann ⟨v1660⟩ die seele, daß ich heiser bin, / hab’ ich vor heulen außgeschrien Czepko geistl. schr. 192 M. ⟨1743⟩ daß man sie die muthwillige kehle ausschreyen läßt belustigungen d. verstandes 1(1744)442 Sch. 1848 so laßt sie ihre kehlen ausschreien, bis sie’s müde sind Alexis hosen (1846)2,3,3. ⟨1906⟩ manche tage is er so taub, daß man sich rein de galle mit ihm ausschreien kann! Hermann Gebert (1954)141. 1999 sich die kahle ausschrei sehr laut und sehr lange schreien, thür. wb. 1,456. 2 zu ende, bis zum abklingen der erregung, bis zur erschöpfung schreien, auch refl.sich durch ausgiebiges schreien emotional erleichtern’, zuerst mit akk.: ⟨1548⟩ wer sich auffs singen soll begeben, / der muß nit all zu hoch anheben, / das ers auch kan zum end außschreien Waldis Esopus 1,376 K. ⟨1787⟩ er (Laokoon) hat ausgeschrien, und ist im begriffe, wieder athem zu hohlen Heinse 4,251 Sch. 1843 obgleich es mich erleichtert haben würde, mich auszuschreien Hebbel III 2,320 W. 1865 ich .. mußte jemand haben, gegen den ich mich ausschreien, dem ich nötigenfalls eine faust unter die nase halten durfte! Raabe 9,1,342 H. ⟨1946⟩ der kerl auf der straße war ohne stimme, er war ausgeschrien Plievier Stalingrad (1973) 111. ⟨1958⟩ kaum daß sich die sirene ausgeschrien hatte, zitterten die dünnen wände der baracken im lärm des kampfes Apitz nackt (1960)515. 1999 mer muß’n loß ausschreie, noochen ward e allene widder stille thür. wb. 1,456. part.adj. ausgeschrie(e)n (von [gesangs]stimmen) zuerst i. s. v. ‘geschult’, später ‘ausgesungen, verbraucht 1774 ausschreyen .. durch schreyen vollkommener machen. seine stimme ausschreyen Adelung wb. 1,573. ⟨1776⟩ da seine töchter mit den noch nicht ausgeschrieenen singstimmen mehr kreischend als singend uns die ohren zerschnitten Lenz in: stürmer u. dränger 2,183 DNL. 1924 als der gemeinderufer am tor mit der alten trommel und ausgeschrienen stimme begann Gagern volk 362. 1964 eine völlig ausgeschriene, unsagbar derbe, alte soubrette Erpenbeck vorhang 95.

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Zitationshilfe
„ausschreien“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/ausschreien>, abgerufen am 04.12.2020.

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