Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

aussingen, vb.

Fundstelle: Band 3, Spalte 1447, Zeile 13 [Schmitt]
AUSSINGEN vb.   mhd. ûzsingen, mnd. ûtsingen. 1 mit dem singen zum ende kommen, aufhören, fertig sein; etwas bis zum schluß, vollständig singen: ⟨1315/23⟩ der kor unde der covent sang den vers vollen uz Köditz hl. Ludwig 51 R. 1362 up densulvigen sondagh schullen unse broedere gerne gemeinlichen in der kerken sin, wanne dar uthgesungen (‘die messe zu ende) ist urkb. Hildesh. 2,118 D. 1536 bis daß des kaisers canterei das te deum laudamus haben ausgesungen Sender in: (Augsb.) chr. dt. städte 23,139. ⟨1543⟩ ‘pax in terra.’ .. sind kurtz wort, sed so gros lied, das nemo kan aussingen et in jenem leben erst recht singen (nachschr.) Luther w. 49,288 W. dr.16 wolan, das lied ist gsungen auß, / nun wölln wir gehn ins wirtes hauß fastnachtsp., nachlese 46 LV. ⟨v1605⟩ so man außgesungen hat, fengt Goffray an vnd sagt: .. Ayrer d. ä. 3,1712. u1640 nach vollender predig war das ampt loblich usgesungen Ernstin chr. Bickenkloster 92 LV. ⟨1781⟩ schnell wird ein dichter alt, dann hat er ausgesungen! Kästner sinnged. (1782)27. 1787 wären mir zehn schlünd’ und eine stimme / von erz verliehn, doch säng’ ich sie nicht aus, / die wirkungen von unsrer helden grimme Alxinger Doolin 348. 1788 Clärchen singt das lied allein aus (regieanweisung) Goethe I 8,194 W. 1812 kywitt, kywitt! ach wat een schön vagel bin ick! un as he dat utsungen hadd, da ded he de flünk van eenanner Grimm kinder- u. hausmärchen (1948)1,141 P. 1833 (er) setzte sich ans klavier und sang das ganze liederbüchelchen aus Börne 5,591 R. 1876 wann also wird das lied von der guten alten zeit ausgesungen sein? – wahrscheinlich nie b. d. erfindungen 71,132. 1925 die motoren hatten ausgesungen Barthel puppe 116. 1930 und wenn sie dann ausgesprochen haben, ausgesungen, ausgeredet – dann rauscht es noch ein wenig im apparat (dem grammophon) Tucholsky 3,606 G.- T./R. einen text im gesang deutlich artikulieren: 1571 weil mans am athem nicht wol haben kan, mehr syllaben auff einmahl auß zu singen, so auch ein zierliche blum im reimen sol gehoͤrt werden Puschman meistergesang 9 HND. 1957 bis zur letzten silbe ausgesungen klang es (das tantum ergo) über die Westland Row aus der Sankt-Andreas-kirche gegenüber Böll ir. tgb. 20. 2 mit einem singenden ton hervortreten (lassen), von leibesgeräuschen: 15.jh. das all pös lüft, die in im sein, / die müßen von im unden außsingen, / das sich die seu werden ümb in dringen fastnachtsp. 2,752 LV. 1502 eructare auff rüspen, aus singen in: Diefenbach n. gl. 156a. 3 jmdn. (mit einem lied) verunglimpfen, verspotten, necken: 1525 in sunderheit der (gegner) so mich offenlich ußgesungen und geschrüwen hatt mit grossem wuͤten und unbescheidenheit, ich sye ein kätzer Zwingli 4,322 E./F. 1934 farbige scharen geputzter mädchen, die von hinter ihnen herjuchzenden burschen geneckt und ausgesungen wurden Dörfler notwender 219. 1999 aussingen .. jmd. mit gesang .. ausspotten, thür. wb. 1,465. 4 um einen preis in einem gesangswettbewerb kämpfen: 1578 der zechkrantz ist üns pul[t] gevalen, der gleicher hat keiner ausgesungen nürnb. meistersinger-protokolle 1,13 LV. ⟨1828⟩ (nachtigall:) gar kein zweifel! sie (anrede) sind der preis, der ausg’sungen wird Raimund 285 C. 5 etwas als gesang vortragen etwas, gefühle im gesang äußern, darstellen, gestalten, sich, die seele, das herz im gesang verströmen: 1702 absingen, aussingen .. snervarsi, consumarsi cantando. der vogel singt sich ganz ab Kramer dict. 2,814c. ⟨1773⟩ aufdass er aussing’ allen gesang, den du / ihm eingehaucht hast Voss s. ged. (1802) 3,77. ⟨u1830⟩ der spielmann war gekommen, / der jeden lenz singt aus Eichendorff s. w. [1908]1,1,306 K. ⟨1836⟩ in ganz verschiedenen traumgestalten sich aussingen und dichten Tieck (1828)28,246. ⟨1836⟩ auszujubeln, auszusingen, / was das stille herz nur weiß Arndt 4,248 R./M. 1846 denn eh’ sie mit der wellen braus / erreicht am strom das erste haus, / sang sie ihre seele aus, / die dame von Shalott Freiligrath 2,438 Z. 1852 und singt dort eure märchen aus Mörike 21,243 M. 1863 warum sollte daher nicht auch der tondichter eben so fort und fort seine seele aussingen wollen schulbl. Brand. 