Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (²DWB)

ausstechen, vb.

Fundstelle: Band 3, Spalte 1493, Zeile 38 [Grimm]
AUSSTECHEN vb.   mhd. ûzstechen, mnd. ûtstēken, vgl. as. ūtstekan. 1 etwas durch einen stich vernichten, entfernen. a etwas mittels eines (spitzen) werkzeugs zerstören, entfernen, öffnen, auch bildl.: 10.jh. (oculum pro oculo: scilicet) eice utstik (zu Matth. 5,38), as. sprachdenkm. 47,4 W. ⟨u1085⟩ daz Ulixes mit spiezin wol gerach, dur slafinde imi (dem kyklopen) sin ouge uzstach annolied 22,10 M. ⟨u1147⟩ er hiez si binden mit snuoren, / an das velt vuoren, / des chuniges zorn rechen: / den ainleffen diu ougen ûz stechen kaiserchr. 15907 MGH. ⟨1289⟩ waer dat een man den andren ene hant of voet af slaet of oghe vt steket corp. altdt. originalurk. 2,385 W. hs.A14.jh. herre kunic, ir sult ewer wort niht brechen, / heizet mir ein ouge ouz stechen kl. mhd. erz. III 71,36 DTM. 15.jh. er traf in zu dem visiere în an sînen helm, daʒ er ime den helm ûʒ stach in: Lexer mhd. hdwb. 2,2032. 1512 das übrig brennt er (der kriegsmann) alles ab / vnd bringt arm lüt an bettelstab; / den wyn sufft er in allem huß / vnd sticht dem faß den boden vß Murner 2,184 Sch. ⟨1538⟩ wan man den kindern die blattern seuberlich aussticht, so krigen sie nicht gruben Luther tischreden 3,699 W. ⟨1574⟩ wer auch einen tham oder teich aus sticht, oder auslesset, den leuten zu schaden mit muthwillen Pölman handtb. (1576) R 2b. 1699 hätte kayser Otto der Dritte nicht lassen dreyen seiner vornehmsten cavalliren die augen ausstechen Abraham a s. Clara etwas 1,15. 1715 der marggraf .. stach die teiche aus, steckte die wälder an Gregorii schauplatz 1,256. ⟨1793⟩ der baron hat euch augen und verstand ausgestochen Hippel (1827)8,62. ⟨1887⟩ mir stach sein blick fast das auge aus Rosegger ges. w. 30(1922)107. 1999 seine augen waren ausgestochen frankf. rundschau, DWDS-arch. etwas austrinken, leeren, wohl zurückzuführen auf das öffnen, anstechen eines fasses oder einer flasche bzw. auf die entnahme durch einen weinheber: 1629 ein helles cristallin (glas) darauß ihm wann er trinckt / deß Bachus schöner glantz biß in die augen blinckt. / er siehet frölich zu, wird eines außgestochen Opitz op. [1689]1,62. 1737 indessen will ich dir versprechen, / mit einem und dem andern gast / manch grosses wein-glas auszustechen Henrici ged. (1727)4,429. 1838 und eh’ wir ans werk schreiten, noch geschwind ein paar bouteillen mosler ausg’stochen! Nestroy 6,542 B./R. ⟨1901⟩ ich muß mit dir heute eine flasche wein ausstechen Rosegger ges. w. 6(1914) 212. im eishockey, die scheibe durch einen schnellen schlag vom gegnerischen schläger trennen: 1980 die scheibe (ausstechen) Brockhaus/W. wb. 1,460b. b übertr., jmdn., etwas übertreffen, überragen, aus dem rennen werfen, in den schatten stellen (wohl herzuleiten vom aus-dem-sattel-stechen im mittelalterlichen turnier): ⟨1583⟩ ist es seltzam auf dem bergwerck hergegangen vmb der verenderung vnd verwirrung willen der ambtspersonen; denn wer den andern hat können hinder kommen vnd ausstechen, der ist fürgezogen worden vnd meister gewest Hake bergchr. 54 D. ⟨v1699⟩ so geht es auf der erden: / der eine sticht den andern aus, / wie in der karte kan das taus / vom trumpf gestochen werden Canitz ged. (1765)369. 1772 ein glücklicher ausdruck .. sticht einen ganzen band der richtigsten kritick aus Hamann 4,375 N. 1803 das liebe unschuldige gesichtchen .., das an der seite des doktors alle andere ausstach Thümmel reise (1791)9,227. ⟨1937⟩ der schönste mann des abends war professor Otto ... er stach als erscheinung .. sogar meinen professor Haertel in Breslau aus G. Hauptmann ausgew prosa 3,510 M. 1965 daß einer den anderen (kollegen) ausstechen und sich an seine stelle schieben will berl. ztg. (31.10.)6. 2005 Christian Wijnants stach mit seiner femininen .. kollektion renommierte konkurrenten wie Undercover .. aus n. zürch. ztg. (28.11.)6c. 2 etwas (als zeichen) stechend befestigen, (hin)ausstecken: ⟨1187/9⟩ si besatten dar inne / here turne ende here tinnen, / here dac si ave braken, / here vanen si ut staken Heinrich v. Veldecke Eneide 6344 DTM. 1443 dat nu .. geyn burger .. geynen vullewijn zappen en soelen dan mit eyme zeichen, also zo verstain mit eyme meye off mit eyme schouve uysszostechen off vur der dur zo haven akten gesch. verf. Köln 2,304 S. 1568 man hat (dem toten) her Fridrich eirst vorgetragen 20 tortitzschen (‘fackeln’), die auch uisgestechen waren gewest mit den wapen und schilden Weinsberg denkw. 2,189 H. hs.1604 dass ein vnderthan macht habe, sein äigen wachstumb binnent dem bezirck zu verzapffen, ohne vngelt; wan aber vor st. Martins tagh einen wusch (‘ausschankzeichen’) aussstechen wurde, von dem wusch ein raderheller zu geben schuldig weist. 2,285 G. 3 etwas mittels eines werkzeugs herausholen. a etwas mittels eines scharfkantigen werkzeugs ausgraben, herauslösen, abtrennen gewinnen, auch mit objektwechsel: 1402 de dyk (‘teich’), .. alse se den nu erst vtsteken laten lüb. urkb. I 5,40. ⟨n1474⟩ (Maria Magdalena) stach vnd grup die erde vndir deme crucze vß Hans v. Waltheym 33 W. 1573 (die nordländer) stechen darnach viereckete wasen (‘rasenstücke’) auß vnd .. besaͤhen sie mit habern oder gersten (auf den dächern) Fronsperger kriegßb. (1566)3,146a. 1663 aber ehe er kommen, hab ich ihn (den zahn) schon mit der großen schehr herauß gewürckt, daß mihr die augen über gangen. ist schon der zweite verdorbene, so ich außgestochen Karl L. v. d. Pfalz schreiben 121 LV. 1669 hier war ein morastiger orth .., den hab ich außstechen und zu fischteichen machen .. lassen Praetorius glückstopf 92. 1722 daß sie von einem der gantzen commun zu gehörigen orte erde ausstechen J. G. Schmidt rocken-philos. 5/6,306. 1753 die werke des menschlichen witzes, oder übermuths .., pyramiden, labyrinthe, ausgestochene seen Wieland I 3,365 ak. ⟨v1787⟩ sie schälte prunellen, stach borsteräpfel aus, und reihete sie auf fäden, um sie bey linder wärme zu trocknen Musäus kinderklapper (1788)79. 1801 (bildl.:) der herr .. eröffnete mir, daß ein anderer .. das Fichtelgebirge, das ich bereisen und beschreiben wollen, schon .. abgeschildert .. habe. .. vielleicht sticht mir das schicksal irgend einen andern berg zum postament und Pindus meiner feder aus Jean Paul I 5,243 ak. 1812 der mann .. stieg eines abends über die hohe mauer und stach in aller eile eine hand voll rapunzeln aus Grimm kinder- u. hausmärchen (1948)1,33 P. 1847 sticht man den torf mittelst gewöhnlicher grabscheite in form von dicken ziegeln aus Knapp chem. technol. 1,12. 1874 unter Yü, dem stifter der ersten dynastie werden bereits canäle ausgestochen Peschel völkerkde. 390. 1930 später wurde sie (die pflanzung) auch bei den nadelhölzern durch versetzen junger pflanzen mit ihren ausgestochenen wurzelballen eingeführt Dengler waldbau 406. 1965 erst (die pellkartoffeln) mit der bürste sauber schrubben, dann alle schwarzen stellen ausstechen, danach dämpfen wochenpost 6,30a. 2000 da (beim plätzchenbacken) wird ausgerollt und ausgestochen, da wandern die backbleche gleich serienweise in den heißen ofen tagesspiegel (17.12.) W 2a. b im kunsthandwerk vertiefungen auf einer fläche anbringen, etwas, ein motiv (in metall) einarbeiten, eingravieren, einritzen: 1444 ein vergulten verdeckten außgestochen pecher (Nürnb.) chr. dt. städte 3,399. 1531 aber der viert teil (des gebäudes) was mit eingrabner arbeit auffs zierlichest außgestochen, das ein wunderbarliche kunst dem anschauwenden sich erzeigte. daselbst waren allerley baͤum vnd oͤpffel eingegraben Hedio Josephus 1,145a. 1613 (eine) taffel, daran außgestochen, wie Carolus V imperator et Ferdinandus rex Hungariæ so miteinander uneinß gewesen, ungefehr zusamen gestoßen gesandtschafts-reise Aschhausen 49 LV. v1616 schickten jfg. .. zum steinschneider und lassen mir mein wappen in kupfer ausstechen und siegeln Schweinichen denkw. 116 Oe. 1730 ein höltzernes damen-breth mit sehr künstlich ausgestochener arbeit Küchelbecker röm.