28,205. ⟨1874⟩ in der aussicht .., wenigstens .. in gemeinschaft mit uns ihr herz aussingen zu können Keller (1894)5,303. 1912 so schön .. waren die zwei oder drei lyrischen individuen, die ihre eigenheit vor uns aussangen Borchardt reden 112 B. 1921 das ganze menschheitsepos, die summe der gefühle .., sie werden in dem organischen aufbau der sinfonien .. angeschlagen und ausgesungen Moszkowski gottheiten 59. 1965 wenn andere kinder sich ausspielen, die Thomaner konnten sich von herzen aussingen wochenpost 14,25b. – auch intrans.: ⟨1839⟩ so schön aussingende stellen, wie gleich die erste cantilene Schumann (1891)2,157. 2004 das langsame tempo erlaubte es Fisch, die holzbläser im maggiore-teil wunderbar aussingen zu lassen n. zürch. ztg. (10.6.)33a. 6 etwas, die stimme, sich durch zu häufiges singen ruinieren, vor allem von sängern ausgesungen ‘nicht mehr auf der höhe der stimmlichen möglichkeiten 1719 er ist schon gar zu alt, und hat wie ein ausgesungener finck ausgelernet Ettner maul-affe 992. 1841 die Persiani ist ausgesungen; trotzdem aber hat sie noch sehr schöne töne Cornelius lit. w. 1,15 C. ⟨1843⟩ eine weibliche stimme, die etwas ausgesungen schien Ludwig 2,410 S./Sch. ⟨1844⟩ dick bist du auch, (Heine) – und habest dich ausgesungen und ausgepsaltert Bauernfeld ausgew. w. 1,40 H. 1846 frln. Marx und herr Krause können nicht gelten, die erste wegen ihrer ausgesungenen stimme Dronke Berl. 2,276. 1853 damit werden sie (anrede) alle andern aus dem felde schlagen, die ewig in der alten ausgesungenen weise fortdudeln Müllenhoff brw. 24 P. 1853 ein altes ausgesungenes und verfallenes mensch ist noch nichts poetisches ebd. 18. ⟨1853⟩ die ausgesungene höfische und ritterliche poesie Riehl land (1861)5. 1919 nur dem steifen und ausgesungenen Braham, dem londoner Hüon, war nicht mehr viel abzugewinnen Pfordten Weber 74. ⟨1951⟩ von einer sängerin / mit ausgesungenem sopran Benn 3,261 W. 7 bei der aussegnung eines toten einen choral singen; unsicherer erstbeleg: 1380 in: Fischer schwäb. wb. (1904)1,521. 1734 aussingen, eine leiche funus cantando ducere; funeris pompœ prœcinere J. A. Weber wb. 2,94b. 1910 es wird die leiche entweder in der wohnung oder vor der kantorei ausgesungen in: Ziesemer preuß. wb. (1939)1,333b. 1935 am sarg sang der lehrer mit den schulkindern einen choral und sprach dann ein vaterunser; das hieß u(tsingen) Mensing schlesw.-holst. wb. 5,289. 8 seemannssprl. ‘befehle, meldungen ausrufen 1807 aussingen .. in der schifffahrt, auf kleinen handelsschiffen, die beim aufhissen, stellen und wenden der segel ec. nöthigen befehle ertheilen, was vom bootsmanne geschieht Campe wb. 1,339a. 1886/7 daß er vergaß, um 1⁄2 3 uhr seinen posten auszusingen in: Kluge seemannsspr. (1911)48. 1932 die unteroffiziere singen wie immer befehle aus Plievier kaiser 117. 1986 Hendrik .. sang aus: „zehneinhalb! zehn ...“ in: Duden, wb. dt. spr. (1999)1,416b.

Im ²DWB stöbern

a b c d e f
ausschlachten
Zitationshilfe
„aussingen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/aussingen>, abgerufen am 25.11.2020.

Weitere Informationen …


Weitere Informationen zum Deutschen Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)