-käyserl. hof 856. 1795 die haare werden größtentheils mit einer einfachen schraffirung ausgedrukt, die der grabstichel bey einem stärkern schatten breiter aussticht Gütle kupfer stechen 1,197. 1821 zwanzig holzschnitte, von denen nicht zu zweifeln ist, dass er selbst die zeichnung auf die holzplatten gemacht, und sie alle von einem und ebendemselben formschneider hat ausstechen lassen Bartsch kupferstichkde. 1,262. 1919 der grubenschmelz, bei welchem die mit schmelzfarbe zu füllenden flächen aus dem grunde, der nunmehr kupfer ist, ausgestochen wurden Dehio kunst 1,364. 4 etwas, eine waffe, ein stechwerkzeug durch etwas, jmdn. hindurch, nach außen stechen, zuerstbesticken⟨1530⟩ wöllen wir, daß sie keynerley goldt, silber, perlin oder seiden, außgestickte krägen an hembdern, sie seien mit goldt oder seiden außgestochen auch keyn brostduͦch .. an vnd aufftragen hl. röm. reichs ordn. (1539)172a. 1561 het ich dich, die schmach wolt ich rechen, / mein schwerd durch dein leib außstechen Sachs 12,167 LV. ⟨v1601⟩ Atrides auff jhn rennt mit grauß, / vnd stach jhm durch die schulter auß / das hertz mit seinem spieß durch trib, / Scamandrius gleich todt belib Spreng ilias (1610) 52b. ⟨v1605⟩ dort kommt das gottloß weib herbey. / an der wol wir vns jetzund rechen / vnd das rappier durch sie außstechen Ayrer d. ä. 2,1319 LV. 1860 mien jung kann all ut- stȩken die nadel von innen zu dem dachdecker hinausstecken (beim decken eines reetdachs), in: Mensing schlesw.-holst. wb. 5,897. 1865 gewaschne spitzen, kanten a(usstechen) .. durchs(techen)d aufarbeiten Sanders wb. 2,2,1189b. 1899 beim einsägen erhalten die bücher verschiedene bünde, und zwar die „heftbünde“, die „fitzbünde“ und den „leimbund“. die heftbünde dienen zur aufnahme der schnüre, die fitzbünde zum aus- und einstechen der nadel Bauer buchbinderei 62. seemänn.: 1918 man kann den anker außer zu vertäuzwecken auch zum schweben verwenden. der anker wird etwas ausgestochen (‘ausgeworfen) und gleichzeitig dem boote durch fluten ein geringer untertrieb gegeben Arvay seemannswesen 391. 5 intrans., von spitzen gegenständen, aus etwas herausdringen spitz hervorstehen, auch bildl.: 1520 iederman ist vol der fraß stichet inen zuͦ der nassen auß Pauli narrenschiff 195b. 1560 des wurd die geiß elend und mager, / .. das gepein durch ir hawt außstach Sachs 9,277 LV. ⟨1579⟩ die spitzen stechen an allen orten auß, wie eyn haspel in eym sack Fischart binenkorb (1588)90b. – auch: 1772 Molier wuste seinen hauptkarakter weit besser ausstechend zu machen als V(oltaire), frankf. gel. anzeigen 2,451. 6 part.adj. ausgestochen vollkommen in seiner art, klug, auchdurchtrieben, verschlagen’, wohl zu 3 b: 1531 dann ob gleich vil waars darinnen (in den apokryphen) funden wirdt, so sind doch nit alle ding so außgest(ochen) und lauter als in den vorgemälten (nicht apokryphen büchern), in: schweiz. id. 10,1265. 1561 listiger außgestochner mensch Maaler t. spr. 274a. 1616 noch andere weltkinder hat Machiauellus abgericht vnd hinderlassen, welche dermassen außgestochen, verrieben vnd verschraufft seynd, daß sie die larfen jmmerdar vnd stets vorm gesicht tragen Albertinus Lucifer 294 DNL. 1669 und konte der general auditor nicht wissen, ob er einen narrn oder außgestochenen bößwicht vor sich hatte, weil frag und antwort so artlich fiele Grimmelshausen Simplicissimus 175 Sch. ⟨1765⟩ ein seemann, stark von knochen, / .. plump von manier, und gar nicht ausgestochen Wieland (1794)10,219. 1772/5 ein ausgestochener galgenvogel Lichtenberg aphorismen 2,218 DLD. 1878 das ist e(in)e gar feine, e(in)e v. den ausgestochenen gartenlaube in: Sanders erg.-wb. (1885)511b.

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Zitationshilfe
„ausstechen“, in: Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm, Neubearbeitung (1965–2018), digitalisierte Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/dwb2/ausstechen>, abgerufen am 27.11.2020.

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